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ISCHE JAHRBÜCHER
HERAUSGEGEBEN
VON DER
K. K. GESELLSCHAFT DER ÄRZTE
REDI&IRT
voK
PROF. E. ALBERT und PROF. E. LUDWIG.
JAHRGANG 1883.
MIT 20 LITHOGRAPHIRTEN TAFELN UND II HOLZSCHNITTEN.
WIEN 1882.
WILHELM BRAUMÜLLER
K. K. HOF- UKD UNIVERSITÄT! -BUCHHÄNDLER.
Inhalt.
u
Seite
I. Therapeutische Erfahrungen, grösstenteils gewonnen auf der Ab-
theilung für Hautkrankheiten und Syphilis in der Krankenanstalt
„Rudolfstiftung". Von Prof. Dr. G. Wertheim, k. k. Primararzt
daselbst 1
II. Ueber corticale Epilepsie. Von Dr. N. Weiss, Docent für interne
Medizin an der Wiener Universität. (Hiezu Taf. I) 13
DI. Ueber hyaline Metamorphose des Miliartuberkels. Von Dr. W. T.
Councilman aus Baltimore. (Hiezu Taf. II u. IH) 51
IV. Zur Lehre von den Acardiacis. Von Dr. Carl Breus, Assistent an
der geburtshilflichen Klinik des Prof. G. Braun in Wien. (Hiezu
. Taf. IV u. V) 57
V. Ueber die Theorien der Farbenwahrnehmung. Nach einem in der
k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien gehaltenen Vortrage von
Prof. E. v. Pleischl 73
VI. Localzeichen und Organgefühle. Von Prof. E. v. Fleischl, Assi-
stent am Wiener physiolog. Institute 91
VII. Ueber Beckenfracturen. Fxperimentelle Untersuchung von W. Kus-
min, Privat-Docent für Chirurgie in Moskau. (Hiezu Taf. VI u. VII) 105
VIH. Ueber Priapismus und Cavernitis. Von Prof. Dr. I. Neumann.
(Hiezu Taf. VHI) 143
IX. Ueber die histologischen Veränderungen der Haut bei Morbillen
und Scarlatina. Von Prof. Dr. I. Neu mann 159
X. Stenose des Kehlkopfes und der Luftröhre bei Rhinosklerom. Von
Dr. 0. Chiari, emer. klin. Assistent u. Docent. (Hiezu Taf. IX) . 169
XI. Beiträge zur Histiologie der Hornhaut. Von Dr. Johannes Hoene,
kais. russ. Regimentsarzte aus Plotzk (russ. Polen). (Mit 4 zinko-
graphischen Abbildungen) 185
XH. Ueber die Aenderungen, welche der Blutdruck des Menschen in ver-
schiedenen Körperlagen erfährt. Von Dr. Sigismund Friedmann 197
XIU. Ueber die pathologisch- anatomischen Bedingungen des urämischen
Symptomen-Complexes bei Nephritiden. Von Dr. Jar. Hlava, Assi-
stenten der path. Anatomie in Prag und Dr. Jos. Thomayer,
Assistenten der I. med. Klinik (Prof. Eiselt) in Prag 313
XIV. Untersuchungen über das Kniephänomen. Von Dr. A. Jarischund
Dr. E. Schiff. (Hiezu Taf. X und % Holzschnitte) *61
IV Inhalt.
Seite
XV. Ueber den Mastdarmbruch. Von Doc. Dr. Jos. Englisch, Primar-
arzt an der „Rudolfstiftung" in Wien 309
XVI. Experimentelle Untersuchungen über die Leitungsbahnen im Rük-
kenmarke des Hundes. Von Dr. Wasil Kusmin, Privatdocenten
für Chirurgie an der kais. Universität in Moskau 355
XVII. Ueber einige Verhältnisse der Wärme am fiebernden Thiere. Von
Prof. E. Albert in Wien 367
XVIII. Zwei Fälle von Kleinhirntumor. Von Prof. Dr. Chvostek, k. k.
Stabsarzt in Wien 381
XIX. Ueber das Adenom der Leber. Von Robert W. Greenish, F. R.
C. S. aus London, (ffiezu Taf. XI) 411
XX. Neue Untersuchungen über den Respirations - Gasaustausch im
fieberhaften Zustande des Menschen. Von Prof. Dr. G.Wert heim,
Primararzt an der Krankenanstalt „Rudolf Stiftung" in Wien . 421
XXI. Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. Von Prof. M.
Rosenthal in Wien 449
XXII. Fibrom des Siebbeines mit „pneumatischen Räumen". Von Docent
Dr. Ottokar Chiari in Wien, (ffiezu Taf. XII) 481
XXIII. Zur Mechanik des unteren Sprunggelenkes des Menschen. Von
Prof. E. Albert in Wien (Hiezu Taf. XX) ... ' 493
XXIV. Ueber eine angeborene Coalition des Os lunatum und Os trique-
trum carpi. Von Dr. M. Ho 11, Suppl. d. Anatomie in Innsbruck 499
XXV. Zur Lehre über die Transposition der aus dem Herzen tretenden
arteriellen Gefässstämme. Von Dr. M. Holl, Supplent der Ana-
tomie in Innsbruck. (Hiezu 4 Holzschnitte u. Taf. XIH Fig. 1) 503
XXVI. Beitrag zu den Abnormitäten der arteriellen Gefässe. Von Dr. M.
Holl, Suppl. d. Anatomie in Innsbruck. (Hiezu Taf. XIII Fig. 2) 513
XXVII. Untersuchungen über das elektrische Leitungsvermögen der mensch-
lichen Haut. Ausgeführt in dem Institute für allgem. u. experim.
Pathologie in Wien von Dr. Gustav Gärtner, Secundararzt im
k. k. allgem. Krankenhause 519
XXVin. Ueber die Rotationsbewegungen im Kniegelenke. Von Dr. Cajet.
Freih. v. Ho roch, Operationszögling an der Klinik Prof. Albert 551
XXIX. Mikroskopische Untersuchung der secundären Degeneration des
Rückenmarkes. Von W. Kusmin, Privat-Docent für Chirurgie in
Moskau. Aus dem Institute für experiment. Pathologie in Wien.
(Hiezu Taf. XIV) 591
XXX. Xeroderma pigmentosum von Prof. M. Kaposi. (Hiezu Taf.
XV, XVI, XVH, XVHI, XIX) 619
XXXI. Ueber die Wirkung einiger Arzneien auf den Hämoglobingehalt
des Blutes. Von Dr. Ignaz Fenoglio 635
*o*
I.
Therapeutische Mahrungen
grösstenteils gewonnen auf der Abtheilung für Hautkrankheiten
und Syphilis in der Krankenanstalt „Rudolfstiftung"
von
Prof. Dr. G. Wertheim
k. k. Primararzt daselbst.
(Am 11. December 1881 von der Bedaction übernommen.)
I. Ueber Behandlung von Hohlgeschwüren bei infectiösen
Krankheiten der Geschlechtstheile.
(Zugleich eine Mittheilung von bisher gewonnenen Erfahrungen über Jodo-
formwirkung auf diesem Gebiete.)
Zu den ungünstigsten Zufallen, die im Verlaufe von Geschwü-
ren eintreten können, gehört die Umwandlung von offenen Geschwü-
ren in Hohlgeschwüre. Hat der Arzt solche infectiöser Natur (das
Wort im geschlechtlichen Sinne genommen) vor sich, so hat er vor
Allem die Frage an sich zu richten: Welcher Art ist die Infection,
welcher das vorliegende Geschwür entstammt? Hier sind drei Fälle
möglich. Es kann entstanden sein aus:
Tripper;
aus weichem (und weich bleibendem) Schanker;
aus sofort hartem (oder erst weichem und dann hart gewor-
denem) Schanker.
Die vorstehende Eintheilung, die ich in Theorie und Praxis
seit lange in Anwendung bringe xund der ich in" der „Analytischen
Diagnostik der Krankheiten im Gebiete der Dermatologie und
Syphilidologie" *), die ich vor kurzem publicirt habe, zum ersten
*) Analytische Diagnostik der Krankheiten im Gebiete der Den?
Med. Jahrbücher. 1882. {
2 Wertheim.
Male Ausdruck gegeben habe, entspringt aus der bei mir festste-
henden Ueberzeugung, dass — wie unsere Kenntnisse heute stehen
— alle drei genannten Contagien Wesen sind, die wir weder sehen
noch greifen können, sondern nur aus ihren Wirkungen als vorhan-
den erschüessen. Weder der Histologe noch der Chemiker existirt,
der einen Tropfen Eiters, aus einer dieser Quellen stammend, be-
züglich seiner Herkunft zu diagnosticiren vermöchte, selbst wenn
er mit den Mitteln grösster Vollkommenheit zum Zwecke der
Untersuchung ausgerüstet wäre. Wohl aber wissen wir mit Be-
stimmtheit, dass ein Tropfen Trippereiter immer nur wieder
Tripper und die Folgezustände, die ihm eigenthümlich sind, zu
erzeugen vermag, aber ausser diesem nichts Anderes. Mit der
grössten Wahrscheinlichkeit können wir annehmen, dass eine eben
solche Verschiedenheit in den Eigenschaften vom Eiter des weichen
(und weich bleibenden) und dem des harten (oder erst weichen
und dann hart gewordenen) Schankers besteht. Ob wir es aber im
gegebenen Falle mit dem einen oder mit dem anderen zu thun
haben, können wir zuweilen erst dann mit Sicherheit bestimmen,
wenn wir ihren Verlauf und die Folgezustände, die sie setzen,
eine gewisse Zeit hindurch beobachtet haben.
Von diesen Folgezuständen wollen wir für diesmal nur jene
ins Auge fassen, mit denen sich Hohlgeschwüre zu compliciren
pflegen. Es sind dies
beim Tripper: die Hoden- und Nebenhodenentzündung und die
Leistendrüsenschwellung;
beim weichen Schanker: die Leistendrüsenschwellung;
beim harten Schanker: alle bereits hier genannten Affectio-
nen und ausser diesen noch Hohlgeschwüre aller Arten, und zwar
deshalb, weil eben nur der harte Schanker allgemeine Syphilis zur
Folge haben kann.
Von den drei Arten von Hohlgeschwüren, die wir hier nach
ihrem verschiedenen Ursprung unterschieden haben, besitzen die
zwei ersten, nämlich die Hohlgeschwüre nach Tripper und jene
nach weichem Schanker die Eigenschaft — auch wenn sie lange
gie und Syphilidologie verbunden mit therapeutischen Rathschlägen. Wien,
C. Gerold's Sohn 1881.
Therapeutische Erfahrungen. 3
Zeit dort, wo sie sich befinden, verharren — keine inficirende Wir-
kung im Körper nach auswärts zu üben. Anders verhält sich die
dritte Art, die ihren Ursprung dem harten Schanker entnimmt;
sie übt, wie schon erwähnt, eine unbegrenzte Infectionswirkung
nach allen Eichtungen auf den menschlichen Organismus aus. Man
hat sie deshalb als allgemeine Affection aufzufassen.
Aus dem Gesagten erhellt sofort, dass bei den zwei ersten Arten
eine Localbehandlung ausreicht, bei der dritten Art aber mit dieser
localen noch eine allgemeine Behandlung zu verbinden sein wird.
Bezüglich der Localbehandlung von Hohlgeschwüren ist zu
erinnern, dass man bisher zu wählen hatte
zwischen: vorerst bewirkter Ausweitung des Hohlgeschwüres
(1. Methode),
oder: sofortiger Spaltung desselben, um dasselbe in ein oflfe»
nes Geschwür zu verwandeln (2. Methode),
oder: Anbringung einer Gegenöffnung am blinden Ende des
Hohlgeschwüres, wobei selbstverständlich unter gleichzeitiger An-
wendung der Wundmittel, die allen drei Methoden zukommt, aus-
serdem bekanntlich von vielen Seiten die Drainage empfohlen
wird (3. Methode).
Es bedarf wohl keiner Rechtfertigung, dass ich die Methode 1,
bei der ich dem Patienten möglicherweise einen zweiten operativen
Eingriff erspare, in der Regel zuerst anwende. Erreicht sie nach
einiger Zeit ihren Zweck nicht, zeigt nämlich die stetig wiederholte
Messung keine Verkürzung des Hohlgeschwüres an, so schreite ich
zur Methode 2, d. i. die Spaltung. Ich wende diese sehr häufig an
und zwar deshalb, weil mich die Erfahrung gelehrt hat, dass man
mit ihr schneller und sicherer zum Ziele kommt als mit der 3. Me-
thode. In Ausnahmsfällen ist aber auch diese letztere von Nutzen
und ich habe von ihr in zwei wichtigen Fällen, von denen später
die Rede sein wird, vorteilhaften Gebrauch gemacht.
Zur Erläuterung der Weise, in der ich die Methode 1 (vor-
läufige Erweiterung des Hohlganges) zur Ausführung brachte, be-
merke ich, dass ich mich von der in den 1840er Jahren empfohle-
nen, aber miu gutem Grunde bald wieder verlassenen Laminaria
digitata (fingerfömiger Klöder), die zur Familie der Tange gehört,
ferr gehalten habe; dagegen wende ich ein altes — gegenwärtig
wie mir scheint — in Vergessenheit gerathenes Verfahren an, wel-
l*
4 Wertheim.
ches in der Einführung des s. g. Pressschwammstabes besteht. Die
Bereitung geschieht, indem feine Badeschwämme in heisses Wachs
getaucht, dann zwischen zwei Eisenplatten zusammengepresst wer-
den, bis die Tafel erhärtet ist. Sie müssen, um brauchbar zu sein
Bretthärte besitzen und werden beim Gebrauche mit einer starken
Scheere in Streifen von entsprechender Länge und Breite geschnitten
und am vorderen Ende mit einem Bindfaden umschnürt. Die Ein-
führung geschieht mittelst der Kornzange, mit der man 24 Stunden
später Schwamm und Faden wieder fasst und durch sanftes Hin-
und Herwiegen unversehrt herauszieht. Die Ausweitung, die jetzt
erreicht ist, ist in der Kegel eine sehr beträchtliche. Hiemit ist für
das zu wählende "Wundmittel zu seiner Wirkung und dem Eiter
zum Abflüsse hinreichender Baum geschaffen.
Bezüglich der Methode 2 : Spaltung und Application des zu
wählenden Wundmittels erwähne ich, dass ich Alles aufrecht halte,
was ich in dieser Beziehung vor Jahresfrist bezüglich der Auswahl
externer Mittel für bestimmte Fälle von Wundbeschaffenheit in der
„Wiener medizinischen Wochenschrift" (Nr. 23, 24, 25, 1880) mit-
zutheilen mir erlaubt habe. Auszugsweise sei hier, für Diejenigen,
denen diese Blätter nicht zur Hand sind, angeführt, dass ich in
der Regel die l^ige Carbolsäurelösung, neben ihr die l^ige
Creosotlösung anwende, (die ich bereits vor 17 Jahren auf meiner
Abtheilung eingeführt habe); bei — glücklicherweise höchst seltener
— Gangrän das Yinumferruginosum; bei Erysipel Auflegen trockener
mit Globuli St. Elisabethae-Kugeln bestrichener weicher Leinen-
lappen; beim Hartwerden der Wundränder, statt des früher geübten
Abtragens, Einhüllung derselben in mit Emplastrum hydrargyri be-
strichenen Läppchen von Leinen; endlich das Granulation bewir-
kende Unguentum digestivum.
Dies hindert aber nicht, dass ich in dem Bekanntwerden der
wahrhaft ausserordentlichen Wirkungen, die das neugewonnene Juwel
unseres Arzneischatzes, das Jodoform aufweist, einen grossen Fort-
schritt für die syphilidologische Therapie erblicke. In Bezug auf
diesen Stoff bin ich durch eine nicht unbeträchtliche Anzahl von
Erfahrungen* die ich hinsichtlich seiner Wirksamkeit bei Syphilis
zu machen in *ler Lage war, zur Ansicht gelangt, dass dieses Mittel
überall da, wo es sich um ausgiebige Granulation auf Wund-
Therapeutische Erfahrungen. 5
flächen handelt, eine grosse Zukunft vor sich hat. Gleichwohl
steht bei mir fest:
1. Dass das Jodoform bei primären syphilitischen Geschwüren
vom Carbolwasser deshalb entschieden übertroffen wird, weil es
sich hier nicht um Verstärkung von Granulation, sondern um
Ueberhäutung des noch flachen Geschwüres vom Rande aus
gegen die Mitte handelt. Man mache nur den Versuch hier sofort
zum Jodoform zu greifen, so wird man bald erfahren, dass eine
unwillkommen starke Granulation entsteht, die uns zwingt zum
gerne vermiedenen Lapisstiffc zu greifen. Für primäre syphilitische
Geschwüre (die im Anfange meistens weich sind) ist daher das
Jodoform nicht zu empfehlen.
2. Etwas anders schon verhält sich die Sache bei eiternden
Bubonen. Hier erreicht man häufig das was man wünscht, nämlich,
gleich nach der Eröffnung desselben und sorgfältiger Entleerung
des Eiters, durch das eingestreute Jodoform den grossen Vortheil
sehr rascher Ausfüllung der Höhle durch lebhafte Granulation.
Sobald aber dies erreicht ist und die granulirende Basis sich der
Ebene der Ränder nähert, tritt auch hier, wie im früheren Falle
die Notwendigkeit ein, es durch ein Mittel zu ersetzen, das die zu
einander strebenden Wundränder in dem "Werke der Ueberhäutung
nicht hindert sondern fördert. Es ist also dann das Jodoform wieder
mit dem Carbolwasser oder einem ähnlich wirkenden Mittel (wie z. B.
Aqu. Creosoti) zu vertauschen.
3. Ganz eminente Dienste leistet es aber bei Hohlgeschwüren
der 1. und 2. Art, nämlich dort, wo — wie wir schon sagten —
die locale Therapie ausreicht. Hier ist man nach Allem, was vor-
liegt, zu grossen Hoffnungen berechtigt, so dass man vielleicht in
vielen Fällen nicht nur von jeder vorbereitenden Ausweitung des-
selben, sondern selbst von der Spaltung oder Anbringung einer
Gegenöffnung wird absehen können, um statt all' dessen das Gra-
nulation hervorbringende Jodoform anzuwenden, dessen Verwerthung
wir nächst Moleschott, der uns zuerst mit seiner Heilkraft be-
kannt machte, unserem geehrten Collegen Prof. v. Mosetig ver-
danken, dem es rasch gelang, diesem Heilmittel den ihm gebühren-
den Platz in der Therapie zu verschaffen.
Es liegen mir bereits eine Anzahl von Fällen vor, wo Hohl-
geschwüre der obbezeichneten Arten in der Leistengegend, im
6 Wertheim.
Mediastinum, an den Oberschenkeln und Hinterbacken, zum Theil
von sehr beträchtlichen Dimensionen, über welche ich in späterer
Zeit umständlichen Bericht zu erstatten gedenke, die schon 2 bis
3 Monate lang vergeblich bekämpft waren, dann in 4 — 6 Wochen
durch Jodoform, in Pulver- oder Stäbchenform angewendet, zur Hei-
lung und vollständigen Vernarbung gelangten.
4. Anders verhält sich die Sache bei Hohlgeschwüren der 3.
Art, d. h. denjenigen, welche Folgezustände des harten Schankers
darstellen. Diese Geschwüre, die nicht selten Wände und Ränder von
Knorpelhärte besitzen, desgleichen breite Condylome sind selbst
Wucherungsgebilde in eminentem Grade und erfordern zu ihrer
Schmelzung granulations widrige Mittel. Dass das Jodoform
hiefur nicht passt, ist nach allem hier Mitgetheilten augenfällig.
Es wirkt hier sogar nachtheilig, weil wir damit die Zeit verlieren,
die wir zur Anwendung des längst Erprobten benützen müssen.
Alles, was wir hier nöthig haben, die Local- und Allgemeinbehand-
lung, vollzieht noch immer in unübertroffener Weise der Mercur.
Dem Emplastrum hydrargyri in Verbindung mit wohlüberwachter
Inunctionskur, und wo diese wegen drohender Stomatitis contrain-
dicirt ist, mit der Jodkalium -Internbehandlung, gebührt hier noch
immer unbestritten der erste Rang.
Von der erwähnten 3. Behandlungsmethode, d. i. Anbringung
einer Gegenöflhung am Ende des Hohlgeschwüres, habe ich im Laufe
dieses Jahres in zwei besonders schwierigen Fällen eine mehrfach
modificirte Anwendung gemacht und zwar mit günstigem Erfolge. In
beiden Fällen waren die geschilderten Methoden 1 und 2 und die
erwähnten Wimdmittel der Reihe nach, und zwar beim Einen (29jähr.
Manne) bereits durch 27a Monate, beim Anderen (17jähr. Manne) durch
3 Monate erfolglos angewendet worden. Beim ersteren war ein Ulcus
molle mit consecutivem linksseitigen Leistendrüsen - Hohlgeschwür
von 11 Ctm. Länge vorhanden, welches von der Mitte der linken
Leistenbeuge ausgehend bis 2 Ctm. jenseits der Linea alba reichte;
beim zweiten war ursprünglich ein Ulcus molle und Gonorrhoea
nebst einem 8 Ctm. langen Hohlgeschwüre zugegen, das von der
Mitte der linken Leistengegend fast bis an die Linea alba grenzte.
Bei dieser Sachlage unternahm ich es mittelst des gekrümm-
ten Flourent'schen Troiquarts — (dessen Grösse und Form ich dem
Fachmanne ohne Zeichnung dadurch verständlich mache, dass ich
Therapeutische Erfahrungen. " 7
von ihm aussage: als Bogen gemessen sei seine Länge 13*5 Ctm.f
er gehöre einem Kreise von 13 Ctm. Kadius an und bilde somit
nahezu einen 6tenTheildes zugehörigen Kreises) — einen Transver-
saldurchstich zwischen allgemeiner Decke und der den Muse, rectus
abdominis und den pyramidenförmigen Muskel überziehenden Fascie
in der Art zu vollziehen, dass die Spitze des eingeführten Instru-
mentes in beiden Fällen in der Gegend des unteren Endes des Muse,
obliquus internus zum Vorschein kam. Nach Zurückziehung des
Troiquarts aus seiner Röhre wurde letztere zum Durchführen eines
mit Carbolwasser getränkten, sehr schmalen, mit einer Darmsaite
vereinigten Leinenstreifens (kein Drainagerohr!) benützt. Derselbe
wurde je 6stündlich durch einen neuen ersetzt, für den der alte zur
Führung diente. Die Verbindung geschah, um Knöpfe zu vermeiden,
durch Zusammennähen der Enden. Schon nach einigen Wochen hatte
sich in beiden Fällen der Kanal so verengt, dass bald nur mehr
die blosse Durchspritzung mit Carbolwasser vorgenommen werden
konnte, bis auch diese nicht mehr gelang, weil der Kanal bereits
durchaus verwachsen war. Beim ersteren Fall erforderte all' dies
nicht ganz zwei Monate, beim letzteren einen Monat und einige
Tage.
II. Ueber die häufige Verwechslung von Chlorkalium und
chlorsaurem Kali,
in Lösungen als Mundwasser verwendet.
Es ist kaum glaublich, aber doch wahr, dass es vielfach vor-
kommt, dass anstatt des bewährten, von den Syphilidologen bei
drohender mercurieller Stomatitis als Mundwasser verwendeten Chlor-
kaliums (Kalium chloratum) 10 Grm. in */« Liter Aqu. dest. gelöst,
eines sehr milden und in seiner Wirkung ganz unbedenklichen Mit-
tels, chlorsaures Kali (Kali chloricum) verschrieben und auch expe-
dirt wird. Beide sind sowohl chemisch als therapeutisch weit ver-
schieden von einander.
Das erstere (KCl) ist seiner Zusammensetzung nach einAna-
logon unseres Kochsalzes. Das Natrium im Chlornatrium ist hier
durch Kalium ersetzt. Das chlorsaure Kali ist eine Verbindung von
Kali mit Chlorsäure (KC108), welches zusammengebracht mit ver-
brennlichen Körpern, wie Kohle, Wolle, Papier etc. mittelst Schla-
8 Wertheini.
ges unter Feuerentwicklung und Detonation explodirt. Seine thera-
peutischen Eigenschaften bestehen darin, dass es in einigermassen
concentrirter Lösung bei Anwendung auf mit Schleimhaut ausgeklei-
dete Körperhöhlen (Mund, Nase, Rachen) deutliche und dauernde
Schwarzfarbung der Mucosa mit schmerzhafter Entzündung derselben
bewirkt, bei Einspritzungen in noch empfindlichere Organe, wie die
Harnblase, die allerbedenklichsten Erscheinungen und, innerlich
grammweise genommen, lethalen Ausgang mit durch die Obduction
constatirter Schwarzfarbung aller Eingeweide und des Blutes etc.
zur Folge haben kann.
Ich kann hier aus Erfahrung reden. Ich wurde vor einiger Zeit
zu einer Frau gerufen, die bald nach dem Gebrauche eines ihr vom
Hausarzte verschriebenen Mundwassers durch Schmerzhaftigkeit und
Schwellung der Zunge belästigt und besonders durch Schwärzung
der gesammten Mund-, Zungen- und Rachengegend beunruhigt war.
Ich überzeugte mich durch Einsichtnahme in das Recept, dass 20
Gramm Kali chloricum in 300 Gramm Aqu. destill, gelöst dieses
Missgeschick verschuldet hatten. Es währte mehrere Wochen, bis
durch kalte Bähungen, unter allmäliger Abstossung des Epithels die
Restitutio in integrum herbeigeführt war.
Es ist deshalb besondere Vorsicht beim Verschreiben anzura-
then, auch sind Abbreviationen zu vermeiden. Es würde sich aber
vielleicht empfehlen, das heilsame und unbedenkliche Kalium chlo-
ratum in unsere Pharmakopoe aufzunehmen, in der bisher nur das
Kali chloricum, allerdings mit der beigefügten Angabe, dass es
unter Umständen Explosion und Detonation zu bewirken vermag,
Aufnahme gefunden hat. Man würde es dann in allen Apotheken
vorräthig finden, was gegenwärtig nicht der Fall ist.
III. Kohlensaure Gasdouche mit Erfolg bei Impotenz ange-
wendet.
Es ist hier nicht von jener Impotenz die Rede, die mit tief-
greifenden Störungen im centralen und peripherischen Nervensysteme
in Zusammenhang steht und eine Theilerscheinung von Tabes dar-
stellt; auch nicht von jener, die durch angeborene oder erworbene
Missgestaltung oder Entartung der Geschlechtstheile des Mannes
heyrührt, sondern von jener, die bald plötzlich, bald allmälig, häufig
Therapeutische Erfahrungen. 9
ohne nachweisbare Veranlassung vollkommen normal gebaute und
auch sonst gesunde Individuen vorübergehend oder dauernd befallt.
Ungeachtet der zahlreichen Berichte und Verheissungen von Hei-
lung dieses wahrhaft peinlichen und in seinen Folgen — wie den
Aerzten, den Advokaten und den Richtern bekannt ist — höchst
bedeutungsvollen Leidens, denen wir in den öffentlichen Blättern
tagtäglich begegnen, ist die ernste Fachliteratur sehr arm an brauch-
baren Auskünften nach dieser Bichtung. In dem umfassenden Re-
ferate, das Curschmann in Ziemssen's Pathologie und Therapie
IX. Bd. liefert, desgleichen in Niemeyer's weitverbreitetem Lehr-
buche werden die Therapien, die sich auf Elektricität, Kaltwasser-
kur, Arsen, Phosphor, Nux vomica u. s. w. beziehen, wohl citirt,
aber vorsichtigerweise nicht empfohlen. In den letzten 10 Jahr-
gängen des Canstatt'schen Jahresberichtes kommt im Index der
Name „Impotenz" nur ein einziges Mal vor und die diesbezügliche
Stelle im Texte enthält Nichts, was sich auf Therapie bezieht.
Dies ist das Motiv, das mich bestimmt, die Aufmerksamkeit
meiner Collegen auf ein — wie es scheint — vor langer Zeit schon
entdecktes, aber auflfälligerweise vernachlässigtes Heilverfahren zu
lenken, dessen in Rinna v. Sarenbach's Repertorium ausdrück-
lich Erwähnung geschieht. Es steht dort im H. Bd. pag. 461 unter
Artikel „Impotenz" geschrieben: „Die Gasbäder in Eger reizen die
„Geschlechtstheile eigenthümlich, daher sie bei geschwächter Ener-
„gie derselben, sowie bei gesunkenem Hautleben überhaupt beson-
ders heilsam sind". Die Stichhaltigkeit dieser Empfehlung wurde
mir vor langer Zeit von befreundeter Seite auf Grund eigener
Wahrnehmung vollgiltig bestätigt und mich beschäftigte daher wie-
derholt der Gedanke, dass diese Gasbäder in Fällen obbezeichneter
Art eines erneuten Versuches werth sein dürften. Aber so oft ich
auch in Badeschriften älteren und neueren Datums bezüglich Fran-
zensbads nachforschte, fand ich immer nur Krankheiten des Weibes,
insbesondere Unfruchtbarkeit als Indicationen für den Gebrauch der
heilkräftigen Wässer und der Moorerde erwähnt, aber der Impotenz
*) Kepertorium der vorzüglichsten Kurarten, Heilmittel, Operations-
methoden, welche während der letzten vier Jahrzehente angewendet oder em-
pfohlen worden sind. Von Dr. Ernst Rinna v. Sarenbach, k. k. Hofarzte
etc. Güns 1835.
10 Wertheim.
und des Gasbades, das noch immer dort existirt, wird entweder gar
nicht oder nur ganz nebenher gedacht.
Ich selbst kam seitdem einige Male in meiner Praxis in den
Fall, Männern (es sind meist Ehecandidaten oder junge Ehemänner,
die über ihren Zustand in Verzweiflung sind), die mit dieser Klage
bei mir erschienen, den Gebrauch dieser Gasbäder zu empfehlen.
Aber ihre Verhältnisse gestatteten ihnen aus verschiedenen Gründen
nicht, von diesem Eathe Gebrauch zu machen und so musste ich
sie mit dem Achselzucken entlassen, dessen wir uns, wenn wir die
erbetene Hilfe versagen müssen, zu bedienen pflegen.
Erst im vergangenen Sommer stieg mir, anlässlich des Vor-
kommens eines neuen Falles dieser Art, der meine ganze Theil-
nahme wachrief, der Gedanke vor der Seele auf, die Natur zu
zwingen, mir an Ort und Stelle zu leisten, was sie spontan im
Franzensbader Boden thut, mit anderen Worten, ich beschloss
Kohlensäure zur Verwendung bei meinem Kranken zu erzeugen.
Das war schnell gedacht, aber konnte nur nach Ueberwindung
von mancherlei Schwierigkeiten ins Werk gesetzt werden. Kohlen-
säure zu erzeugen ist leicht. Aber die erzeugte verwahren ist schon
viel schwerer, namentlich bei grösserer Menge. Nun erst, sie so zu
verwahren, dass man jeweilig so viel, als Einem beliebte, in Ver-
wendung bringen könne, zugleich aber den Eest für später zu
sichern? Auch ist die Kohlensäure kein unbedenklicher Stoff und
ihr unzeitiges Ausströmen kann böse Folgen haben.
Alle diese und noch manche andere Bedenken wurden aber
rasch und glücklich behoben und ich habe mich in den Stand gesetzt,
innerhalb ein paar Stunden so viel Kohlensäure in meinem Arbeits-
zimmer im Kudolfspitale zu erzeugen und zu verwahren, dabei aber
auch durch beliebig modificirten Druck ihren Austritt so zu regu-
liren, dass ich den Gasstrom, den ich als Douche auf die Genitalien
wirken lasse, erzeugen und sofort auch wieder absperren kann.
So wie das erreicht war, wurde mein Patient zur Kur be-
rufen. Die erste Sitzung währte mit Unterbrechungen eine Stunde.
Auf meine Frage, was er beim Vorbeistreichen der Luft an den
Genitalien empfinde, gab er an: Ein Wärmegefühl. Doch bemerke
ich ausdrücklich, dass das Gas selbst die Zimmertemperatur hatte.
Ganz anders aber war die Wirkung, die schon einige Stunden später
Therapeutische Erfahrungen. 11
und in der darauf folgenden Nacht eintrat. Hochbefriedigt berich-
tete er mir anderen Tages, dass er des Nachts dreimal mit Erec-
tionen erwacht sei, die er seit mehr als Jahresfrist vermisst hatte.
Ich wiederholte das Verfahren ein zweites Mal und überzeugte mich
jetzt, dass noch während der Procedur nebst dem deutlichen War-
na egefuhl sofort auch Erection zu Stande kam. — Es sind seitdem
Monate verstrichen. Vor Kurzem sah ich den Mann, der in Wien
lebt, wieder und er bestätigte mir freudig, dass der erreichte Er-
folg fortbesteht.
Vor Kurzem wendete sich ein zweiter Hilfsbedürftiger dieser
Art, ein Mann in den Dreissigen, an mich. Sein Leiden bestand
seit mehreren Monaten. Ich schlug ihm das bezeichnete Verfahren
vor, dem er sich bereitwillig unterzog. Dieser Patient bezeichnete
das Gefühl, das er beim Streichen des Gases über die Geschlechts-
theile empfand, als Prickeln und leichte Spannung. — Schon in der
Nacht, die der ersten Sitzung folgte, stellten sich die seit Monaten
entbehrten Erectionen ein und in der zweitnächsten Nacht eine Pol-
lution. Dieser Erfolg erweckte bei dem Betreffenden den Wunsch
nach einer zweiten Sitzung, die 4 Tage nach der ersten stattfand.
Ueber die Wirkung derselben bin ich im Augenblicke noch nicht
unterrichtet.
IT. Chloroform-Narkose gelegentlich operativer Eingriffe bei
infectiösen Krankheiten der Oeschlechtsthelle zur Regel
erhoben.
Ausnahmsweise wird die Narkotisirung schon längst von
mir — und wie ich glaube — auch anderwärts von meinen Fach-
collegen in Fällen oberwähnter Art in Anwendung gebracht. Ich
habe es aber für recht und billig erkannt, die Erweisung dieser
Wohlthat den Hilfsbedürftigen, die mir anvertraut sind, regelmässig
zuzuwenden. Mich hierüber zu rechtfertigen, halte ich — im Hin-
blick auf die ganz besondere Schmerzhaftigkeit der hier in Rede
stehenden Eingriffe — für überflüssig. Ich will sogar der Meinung
Ausdruck geben, dass diese Einführung die nützliche Folge haben
dürfte, dass die Betreffenden bereitwilliger — , will heissen, früher,
als bisher sich der erforderlichen Behandlung unterziehen werden,
12 Wertheim. Therapeut. Erfahrungen.
wenn sie sich vor der Hilfeleistung nicht mehr so zu furchten brau-
chen, als dies bisher der Fall war. Wie vortheilhaft aber dies für
die Behandlung selbst ist, wie sehr diese dadurch in den meisten
Fällen in der Zeitdauer verkürzt werden dürfte, ist leicht einzusehen.
Ich halte es in diesem Punkte so, dass ich in den schwereren
Fällen den Betreffenden die Narkose anbiete, aber auch in den
leichteren, wenn sie gewünscht wird und durch Nichts contraindicirt
ist, zugestehe.
IL
Uekr corticale Epilepsie.
Von
Dr. N. Weiss
Docent für interne Medicin an der Wiener Universität.
(Am 9. Jänner 1882 von der Redaction übernommen.)
(Hiezu Tafel I.)
Mit dem Namen corticale Epilepsie bezeichnen wir eine Reihe
von Krampfformen, welche eine gewisse Aehnlichkeit mit der typi-
schen Epilepsie zeigen, indem bei ihnen nicht selten im Verlaufe der
anfallsweise auftretenden klonischen und tonischen Krämpfe Verlust
des Bewusstseins und der Reflexerregbarkeit zu Stande kommt, die
sich aber dadurch von der gewöhnlichen Epilepsie unterscheiden,
dass die in den Anfällen auftretenden Krämpfe entweder vollständig
unilateral sind, oder wenigstens zuerst und mit grösserer Intensität
die Musculatur einer Körperhälfte befallen.
Diese unilateralen Convulsionen wurden schon von früheren
Autoren mehrfach beobachtet, indess ist es erst den Untersuchungen
von Hughlings Jackson gelungen, die allgemeine Aufmerksam-
keit der Aerzte auf diese Krampfformen zu lenken. Dieser Autor
hat sich eingehend mit dem Studium derselben beschäftigt und hat
zuerst ihre eigenthümliche Verbreitungsweise, sowie ihre Beziehun-
gen zu irritativen Läsionen der motorischen Rindenregion kennen
gelehrt.
Mit Rücksicht auf die von Jackson nachgewiesene Bezie-
hung dieser unilateralen Krämpfe zu Erkrankungen der Hirnrinde
werden diese Krämpfe auch seither als corticale Krämpfe und der
entsprechende Symptomencomplex als corticale Epilepsie bezeichnet.
14 Weiss.
In Anerkennung der Verdienste Jackson's um diese Erkrankung
wird dieselbe auch Jackson'sche Epilepsie genannt.
Ich will nun nach den in der Literatur vorhandenen Beobach-
tungen über diese Erkrankung, sowie nach eigenen Erfahrungen die
wesentlichsten Merkmale und Eigenthümlichkeiten derselben hervor-
heben, um dann zur Mittheilung der von mir beobachteten Krank-
heitsfälle, welche allesammt ihre autoptische Bestätigung fanden,
überzugehen.
Was die Ausbreitung dieser corticalen Krämpfe anlangt, so
lässt sich hierüber Folgendes aussagen:
In manchen Fällen betrifft der Krampf ausschliesslich be-
stimmte Muskelgebiete der einen Körperhälfte und bleibt während
der ganzen Dauer des Anfalles auf diese beschränkt. Man bezeichnet
solche Krampfformen als Monospasmen und spricht je nachdem
Muskelgruppen im Facialisgebiete, oder Muskelgruppen der oberen,
respective unteren Extremitäten sich ausschliesslich am Krämpfe
betheiligen, von einem facialen, brachialen und cruralen Mono-
spasmus.
Die hiebei auftretenden Krämpfe sind in der Begel von klo-
nischem Charakter und insbesondere gilt dies für die im Facialis-
gebiete und an den oberen Extremitäten auftretenden Spasmen,
seltener von ausschliesslich tonischem Charakter, so dass krampf-
haftes Ballen der Faust oder andauernde Streckung einer unteren
Extremität im Hüft-, Knie- und Fussgelenke während des Anfalles
zu Stande kommt. In sehr seltenen Fällen 'kommt es weder zu
tonischen, noch zu klonischen Krämpfen, sondern zu anhaltenden
iyemorartigen *) Bewegungen in bestimmten Muskelgruppen.
Solche Monospasmen treten häufig ohne Verlust des Bewusst-
seins auf, ja manchmal ist das Bewusstsein während der selbst
monatelangen ununterbrochenen Dauer derselben vollkommen frei.
In anderen Fällen betrifft der Krampf nicht blos eines der
genannten Muskelgebiete, sondern er erstreckt sich mehr oder
weniger vollständig auf die gesammte willkürlich innervirbare
Musculatur der einen Körperhälfte. Dabei lässt sich häufig die fol-
gende Beihenfolge in der Verbreitung der Krämpfe von einem
Muskelgebiete zum anderen constatiren. Der Krampf beginnt zu-
*) Henoch, Charit^ -Anaalen 1879.
Ueber corticale Epilepsie. 15
nächst am Orbicularis orbitae der einen Seite und verbreitet sich
von da auf die Mundzweige des Facialis derselben Seite, nun kommt
es zur tonischen Starre und zu klonischen Krämpfen in der Nacken-
musculatur und erst jetzt verbreitet sich der Krampf auf die Mus-
keln der betreifenden oberen Extremität, auf die ßumpfmusculatur
und die untere Extremität.
In nicht seltenen Fällen beginnt der Krampf constant an
einer Muskelgruppe der oberen oder unteren Extremität und
bleibt manchmal auf diese beschränkt, andere Male verbreitet
er sich auf die betreffende Extremität, auf die ganze Körper-
hälfte, ja er kann sogar unter solchen Umständen allgemein
werden.
Haben die Krämpfe einmal diese Ausbreitung erlangt, dann
sind sie auf der Höhe des Anfalles von gewöhnlichen epileptischen
Anfällen nicht zu unterscheiden, zumal da die Kranken unter
solchen Umständen bewusstlos sind, die Eeflexthätigkeit gänzlich
erloschen erscheint. Bei längerer Dauer solcher Anfälle stellen sich
Secessus inscii ein, die Athmung wird sehr frequent, dabei sehr
mühsam und insufficient, so dass die Kranken in hohem Grade cya-
notisch werden.
Was die Dauer der Anfalle betrifft, so ist dieselbe in der
Eegel nur auf wenige Minuten beschränkt, namentlich gilt dies für
die schweren Anfälle, in welchen die Krämpfe unilateral sind und
mit Bewusstseinstörung oder Sopor verbunden sind. In Fällen
dagegen, wo nur Monospasmen auftreten, persistiren dieselben oft
genug in der Dauer einer halben Stunde, einer oder mehrerer
Stunden, ja es sind sogar Fälle in der Literatur bekannt geworden,
wo ein solcher Monospasmus während des wachen Zustandes un-
unterbrochen durch 5 Monate bis an das Lebensende des betref-
fenden Kranken andauerte *).
Die Pausen zwischen den Anfällen variiren ebenso; manchmal
betragen sie wenige Minuten oder Stunden, dagegen wurden in
nicht seltenen Fällen tagelange, wochenlange, ja sogar Pausen von
mehreren Monaten zwischen den einzelnen Anfallen beobachtet.
Während des Anfalles kommt es manchmal zur Steigerung
der Körpertemperatur; so habe ich in einem Anfalle ein Ansteigen
*) Starke, Berliner klinische Wochenschrift. 4874. Nr. 33.
1(5 Weiss.
derselben bis zu 41*0 beobachtet und erst 772 Stunden nach dem
Anfalle sank die Temperatur bis auf 38*0, die bei dem Kranken
regelmässig zu beobachtende Höhe der Körpertemperatur. Manchmal
kommt es während des Anfalles oder auch nach demselben zum
Auftreten von aphasischen Zuständen oder von Worttaubheit.
Nach dem Anfalle bemerkt man häufig eine Parese, ja sogar
eine Paralyse der vom Krämpfe befallenen Muskelgruppen, welche
jedoch sehr häufig schon in den nächsten Tagen nach dem Anfalle
vollkommen oder theilweise verschwindet.
In den Zeiten zwischen den Anfallen sind die Symptome,
welche die Kranken darbieten, sehr verschieden, je nach der Ur-
sache, welche im betreffenden Falle der corticalen Epilepsie zu
Grunde liegt. So sind selbstverständlich in Fällen von Tumoren
oft genug schwere cerebrale Symptome bei den Kranken nachweis-
bar, ebenso in Fällen, wo die corticale Epilepsie durch Encephalo-
meningitis chronica, durch Meningealtuberculose u. dgl. m. bedingt
ist. Im Gegensatze hiezu gibt es jedoch Fälle, in welchen die
corticale Epilepsie das einzige Symptom darstellt, welches jahrelang
isolirt besteht und wo in den Intervallen der einzelnen Anfälle
mit Ausnahme einer leichten Parese der vom Krämpfe befallenen
Muskelgruppen keine Veränderung objectiv und selbst im subjec-
tiven Befinden der Kranken vorliegt, welche auf die vorhandene
Läsion im Gehirne schliessen lassen könnte.
Dies kommt namentlich häufig vor in Fällen von Pachymenin-
gitis luetica, in manchen Fällen von Erweichung (resp. Abscessbildung)
in der Umgebung der Centralwindungen, aber auch hie und da
bei Tumoren der Rinde in der Umgebung der Centralwindungen
und an den die letzteren bedeckenden Antheilen der Meningen. In
den Fällen der letzteren Art ist dieses Verhalten allerdings in der
Regel nur im Beginne der Erkrankung zu beobachten, indess kommt
es ausnahmsweise vor, dass der Process durch Jahre nur die Er-
scheinungen der corticalen Epilepsie setzt, um dann später zu allen
jenen persistenten Störungen zu fuhren, welche derartige Erkran-
kungen begleiten. Dies wird insbesondere bei sehr langsam wach-
senden Tumoren in der genannten Region beobachtet.
In nicht seltenen Fällen verschwindet die corticale Epilepsie
im Verlaufe des betreffenden Processes vollständig. In solchen
Fällen handelt es sich entweder um Heilungsvorgänge (zumeist
Ueber corticale Epilepsie. 17
Pachymeningitis luetica, Exostosen von gleicher Ursache u. dgl. m.),
oder was häufiger vorkommt, um Progression des die corticale Epi-
lepsie bedingenden Processes, so dass dadurch eine Zerstörung der
motorischen Bindenregion gesetzt wird. Dieses letztere Verhalten
wird namentlich häufig bei Tumoren und Encephalitis (Abscess)
beobachtet. In solchen Fällen kommt es dann zur Lähmung der dem
Herde entgegengesetzten Körperhälfte und je nach der Ausbreitung
und Localisation des Processes zu anderen corticalen Ausfalls-
erscheinungen, wie Aphasie, Worttaubheit, Amnesie u. dgl. m.
Was nun die anatomischen Veränderungen anlangt, welche in
solchen Fällen von corticaler Epilepsie post mortem aufgedeckt
werden, so sind dieselben sowohl was die Localität der Erkrankung
als was die Art derselben anlangt, sehr verschieden.
In Bezug auf die Localität lässt sich das nachfolgende nach
den in der Literatur vorliegenden Thatsachen, wie nach meinen eige-
nen Beobachtungen mit Sicherheit feststellen. Stets findet man in
solchen Fällen den Sitz der Erkrankung in der entgegengesetzten
Grosshirnrinde, so dass bei im Leben ausschliesslich oder vorzugs-
weise rechtsseitig ausgeprägten Convulsionen, die linke Hirnrinde
afficirt gefunden wird und umgekehrt.
In Bezug auf den näheren Ort der Läsion lassen sich fast regel-
mässig die Centralwindungen oder ihre nächste Umgebung von der-
selben befallen statuiren, so dass diese selbst oder ihre nächste Um-
gebung (hinteres Ende der Stirnwindungen, Paracentralläppchen,
oberes Scheitelläppchen, Gyrus supramarginalis) Sitz einer Erwei-
chung, einer Geschwulst, einer capülären Hämorrhagie u. d. m. wa-
ren, oder dass die denselben anliegende Meningen oder die betreifenden
Schädelknochen Veränderungen erfuhren, welche durch Irritation der
genannten Bindenpartien den gleichen Effect erzielten.
Eine Ausnahme hievon machen zwei von Traube mitgetheilte
Fälle, wo im Leben corticale Epilepsie beobachtet wurde und bei
der Section sich eine Veränderung im Hinterhauptslappen vorfand.
Die Art der Veränderung, welche in den verschiedenen Fällen
die Läsion bedingte, ist eine verschiedene. In einzelnen Fällen fanden
sich Veränderungen an den Seitenwandbeinen, Exostosen, Depression
derselben als Ursache der im Leben beobachteten corticalen Epi-
lepsie. In nicht seltenen Fällen constatirte man Verdickungen und
Adhäsionen der Meningen; dieselben waren theils durch Lues, theils
Med. Jahrbücher. 1882. 2
1(5 Weiss.
derselben bis zu 41*0 beobachtet und erst V/z Stunden nach dem
Anfalle sank die Temperatur bis auf 38*0, die bei dem Kranken
regelmässig zu beobachtende Höhe der Körpertemperatur. Manchmal
kommt es während des Anfalles oder auch nach demselben zum
Auftreten von aphasischen Zuständen oder von Worttaubheit.
Nach dem Anfalle bemerkt man häufig eine Parese, ja sogar
eine Paralyse der vom Krämpfe befallenen Muskelgruppen, welche
jedoch sehr häufig schon in den nächsten Tagen nach dem Anfalle
vollkommen oder theilweise verschwindet.
In den Zeiten zwischen den Anfällen sind die Symptome,
welche die Kranken darbieten, sehr verschieden, je nach der Ur-
sache, welche im betreffenden Falle der corticalen Epilepsie zu
Grunde liegt. So sind selbstverständlich in Fällen von Tumoren
oft genug schwere cerebrale Symptome bei den Kranken nachweis-
bar, ebenso in Fällen, wo die corticale Epilepsie durch Encephalo-
meningitis chronica, durch Meningealtuberculose u. dgl. m. bedingt
ist. Im Gegensatze hiezu gibt es jedoch Fälle, in welchen die
corticale Epilepsie das einzige Symptom darstellt, welches jahrelang
isolirt besteht und wo in den Intervallen der einzelnen Anfälle
mit Ausnahme einer leichten Parese der vom Krämpfe befallenen
Muskelgruppen keine Veränderung objectiv und selbst im subjec-
tiven Befinden der Kranken vorliegt, welche auf die vorhandene
Läsion im Gehirne schliessen lassen könnte.
Dies kommt namentlich häufig vor in Fällen von Pachymenin-
gitis luetica, in manchen Fällen von Erweichung (resp. Abscessbildung)
in der Umgebung der Centralwindungen, aber auch hie und da
bei Tumoren der Rinde in der Umgebung der Centralwindungen
und an den die letzteren bedeckenden Antheilen der Meningen. In
den Fällen der letzteren Art ist dieses Verhalten allerdings in der
Regel nur im Beginne der Erkrankung zu beobachten, indess kommt
es ausnahmsweise vor, dass der Process durch Jahre nur die Er-
scheinungen der corticalen Epilepsie setzt, um dann später zu allen
jenen persistenten Störungen zu fuhren, welche derartige Erkran-
kungen begleiten. Dies wird insbesondere bei sehr langsam wach-
senden Tumoren in der genannten Region beobachtet.
In nicht seltenen Fällen verschwindet die corticale Epilepsie
im Verlaufe des betreffenden Processes vollständig. In solchen
Fällen handelt es sich entweder um Heilungsvorgänge (zumeist
Ueber corticale Epilepsie. 17
Pachymeningitis luetica, Exostosen von gleicher Ursache u. dgl. m.),
oder was häufiger vorkommt, um Progression des die corticale Epi-
lepsie bedingenden Processes, so dass dadurch eine Zerstörung der
motorischen Bindenregion gesetzt wird. Dieses letztere Verhalten
wird namentlich häufig bei Tumoren und Encephalitis (Abscess)
beobachtet. In solchen Fällen kommt es dann zur Lähmung der dem
Herde entgegengesetzten Körperhälfte und je nach der Ausbreitung
und Localisation des Processes zu anderen corticalen Ausfalls-
erscheinungen, wie Aphasie, Worttaubheit, Amnesie u. dgl. m.
Was nun die anatomischen Veränderungen anlangt, welche in
solchen Fällen von corticaler Epilepsie post mortem aufgedeckt
werden, so sind dieselben sowohl was die Localität der Erkrankung
als was die Art derselben anlangt, sehr verschieden.
In Bezug auf die Localität lässt sich das nachfolgende nach
den in der Literatur vorliegenden Thatsachen, wie nach meinen eige-
nen Beobachtungen mit Sicherheit feststellen. Stets findet man in
solchen Fällen den Sitz der Erkrankung in der entgegengesetzten
Grosshirnrinde, so dass bei im Leben ausschliesslich oder vorzugs-
weise rechtsseitig ausgeprägten Convulsionen, die linke Hirnrinde
afficirt gefunden 'wird und umgekehrt.
In Bezug auf den näheren Ort der Läsion lassen sich fast regel-
mässig die Centralwindungen oder ihre nächste Umgebung von der-
selben befallen statuiren, so dass diese selbst oder ihre nächste Um-
gebung (hinteres Ende der Stirnwindungen, Paracentralläppchen,
oberes Scheitelläppchen, Gyrus supramarginalis) Sitz einer Erwei-
chung, einer Geschwulst, einer capillären Hämorrhagie u. d. m. wa-
ren, oder dass die denselben anliegende Meningen oder die betreffenden
Schädelknochen Veränderungen erfuhren, welche durch Irritation der
genannten Bindenpartien den gleichen Effect erzielten.
Eine Ausnahme hievon machen zwei von Traube mitgetheilte
Fälle, wo im Leben corticale Epilepsie beobachtet wurde und bei
der Section sich eine Veränderung im Hinterhauptslappen vorfand.
Die Art der Veränderung, welche in den verschiedenen Fällen
die Läsion bedingte, ist eine verschiedene. In einzelnen Fällen fanden
sich Veränderungen an den Seitenwandbeinen, Exostosen, Depression
derselben als Ursache der im Leben beobachteten corticalen Epi-
lepsie, In nicht seltenen Fällen constatirte man Verdickungen und
Adhäsionen der Meningen; dieselben waren theils durch Lues, theils
Med. Jahrbücher. 1882. 9
18 Weiss.
durch Traumen oder chronische Entzündung bedingt; in einem von
mir beobachteten Falle fand sich Pachymeningitis haemorrhagica, in
anderen Tumoren, welche von der Dura mater ausgingen, häufiger
chronische tuberculöse Meningitis, welche zu circumscripten Anhäu-
fungen von in Exsudatmassen eingebetteten Tuberkeln in der Ge-
gend der Centralwindungen geführt hatte; endlich wurden auch
Cysten an der Oberfläche der Binde als Ursache des in Bede ste-
hende Symptomencomplexes nachgewiesen.
Im Gehirne selbst fanden sich die verschiedenen Formen de*
Erweichung bis zur vollständigen Abscessbildung, Tumoren (Cysten)
in der Binde, in seltenen Fällen capilläre Hämorrhagien, in einzel-
nen Fällen mehr diffuse Veränderungen, wie die Encephalomenin-
gitis chronica1). Ob auch partielles Oedem, Anämie oder Hyperämie
der Binde corticale Epilepsie hervorrufen könne, lässt sich nach
den vorliegenden Beobachtungen nicht entscheiden.
Zur Erklärung dieser eigenthümlichen halbseitigen Krampf-
formen hat Jackson folgende Anschauung entwickelt. Er glaubt,
dass durch solche corticale Läsionen, wenn sie in der Umgebung
oder in den Centralwindungen selbst sitzen, die motorischen Rin-
dencentren in dauernde Erregung versetzt werden, dass sie, wie er
sich ausdrückt, „geladen" werden, um sich dann unter gewissen nicht
näher präcisirbaren Umständen zu entladen. Diese Entladung stellt
den epileptischen Anfall dar. Nach einer solchen Entladung kommt
es zu einer Erschöpfung der motorischen Bindencentren, welche kurze
Zeit nach dem Anfalle so intensiv sein kann, dass halbseitige Läh-
mung sich einstellt, und als deren Beste die nach solchen Anfällen
dauernd in den vom Krämpfe befallenen Muskeln eintretenden pareti-
schen Zustände zu betrachten sind. Diese Erschöpfung der Binden-
centren bedingt es aber auch, dass erst nach Ablauf einer gewissen
Zeit die Erregung der Bindencentren einen solchen Grad erreicht,
dass als nothwendige Folge derselben die Entladung, der epilepti-
sche Anfall eintritt. Diese Anschauung Jacks on's erklärt die inter-
mittirend auftretenden Krämpfe; sie reicht aber nicht aus für die-
jenigen Formen von corticaler Epilepsie, in welchen Tage, ja selbst
*) Die bezüglichen Thatsachen sind mit Rücksicht auf die vorliegende
Frage bisher nicht genügend beachtet worden. Ich selbst hatte Gelegenheit
reine corticale Epilepsie bei diesen Processen zu sehen, wobei die Section die
volle Aufklärung für das Auftreten dieser Störung lieferte.
Ueber corticale Epilepsie. 19
Monate hindurch die Krämpfe andauerten. Da in solchen Fällen
ähnliche anatomische Läsionen constatirt wurden, wie in den Fällen
von anfallsweise auftretenden corticalen Krämpfen, so scheint es mir,
als ob die angeführte Anschauung Jackson's noch einer wesent-
lichen Korrectur bedürfte (s. pag. 43).
In diagnostischer Beziehung ist der Symptomencomplex der
halbseitigen Epilepsie von grosser Bedeutung, indem man wohl
nach der grossen Anzahl der vorliegenden Beobachtungen, welche
mit einander in vielen Punkten übereinstimmen, den folgenden Satz
aufstellen kann: Im Leben beobachtete halbseitige Epilep-
sie weist fast ausnahmslos auf die Gegenwart einer corti-
calen Läsion in oder in der nächsten Umgebung der Cen-
tralwindungen hin.
Die Prognose dieser Erkrankung ist in manchen Fällen eine
absolut lethale, so in den Fällen, wo Tumoren der Binde oder En-
cephalomeningitis chronica die Ursache der Krämpfe sind. Ebenso
ungünstig gestaltet sich dieselbe, wenn Pachymeningitis haemorrha-
gica vorliegt, indem hier durch die Intensität und Häufigkeit der
Krämpfe der lethale Ausgang herbeigeführt wird. Aehnliches gilt
von der chronischen Meningealtuberculose. Auch bei capillären
Blutungen oder Erweichungsherden in der Umgebung der Central-
windungen wurde nach den bisher bekannten Erfahrungen stets der
lethale Ausgang in Folge der Krämpfe eintreten gesehen.
Prognostisch günstig sind die Fälle, wo es sich um luetische
Grundlagen der Erkrankung handelt. In solchen Fällen wurden
manchmal Heilungen nach Gebrauch von Jodkali beobachtet.
Jedoch auch in derartigen Fällen ist die Prognose nicht absolut
günstig zu stellen, indem in einzelnen Fällen trotz entsprechender
Therapie der lethale Ausgang eintrat. Es ist wahrscheinlich, dass
auch andere Fälle von corticaler Epilepsie zur Heilung kommen,
indess ist darüber in der Literatur nichts enthalten. Ich selbst habe
einen Fall beobachtet, in welchem eine solche in evidenter Weise
eintrat und bis jetzt durch vier Monate persistirt, ohne dass in dem
betreffenden Falle Lues als Ursache annehmbar, geschweige denn
nachweisbar war. Die Heilung trat in diesem Falle unter ausschliess-
licher Anwendung grosser Bromkalidosen ein.
Therapeutisch sind in causaler Beziehung nur die Fälle lueti-
schen Ursprungs zugänglich. In solchen Fällen empfiehlt sich die
20 Wo i f s.
Darreichung von Jodkali (1,0 — 4,0 Gramm pro die), eventuell die
Anwendung von Mercurialien, wodurch in der That manchmal glän-
zende und dauernde Erfolge erzielt werden. In symptomatischer
Beziehung ist als das beste Mittel das Kalium bromatum in grossen
Einzeldosen (2,0 — 4,0 pro dosi singula), dessen consequente An-
wendung in manchen Fällen von grosser, wenn auch vielleicht nur
temporärer Wirknng ist.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen über corticale Epilepsie
gehe ich nun daran, die von mir beobachteten, durch die Section
bestätigten Fälle dieser Erkrankung mitzutheilen. Dieselben dürften
geeignet sein, die von mir vorgetragenen Anschauungen zu erläutern.
I. Rechtsseitige corticale Epilepsie. Tuberkel in der linken
vorderen nnd hinteren Centralwindung.
Der Fall betraf einen 40jährigen Mann, welcher am 3. August
1880 auf Z.-Nr. 89 des k. k. alJgem. Krankenhauses aufgenommen
wurde. Perselbe gab an, dass er früher stets gesund gewesen sei
bis vor 7 Monaten, wo sich ohne jede ihm bekannte Veranlassung
Krampfanfalle einstellten, welche alle 4 Wochen wiederkehrten und
wfe der Kranke mit Bestimmtheit angab, stets nur die rechte Kör-
perhälfte betrafen. In den letzten Wochen vor seiner Spitalsaufnahme
bemerkte Patient eine Schwäche in der rechten oberen Extremität.
Sonstige Störungen, insbesondere Kopfschmerz, Schwindel, Erbre-
chen fehlten nach der Angabe des Kranken bisher vollständig. —
Hereditäre Disposition lag nicht vor; ein Trauma oder Lues waren
der Erkrankung nicht vorausgegangen.
Am Tage der Aufnahme bot Patient folgenden Status praesens :
Pat. ist schwächlich gebaut, schlecht genährt, von blassem
Hautcolorit. T. normal, P. 60 klein, wenig gespannt.
Die Untersuchung der inneren Organe ergibt keine wesentliche
Abnormität, nur LVO ist der Schall massig gedämpft, daselbst das
Athmungsgeräusch rauher, das Exspirium etwas verlängert. Harn
eiweissfrei.
Was das Nervensystem anbetrifft, so lassen sich folgende Ver-
änderungen constatiren: Die rechte Pupille etwas weiter als die
linke, sie reagirt träge auf Lichtreize, prompt auf accommodative
Impuls«. Facialis dexfor in seinen respiratorischen Zweigen parotis eh.
Ueber corticale Epilepsie. 21
Die rechte obere Extremität paretisch, so dass wohl alle Bewegun-
gen mit derselben ausführbar sind, jedoch mit geringerer In- und
Extensität als mit der linken erfolgen; die rechte untere Extremi-
tät zeigt normale motorische Kraft, jedoch werden combinirte Be-
wegungen mit ihr nicht so gut ausgeführt wie mit der linken, beim
Gehen wird dieselbe zeitweise nachgeschleppt, stets wird sie im
Kniegelenke steif gehalten.
Die Sensibilität im Gesichte und an den Extremitäten bietet
keine Veränderung dar. Die Beflexerregbarkeit zeigt das bei Hemi-
plegischen häufig zu beobachtende Verhalten, indem Steigerung der
Sehnenreflexe und Herabsetzung der Hautreflexe auf der paretischen
Seite sich nachweisen lassen.
Die psychischen Functionen haben bei dem Kranken gar nicht
gelitten, eben so wenig die der Sinnesorgane. Die Sprache des
Kranken ist eine langsame, jedoch lässt sich keine Spur einer
Lähmung der Zunge oder eines aphasischen Zustandes nachweisen.
Der Augenspiegelbefund liefert ein vollkommen negatives Besultat.
Kopfschmerz, Schwindelerscheinungen und Erbrechen fehlen voll-
ständig. Die Blase und der Darm fungiren normal.
Es konnte demnach bei dieser ersten Untersuchung nichts
anderes als die Gegenwart einer rechtsseitigen Hemiparese und einer
leichten Veränderung in der linken Lungenspitze nachgewiesen werden.
Aus dem weiteren sechsmonatlichen Verlaufe der Erkrankung
hebe ich nur das besonders Erwähnenswerthe hervor. Die Verände-
rung in der linken Lungenspitze wurde immer deutlicher, so dass
nach beiläufig drei Monaten mit Bestimmtheit die Gegenwart von
Cavernen daselbst nachgewiesen werden konnte. Die rechtsseitige
Parese machte langsame aber stetige Fortschritte, jedoch kam es
an keiner der befallenen Muskelgruppen zu einer absoluten Läh-
mung. Die psychischen Functionen, die der Sinnesorgane, die der
automatischen Centren zeigten nach wie vor keine Veränderung.
Dagegen traten die von dem Kranken in der Anamnese er-
wähnten Krampfanfälle auf, welche sehr charakteristisch und für die
Diagnose des Falles von grosser Wichtigkeit waren.
Im Ganzen hatte der Kranke während seines Spitalaufenthaltes
20 wohlausgebildete Anfälle; von diesen wurden 13 theils von
mir, theils von meinem Collegen auf der Abtheilung beobachtet.
Von diesen genau beobachteten 18 Anfällen betrafen 7 nur die
22 Weiss.
rechte Körperhälfte, während in den übrigen 6 AnfiTUm waA Mus-
keln der linken Körperhälfte befallen wurtim. In zweien, dar erst-
erwähnten Anfälle blieb der Krampf ganz isolirt auf das rechte
Fadalisgebiet, so dass das eine Mal nur Zuckungen im Orfaiailaris
palpebrarum, das andere Mal Zuckungen in allen von Facialis ver-
sorgten Gesichtsmnskeln bemerkt wurden. In den übrigen fünf
Anfällen betrafen die Krämpfe die ganze rechte Körperhafte. In
den 6 Anfällen, welche die beiderseitige Musculatur betrafen, waren
die Krämpfe rechts, viel stärker ausgeprägt als linfa. Die Anfälle
begannen in der Begel mit einem Gefühle von Ziehen in der rech-
ten Gesichtshälfte und in der rechten oberen Extremität, hiexn
gesellten sich fast constant Zuckungen im rechten Faäaüagefaiete
und von da verbreitete sich der Krampt wenn überhaupt, constant
auf die rechte obere, dann auf die rechte untere Extremität und
eventuell auch auf die Muskeln der linken Seite.
Die Krämpfe selbst zeigten zumeist einen klonischen Charak-
ter, jedoch war zeitweise während des Anfalles auch eine tonische
Starre, besonders an der oberen Extremität zu bemerken. Die Daner
der Anfälle schwankte zwischen einer halben und fünf Minuten.
Die Körpertemperatur wurde durch den Anfall in der Begel nicht
erhöht, nur in einem Anfalle, der ohne Bewusstseinsverlust, aber
mit Aphasie verlief, kam es zu einer Temperaturssteigerung auf 410
während des Anfalles und erst nach Ablauf von V/z Stunden sank
die Temperatur allmälig auf 38*0 herab.
Das Bewusstsein des Kranken war in eilf der beobachteten
Anfälle vollständig aufgehoben, in zweien war es erhalten und in
einem von diesen trat Aphasie während des Anfalles ein, welche
nach wenigen Minuten spurlos verschwand.
Aus der Zusammenfassung des vorliegenden Krankheitsbildes
geht hervor, dass bei dem Kranken neben der nachweisbaren Lun-
gontuberculose, eine rechtsseitige Hemiparese und eigentümliche
Krampfanfälle vorlagen, welche mit denen identisch waren, die man
bei corticaler Epilepsie zu beobachten pflegt.
Es drängte sich nun zunächst die Frage auf, welche Locali-
sation der Veränderung zuzuschreiben sei, welche den eben erwähnten
Symptomencomplex hervorrief. In dieser Beziehung konnte zunächst
mit Bestimmtheit der Sitz der Erkrankung in die linke Hirnrinde
verlegt worden, da nur eine Läsion dieser Partie die rechtsseitige
Ueber corticale Epilepsie. 23
Hemiparese bei vorhandener corticaler Epilepsie erklären konnte.
Ja man konnte nach den vorliegenden Erfahrungen in der Locali-
sation noch weiter gehen und geradezu die Erkrankung in die
linken Centralwindungen versetzen.
Es fragte sich nun weiter, welcher Art die Läsion sei, die
durch Beizung der motorischen Eindencentren dieses eigentümliche
Symptomenbild hervorrief.
In dieser Beziehung musste nach dem früher. Auseinanderge-
setzten an Processe im Knochen, an den Meningen oder am Ge-
hirne selbst gedacht werden. Von der Annahme einer Läsion am linken
Seitenwandbeine musste mit Bücksicht auf das Fehlen der gewöhn-
lichen Ursachen einer solchen, Trauma, Lues, Caries, besonders aber
mit Bücksicht auf die fehlenden Localerscheinungen gänzlich abge-
sehen werden. Von meningealen Veränderungen kamen die Pachy-
meningitis luetica, die Pachymeningitis haemorrhagica, die chro-
nische Meningealtuberculose und die Tumorenbildung an den Me-
ningen in Betracht.
Gegen den ersteren Process sprach das fehlende ätiologische
Moment, gegen die Meningealtuberculose der lange (13monatliche)
Verlauf des Processes; ebensowenig war an eine Pachymeningitis
haemorrhagica zu denken, da diese gewöhnlich beiderseits auftritt
imd auch entsprechend verbreitete Symptome hervorruft und weiter-
hin die Symptome der Erkrankung durch die Annahme eines solchen
einseitig entwickelten Processes nicht vollständig, namentlich nicht
mit Bücksicht auf ihren Verlauf gedeckt werden konnten. Endlich
war auch an einen meningealen Tumor nicht zu denken, weil die
-dabei regelmässig zu beobachtenden sehr intensiven und genau
localisirten Kopfschmerzen vollständig fehlten.
Es waren somit nur Erkrankungen des Gehirnes zu berück-
sichtigen. Von diesen kamen selbstverständlich nur diejenigen in
Frage, welche chronisch beginnen und chronisch verlaufen, denn
nur ein solcher Process konnte das im Leben beobachtete Krank-
heitsbild vollständig decken. Weiterhin konnte aber nur eine Er-
krankung im Gehirne angenommen werden, welche einer Localisation
auf kleine Gehirnabschnitte fähig ist. Es konnten demnach alle
chronischen Hirnprocesse, welche ein mehr oder weniger allgemeines
und gleichmässiges Ergriffensein des Gehirnes bedingen, ausgeschlos-
sen werden. Es war aus diesen Gründen die Hirnatrophie, die diffuse
24 Weiss.
Hirnsklerose, das chronische Gehirnödem auszuschliessen. Aus ana-
logen Gründen konnte auch nicht an die Gegenwart von multipler
Sklerose und Encephalo-Meningitis chronica gedacht werden.
Es blieb somit nichts übrig als circumscripte Läsionen, Ha-
rn orrhagien, Erweichungsherde (resp. Abscesse), Tumoren der Hirn-
rinde anzunehmen.
Von diesen drei Processen konnte die Hämorrhagie aus
leicht begreiflichen Gründen als sehr unwahrscheinlich ausgeschlossen
werden. Was dagegen die Annahme einer Erweichung (resp. Abs-
cessbildung) in den linken Centralwindungen anlangt, so musste
dieser Process um so eher ins Auge gefasst werden, als der Kranke
an Tuberculose der Lungen und Cavernenbildung litt und bei sol-
chen Individuen, wie bekannt, diese Processe nicht selten beob-
achtet werden. Ja es hat im vorigen Jahre Senator1) einen Fall
veröffentlicht, in welchem bei einem Phthisiker, der an corticaler
Epilepsie litt, ein Abscess in der Gegend der Centralwindung als
Ursache dieses Symptomenbildes sich nachweisen liess. Einen ganz
analogen Fall,* den ich später mittheilen werde, hatte ich vor kurzer
Zeit zu beobachten Gelegenheit. Die Möglichkeit einer Abscessbil-
dung im Gehirne musste aber auch deshalb in Betracht gezogen
werden, weil bei dem Kranken drei Schüttelfröste aufgetreten waren
und zur selben Zeit ein Abscess am rechten Sternalrande sich ge-
bildet hatte.
Wenn nun auch, wie aus dem eben Angeführten ersichtlich
ist, die Abscessbildung in der Gegend der linken Centralwindungen
ausserordentlich wahrscheinlich war, so konnte doch nicht die Mög-
lichkeit der Gegenwart eines Tumors in den Centralwindungen in
Abrede gestellt werden, da ja die beobachteten Schüttelfröste auch
in anderweitigen Veränderungen (acute Tuberkel eruptionen) begründet
werden konnten, und die Annahme einer solchen Veränderung den
Krankheitsverlauf vollständig zu erklären im Stande war.
Von Tumoren im Gehirne waren die rascher wachsenden, wie
Gliome, Sarkome, Gliosarkome und Carcinome vollständig auszu-
schliessen, da Hirndruckerscheinungen, welche solche Tumoren,
wenn sie lange bestehen, stets begleiten, vollständig fehlten. Es
konnten somit nur die langsam wachsenden Cysten 8), Chole-
') Berliner klin. Wochenschr. 4879, Nr. 4 und 5.
2) Im klinischen Sinne von den Hirntumoren nicht trennbar.
Ueber corticale Epilepsie. 25
steatome, Fettgeschwülste, und der Tuberkel in Frage kommen.
Von diesen hatte die Tuberkelbildung die unbedingt grösste Wahr-
scheinlichkeit, weil es sich eben um ein tuberculöses Individuum
handelte und Tuberkel in der Hirnrinde relativ häufig beobachtet
werden. Mit Eücksicht auf diese Ueberlegungen wurde die Dia-
gnose auf Abscessbildung oder Tuberkel in der Gegend der linken
vorderen und hinteren Centralwindung gestellt.
In wie weit diqse Diagnose durch die Autopsie ihre Bestäti-
gung fand, ist aus dem später mitzuteilenden Befunde ersichtlich.
Die Section des Falles wurde von Herrn Assistenten Dr. Zemann
ausgeführt und das betreffende Gehirn in der Sitzung der k. k. Ge-
sellschaft der Aerzte vom 17. Februar 1881 demonstrirt.
Es fand sich in der linken Grosshirnhemisphäre ein ziemlich
umfänglicher Tuberkel. Derselbe nimmt die Mitte der vorderen Cen-
tralwindung ein, reicht nach vorne etwa 1 Mm. weit auf die Wurzel
der zweiten Stirnwindung, während er nach hinten die Central-
furche überbrückt und noch etwa 2 — 3 Mm. auf den vorderen Kand
der hinteren Centralwand hinübergreift. Er erscheint als eine
rundliche, etwa 2 Ctm. im Durchmesser haltende Geschwulst, die
sich kaum über die Oberfläche der Hirnrinde erhebt und auf wel-
chem die inneren Meningen sehr innig anhaften. Auf dem Durch-
schnitte stellt er eine brüchige, grünlichgelbe Aftermasse dar, die
von einem schmalen Saume blassröthlichen vascularisirten Gewebes
umgeben ist. Centralwärts reicht der Tuberkel bis in das Centrum
semiovale hinein ; das übrige Gehirn erscheint blass und leicht
ödematös.
Sonst ergab die Obduction im Wesentlichen : Tuberculöse
Phthise in den Oberlappen beider Lungen, besonders im linken mit
Bildung einer umfänglichen Caverne in letzterem. Arrosion eines
kleinen Astes der Pulmonalarterie mit Blutung in die Caverne.
Chronische Tuberculöse in der Milz und in den Nieren in Form bis
über bohnengrosser käsiger Knoten. Tuberculöse Geschwüre im un-
tersten Ileum und Coecum.
Durch die Section -wurde somit das im Leben beobachtete
Krankheitsbild vollständig klargelegt. Der Tuberkel in der Gegend
der linken vorderen und hinteren Centralwindung hatte die corticale
Epilepsie, sowie die rechtsseitige Hemiparese hervorgerufen, während
die zeitweise aufgetretenen Fieberanfälle offenbar in der reichlichen
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Att*Httt*<rt um *</ti ihm Umgebung erbeben werden konnte. Nach
(l*m nitMm*tUttU*#ivlm Angab^i ibre» Mannes und ihrer Schwester
Mi m Mt ^ 4»br^ ftn zeitweise eintretenden Krampfanfäüen,
WMlohn Imwlty mit Erbrochen begannen und in der Regel von Ver-
l) ¥m Hjf\\\\\Ut\miu\ug\& und Theorie der acuten Urämie. Med. Wochtn-
m
Ueber corticale Epilepsie. 27
lust des Bewußtseins begleitet waren. Diese Anfälle, in welchen
es constant zu klonischen Krämpfen in der gesammten Kftrper-
masculatur kam, dauerten angeblich stets 2 — 3 Tage und darnach
soll sich immer wieder vollständiges Wohlbefinden der Kranken
eingestellt haben.
Am 25. Juni 1879, also drei Tage vor der Aufnahme der
Kranken, trat bei derselben plötzlich Verlust des Bewusstseins ein
und hieran schlössen sich Krämpfe der gelähmten Körperhälfte,
welche seitdem persistirten. Der Umgebung der Kranken fiel es auf,
dass die Krämpfe, die, wie bereits erwähnt, in den froheren Anfällen
immer an der gesammten Körpermusculatur bemerkbar waren, jetzt
nur die rechte Körperhälfte betrafen.
Die Kranke bot am 28. Juni 1879 folgenden Status praesens :
Patientin ist kräftig gebaut, gut genährt ; Gesicht und periphere
Theile der Haut cyanotisch. Die Untersuchung der Lungen ergibt
keine Abnormität im Percussionsschalle, bei der Auscultation hört
man allenthalben grossblasiges Bassein, welches das Respirations-
geräusch deckt. Die Untersuchung des Herzens zeigt normale Be-
grenzung desselben. Herzstoss in der Papillarlinie zwischen 5. und
6. Sippe verstärkt wahrnehmbar. Herztöne rein. 2. Aortenton accen-
tuirt. Die peripheren Pulse grösser gespannt.
Unterleib massig ausgedehnt, Bauchdecken straff gespannt. Die
Percussion des ersteren ergibt keine wesentliche Abnormität. Bei der
Palpation lässt sich in der Regio hypogastrica dextra ein Tumor
constatiren, welcher, wie die von Herrn Assistenten Dr. Kucher
ausgeführte Untersuchung der inneren Genitalien ergibt, mit dem
Uterus im Zusammenhange steht. Der mittelst Katheters entleerte
Harn war trübe, dunkelbraunroth, von saurer Reaction und enthielt
Eiweiss in reichlicher Menge. Die Menge des entleerten Harnes be-
trag etwas über 1 Liter. Im Sedimente desselben fanden sich neben
einzelnen Lymphkörperchen und Epithelzellen des harnableitenden
Apparates zahlreiche hyaline und granulirte Gylinder.
Das Bewusstsein der Kranken ist vollkommen erloschen, sie
reagirt auf keinerlei Beize. Bei längerer Beobachtung bemerkte
man zunächst, dass die Respiration der Kranken in exquisiter Weise
den Cheyne-Stoke'schen Typus zeigt, indem Athempausen von 30 bis
40 Secunden mit Respirationsphasen abwechseln, in welchen es,
nachdem kurze Zeit flachere Respirationen vorausgegangen sind, zu
26 Weiss.
Eruption von Tuberkeln in den Lungen, der Milz und der Nieren
begründet erschienen. Interessant ist es, dass trotz der grossen Aus-
dehnung des Tuberkels, trotzdem er direct in der sogenannten mo-
torischen Zone lag und bis in die Marksubstanz hineinreichte, doch
keine schweren Lähmungserscheinungen im Leben bemerkt wurden,
welche wir ja bei vollständiger Zerstörung der genannten Hirnab-
schnitte sonst nicht zu vermissen pflegen. Es ist dies meiner Mei-
nung nach darin begründet, dass der Tuberkel bei seinem Wachsthum
die Hirnmasse auseinander drängte und nur sehr geringe Anfheile
derselben zerstört hatte. Ich stütze diese Meinung durch analoge
Befunde, welche nicht selten gemacht werden, indem selbst nussgrosse
Tumoren, die mitten im Centrum semiovale liegen, unter solchen
Umständen keinerlei Lähmung hervorrufen und ich selbst habe vor
drei Jahren einen Fall von Garies der Dorsalwirbelsäule beobachtet,
in welchem ein fast haselnussgrosser Tuberkel in der Substanz des
Pons aufgefunden wurde, der im Leben des Patienten keinerlei nach-
weisbare Störungen hervorgerufen hatte.
II. Rechtsseitige corticale Epilepsie. Capilläre Hämorrhagien
in der linken ersten Parietalwindung.
Diesen Fall habe ich bereits in einer anderen Publication ')
ausfuhrlich mitgetheilt, halte aber mit Bücksicht auf seine Bedeu-
tung für die Lehre von der corticalen Epilepsie seine Erwähnung
an dieser Stelle für nothwendig, besonders mit Bücksicht auf einen
später zu besprechenden analogen Fall, welchen ich jüngst zu beob-
achten Gelegenheit hatte.
Er betraf eine 47jährige Frau, welche am 28. Juni 1879 auf
Z. 90 des k. k. allgemeinen Krankenhauses aufgenommen wurde.
Die Kranke war zur Zeit der Aufnahme vollständig bewusstlos und
persistirte in diesem Zustande bis an ihr Lebensende, so dass die
Anamnese nur von ihrer Umgebung erhoben werden konnte. Nach
den übereinstimmenden Angaben ihres Mannes und ihrer Schwester
litt sie seit 3 Jahren an zeitweise eintretenden Krampfanfallen,
welche häufig mit Erbrechen begannen und in der Begel von Ver-
') Znr Symptomatologie und Theorie der acuten Urämie. Med. Wochen-
schrift 1881, Nr. 3 n. 4.
Ueber corticale Epilepsie. 27
lust des Bewusstseins begleitet waren. Diese Anfälle, in welchen
es constant zu klonischen Krämpfen in der gesammten Körper-
musculatur kam, dauerten angeblich stets 2 — 3 Tage und darnach
soll sich immer wieder vollständiges Wohlbefinden der Kranken
eingestellt haben.
Am 25. Juni 1879, also drei Tage vor der Aufnahme der
Kranken, trat bei derselben plötzlich Verlust des Bewusstseins ein
und hieran schlössen sich Krämpfe der gelähmten Körperhälfte,
welche seitdem persistirten. Der Umgebung der Kranken fiel es auf,
dass die Krämpfe, die, wie bereits erwähnt, in den früheren Anfällen
immer an der gesammten Körpermusculatur bemerkbar waren, jetzt
nur die rechte Körperhälfte betrafen.
Die Kranke bot am 28. Juni 1879 folgenden Status praesens:
Patientin ist kräftig gebaut, gut genährt; Gesicht und periphere
Theile der Haut cyanotisch. Die Untersuchung der Lungen ergibt
keine Abnormität im Percussionsschalle, bei der Auscultation hört
man allenthalben grossblasiges Bassein, welches das Respirations-
geräusch deckt. Die Untersuchung des Herzens zeigt normale Be-
grenzung desselben. Herzstoss in der Papillarlinie zwischen 5. und
6. Bippe verstärkt wahrnehmbar. Herztöne rein. 2. Aortenton accen-
tuirt. Die peripheren Pulse grösser gespannt.
Unterleib massig ausgedehnt, Bauchdecken straff gespannt. Die
Percussion des ersteren ergibt keine wesentliche Abnormität. Bei der
Palpation lässt sich in der Regio hypogastrica dextra ein Tumor
constatiren, welcher, wie die von Herrn Assistenten Dr. Kucher
ausgeführte Untersuchung der inneren Genitalien ergibt, mit dem
Uterus im Zusammenhange steht. Der mittelst Katheters entleerte
Harn war trübe, dunkelbraunroth, von saurer Beaction und enthielt
Eiweiss in reichlicher Menge. Die Menge des entleerten Harnes be-
trug etwas über 1 Liter. Im Sedimente desselben fanden sich neben
einzelnen Lymphkörperchen und Epithelzellen des harnableitenden
Apparates zahlreiche hyaline und granulirte Cylinder.
Das Bewusstsein der Kranken ist vollkommen erloschen, sie
reagirt auf keinerlei Beize. Bei längerer Beobachtung bemerkte
man zunächst, dass die Respiration der Kranken in exquisiter Weise
den Cheyne-Stoke'schen Typus zeigt, indem Athempausen von 30 bis
40 Secunden mit Respirationsphasen abwechseln, in welchen es,
nachdem kurze Zeit flachere Respirationen vorausgegangen sind, zu
28 Weiss.
sehr heftiger und frequenter Respiration kommt, die dann allmälig
sich verlangsamt und an Intensität abnimmt, um wieder in eine
vollständige Athempause überzugehen. Die Dauer der Respirations-
phase ist sehr verschieden; sie schwankt zwischen 40 Secunden und
5 Minuten. Während der Respirationspause erreicht die Cyanose der
Kranken ihre höchsten Grade.
Gleichzeitig mit den heftigen Respirationsbewegungen der -Kran-
ken verlaufen eigenthümliche Krämpfe, welche constant mit der
ersten auf die Athempause folgenden Respiration beginnen, während
der ganzen Dauer der Respirationsphase anhalten, um dann während
der Athempause vollständig zu cessiren. Die Krämpfe waren stets
klonische und wurden zunächst an den von den Augen- und Mund-
zweigen des Facialis versorgten Muskeln bemerkt; hieran schlössen
sich in rascher Folge klonische Krämpfe der Hals-, der Stammes-,
der Extremitätenmusculatur der rechten Seite an, so dass auf der Höhe
des Anfalles, der durch äusserst frequente und forcirte Respirationen
mit weithin hörbarem Trachealrasseln marMrt war, kaum ein Mus-
kel der rechten Körperhälfte unbewegt erschien. Die Krämpfe im
rechten Facialisgebiete riefen ein Hinübergezerrtwerden der linken
Gesichtshälfte nach der rechten Seite hervor; die Krämpfe der
Nacken- und Halsmuskeln bewirkten, dass der Kopf rasch nach
rechts und links geschleudert wurde. Die obere und untere Extre-
mität der rechten Seite, welche während des Anfalles in allen Ge-
lenken gestreckt erschienen, wurden durch Krämpfe in den Abduc-
toren und Adductoren abwechselnd an den Stamm geschleudert
oder von demselben abgeworfen. Während des Anfalles fühlten sich
alle Muskeln der rechten Seite bretthart an.
Solche Anfälle habe ich von 9 Uhr 30 Min. Vormittags bis
10 Uhr 30 Min. 15, von 2 Uhr 30 Min. bis 3 Uhr 30 Min. 45
beobachtet, von da ab bis Mitternacht traten unaufhörlich gegen
200 solcher Anfalle ein, worauf die Respiration den Cheyne-Stoke-
schen Charakter verlor und kein weiterer Anfall mehr eintrat.
In der Zeit von 9 Uhr bis 9 Uhr 30 Min. Vormittags hat
mein damaliger College auf der Abtheilung, Herr Dr. F. Kaspar,
auch einzelne Anfälle beobachtet, in denen die Krämpfe nicht blos
auf die rechte Körperhälfte beschränkt waren, sondern auch die
linksseitigen Extremitäten betrafen; nach dieser Zeit wurden nur
rechtsseitige Krämpfe beobachtet.
lieber corticale Epilepsie. 29
Am nächsten Tage (29. Juni) war die Athmnng der bewusst-
losen Kranken ruhig, die cyanotischen Erscheinungen vollkommen
geschwunden. An den linksseitigen Extremitäten wurden zeitweise
Bewegungen bemerkt; sie zeigten normalen Tonus, resistirten, wenn
sie gehoben wurden und das Herabfallen derselben erfolgte mit
deutlicher Hemmung. Die rechtsseitigen Extremitäten waren voll-
kommen schlaff und fielen, wenn sie gehoben wurden, wie todt
herab. Der rechte Facialis war in seinen respiratorischen Zweigen
gelähmt. Die Eeaction der mittelweiten, gleichen Pupillen träge.
Secessus inscii.
Am dritten Tage (30. Juni) trat um 5 Uhr Morgens im tief-
sten Goma der lethale Ausgang ein.
Die klinische Diagnose lautete: Morbus Brightii chronicus, acu-
tes Oedem des Gehirnes und Hämorrhagie in der Gegend der links-
seitigen Centralwindungen.
Die von Herrn Assistenten Dr. Zemann ausgeführte Section
ergab im Wesentlichen folgenden Befund:
Harte Hirnhaut massig gespannt; innere Meningen blutreich,
sehr stark ödematös, von der Hirnoberfläche sehr leicht abziehbar.
Gehirn selbst zähe, blutreich, seine Windungen verschmälert, die
Sulci breit, die Atrophie besonders an den Scheitelrändern beider
Hemisphären ausgeprägt. In der grauen Substanz der linken ersten
Parietalwindung einige capillare Hämorrhagien. Die Gehirn Ventrikel
erweitert, in ihnen klares Serum.
Ausserdem fand sich eine leichte concentrische Hypertrophie
des linken Herzventrikels, Bright'sche Nierenatrophie und ein gans-
eigrosses Myofibrom des Uterus.
Es wies somit die Section im vorliegenden Falle die Anwesen-
heit von capillaren Blutungen im oberen Scheitelläppchen nach,
welche als Ursache der im Leben beobachteten Erscheinungen von
corticaler Epilepsie anzusehen sind. Die nähere Begründung dieser
Anschauung, sowie weitere epikritische Bemerkungen unterlasse ich,
da ich dieselbe an anderer Stelle bereits gemacht habe. Ich will
nur noch hervorheben, dass in diesem Falle trotz Fortbestehens der
capillaren Hämorrhagien in den letzten Lebenstagen keine corticalen
Krämpfe mehr auftraten, sondern rechtsseitige Lähmung beobachtet
wurde. Dies dürfte meiner Meinung nach darauf zu beziehen sein,
dass durch in der Umgebung der Blutimg stärker als an den übrigen
30 Weiss.
Partien des Gehirnes entwickeltes oder wenigstens daselbst und in
der nächsten Umgebung bei gleicher Intensität der Entwicklung in
höherem Grade destructiv wirkendes Oedem des Gehirnes diese für
das Zustandekommen der corticalen Epilepsie so wichtigen Binden-
abschnitte in ihrer Ernährung schwer beeinträchtigt wurden.
III. Corticale linksseitige Epilepsie. Abscess in der Gegend
der rechten vorderen Centralwindnng.
Der Fall betraf einen 22jährigen Tischlergehilfen, welcher am
8. Jänner 1879 auf Z. 101 des k. k. allgemeinen Krankenhauses
aufgenommen wurde. Er gab an seit 3 Wochen an Husten, Seiten-
stechen, Fiebererscheinungen und Kopfschmerzen zu leiden, welche
Beschwerden seitdem andauern. Seit 3 Tagen bemerkt der Kranke
eine Parese der Strecker des linken Vorderarmes.
Die am Tage der Aufnahme vorgenommene Untersuchung
ergab folgenden Status praesens:
Patient mittelgross, schwächlich gebaut, anämisch. T. 38*5,
P. 100, von mittlerer Grösse und geringer Spannung. Pat. klagt
gegenwärtig über Schmerz, den er im ganzen Kopfe aber intensiver
auf der rechten als auf der linken Seite verspürt. Faciales und
Augenmuskelnerven zeigen normale Innervationsverhältnisse. Pupil-
len mittelweit, auf Lichtreiz und Accommodation reagirend. Bewe-
gungen der Zunge normal. Sprache unverändert.
Die Untersuchung der Lungen ergibt beiderseits in den Lun-
genspitzen massig gedämpften Schall, daselbst hört man neben ein-
zelnen dumpfen Basseigeräuschen rauhes vesiculäres Inspirium und
verlängertes Exspirationsgeräusch. Hinten hört man neben den glei-
chen Erscheinungen an einzelnen Stellen mittelblasiges, consoniren-
des Bassein und bronchiales Exspirium. Sputa globosa. Die Unter-
suchung des Herzens und der Unterleibsorgane ergibt keine Ab-
normität. An den oberen Extremitäten sind die Strecker des linken
Vorderarmes paretisch, die übrigen Muskelgruppen dieser Extremität
zeigen normale Beschaffenheit, ebenso die Sensibilität. Die Sensibi-
lität und Motilität der rechten oberen Extremität, sowie der unteren
Extremitäten zeigte keine Alteration. Blasen- und Darmfunction war
ungestört. Am 10. Jänner trat um Va^ Uhr Abends ein 5 Minuten
andauernder epileptischer Anfall ein, wobei nur Zuckungen in den
Ueber corticale Epilepsie. 31
linksseitigen Extremitäten bemerkt wurden. Der Kranke war wäh-
rend des Anfalles vollständig bewusstlos; nach demselben klagte er
über intensiven Kopfschmerz und Zunahme des Schwächegefuhles
im linken Arme.
Am 16., am 19. und am 22. Jänner traten ähnliche Anfälle
ein, wobei stets klonische Krämpfe nur in den linksseitigen Extremi-
täten bemerkt wurden. Auch während dieser Anfalle, die nur wenige
Minuten dauerten, war Patient vollständig bewusstlos. Am 22. Jän-
ner trat Erbrechen grünlicher wässeriger Flüssigkeit ein, der Kopf-
schmerz wurde intensiver, die Parese des linken Vorderarmes wurde
ausgeprägter (Paralyse der Strecker, Parese der Beuger des Vorder-
armes) und der Kranke war zeitweise somnolent. Am 23. Jänner
wurde er soporös, es stellte sich Trachealrasseln ein und um 8 Uhr
trat der lethale Ausgang ein.
Mit Bücksicht auf die nachweisbaren linksseitigen corticalen
Krämpfe wurde die Erkrankung in die Umgebung der rechten Cen-
tralwindungen (resp. in diese selbst) verlegt und als Ursache der
Läsion dieser Partie mit Wahrscheinlichkeit die Gegenwart eines
Tuberkels angenommen.
Bei der von Herrn ProsectorDr. Chiari vorgenommenen Au-
topsie wurde im Wesentlichen der folgende Befund statuirt. Weiche
Schädeldecken blass, Dura mater stärker gespannt, innere Meningen
zart. Die Hirnwindungen besonders über den Lobi frontales und
parietales der rechten Seite abgeplattet. In seiner Substanz mehrere
Abscesse; einer derselben von Wallnussgrösse in der Binde und
weissen Substanz der rechten Grosshirnhemisphäre, gerade entspre-
chend der Mitte des Gyrus centralis anterior; ein zweiter, halb so
gross, inmitten der weissen Substanz des Lobus occipitalis dexter,
und ein dritter, haselnussgross, in der weissen Substanz und in der
Binde des Lobulus internus und occipitalis der linken Seite. Im Pons
mehrere streifenförmige, bis erbsengrosse Hämorrhagien. In den Lun-
gen fanden sich Schwielen in beiden Oberlappen. Ausserdem fand
sich Pleuritis sinistra mit massigem Exsudate und Perisplenitis.
Die im Leben beobachteten Convulsionen in den linksseitigen
Extremitäten mit Parese der linken oberen Extremitäten zeigten
sich demnach begründet in einer Abscessbildung in der Gegend
der rechten vorderen Gentralwindung u. z. in der Mitte derselben.
Die durch die Autopsie nachgewiesenen Abscesse in den beidersei-
32 Weiss.
tigen Occipital Windungen hatten im Leben keine nachweisbaren
Störungen hervorgerufen. Uebrigens wurde der Kranke bei der Auf-
nahme nur einmal auf Sehstörungen geprüft.
IT. Corticale rechtsseitige Epilepsie. Chronische Meningitis
mit Adhäsion im Bereiche der linken vorderen und hinteren
Centralwindnng.
Den nachfolgenden Fall, welcher nach mancher Eichtung hin
mir sehr interessant und lehrreich erscheint, werde ich sehr aus-
fuhrlich berichten. Er wurde von mir und meinem damaligen Ab-
theilungs-Cöllegen Herrn Dr. Fr. v. Pfungen genau untersucht und
sorgfaltig beobachtet. Die 45jährige Kranke wurde am 30. Jänner
1880 auf Z. 90 des k. k. allgemeinen Krankenhauses aufgenommen.
Sie gab an, dass sie vor 10 Jahren eine totale Lähmung des Ocu-
lomotorius dexter acquirirt habe, welche von Prof. Benedikt als
• eine rheumatische angesehen wurde und nach elektrischer Behand-
lung bis auf die jetzt noch nachweisbaren Defecte verschwand.
1869 hat Patientin zum 1. Male, 1872 und 1874 zum 2. und
3. Male geboren. Die letzteren Kinder leben, das erste kam gesund
zur Welt und starb angeblich an Hydrocephalus im 9. Lebens-
monate.
Die Kranke war sonst stets gesund und soll nur zeitweise
an reissenden Schmerzen in den Beinen und in früheren Jahren
häufig an Hemicranie gelitten haben, welche letztere jedoch seit
einigen Jahren nicht wieder auftrat. Nach der Geburt des ersten
Kindes soll Patientin eine Lungen- und Kippenfellentzündung durch-
gemacht haben.
Vor 1V2 Jahren erlitt Patientin einen heftigen Schlag auf
das rechte Seitenwandbein , indem dasselbe von einem ge-
schwungenen Glase getroffen wurde und seitdem klagt sie über
zeitweise auftretende Zuckungen in der rechten oberen Extre-
mität, wobei diese angeblich steif und wie todt geworden sein
soll. Nach einigen dieser Anfälle, welche jede zweite Woche wie-
derkehrten, trat Sprachlosigkeit auf, welche jedoch nach wenigen
Minuten verschwand. Gestern Mittags soll Patientin plötzlich be-
wusstlos zusammengestürzt sein und seitdem bestehen fast continuir-
lich Zuckungen in der rechten Gesichtshälfte und an der rechten
Ueber corticale Epilepsie. 33
oberen Extremität. Abends (2. Jänner) soll Patientin bei Bewusst-
sein gewesen sein, sie war jedoch aphasisch. Im Mai dieses Jahres
soll Oedem der unteren Extremitäten bis zu den Knien vorhan-
den gewesen sein.
Status praesens vom 3. Januar 1880. Patientin mittelgross,
ziemlich kräftig gebaut, schlecht genährt. Die Untersuchung der
inneren Organe ergibt keine Abnormität, nur am Herzen sind
deutliche Veränderungen nachweisbar. Herzstoss zwischen 5. und 6.
Eippe in der linken Papillarlinie fühlbar, deutlich hebend. Herz-
dämpfung etwas verlängert. An der Herzspitze und am Aorten-
ostium ein lautes systolisches Geräusch hörbar, welches sich in
die beiden Carotiden fortpflanzt und auch in der Gegend der Pulmo-
nalarterie noch gehört wird. Am Eingange in die Aorta hört man
neben dem systolischen ein schwaches, sausendes diastolisches Ge-
räusch. In den -Carotiden fehlt der zweite Ton. Die peripheren
Pulse gespannt, schnellend. Die Untersuchung des Harnes (mittelst
Katheters entleert) ergibt keine Abnormität.
Patientin ist vollkommen aphasisch und worttaub; sie ver-
steht absolut nicht die an sie gerichteten Fragen, wohl aber ist
sie im Stande ihr vorgezeigte Bewegungen nachzumachen und die
Aufforderung als solche zu verstehen. Fordert man sie z. B. mit
Worten auf die Zunge zu zeigen, blickt sie den Sprecher, wie
fragend an, ohne irgend etwas zu thun, wiederholt man die Auf-
forderung und zeigt ihr dabei das Verlangte vor, so streckt sie
die Zunge heraus. Wiederholt man die Aufforderung, die Zunge
zu zeigen wiederum mit Worten und drückt dabei die Augen zu,
so schliesst Patientin gleichfalls die Augen. Beicht man ihr die
Hand, so ergreift sie dieselbe unter Lächeln und drückt sie, falls
man sie durch Mienen hiezu auffordert. Ihren sie besuchenden Mann
erkannte sie sofort, ebenso ihre Schwester und begrüsste sie mit
freundlichem Zulächeln und Handdruck. Ihr vorgezeigte Gegenstände
kennt sie wohl, indem sie über den Gebrauch der Gegenstände
sich orientirt zeigt, die Namen derselben jedoch kann sie nicht
angeben. Blickt man sie lächelnd an, so erwiedert sie stets mit
Lachen. Geht man vor ihrem Bette auf und ab, so folgt sie stets
mit den Augen.
Am rechten Auge ist Ptosis und constante Abductionsstellung
nachweisbar, sonst ist die Beweglichkeit dieses und des linken
Med. Jahrbücher. 1882. g
34 Weis b.
Auges intact. Die rechte Pupille ist bedeutend weiter als die linke,
deren Reactionsfähigkeit gegen Lichtreize normal ist. Im rechten
Facialisgebiete bemerkt man andauernde (etwa jede Secunde auf-
tretende) klonische Contractionen im Eisorius Santorini und in den
Mm. zygomaticis, wobei der rechte Mundwinkel auch in den kurzen
Pausen zwischen den Krämpfen mehr als der linke nach aussen
gerückt erscheint. Im selben Tempo treten klonische Zuckungen
im rechten Platysma myoides, in der vorderen Portion des Deltoides
im Biceps, Supinator longus (abwechselnd mit dem Pronator teres)
derselben Seite, manchmal auch im Muskelgebiete des Nervus ulnaris
und Medianus dexter auf. Die rechte untere Extremität ist vollkom-
men frei von Zuckungen — Abends, gelegentlich eines Versuches, die
Kranke zu ophthalmoscopiren, wird dieselbe sehr unruhig, versucht
sich aufzurichten, hebt beide Arme im Schultergelenke empor und
richtet sich in einer Stellung, als wollte sie dem Beschauer einen
Schlag versetzen. Bei den Versuchen sich aufzurichten bemerkt man,
dass die Kranke ganz gut Bewegungen in den Kniegelenken vor-
nehmen kann.
4. Jänner. Die Kranke ist noch immer aphasisch und wort-
taub, die klonischen Contractionen, welche im wachen Zustande
persistiren, schwanden im Schlafe vollständig, dagegen nicht nach
einer durch Morphininjection (0*03) erzeugten Narkose.
5. Jänner. Die Zuckungen in der rechten Gesichtshälfte und
in der rechten oberen Extremität persistiren und sind ausserdem
klonische Zuckungen im Kadialisgebiete hinzugetreten. Aphasie und
Worttaubheit wie am Vortage. Auch heute Nacht wurde voll-
ständige Cessation der Krämpfe während des naturlichen Schlafes
beobachtet; beim Aufwachen treten die Zuckungen sofort wieder ein.
6. Jänner. Die Zuckungen im Gesichte und Arme persistiren.
Patientin beantwortet an sie gestellte Fragen, welche von entspre-
chenden Geberden begleitet sind richtig mit Ja", oder „nein".
Sonst ist sie nach wie vor worttaub und kennt ausser den ange-
gebenen Worten und dem Worte „Pepi" (Name ihres Mannes)
kein Wort.
7. Januar. Die Zuckungen in der rechten Hand und im
rechten Facialisgebiete haben aufgehört. Nachmittags beantwortet
Patientin die Fragen ihres Mannes ganz richtig, nicht blos mit Ja"
und „nein" sondern auch mit kurzen, aber richtig gebildeten,
Ueber corticale Epilepsie. 35
verständlichen und zutreffenden Sätzen. Bei mehreren tagsüber
vorgenommenen Untersuchungen, zeigte sie die am früheren Tage
geschilderten Symptome von partieller Aphasie und Worttaubheit.
8. Jänner. Nachts war die Kranke sehr unruhig. Am Morgen
trat ein länger dauernder (durch 10 Minuten beobachteter) Lach-
krampf ein. Seit einer Stunde ist Patientin sehr heiter gestimmt.
Auf mündliche Aufforderung, ohne dass man durch Geberde ihrem
Verständnisse zu Hilfe kommt, streckt sie die Zunge heraus. Sie
beantwortet viele Fragen anstatt mit zutreffenden Antworten mit
Ja". Sie kann ihr vorgezeigte Gegenstände richtig bezeichnen,
z. B. Glas, Löffel, Centimeter, Brod, etc. Auf die entsprechenden
Fragen antwortet sie „der Vater (Gatte) war da", „die Schwester
war da", andere Fragen jedoch werden einfach mit Ja" beantwortet,
ohne dass diese Antwort immer zutrifft.
9. Jänner. Tagsüber war die Kranke ruhig; die Erscheinun-
gen der partiellen Aphasie und Worttaubheit zeigten gegen gestern
keine Veränderung. Abends traten 6 epileptische Anfälle hinter ein-
ander auf, bei welchen nur rechtsseitige Zuckungen bemerkt wur-
den. Dabei tobte die Kranke so, dass eine Morphininjection ge-
geben werden musste.
10. Jänner. Die Nacht verbrachte Patientin sehr unruhig,
am Morgen war sie, wie gewöhnlich, unbegründet heiter gestimmt.
Die Krämpfe sind nicht wiedergekehrt. Aphasie und Worttaubheit
wie an den letzten zwei Tagen. Nachmittag trat eine Veränderung
in der Sprache ein, sie wurde scandirend, die Articulation mangel-
haft. Abends traten heftige Aufregungszustände ein, in welchen es
der Kranken gelingt aus dem Bette zu entkommen. Sie stürzt
nieder und stösst sich mit der linken Schläfe an, woselbst an der
Haut eine Suffusion bemerkbar ist.
11. Jänner. Patientin hat die Nacht hindurch getobt. Auch
Morgens trat anfallsweise Toben imd Schreien ein. Die Eespiration
ist verlangsamt, die Kranke cyanotisch. 8l/z Uhr Früh. Nachdem
Patientin eben getobt hat und offenbar eine Person vor sich zu
haben geglaubt, welche sie zu umarmen und an sfch zu ziehen
verlangte, wird sie ruhig. Bald darauf treten die bis dahin ge-
schwundenen Zuckungen im rechten Arme und in der rechten Ge-
sichtshälfte auf. An der rechten oberen Extremität betreffen die
Zuckungen die Abductoren und Adductoren des Oberarmes, fast
36 Weiss.
das ganze Radialis-Ulnaris- und Medianusgebiet. Ausserdem werden
klonische Zuckungen (im gleichen Tempo wie die an den übrigen
Muskeln der rechten Seite) am Extensor hallucis dexter beobachtet
T. 37-0, P. 93, E. 6. — 83/4 Uhr V. M. Im Pacialisgebiete bei-
derseits Ruhe ; nur zwei Mal während einer 74 Stunde unterbrochen
durch symmetrisch ausgeführte Schnappbewegungen. Die klonischen
Contractionen der rechten oberen Extremität häufiger und kräftiger.
Zu den früher geschilderten sind brüske Hebebewegungen im
rechten Schultergelenke hinzugetreten, wobei die Schlüter unver-
rückt bleibt.
12. Jänner. Am Morgen ist Patientin nach ruhig zugebrachter
Nacht heiter. Sie spricht ganz logisch, articulirt gut. Aphasie und
Worttaubheit geschwunden. Eespiration normal. Um 5 Uhr Abends
treten am rechten Vorderarme schwache Zuckungen im Badialis-
gebiete ein. T. 38*0, Abends 39*5.
13. Jänner. Patientin vollständig sprachfahig, psychisch normal.
Decubitus am Os sacrum. — T. Morgens 37*0, Abends 37*4.
20. Jänner. Patientin erschien bis zum heutigen Tage obzwar
sie zeitweise getobt und geschrieen, sonst in der Bewusstseinssphäre
fast normal. Heute zeigte sich ein Erysipel der rechten Gesichts-
hälfte. T. Morgens 37*0, Abends 37-4.
21. Jänner. T. Morgens 390, Abends 39*4. Das Erysipel
über das ganze Gesicht verbreitet. Keine cerebralen Störungen.
22. Jänner. T. Morgens 39*5, Abends 39'6. Status idem.
23. Jänner. Patientin ist fast constant benommen, zeigt zeit-
weise klonische Zuckungen in der rechten oberen Extremität.
T. 40-0, Abends 40.6.
24. Jänner. T. 39*8, Abends 40*8.
25. Jänner. T. 40*0, Abends 40*0. Patientin ist komatös und
tritt um 61/* Uhr Abends der lethale Ausgang ein.
Fassen wir den Sympfcomencomplex, welchen die Kranke dar-
bot, zusammen, so ergibt sich, dass bei der früher ganz gesunden
Patientin (die rheumatische Oculomotoriuslähmung war bereits vor
10 Jahren abgelaufen) nach einem schweren Trauma, das zunächst
auf das rechte Seitenwandbein einwirkte, Zuckungen in der rechten
oberen Extremität sich einstellten, welche jede zweite Woqh&
wiederkehrten, zeitweise von Aphasie begleitet warep u&d wc
zuletzt in einem solchen Anfalle zu BewrosQqp
Ueber cortlcale Epilepsie. 37
drei Wochen unter fast continuirlichen Anfallen von einseitigen
Krämpfen zum lethalen Ausgange kam. Von anderen pathologischen
Zuständen, welche für das dominirende Krankheitsbild von Wichtig-
keit sein konnten, war nur eine Insufficienz der Aortaklappen
zu statuiren.
Nach der klaren Anamnese, die wir besassen, musste zunächst
daran gedacht werden, dass das Trauma in irgend einer Weise
die corticalen Krämpfe veranlasst habe. Die Einwirkung desselben
auf die Hirnrinde konnte in verschiedener Weise erfolgt sein.
Zunächst war es mit Bücksicht auf die rechtsseitigen Krämpfe,
welche zeitweise von Aphasie gefolgt waren> mit Bestimmtheit
anzunehmen, dass im Gefolge des Trauma eine Läsion der lin-
ken Hirnrinde eingetreten sei. In Bezug auf die Art derselben
kamen nach den vorliegenden Erfahrungen Veränderungen an
den Knochen (Fissuren, Fracturen), an den Meningen (Pachyme-
ningitis) am Gehirne, (Encephalitis, Blutungen und Tuiporenbil-
dung) in Betracht. Veränderungen an den Knochen waren nach den
objectiven Befunden nicht gut anzunehmen, ebenso wenig Pachy-
meningitis und Blutungen in der Hirnrinde, da diese, wie aus später
mitzutheilenden Fällen sich ergeben dürfte, viel schwerere Symptome
setzen und rascher zum lethalen Ausgange führen. Die Tumoren-
bildung im Gehirne war abgesehen davon, dass sofort nach der
Verletzung die erwähnten Krämpfe eintraten, unwahrscheinlich weil
der localisirte und constante Kopfschmerz *) vollständig fehlte. Es
blieben demnach nur encephalitische frocesse in Frage. Die Ence-
phalitis konnte wiederum in verschiedener Weise den vorliegen-
den Symptomencomplex bedingen. Es konnte sich um Erweichung
(resp. Abscessbildung) handeln, andererseits aber kam die chroni-
sche Form derselben, die Encephalomeningitis chronica in Betracht,
welche nicht selten im Gefolge von Traumen auftritt. Zwischen
diesen beiden Formen konnte die differentielle Diagnose im Leben
nicht durchgeführt werden, da sie beide im Stande waren, den gesamm-
ten Symptomencomplex und insbesondere auch die in den letzten drei
Wochen aufgetretenen Symptome, die auf eine in der letzten Zeit
aufgetretene intensive Läsion der linken Hirnrinde hinwiesen, voll-
lÜnrtig erüärejo. Ausserdem konnte auch die Vorstellung nicht
*H nur manchmal bei Tuberkeln und Cystenbildungen, welche
38 Weiss.
zurückgewiesen werden, dass die zuletzt aufgetretenen intensiveren
Erscheinungen vielleicht auf eine Embolie in kleinere Aeste der
Art. fossae Sylvii sinistra zu beziehen seien, da hiezu bei der Gegen-
wart der Aortenklappeninsufficienz Grund genug Vorlag.
Mit Bücksicht auf diese Ueberlegungen wurde die klinische
Diagnose mit Wahrscheinlichkeit auf Encephalitis traumatica in der
Kegion der linken vorderen Centralwindung und der linken dritten
Stirnwindung gestellt.
Die von Herrn Assistenten Dr. Zemann vorgenommene Au-
topsie ergab im Wesentlichen folgenden Befund.
Insufficienz der Aortenklappen aus Anwachsung der Klappen-
ränder an ihren Commissurenden und dadurch bedingter Verkür-
zung derselben. Chronische Endarteriitis. Diphtheritische Cystitis.
Ausgebreiteter Decubitus in der Kreuzbeingegend. Linksseitige
serös-fibrinöse Pleuritis mit circa 1 Liter Exsudat. Becente, serös-
eiterige Pericarditis mit etwa 50 Cctm. Exsudat. Chronischer Morbus
Brightii. — Chronische Meningitis mit beträchtlicher Verdickung
der inneren Meningen besonders über der Convexität der linken
Grosshirnhemisphäre in der Gegend der ersten und zweiten Fron-
talwindung, der oberen Hälfte der vorderen und hinteren Central-
windung. Massige Atrophie des Gehirnes.
Der eben mitgetheilte Sectionsbefund zeigt somit, dass die corti-
cale Epilepsie im vorliegenden Falle durch Adhäsion der verdickten
Meningen an das atrophische Gehirn im Bereiche der linken oberen
Abschnitte der Centralwindungen hervorgerufen war. Da die cortica-
len Krämpfe im vorliegenden Falle vorzugsweise die obere Extremi-
tät der rechten Seite betrafen, so liefert dieser Fall einen neuerlichen
Beweis dafür, dass in die genannten Partien die Bindencentren für die
obere Extremität liegen. Was die Erklärung der übrigen Symptome,
welche die Kranke darbot, anlangt, so ist dieselbe an der Hand
des Sectionsbefundes nicht schwer. Es traten offenbar in der Um-
gebung der adhärenten Partien der Meningen, also an der dritten
Stirnwindung, an der ersten Temporalwindung, sei es in Folge von
Oedem oder in Folge von Circulationsstörungen zeitweise Verände-
rungen ein, welche die Function der genannten Theile ganz oder
partiell beeinträchtigten. In ähnlicher Weise finden die beobach-
teten psychischen Symptome ihre Erklärung. In symptomatischer
Beziehung ist im vorliegenden Falle hervorzuheben, die tagelange
Ueber corticale Epilepsie. 39
Persistenz der klonischen Krämpfe an der rechten oberen Extre-
mität, das zeitweise beobachtete Auftreten von Aphasie und Wort-
taubheit im Gefolge der Anfalle, welche letztere Erscheinung meines
Wissens als Folgeerscheinung corticaler Krämpfe in diesem Falle
zum ersten Mal statuirt wurde, endlich das Cessiren der sonst con-
tinuirlich beobachteten Krämpfe im Schlafe.
V. Rechtseitige corticale Epilepsie. Capilläre Uämorrhagien
in die linke vordere Centralwindnng.
Am 26. Juli 1881 wurde auf Z. 90 des k. k. allgemeinen
Krankenhauses ein« 23jährige Bildhauersgattin aufgenommen. Sie
soll früher stets gesund gewesen sein, bis vor 14 Tagen, wo sie
plötzlich unwohl wurde und, nachdem sie wenige Worte an ihre
Angehörigen gerichtet hatte, bewusstlos zusammenstürzte. Nach
74 Stunde kam sie % wieder zu sich, konnte selbst aufstehen und sich
entkleiden und bemerkte mit Ausnahme eines Gefühles von Pelzig-
sein in der rechten oberen Extremität keine weitere Störung. Die
nächsten zwei Tage beschäftigte sich Patientin noch im Hause,
stürzte aber etwa 48 Stunden nach dem ersten Insulte auf der
Hausflur bewusstlos zusammen. Sie kam bald zu sich, bemerkte
aber von jetzt ab andauernd unwillkürliche Bewegungen der rech-
ten oberen Extremität und allmälig zunehmende Schwäche der
rechten unteren Extremität. Am 23. und 24. Juli trat je ein In-
sult ein, wonach die Schwäche im rechten Beine sich steigerte.
Nach Angabe ihrer Ziehmutter soll Patientin in ihrem ersten Le-
bensjahre an Fraisen gelitten haben, in ihrem 16. Xjebensjahre
viel über Kopfschmerz geklagt haben, der bis in die letzte Zeit
öfters wiederkehrte.
Seit dem 17. Jahre hat Patientin die Menses; dieselben waren
stets regelmässig. Seit dem 19. Jahre ist Patientin verheiratet. Sie
hat zweimal geboren. Das erste Kind starb an einem Exanthem,
das zweite nach dreiwöchentlichen Fraisen. In der zweiten Schwan-
gerschaftsperiode hat Patientin gewöhnlich an linksseitigem Kopf-
schmerz gelitten. Seit Ende April d. J. ist die Periode ausgeblieben.
Seit 14 Tagen fühlt Patientin Kindsbewegungen.
Status praesens vom 26. Juli 1881 : Patientin mittelgross, gut
genährt, zart gebaut. Temperatur normal, Puls 96 von mittlerer
Grösse und Spannung. Facialis dexter in seinen respiratorischen
40 Weiss.
Zweigen paretisch. Pupillen übermittelweit, rechte etwas weiter
als die linke; beide reagiren prompt auf Licht und Accommo-
dation. Augenbewegungen frei. Zunge weicht nach rechts ab. Sprache
beschwerlich, unvollständig articulirt; keine Aphasie. Kechte obere
Extremität in beständiger rhythmischer Beuge- und Streckbewegung
im Ellbogengelenke, mit gleichzeitiger Beugung und Streckung der
Finger, Ab- und Adduction des Daumens. Willkürbewegungen mit
dieser Extremität sind möglich, erfolgen jedoch mit geringer In-
und Extensität. Biceps- und Tricepsreflex rechts deutlicher als links.
Eechte untere Extremität paretisch; wird beim Gehen nach-
geschleift. Patellarsehnenreflex rechts stärker als links; Fusssohlen-
reflex links stärker als rechts. Die Untersuchung der inneren Organe
ergibt ausser einer massigen Hypertrophie des linken Ventrikels
keine wesentliche Abnormität. Uterus dem fünften Schwangerschafts-
monat entsprechend vergrössert. Harn eiweissfrei.
27. Juli, Nachts zwei Anfälle von heftigen, die ganze rechte
Körperhälfte betreffenden klonischen Krämpfen, bei erhaltenem
Bewusstsein. Heute Vormittag vier Anfälle, nach dem letzten inten-
sivsten, kurze Zeit andauernder Verlust des Bewusstseins. Nach-
mittag ein Anfall von 8/4stündiger Dauer, der durch 3 Grm. Chlo-
ralhydrat coupirt wurde. In den Pausen zwischen den Anfällen sind
stets die rhythmischen Zuckungen an der rechten oberen Extre-
mität und ausserdem noch heute ähnliche Zuckungen am Facialis
dexter zu bemerken.
2. August. In den letzten Tagen zeigte die Kranke ausser den
rhythntischdü unaufhörlichen Zuckungen in der Musculatur der rech-
ten oberen Extremität und im rechten Mundfacialis auch in den
anfallsfreien Zeiten eine allgemeine Zunahme der Unbesinnlichkeit
und zeitweise Verworrenheit ; die Anfälle selbst waren etwas häufiger
als in den Vortagen und stets nur die rechte Körperhälfte betreffend.
Heute ist Patientin soporös. Die continuirlichen Krämpfe
betreffen die rechte obere Extremität, den rechten Mundfacialis und
auch die Augenmuskeln. Die Buflbi, sowie der Kopf weichen nach
rechts hin ab und machen schnellende Bewegungen gegen die Me-
dianebene des Körpers und zurück nach rechts hin. Ausserdem
bemerkt man leichte tonische Starre der linken oberen Extremität
und zeitweise an ihr mit denen der rechten oberen Extremität iso-
chrone Zuckungen im Bereiche der Adductoren des linken Oberarmes.
Ueber corticale Epilepsie. 41
3. August, Nachts. Allgemeine Convulsionen von */* Minute
Dauer, dabei stertoröses Athmen und Cyanose. Patientin andauernd
soporös, die mehrfach erwähnten rhythmischen Zuckungen persistiren.
4. August, Nachts. Kurzdauernde allgemeine Convulsionen.
Morgens tiefer Sopor. Zu den bisherigen klonischen Krämpfen ge-
sellen sich nun leichte zuckende Bewegungen der Zunge nach
rechts und leichte zuckende Senkungen des Unterkiefers, weiter-
hin Auswärtsrollen der rechten unteren Extremität; links kaum
merkbare Bewegungen am Oberschenkel, deutlicher am Arme.
Sämratliche Zuckungen sind nicht isochron dem Pulse (Puls 120,
Zuckungen circa 78 in der Minute).
5. August tiefer Sopor. Die rhythmischen Zuckungen haben
aufgehört. Patientin macht zeitweise Bewegungen mit der linken
oberen Extremität. Die rechtseitigen Extremitäten in Streckstellung,
nicht ganz erschlafft. Die Körpertemperatur, die in den früheren
Tagen die Norm nicht tiberschritt, ist heute Morgens 38*4, Abends
39*0. Wegen vorauszusehenden lethalen Ausganges wird der Eihaut-
stich gemacht. — 6. August Morgens Geburt eines todten Kindes
sammt Placenta. 9x/t Uhr Abends exitus lethalis im tiefsten Coma.
Mit Rücksicht auf die im Leben beobachteten corticalen recht-
seitigen Krämpfe, welche andauernd die oberen Extremitäten
betrafen, lautete, da wir nicht in der Lage waren die Art der
Läsion näher zu bestimmen, die klinische Diagnose: Irritative Läsion
der rechten vorderen Centralwindung.
Die vom Herrn Assistenten Dr. Kolisko ausgeführte Autopsie
ergab im Wesentlichen folgenden Befund:
Die weichen Schädeldecken blass. Schädeldach länglich oval,
dicht, Diploe erhalten. Längs der Sagittalnaht zahlreiche grubige,
bis erbsengrosse Vertiefungen. Harte Hirnhaut gespannt, blass, durch-
scheinend, glänzend. Im Sichelblutleiter spärliche, frische Blut-
nnd Faserstofifgerinnsel. Die Innenfläche der Dura mater glatt. Die
inneren Hirnhäute zart, von mittlerem Blutgehalte, am Scheitel-
rande etwas verdickt, und mit Pacchionischen Granulationen ver-
sehen. Die Hirnsubstanz blass, teigig weich; die Windungen von
gewöhnlicher Breite. Am medianen Rande des mittleren Drittels der
linken vorderen Centralwindung in der Ausdehnung von etwa 1 Ctm.
an der Hirnrinde eine dunklere Färbung wahrnehmbar. Beim Ein-
schneiden dieser Stelle zeigt sich die Hirnrinde von zahlreichen bis
42 Weiss.
stecknadelkopfgrossen Blutaustritten durchsetzt. Die Gehirnventrikel
von gewöhnlicher Weite, in ihnen wenige Tropfen klaren Serums.
Die basalen Hirnarterien zartwandig; die Stammganglien intact.
Ausserdem constatirte die Section noch eine rothe Hepatisa-
tion im Unterlappen der rechten Lunge.
Die linke vordere Centralwindung wurde mir vom Herrn As-
sistenten Dr. Kolisko bereitwilligst zur mikroskopischen Unter-
suchung zur Verfugung gestellt. Dieselbe wurde an Frontalschnitten
ausgeführt und ergab wie aus der beigegebenen Zeichnung ersichtlich
ist, dass das Kindengrau allenthalben von stecknadelstich- bis steck-
nadelkopfgrossen Hämorrhagien (h in der beigegebenen Zeichnung)
durchsetzt war, welche besonders an der Kuppe der Windung dicht
gedrängt erschienen. Was den näheren Ort der Blutherde anbelangt,
so waren dieselben ausnahmslos in dem Bindengrau, und zwar in
allen Schichten desselben mit Ausnahme der obersten zellenlosen
Schicht. Die Umgebung der hämorrhagischen Herde erschien nicht
wesentlich verändert, insbesondere liessen sich keinerlei Erscheinun-
gen von Entzündung an derselben nachweisen. Die Gefasse dieser
Partie zeigten keinerlei Abnormitäten.
Somit wies die Section nach, dass die im Leben beobachteten
Erscheinungen von zum Theil continuirlich aufgetretenen, zum Theil
anfallsweise zu Stande gekommenen Krämpfen in den rechtseitigen
Extremitäten und in der rechten Gesichtshälfte im Zusammenhang
standen mit capillären Blutungen in einem ganz kleinen Abschnitte
(1 Ctm. lang) in der Mitte der vorderen linken Centralwindung,
da diese Veränderung die einzige war, welche sich im Gehirne der
Kranken bei der sehr genau vorgenommenen Untersuchung nach-
weisen liess. Wir werden mit Bücksicht auf den Befund nicht fehl
gehen, die im Leben beobachteten continuirlichen Krämpfe im linken
Arme als directen Effect der Blutungen anzusehen, während wir die
von Zeit zu Zeit aufgetretenen intensiven und auch mehr verbrei-
teten Krampfanfalle mit Bewusstlosigkeit, auf zu den vorhandenen
Störungen hinzugetretene transitorische Veränderungen (Hyperämie,
Oedem) in der Umgebung der Blutherde zu beziehen haben. Es
zeigt dieser Fall ganz klar, dass die von Jackson aufgestellte
Theorie zur Erklärung des periodischen Auftretens der Krämpfe bei
corticalen Läsionen nicht haltbar sei, da im vorliegenden Falle die
von ihm supponirte Erschöpfung der motorischen Kindencentren
Ueber corticale Epilepsie. 43
trotz tagelang in denselben Muskelgruppen andauernden Krämpfen
nicht eintrat. Die Periodicität der Krämpfe scheint eben nicht mit
der Erschöpfkarkeit der Eindencentren, sondern mit ganz anderen
Momenten zusammenzuhängen. Sie hängt offenbar von der Art und
dem Orte der irritativen Läsion ab. Wenn die Läsion eine sehr
geringfügige ist, oder wenn sie nur in der Nähe der motorischen
Eindencentren, nicht in diesen selbst sich befindet, dann ist es be-
greiflich, dass nur von Zeit zu Zeit, entweder durch die langan-
dauernde, wenn auch nicht sehr intensive Beizung der Eindencen-
tren endlich der Anfall ausgelöst wird, oder dass durch accidentelle
Vorgänge in der Umgebung (Hyperämie, Oedem) der Herde, also
in den Eindencentren selbst, derselbe Effect producirt wird.
Was die Ursache der Blutung im vorliegenden Falle anlangt,
so hat uns die. Section hierüber keinen genügenden Aufschluss ver-
schafft, indem weder an den Hirngefässen, noch an dem Gefässsystem
überhaupt sich Veränderungen vorfanden, die uns das Auftreten
derselben bei einem so jugendlichen Individuum hätten erklären
können. Am wahrscheinlichsten dürfte sich die Blutung nach der
Anamnese in folgender Weise erklären lassen. Die Kranke litt
schon während ihrer ersten Schwangerschaften, in der zweiten
Hälfte derselben häufig an linksseitigen Kopfschmerzen, sowie sie
überhaupt seit ihrer frühen Jugend an cephalischen Störungen insbe-
sondere aber an Kopfschmerz litt. Dieses Verhalten dürfte mit Bück-
sicht auf das durch die Autopsie nachgewiesene Fehlen von anato-
mischen Läsionen des Gehirnes oder seiner Häute, welche diese
Zustände begründet haben konnten, darauf zu beziehen sein, dass
bei der Kranken von Zeit zu Zeit, besonders aber während der
Schwangerschaft Hyperämien des Gehirnes auftreten. In der letzten
Schwangerschaft traten gleichfalls häufig solche Hyperämien ein und
kam es endlich durch eine Steigerung derselben zu mehrfachen
capillaren Hämorrhagien.
TL Rechtsseitige eortieale Epilepsie. Linksseitige Pachyme-
ningitis haemorrhagica chronica mit frischer Blutung.
Am 9. Mai wurde der 60jährige Agent N. J. auf Z. 89 der
Abtheilung des Herrn Primararztes Dr. Scholz aufgenommen.
Nach den Angaben seiner Frau und seines Sohnes soll Pa-
tient früher stets gesund gewesen sein und insbesondere niemals
44 Weiss.
an psychischen Störungen und Krämpfen gelitten haben. Am 5. Mai
dieses Jahres, also vier Tage vor seiner Aufnahme ins Kranken-
haus soll er beim Austragen von Büchern von einer steilen Wen-
deltreppe herabgestürzt sein und sich dabei am Kopfe beschädigt
haben. Er setzte trotzdem seinen Weg fort und kam erst nach
zwei Tagen in seine Wohnung. Der Umgebung des Kranken fiel
es auf, dass der Kranke absolut nicht sprach, sie hielten ihn je-
doch deshalb anfangs nicht für sprachunfähig, sie meinten nur, er
sei heute besonders verdriesslich. Als er jedoch bis zum Abend des-
selben Tages kein Wort sprach und auf an ihn gerichtete Fragen
unwillig andeutete, dass er nicht sprechen könne, wurde ein Arzt
gerufen. Dieser bezeichnete seinen Zustand als Gehirnerschütte-
rung. Noch am Abende des dritten Tages stellte sich Brechneigung
und in der Nacht mehrmaliges Erbrechen ein. Am vierten Tage
bemerkte man ausser den früher erwähnten Erscheinungen, welche
persistirten, zeitweise auftretende Zuckungen am Mundwinkel der
rechten Seite, ausserdem eine Schwäche im rechten Arme, und der
Kranke gab durch Mienen zu verstehen, dass er Schmerzen im
rechten Beine habe. Am fünften Tage nach der Verletzung trat
der erste Krampfanfall ein, wobei, wie der Sohn des Kranken aus-
drücklich angibt, die Krämpfe nur die rechte Gesichtshälfte und
die Musculatur der rechten oberen Extremität betrafen. Der Anfall
soll 7* Stunde gedauert haben, und war während desselben das Be-
wusstsein angeblich erhalten. Da sich nach 3/4 Stunden ein zweiter
solcher Anfall einstellte, wurde Patient ins k. k. allgemeine Kran-
kenhaus gebracht.
Am Tage der Aufahme (9. Mai) liess sich bei ihm Folgendes
statuiren: Pat. mittelgross, kräftig gebaut, ziemlich gut genährt, T.
normal, P. 90, von mittlerer Grösse und Spannung, Arterien rigid.
Die Untersuchung der inneren Organe ergibt mit Ausnahme einer
massigen Hypertrophie des linken Herzens keine Abnormität. Harn
eiweissfrei. Die Haut über dem linken Arcus superciliaris bis gegen
die Schläfe hin in der Ausdehnung eines Thalerstückes bläulichgelb
verfärbt. Am Schenkel äusserlich keine Verletzung nachweisbar.
Beim Anklopfen an denselben äussert Patient keinen Schmerz.
Patient ist anscheinend bei Bewusstsein. Er drückt die ihm ge-
reichte Hand, zeigt die Zunge, schliesst die Augen, wenn ihm dies
vorgezeigt wird, folgt dem Wasserglase mit den Augen und nimmt
Ueber corticale Epilepsie. 45
es, wenn es ihm gereicht wird, in die rechte Hand, trinkt und stellt
es dann neben sich auf den Tisch. Die an ihn gerichteten Fragen
beantwortet er nicht und gibt auch sonst keinen Laut von sich. Er
versteht die Fragen und Aufforderungen, die an ihn gerichtet werden,
augenscheinlich nicht. Er richtet zwar seinen Bick auf den Fragen-
den, streckt aber z. B. erst die Zunge heraus, wenn ihm dies vor-
her gezeigt wurde, und ebenso schliesst er, wenn er dazu aufge-
fordert wird, erst dann die Augen, wenn die Aufforderung von
der entsprechenden Geste begleitet ist. Er schliesst jedoch die
Augen und zeigt die Zunge auch dann, wenn er zu anderen
Dingen aufgefordert wurde, aber durch die entsprechenden Mienen
hiezu veranlasst wird. Spricht man ihn an, ohne dass man von ihm
gesehen werden kann, richtet er den Blick stets nach der Seite,
woher der Schall kommt. Seine Umgebung kennt er, begrüsst sie
durch Händedruck und freundliche Miene.
Facialis dexter ist in seinen respiratorischen Zweigen pare-
tisch. Die Zunge weicht beim Herausstrecken nach rechts ab. An
der übrigen Musculatur ist gegenwärtig keine Parese nachweisbar.
Auf der rechten Körperhälfte scheint Patient empfindungslos zu
sein, da er selbst auf tiefe Nadelstiche nicht reagirt, während links
deutliche Abwehrbewegungen eintreten.
Sehnenreflexe sind beiderseits deutlich, rechts entschieden stär-
ker als links. Hautreflexe sind rechts schwächer als links. Blase und
Darm fungiren normal.
10. Mai 1881. Status idem. Gestern und heute traten meh-
rere Anfälle von rechtsseitigen Convulsionen ein. Das Bewusstsein
war während derselben erloschen. In den meisten derselben waren
klonische Krämpfe am rechten Facialis und an der rechten oberen
Extremität, tonische Starre an dar rechten unteren Extremität zu
bemerken. Die Dauer des .einzelnen Anfalles betrug 1—3 Minuten.
Die Zahl derselben wurde nicht notirt.
11. Mai. Heute trat bei der Morgenvisite ein Anfall ein, bei
welchem zunächst tonische Contractur im Orbicularis dexter auftraten,
hieran schlössen sich klonische Krämpfe im Facialis dexter, in der
Musculatur des rechten Ober- und Vorderarmes, während an den
unteren Extremitäten und zwar rechts viel intensiver als links to-
nische Starre sich nachweisen Hess. Der Anfall, der 2 Minuten an-
dauerte, wurde von einem Schreie eingeleitet. Während desselben
46 Weiss.
war Patient bewusstlos. Nach demselben kehrte das Bewusstsein
wieder und zeigten sich die rechtsseitigen Extremitäten vollkommen
schlaff. Solche Anfalle traten an diesem Tage 10 auf. Körpertem-
peratur Früh 38-0, Abends 39'0.
12. Mai. Seit gestern hat Patient neuerdings 28 Anfalle von
rechtsseitigen Krämpfen mit vollständiger Bewusstlosigkeit. In den
anfallsfreien Zeiten ist Patient aphasisch und worttaub. T. Früh 38*0,
Abends 38*6.
13. Mai. Bis heute 9 Uhr Früh hatte Patient weitere 32 An-
fälle von rechtsseitigen Krämpfen mit Bewusstlosigkeit. Die meisten
derselben wurden von einem Schrei eingeleitet, dann kam es zur
Deviation conjugäe des Kopfes und der Augen nach rechts und
weiterhin zu den früher geschilderten Zuckungen und Krämpfen an
der rechten Körperhälfte. Die Anfalle dauerten 1 — 2 Minuten.
14. Mai. Patient hat in der Nacht wieder 37 Anfälle gehabt,
dieselben zeigten die früher erwähnten Eigentümlichkeiten. Bis
gegen Abend traten wieder 30 rechtsseitige Krampfanfälle ein.
15. Mai. Von 8 Uhr Abends bis 9 Uhr Früh hat Patient
60 Anfalle gehabt. Alle begannen mit Deviation conjugee nach
rechts hin, dann kam es zu tonischen und klonischen Krämpfen
entweder ausschliesslich der rechten Körpermusculatur, oder der
gesammten Musculatur mit entschiedener Prävalenz der rechten
Seite, und auf der Höhe des Anfalles kam es zu Glottiskrampf
und hochgradiger Cyanose des Kranken. Nach den Anfällen war
das Sensorium mehr benommen als in den Vortagen. Bis gegen
Abend traten noch 104 solche Anfälle ein, worauf dieselben ces-
sirten. Die Körpertemperatur betrug, um 5 Uhr N. M. 41*0.
16. Mai. Kein weiterer Anfall. Patient andauernd bewusstlos.
Die gesammte Körpermusculatur erschlafft. Secessus inscii. Um
72K) Uhr Abends erfolgte im tiefen Coma der lethale Ausgang.
Die klinische Diagnose lautete aus begreiflichen Gründen:
Irritative Läsion (Erweichung resp. Hämorrhagie) in der Kegion der
linken Centralwindung mit Zerstörung der angrenzenden Stirn- und
Schläfewindungen.
Die am 20. Mai von Herrn Assistenten Dr. Zemann vorge-
nommene Autopsie ergab folgenden Befund: Intermeningeale Blu-
tung über dem linken Scheitelläppchen, die ersten zwei Schläfewin-
dungen und in der sylvischen Spalte. Linksseitige Pachymeningitü
Ueber corticale Epilepsie. 47
haemorrhagica interna chronica in Form einer ziemlich dicken bräun-
lichen Membran der Innenfläche der Dura mater. Ausgebreitete
Verkalkungen in der Dura mater der rechten Grosshirnhemisphäre.
Fissur im hinteren unteren Winkel des rechten Seitenwandbeines
beginnend und in die rechte hintere Schädelgrub'e bis gegen das
Foramen occipitale magnum reichend. Blutung an der Aussenfläche
der Dura mater dieser Partie.
Die Section klärte den Fall somit vollständig auf. Nach der-
selben lässt sich der Verlauf des Processes in den anatomischen Vor-
gängen etwa folgendermassen begründen: Zunächst war es bei dem
Kranken zur Entwicklung einer Pachymeningitis chronica interna
sinistra (aus uns unbekannten Gründen) gekommen, diese führte am
5. Mai d. J. zu einer frischen Blutung in der Gegend der sylvischen
Spalte, welche einerseits das Hinstürzen des Kranken bewirkte, wobei
er sich Suifusion an der linken Stirne und die Fissur am rechten Sei-
tenwand- und am Hinterhauptbeine zuzog, andererseits aber durch
Druck auf die Inselgegend und die oberen Schläfenwinduugen der
linken Seite zum Auftreten von Aphasie und Worttaubheit Veran-
lassung gab. Im weiteren Verlaufe kam es wahrscheinlich in Folge
von neuerlichen Blutungen zur Beizung der corticalen Bindencentren
und zum Auftreten der rechtsseitigen Krämpfe, welche immer mehr
sich häuften, und die endlich zum lethalen Ausgang führten.
Hervorhebenswerth erscheint im vorliegenden Falle zunächst
die Häufigkeit der Anfälle, indem im Verlaufe weniger Tage über
300 solcher eintraten. Ferner der Umstand, dass viele derselben,
ähnlich wie die Anfälle der typischen Epilepsie von einem Schrei
eingeleitet wurden, endlich dass in den meisten derselben Devia-
tion conjugee nach rechts hin im Anfalle eintrat imd während des-
selben persistirte.
VII. Linksseitige corticale Epilepsie. Tumor in den beiden
rechtsseitigen Centralwindnngen.
Der Fall betraf einen 42jährigen Zimmermannsgesellen, welcher
am 21. Juni 1881 auf Z. 101 aufgenommen wurde. Man erfuhr von
ihm und seiner Umgebung, dass er bis vor 3 Jahren stets gesund
gewesen sei. Damals befiel ihn, als er beim Frühstücke sass, ein
Krampfanfall in der linken Gesichtshälfte, wobei es ihm den linken
48 Weiss.
Arm zusammengezogen, auch die linke untere Extremität gebogen
und den Stamm nach links gezogen haben soll. Seitdem kehr-
ten diese Anfälle von linksseitigen Krämpfen alle 2—3 Wochen
wieder. Seit einem Jahre sollen diese Anfalle häufiger, etwa alle
8 Tage auftreten. Während derselben verliert der Kranke nur selten
das Bewusstsein, nach denselben bleibt eine Schwäche der links-
seitigen Extremitäten zurück, welche nach einiger Zeit wieder ver-
schwindet.
Am 15. September 1879 wurde der Kranke zum ersten Male
ins Krankenhaus aufgenommen und zwar auf Z. 101 des Herrn
Primarius Dr. Scholz. Daselbst beobachteten wir neben Parese
des linken Facialis in den respiratorischen Zweigen und der linken
oberen Extremität, anfallsweise auftretende Zuckungen in den
linksseitigen Extremitäten, deren eine mit Bewusstlosigkeit und
Deviation conjugee des Kopfes und der Augen nach links hin ge-
paart war. Im Ganzen wurden bei ihm im Zeiträume von 6 Wochen
5 Anfälle beobachtet.
Am 6. März 1881 wurde der Kranke auf Z. 12 der Abthei-
lung des Herrn Prof. Salz er wegen Hernia incarcerata dextra ope-
rirt und am 25. April 1881 im geheilten Zustande entlassen. Der
letzte Anfall trat angeblich Samstag den 18. Juni auf.
Status praesens vom 21. Juni 1881: Patient gross, von star-
kem Knochen- und Muskelbau, abgemagert. Körpertemperatur nor-
mal. Puls 60, von mittlerer Grösse, gespannter.
Die Untersuchung der inneren Organe ergibt keine wesent-
liche Abnormität, mit Ausnahme der Accentuation des zweiten
Aortentons. Patient antwortet sehr träge und langsam. Dabei sind
seine Antworten insofern nicht zutreffend, als er über Zeitverhält-
nisse nicht ganz orientirt erscheint. Er zeigt eine auffallend weiner-
liche Stimmung. Seine Intelligenz und insbesondere sein Gedächt-
niss erscheint erheblich geschwächt.
Facialis sinister in seinen respiratorischen Zweigen paretisch.
Linke Pupille etwas weiter als die rechte; beide reagiren auf Licht-
reiz imd Accömmodation. Zunge deviirt nach links. Sinnesorgane
intact. Hinterer Schädelumfang 590 Mm. Schädelbau hydrocepha-
lisch. Die linksseitigen Extremitäten im geringen Grade paretisch.
Sensibilität zeigt keine auffällige Störung. Blase- und Darmfunction
normal.
I
Ueber corticale Epilepsie. 49
24. Juni. Patient liegt tagsüber ganz ruhig im Bette. Zeit-
weise steht er auf und will sich, ohne jede äussere Veranlassung
hiezu, mit blossem Hemde aus dem Krankenzimmer entfernen. Auf
Ansprechen gibt er träge und theilnahmslos Antwort und verfällt
dabei regelmässig in unmotivirtes Weinen. Seine Intelligenz ist
stark beeinträchtigt, sein Gedächtniss hat hochgradig gelitten, so
dass er sich jetzt an das meiste nur sehr ungenau und nach lan-
gem Besinnen erinnert. Er ist sehr unrein, lässt den Urin auf den
Fussboden neben dem Bette und lässt den Stuhl unter sich. Kein
Anfall.
4. Juli. Seit gestern ist das Sensorium stark benommen. Pa-
tient liegt tagsüber ganz theilnahmslos im Bette, gibt auf Fragen
keine Antworten. Bohrt im Anus und beschmiert sich mit Koth.
29. Juli. Patient zeigt keine wesentliche Veränderung gegen
früher. Anfälle sind keine aufgetreten. Die Parese der linksseitigen
Extremitäten sehr deutlich. Patient liegt theilnahmslos im Bette
und ist nur schwer zum Sprechen zu bringen. Bohrt im Anus. Se-
cessus inscii. Decubitus am Kreuzbein und an den Trochanteren.
Dieses Verhalten zeigte Patient durch volle drei Monate, nur dass
in den letzten Tagen soporöse Zustände auftraten. Der lethale
Ausgang trat am 31. October 1881 um y^O Uhr Nachts auf.
Fasst man das Krankheitsbild, welches der Kranke zeigte, zu-
sammen, so ergibt sich, dass bei demselben ohne jede Veranlassung
anfallsweise linksseitige Krämpfe auftraten, welche von einer Pa-
rese der linksseitigen Extremitäten gefolgt waren. Diese Sympto-
menreihe persistirte unverändert durch mehr als zwei Jahre. Nach
Ablauf dieser Zeit hörten die Krämpfe auf, es persistirte jedoch die
Parese der linksseitigen Extremitäten, zu welcher sich ausserdem
eine allmälig sich steigernde Abnahme der Intelligenz hinzugesellte,
so dass der Kranke zuletzt das Bild eines Paralytikers darbot.
In diagnostischer Beziehung wurde die Annahme gemacht,
dass es sich im vorliegenden Falle um einen langsam wachsenden
Tumor handle, der in der Region der linken Centralwindungen sich
entwickelte, anfangs durch Beizung dieser Partie zu den corticalen
Krämpfen Veranlassung gab, später durch Zerstörung derselben die
linksseitige Hemiplegie bedingte, endlich unter Berücksichtigung des
chronischen Hydrocephalus bei seiner weiteren Ausbreitung zu den
in den letzten drei Monaten der Erkrankung aufgetretenen Erschei-
Med. Jahrbücher. 1882. A
50 Weis 8. Ueber corticale Epilepsie.
nungen von Herabsetzung der gesammten Hemisphärenieistimg
führte.
Die von Herrn Assistenten Dr. Zemann vorgenommene Auto-
psie bestätigte unsere klinische Diagnose vollkommen. Sie ergab
im Wesentlichen folgenden Befund: Weiche Schädeldecken blass,
Schädeldach rundlich, 570 Mm. in der Peripherie, 190 Mm. im
Längsdurchmesser, 175 Mm. im Breitendurchmesser. Diploe überall
vorhanden. Die harte Hirnhaut massig gespannt; an der rechten
Grosshirnhemisphäre im Bereiche des oberen Antheiles der vorderen
Centralwindung und den hinteren Partien der ersten und zweiten
Stirnwindung mit einem darunterliegenden Tumor innig verwachsen.
Der Tumor ist mannsfaustgross, derb elastisch, weisslich, drängt
die vordere Partie des Scheitellappens, die hintere Partie des Stirn-
lappens nach innen und abwärts, so dass an der rechten Hemi-
sphäre eine grubige Vertiefung gebildet erscheint, welche der Tu-
mor vollständig ausfüllt, aus der er sich aber auch herausheben
lässt. Die inneren Hirnhäute der linken Hemisphäre von normaler
Beschaffenheit. Die Kammern erweitert, in ihnen eine Menge trü-
ben Serums. Die vordere Fläche und obere Kante der rechten
Schläfenbeinpyramide, sowie der rechte kleine Flügel des Keilbeins
hochgradig atrophisch, durchscheinend. Bei der mikroskopischen Un-
tersuchung erwies sich der Tumor als ein Spindelzellensarkom.
Wir hatten es demnach im vorliegenden Falle mit einem von
der Dura mater in der Gegend der rechtsseitigen Centralwindungen
entwickelten langsam wachsenden Tumor zu thun, der anfangs
offenbar diese Partie reizte und dadurch die Erscheinungen der corti-
calen Epilepsie hervorrief, später aber durch seine weitere Ausbreitung
zur Zerstörung der Centralwindungen und hochgradiger Beeinträch-
tigimg des gesammten Gehirns führte und dadurch einerseits die
linksseitige Hemiplegie, andererseits das Auftreten der der progres-
siven Paralyse analogen Störungen bedingte.
Die gesammten hier mitgetheilten Fälle wurden von mir auf
der Abtheilung des Herrn Primararztes Dr. Scholz beobachtet,
dem ich für die freundliche Ueberlassung des Materiales an dieser
Stelle meinen besten Dank ausdrücke.
wnnriiii Jahrtiücher.Jahrf. t(
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m.
Ueber hyaline Metamorphose des Miliar-
tuberkels.
Von Dr. W. T. Councilman aus Baltimore.
Aus Dr. H. Chiari'8 Prosectur.
Hiezn Tafel II and DI.
(Am 17. Jänner 1882 von der Redaction übernommen.)
Bei der mikroskopischen Untersuchung einer grösseren Zahl
tuberculös erkrankter Organe, welche ich in der Absicht vornahm, des
genaueren die histologischen Verhältnisse der Tuberculose zu stu-
diren und namentlich die Häufigkeit der einzelnen histologisch
differenten Tuberkelformen, des lymphoiden, des reticulirten und
des fibrösen Tuberkels festzustellen1), traf ich auch in mehreren
Fällen auf Miliartuberkel, welche eine ganz eigentümliche Be-
schaffenheit darboten, nämlich zum Theile hyalin waren. Da ich
nun seit der Zeit unter Dr. Chiari's Leitung Gelegenheit hatte,
an der Hand eines grossen Untersuchungs-Materiales, diese Meta-
morphose des Miliartuberkels weiter zu verfolgen, so will ich mir
bei dem Umstände, dass ich in der Literatur keine sicher hieher
gehörigen Angaben finden konnte, erlauben, über dieselbe in Kürze
zu berichten.
Die genannte Eigenthümlichkeit der Structur des
Miliartuberkels besteht in der Gegenwart einer hyalinen,
augenscheinlich dem sogenannten Colloid sehr naheste-
henden Substanz im Miliartuberkel, wobei die verschiedenen
*) Vide meine Pnblication: „Zur Histologie der Tuberculose". Wiener
med. Jahrbücher 1881, 2. Heft.
4*
52 Councilman.
Elemente des Miliartuberkels, die runden und spindeligen Zellen,
wie auch die Riesenzellen in die hyaline Masse eingebettet er-
scheinen. In manchen Miliartuberkeln betraf die Einlagerung der
hyalinen Substanz das ganze Knötchen, in anderen nur einen
Theil desselben, und konnte man in einzelnen Fällen ganz gut die
Uebergänge zwischen den mit nur wenig hyaliner Substanz ver-
sehenen Knötchen und solchen, welche allenthalben in dieser Art
metamorphosirt waren, erkennen. Meiner Erfahrung nach gehört
die hyaline Metamorphose im Miliartuberkel zu den selteneren
Vorkommnissen, da ich unter der grossen Zahl von histologisch
untersuchten, tuberculos erkrankten Organen (etwa 90) nur einige
mal dieselbe sicher constatiren konnte.
Der erste Fall, in welchem ich die Metamorphose fand, be-
traf ein 4}/2 jähr. Kind, mit chronischer Tuberculose des Gehirns,
der Lungen und der Bronchialdrüsen und miliarer Tuberculose der
Leber. Die Tuberkelherde im Gehirn, in den Lungen und Bronchial-
drusen erwiesen sich als verkäsende lymphoide Tuberkel. Die sehr
zahlreichen Lebertuberkel zeigten ihre kleinen runden Zellen, denen
auch einige Spindelzellen beigemengt waren, in eine vollkommen
hyaline Substanz eingelagert, und zwar so, dass die Zellen nicht
etwa regelmässig vertheilt waren, sondern theils einzeln, theils zu
verschieden grossen Gruppen vereint in die hyaline Substanz, mit-
unter deutliche Hohlräume derselben erfüllend, eingetragen er-
schienen. (Vide Fig. 1.) An manchen Stellen machte es den Ein-
druck, als wenn die jetzt mit Zellen erfüllten Hohlräume einstigen
Gefässen entsprächen, indem die Zellen Streifen formirten, die nach
aussen hin von spindeligen Kernen begrenzt waren. (Vide Fig. 2 o.)
Einzelne der Miliartuberkel enthielten auch von der hyalinen Masse
direct umschlossene Biesenzellen. (Vide Fig. 2 b.) Die Leberzellen
um die Tuberkel waren fettig infiltrirt und an der Peripherie
mancher der Knötchen durch zwischen sie eingedrungene Bund-
zellen auseinander geworfen. Bei einigen anderen Knötchen hin-
gegen (vide Fig. 1) war stellenweise eine Art Begrenzung der
Tuberkel gegen das benachbarte Lebergewebe durch zarte Züge
spindeliger Kerne gebildet.
Der zweite Fall bezog sich auf einen 45jährigen Mann, bei
welchem die makroskopische Sectionsdiagnose auf chronische Tuber-
culose der Lungen und Miliartuberculose der Leber und Milz lautete,
Metamorphose des Miliartuberkels. 58
Mikroskopisch stellten sich die bis erbsengrossen käsigen Herde in
den Lungen als Verkäsung der rundzellig infiltrirten Septa und der
Exsudatpfröpfe in den Alveolen, die miliaren Milztuberkel als fibröse
Tuberkel mit Biesenzellen dar, zeigten also ein ziemlich vulgä-
res Verhalten. Die miliaren Lebertuberkel waren theils einfache
fibröse Tuberkel, mit reichlichen Kiesenzellen, theils zeigten sie
dieselbe hyaline Metamorphose, wie die Lebertuberkel des ersten
Falles, Es enthielten nämlich einzelne Lebertuberkel, und zwar
sowohl ganz kleine singulare Granula, als auch aus mehreren solchen
Granulis componirte Tuberkel, eine Substanz, welche bis auf stellen-
weise sehr zarte Streuung und Körnung vollkommen homogen glas-
artig war. Die homogene Substanz formirte bandartige Streifen,
welche durch Gruppen von Bundzellen und Spindelzellen von einan-
der getrennt waren, und erschien in den einen Knötchen in nur
sehr geringer Menge an der Peripherie abgelagert, während an den
anderen der grösste Theil des Tuberkels davon occupirt war. In
allen Knötchen überwogen die Spindelzellen über die Bundzellen,
und in den meisten war bereits, allerdings sehr geringe centrale
Verkäsung eingetreten, ohne dass es jedoch möglich gewesen wäre,
sich von dem directen Uebergange der hyalinen Substanz selbst in
die Käsemasse zu überzeugen.
In einem dritten Falle handelte es sich um chronische, mit
sehr reichlicher Schwielenbildung einhergehende Lungentuberkulose
bei einer 27jährigen Frau, welche an Fettdegeneration des excen-
trisch hypertrophirten rechten Ventrikels und universellem Stauungs-
hydrops gestorben war. Die beiden Lungen adhärirten in den Ober-
lappen sehr innig und waren daselbst durch schwärzlich pigmentirte
Schwielen, welche von Tuberkelgranulationen durchsetzt erschienen,
verdichtet. In den Spitzen fanden sich einzelne kleine Cavernen.
Mikroskopisch bestanden die Lungenschwielen aus dichtem, zellen-
armen, Bronchialreste einschliessenden Narbengewebe, welches hie
und da mit Biesenzellen versehene, theils mehr lymphoide, theils
mehr fibröse Miliartuberkel enthielt. An manchen Stellen waren in
diesen Schwielen überdies Knötchen von der Grösse der Miliartu-
berkel zu finden, welche aus einer homogenen, nur ganz leicht ge-
streiften Substanz, mit eingelagerten runden und spindeligen Zellen
bestanden, und hie und da auch noch Beste von Biesenzellen erken-
nen Hessen (vide Fig. 3), welche ein solches Knötchen mit einer
54 Councilman.
Biesenzelle und mit starker zelliger Infiltration in der umgebenden
Schwiele zeigt.
Der vierte Fall sei angeführt als Vertreter einer Beihe von
in den einzelnen Fällen fast ganz gleich sich verhaltenden, höchst
wahrscheinlich auch hieher gehörigen Befunden bei chronischer
Lymphdrüsentuberculose. Es war das ein Fall von universeller
chronischer Lymphdrüsentuberculose bei einem an acutem Morbus
Brigthii verstorbenen 19jährigen Manne. Die zur mikroskopischen
Untersuchung ausgewählten Cervicaldrüsen zeigten ungemein zahl-
reiche sehr deutlich reticulirte, mit epithelioiden und Biesenzellen
versehene Miliartuberkel. In manchen der letzteren liess sich an
der Peripherie geringe hyaline Metamorphose constatiren, nur dass
hier die Zellen nicht in Gruppen, wie im 1. und 2. Falle, sondern
zerstreut in der hyalinen Masse lagerten. Ausserdem fanden sich
neben derartig veränderten sicheren Miliartuberkeln Knötchen von
derselben Grösse und Form wie diese, jedoch ganz aus hyaliner
Masse bestehend, mit eingestreuten runden und spindeligen Kernen,
aber ohne Biesenzellen (vide Fig. 4), in Bezug auf welche Knöt-
chen man zu der Annahme sich geneigt fühlte, dieselben seien ans
miliaren Tuberkeln durch complete hyaline Metamorphose ent-
standen.
Welcher Natur nun sind die in den voranstehenden Fällen
erwähnten miliaren Knötchen mit der hyalinen Metamorphose?
Sind sie wirklich Miliartuberkel oder verdienen sie diese Bezeich-
nung nicht?
Meiner Meinung nach kann in der Hinsicht wohl kein Zweifel
obwalten, dass dieselben die Bedeutung von Miliartuberkeln besitzen,
indem ihre sonstige Textur, die häufige Gegenwart von Biesenzellen
in ihnen, welche ganz so sich verhielten, wie die typischen Tuber-
kelriesenzellen, ihre Lagerung, ihre Form und Dimension, ihr Zu-
sammentreffen mit anderweitiger unbestreitbarer Tuberculose im
übrigen Körper und auch in demselben Organe, die häufig in ihnen
gleichzeitig nachweisbare partielle, nämlich centrale Verkäsung, ent-
schieden für ihre Tuberkelnatur sprechen, wozu noch kommt, dass
mehrmals es gelang, Uebergangsformen von ganz gewöhnlich be-
schaffenen Miliartuberkeln, bis zu solchen mit beträchtlicher hya-
liner Metamorphose nachzuweisen. In allen Fällen betraf die
hyaline Metamorphose die Miliartuberkel selbst und nicht etwa
Metamorphose des Miliartuberkels. 55
blos secundär um sie erzeugtes Gewebe, wie das besonders deutlich
aus den zwei ersten Fällen hervorgeht.
Dieser Process der hyalinen Metamorphose in Miliartuberkeln
ist sicherlich nicht identisch mit der seinerzeit von Bokitansky
erwähnten Obsolescenz des Tuberkels, indem Bokitansky unter
Obsolescenz des Tuberkels nur das Hartwerden des necrotischen Tu-
berkelgewebes durch Inspissirung des Detritus verstand, also
einen Vorgang, den wir heutzutage zu der Verkäsung rechnen;
vielleicht jedoch fällt die beschriebene Metamorphose der Miliar-
tuberkel zusammen mit den von Cornil *) erwähnten Tubercules
colloides in Lymphdrüsen, und mit der von Wieger*) in zwei
Fällen gesehenen hyalinen Entartung intumescirter Lymphdrüsen
und kleiner umschriebener Miliartuberkeln ähnlicher, von Wieger
jedoch nicht als Tuberkel aufgefasster Entzündungsherde in paren-
chymatösen Organen.
Was nun aber das eigentliche Wesen dieser Metamorphose
des Miliartuberkels betrifft, so ist es wohl sehr schwer, dasselbe
zu bestimmen. So ist es zunächst kaum zu entscheiden, ob die
Metamorphose die Bedeutung einer Degeneration der Tuberkel-
zellen zu der hyalinen Substanz, oder die einer Einlagerung der
hyalinen Masse zwischen die Tuberkelzellen, eventuell die einer
hyalinen Metamorphose des Beticulums habe. Gegen die Annahme
einer Degeneration der Tuberkelzellen spricht der Umstand, dass
es nirgends gelang, eben erst im Beginne der Degeneration be-
griffene Tuberkelzellen zu sehen, mit der Annahme einer Infiltra-
tion, einer Einlagerung der hyalinen Substanz zwischen die Tuber-
kelzellen liesse sich schwer der Mangel sicherer Gefässe in den
Knötchen, sowie das ausschliessliche Beschränktsein der hyalinen
Substanz auf die Tuberkel vereinen, so dass am meisten noch die
Supposition einer hyalinen Metamorphose des Beticulums für sich
hätte. Ebenso gelingt es nicht, in die Kenntniss der hyalinen Sub-
stanz selbst tiefer einzudringen, und lässt sich über dieselbe nicht
mehr sagen, als dass sie die amyloide Beaction nicht zeige, gegen
Beagentien überhaupt sehr widerstandsfähig sei, und darnach zum
*) Des alte'rat. anatom. des ganglions lymphat. Journ. de l'anat. et de
la physiol. 1878 p. 358.
*) Virch. Arch. 78. Bd. p. 40.
56 Coancilman. Metamorphose d. Miliartuberkels.
sogenannten Colloid gerechnet werden müsse, wie etwa die homo-
gene Masse bei der von Neelsen *), Eppinger *) und Anderen be-
schriebenen hyalinen Degeneration der Gehirncapillaren, mit der
sie auch morphologisch viele Aehnlichkeit hat.
Ich bezeichne also die beschriebene Metamorphose des Miliar-
tuberkels, gegenwärtig nur nach dem Aussehen der Substanz als
hyaline Metamorphose, und muss es weiteren Untersuchungen über-
lassen, das Wesen dieser, in verschiedenen Organen auftretenden,
so merkwürdigen Tuberkelmetamorphose, besonders aber das Detail
ihrer Entwicklung zu ergründen, wenn ich auch jetzt schon die
Bemerkung nicht unterdrücken kann, dass dieselbe vielleicht der
Ausdruck einer günstigen Verödung, einer Art Ausheilung des
Tuberkels sein mag.
P. S. Nach Abschluss dieser Mittheilung kam mir der dritte,
von Herrn Prof. Dr. Arnold in Virch. Arch. 87 B. 1, H. (aasgeg.
am 2. Jänner 1882) publicirte Beitrag zur Anatomie des miliaren
Tuberkels zur Kenntniss, woselbst A. berichtet, dass er hyaline Dege-
neration von Tuberkeln, und zwar in Lymphdrüsen gesehen habe.
A. nimmt mit Wahrscheinlichkeit eine hyaline Metamorphose der
epithelioiden Tuberkelzellen, und vielleicht auch des Keticulums an.
Wien, 15. Jänner 1882.
f) Arch. der Heilk. 1876 p. 119.
*). Prag. Vierteljahresschr. 1875.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. 1. Submiliarer Lebertuberkel mit hyaliner Metamorphose vom ersten
Falle. Reichert Obj. 6, Oc. 2.
Fig. 2. Von der Peripherie eines miliaren Lebertuberkels desselben Falles.
a Andeutung eines Gefässes. b Biesenzellen. Reichert Obj. 8, Oc. 2.
Fig. 3. Hyalines Knötchen aus der Lungenschwiele des 3. Falles.
a Streifen in der hyalinen Substanz, b Beste von Biesenzellen.
Beichert Obj. 6, Oc. 2.
Fig. 4. Hyalines Knötchen aus einer Cervicaldrüse vom 4. Falle, umgeben
von hyperämischem Lymphgewebe. Beichert Obj. 6, Oc. 2.
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IV.
Zur Lehre von den Acardiacis.
Von
Dr. Carl Brens
Assistent an der geburtshilflichen Klinik des Prof. Gustav Brann in Wien.
(Am 6. Februar 1882 von der Redaction übernommen.)
Hiezn Tafel IV und V.
Claudius nimmt bekanntlich in seiner Abhandlung über die
Entstehung der herzlosen Missbildungen ') an, dass auf der sich
entwickelnden gemeinschaftlichen Zwillingsplacenta zweier gesunder
Embryonen je ein Ast einer Arterie (und Vene) der beiden Nabel-
stränge anastomosire, so dass in der Anastomose sich die Blut-
wellen von beiden Seiten begegnen, und mm durch das Prävaliren
der Herzkraft des einen Fötus endlich die Blutbewegung in dem
anderen rückläufig werde. Dadurch werde das Herz des schwächeren,
schliesslich zum Stillstande gebracht, obliterire und sistire in seiner
Entwickelung. Eingeschaltet in den Kreislauf seines Zwillingsbruders
entwickle sich der seiner selbstständigen Circulation beraubte Fötus
als herzlose Missbildung weiter. Die ausgedehnten Defecte, die sich
an den Acardiacis finden, seien die Folge dieser perversen Cir-
culation.
Diese Anschauung wurde von den pathologischen Anatomen
allgemein acceptirt und ist bis heute die herrschende geblieben.
Obwohl bereits gewichtige Bedenken gegen dieselbe erhoben wur-
den, so hat doch auch noch der jüngste Bearbeiter dieser Frage
Ahlfeld2) die Claudius' sehe Lehre nur erweitert und in un-
1) Kiel 1859. „Die Entwicklung der herzlosen Missgeburten".
") Archiv für Gjnäkologie 14. Bd. 3. Heft 1879. Auch enthalten im Ju-
58 Brcus.
wesentlichen Punkten modificirt. Ebenso hat dann diese Clan diu s-
Ahlfeld'sche Theorie auch in dem neuesten Lehrbuch der path.
Anatomie von Ziegler1) kritiklose Aufnahme gefunden.
Und doch erweist sich bei genauerer Prüfung diese Hypothese
als unzureichend und überhaupt unhaltbar.
Wenn die beiden Prämissen für das Zustandekommen eines
Acardiacus nach Claudius ausreichen, warum gehören dann die
Acardiaci zu den seltensten Missbildungen?
Die verhängnissvolle Anastomose und die ungleich kräftige
Entwickelung der beiden Embryonen finden sich ja in der Mehrzahl
von Zwillingseiern vor.
„Ausnahmslos imd leicht demonstrirbar besitzen ZwiUings-
placenten mit einfachem Chorion Anastomosen zwischen den Ge-
lassen der beiden Nabelstränge" sagt Hyrtl in seinem Werke "
über die Blutgefässe der menschlichen Nachgeburt, pag. 132.
Auch die zweite Prämisse für die Umkehrung des Kreislaufes
in dem einen Fötus, das Prävaliren der Herzkraft in dem anderen
Fötus, ist bei der so gewöhnlichen Ungleichmässigkeit der Ent-
wickelung von Zwillingsfrüchten in den meisten Fällen von mehr-
facher Schwangerschaft gegeben.
Wenn diese Bedingungen wirklich genügend wären, um die
perversen Circulationsverhältnisse eines gesunden Fötus zu verur-
sachen und denselben zum Acardiacus zu machen, so müsste diese
Gruppe von Missbildungen viel häufiger zur Beobachtung kommen.
Die nach Hyrtl bei einfachem Chorion constante Anastomose
müsste ja in viel häufigeren Fällen zu dem Ueberströmen des
Blutes aus den Nabelgefässen eines stärkeren Fötus in den Kreis-
lauf des anderen mit dem schwächeren Herzen fuhren, und die
Entwickelung des letzteren abnorm gestalten.
Um diesen Widerspruch zu klären, müsste sich noch irgend
ein Factor finden lassen, der entscheidend dafür wäre, in welchen
Fällen sich unter den von Claudius angegebenen Bedingungen
die eigenthümliche Umkehrung des Kreislaufes in dem eiiien Zwillings-
fötus einstelle und in welchen nicht.
biläumsheft zur Feier des 25jährigen Stiftungsfestes der Gesellschaft für Ge-
burtshilfe in Leipzig 1879 und „Die Missbildungen des Menschen" 1880.
*) Lehrbuch der allg. u. spec. path. Anatomie u. Pathogenese 1881.
Zur Lehre von den Acardiacis. 59
Man hat deshalb zunächst zu gründlichen Untersuchungen
der früher zum Theil vernachlässigten Acardiacusplacenten aufge-
fordert. Offenbar in der Erwartung, zahlreichere Beobachtungen
solcher Placenten würden endlich das Besultat ergeben, dass die
Anastomose diesen oder jenen bestimmten Charakter haben müsse
oder noch von anderen Anomalien der Umbilicalgefässe, der Nabel-
schnurinsertionen und dergleichen begleitet sein müsse, welche das
Zustandekommen der Circulationsänderung erleichtern.
Wenn man aber nun die bisher vorliegenden Untersuchungen
solcher Placenten überblickt, so gelingt es nicht, an denselben
etwas allen Gemeinschaftliches aufzufinden, was als begünstigender
Nebenfactor aufzufassen wäre. Der einzige constante Befund ist
die Anastomose.
In mehreren Fällen finden sich die beiden Nabelschnüre noch
vor der Insertion an der Placenta gabelig fusionirt, so dass direct
eine Arterie des einen Nabelstranges in eine des anderen einmündet,
oder durch eine ganz kurze und weite Anastomose mit derselben
verbunden ist und so die Bahn für eine rückläufige Blutbewegung
mehr disponirend erscheint.
Aber eben so oft wieder finden sich die Nabelstränge mehr
weniger weit von einander entfernt, ja selbst an ganz entgegenge-
setzten Punkten der Placentarperipherie und ihre Gefasse stehen
dann durch eine entsprechend lange bogenförmige Anastomose mit
einander in Verbindung. Placenten, an welchen in obigem Sinne
das Ueberströmen des Blutes weniger begünstigt erscheint, als z. B.
an jener „Zwillingsplacenta mit bogenförmigem Uebergang einer
Arterie aus beiden Strängen", welche Hyrtl 1. c. p. 136 schildert,
und welche trotzdem zwei völlig normalen Früchten angehörte.
Ebenso lassen sich hinsichtlich der häufigen Singularität der
Nabelarterie oder der auffälligen Kürze der Nabelschnur des Acar-
diacus in den bekannten untersuchten Fällen keine übereinstim-
menden Befunde nachweisen. Ganz abgesehen davon, dass diese
Verhältnisse viel wahrscheinlicher Folgen, als Ursachen der abnor-
men Entwickelung sind.
Kurz die Befunde an den bisher untersuchten Acardiacuspla-
centen reichen nicht aus zur Beantwortung der Frage, warum nur
in so wenigen Fällen von Zwillingsschwangerschaft, die bei ein-
60 Breus.
fächern Chorion stets vorhandene Anastomose1) zum Ueberströmen
des Blutes in den schwächeren Fötus und zur Ueberwindung und
Unterdrückung von dessen eigenem Kreislauf fuhrt.
Claudius •) selbst hat daher auch schon die Einheit des
Capillarsystems der Acardiacusplacenta betont und das Zustande-
kommen der Anastomose in die erste Zeit der Anlage der Placenta
verlegt, in die Zeit, wo sich die Allantois an der Innenfläche des
Chorion ausbreitet, und hat so den Gedanken ausgesprochen, den
später Ahlfeld zu einer sehr bestechenden Hypothese ausgeführt
und erweitert hat.
Ahlfeld8) formulirt die Hypothese von der Entstehung der
Acardiaci folgendermassen :
„Zwei gesunde Embryonen entwickeln sich auf einem Dotter.
Die Allantois des einen bildet sich um einige Stunden eher als
die des anderen. Sie hat bereits die Innenfläche des primären
Chorions erreicht und dasselbe ganz oder zum Theil umwachsen,
wenn die Allantois des zweiten diesem selben Ziele zustrebt. Wenn
eine vollständige periphere Ausbreitung der ersten Allantois vor-
handen, so kann unmöglich die zweite Allantois das Chorion er-
reichen, sie muss sich in die erste Allantois inseriren. Blieb hin-
gegen noch ein Theil des Chorion als Ansatzstelle für die zweite
Allantois frei, so kam es darauf an, ob diese Stelle in der Gebär-
mutter der Decidua vera oder der Decidua reflexa entsprach. Im
letzteren Falle gelangt die zweite Frucht auch nicht in Besitz einer
eigenen Placenta, sondern muss ebenfalls die benachbarte Allantois
zur Insertion ihrer Gefässe benützen. Im ersteren Falle acquirirt
die zweite Frucht einen kleinen Theil der Placenta*.
Trifft die Allantois des zweiten Fötus nirgends auf das Chorion,
dann stellt derselbe einen Allantoisparasiten dar.
„Hat sich bei der Entwickelung der Allantois B. ein Theil
derselben mit der Allantois A. verbunden, während ein anderer
das Chorion erreichte und mit der Decidua vera an der Bildung
*) Ahlfeld's Behauptung, dass diese Anastomosen „in der Regel nur
capillärer Natur44 seien, steht im Widerspruche mit Hyrtl's auf verlässliche
Injectionen gestützten Schilderungen.
*) 1. c. p. 25.
•) Archiv für Gynäkologie 14. Bd. p. 326. „Die primären Ursachen des
Acardiacus".
Zar Lehre von den Acardiacis. 61
der Placenta Theil nahm, so könnte die eine primitive Aorta von
B. eine Anastomose mit der Allantois A. eingehen, während die
Verzweigungen der anderen in den ihnen zufallenden Theilen der
Chorionzotten stattfindet. Es würde in solchen Fällen darauf an-
kommen, ob die Allantoisplacenta oder die Chorionplacenta von
grösserer Bedeutung für die Ernährung des Fötus B. würde. Wenn
auch anfangs vielleicht beide Kreisläufe nebeneinander bestehen
könnten, so würde doch später eine Placenta gegen die andere zu-
rücktreten müssen. Entweder der Fötus B. ernährt sich durch seine
Chorionplacenta, dann wird die Allantoisplacenta zu einer bedeu-
tungslosen Anastomose; oder er ernährt sich durch die Allantois von
A., dann wird er ein Allantoisparasit und die Chorionplacenta
atrophirt und verfettet". Diese Form nennt Ahlfeld secundären
Allantoisparasiten .
„Wenn endlich die Allantois von B. einen genügenden Theil
der Placenta für sich erlangen kann, so entsteht die gewöhnliche
Form der gemeinschaftlichen Placenta eineiiger Zwillinge. In der
Hegel sind die Anastomosen nur capillärer Natur. Sollten aber auch
grössere arterielle Anastomosen sich bilden, so hat dies auf die
Ernährung des Fötus keinen wesentlichen Einfluss mehr. B. wird
nicht zum Acardiacus".
Durch diese Auseinandersetzung bleibt aber die Hauptfrage
noch durchaus unerklärt.
Warum soll der Zwillingsfötus, der wegen der verspäteten
Entfaltung seiner Allantois nicht zu einem selbstständigen Capillar-
gebiete in der gemeinschaftlichen Placenta gelangen konnte, nicht
die ihm vermöge der vorhandenen Anastomosen ja ohne jedes Hin-
derniss zur Verfügung stehenden Capillaren entsprechend der Strom-
richtung seines eigenen Blutes ausnützen und sich so ungestört
weiter entwickeln statt zum Acardiacus zu werden?
Das Blut des sogenannten Allantoisparasiten könnte ja nach
der Richtung des geringsten Widerstandes durch die Anastomose
in die Placentargefässe des anderen Fötus übertreten und nach
zurückgelegter Placentarbahn durch die Venenanastomose wieder
zu correcter Circulation in den Allantoisparasiten zurückkehren und
dessen Entwickelung und Ernährung könnte in völlig normaler
Weise vor sich gehen.
Natürlicher und näherliegend wäre dieser Vorgang gewiss.
62 Breus.
Warum diese glatte Bahn nicht ausgenützt werden soll, son-
dern das Blut aus den Gefassen des sogenannten Autositen durch
die Anastomose allen Hindernissen entgegen wider den Blutstrom
des sogenannten AUantoisparasiten andringen und diesen überwinden
soll, dies ist der schwache Punkt der bisherigen Auffassung. Und
diesen beseitigt Ahlfeld ebenso wenig wie Claudius.
Die Ahlfeld'sche Hypothese sucht nur das Zustandekommen
der eigentümlichen placentaren Gefässverhältnisse der Acardiaci zu
erklären. Aber warum das Blut in diesen Bahnen dann gerade so
contra normam kreist, das erklärt auch sie nicht.
Die natürliche Folge derartiger Placentarverhältnisse wäre,
dass die Anastomosen das einzige Capillarsystem zu einem gemein-
schaftlichen machten und, wie es in der Mehrzahl der Fälle thatsäch-
lich geschieht, eine ungestörte Entwickelung beider Früchte auf der
einzigen Placenta gestatteten.
Nach Claudius1 und nach Ahlfeld's Theorie ist es also nicht
klar, warum in einzelnen Fällen in einem Zwillingsei jene eigen-
tümliche Girculationsänderung entstehen soll, und warum in ande-
ren dieselben anatomischen Verhältnisse keine Störung in der Blut-
strömung des einen Embryo verursachen.
Aber es stehen dieser Hypothese auch noch andere schwerere
Bedenken entgegen.
Der Widerstand, welcher dem so leichthin supponirten Ueber-
strömen des Blutes aus dem Ereislaufe des einen Fötus in die
Gefässe des anderen entgegensteht, scheint sehr unterschätzt worden
zu sein.
Denn bei der nur „um einige Stunden" verzögerten Entwicke-
lung des zweiten Fötus kann die Differenz in der Herzkraft der
beiden keine so grosse sein, dass der Blutstrom aus der Umbilical-
arterie des entwickelteren Fötus ohne weiteres die Blutwelle des
schwächeren rückläufig machen könnte.
Selbst bei grösserem Unterschiede in der Kraft der beiden
Herzen sind die Hindernisse, die das stärkere Herz zu überwinden
hat, so grosse, dass der Vorgang kaum als möglich gedacht
werden kann.
Die Ueberwindung des einen Kreislaufes durch den anderen
zeigt sich bei genauer Ueberlegung immer mehr als eine physiolo-
gische Unbegreiflichkeit.
Zur Lehre von den Acardiacis. 63
Claudius ') selbst sagt, nachdem er sich bemüht das Zu-
sammenstossen der beiden Blutsäulen zu schildern und die nun
spielenden Interferenz Wirkungen zu erklären: „es sind das hämato-
dynamische Verhältnisse, wie sie wohl im ganzen Reich der thie-
rischen Natur schwerlich ihresgleichen haben u.
Selbst in das Mikroskopische der embryonalen Circulations-
verhältnisse übersetzt bleibt der Verlauf des Zusammenstossens
der beiden Blutwellen, wie ihn Claudius darstellt, unglaublich.
Sine gänzliche Pertubation des Kreislaufes durch Hämorrhagie,
Gerinnungen und Embolien, welche den zarten embryonalen Orga-
nismus total zerstören würden, ein hämorrhagisches Chaos müsste
die Folge sein.
Aber dass sich mit mathematischer Buhe die Besultirende
einer geordneten Umkehrung des einen Blutstromes, die dann das
besiegte Herz zum Stillstande bringt, ergeben sollte, das ist schon
deshalb unmöglich, weil das Blut keine so indifferente Flüssigkeit,
f) 1. c. p. 88. „Findet bei gleicher Gefässstructur in beiden Herzen in
demselben Augenblicke eine Systole mit gleicher Kraft statt, so müssen die
beiden Blutwellen in der Mitte des Weges zusammentreffen, hier eine Inter-
ferenzwelle bilden und dann in der früheren Bichtung unverändert fortschrei-
ten. Geschieht eine der beiden Systolen nur mit der Hälfte der Kraft, womit
sich das andere Herz zusammenzieht, so erlischt die erstere WeUe in dem
Interferenzpunkt und die andere schreitet mit der halben Pulshöhe fort.
Während der kurzen Zeit eines solchen Kampfes trifft nun die Systole des
einen Herzens in tausendfachem Wechsel mit aUen Zeitpunkten, die zwischen
zwei Systolen des anderen Herzens liegen, zusammen, und wenn alle Verhält-
nisse gleich wären, so müssten beide Herzen, die sich beständig einander ent-
gegen arbeiten, endlich vor Kraft erschöpf ung stille stehen.
Dieses ist aber wohl nie der Fall; einmal ist der eine von zwei Fötus
gewöhnlich etwas weniger gut entwickelt und zweitens wird meist der Zufall
in dem Zusammentreffen der Blutwellen dem einen eine grössere Kraftäusse-
rung auf das Herz des anderen gestatten. Sobald aber das eine Herz sich mit
geringerer Energie contrahirt, als das andere, ist es im entschiedenen Nach-
theil, es hemmt das andere Herz weniger und wird direct viel stärker gehemmt.
Obgleich die Pulswelle, welche aus dem Herzen der gesunden Frucht
durch die Nabelarterie des späteren Acardiacus eintritt in der weiteren Aorta
viel von ihrer Kraft verliert, so wird sie doch die aus dem Herzen des letzte-
ren ihr entgegenkommende schwächere hemmen oder bei einem Kraft über-
schuss sich durch sie hindurch aufwärts fortpflanzen. Das Endresultat muss ein
Stillstand des einen Herzens sein".
64 Breus.
wie etwa Wasser ist, und derartige Interferenzen sich im Blute
nicht abspielen können, ohne dass Fibrinausscheidungen entstehen,
welche wir überall auftreten sehen, wo im Blutstrom Störungen
erfolgen, wie z. B. in Aneurysmen oder bei Klappenfehlern.
Hydrodynamische Verhältnisse lassen sich nicht so ohne wei-
teres auf die Blutflüssigkeit übertragen.
Ebenso wenig glaubwürdig ist die gezwungene Erklärung,
welche Claudius von dem Schicksale des überwundenen Herzens
gibt, was er übrigens nach seinen Worten, dass wir uns nicht leicht
einen deutlichen Begriff vom Torgange beim Tode des Herzens
machen können, selbst fühlt.
Auf diese perverse Circulation, deren Zustandekommen also
weder Claudius noch Ah 1 fei d befriedigend zu erklären vermögen,
werden nun die eigentümlichen grossartigen Defecte, welche diese
Missbildungen zeigen, zurückgeführt.
Und darin liegt das Verfehlte der ganzen Hypothese.
Die perverse Circulation kann nicht das Primäre, kann nicht
die Ursache der Missbildungen und Defecte eines Acardiacus sein,
sondern im Gegentheile nur das Secundäre, sie kann nur eine Folge
derselben sein.
In einen gesunden, normal angelegten Embryo wird nie das
Blut des Zwillingsbruders in der Weise, wie Claudius es uns
darstellen will, eindringen können.
Wenn aber der eine Embryo schon in seiner ersten Entwicke-
lung defect war, so dass neben anderen Defecten sich auch das
Herz in einer leistungsunfähigen Weise oder gar nicht entwickelte,
dann steht dem Ueberströmen des Blutes aus dem Kreislaufe des
gesunden Embryo in den des abnorm entwickelten nichts mehr im
Wege. Aber statt der Invplution zu verfallen, in Folge seiner
defecten Entwickelung abzusterben und zu degeneriren, kann sich
vermöge dieser vicarirenden Circulation auch der hochgradigst
verstümmelte einer selbstständigen Fortentwickelung ganz unfähige
Embryo bis an das Ende der Schwangerschaft weiter entwickeln und
dann als Acardiacus neben dem gesunden Fötus, dem er seine bis-
herige Erhaltung aber nicht seine Defecte dankt, geboren werden.
Ein missbildeter Embryo, der in Fplge seiner Defecte abstirbt,
das heisst seine selbstständige Entwickelung sistirt, kann so Dank
der anastomotischen Verbindung mit einem gesunden Zwillings-
Zur Lehre von den Acardiacis. 65
embryo in dessen Kreislauf eingeschaltet werden und sanguine
alieno fortleben.
Seine Gewebe werden dann, durch die Circulation des anderen
Fötus ernährt, fortwachsen und sich so zu dem befremdenden
Monstrum eines Acardiacus ausbilden.
Wenn das Herz des einen Fötus gar nicht functionirt, weil
es entweder nicht vorhanden oder zu defect entwickelt oder der
Fötus abgestorben ist, nur dann findet die Blutwelle des gesun-
den Embryo keine Hindernisse mehr oder wenigstens so geringe,
dass sie bei vorhandener Anastomose den verunglückten Embryo
durchströmen kann; aber so lange das Blut in demselben noch
durch die eigene Herzkraft getrieben strömt, diese letztere über-
winden und unterdrücken, das vermag sie nicht.
Diese erneute Circulation, die an Stelle der erloschenen tritt,
ist natürlich nur in verkehrter Richtung denkbar. Dieser Umstand
ist aber unwesentlich und hat gewiss nicht die Tragweite, die man
ihm zugeschrieben; höchstens die geringfügigeren Verunstaltungen
eines Acardiacus können durch ihn verursacht sein.
Alle Schwierigkeiten der Claudius'schen Speculation rühren
nur daher, dass er den verkehrten Kreislauf in einem gesunden
Embryo entstehen lassen und auf ihn die defecte Entwickelung des
späteren Acardiacus zurückfuhren wollte.
Diesen Cardinalfehler, an welchem die Claudius'sche Hypo-
these scheitert, hat aber Ahlfeld beibehalten, als er 1879 eine
Revision derselben vornahm und sie modificirte.
Schon früher aber hatten die Arbeiten DaresteV), PanumV)
und die Darstellungen Perls,s) entschiedenen Widerspruch erhoben
') Dareste, Recherches sur la production artificielle des monstruo-
ritfs. 1877.
*) Panum, Beiträge zur Kenntniss der physiologischen Bedeutung der
angeborenen Missbildungen. Virchow's Archiv, 72. Bd. 1878.
*) Perls, Lehrbuch der allgemeinen Aetiologie und der Missbildun-
gen. 1879.
Diese Arbeiten citirt Ahlfeld selbst bei einer anderen Gelegenheit in
seinem Werke über die Missbildungen des Menschen (1880). Aber die in den-
selben entwickelten Anschauungen über die Acardiacusbildung, welche der
Theorie, die Ahlfeld revidiren wollte, geradezu die Grundlage entziehen,
finden sich bei ihm sonderbarer Weise nirgends berücksichtigt, ja nicht
einmal in den historischen Bemerkungen zu dieser Frage erwähnt.
Med. Jahrbücher. 1882. 5
66 Breus.
gegen die Auffassung von Claudius, dass die eigentümliche Cir-
culation in den herzlosen Missgeburten die Ursache der Missbil-
dung sei.
Dareste ist es nämlich gelungen, auf experimentellem Wege
in Vogeleiern Missbildungen zu erzeugen und diese dann in den
verschiedenen Stadien ihrer Entwickelung zu untersuchen. So fand
er auch in einfachen Eiern, welche keine Zwillinge, sondern nur
einen einzigen Embryo enthielten, diesen so missbildet und dieselben
Defecte zeigend, welche als charakteristisch für die Gruppe der
Acardiaci gelten.
Die Missbildung war also entstanden, ohne dass einer der
Claudius' sehen Factoren für die Aetiologie verantwortlich gemacht
werden könnte. Derartige missbildete Embryonen müssen aber wegen
der Grösse ihrer Defecte ihre Entwickelung bald sistiren, wenn sie
isolirt in einem Eie entstanden, nur in Zwillingseiern können sie
sich durch jene auxiliäre Circulation zum reifen Acardiacus fortent-
wickeln.
L'absence du coeur a donc pour rösultat d' arr§ter k un certain
moment 1' evolution de Tembryon, et d' amener rapidement sa mort,
k moins qu'elle ne soit compensee pas Tintervention d'une condi-
tion physiologique particuliöre, la gemellite.
Or il resulte de mes recherches que si la gemellite joue un
grand röle dans Texistence des monstres omphalosites k une cer-
taine epoque de leur vie, eile est entifcrement etrangfere ä leur origine.
Les monstres omphalosites peuvent se constituer isolement, comme
les monstres autosites; mais ils ne peuvent continuer k vivre que
dans le cas de la gemellite.
Mit diesen Worten präcisirt Dareste (1. c. p. 312 u. p. 316)
seine Anschauung.
In analogem Sinne spricht sich auch Panum aus, dass „die
Umkehrung des Kreislaufes weniger bedeutungsvoll, als man
a priori erwarten könnte, und dieselbe offenbar nicht der wesent-
liche Grund der bedeutenden und umfassenden Bildungsfehler sein
kann, welche oft und gewöhnlich bei den Acephalis acardiacis auch
in anderen Theilen des Körpers gefunden werden". Auch er beruft
sich auf experimentelle Erfahrungen1).
*) 1. c. p. „Meine Untersuchungen über die Entstehung der Missbil-
dungen zunächst in den Eiern der Vögel haben mir gezeigt, dass diejenigen
Zur Lehre von den Acardiacis. 67
Perl 8 bezeichnet die Claudius' sehe Lehre als eine minde-
stens sehr zweifelhafte Hypothese, erwähnt Dareste's undPanum's
Untersuchungen und weist auf jene Fälle in der Literatur hin,
wo sich Acardiaci bei ganz getrennten Placenten gefunden haben
sollen.
Ein Einwand, dem gegenüber Claudius'und Ahlfeld's Theorie
nicht Stand halten können, der aber mit der anderen Auffassung
sich wohl vereinbaren lässt.
Die vicarirende Circulation in einem ganz missbildeten Em-
bryo muss ja nicht in allen Fällen gerade durch die Communication
der Umbilicalgefässe der beiden Embryonen vermittelt werden,
sondern kann ja ausnahmsweise auf eine minder einfache Art zu
Stande kommen, wie z. B. der bekannte Fall von Epiprnathusbil-
dung von Baart de la Faille1) zeigt. In diesem Falle fanden
sich nämlich zwei viermonatliche Acephali mittelst eines gabeli-
gen Nabelstranges an der Schädelbasis einer normalen fünfmonat-
lichen Frucht neben einem sogenannten Epignathus inserirt. Die
Ernährung der beiden Acephali erfolgte von den vasis sphenopa-
Missbildungen, bei welchen eine Umgestaltung der ganzen Körperform oder
eine Molenbildung vorhanden ist, in der allerersten Periode der Entwickelung
durch Erkrankung (Entzündung) der Anlage des Embryos entstehen, und dass
man durch Abkühlung und andere äussere Schädlichkeiten, welche das Ei
wahrend der drei ersten Tage der Bebrütung treffen, in der Regel solche Mo-
lenbildung oder Zerstörung der ganzen Körperform hervorbringt, während
dieselbe Ursache auf einem späteren Stadium mehr localisirte Bildungs-
fehler der gerade in ihrer ersten Ausbildung befindlichen Organe bewirkt.
Ich habe demnächst auch beim Menschen den in den Vogeleiern beobachteten
ganz ähnliche Molenbildungen beschrieben und abgebildet, welche in Abortiv-
eiern gefunden waren. — Solche Molen werden begreiflicherweise, wenn sie
allein im Uterus vorhanden sind, schon früh absterben und abortiv zu Grunde
gehen und ausgestossen werden, weil die Herzthätigkeit und Blutbereitung
in einem so ganz missgestaltetcn und verkrüppelten Embryo ohne Zweifel
sehr bald zur Ernährung desselben ungenügend werden muss.
Ganz anders gestalten sich aber die Verhältnisse, wenn in einer solchen
Mola durch Vermittlung eines gesunden, gleichzeitig im Uterus entwickelten
Zwillings, ein Kreislauf des brüderlichen Blutes unterhalten werden kann.
In solchem Falle kann selbst nach sehr umfangreichen Zerstörungen und
Defecten ein ganz verkrüppelter Rest eines Embryo im Uterus noch bis zur
normalen Zeit der Geburt hin entwickelt werden.
*) Jets over den Epignathus. Groningen 1874.
5*
68 Breus.
latinis aus. Jene von Perls citirten Fälle lassen sich nur erklären,
wenn man annimmt, dass die Umbilicalgefasse der Acardiaci mit
den Uterusgefassen in anastomotische Verbindung gerathen seien.
Die Definition der Acardiaci wird demnach nun so zu modi-
ficiren sein: Acardiaci sind durch frühzeitige Störung
ihrer embryonalen Entwickelung so hochgradig defecte
Früchte, dass sie einer selbstständigen Circulation und
intrauterinen Ernährung gar nicht fähig waren, die aber
trotzdem sich noch weiter entwickelten und fortwuchsen,
weil eine supplirende Circulation ihre Gewebe lebend und
wachsend erhielt. Sie finden sich meist in Zwillingseiern
neben einem normalen Fötus, da unter diesen Verhält-
nissen durch Anastomose der Umbilicalgefasse der beiden
Früchte am leichtesten die vicarirende Circulation zu
Stande kommt, die aber auch auf complicirtere Weise in
natürlich selteneren Fällen eintreten kann.
Da das Fehlen des Herzens aber keine so constante Erschei-
nung bei dieser Gruppe von Missbildungen ist, wie man früher glaubte,
so wird man vielleicht besser die Bezeichnung, welche Dareste
für sie gebraucht, acceptiren und sie Omphalositen nennen.
Nach dieser Auffassung ist es auch begreiflich, warum diese
Missbildungen so inconstant, nicht nur in ihrer äusseren Erschei-
nung, sondern auch in ihrem anatomischen Bau und in ihren
inneren Defecten sind. Sie haben eben keine gemeinsame Aetio-
logie, sondern können aus den verschiedensten Störungen der ersten
embryonalen Anlage hervorgehen, wenn diese nur so hochgradig
sind, dass sie die selbstständige Fortentwickelung des Embryo
sistiren müssen.
Dass nur sehr frühzeitig verunglückte Embryonen auf diese
Weise als Acardiaci ihr intrauterines Leben fortsetzen können,
während Früchte, die erst in einem späteren Stadium der Entwicke-
lung zu Grunde gehen, der Maceration verfallen oder Fötus papy-
racei werden, ist klar. In einem späteren Stadium ist der obsolete
Embryo eben schon zu voluminös und sein Organismus zu compli—
cirt, als dass jetzt noch eine vicarirende Circulation eintreten und
seine Gewebe erhalten könnte..
Das Studium der Missbildungen dieser Kategorie wird dem—
nach nicht so sehr auf die Injection ihrer Gefässe und Placenten ge—
Zur Lehre von den Acardiacis. 69
richtet sein müssen, wie man bisher vorschlug. Vielmehr wird man
suchen müssen aus dem Zerrbild des Acardiacus durch Analyso der
Defecte desselben das Bild des Embryo zu reconstruiron, wie er
zur Zeit der Sistirung seiner selbstständigen Entwickelung ausge-
sehen haben musste, um so zu ermitteln, welcher Art die Störung
war, die ihn befallen und welche Partien der embryonalen Anlage
die zunächst betroffenen waren.
Zum Schlüsse erlaube ich mir noch die Schilderung einer
sehr interessanten Missbildung dieser Gruppe anzufügen, welche
im Sommer v. J. an der 3. geburtshilflichen Klinik geboren wurde.
Nachdem unter normalen Verhältnissen die Geburt eines 800 Grm.
schweren, wohlentwickelten Mädchens erfolgt war, wurde fünf Stunden
später eine weibliche Missbildung in Fusslage todt geboren.
Die genaue Untersuchung der die Zeichen beginnender Maceration
tragenden, erst vor Kurzem abgestorbenen Missbildung und der Placenta
ergab, dass es sich um einen Acardiacus handle, obwohl die für einen
Acardiacus relativ weit gediehene Entwickelung der äusseren Leibes-
form der Missbildung nicht sofort an Acardiacio denken machte. Der
Acardiacus war 34 Ctm. lang und 1500 Grm. schwer und zeigt«* mit
Ausnahme des verunstalteten Kopfes nur durch ein hochgradiges Oedem
der Haut und des hypertrophirten subcutanen Bindegewebes entstellte
Körperformen.
Sonst war äusserlich der Körper ausser dem Defecte einer Zehe
an jedem Fusse vollkommen gut und correct entwickelt, nur der Kopf
stellte einen unförmlichen Klumpen ohne ein ausgebildetes Gesicht dar.
Vom sehr hoch inserirten Nabel nach aufwärts nahm das Oedem
und die Bindegewebshypertrophie immer mehr zu, so dass die Dimen-
sionen der oberen Körperhälfte sich gegen den Kopf zu immer mehr
steigerten und der unförmliche durch bis faustgrosse Cysten des sub-
cutanen Bindegewebes entstellte Kopf ohne einen deutlichen Hals in
den Bumpf überging. Ueber einer der Cysten am Hinterhaupte eine
breite S-förmige Narbe.
An beiden Seiten des Kopfklumpens fanden sich seichte grubige
Einziehungen mit unregelmässig geformten Hautlappen offenbar dem
äusseren Ohre entsprechend, obwohl ein Gehörgang sich von keiner
derselben aus nachweisen liess.
An der vorderen Fläche eine tiefe viereckige Oeffnung, deren
unterer Rand von der gut ausgebildeten Unterlippe, die Seitenränder
von den Hälften der 2 Ctm. weit gespaltenen und nahezu vertical ge-
stellten Oberlippe gebildet wurden.
Der obere Rand trug in der Mitte einen i/2 Ctm. hohen rüssel-
förmigen Fortsatz und ging nach rechts zu in die Haut einer leeren
Lidspalte über.
70 Br'cus.
Oberhalb der linken Ecke dieser der Mundhöhle entsprechenden
Grube ein zweiter russeiförmiger Hautlappen, (1 Ctm. hoch) zu dessen
linker Seite eine faltige Grube (offener Thränengang und Nasenhöhle)
war, an die nach links hin die dreieckige, klaffende, gleich der rechten
mit Wimperhaaren besetzte Lidspalte mit leerem Conjunctivalsacke
sich anschloss. Von jeder Lidspalte liess sich bis zu den Rudimenten
des äusseren Ohres eine narbige Furche verfolgen (Verwach snngsspur
der Kiemenbögen). In der Mundhöhle eine wohlgebildete proportionirte
Zunge. Nach rückwärts die Epiglottis sichtbar. Vom Palatum molle
beiderseits nur ein kleines warzenähnliches Gebilde an der seitlichen
Pharynxwand vorhanden. An Stelle des harten Gaumens eine 2 Ctm.
breite Spalte, welche bis an die Schädelbasis reicht.
Bei genauerer Präparation zeigte sich, dass der Pharynx nur
2 Ctm. lang nach abwärts reichte und blind endigte. Der Oesophagus
fehlte vollständig. Vom Pharynx aus war leicht der Larynx und die
Trachea zu sondiren, welche etwas tiefer als der Pharynx herabreichend
ebenfalls blind und ohne sich zu theilen endigte. In der Wandung
derselben deutlich kleine unregelmässig geformte Knorpelplättchen dar-
stellbar. Thyreoidea unregelmässig gestaltet, erbsengross.
Sternum als eine starke dreieckige Knorpelplatte (von 1 Ctm.
Seitenlänge) vorhanden, mit welcher die Rippenknorpel innig verbunden
waren. Thorax flach, klein, schmal und seitlich eingesunken, ausge-
füllt durch stark ödematöses, derbes Bindegewebe, in welchem keinerlei
Organandeutungen darstellbar waren, und welches nur von mächtigen
Venen und der Aorta durchzogeu war. Herz und Lungen fehlten voll-
ständig. Diaphragma nur bindegewebig, nicht isolirt darstellbar. Die
Bindegewebsmassen, die den Thorax ausfüllten, schlössen nach oben zu
die Bauchhöhle ab. Bauchhöhle von Peritonäum aus gekleidet. Das
rechte Hypochondrium leer. Leber vollständig fehlend. Im linken Hy-
pochondrium eine 1 Ctm. lange, i/2 Ctm. breite Milz und eine halb so
grosse, dicht unter derselben liegende Nebenmilz.
Der Dünndarm blind vor der Wirbelsäule im oberen Bauchraum
beginnend, stellt einen 70 Ctm. langen, zusammengezogenen, mit gelbem
Schleim erfüllten, in reichliche Schlingen gewundenen Schlauch dar,
der an einem proportionalen Mesenterium befestigt ist. 10 Ctm. vor
dem Uebergang in das Colon, gegenüber der Mesenterialinsertion ein
5 Mm. langes Divertikel von dem Dünndarme gleichem Caliber. Der
20 Ctm. lange Dickdarm schliesst sich in der rechten Fossa iliaca an
den Dünndarm an, besteht aus Coecum, (mit einem langen Processus
vermicularis) Colon ascendens, transversum und descendens und dem
Rectum, welches am After mündet. Der Magen fand sich als eine runde,
vollkommen abgeschlossene dickwandige Cyste, welche vor der Wirbel-
säule unterhalb des Diaphragmas lag und durch Mesenterialfalten mit
der Wirbelsäule und den Milzen verbunden war. Er enthielt dicken
graulichen Schleim und hatte eine gut entwickelte Muskelschichte. Mit
dem Darmrohr stand er in keiner Verbindung.
Zur Lehre von den Acardiacis. 71
Vor dor Lendenwirbelsäule eine über haselnussgrosse, lappige,
fusionirte Niere mit zwei bis in die Blase sondirbaron Ureteren. Neben-
nieren nicht darstellbar. Harnblase klein, geht in eine in die Vulva
mündende Urethra über. Vagina fohlt, Uterus, Tuben und Ovarien
vorhanden.
Das Knochen System war sehr gut entwickelt, die Eippen und
Wirbel vollzählig, Clavicula auffällig breit und flach. Schädel propor-
tionirt gebildet, starke Schädelknochon. In der Schädelbasis, entspre-
chend dem fehlenden Siebbein und Keilbein, ein unregelmässig geformter
Defect, welcher durch eine fibröse Membran abgeschlossen war.
Das Gehirn füllte die Schädelhöhle vollkommen aus, konnte nicht
weiter untersucht werden, da es (die Frucht war leicht macerirt) zer-
fliessend weich war.
Das Gefässsystem bestand bei vollständigem Mangel des Herzens
ans einer mächtigen Vene und einer etwas schwächeren Arterie, welche
an der Lendenwirbelsäule sich aus den Vasis iliacis bildeten und der
Wirbelsäule entlang (die Vene rechts, die Arterie links) bis zur oberen
Brustapertur hinaufzogen und dort, ohne vorher ein Herz zu passiren,
sich nach dem Kopf und den oberen Extremitäten zu ramificirten, und
auch während des Verlaufes durch die Rumpfhöhle zahlreiche Aeste
abgaben (vide Abbildung).
Die Placenta war voluminös, eine Scheibe von 20 Ctm. Durch-
messer und bis 3 Ctm. Dicke, hatte ein einfaches Chorion und dop-
peltes Amnion. In dem Septum, welches so die beiden Amnion inner-
halb des Chorionsackes bildeten, inserirten im Centrum der Placenta
die beiden Nabelstränge, und zwar so, dass 3 Ctm. hoch über dor
Fläche der Placenta der sulzreiche Nabelstrang dos gesunden Fötus
inserirte, seine Gefässo sich sofort divergirend ramificirten und an bis
10 Ctm. von einander entfernten Punkten zur Placenta traten.
Der zweite Nabelstrang inserirte von der anderen Seite des
Amnionseptums her an derselben Stelle, so dass also die placcntaren
Enden der beiden Nabelstränge sich noch innerhalb des Septums über
der Placenta vereinigten. Beide Nabelstränge waren sehr kurz. Der
des gesunden Fötus hatte nur 25 Ctm. Länge, der des Acardiacus
mass nur 7 Ctm., so dass er bei der Geburt abriss.
Das Grössen verhältniss war ein derartiges, dass bei der Implan-
tation des kürzeren Nabelstranges auf den längeren dor erstere nur
wie ein Anhängsel des letzteren erschien.
Der längere Nabelstrang enthielt 2 Arterien und 1 Vene; der
des Acardiacus nur 1 Arterie und 1 Vene, welche beide in eine der
ersten Ramificationen der Gefässe des längeren Nabelstranges ein-
mündeten.
Der geschilderte Acardiacus wäre nach der Ahlfeld'schen Ein-
theilung wegen der weitgehenden Entwickelung seiner Körperform
als Acardiacus anceps zu bezeichnen.
72 Breus. Zur Lehre v. d. Acardiacis.
Da aber das Herz vollständig fehlte und nicht einmal, wie in
den übrigen bisher beobachteten Fällen rudimentär vorhanden war,
erweist sich Ahlfeld's Angabe: „Der Anceps hat stets ein Herz",
als unrichtig.
Ebenso passt die centrale Insertion des Nabelstranges dieses
Acardiacus und das Verhalten der Placenta nicht zu dem Besumä,
welches Ahlfeld *) über die Acardiacusplacenten gibt. Er sagt
dort: „Je weiter das Herz des Acardiacus ausgebildet ist, um so
eher inserirt sein Nabelstrang neben dem der gesunden Frucht im
Gentrum der Placenta". Unser Acardiacus müsste nach Ahlfeld
also entweder ein Herz (wenn auch nur ein rudimentäres) haben,
oder sein Nabelstrang müsste marginal an der Placenta inseriren.
Solche Lrthümer in der Detailausfuhrung der Ahlfeld'schen
Hypothese können aber nicht befremden, wenn nach der obigen
kritischen Darstellung sich die Ahlfeld'sche Auffassung von der
Entstehung der Acardiaci, so wie die ihr zu Grunde liegende Theorie
von Claudius als im Princip verfehlt erweisen.
f) Gynäkol. Archiv, 14. Bd. p. 342.
Erklärung der Abbildungen.
Tafel IV. Der Acardiacus.
Tafel Y. Die gemeinsame Placenta und eine Skizze des Gefasssystemes des
Acardiacus im Zusammenhange mit der Placenta.
fu Nabelstrang des gesunden Fötus.
fuf » w Acardiacus.
Die Venen sind schattirt, die Arterien weiss dargestellt. Die Nabelvene
des Acardiacus mündet in die rechte Vena iliaca communis. Die Nabel-
arterie in die linke Arteria iliaca comm. Beide zogen vom Nabelstrang
neben der Harnblase herab zu diesen Gelassen.
V grosse Körpervene, der Vena cava entsprechend.
A Aorta
ics Art. iliaca comm. sinistra.
m r> mesaraica.
r n renalis.
c * coeliaca.
s d v subclavia dextra.
» subclavia sinistra.
8 8
aa r> anonyma.
ccd r> carotis communis dextra.
ce8 r, n » sinistra.
Vad Vena anonyma dextra.
i*i * » r i» c J ix. Jatufeiich
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V.
TJeto die Theorien der Earknwaluneliiirang.
Nach einem in der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien gehaltenen Vortrag1)
von
E. t. Fleischl.
Dass wir überhaupt eine besondere Theorie der Farbenwahr-
nehmung nöthig haben, rührt daher, dass es in der Physiologie
einen Grundsatz gibt, der unter dem Namen „Gesetz der specifi-
schen Nervenenergie" bekannt ist. Wenn dieses Gesetz nicht exi-
stiren würde, oder wenn wir irgend welche Berechtigung hätten, an
seiner allgemeinen Giltigkeit zu zweifeln, dann würde die Aufstel-
lung einer besonderen Theorie für die Thatsache, dass wir die uns
umgebende Welt in Farben sehen, nicht nothwendig sein.
Die Schwierigkeit, welche durch diesen Lehrsatz eingeführt
wird, ist sofort ersichtlich, wenn man sich mit einem bestimmten
Fall der Gesichtswahrnehmung beschäftigt, sich zum Beispiel denkt,
man blicke auf ein weisses Feld, in welchem eine rothe Linie ge-
zogen ist. Es fallen bekanntlich von den einzelnen Punkten der
rothen Linie Bilder auf die Netzhaut und veranlassen nun ein Ge-
sehenwerden dieser rothen Linie. Man muss sich also denken, dass
Nervenenden in der Netzhaut liegen, welche von dem Bilde der
rothen Linie in einer gewissen Weise afficirt werden, man muss
sich ferner denken, dass diese Affection nach einem bestimmten
Centrum im Gehirn geleitet wird und in irgend einer Weise uns
zu Bewusstsein kommt.
') Dieser Vortrag ist von dem Herrn Autor bereits in dem „ Biolog.
Centralblatt" 1. Jahrg. publicirt worden.
74 v. Fleischl.
Wenn man sich vorstellt, an Stelle der rothen stände eine
grüne Linie, so würde auf die Stellen der Netzhaut, die früher von
rothem Licht getroffen wurden, nunmehr grünes fallen, und es könnte
nach dem Gesetz der specifischen Nervenenergie die Erregung der-
selben Nervenenden durch grünes Licht in dem Centrum kein an-
deres Eesultat hervorbringen, als die Erregung durch rothes Licht
hervorgebracht hat. Denn das Gesetz der specifischen Nervenenergie
sagt, dass eine jede Nervenfaser nur eine bestimmte Empfindung
im Centralorgan auslöst, ganz abgesehen vom Charakter der Stö-
rung oder der Einwirkung, welche peripher die Erregung der Nerven-
faser hervorgerufen hat. Wenn also das Gesetz der specifischen Ner-
venenergie richtig ist, dann ist es von vornherein ganz unverstandlich,
wie die Erregung eines Nervenendes einmal im Centrum die Vor-
stellung von etwas Kothem und das andere Mal die Erregung des-
selben Nervenendes die Vorstellung von etwas Grünem, wieder in
derselben Anordnung hervorrufen kann.
Obwohl das Gesetz der specifischen Nervenenergie in dieser
Deutlichkeit, in welcher wir es jetzt auszudrücken gewohnt sind,
erst seit Johannes Müller ausgesprochen wird, und also in den
allerersten Jahren dieses Jahrhunderts noch kaum gekannt war,
gewiss aber nicht mit einem eigenen Namen bezeichnet wurde, so
waren es doch die eben angestellten Erwägungen, welche Thomas
Young veranlasst haben, eine Un Verständlichkeit in dem Umstände
zu finden, dass wir Farben sehen. Er hat auch sofort die Möglich-
keit eingesehen, über diese Schwierigkeit hinwegzukommen, und
diese Möglichkeit, welche er sich zunächst aufgebaut hat, nur um
irgend einen Mechanismus zu haben, nach dem die Dinge möglicher-
weise ablaufen könnten, hat sich als so ausserordentlich geeignet
erwiesen, alle Einzelnheiten in Uebereinstimmung mit den wirklichen
Effecten unseres Sehapparates zu erklären, dass man später — und
zwar theils er selbst, zumeist aber sein Nachfolger und besonders
Helmholtz — daran gegangen ist, diesen Mechanismus, den
Young gewissermassen nur als denkbare Möglichkeit hingestellt
hat, zu einer Theorie der Farbenwahrnehmung auszubauen.
Der Gedanke Young's war der: Unendlich klein sind die En-
den der Nervenfasern nicht, sondern sie haben eine bestimmte
Grösse; und diese Grösse war trotz der zu Zeiten Young's vorhan-
denen geringen mikroskopischen Hilfsmittel doch schon mit einem
Theorien der Farbenwahrnehmung. 75
verhältnissmässig hohen Grad von Genauigkeit bekannt. Man wusste,
es könnten nicht so viele verschiedene Nervenenden auf einem klei-
nen Stück der Netzhaut vereinigt liegen, dass das Beeinflussen des
einen Nervenendes in Beziehung auf die räumliche Vorstellung, die
man sich von dem beeinflussenden Moment nachher macht, gleich-
wertig wäre mit dem Beeinflussen eines anderen Nervenendes, das
etwa durch 10 oder 20 Nervenenden von dem ersten getrennt ist.
Es liesse sich nun denken, dass für jede Farbe eine bestimmte
Nervenfaser vorhanden ist und dass die Nervenenden in der Netz-
haut vielleicht insofern einen verschiedenen Charakter haben, als,
wenn ein solches Nervenende erregt wird, ein rothes Bild entsteht,
und wenn ein anderes erregt wird, etwa ein gelbes oder grünes
Bild entsteht u. s. f. Es wäre ferner denkbar, dass, wenn das Bild
einer rothen Linie auf die Netzhaut fällt, nur eben diejenigen Ner-
venenden, deren Erregung in unserer Vorstellung die Empfindung
„Both" vermittelt, davon erregt werden und wenn an derselben
Stelle das Bild einer grünen Linie eutsteht, eben nur die von die-
sem Bilde getroffenen, die Vorstellung des Grünen vermittelnden,
Nervenenden erregt werden. Eine derartige Vorstellung liesse sich
indess nicht zur Theorie ausbilden; denn bei der ausserordentlichen
Vielfachheit der Farben wäre eine so genaue Localisirung der
Contouren nicht möglich wie wir sie in Wirklichkeit besitzen, wenn
man für jede Farbennuance in der Netzhaut eine Nervenfaserendi-
gung annehmen wollte. Wir sehen so ausserordentlich feine rothe
und grüne Linien, dass, wenn man annehmen wollte, jedes hun-
dertste Nervenende in der Netzhaut sei durch den Farbenton der
rothen Linie, jedes hundertste für den der grünen Linie reizbar,
dies mit der Thatsache des Sehens so feiner Linien unvereinbar
sein würde. Und doch hätten wir dann erst die Fähigkeit, hundert
verschiedene Farben zu unterscheiden, erklärt, während wir in Wirk-
lichkeit deren viel mehr unterscheiden. Denkt man sich aber eine
Netzhaut mosaikartig aus Elementen zusammengesetzt, von denen
nur jedes hundertste für rothes Licht empfindlich ist und stellt
sich nun vor, dass das Bild einer sehr feinen rothen Linie auf
diese Netzhaut fällt, so wird diese Linie vielfach unterbrochen oder
gar nicht mehr gesehen werden, schon bei einer Breite, bei wel-
cher wir sie in Wirklichkeit noch ganz deutlich und ununterbrochen
sehen.
76 v. Fidschi.
Durch ähnliche Erwägungen ist Young zur Aufstellung seiner
Theorie gelangt. Er nahm an, es seien nur einige wenige wirklich
verschiedene farbenempfindende Nervenapparate in der Netzhaut
durch einander gemischt und legte sich dann die Frage vor: wie
viele solcher verschiedenfarbiger Endapparate braucht man not-
wendig, oder welches ist die geringste Zahl, mit der man aus-
kommen kann? Die physikalische Untersuchung hat darauf geant-
wortet, dass man mit drei verschiedenen Farben auskommen könnte;
d. h. es gibt Nervenenden, die, so oft sie gereizt werden, eine
bestimmte Farbenempfindung im Centrum erregen; andere Nerven-
enden, die gereizt wieder eine andere Farbenempfindung geben und
endlich wieder andere Enden, die eine dritte Farbenempfindung
im Centrum auslösen. Wenn man also nur diese drei Fasergattun-
gen annimmt, so kann man daraus schon, bei dem Charakter der
vorhandenen Farben, die Wahrnehmung aller möglichen Farben
erklären. — Es genügt eine Dreiheit von Empfindungselementen,
um alle möglichen Farben zusammenzusetzen. Natürlich ist es
nicht gleichgiltig, wie man diese drei Empfindungen, die sogenann-
ten „ Grundfarben" wählt. Wenn man z. B. sagen würde, die eine
Farbe soll roth sein, die andere orange und die dritte gelb, so
würde man nicht einsehen können, wie man durch das Zusammen-
wirken dieser drei Fasergattungen in irgend einem Intensitätsver-
hältniss auf die Empfindung blau kommen sollte. Wenn man sie
aber so annimmt, dass sie im Sonnenspectrum ziemlich weit aus-
einanderliegen, dann ist es vollkommen gleichgiltig, welche man
wählt. Entscheidet man sich z. B. für Gelb, Blau und Purpur, so
wäre das schon ausreichend. Thatsächlich ist es auch schwer, in
dieser Beziehung zu einer bestimmten Wahl zu kommen. Anfänglich
wählte Young Koth, Grün, Blau, dann ersetzte er indess Blau
durch Violett.
Wir haben nun die Frage zu beantworten, wie man bei
dieser Annahme alle Erscheinungen der Farbenwahrnehmung er-
klären kann. Dass wir eine rothe Farbe sehen können, ist leicht
verständlich, wenn wir Nervenenden in der Netzhaut annehmen,
die erregt in uns die Empfindung roth hervorrufen. Dass wir feine
rothe Objecto genau sehen können, lässt sich unschwer begreifen,
wenn man bedenkt, dass der dritte Theil aller Endapparate für
solche rothe Fasern disponibel ist, da wir überhaupt nur dreierlei
Theorien der Farbenwahrnehmung. 77
Fasern haben. — Dass man grüne Objecto sehen kann, ist auch
verständlich, da wir dafür Fasern haben, die durch grünes Licht
erregbar sind, und erregt im Centrum die Empfindung grün be-
dingen; aus demselben Grunde erklärt es sich, dass wir violette
Objecte sehen. Wie sehen wir aber gelb oder blau u. s. w. ? Auch
das ist nicht schwer zu verstehen, wenn man sich vorstellt, dass
die roth empfindenden Fasern nicht blos angeregt werden, wenn
wirklich Licht auf sie fällt, das einer bestimmten Wellenlänge
entspricht, sondern dass sie auch — wenngleich nicht mit gleicher
Intensität — erregt werden, wenn Licht von etwas anderer Wellen-
länge auf sie fällt. Nehmen Sie z. B. eine Stimmgabel von einem
bestimmten Ton und schlagen Sie diesen Ton an, so tönt die
Stimmgabel mit einer gewissen Intensität mit. Sie kommt aber
auch in, freilich schwächeres Mittönen, wenn Sie einen Ton erzeu-
gen, welcher von dem Ton dieser Stimmgabel etwas verschie-
den ist.
Man hat sich also vorzustellen, dass die roth empfindenden
Fasern durch rothes Licht sehr stark erregt werden, durch gelbes
Licht schwächer, durch blaues und violettes Licht noch schwächer.
Durch Licht von welcher Wellenlänge immer aber auch diese
Fasern erregt sein mögen, welches immer die Stärke der Erregimg
in ihnen sein mag: der Effect den diese Erregung im Centrum
bedingt, ist ausschliesslich die Empfindung: roth. Wenn ich also das
Sonnenspectrum darstelle, und für jede Farbe eine Höhe auftrage,
welche andeutet, wie stark durch Licht von dieser Farbe die roth em-
pfindenden Fasern erregt werden, so bekomme ich für die roth em-
pfindenden Fasern eine Curve von bestimmter Form. Durch rothes
Licht werden diese Fasern am stärksten erregt werden; die Curve
wird also im Roth ihr Maximum haben und nach beiden Seiten
abfallen; für die grün empfindenden Fasern bekommt man wieder
eine andere Curve; diese werden durch grünes Licht am stärksten
erregt, durch gelbes und blaues schwächer, durch rothes Licht
noch schwächer und endlich durch violettes am schwächsten.
Fällt also Licht von solcher Wellenlänge auf unsere Netzhaut,
welche der uns gelb erscheinenden Stelle des Spectrums entspricht,
dann haben wir uns vorzustellen, dass die Empfindung gelb das
Besultat von den ziemlich gleich starken Erregungen der roth und
grün empfindenden Fasern ist, so dass also das Gelb, welches uns
78 ▼. Fleiechl.
als etwas Einfaches, als etwas Einheitliches, als eine elementare
Sinnesempfindung und nicht als etwas Zusammengesetztes erscheint,
physiologisch aus dem Zusammenwirken zweier grundverschiedener
Nervenempfindungen entstanden sein soll. Ich will gleich hier be-
merken, dass man der Young-Helniholtz'schen Theorie aus diesem
Umstand, dass sie genöthigt ist, die Farben, die — wie man sagt
— der Unbefangene für einfach hält, aus dem Zusammenwirken
mehrerer grundverschiedener elementarer Apparate zu erklären,
einen schweren Vorwurf gemacht hat, aber — wie ich auch hier
gleich vorwegnehmen will — nach meiner Meinung mit grossem
Unrecht. — In der gleichen Weise vermag die Young-Helmholtz'-
sche Farbentheorie auch die Empfindung des Blauen aus dem
Zusammenwirken zweier verschiedener Nervenapparate zu erklären,
indem sie die grün- und die violettempfindenden Fasern gleich
stark erregt werden lässt. Hiergegen hat man nun eingewendet,
es sei doch violett etwas viel complicirteres als blau; es sei ent-
schieden eine Verkehrtheit, die einfache Empfindung blau aus dem
Zusammenwirken von violett und grün zu erklären, da es doch
viel einfacher sein würde, das Violett aus dem Zusammenwirken
von roth und blau zu erklären. Wir wollen diesen Einwand indess
hier nur angedeutet haben und seine Beantwortung auf eine spätere
Zeit verschieben.
Dass wir also überhaupt alle Farben sehen, lässt sich aus
der Toung-Helmholtz'schen Theorie ohne Schwierigkeit erklären.
Nun gibt es aber gewisse Farben in der Farbenscala, die in ganz
besonderer Beziehung zu einander stehen, indem sie einander zu
weiss ergänzen. Auch dies ist aus der Young-Helmholtz'schen
Theorie leicht zu erklären; ebenso die Thatsache, dass jedes far-
bige Licht von sehr grosser Intensität nicht in seiner Farbe,
sondern weiss erscheint.
Von besonderer Wichtigkeit ist die Erklärung der Nachbilder
aus dieser Theorie geworden. Wenn man einen rothen Gegenstand
längere Zeit angesehen hat und nachher auf eine graue Fläche
blickt, so sieht man bekanntlich ein Bild, welches dem betrach-
teten rothen Gegenstand geometrisch ähnlich ist, aber in der com-
plementären Farbe, in diesem Falle also blaugrün, erscheint. Dies
erklärt sich nach der Young-Helmholtz'schen Theorie einfach durch
die Annahme, dass die roth empfindenden Fasern dadurch ermüdet
Theorien der Farbenwahrnehmung. 79
worden sind, dass rothes Licht auf sie gefallen ist, während die
übrigen Fasern dadurch sehr wenig erregt, also auch wenig ermü-
det worden sind. Betrachtet man dann an sich weisses Licht, wel-
ches nach der Voraussetzung von Toung und Helmholtz alle Faser-
gattungen der Netzhaut gleich stark, oder graues Licht, welches sie alle
gleich schwach erregt, nicht mit einer ausgeruhten, sondern mit einer
Netzhaut, in welcher die roth empfindenden Fasern ermüdet, während
die grün und violett empfindenden Fasern noch frisch sind, so wird das
weisse Licht natürlich die grün und violett empfindenden Fasern stär-
ker erregen, als die rothempfindenden und man wird das Nachbild in
der complementären Farbe sehen. Auf die grosse Anzahl derartiger De-
tails, welche durch diese Theorie ihre Erklärung gefunden haben und
welche einen grossen Theil der physiologischen Optik ausmachen,
kann hier indess nicht eingegangen werden. — Ebenso hat sich eine
merkwürdige pathologische Erscheinung aus dieser Theorie erklärt,
und zwar ist es Helmholtz selbst gewesen, der auf das häufige
Vorkommen dieses pathologischen Zustandes, der Farbenblindheit,
aufmerksam gemacht, sie genau studirt und ohne Weiteres und
mit Fug und Recht als Stütze für seine Theorie verwerthet hat. —
Die weitaus grösste Menge der farbenblinden Männer — farben-
blinde Frauen gibt es bekanntlich nur äusserst wenige — besteht
aus Rothblinden, d. h. solchen, denen nach der Ansicht von Helm-
holtz, die rothempfindenden Fasern fehlen. Diese Menschen haben
also nur zwei Grundfarben und eine Menge zwischen ihnen liegen-
der Uebergangsfarben, je nachdem durch eine bestimmte Lichtart
die eine oder die andere der beiden bei ihnen vorhandenen Faser-
gattungen stärker erregt wird. Sie sehen ferner an einer Stelle
des Spectrums, an der andere Menschen eine Farbe sehen, einen
neutralen, also grauen Streifen; das ist eben jene Stelle des Spec-
trums, deren Licht die beiden bei ihnen vorhandenen Fasergattun-
gen gleich stark erregt. Da nun grün und violett die beiden Far-
ben sind, für welche die Fasern bei solchen Leuten vorhanden
sind, so sieht ein solcher Mensch das eine Ende des Spectrums
grün, das andere violett, und diese beiden Farben gehen durch
einen unbestimmten Ton in einander über, welcher zwar eine ge-
wisse Helligkeit, aber weder die eine noch die andere Farbe hat.
Folglich gehen jene beiden Farben in einander über durch einen
Ton, welchen diese Leute fortwährend mit grau verwechseln, weil
80 v. Fleisch].
eine graue Fläche ihre beiden Fasergattungen ebenfalls gleich stark
erregt. Sie verwechseln deshalb jene Farbe, die für uns grünblau
ist, fortwährend mit dem Bothen und auch mit dem Grauen.
In ähnlicher Weise lassen die Thatsachen der Grün- und
Violettblindheit sich aus dieser Theorie erklären.
Nun dürfte es wohl allgemein bekannt sein, dass vor mehre-
ren Jahren unser ausgezeichneter Prager Physiolog Hering1) eine
neue Farbentheorie angegeben hat, welche, wie Alles, was von
diesem Forscher kommt, originell, geistreich, ja, man kann sagen,
genial ist.
Sie ist genial in der Einfachheit, mit welcher sich aus ihr
leicht eine grosse Menge von Phänomenen erklären lässt und durch
eine gewisse frische Auffassung der Natur. Sie hat so sehr den
Charakter des Einfachen und leicht Verständlichen an sich, dass
sie die Gunst der Ophthalmologen im Fluge sich erworben hat.
Etwas zurückhaltender sind die Physiologen gewesen, und es haben
sich in letzter Zeit solche Bedenken gegen diese Theorie geltend
gemacht, dass ich glaube, die Zeit sei noch ferne, da man die
Farbentheorie von Young-Helmholtz als etwas Erledigtes bei-
seite lassen könnte. Vielmehr wird man nach meiner Ueberzeu-
gung auf jede Thatsache besonderes Augenmerk richten müssen,
die zu einer Entscheidung zwischen beiden Theorien sich verwerthen
lassen könnte und man wird vor Allem die Young-Helmholtz'sche
Theorie nicht eher verlassen dürfen, als bis es gewiss ist, dass
sich dieselbe durch die Hering'sche mit wesentlichem Vortheil
ersetzen lässt.
Diese geht eben von der Einfachheit wie von einem Princip
aus, indem sie sagt: Es gibt doch nichts Einfacheres, als weiss
und schwarz; und um dies zu erklären, musstet Ihr drei Faser-
gattungen annehmen? Ebenso sind roth, gelb, grün, blau einfach,
wie schon daraus hervorgeht, dass man ihnen in der Sprache eigene
Namen — in der deutschen Sprache sogar einsilbige — gegeben
hat, während man die übrigen nur durch Vergleich mit Natur-
gegenständen bezeichnet, z. B. mit einer Pomeranze (orange)
oder mit einem Veilchen (violett). Gegen diese Behauptung lässt
sich nichts einwenden; nur muss man im Auge behalten, dass
*) Wien. akad. Sitzungsber. LXIX, 179; LXX. 169.
Theorien der Farbenwalirnehmung. 81
kein Grund vorliegt, zu glauben, bei der Construction der Natur
sei auf ihre Verständlichkeit für uns besondere Eücksicht genom-
men. Dass also eine Erklärung complicirt ist, ist noch kein Argu-
ment dafür, dass sie unrichtig ist. Man darf nicht vergessen, dass
„Einfachheit" in Hering's Sinn nichts Anderes ist, als Leichtver-
ständlichkeit für uns.
Ein anderes ist es, wenn behauptet wird, die Empfindung
gelb sei eine einfache Empfindung, und es sei unrichtig zu be-
haupten, dass sie aus roth und grün zusammengesetzt sei. Wenn
man Jemand die Frage vorlegt, ob seine Empfindung von gelb
aus den Empfindungen von roth und grün zusammengesetzt ist, so
wird jeder unbefangene Mensch mit Nein antworten und behaupten,
wenn er etwas gelbes ansehe, so sehe er eben nur gelb, und
nicht roth und grün. Wenn auch dieser Grund ohne Weiteres sich
nicht abweisen lässt, so ist er doch nicht einwandfrei. Fragt man
einen Menschen, was er eine einfache Bewegung nennt, und ob
eine wesentliche Complication zur Bewegung des Arms im Ell-
bogengelenk nothwendig sei, so wird er sagen: eine einfachere
Bewegung als die Bewegung des Arms im Ellbogengelenk gibt es
nicht; das ist eine einfache Bewegung. Er hält diese Bewegung
für einfach, weil er sie sich als einen einfachen Willensact vor-
stellt, von keiner Complication weiss, die zwischen Intention und Aus-
führung liegt und nur wieder die letztere, ihm als etwas einfaches er-
scheinende, kennt. Nichtsdestoweniger wissen Sie, dass zwischen
diesen einfachen Dingen ein sehr complicirter physiologischer Process
liegt, dass verschiedene Nerven, verschiedene Muskeln in Anspruch
genommen werden, dass also zwischen dem einfachen Willensact
und seiner einfachen Ausführung eine sehr complicirte Beihe von
vielfachen anatomischen Apparaten und physiologischen Vorgängen
liegen kann. Ebenso ist es nicht nothwendig, dass zwischen einer
einfachen Wellenlänge und einer einfachen Farbenempfindung auch
nur ein einfacher physiologischer Process eingeschaltet ist, sondern
es kann ein Process von beliebiger Complication eingeschaltet sein,
ohne dass wir es bemerken. Denn wir sind so gebaut, dass wir
von den physiologischen Details, die unser Leben bedingen und
ausmachen, nichts erfahren. Dass also Gelb und Blau uns einfach
vorkommen, ist kein Grund dafür, dass ihr Gesehenwerden in
Wirklichkeit auf einem einfachen physiologischen Process beruht.
Med. Jahrbücher. 1882. ß
82 v. Fleischt.
Hering 's Theorie behauptet nun, dass wir irgendwo eine Seh-
substanz haben — man muss ausdrücklich „irgendwo" sagen, weil
er sich streng dagegen verwahrt, dieselbe mit Bestimmtheit in
die Netzhaut zu verlegen — dass also irgendwo in dem Nerven-
apparat, den wir zum Sehen brauchen, mehrere Substanzen ver-
theilt sind, welche durch die Einwirkung des Lichts verschiedene
Veränderungen erfahren. Am einfachsten ist dies zu verstehen,
bezüglich dessen, was Hering schwarz weisse Sehsubstanz nennt. Er
sagt, es gibt eine Substanz von der Beschaffenheit, dass, wenn sie
aus den nächsten chemischen Constituenten aufgebaut wird, wir
die Empfindung schwarz haben, wenn sie aus irgend einem Grund
zerfällt, wir die Empfindung weiss haben. Mit anderen Worten:
Dissimilirung dieser Substanz gibt weiss, Assimilirung derselben
gibt schwarz. Diese „schwarz-weisse" Substanz wird, wenn Licht
irgend eines Grades und irgend einer Art auf sie fällt, immer
theilweise zerlegt, und dieser Process bedingt dann, dass wir weiss
sehen. Fällt weisses Licht auf sie, so sehen wir es als solches.
Fällt farbiges Licht ein, so hat es, von welcher Farbe es immer
sein mag, allemal auch eine dissimilirende Wirkung auf die schwarz-
weisse Sehsubstanz, bedingt die Helligkeit (besser Weisslichkeit)
der gesehenen Farbe. Diese Substanz ist, wie Alles im menschli-
chen Körper im steten Wechsel begriffen, im Stoffwechsel, und
hierauf beruht es, dass, wenn wir die Augen schliessen, wir ein
mittleres Grau sehen. Hering nennt es so, ebenso wie er den Zu-
stand, in welchen unsere Augen kommen, wenn wir schwarz sehen,
ein mittleres Grau nennt, wenn Assimilation und Dissimilation
gleich stark sind. Dass diese Behauptung gegen die Natur spricht,
auf die er sich so gern beruft, darüber hat Hering geschwiegen.
Wirkliches Schwarz zu sehen — sagt er — dazu gibt es auf der
Erde überhaupt kein Mittel.
Ebenso wie diese schwarzweisse gibt es auch eine rothgrüne
und eine blaugelbe Substanz. Wird die rothgrüne aufgebaut, sehen
wir roth ; wird sie zerlegt, sehen wir grün (oder umgekehrt). Doch
wirkt, wie gesagt, farbiges Licht immer auch auf die schwarzweisse
Substanz ein. — Einer der Hauptvortheile der Hering'schen Theorie
ist, dass jene merkwürdige Thatsache, die ich bereits aus der
Young-Helmholtz'schen Theorie erklärt habe, sich aus ihr einfacher
erklären lässt. Wenn Menschen, welche rothblind sind, immer grün
Theorien der Farbenwahrnehmung. 83
mit grau verwechseln, so fehlt ihnen nach Hering die rothgrüne Seh-
substanz; es ist also natürlich, dass sie auch nicht grün sehen,
wenn sie roth nicht sehen. Die rothgrüne Sehsubstanz derHering'-
schen Theorie ist eine Substanz, welche zwei einander complemen-
täre Farben in unserm Bewusstsein hervorruft *), nämlich einmal
— wenn sie aufgebaut wird — die rothe und das anderemal —
wenn sie zerlegt wird — die der rothen complementäre blaugrüne,
d. h. eine Farbe, welche an einer bestimmten Stelle im Spectrum
liegt. Diese Farbe müssen also die Bothgrünblinden verwechseln
sowohl mit roth wie mit grau. Wenn man aber einen Farbenblin-
den fragt — und ich habe das selbst versucht und genau geprüft —
welchen Theil des Spectrums er für ungefärbt hält, so findet man
nie jenen Theil des Spectrums, welcher zu dem Bothen comple-
mentär ist, der ihm nach Hering' s Theorie fehlen müsste, son-
dern jenen Theil des Spectrums, in welchem sich nach der Toung-
Helmholtz'schen Theorie die beiden anderen Farbencurven schnei-
den; es fehlt ihm also jene Farbe, die von Helmholtz als fehlend
postulirt wird.
Es Hesse sich noch Vieles über die Hering'sche Theorie und
über die Schwierigkeiten, die sie darbietet, sagen. Es ist nach
Helmholtz sehr begreiflich, dass es Menschen gibt, die rothblind
sind, andere, die grünblind, andere die violettblind sind. Wieder
andern fehlen zwei Fasergattungen; diese Menschen haben dann
ein monochromatisches (graues) Sehen; weil sie eben nur eine Art
von Nervenfasern haben. Fehlen ihnen alle drei Fasergattungen, so
sind sie ganz blind. Hering stellt nebeneinander die schwarz-weisse,
die blau-gelbe und die roth-grüne Sehsubstanz. Er kennt Men-
schen, denen die rothgrüne Substanz fehlt (die Bothgrünblinden);
andere denen die blaugelbe Substanz fehlt (die Blaugelbb linden). Man
kann nun aber mit Becht fragen, warum er glaubt, dass Menschen
nie die schwarzweisse Substanz fehlt, oder wie diese Menschen
sehen sollten? Diese müssten die Dinge alle farbig sehen, aber
ohne Grad von Helligkeit. Es scheint mir überhaupt ganz beson-
ders unseren Empfindungen zu widerstreiten, dass wir die Hellig-
keit als eigene Sinnesqualität ansehen sollen, die von der Farbe
') Sind Assimilation und Dissimilation in der roth-grünen Substanz
gleich stark, so sehen wir grau oder weiss.
6*
84 v- Flei«chL
ganz verschieden, ganz getrennt ist. Wir sind gewöhnt, Helligkeit
als Grad der Farbe anzusehen, nicht als eigene Qualität.
Durch alle diese und sehr viel andere besonders in letzter
Zeit häufig angestellte Erwägungen ist aber eine Entscheidung
über die grössere oder geringere Berechtigung der einen oder der
anderen Theorie nicht zu gewinnen gewesen, und es haben sich
deshalb Viele bemüht, zu einer wirklichen Entscheidung, zu einem
Experimentum crucis zu gelangen.
Gerade in der allerletzten Zeit sind wieder einige hierherge-
hörige Publicationen erschienen; doch muss ich — obwohl sich
unter den Autoren sehr bedeutende Namen befinden und in den
Publicationen sehr wichtige und interessante Dinge mitgetheilt
sind — sagen, dass ich ein Eiperimentum crucis, welches zwingen
würde, sich wenigstens einstweilen für die eine oder die andere
Theorie zu entscheiden, nur in zwei Abbandlungen gefunden habe,
über welche ich noch kurz referiren möchte.
Die eine dieser Abhandlungen ist schon vor mehreren Jahren
erschienen und hat Herrn v. Kries zum Verfasser (Arch. f. Physiol.
1878. S. 503). — Diese Arbeit ist in eine etwas complicirte Form
gekleidet; sie beginnt gleich mit einem System von Gleichungen,
und ich glaube gerade, dass diese mathematische Ausdrucksweise
vielleicht Manchen abgehalten hat, die Abhandlung genau durch-
zulesen und ihren werth vollen Inhalt zu benützen. Prof. v. Kries
sagt: Wenn ich einen rothen Gegenstand ansehe und meine Netz-
haut dadurch für roth ermüde, so wird das nach Young's Theorie,
sobald ich später einen grauen Gegenstand ansehe, ein blaugrünes
Nachbild abgeben, und zwar wird es dabei gleichgiltig sein, ob
dieser graue Gegenstand eine Mischung von weissem und schwar-
zem Pulver ist, oder eine Mischung von schwarzen und weissen
Sectoren einer Scheibe, welche rasch gedreht wird; oder ob ich
dieses Grau dadurch erzeugt habe, dass ich eine mit allen Farben
des Spectrums versehene Scheibe rasch drehe. Es ist also ganz
gleichgiltig, auf welche Weise das Grau der Fläche erzeugt und
zusammengesetzt ist; sobald ich sie mit einem für roth ermüdeten
Auge ansehe, werden die anderen Fasern erregt, und ich sehe ein
blaugrünes Nachbild. Das ist aber nicht ebenso der Fall, wenn
die Hering'sche Theorie unserer Betrachtung zu Grunde gelegt
wird. Wenn wir dies thun, so muss nach Kries der Erfolg ein
Theorien der Farbenwahrnehmung. 85
anderer sein, je nachdem die graue Fläche grau ist, weil sie aus
weiss und schwarz zusammengesetzt ist; oder grau ist, weil
sie aus einem anderen Paar von Farben zusammengesetzt ist, welche
zusammen eben dieses Grau geben. Denn wenn ich ein für roth
ermüdetes Auge von einem grauen Licht beeinflussen lasse, wel-
ehes aus weiss und schwarz besteht, so wird die roth-grüne Seh-
substanz dadurch beeinflusst. Betrachte ich aber eine Fläche, die
grau ist, weil sie aus blau imd gelb zusammengesetzt ist, so wird
das Grau auf meine roth-grüne Sehsubstanz nicht einwirken, und
es ist nicht der mindeste Grund dafür vorhanden, warum ich ein
grünes Nachbild sehen soll. Wenn man nun Versuche anstellt, so
sieht man allerdings, dass kein Unterschied in den Einwirkungen
einer wirklich grauen und einer aus blau und gelb gemischten
Fläche besteht, falls man die Flächen so einrichtet, dass sie in
einer Linie aneinanderstossen. Diese beiden Fachen werden zuerst
ganz gleich grau hergerichtet und dann werfen Sie auf diese bei-
den Flächen, da wo sie aneinanderstossen, den Theil ihres Sehfeldes,
auf welchem das grüne Nachbild von einem rothen Kreise erscheint,
den Sie vorher angesehen haben. Dann sehen Sie, dass das grüne
Nachbild über beide Flächen in gleicher Weise weggeht. Das ist
aber das Kesultat der Helmholtz'schen Theorie und spricht wider
die Hering'sche Theorie. Hering hat auf die Einwände, die gegen
seine Theorie gemacht werden, noch nicht geantwortet; aber dies
muss eben abgewartet werden imd es ist nicht ausgeschlossen, dass
er einen Ausweg und eine Vertheidigung gegen diesen Einwand
zu finden wisse; einstweilen steht v. Kries' Argument unange-
fochten da.
Ich komme mm zu den Abhandlungen, über die Mac 6 und
Nicati in der französischen Academie der Wissenschaften Vorträge
gehalten haben, welche in den Comptes rendus wiedergegeben sind
und zwar in den Berichten über die Sitzungen vom 27. X. 79;
31. V. 80; 11. X. 80; 27. Xu. 80; 13. VI. 81.
Diese scheinen uns für die ganze Lehre vom Sehen der Far-
ben überhaupt ausserordentlich wichtig zu sein. Unter Anderm
geht aus ihren Versuchen ein Kesultat hervor, welches ich mit
den Voraussetzungen der Hering'schen Theorie für unvereinbar
halten muss. Die Art, wie diese beiden Herren ihre Versuche an-
gestellt haben, ist so einfach und überzeugend, dass sie geradezu als
86 v. Fidschi.
mustergiltig hingestellt werden kann. Zunächst stellten sie sich
die Aufgabe, zu erforschen, wie gross die Helligkeit ist, mit wel-
cher wir die einzelnen Theile des Sonnen spectrums sehen, und
zwar haben sie sich zur Festsetzung dieses Werths keiner compli-
cirten photometrischen Methode bedient, sondern die Helligkeit an
dem gemessen, woran sie gemessen werden muss, wenn sie zur
Entscheidung in solchen Fragen benützt werden soll — nämlich
direct an dem Auge. Sie haben die Sehschärfe am normalen Auge
bei Beleuchtung des Objects mit verschiedenen Theilen des Spec-
trums gemessen. Sie haben die Sehschärfe, welche ein normales
Auge hat, wenn es einen Gegenstand mit dem hellsten Theil des
Sonnenspectrums, nämlich mit dem gelben, beleuchtet ansieht,
gleich 1000 gesetzt. Dann haben sie die Sehschärfe, welche man
hat, wenn man dasselbe Object nicht mit dem gelben, sondern
mit dem rothen Theil des Spectrums beleuchtet, gemessen und
diese z. B. für das äusserste Roth ausgedrückt durch die Zahl 15.
Der Apparat, dessen sie sich zu ihren Messungen bedienten,
bestand aus einem Spalt, durch welchen das Sonnenlicht einge-
lassen wurde, einem Prisma, in welchem das Licht zerlegt wurde
und aus einem zweiten Spalt, durch welchen sie nur denjenigen
Theil des Lichts durchliessen, den sie auf das Object fallen lassen
wollten. Mit diesem Theil des Spectrums haben sie dann einfach
ein Fixationszeichen, eine Mire beleuchtet. Diese bestand aus drei,
millimeterbreiten Streifen, welche in Millimeterabstand von einan-
der vor weissem Grunde gelegen waren. Die Mire wurde nun z. B.
mit rothem Licht beleuchtet, während die Beobachter in bestimm-
ter Entfernung von derselben sich befanden. Dann wurde die Ge-
sammtmenge des auf das Prisma auffallenden Lichts so lange ver-
ändert, bis die Beobachter eben mit Deutlichkeit das Zeichen
sahen; die Einstellung des Apparats, von der das Lichtmass ab-
hing, wurde gemessen, und diese Messungen für eine ganze Reihe
von Versuchen ausgeführt, und zwar an verschiedenen normalsich-
tigen Individuen. Sie haben nun zunächst z. B. für rothes Licht,
welches etwa der Fraunhofer'schen Linie C entspricht, eine Seh-
schärfe gleich 111 gefunden, also etwa den neunten Theil dies
Werths, den man bekommt, wenn man dasselbe Object mit eben
so viel gelbem Licht beleuchtet. Für das Licht, welches der Wellen-
länge D entspricht, fanden sie die Sehschärfe gleich 768 (für ein
Theorien der Farbenwahrnehmung. 87
Licht, welches nicht gerade durch eine Fraunhofer'sche Linie be-
zeichnet werden kann, hatten sie, wie schon oben bemerkt, 1000
gesetzt); für die Fraunhofer'sche Linie E, welche für grün als
charakteristisch angesehen wird, bestimmten sie eine Sehschärfe
gleich 314; für F im Blau eine Sehschärfe gleich 42 und für die
Linie G, die tief im Violetten liegt, eine Sehschärfe gleich 0*2.
Die Sehschärfe im violetten Licht ist also ausserordentlich gering,
wie übrigens jeder weiss, der sich mit solchen Versuchen be-
schäftigt.
Dieselben Versuche haben nun beide Forscher auch mit farben-
blinden Menschen angestellt. Auf diese Weise musste sich heraus-
stellen, ob Rothblinde auch grünblind sind oder nicht. Denn wenn
jemand rothgrünblind ist, muss bei ihm nicht nur die Sehschärfe
für das Kothe ausserordentlich viel geringer sein als bei normal-
sichtigen Menschen, sondern auch die Sehschärfe für das Grüne,
da ihm die rothgrüne Sehsubstanz fehlt, welche zerlegt werden
könnte.
M. und N. nahmen nun drei Kothblinde und einen Grün-
blinden für ihre Versuche, und legten für jeden eine Liste seiner
Sehschärfen bei verschiedenen Spectralfarben an. Die Ziffern dieser
Listen sind Verhältnisszahlen, bezogen auf die Sehschärfen normal-
sichtiger Personen für dieselben Farben; so dass, wenn der Unter-
suchte selbst, normalsichtig für Farben wäre, seine Liste aus lauter
Einern zu bestehen hätte. Ist aber z. B. seine Sehschärfe für eine
Farbe = 100, für welche die Sehschärfe des normalen Auges =
300 ist, dann kommt in der Liste für diesen Farbenblinden zu
der untersuchten Farbe die Zahl */9 zu stehen; er hat eben für
dieses Licht nur ein Drittel der normalen Sehschärfe.
Wenn ich nun hier einen Auszug aus diesen Listen mittheile
und für den einen der Untersuchten zur Linie C die Zahl 0,143
schreibe, so sagt dies, dieser Mensch hat für rothes Licht, von der
Wellenlänge C eine Sehschärfe, die ungefähr den siebenten Theil so
gross ist, als die Sehschärfe eines normalsichtigen Menschen. Für
licht von der Wellenlänge D hatte dieser Mann auch nicht eine
Sehschärfe 1 sondern 0,5 ; für Licht von der Wellenlänge des grünen
Lichts die Sehschärfe 1,7. Diese einzige Zahl beweist schon, dass
dieser Mann nicht seiner roth- grünen Sehsubstanz verlustig war,
sondern dass er sogar für grünes Licht viel empfindlicher war, als
n n
88 v. Fidschi.
ein normalsichtiger Mensch. Derselbe Mensch hatte für blaues Licht
von der Linie F die Sehstärke 3,1 und für violettes licht bei der
Linie 6 finden wir sogar die Sehschärfe 5 angegeben. Ich möchte
diesen Zahlen keinen absoluten Werth beimessen, weil es bei far-
bigem Licht, wie es hier beobachtet ist, schwer ist, sich nicht um
grosse Beträge zu irren, aber das unterliegt keinem Zweifel, dass
dieser Rothblinde Grün heller gesehen hat, als wir es sehen; dass
man also die Irrthümer in seinen Farbenangaben nicht aus dem
Fehlen einer roth-grünen Substanz bei ihm erklären kann.
Der Zweite von den Leuten hatte
für roth (C) die Sehschärfe = 0,2
für die Linie D = 0,7
E = 2,8
F = 3,0
Noch weiter gegen das brechbare Ende des Spectrums zu
nimmt seine verhältnissmässige Sehschärfe wieder ab. Analog sind
die Zahlen für den dritten Rothblinden.
Der Grünblinde hatte für Licht von der Wellenlänge C eine
Sehschärfe, welche 2,7 mal so gross war, als die eines normalsich-
tigen Menschen, dafür war seine Sehschärfe für gelbes Licht nur
0,5, für grünes Licht 0,2, für violettes hingegen wieder 2,1.
Das ist ein ausserordentlich wichtiges Resultat. Die Herren M.
und N. sind sich dessen vollkommen bewusst, dass diese Zahlen
mit der Hering'schen Theorie absolut unvereinbar sind, und sie sagen
das auch mit emphatischen Worten. Sie unterlassen es aber einst-
weilen, auf eine naheliegende Deutung aus der Helmholtz'schen
Theorie hinzuweisen, wenngleich ich nicht zweifle, dass die Herren
Mace und Nicati auch auf diese Deutung verfallen sind. Man
kann nämlich annehmen, dass die Rothblinden nicht einfach keine
rothempfindenden Fasern gehabt haben, sondern vielmehr, dass die
Fasern, welche bei normalsichtigen Menschen rothempfindend ge-
wesen wären, bei ihnen, je nachdem, bei dem Einen ganz zu den
grünempfindenden geschlagen oder bei dem andern zu den violett-
empfindenden oder in irgend einer Weise sonst zwischen Grünem-
pfindung und Violettempfindung ausgetheilt worden sind. Dafür
spricht, dass der rothblinde Mann für violettes Licht so empfind-
lich war. Endlich ist es sehr auffallend, dass der Farbenblinde,
Theorien der Farbenwahrnehmung. 89
der für Grün eine so geringe Entscheidung hatte, für die beiden
andern von Helmholtz als Grundfarben gewählten Farben eine so
übermässige Empfindlichkeit hatte.
Ich bin nicht der Meinung, dass man aus diesen Daten ohne
Weiteres auf die Unhaltbarkeit der Hering'schen Theorie schliessen
kann, ebenso wenig, wie ich der Meinung war, dass man aus den
Erörterungen von Prof. v. Kries ohne Weiteres ein Verdammungs-
urtheil über die Hering'sche Theorie aussprechen darf, Hering hat
nur in vorläufigen Mittheilungen seine Ansichten dargelegt, es ist
daher noch abzuwarten, was er auf alle diese Einwände antworten
wird. Immerhin aber glaube ich zu der Behauptung berechtigt zu
sein, dass bis jetzt weder die Helmholtz'sche Theorie wider-
legt, noch aber die Hering'sche bewiesen ist.
+<s**ita*-*-
VI.
LocaMchen und OrgangefuMe.
Von
Prof. Ernst v. Fleischt
Assistenten am Wiener physiologischen Institute.
(Am 21. Februar 1882 von der Redaction übernommen.)
Im LXXX1II. Baude der Sitzungsberichte der Wiener Akade-
mie der Wissenschaften habe ich unter dem Titel „physiologisch-
optische Notizen" eine kleine, aus drei von einander vollständig
unabhängigen Theilen bestehende Abhandlung veröffentlicht.
Der erste Theil dieser Abhandlung lautet wie folgt:
„In einem Blechschirme, der nahe und parallel der Flamme
eines Schmetterling-Brenners aufgestellt wurde, befanden sich zwei
runde Löcher von einigen Millimetern Durchmesser in gleicher
Höhe und in einer gegenseitigen horizontalen Entfernung, welche
der Distanz meiner Pupillen von einander gleichkam. Das Licht,
welches von diesen beiden Oeffnungen ausging, wurde nun durch
ein System reflectirender und brechender Flächen, die in unsym-
metrischer Weise aufgestellt waren, derart im Baume herumgewor-
fen und von gewissen Stellen des Baumes abgeblendet, dass ein
Auge, welches sich in einiger Entfernung vor dem Schirme hin-
und herbewegte, in rascher Aufeinanderfolge, aber nach ungleichen
Intervallen ein Bild einer Oeffhung erblickte. Die Gasflamme wurde
übrigens so eingeschlossen, dass, ausser durch jene beiden Löcher,
kein Licht von ihr den Baum erhellte, dieser also fast ganz dunkel
war. Ich habe nun mit dieser einfachen Anordnung folgenden Versuch
angestellt. Ich setzte mich in einer Entfernung von 1 — V/z Meter
92 v. Fleischl.
vor den Schirm und schloss beide Augen, machte dann mit dem
Oberkörper oder mit dem Kopf eine Bewegung und öflhete nun die
Augen, um sie dann sofort wieder zu schliessen, achtete jedoch
darauf, dass ich von dem Momente an, in dem ich die Augen für
kurze Zeit geöffnet hatte, keine Bewegung mehr weder mit dem
Rumpfe, noch mit dem Kopfe, noch mit den Augen machte. Bei
jenem Augenaufschlag hatte ich entweder kein oder ein oder zwei
Bilder gesehen, und wenn einer der beiden letzteren Fälle einge-
treten war, so versuchte ich nachträglich festzustellen: für den
Fall, dass ich ein einziges Bild gesehen hatte, mit welchem der
beiden Augen ich es gesehen hatte, und für den Fall, dass ich
zwei Bilder gesehen hatte, ob ich mit jedem Auge eines, oder beide
mit demselben Auge, und mit welchem Auge ich sie beide gesehen
hatte. Die Kichtigkeit meiner Vermuthungen prüfte ich dann, indem
ich, ohne meine Stellung verändert zu haben, abwechselnd das eine
und das andere Auge öffnete. Hiebei zeigte es sich, dass mein
Urtheil ungefähr so oft falsch war, als es falsch sein musste unter
der Voraussetzung, dass wir keine Kenntniss davon haben,
mit welchem unserer beiden Augen wir etwas sehen; dass
ich also z. B.: wenn ich blos ein Bild erblickt hatte, ungefähr
ebenso häufig auf das richtige Auge rieth, wie auf das falsche.
Meine Augen wichen in der kurzen Zeit, während welcher ich sie
geöffnet hielt, nicht merklich aus ihrer Parallelstellung ab, so dass
ich, selbst in dem Falle, dass ich eine der beiden Oeffhungen gar
nicht, die andere aber mit beiden Augen sah, Doppelbilder erhielt;
diese Doppelbilder vermochte ich nicht zu unterscheiden von jenen,
die entstanden, wenn ich mit einem Auge gar nichts, mit dem an-
deren die beiden Oeffnungen sah, so dass ich mich auch für be-
rechtigt halte, den Satz auszusprechen, dass wir keine unmit-
telbare Kenntniss davon haben, ob wir monoculär oder bi-
noculär sehen.
Diese Beobachtungen lassen sich noch auf mannigfache andere
Weise anstellen, doch ist immer eine gewisse Vorsicht notbwendig,
um alle Umstände auszuschliessen, die ims zu Elementen für einen
Schluss verhelfen könnten. Wenn man in einem von mehreren
Flammen erleuchteten Räume einen Brillanten in solcher Entfer-
nung vor der Nasenwurzel hält, dass es eben noch gelingt, den-
selben einfach — wenn auch undeutlich — zu sehen und man nun
Localzeichen und Organgefühle. 93
eine ganz kleine drehende Bewegimg mit dem Steine ausfuhrt, so
gerathen sämmtliche Spectra in Bewegung, einige verschwinden,
neue tauchen auf. Man frage sich nun von einem solchen eben
aufgeblitzten Spectrum, mit welchem Auge man es sieht, und
prüfe dann die Kichtigkeit der Antwort durch abwechselndes
Schliessen der Augen. Auch hiebei wird man ungefähr ebenso häu-
fig falsch wie richtig rathen.
Aus diesen Versuchen scheint mir hervorzugehen, dass ein
„Organgefühl" der Augen in dem Sinne, wie es in neuerer Zeit
gelegentlich zur Beantwortung physiologischer und psychologischer
Fragen angenommen wurde, und von welchem sogar unser Raum-
sinn abzuleiten versucht wurde, nicht existirt. Es mag immerhin
zugegeben werden, dass sehr bald nach excessiven adäquaten Sin-
nesreizen sich Veränderungen in dem gereizten Organe secundär
ausbilden, die nun vermittelst der dem Organe angehörigen schmerz-
empfindenden Nerven wahrgenommen und richtig localisirt werden
— eine directe Wahrnehmung der anatomischen Lage des gereiz-
ten Sinnesapparates, ein Organgefühl kann selbst bei sehr inten-
siven Beizen — für das Auge wenigstens — nach dem eben Mit-
geteilten nicht zugegeben werden".
Gegen diese Mittheilung richtet sich ein in dem letzten Hefte
dieser Jahrbücher enthaltener Aufsatz von Hrn. Prof. S. Stricker1).
Ich will nun im Folgenden, um der Geduld des Lesers nicht
zu viel zuzumuthen, von vielen mehr persönlichen Bemerkungen,
welche in diesem Aufsatze enthalten sind, absehen imd nur einige
Punkte berühren, deren Darstellung in dem erwähnten Aufsätze
geeignet ist, denjenigen Lesern, welche nicht von vornherein über
die Sache unterrichtet sind, irrige Vorstellungen über zum Theil
sehr wichtige Dinge beizubringen.
Der erste von diesen Punkten betrifft die „Localzeichen". .
Eine Gesichtsempfindung unterscheidet sich von einer Tonem-
pfindung durch die „Modalität der Empfindung".
Eine andere minder eingreifende Unterscheidung ist die zwi-
schen verschiedenartigen Empfindungen desselben Sinnesorganes,
*) S. Stricker, Beiträge zur. Kenntniss der Organgefühle. Diese Jahr-
bücher 1881, pag. 545—563.
94 v- Fleischl.
z. B. zwischen roth und grün; diese unterscheiden sich voneinander
durch die „ Qualität der Empfindung".
Zwei Empfindungen von gleicher Qualität können sich noch
durch ihre „Intensität" voneinander unterscheiden.
Nun unterscheiden wir aber an Modalität, an Qualität und auch
an Intensität gleiche Empfindungen doch noch von einander, wenn sie
von verschiedenen Stellen der empfindenden Oberfläche1) ausgehen.
Dasjenige, wodurch sich solche Empfindungen noch für uns von
einander unterscheiden, das ist das von Lotze jeder Elementar*
Empfindung zugeschriebene, ihr eigenthümliche „Localzeichen".
Die Localzeichen entbehren, da nach Lotze's Meinung die Empfin-
dungen selbst kein räumliches Element enthalten können, jeder
unmittelbaren Beziehung auf den Baum, werden aber von uns zur
Cönstruction des Raumes verwendet. Also dasjenige subjective
Element in jeder Empfindung, welches uns befähigt, je zwei gleich-
zeitige an Qualität und Intensität einander gleiche Empfindungen, doch
noch von einander zu unterscheiden; hingegen je zwei nur der Zeit
nach verschiedene sonst aber identische Empfindungen als identische
zu erkennen — das nennt man „Localzeichen der Empfindung".
Stricker behauptet, ich weise die Hypothese von den Local-
zeichen zurück. Um diese in Wirklichkeit völlig unbegründete Behaup-
tung seinen Lesern glaublich zu machen, gibt er ihnen folgenden durch-
aus unzutreffenden Bericht über das, was Begründer und Verthei-
diger der Hypothese von den Localzeichen unter „Localzeichen"
verstehen. Er sagt nämlich (1. c. pag. 549) : „ — — In diesem
„Sinne hat Lotze die Hypothese von den »Localzeichen4 eingeführt,
„und hat Helmholtz, der Empirist ist, diese Hypothese ange-
ln ommen. Diese Hypothese sagt: Wir müssen ein ursprüngliches
„(angeborenes) Vermögen besitzen, den Ort, an welchem unsere
„Nerven in der Peripherie gereizt werden, zu erkennen, wir müssen,
„um es mit anderen Worten auszudrücken, ein ursprüngliches Zei-
chen besitzen, welches uns über die Localität der gereizten Stelle
„Auskunft gibt u. s. w.tt. —
Dass Lotze uns nichts weniger, als ein angeborenes Ver-
mögen „den Ort an welchem unsere Nerven an der Peripherie ge-
reizt werden, zu erkennen" zugeschrieben hat, indem er uns „Local-
') Die ganze Auseinandersetzung bezieht sich nur auf den Gesichts-
und Tastsinn.
Localzeichen und Organgefühle. 95
zeichen" zuschrieb, geht aus seiner ganzen Darstellung hervor, be-
sonders deutlich aus folgenden Worten LotzeV): »Die Local-
„zeichen bilden immer ein an sich ganz unräumliches, arithmetisch-
qualitatives Beihensystem".
Ferner geht es hervor aus der ganzen Darstellung, welche
Helmholtz von dieser Lehre gibt, u. A. aus dem Satze2): „Von
„welcher Art diese letzteren (die Localzeichen) sind, darüber wissen
„wir gar nichts; dass dergleichen da sein müssen, schli essen wir
„eben nur aus dem Umstände, dass wir Lichteindrücke auf ver-
schiedenen Theilen der Netzhäute zu unterscheiden vermögen".
"Wohlgemerkt: „Lichteindrückett unterscheiden wir von einander
vermöge der Localzeichen, und nicht Netzhautstellen, wie Stricker
seine Leser glauben macht.
Ein auf diese Weise beim Leser hervorgerufenes Missver-
ständni8s würde dieser aber nicht etwa mit dem Autor, der es
hervorgerufen hat, theilen ; denn dieser ist in Wirklichkeit ganz gut
über die Sache unterrichtet, er weiss sehr wohl, dass die Anschau-
ung, Localzeichen seien Ortsempfindungen, nicht Lotze's und Helm-
holtz's, sondern seine Anschauung ist; wenigstens wusste er es
vor fünf Jahren, als er in dichtem Anschlüsse an das auch hier
wiedergegebene Citat von Helmholtz über die Localzeichen sagte8):
„Doch sage ich nicht, es sei uns unbekannt, welcher Art sie sind,
„sondern ich spreche sie als unmittelbare ursprüngliche Ortsempfin-
„dungen an".
Lotze hat sich dieser ganz neuen Auffassung soviel mir be-
kannt ist nicht angeschlossen, Helmholtz vertritt in einer meister-
haften Bede, auf die ich noch zu sprechen komme, eine dieser Auf-
fassung geradezu entgegengesetzte — Stricker hingegen führt
seine Privat-Meinung dem Leser unter der Firma Lotze-Helm-
holtz vor. Es thut mir leid, aber das musste gesagt werden.
Nun komme ich zu den „Organgefühlen". Von diesen sagt
Stricker seinen Lesern zwar, dass sie durch ihn in diese Lehre
einbezogen wurden, und sagt ihnen auch, aus welchen Gründen er
') Mittheilung Lotze'siniStumpf, Ueber den psychologischen Ursprung
der Raumvorstellung p. 322.
■) Helmholtz, Physiologische Optik, p. 530.
•) Stricker, Unters, üb. d. Ortsbewusstsein u. s. w. Wiener Akadem.-
Berichte. LXXVI. Bd. EL Abth. p. 10 des Sep.-Abdr.
96 v. Fidschi.
sie für nothwendig hält. Dadurch wird aber die irrige Meinung,
die er seinen Lesern über das beigebracht hat, was Lotze und
Helmholtz unter Localzeichen verstehen, nicht rectificirt.
Gegen diese Organgefühle und nicht gegen die Localzeichen
spricht nun der von mir angestellte Versuch und der daraus ge-
zogene Schluss. Es ist ein Irrthum, wenn Stricker meint, dass
meine physiologisch-optischen Notizen „geeignet sind, eine der
„wichtigsten Lehren der Psychologie in ihren Fundamenten zu er-
schüttern* *); es ist ein kaum begreiflicher Irrthum, wenn er sagt2):
„Dem Wortlaute der Publication zufolge hat Herr Prof. v. Fleischl
„seine Behauptungen gegen jene Fundamente der Lehre von den
„Kaumvorstellungen gerichtet, welche in den letzten 25 Jahren als
„feststehend anerkannt worden sind".
So wichtig und so alt ist die Lehre von den Organgefühlen
nicht, wohl aber die von den Localzeichen, mit der hat aber meine
ganze Notiz nichts zu schaffen.
Hier will ich beiläufig bemerken, dass, wenn dem Allem
nicht so wäre, und ich wirklich eine wichtige und alte Lehre zu
erschüttern versucht hätte, ich an und für sich auch daran nichts
fände, es ist schon öfters vorgekommen, dass wichtige und alte
Lehren erschüttert wurden. —
«
Ein anderer Punkt, über welchen bei dem, sonst nicht mit
diesen Fragen vertrauten, Leser des Stricker'schen Aufsatzes noth-
wendig ein Missverständniss eintreten muss, ist in jenem Aufsatze
unter Abschnitt I. behandelt.
Dieser Abschnitt I. beginnt mit folgenden Worten8): „Die
„Behauptung des Herrn Prof. v. Fleischl, dass seinen Versuchen
„zufolge die Organgefühle der Augen nicht zu existiren scheinen,
„steht auf derselben logischen Grundlage wie die Behauptung jenes
„Herrn, der im Juli ein Flussbad genommen hat, und daraufhin
„das Vorkommen zugefrorener Flüsse läugnet". Hätte ich keine so
grosse Abneigung gegen Beispiele und Gleichnisse, so müsste ich
hierauf antworten: Mein Gegner ist ein Mann, der behauptet, alle
Flüsse sind immer zugefroren — einem solchen gegenüber ist die
*) Stricker, Beiträge zur Kenntniss der Organgefühle. 1. c. p. 545.
*) 1. c.
8) 1. c. p. 552.
Localzeichen und Organgefühle. 97
glaubhafte Versicherung, man habe einmal ein Flussbad genommen,
ganz am Platze.
Die Sache liegt nämlich nicht etwa so, dass Stricker be-
hauptet hätte, Organgefühle kämen gelegentlich vor, und ich nun
gemeint hätte, gegen diesen Satz durch den Nachweis eines Falles
in dem sie nicht vorkommen, etwas auszurichten; sondern sie liegt
vielmehr so, das Stricker behauptet hat mit jeder, absolut
jeder normalen Sinneswahrnehmung sei das Bewußtsein des Ortes
der gereizten Sinnesoberflache verknüpft, und ich für die all er-
wichtigste und grösste Gruppe von Sinneswahmehmungen das Fehlen
dieses Bewusstseins nachgewiesen habe.
Dass diese meine Darstellung von der Lage der Sache die
richtige ist, und nicht etwa jene Vorstellung von der Lage der
Sache, welche in jedem Leser durch den oben citirten Vergleich
Stricker' s erweckt wird, — das geht aus folgenden Stellen der
Stricker'schen Abhandlung .Untersuchungen über das Ortäbewusst-
sein und dessen Beziehungen zu der Baumvorstellung'' f) hervor.
pag. 8. „An jede Empfindung knüpft sich das Bewusst-
„8 ein zweier Orte, und zwar, eines Ortes im Centrum und
„eines in der Peripherie*.
Dieser Satz ist im Original, wie hier, mit gesperrter Schrift
gedruckt; er ist eines der drei Hauptergebnisse der ganzen Ab-
handlung. Das hier für jede Empfindung behauptete BewTjj-ati-ein
eines Ortes in der Peripherie ist nichts andere* als da* von n.ir
fftr den Fall des Sehens bestrittene Orgatgefühl de« Aq?<*. Ya
geht dies u. A. aus folgender Stelle der Stricker'schen Abhandlung
hervor, (pag. 20): .Da ich in dem Ab-chn.tte A gezeigt habe,
„dass sich an jede psychische Function ein Bewusst>.ein de* Orte«
„knüpft, an welchem sie ausgelfct wird: ferner m dem Abschnitt*
„B., dass wir uns bei jeder normalen Empfindong auch
„desjenigen Ortes im peripheren Xerver. bewuaat w*rd<*n,
.aufweichen der Gegenstand >ier Empfinding zewirk*: hat,
„so ist hiermit die ursprüngliche d:;-pehe Is&rmq vr*\**.*xsx ,.
f) Wiener akad. Sitzungs-IterähTa \.\XT*l. Jui. !*TT. 1» .v--/V7.Mr.>fl
sind nach dem Sep.-Abdr. dtirt.
■) Die Hervorhebung einzeln*? Sa* jrh ■*:".•» ti.**h jr**n*rrv in.-I f**te
Schrift in diesem Citate rührt von mir :.*t. F.
Med. Jakrbftcker. 1882. -
98 ▼- Fleischl.
Wie man sieht, sind diese Sätze in vollkommener Allgemein-
heit, ohne Beschränkung hingestellt. Das genügt für mich. Aber
es ist der Fall, den ich bestritten habe, auch noch in specieller
Erwähnung hervorgehoben, pag. 22. „Wir lociren, wie ich schon
erwähnt habe, die Tonempfindungen gleich den Gesichts- und
Tastempfindungen central und peripher". — Sonach ist wohl die
gänzliche Haltlosigkeit der Behauptung, meine Logik gleiche der
des Herrn, der ein Flussbad genommen hat u. s. w., nachgewiesen.
Ein weiterer Punkt, der der Aufklärung bedarf, betrifft die
Stärke der in meinen Versuchen angewandten Lichtreize.
Für die Lichtstärken, mit welchen ich die Augen reizte, gibt
Stricker die Eichtigkeit meiner Beobachtungen zu; und stellt nach
einer etwas anderen Methode Versuche mit demselben Ergebnisse an,
welches sich mir dargeboten hatte. Es wäre also an ihm gewesen zu
erklären, dass sein in grösster Allgemeinheit hingestellter Lehrsatz
falsch ist, dass er sich vielmehr davon überzeugt hat, dass "für die
Augen ein solches Bewusstwerden des Ortes in peripheren Nerven,
auf welchen der Beiz gewirkt hat, nicht stattfinde. Statt jedoch
diesen nothwendig gewordenen Bückzug anzutreten, sagt Stricker,
ich hätte mit stärkeren Lichtreizen arbeiten müssen, um meinen
Ausspruch zu begründen; bei stärkeren Beigen sei das von ihm
behauptete Unterscheidungs vermögen der Augen" nachweisbar. Hiezu
war aber in Wirklichkeit gar keine Veranlassimg für mich vorhan-
den, denn Stricker hat seinen Satz wie ich bereits mehrmals her-
vorhob, ganz allgemein hingestellt — im Gegentheile durfte ich
eine gewisse Lichtstärke nicht wohl überschreiten, denn die einzige
Beschränkung, die Stricker der Allgemeinheit seines Satzes aufer-
legt hat, liegt darin, dass er sich der Worte bedient „bei jeder
normalen Empfindung" 1). Welchen Sinn hat wohl die Zumuthung,
die Stricker mir macht, ich solle um die Vorgänge bei der nor-
malen Empfindung zu prüfen, abnorme Beize anwenden?
Ich konnte von vorneherein nicht wissen, in welcher Beziehung
die Empfindungen „normal" sein müssen, damit der Stricker'sche
Satz auf sie seine Anwendung finde. Dass aber die Empfindungen,
mit denen ich gearbeitet habe, welche also auch in Beziehung auf
Intensität weder abnorm stark noch abnorm schwach waren, über-
haupt „normale" waren, unterliegt gar keinem Zweifel. Dass man
') S. d. Citat p. 97.
Localzeichen und Organgefühle. 99
femer von einem Wesen, dessen rechtes Auge von einem Lichtreiz
getroffen wurde, und welches nachher nicht weiss, dass sein rechtes
Auge getroffen wurde, sondern die Angabe macht, es sei das linke
gewesen; dass man von einem solchen Wesen nicht sagen kann:
dasselbe werde sich bei jeder Empfindung auch desjenigen Ortes im
peripheren Nerven bewusst, auf welchen der Gegenstand der Em-
pfindung gewirkt hat, ist ebenfalls keinem Zweifel unterworfen.
Sonach ist also unzweifelhaft) der von Stricker in solcher Allge-
meinheit ausgesprochene Satz falsch; und ich glaube es wäre am
einfachsten gewesen, dieses zuzugeben.
Prof. Stricker macht statt dessen in einem II. Abschnitte
seiner Streitschrift noch einen vergeblichen Versuch seinen Lehr-
satz zu retten. Dieser Versuch liegt in folgenden Worten1): „Wenn
„ich nämlich bei schwächeren Lichtintensitäten auch nicht zu ent-
scheiden vermag, mit welchem Auge ich sehe, so weiss ich doch
„ganz bestimmt, dass ich mit den Augen sehe."
„Ich weiss, dass ich mit den Augen sehe, weil ich es fühle,
„und keine wie immer geartete Nachricht kann mich dieser Er-
„kenntniss entfremden. Nun ist es mir bekannt, dass es Menschen
„mit stumpferen Sinnen gibt, die behaupten, sie wüssten nicht, dass
„sie mit den Augen sehen, wenn sie nicht die Erfahrung machen
„würden, dass sie bei geschlossenen Augen nicht sehen".
Dass man nicht unmittelbar weiss, mit welchem Auge man
sieht, ist für sich ganz allein ausreichend, um die Lehre von der
peripheren Locirung in der Form, welche ihr Erfinder ihr selbst
gegeben hat, umzustossen — wenn Stricker, um einen Best dieser
Lehre zu retten, behauptet: dass wir überhaupt vermittelst der
Augen sehen, wissen wir nicht aus Erfahrung, sondern daher, dass
wir es fühlen; so ist dies eine neue Frage, deren Beantwortung an
der bereits getroffenen Entscheidung im Principe nichts ändert, es
wird aber der Beweis für diese Behauptung Stricker's abzuwarten
sein, ehe man ihr weitere Folgen beimisst. Leicht wird dieser Be-
weis, der. Natur der Sache nach, nicht zu erbringen sein — es sind
diese Dinge den strengen wissenschaftlichen Methoden schwer und
nur an wenigen Punkten zugänglich — habe ich doch auch meine
Beobachtung, die den Ausgangspunkt dieser Discussion bildet, nur
deshalb für der Erwähnung werth gehalten, weil sie einen
') p. 558.
100 v- Fleischt
der objectiven Controlle unterwerfbaren Fall aus diesem Gebiete
betrifft.
Welcher Art immer diese Beweise sein werden — jedenfalls
werden sie in etwas anderem zu bestehen haben, als darin, dass
jene Beobachter, welche behaupten, sie wüssten nur durch den Ver-
such, dass sie mit den Augen sehen, für Menschen mit „stumpferen
Sinnen" ausgegeben werden.
Woher wir wissen, dass wir mit den Augen sehen, dass soll
ja erst entschieden werden, da kann man doch nicht damit anfangen
zu sagen: wer's nicht so entscheidet wie ich, der hat eben
stumpfere Sinne. Uebrigens handelt es sich hiebei nicht nur um
die Schärfe der Sinne, sondern auch um die Schärfe und Ver-
lässlichkeit des Urtheils darüber, ob gewisse mit Sinneswahrneh-
mungen vielfach verknüpfte Bewusstseins-Acte unmittelbar aus der
jedesmaligen Thätigkeit des Sinnesorganes entspringen, oder ob sie
eine andere Quelle haben und nur durch Associationsgewohnheit
in so nahe Beziehung zur Sinneswahrnehmung gestellt sind. Solche
Fragen sind im allgemeinen äusserst schwierig zu beantworten, und
es möchte kaum angehen, dem einen oder dem anderen Forscher,
geschweige denn sich selbst, einen höheren Grad von Befähigung
hiefür zuzusprechen, respective den Uebrigen abzusprechen.
Sehen wir uns nun nach den Beweisen etwas objectiverer Natur
um, die Stricker für seine Behauptung vorbringt, so finden wir
deren zwei vor, die übrigens Stricker selbst, und zwar mit Recht,
nicht für ganz beweisend hält; denn er sagt, nachdem er sie vor-
getragen hat *) : „Ich habe auch gar keine Neigung den Beweis
„an diesem Orte durch eine weitere Argumentirung auf das schärfste
„herzustellen".
Der eine von den Beweisen Stricker' s stützt sich auf die
bekannte Bemerkung, „dass man sich die Kegion des Hinterhauptes
„weder hell noch dunkel und überhaupt in keiner Lichtqualität
„vorstellt". Die zweite Stütze für seine Ansicht findet Stricker in
dem berühmten Falle Cheselden's, in welchem der blindgeborene
Knabe nach der Operation zuerst meinte die gesehenen Gegenstände
berührten seine Augen.
Das letztere Argument scheint mir eher gegen Stricker's
Auffassung zu sprechen, indem es zeigt, wie sehr wir in diesen
*) p. 559.
Localzeichen und Organgefüblc. 101
Dingen von unseren auf andere Weise gewonnenen Erfahrungen
abhängen — der Knabe, der noch keine ordentlichen Erfahrungen
mit seinem Gesichtssinne gemacht hatte, verwerthete eben in
plumpster Weise die aus seinem Tastsinne abstrahirten Erfahrun-
gen indem er meinte, das Sinnesorgan müsse von den Gegenstän-
den selbst berührt werden. Dass er, der 13jährige Junge, der
immer gehört hatte, es fehle ihm etwas an den Augen, eine Fähigkeit,
die die anderen Menschen haben u. s. w., er, an dessen Augen
«ine sehr empfindliche Operation vorgenommen war, in Folge deren
eine so fundamentale Veränderung mit ihm eintrat, den Inhalt der
neuen Wahrnehmungen in Beziehung zu seinen Augen setzte, ist
ganz natürlich und es folgt hieraus nichts für die Annahme eines
Organgef&hles oder für die Annahme, man erfahre unmittelbar aus
dem Gef&hle, dass man mit den Augen sieht. Was aber mehr nocli
als alles dies die Verwerthung des Falles im Sinne Stricker's ans-
schliesst, ist, dass dieser Knabe schon vor der Operation (es han-
delte sich um angeborenen grauen Staar) ein nicht unbeträchtliches
Sehvermögen hatte, Liebt und Dunkel unterschied, und die Rich-
tung, aus der das Licht kam, durch Bewegungen seines Körpers
und seiner Augen aufzusuchen vermochte. Hiernach beweist also
dieser Fall gar nichts, denn der Knabe wussto längst vor der
Operation aus der Erfahrung von einer Beziehung des Lichts zu
seinen Augen. Stricker musste das wissen, denn Helmholtz, aus
dessen physiologischer Optik er, wie er sagt, den Fall kennt, erwähnt
es daselbst nachdrücklich und ausführlich *) und knüpft einige Be-
merkungen daran.
Wie die Bemerkung, dass man sich den Raum hinter dem
Hinterhaupt weder hell noch dunkel vorstelle, oder wie der Um-
stand, dass man sich auch über die Lage des dunklen Gesichts-
feldes klar ist, zur Entscheidung der Frage etwas beitragen sollen,
ob unsere Kenntniss von der Function der Augen angeboren oder
erworben ist — das sehe ich nicht ein. Ob diese Frage in dem
einen oder in dem anderen Sinne entschieden wird, ist für das
VerstÄndniss jener Thatsachon vollkommen gleichgiltig. Zum Be-
ireise hiefttr werde ich dieselben erklären unter Voraussetzung einer
Werts* getroffenen Entscheidung jener Frage, und zwar werde ich
') Helmholtz, physiol. Optik, p. 587, 588.
102 v. Fidschi.
jene Entscheidung voraussetzen, deren Unhaltbarkeit Stricker durch
den Hinweis auf diese Thatsachen zu begründen glaubt. Ich setze
also voraus, dass ich aus der Erfahrung und nur aus der Erfahrung
weiss: 1. dass ich Augen habe, 2. dass ich mit den Augen sehe,
3. dass die Grenzen meines Sehfeldes bestimmte Lagen gegen
meinen Kopf und meine Augen haben, 4. dass die Qualität der
Empfindimg, welche wir „schwarz* nennen und welche bei offenen
Augen und in hellen Bäumen nur gelegentlich Theile meines Ge-
sichtsfeldes erfüllt, eine über das ganze Gesichtsfeld verbreitete wird,
sobald ich die Augen schliesse oder in einen dunklen Baum trete.
Nun, um in irgend einer Bichtung des Baumes schwarz zu
sehen, dazu gehört zweierlei: erstens das Bewusstsein, dass von
dieser Bichtung her unser Auge erregt werden könnte; und zweitens
die Thatsache, dass es von dieser Bichtung her nicht erregt wird.
Was jenes Bewusstsein anlangt, so ist der Grad analytischer Deut-
lichkeit der ihm zukommt irrelevant, möglicher Weise braucht es
blos ein sehr unvollkommen ausgesprochenes zu sein ; was für
unsere Frage von Bedeutung ist, das ist die Quelle, die Provenienz
dieses Bewusstseins, und diese kann ebensowohl in den drei ersten
der oben angefahrten Erfahrungs-Eesultate liegen, als sie in einer
angeborenen Orientirung hierüber liegen kann. Wenn also dieses
Bewusstsein aus der Erfahrung stammt, so gibt es uns dämm nicht
minder die Bichtung an, aus der eine Erregung der Augen statt-
finden könnte; und wenn diese Erregimg nun nicht stattfindet, so
gibt es uns eben die Bichtung an, in der wir schwarz sehen. Dem-
nach spricht die Thatsache, dass wir bei geschlossenen Augen den
Baum vor unseren Augen, und nur diesen, schwarz sehen, in keiner
Weise gegen die Annahme, dass wir die Function unserer Augen
erst durch den Gebrauch und die Erfahrung kennen lernen; durch
die Erfahrung nämlich, dass mit den Bewegungen der Augen der
Inhalt des Sehfeldes sich in regelmässiger Weise ändert und dass
nach Bedeckung der Augen jeder Inhalt des Sehfeldes1) schwindet.
Hiedurch ist nun jener Best von Organgefuhl, den Stricker
noch zu retten versucht, nämlich das allgemeine Gefühl, dass wir
überhaupt mittels der Augen sehen, zwar als unbewiesen und zur
Erklärung der Thatsachen nicht erforderlich dargestellt; sein Be-
stehen jedoch nicht als unmöglich bezeichnet. Zur Construction des
') Die Nachbilder und den Nebel des duuklen Gesichtsfeldes ausgenommen.
Localzeichen und Organgefühle. 103
Baumes werden aber so stumpfe und undeutliche Gefühle, die
sich nicht einmal in die beiden Organe des feinst ausgebildeten
Sinnes gesondert erstrecken, kaum verwerthbar sein, und darum
habe ich in meiner kleinen Notiz auch nicht das Organgefühl der
Augen überhaupt bestritten, sondern nur in dem Sinne, wie es in
neuerer Zeit zur Beantwortung gewisser Fragen angenommen, und
in welchem es zur Ableitung des Kaumsinnes verwerthet wurde,
und gerade diese Einschränkung erscheint Stricker so wenig ge-
rechtfertigt, dass er von ihr sagt1): „Wenn es aber dem Autor
„darum zu thun gewesen wäre, durch die physiologisch-optischen
„Notizen die herbste Kritik wachzurufen, er hätte es nicht geschick-
ter anstellen können, als durch die genannte Einschränkung u.
Bei der Deutung der Veränderungen in unserem Innern
auf eine Aussenwelt schliessen wir in eminenter Weise
die Eeconstruction der Vorgänge im Sinnesorgan aus; —
wir rechnen nicht etwa unsere Localzeichen um, auf Zu-
stände des Sinnesorganes, und dann diese auf Ursachen in
der Aussenwelt; sondern wir (fonstruiren unmittelbar aus
den Localzeichen ihr supponirtes objectives Correlat.
Hienach würde ein directes Bewusstwerden der Vorgänge und ihrer
Orte im Sinnesorgan uns über Einzelnheiten belehren, deren Kennt-
nis? wir nicht verwenden und bedürfen, deren Einmischimg uns also
nur stören würde, so lange es sich um die naturgemässe Verwen-
dimg der Sinne zum Erfassen der Aussenwelt und nicht um ein
physiologisches Studium über die Beschaffenheit und Wirkungsweise
des Sinnesorganes selbst handelt. Aus diesen Gründen habe ich
die von Stricker so scharf getadelte Einschränkung gemacht.
Sollte ich jedoch Stricker überhaupt missverstanden haben, und
er gar nicht die Absicht gehabt haben, aus den —wie er meint — jedes-
mal bei Erregung eines Sinnesorganes uns zukommenden Nachrich-
ten über den Ort der erregten Sinnesoberfläche etwas für das Zu-
standekommen der Kaumvorstellung zu folgern — dann hätte
Stricker aus jener Einschränkung den Schluss ziehen müssen, dass
er und seine Lehre gar nicht von meinen Einwendungen betroffen
wurden; umsomehr als ich gar keinen Namen genannt habe, und
mich überhaupt nur gegen Meinungen und nicht gegen Personen
gewendet habe.
*) p. 560.
104 v» Fleisch 1. Localzeichen und Organgeföhle.
Was nun etwa noch ausserdem gegen eine Verwendung etwai-
ger uns angeborener Organgefühle zur Erklärung der Raumvor-
stellung und was andererseits für die Erklärbarkeit der Raum Vor-
stellung aus der Theorie der Localzeichen zu sagen wäre, das ist
in so klarer und erschöpfender Weise in jener pag. 95 erwähnten
Rede von Helmholtz1) vorgebracht, dass ich mich durch den
Hinweis auf diese Bede für der Mühe überhoben halten darf, alles
dies hier vorzubringen.
In der ersten Beilage zu dieser Bede (über die Localisation
der Empfindungen innerer Organe) sind zahlreiche Widerlegungen
von „Organgefuhlen" im engeren Sinne abgehandelt, von denen
das pag. 48 vorgebrachte eine so grosse Aehnlichkeit mit dem von
mir nachgewiesenen Verhältniss hat, dass ich es hier citiren will:
Helmholtz sagt daselbst: „Femer ist sehr merkwürdig, dass bei
„Zahnschmerzen von Beinhautentzündung eines Zahnes die Patienten
„im Anfang gewöhnlich unsicher sind, ob von einem Paar überein-
„ anderstehender Zähne der obere oder untere leidet. Man muss
„erst kräftig auf beide Zähne drücken, um zu finden, welcher die
„Schmerzen macht. Sollte dies nicht davon herrühren, dass Druck
„auf die Beinhaut der Zahnwurzel im normalen Zustande nur beim
„Kauen vorzukommen pflegt, und dabei immer beide Zähne jedes
„Paars gleichzeitig gleich starken Druck erleiden ?u Im weiteren
Verlaufe stellt Helmholtz die Behauptung auf8): „In der That
„aber reicht unsere Kenntniss von der Form, Grösse, Bewegung
„unserer eigenen Organe nur gerade so weit, als wir diese sehen
„und betasten können".
Zum Schlüsse möchte ich mir nun noch eines auf alle Fälle
von meinem Gegner in dieser Discussion ausbitten: Die Anerken-
nung der in der ganzen gebildeten Welt geltenden Regeln für den
Gebrauch der Anfuhrungszeichen.
Diese Regeln schliessen die Verwendung von Anführungs-
zeichen an den Enden eines citirten Satzes, der nicht wörtlich citirt
ist, vollständig aus — nach diesen Regeln hätten also bei dem
mir untergeschobenen widersinnigen Satze auf der letzten Seite
der Stricker1 sehen Abhandlung durchaus keine Anführungszeichen
angebracht werden dürfen.
') H. Helmholtz, Die Thatsachen in der Wahrnehmung. Berlin 1879.
J)Up. 49.
vn.
Ueber Beckenfracturen.
Experimentelle Untersuchung
von
W. Kusmin
Privat-Doccnt für Chirurgie in Moskau.
(Am 28. Februar 4882 von der Kedaction übernommen.)
Hiezu Tafel VI und VII.
Ueber die Beckenfracturen hat man schon im Mittelalter ge-
schrieben. So hat schon im siebenten Jahrhundert der grosse Byzan-
tinische Chirurg und Accoucheur Paulus ex Aegina Methoden an-
gegeben, nach denen Fracturen der Beckenknochen behandelt werden \
sollten. Seit jener Zeit lenkte diese Frage fast gar keine Aufmerk-
samkeit der Forscher auf sich und ist auch jetzt, nach einem
Zeitraum von zwölf Jahrhunderten noch sehr unvollständig auf-
geklärt. Wir finden in der Literatur Fälle mit Angabe therapeu-
tischer Details nebst Beurtheilung von diesem oder jenem klinischen
Standpunkte verzeichnet, aber vergeblich würden wir nach Bestre-
bungen suchen, die möglichen Formen und Arten von Fracturen
des Beckens auf experimentellem Wege zu erzeugen und auf diese
Weise ein Licht in die noch dunkle Frage der Beckenfracturen zu
bringen.
In der letzten Zeit hat Otto Messerer einige Untersuchungen
angestellt, um die Grösse der Kraft zu bestimmen, die Frac-
turen an Knochen überhaupt zu erzeugen im Stande wäre und
die Resultate seiner Experimente in einer Monographie: „Ueber
Elasticität und Festigkeit der menschlichen Knochen 1880* ver-
öffentlicht. Zu seinen Untersuchungen hat er auch das Becken be-
106 Kusmin.
nutzt und wies dann manche von den Stellen nach, in denen
Fracturen am Becken, bei allmäliger Compression in der Werder'-
schen Festigkeitsmaschine erfolgten. Aber eingehend behandelt er
die Frage betreffs des Fracturmechanismus nicht.
Im Allgemeinen kommen, wie es die Statistik in der letzten
Zeit bewiesen hat, die Beckenbrüche äusserst selten vor. Aus den
von Gurlt (Handbuch der Lehre von den Knochenbrüchen 1861.
Bd. I) zusammengestellten Berichten von acht Hospitälern, welche
eine Gesammtzahl von 13.041 Fracturen aufzuweisen haben, lassen
sich 108 Beckenbrüche herausziehen; das sind 0#8#. Berücksich-
tigt man nur eine Fracturen -Statistik des Londoner Hospitals,
die 22.616 Fälle aus den Jahren 1842 bis 1862 umfasst, kommt
auf die Beckenfracturen ein Percentsatz von 0*3 % (Gurlt, Archiv
für klinische Chirurgie. Bd. HI). Biedinger fand dagegen unter
159 Fracturen des Juliushospitals in Würzburg aus den Jahren
1870 — 73 nur eine Beckenfractur, 0*6 # (Archiv für klinische
Chirurgie 1876 Bd. 20), Edmund Kose (Charite-Annalen Bd. 13,
Heft 2) berechnet \%.
Man hat beobachtet, ja sogar durch Präparate bewiesen, dass
die, das Becken zusammensetzenden Knochen manchesmal einzeln,
öfters dagegen combinirt mit anderen brechen. Wenn man die
Häufigkeit, wie die einzelnen Knochen gebrochen wurden, berück-
sichtigt, so hat sich erwiesen, dass das Os pubis am häufigsten
fracturirt wird, dann das Os ilium, Os ischii und zuletzt am sel-
tensten das Os sacrum. Man hat versucht, statistisch die Brech-
barkeit auch einzelner Theile der einzelnen Knochen darzustellen,
so z. B. Kami horizontalis und descendentis ossis pubis, aber be-
weisende Resultate hat man bis nun noch nicht erhalten. Während
bei Wernher in seiner Zusammenstellung von 8 Fällen von
Beckenbrüchen 5 auf den Raums descendens ossis pubis entfallen,
kamen bei Streubel in seinen 21 Fällen von Beckenfracturen, die
er meistens aus der Praxis der englischen Chirurgen zusammen-
stellte, 10 Fälle auf den Ramus horizontalis und nur 2 auf den
Ramus descendens (Lancet 1865. Septemberheft). Alle diese Ziffern
betreffen nur die Statistik der Beckenbrüche.
Die Schlüsse jedoch, die aus derselben gezogen werden, sind
mangelhaft; es fehlt da an wichtigen Details sowohl in Betreff des
Alters, als auch des Geschlechtes, der Form des Beckens u. s. w.
Ueber Beckenfracturen. 107
Alle die Details zu beantworten, ist der Zukunft vorbehalten,
wenn man über eine grössere Zahl von casuistischen Fällen wird
verfügen können; deswegen will ich mich nun mit der Beant-
wortung der Frage nicht befassen. In dem Momente habe ich mir
zur Aufgabe gemacht den Mechanismus der Beckenfracturen auf
dem Wege des Experimentes an den Leichen zu erklären. Auf
diese Weise glaube ich der Lösung der Frage über den Mecha-
nismus der Beckenfracturen näher zu rücken. Ich will nicht be-
haupten, dass die Besultate, die ich durch Experimente erzielt
habe, absolut der Wirklichkeit entsprechen, nichts destoweniger
finde ich keine Beweise, die mich zwingen würden einen grossen
Abstand zwischen Experiment und Wirklichkeit zu sehen. In eben-
demselben Masse als Experimente an der Leiche zur Erklärung des
Mechanismus und der Form der Knochenbrüche im Allgemeinen
beigetragen haben, hoffe ich, dass auch meine Experimente ein
Licht auf die gestellten Fragen werfen werden. Wenn man vom
Unterschied zwischen Experiment und Wirklichkeit sprechen wollte,
so würde das bei der Symptomatologie zutreffen, hier, wo es sich
nur um den Mechanismus und die Form der Brüche handelt, ist es
von keinem Belange. Es ist natürlich, dass die Circulation des
Blutes und die Kelation zwischen den Organen in dem Becken
einen gewissen Einfluss auf die Elasticität, Consistenz, den Brüchig-
keitscoefficienten des Knochens haben muss, doch dürfte man an-
nehmen, dass diese Einflüsse auf den Mechanismus der Becken-
fracturen selbst, von keiner grossen Bedeutung sein können, da
derselbe am Becken, wo die Knochen zu einem Ring zusammen-
gesetzt sind, den physikalischen Gesetzen unterworfen ist.
Die Form und die Richtung der Brüche könnte man mathe-
matisch bestimmen, wenn man einen regelmässigen Ring und den-
selben Brechungscoefficienten an allen Punkten desselben kennen
würde, — beim Becken, wo das alles nicht zutrifft, ist es unmög-
lich. Ein Gesetz gilt aber trotzdem. In dieser Ausführung bin
ich auch durch die Analogie meiner Präparate mit den in der
Literatur bekannten Fällen bestärkt worden. Nun handelte es sich
um die Auswahl der wirkenden Kräfte, damit das Experiment der
Wirklichkeit möglichst nahe entspräche.
Das Zusammendrücken des Beckens in einem Schraubstock
entspricht einigen Fällen, die in Wirklichkeit vorkamen, die grosse
108 Kusmin.
Zabl der Beckenbrüche dagegen geschieht entweder dadurch, dass
eine momentane Gewalt auf das Becken selbst, welches gestützt
oder frei sein kann, wirkt, oder dass das Becken selbst auf irgend
eine Unterlage auffällt, oder dass die Gewalt von irgend einem
Körpertheile auf das Becken übertragen wird und dasselbe lädirt.
In der That bemerkt man aus den casuistischen Fällen, die in der
Literatur verzeichnet sind, dass Beckenbrüche bedingt werden durch
Wirkung dieser oder jener Gewalt, die das Becken zusammendrückt,
erschüttert oder von ihm ein Stück ausreisst. Zu den nicht gar
seltenen Ursachen gehört z. B. das Ueberfahren des Beckens durch
einen schwer beladenen Wagen, das Verschütten durch Mauer-
einsturz oder in den Sandgruben, der Fall von einer bedeutenden
Höhe z. B. bei De Morgan: Fracture of the pelvis, sternum and
spine resulting from a jump from a window. (Med. Times and Gaz.
Jan. 7. Jahrg. 1881). Hancock (The Lancet, May 1846): Eine
Fractur des absteigenden Astes des Schambeines an seiner Ver-
einigung mit dem Sitzbeine, die nach einem Sturze von 14 Fuss
Höhe herab entstanden war. Boeckel: Fracture de la cavitö coty-
loide par chute sur la hanche, Simulant une fracture du col du
f&nur (Gaz. med. de Strassbourg 1873, Jahrg. 19). Das Zusammen-
drücken zwischen den Puffern von Eisenbahn Waggons; der Stoss von
der sich schnell bewegenden Draisine gegen das Os innominatum
(Greenamyer, Philad. med. and surg. Kep. 1875, July 17) u. s. w.
siehe Malgaigne: Ueber die Knochenbrüche 1851, endlich das
Abreissen dieses oder jenes Beckenknoclienstückes (Kiedinger, Lan-
genbeck's Archiv f. Chir. 1876 Bd. 20). Capeletti (1848, Giornale
per servire al progressi della pathologia) Beckenfractur in Folge von
Muskelcontraction und Bänderauspannung, May dl, Bissfractur des
horizont. Schambeinastes (Allgem. med. Zeitung 1881. Nr. 22).
Kiedinger ist geneigt, indem er sich auf Untersuchungen von
L inhart und seine eigene, die bei Anspannung des Ligamentum
Bertini das Abreissen der Spina Ilei ant. infer. zeigten, stützt, an-
zunehmen, dass ähnliche Ursachen auch bei Fracturen in anderen
Theilen des Beckenringes wirken können, — z. B. das Abreissen der
Spina Ilei anter. super, bei Contractur des Musculus sartorius, crista
ilei durch Contractur der Musculi glutei. Dem genannten Autor zu
Folge erklären sich die Fracturen der Crista ilei in dem vorderen
kleir^ren und hinteren, grösseren Theil auf die Weise, dass der
lieber Bcckcnfractnren. 109
Musculus glutaeus maximus am vorderen kleineren Theile und der
Musculus glutaeus medius an dem übrigen Theile der Crista sich
inseriren. Und die Fälle aus der Casuistik, wo das Os ilei in das obere
kleinere und untere grössere Stück fracturirt erscheint, erklärt sich
unter anderem nach demselben Autor auch durch die Wirkung des
Musculus glutaeus minimus.
Hier ist nicht der Ort dazu, näher auf die Erklärungen
Riedinger's einzugehen. Es sei nur bemerkt, dass sie absolut
theoretisch gebaut sind, — sie stützen sich weder auf Experi-
mente, noch auf klinische Beobachtungen und tragen den Cha-
rakter einer Verallgemeinerung einzelner Fälle, bei welchen
nur Fracturen der Spinae, tubera und des schmächtigen Thei-
les des Schambeinastes, bei Contraction der Muskel vorkamen.
Der von mir aus der Literatur angeführte Fall von Capeletti
lässt sich eher als eine Fractur des Bamus ascendens ossis ischii
und descendens ossis pubis durch Einwirkung einer Gewalt auf das
Becken selbst, als durch die Muskelcontractur allein erklären. Wohl
nicht anders als durch Muskelcontraction zu erklären bleibt der
Fall von May dl.
Bevor ich näher auf die Besultate meiner Experimente übergehe,
will ich zuerst die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Art und
Weise und die Umstände, unter welchen meine Experimente ange-
stellt wurden, in Anspruch nehmen.
Erstens benützte ich zu meinen Experimenten die Becken Er-
wachsener, geöffneter und nicht geöffneter Leichen, zuletzt auch
ganz auspräparirte Becken im Zusammenhange mit der Wirbel-
säule und den Oberschenkeln. Die Verwachsung einzelner, das
Becken zusammensetzender Knochen war schon zu Stande ge-
kommen, so dass man keine Spur von Knorpellinien sowohl in den
Acetabulis als auch an anderen Stellen bemerken konnte. Fracturen
wurden bei verschiedenen Stellungen des Körpers ausgeführt, sowohl
in vertdcaler als auch in horizontaler Lage. Ich habe ein Stück Holz
im Gewichte von 2 Pud (= 80 Pfund), in der Länge von 3 Meter,
im Durchschnitt von 10 Ctm. mit oder ohne Gewalt auf das Becken
herunterfallen lassen, sodann ein Metallgewicht von 2, 3, 4 Pud, von
der Höhe von beiläufig 5 Meter heruntergelassen, oder das Becken
zwischen zwei Platten eines Schraubstockes beinahe bis zum Anein-
andernähern beider Flächen in sagittaler und frontaler Bichtung
HO Kasmin.
zusammengepreßt. Die Richtungen, in denen die Kraft gewirkt
hat, waren auch verschieden: in der Sichtung Ton der Symphysis
ossium pubis zum Kreuzbein und umgekehrt, in frontaler, diago-
naler Sichtung, auf das Os ilei auf den Trochanter femoris; bei
sitzender und nach Tome geneigter Stellung des Körpers, auf die
hintere Fläche des Kreuz- und Darmbeingebietes; in verticaler
sitzender Stellung auf die abgeschnittene Wirbelsäule; auch umge-
kehrt (mit dem Kopfe noch unten), indem ich die Kraft auf die
Sitzbeinknorren, auf das Kreuzbein und auf die Knie wirken Hess.
Um genauer die Wirkung auf einen bestimmten Punkt zu locali-
siren, habe ich auf die beabsichtigte Stelle ein entsprechendes Stück
Brett gelegt und darauf die Gewalt wirken lassen; die Leichen
habe ich auf einen hölzernen Boden gelegt, oder an verticale
Säulen angebunden. Auf dem Wege der Wirkung oben erwähnter
Kräfte bei verschiedenen Lagen, habe ich nun die unten näher
besprochenen Daten erzielt.
Bevor ich auf diese eingehe, will ich nochmals bemerken,
dass ich den Mechanismus und die Form der Fracturen der Becken-
knochen in ihrer Zusammenstellung zum Beckenring, vorzüglich
berücksichtigt habe; mit einem Worte, ich wollte den Weg, den
schon Malgaigne bezeichnet, und später E. Böse (Die Diagnostik
der einfachen Beckenfracturen, E. Böse, Annalen des Charite-
krankenhauses 1865, Bd. XIII.) und Tardieu (Fracture du bassin,
Paris 1869) erweitert, betreten. Die letztgenannten Autoren haben
das Becken als ein Ganzes aufgefasst, in dem manchesmal mehrere
Knochen gebrochen werden, so z. B. in den von Malgaigne be-
schriebenen Fällen von Fracturen des Acetabulum und sogenannten
doppelten Fracturen dreier Knochen auf einmal (Os ilei, ischii, pubis).
Indem ich nun zu den Besultßten meiner Experimente über-
gehe, will ich zu allererst die beschreiben, die ich erhalten, indem
ich die Kraft in der Sichtung von vorne nach rückwärts und um-
gekehrt wirken liess.
Das* Präparat Nr. 1 (Taf. VI, Fig. 1) stellt ein weibliches Becken
vor, das bei nicht geöffneter Leiche, bei horizontaler Lage mit auf den
hölzernen Boden gelegtem Kreuzbein mittelst des beschriebenen hölzer-
nen Blockes fracturirt wurde. Um die wirkende Gewalt genauer auf
das Os pubis zu localisiren, habe ich ein 3 Zoll dickes Brett mit der
längeren Achse parallel der Körperachse angebunden. Der Schlag wurde
Ueber Beckenfracturen. \\\
von der Seite ausgeführt und das Resultat auf einmal erzielt. Nach
der vorsichtigen Entfernung der Weichtheile fand ich Folgendes: das
ganze Os pubis war herausgeschlagen und in den Raum des kleinen
Beckens hineingetrieben, Bruchstellen fielen in die Rami horiz. ossium
pubis und Rami ascendentes ossium ischii und descendentes ossium
pubis. In Hämo horiz. oss. pub. dextro erschienen zwei Trennungspunkte:
a) in der Nähe des Tuberc. ileo-pectineum, b) am Tubercul. pubicum in
der Nähe des Canalis obtur. Beide Trennungsflächen waren gegen das
Foramen obtur. gerichtet, die erste gegen den oberen hinteren, die
zweite gegen den unteren vorderen Theil desselben, — die letztere
Bruchlinie etwas schief von oben und innen nach unten und aussen
verlaufend. Die Form der Trennungsfläche zeigt sich uneben, unregel-
m&ssig, an manchen Stellen zackig (c). Am Ram. horiz. oss. pubic. sinistr.
verlief die Trennungsfläche von der Nähe des Tuberc. pub., wo der
Ganalis obturat. in das Becken mündet in der Richtung gegen das
Foram. obturatum. Sie war unregelmässig und zackig. An der rechten
Seite des Schoossbogens fiel die Trennung in den Ramus asc. ossis
ischii beim Tuber ossis ischii (d) nnd bildete ausserdem eine kaum be-
merkbare Fissur (e) in dem Gebiete der Vereinigungsstelle des Ramus
descendens ossis pubis und ascendens ossis ischii. An der linken
Seite in die Nähe des Tub. oss. ischii. (/") Beim Einblick von innen,
bemerkte man an den Trennungsstellen spitz hervorragende Knochen-
zacken.
Das eben geschilderte Präparat bezeugt, dass alle die Frac-
turen in Folge der unmittelbaren Wirkung der Gewalt auf die
Schoossfuge entstanden sind u. zw. an den Stellen, welche nach ande-
ren später zu beschreibenden Präparaten als typisch ersichtlich sein
werden. Eine Uebertragung der Wirkung auf die übrigen Theile
des Beckenringes, auf das Kreuzbein hat nicht stattgefunden. Die
Fractur ist mit anderen Worten ganz typisch vor sich gegangen,
indem das Gebiet um die Symphysis aber ohne Trennung derselben
ausgerissen und in den Beckenraum hineingetrieben wurde. Das
ist also die erste Fracturform, die nicht zu den gar seltenen gehört,
und die in der Gestalt des Herausschlagens der vorderen, mehr
gebrechlichen Wand des Beckenringes erscheint.
Gleichzeitig mit dem vorhererwähnten Falle, will ich noch ein
zweites Präparat anführen, bei welchem die Kraft auch von vorne
nach rückwärts wirkte, wenn auch unter anderen Bedingungen. Ich
habe nämlich das Becken zwischen zwei Flächen eines Schraubstockes,
beinahe bis zur Berührung der gegenüber liegenden Beckenwände ein-
gezwängt, indem ich durch dieses Experiment das Zusammendrücken
112 Kusmin.
des Beckens zwischen den Puffern von Eisenbahn- Waggons nachzu-
ahmen trachtete. Bei diesem Präparat Nr. 2 erschien der Beckenring
ebenfalls auf dieselbe Weise gebrochen, indem die vordere Beckenwand
aus dem Zusammenhang mit den übrigen Knochen herausgebrochen
wurde, zwar nicht in der Nähe des Canalis obtur., aber beiderseits
boi dem Tuberc. ileopectineum; wobei der ßamus horizontalis ossis
pubis im Acetabulo aus dem Zusammenhange mit dem Os ilei und
ischii herausgerissen wurde.
Das Experiment habe ich folgendermassen angestellt:
Präparat Nr. 2. Das aus dem Körper ausgeschnittene Becken,
auf dem die Weichtheile geblieben waren, habe ich zwischen zwei
Bretter des Schraubstockes so eingefügt, dass das Kreuzbein nach oben,
und die Symphyse nach unten zu liegen kamen. Die Schraube wurde
möglichst stark angezogen, bis das Bocken vollständig comprimirt
wurde. Nach Entfernung der Weichtheile habe ich folgendes Bild
erhalten: die Schambeine wurden oben beiderseits in der Richtung
vom Tuberculum pubis bis zum vorderen unteren Theil des Fora-
men obturat. schräg fracturirt; der ßamus horizont. ossis pub. wurde
rechterseits ausserdem noch aus dem Zusammenhang mit dem Os ilei
und Os ischii in der Pfanne, linkerseits nur aus dem Zusammenhang
mit dem os ilei in der Gegend des Tuberc. ileo-pectin. herausgebrochen.
Aus den Rami ascend. ossis ischii wurden beiderseits Stucke, beginnend
vom Tuber ossis, ischii bis zur Vereinigungsstelle mit dem Bamus de-
scend. ossis pub. ausgebröchen. Ausserdem bemerkt man noch an die-
sem Becken Verletaangen am hinteren Theile des Beckenringes und
zwar in dem vorderen Theile der Regio sacro-iliaca, die dadurch ent-
standen, dass die Darmbeine umgelegt worden, und dabei Ligamenta
sacro-iliaca anteriora zwei Knochenstücke aus der Pars pelvina der
Kreuzbeinflügel ausgerissen haben. Das Kreuzbein selbst wurde längs
der Foramina sacralia fracturirt.
In diesem zweiten Fall, der der Grundform des ersten sehr
ähnlich ist, besteht der Unterschied nur darin, dass die Fractur,
der grösseren wirkenden Gewalt entsprechend, stärker ausgeprägt
ist, und zweitens, dass die Fractur des Kam. hör. os. pub. beim
Tuberc. ileo-pectin. die Bichtung gegen das Acetabulum und von
dort gegen das Foramen obturatum nahm, als ob der Knochen aus
dem Gebiete seiner ursprünglichen- knorpeligen Verbindung in
Acetabulo ausgerissen worden wäre. Entsprechend der grösseren
Gewalt wurde die Wirkung im Beckenringe auch beiderseits auf die
Articulationes sacro-iliacae übertragen. Was dieFractur des perinealen
und eines Theiles des pelvinen Kreuzbeinrandes anbelangt, so muss
Ueber Beckenfracturen. 113
man dieselbe dem Zuge der Ligament, tuberoso-sacra, spinoso-sacra
lind sacro-iliaca zuschreiben. Bei weiteren Präparaten werden
wir genug Gelegenheit haben uns zu überzeugen, dass die oben
erwähnte Art des Herausbrechens eines Stückes vom Eamus horizon-
talis ossis pubis in Acetabulo nicht zu den seltenen gehört und
sowohl an einer Seite oder an den beiden, mit oder ohne Combi-
nation mit der Fractur der ersten Form vorkommt. Ich habe
hier nur die am meisten charakteristischen Formen angeführt,
und will bemerken, dass meine übrigen Experimente, die ich auf
ähnliche Art angestellt habe, gleiche Fracturformen ergaben.
Wenn man die Gewalt in der Bichtung von rückwärts nach
vorne wirken lässt, so erhält man an der vorderen Wand des
Beckenringes entweder die obenerwähnten zwei Fracturformen oder
eine dritte Form.
Präparat Nr. 3, Taf. VI, Fig. 2. Eine nicht eröffnete männliche
Leiche wurde auf den Bauch gelogt, an das Kreuzbein dem Körper entlang
ein Brett von der Breite des Kreuzbeins angebunden, und der Schlag
wie früher ausgeführt. Der Schlag fand nur einmal statt. Wir erhielten
folgendes Resultat: Das Kreuzbein wurde in den Beckenraum merklich
hineingetrieben, die Ligamenta sacro-iliaca th eil weise gezerrt; Ramus
horizontalig ossis pubis dextri (a, b) aus dem Zusammenhange gelöst,
ebenso, wie in der ersten Form, nämlich beim Tuberculum ileo-pectineum
und Tuberculum pubic. in der Nähe des Canalis obtur., das heisst im
dünnsten Theile des Knochens; die Fracturrichtung verlief gegen das
Foramen obturatorium; linkerseits ging die Fracturrichtung vom tuber-
culum ileo-pubicum diametral durch das Acetabulum (c) nach hinten und
unten und endete in der Incisura ischiadica major oberhalb der Spina
oss. ischii, das heisst, es wurde das Os pubis und Os ischii, mitsammen
um das Foramen obtüratum einen Ring bildend, herausgebrochen. Aus
dem Ramus ascend. ossis ischii (d) wurde an derselben typischen Stelle
wie im ersten Fall, ein Stück beginnend einerseits beim Tuber ossis
ischii, endend andererseits an der Vereinigungsstelle zwischen Ramus
ascend. ossis ischii und Ramus descend. ossis pubis herausgeschlagen,
blieb jedoch mit dem oben erwähnten Ringe im Zusammenhang.
Hier wurde also die Fractur durch den Schlag von rück-
wärts auf das Kreuzbein direct und durch den Gegendruck auf die
vordere Fläche des Beckenringes indirect erzeugt. Der Gegendnick,
indem er auf die drei hervorragenden Punkte der vorderen Becken-
wand (Spinae anteriores superiores; Symphysis ossium pubis) wirkte,
hat einen Einfluss auf Fracturform der vorderen Beckenwand aus-
Ved. Jafcrbftclier. 1882. g
114 Knsmin.
geübt. Die Frage, warum nur links der Bruch durch das Acetab.
gegangen, habe ich schon damals mir dahin beantwortet, dass der
Körper so gelegen war, dass die Gegenkraft mehr links gewirkt
hat. Ein ähnliches Präparat (Nr. 4), habe ich noch bei folgendem
Experiment bekommen:
Eine weibliche Leiche habe ich in stark nach vorne geneigter,
sitzender Stellung, mit nach vorne gestreckten Beinen, befestigt, und
einen Schlag auf die obere hintere Fläche der Kreuz- und Darmbeine
ausgeführt. Beim ersten Schlage hat nur die Neigung der Leiche zuge-
nommen, beim zweiten Schlag ist die Verletzung zu Stande gekommen,
die sich folgendermassen darstellt: die vordere Wand des Beckenringes
wurde ausgebrochen, wobei rechterseits die Fracturrichtung vom Tuber-
culum ileo-pectineum durch das Acetabulum — wie auch in früher
erwähntem Beispiele — ging und in der Incisura ischiadica major
endete. Eine zweite Fractur fahrte vom Tuberculum pubicum, wo auch ein
kleines Knochenstück herausgeschlagen wurde, in der Richtung gegen
das Foramen ovale ohne jedoch dasselbe zu erreichen. Linkerseits ging die
Bruchrichtung von der Gegend des Tuberculum üeo-pectineum in das Fora-
men obturat. ähnlich den früher angegebenen Formen. Der Bamus ascend.
ossis ischii wurde ebenso, wie bei den früheren Formen fracturirt, näm-
lich in der Nähe des Tuber ossis ischii complet, an der Vereinigungs-
stelle des Bamus ascendens ossis ischii mit Bamus descend. ossis pubis
incomplet. Die Verbindung zwischen dem Kreuz- und Darmbein zeigt
sich rechterseits leicht klaffend, in Folge der theilweisen Zerrung der
Ligamenta sacro-iliaca.
Der Fracturmechanismus erklärt sich dadurch, dass, indem bei
der erwähnten Körperlage der Schlag auf das Kreuz- und Darmbein
wirkte, der rechte vordere Theil des Beckenringes, der einen Ring
um das Foramen obturatorium bildet und dem Gegendrucke am
meisten ausgesetzt war, ausgebrochen wurde. Dass dies nur auf der
rechten Seite geschah, kann man auf die Weise erklären, dass rech-
terseits die Kraft stärker gewirkt hat, was auch durch das Aus-
einanderklaffen der Articulatio sacro-iliaca dieser Seite angedeutet
wird. — Die bezeichneten drei Fracturformen der Beckenkno-
chen im Gebiete der vorderen Beckenwand, haben sich, bei
meinen Experimenten bei den genannten Richtungen der Kraft,
entweder in ganz reinen Formen ohne Combination mit anderen
Fracturen, oder auch verbunden mit Verletzungen in anderen
Punkten, meistentheils in dem hinteren Gebiete des Beckenrin-
ges wiederholt. Bei der Beschreibung des zweiten Präparates,
Ueber Beckenfracturen. 115
wo das Becken im Schraubstock comprimirt wurde, haben wir
schon eine Verletzung am Kreuzbein gesehen, vorzüglich im
unteren perinealen Theile desselben. Dort haben wir die Er-
scheinung durch die Anspannung der sich am Os sacnim inse-
rirenden Ligamente beim Bestreben der Darmbeinknochen, sich
umzulegen erklärt.
Jetzt will ich Fälle anfuhren, bei denen die Kreuzbein-Ver-
letzung bei Compression des Beckens in sagittaler Bichtung noch
deutlicher ausgesprochen war.
Das Präparat Nr. 5, Taf. I, Fig. 3 stellt ein männliches Becken,
einer nicht geöffneten Leiche dar. Dieselbe wurde auf dem Bauch gelegt;
über das Kreuzbein wurde zum Unterschiede von den anderen Fällen, ein
Brett quer angebunden; der Schlag erfolgte durch Herunterlassen eines
80 Pfand schweren Metallgewichtes von der Höhe von 5 Meter. Die
Fractur erfolgte nach einem Schlage und stellte nach Entfernung der
Weichtheile folgendes Bild dar:
Die vordere Beckenwand zeigte an den schon bekannten Stellen
Brüche, und zwar rechterseits beim Tuberculum ileo-pectineum mit der
Fracturrichtung gegen das Foramen obturatum («); linkerseits beim
Tuberculum pubicum in der Gegend des Canalis obturatorius mit der
Bichtung gegen das Foramen ovale sinistrum (b), beiderseits wurden
ferner die mehrmals erwähnten Stücke (cc\ dtf) vom Kamus ascendens
ossis ischii, nämlich zwischen dem Tub. ossis ischii und der Vereini-
gungsstelle desselben mit dem Hämo descendente ossis pubis ausge-
brochen. Im Gebiete des Kreuzbeines bemerkten wir, dass ein Stück
vom Kreuzbeinflügel (e) an der rechten Seite bis zum zweiten Foramen
sacrale abgerissen und mit der Articulatio sacro-iliaca am Os ilei zu-
rückgeblieben war. Der perineale Rand (f) des Kreuzbeins wurde
rechterseits den Fora min a sacralia entlang abgerissen, ähnlich wie es am
zweitbeschriebenen Präparat beiderseits geschah. In der vorderen Gegend
der Articulatio sacro-iliaca sinistra bemerkten wir ein Klaffen, durch
die Zerrung der Ligamenta bedingt. Das Kreuzbein (g) erscheint etwas
nach vorne und oben dislocirt, und bis l1/* Ctm. erhoben. Ausserdem
sehen wir noch am Präparate, dass die Spina superior anterior sinistra
und dextra (h, i) zerbrochen ist.
Wenn wir das ganze Bild der Fractur ins Auge fassen, so
stellt sich der Mechanismus der Fractur folgendermassen dar: die
brüsk wirkende Gewalt hat eine Compression des Beckens in sagit-
taler Bichtung von rückwärts nach vorne hervorgerufen. Der Ge-
gendruck wirkte auf das Schambein und beide Spin, anter. supe-
rior. Dies beweist auch der Effect, indem alle drei Angriffspunkte
8*
116 Kusmin.
lädirt wurden. Die Darmbeine zeigten in Folge der Wirkung des
Gegendruckes gegen die primäre Kraft, die den hinteren Bogentheil
des Beckenringes abzuplatten trachtete, das Bestreben sich umzu-
legen und das Resultat dessen war einerseits das Ausreissen eines
Stückes vom Kreuzbeinflügel, andererseits die Zerrung der Ligamenta
sacro-iliaca. Dieses Bestreben der Darmbeine zum Auseinanderwei-
chen wird auch nicht ohne Einfluss gewesen sein auf die Fractur
im Gebiete der vorderen Beckenwand. — Die Verletzung am pe-
rinealen Bande des Kreuzbeins kann ebenfalls auf die bekannte
Weise, nämlich durch die Anspannung der Ligamenta ischio- und
tuberoso-sacrälia erklärt werden. Die Verschiedenheit des Bildes
rechts und links wird wahrscheinlich bis zum gewissen Grade in
der ungleichmässigen Vertheilung der Kraft und des Gegendruckes
auf beiden Seiten ihren Grund haben. Die ungleichmässige Ver-
theilung der Kraft in der Region der Articulatio sacro-iliaca,
konnte auch davon abhängen, dass man auch vorne verschieden
grosse Kräfte anwenden musste, um die Beckenwand in verschiede-
nen Punkten, einerseits in der Nähe des Tuberculum pubicum, ande-
rerseits in der Nähe des Tuberculum ileo-pectineum zu fracturiren.
Nach dieser Annahme nun, bleiben auch für beide hinteren Ke-
gionen verschieden grosse Kräfte. Der Unterschied zwischen dem
soeben beschriebenen Fall und den Präparaten Nr. 3 und 4 be-
steht darin, dass dort die Kraft unmittelbar nur auf das Kreuzbein
gewirkt und dasselbe in den Beckenraum hineinzutreiben bestrebt
war, hier dagegen dieselbe nicht auf das Kreuzbein allein, son-
dern im Zusammenhange desselben mit anderen Knochen wirkte,
die Darmbeine stark umzulegen trachtete und dadurch die
eben geschilderte Verletzung in der Kegio sacro-iliaca verur-
sachte.
Um die soeben gegebene Erklärung des Fracturmechanismus
noch besser zu beweisen, habe ich das Experiment noch folgender-
massen variirt.
Präparat Nr. 6. Eine weibliche, nicht geöffnete Leiche legte
ich auf den Bauch und schob unter die Spin, anterior, superior.
ein Brett von der Dicke 7 Ctm., um die Wirkung des Gegendruckes
an diesen Stellen mehr zu localisiren. Auf das Kreuzbein habe ich das
Brett ebenso wie im früheren Falle gelegt. Der Schlag wurde mit
demselben Gewicht, von der nämlichen Höhe ausgeführt. Die Fractur
Ueber Beckenfraeturen. 117
entstand auf einmal und stellte nach Entfernung der Weichtheile fol-
gendes Bild dar: (Taf. VI, Fig. 4.)
Die vordere Beckenwand wurde rechterseits vom Tuberculum ileo-
pectineum (a) beginnend durch das Acetabulum bis in die Incisura
ischiad. major, linkerseits vom Tuberculum ileo-pectineum (b) gegen das
Foramen ovale fracturirt. Ausserdem zeigte sich linkerseits noch eine
Fractur an der typischen Stelle in der Nähe des Tuber ischii (c). Am
Kreuzbein bemerkte man eine Fractur am linken Flügel (d), den drei
oberen Kreuzbeinlöchern entlang. Bechterseits sah man nach Entfernung
des gezerrten vorderen Ligamentes ein leichtes Klaffen (e) der Articulatio
sacro-iliaca. An beiden Spin, anterior, superior. (ff) bemerkte man
eine Läsion.
Das dargestellte Präparat beweist am schlagendsten die Bich-
idgkeit der früher gegebenen Erklärung. In der That erfolgte beim Um-
legen der seitlichen Beckenhälften in Folge des Gegendruckes, welcher
auf das Darmbein wirkte und an den Angriffspunkten eine Läsion her-
vorgerufen hatte, einerseits eine Fractur des Kreuzbeinflügels, die durch
die drei oberen Foramina sacralia ging, —wie im vorhergehenden Falle;
andererseits eine Zerrung der Ligamente und Diastasis der Articulatio
sacro-iliaca. Der Unterschied von dem eben beschriebenen Präparate
besteht nur im vorderen Theile des Beckenringes. Es konnte aber
auch nicht anders sein, da bei dem letzterwähnten Präparat das
Schambeingebiet sich in anderen Bedingungen gegenüber dem Ge-
gendruck befand. Derselbe wirkte hier erst dann, nachdem er eine
grossere Kraftmenge an die Angriffspunkte in den Spin, anter.
superiores abgegeben hatte; dadurch erklärt sich auch, dass im Ge-
biete des Schambeins selbst keine Verletzung entstanden ist. Der
ganze Effect der fracturirenden Kraft äusserte sich rechterseits
im Gebiete der Vereinigungsstelle des Darm-, Scham- und Sitz-
beines, linkerseits dagegen zeigte er sich in Folge dessen, dass
die Verbindimg zwischen dem Darm- und Sitzbein die Kraft-
einwirkung ausgehalten, an zwei viel schwächeren Stellen nämlich
neben dem Tuberc. ossis ischii und medialwärts von der Pfanne
im horizontalen Schambeiuaste. Das Uebergreifen der Fractur-
linie auf der linken Seite auf den Bamus ascendens ossis ischii
räumt mir das Becht ein, den Fracturmechanismus auf die Weise
vorzustellen, dass das Darmbein im Momente der Wirkung, bei
gegebenen Umständen sich mit dem Sitzbein nach aussen rotirte»
Auf der rechten Seite würde dasselbe Besultat zu Stande kommen,
118 Kusmin.
wenn die Vereinigungsstelle zwischen Darm und Sitzbein nicht früher
nachgelassen hätte. Den Grund anzugehen, warum in manchen
Fällen die Vereinigungsstelle zwischen Darm und Sitzbein einerseits,
und Schambein andererseits, in anderen Fällen dagegen zwischen
Sitz- und Schambein einerseits, und Darmbein andererseits erfolgt,
ist schwer. Vermuthen kann man, dass die Verschiedenheit der Tren-
nungslinien von der Sichtung der ßesultirenden, des Druckes und
Gegendruckes, von der Grösse jeder der Gomponenten und Ver-
schiedenheit ihrer Angriffspunkte und auch von den Sichtungen der
durch die Kraft hervorgebrachten Erschütterungswellen im Knochen
selbst abhängt.
Wenn die Erklärungen des Fracturmechanismus richtig sind,
so soll man ebenfalls dasselbe Fracturbild in dem hinteren Ab-
schnitte des Beckenringes erhalten, auch in dem Falle, wenn
bei Bückenlage des Beckens, die Kraft in der Bichttmg von vorne
nach rückwärts im Gebiete der Spin, anterior, superiores beider-
seits wirken würde. Um das zu beweisen führte ich das Experiment
folgendennassen aus.
Präparat Nr. 7, Taf. VI, Fig. 5. Ich legte eine weibliche Leiche
auf den Bücken, band im Gebiete der beiden Spin, superior. anterior, quer
ein Brett an und führte den Schlag auf dasselbe mit dem beschriebe-
nen Holzstück. Die Fractur entstand auf einmal und stellte sich nach
Entfernung der Weichtheile folgen dermassen dar: Im vorderen Theile
des Beckenringes gingen die Fracturlinien beiderseits (ff, b, c, d) vom
Tuberculum ileo-pectineum durch das Foramen ovale und die schon öfters
erwähnten typischen Stellen in der Nähe des Tuber ossis ischii. Im
hinteren Gebiete des Beckenringes zeigten sich Verletzungen an bei-
den Kreuzbeinflügeln. Die innere Begrenzungslinie der Fragmente ging
beiläufig durch die oberen Kreuzbeinlöcher (e, /*).
Dieses Präparat, wie es sich nun darstellt, liefert den klar-
sten Beweis für die Bichtigkeit unserer Erklärung des Fractur-
Mechanismus, die bei den vorhergehenden Präparaten gegeben wurde.
Auch hier bewirkte das Bestreben der Darmbeine sich umzulegen,
das eben erhaltene Fracturbild. Auf diesen Umstand lenke ich
schon jetzt die Aufmerksamkeit des Lesers, weil wir darauf noch-
mals zurückkommen werden, wenn wir von der Meinung, die in
dieser Beziehung Prof. König auf Grund von Untersuchungen
einiger pathologischer Präparate ausgesprochen hatte, handeln wer-
Ueber Beckenfracturen. 119
den. Nachdem ich die Experimente auf die beschriebene Weise
angestellt und die bekannten Resultate erhalten, habe ich, um eine
Lücke in dem Anstellungsmodus des Versuches auszufüllen, das
Experiment Nr. 6 so variirt, dass ich die Kraftwirkung auf das
Kreuzbein allein localisirte.
Präparat Nr. 8. Eine männlich o, nicht geöffnete Leiche legte
ich auf den Boden, schob unter die Spin, anter. superior. quer ein
Brett, band ein im Querdurchmesser weniger als die hintere Darmbein-
distanz betragendes zweites Brett dem Kreuzbein entlang und führte
den Schlag von der Seite mit dem bekannten Holzstück aus. Die
Fractur erfolgte nach einem Schlage und stellte- folgendes Bild dar:
Im vorderen Theile des Beckenringes verläuft rechterseits die
Fracturrichtung vom Tuberculum ileo-pectineum durch das Acetabulum
in das Foramen ovale und setzt sich durch die typische Stelle in der
Nähe des Tuber ossis ischii fort; linkerseits durch dieselben Punkte
und ausserdem noch in der Nähe des Tuberculum pubicum in das
Foramen obturatum. Articulatio sacro-iliaca zeigte sich nach Entfernung
der gezerrten vorderen Ligamente beiderseits klaffend. Der freie untere
Band des Kreuzbeines stellte im Gebiete der 3., 4. Foraraina sacralia
eine vollständige Rissfractur linkerseits und eine Fissur rechterseits
dar. Das Kreuzbein ragte bis 8/4 Ctm. in den Beckenraum hinein.
Das beschriebene Becken beweist ebenfalls, dass die Fractur
im vorderen Theile des Beckenringes an den typischen Stellen, wie
bei den früher erwähnten Präparaten erfolgte, dass das Klaffen der
Articulatio sacro-iliaca und das Hineinragen des Kreuzbeins bis
*/K Cmt. in den Beckenraum, so wie auch die Fractur des freien
Kreuzbeinrandes durch die Wirkung des früher beschriebenen Me-
chanismus erfolgten. Es waltet nur der Unterschied ob, dass im
letzteren Falle das Umlegen der Darmbeine nach aussen in Folge
des Zuges des durch die unmittelbare Wirkung der Kraft in den
Beckenraum hineingetriebenen Kreuzbeines erfolgte. Durch densel-
ben Mechanismus erklärt sich auch die Fractur der perinealen
Kreuzbeinränder par arrachement. Der ungleichmässigen Vertheilung
der Kraftwirkung muss man die linksseitige Fractur des Kamus
horizontalis ossis pubis an zwei Stellen zuschreiben, — was auch
durch den Effect am Kreuzbein, wo linkerseits eine vollständig^
Fractur zu Stande kam, bewiesen wird.
Damit schliesse ich ' die Beschreibung des Mechanismus und
der Form der Beckenbrüche bei sagittaler Kichtung der Kraft. Ich
120 Kusmin.
habe mich darauf beschränkt, nur typische Fracturformen abzubil-
den, denn es wäre für den Leser ermüdend, wenn ich alle Expe-
rimente, die ich angestellt habe, beschreiben wollte. Hier will
ich noch bemerken, dass die Eesultatt, die ich unter beschriebe-
nen Umständen bei den Experimenten unzählige Male gesehen,
sich stets gleich blieben. Bevor ich aber noch zu den ^Resultaten
übergehe, die ich dadurch erhielt, dass ich die Kraft in ande-
deren Bichtungen habe wirken lassen, will ich hier ein Besinne
der Resultate geben und die Schlüsse, die sich daran knüpfen,
anführen.
Zu allererst will ich auf den Unterschied, zwischen den Mei-
nungen, die König auf Grund der von ihm untersuchten patho-
logischen Präparate, auszusprechen sich bewogen fühlte und den
Resultaten meiner Experimente hinweisen. König sagt in seinem
Lehrbuch der speciellen Chirurgie (2. Aufl. B. IL pag. 782)
Folgendes :
In den meisten Fällen treten als Folge einer comprimirenden
Gewalt in der Richtung von vorne nach hinten, bei welcher die An-
griffspunkte vorne die Symphysengegend, hinten das Kreuzbein sind,
ziemlich bestimmte Fracturen des vorderen Theiles vom Ring und meist
auch ganz typische am hinteren Segment ein. Am häufigsten bricht,
kurz gesagt, vorne die median gelegene Knochenumrandung beider Fo-
ramina ovalia ein, und die einzelnen Knochenstücke dislociren sich
mehr oder weniger nach innen. Somit finden sich annähernd symme-
trische Brüche, entsprechend den Horizontal ästen der Schambeine, meist
ziemlich nahe dem Tuberculum iloo-pectineum. Zu diesen Fracturen gesellen
sich ebenfalls symmetrische an den absteigenden Schambeinästen in
der Nähe ihrer Verbindung mit den aufsteigenden Sitzbeinästen. Dass
es sich so verhalten muss, ist ja auch leicht einzusehen. Der Druck
auf die vordere Beckenumrandnng biegt dieselbe ein, bis die Kraft den
Elasticitätcoefißcienten der dünnen, biegsamen Knochen überschreitet.
Dann brechen sie an den verhältnissmässig dünnsten, sich den starken
Partien des Knochens anschliessenden Stellen an. Zuweilen sieht man
bei solch symmetrischer Fractur als Zeichen, dass die Knochen einge-
bogen waren, auf einer Seite nur eine unvollkommene Fractur.
Bei den meisten der fraglichen symmetrischen Fracturen, welche
mir im Präparat vorliegen, beschränkt sich die Verletzung am hin-
teren Theil des Beckenringes auf eine Seite. Die Trennung
des Zusammenhanges liegt hier, wenn nicht in der Synchondrose
— das seltenere Verhalten — so meist in der Nähe der Synchon-
drose. An dem nahe der Synchondrose auf der vorderen Seite gelegenen
Ueber Beckenfracturen. 121
Theil des Kreuzbeines findet sich ein öfter mit massiger Zer-
trümmerung und Coinpression der Spongiosa verbundener Kno-
chenbruch, welcher sich fortsetzt von da in die Foramina sacralia, hier
als Fissur endend, also keine Dislocation herbeiführend. Offenbar ist
durch den von vorne nach hinten wirkenden Druck der an der Lin.
innominata gelegene Theil des Darmbeines in das angrenzende Kno-
chengewebe des Kreuzbeins hineingedrängt worden und hat dasselbo
zertrümmert. Steigert sich dieser Druck noch mehr, so wird das
Kreuzbein in der Richtung von einer zur anderen Seite
comprimirt und an der schwächsten Stelle, an der Verbindung
zwischen den Foram. sacralia eingeknickt, so entsteht hier meist
eine Fissur. Zu dem gedachten Zertrümmerungsbruch auf dor vorderen
Seite gesellt sich aber gern ein Bissbruch hinten am Darmbein, indem
der Compression der Sjnchondrose vorne ein Auseinanderstehen auf
der Hinterseite entspricht. Dabei werden die entsprechenden Bänder
gespannt und reissen Stücke von wandelbarer Grösse entsprechend den
hinteren Theilen des Darmbeinkammes und der Spina ab. Wenn wir
als Regel bezeichneten, dass der vordere Bruch durch den dünnsten
Theil des Horizontalastes vom Schambein verlief, so wollen wir die
verschiedenen Abweichungen nicht verschweigen. Zunächst nähert er
sich zuweilen der Symphysis oss. pubis auf einer oder auf beiden
Seiten und nicht selten wird er doppelt, d. h. es bricht ein ganzes
Stück des Horizontalastes für sich heraus. Die bedeutendste und ziem-
lich häufige Abweichung ist die, dass die Fractur in das Hüftgelenk
hineingeht, indem der Schambeintheil des Gelenkes mehr weniger nahe
der knorpeligen Verbindung mit Sitz- und Darmbein herausbricht. Ich
sah dies Verhältniss bei einem jugendlichen Individuum, bei
welchem die drei Knochen genau aus ihrer Vorbindung gelöst wurden.
In diesen Fällen schliesst sich gerne an den Spaltbruch der Pfanne
eine Fractur in das Dannbein an, welche in das Foramen ischiadicum
hineinläuft. Besonders bei einseitigen Brüchen des vorderen Becken-
ringes scheint die Pfanne öfter auseinandergesprengt zu werden, während
gleichzeitig der Bamus descendens pubis einbricht, und man gewinnt
den Eindruck, dass die fracturirende Gewalt, vielleicht vom Trochanter
aus, so auf den Schcnkelknopf wirkte, dass derselbe die Pfanne sprengte
und dabei den unteren Begrenzungsring, den Bamus descendens pubis,
zerbrach.
Was die Meinung des Autors anbelangt, dass die Fracturen
am häufigsten in der Symphysengegend stattfinden, so muss ich
sie nach meinen Experimenten nur bestätigen. Die Erklärung des
Frakturmechanismus im Kreuzbeingebiete steht dagegen mit meinen
Eesultaten im Widerspruche. In der That wenn „der Druck auf
die vordere Beckenumrandung dieselbe einbiegt, in soferne der
Elasticitätscoefficient es erlaubt", so konnte man sich die Ueber-
122 Ku8min.
tragung dor Wirkung der Kraft auf das Kreuzbein nur in der
Weise erklären, dass die Darmbeine sich umzulegen bestrebt waren
und Knochentheile aus den vorderen Kreuzbeinrändern ausrissen,
aber nicht dass die vordere Kreuzbeinwand comprimirt und zertrüm-
mert würde. Dieser Mechanismus, wie ihn Prof. König beschrieben,
kann vorkommen, was ich auch durch meine Experimente bestätigt
fand, aber nur dann, wenn die Kraft in frontaler Bichtung wirkt,
wie ich es später noch deutlicher darstellen werde. Ich beobachtete
den Kissbruch hinten am Darmbein bei frontaler Wirkung der Kraft
während Prof. König ihn durch die Wirkung der Kraft in sa-
gittaler Richtung entstehen lässt. Ich glaube mich für berech-
tigt halten zu dürfen, diese Meinung umsomehr auszusprechen,
als ich durch meine Experimente dazu veranlasst wurde. Wenn
mich auch meine Experimente gezwungen haben, eine andere Erklä-
rung des Fracturmechanismus zu geben als wie sie Prof. König
gibt, so fand ich durch diese Experimente die Stellen, die er als
am meisten gebrechlich darstellt um so mehr bestätigt. Nur wollte
ich dieselben, indem ich die Lagen der Leichen und die Richtungen
der Kraft verschieden änderte, präciser in Zusammenhang mit
dem ganzen Fracturmechanismus bringen.
Wenn wir noch alle Fracturbilder Revue passiren lassen, so
können wir folgende Fracturformen bei sagittaler Wirkung der
Kraft aufstellen:
I. Bei der Wirkung der Kraft von vorne nach rück-
wärts auf das Schoossgebiet im engeren Sinne, werden die
dieses Gebiet zusammensetzenden Knochen fracturirt oder
herausgeschlagen und zwar in folgenden Punkten:
1. Am Eamus horizontalis ossis pubis in zwei Punkten:
a) beimTuberculum pubicum, in der Nähe des Canalis obtura-
torius mit der Fracturrichtung gegen das Foramen ovale;
b) beim Tuberculum ileo-pectineum mit der Fracturrichtung
gegen das Foramen ovale, indem der horizontale Schambein-
theil entweder in der Nähe des Tuberculum ileo-pecti-
neum abgebrochen oder aus der Verbindung mit dem Sitz-
und Darmbein gelöst wird; c) durch das Acetabulum hin-
durch in die Incisura ischiadica major oberhalb der Spina,
indem auf die Weise ein Ring um das Foramen ovale
herausgeschlagen wird.
Üeber Beckenfracturen. 123
2. a) Am Bamus ascendens ossis iscliii in der Nähe
des Tuber ossis ischii; b) an der Vereinigungsstelle des
Bamus ascendens ossis ischii mit dem Bamus descendens
ossis pubis.
Hiemit sehen wir, dass die Verletzung 1. dort zu
Stande gekommen, wo die Knochen am dünnsten sind, oder
2. wo dieselben in dickere Partien übergehen, und 3. wo
dieselben in Jugendjahren durch Knorpelfugen verbun-
den sind.
Dass bei der Wirkung der Kraft auf das Schambeingebiet,
sehr oft keine Verletzungen im Gebiete der Kreuzbeinfuge ent-
stehen, hat seinen Grund darin, dass die genannten Knochen in
Folge ihrer Zerbrechlichkeit bei brüsk wirkender Kraft früher noch
fracturiren, bevor die Kraft auf das Kvcuz-Darmbeingebiet über-
tragen wird.
Die Fracturen an diesen genannten Stellen kommen in der
grösseren Mehrzahl der Fälle combinirt oder auch beiderseits sym-
metrisch, mit Zersplitterung oder ohne dieselbe vor. Die Bestän-
digkeit mit der die Fracturen an den erörterten Stellen, bei meinen
Experimenten — exclusive an Erwachsenen — vorkamen, gibt mir
Anlass zu denken, dass der Brechungscoefficient an diesen Stellen
ein anderer, nämlich ein kleinerer ist, als an den übrigen.
II. Wenn die Kraft stark und expansiv wirkt, z. B.
beim Zusammenpressen zwichen den Puffern, oder im
Schraubstock, beim Schlage mit grossen Gewichten u. s.w.,
so wird ihre Wirkung auf das Kreuz-Darmbeingebiet
übertragen, wobei folgende Verletzungen zu Stande
kommen können:
a) Zerrung der Bänder und Diastase der Articulatio
sacro-iliaca im vorderen Theile derselben, zuweilen mit
Dislocation des Kreuzbeins nach vorne und oben verbunden.
b) Abreissen der Theile vom Kreuzbeinflügel entlang
den Foramina sacralia entsprechend der Articulatio sacro-
iliaca.
c) Fracturen des freien Kreuzbeinrandes durch die
Anspannung der Ligamente, im Gebiete des 3. und4. Kreuz-
beinloches.
124 Ku8min.
Dieselben Resultate werden auch durch die Wirkung der
Kraft von rückwärts nach vorne erzeugt, nur mit dem Unterschied,
dass bei letztgenanntem Umstände die Verletzung mehr auf die
Rechnung des Gegendruckes kommt.
Als Summa summarum haben wir also Folgendes:
Die Fracturen des Beckens kommen in Folge des Zusammen-
drückens des Beckenringes in sagittaler Richtung zu Stande, wobei
nach Verschiedenheit der Kraft und ihrer Angriffspunkte entweder
ein Theil des Beckenringes a) direct herausgeschlagen wird,
wie z. B. bei der Wirkung der brüsken Kraft auf das Schoossgebiet,
oder b) die Wirkung zugleich auf entferntere Punkte über-
tragen wird, oder endlich c) nur übertragen ohne an dem
Angriffspunkte oder dessen Nachbarschaft eine Ver-
letzung zu erzeugen, wie z. B. bei Wirkung der Kraft auf -die
Spinae anteriores superiores, wie wir es nicht selten bei Experi-
menten gesehen, wo wir unter die Spinae anteriores ein Brett unter-
legt haben, und entweder auf dasselbe oder auf das Kreuzbein- und
Darmbeingebiet einen Schlag ausgeführt haben.
Auf dem Wege der Uebertragung werden häufig vorkommende
Fracturformen erzeugt, wobei bei Angriffspunkten im Kreuz-Darm-
beingebiet eine Fractur durch das Acetabulum bis in die Incisura
iscbiadica major veranlasst wird, indem das ausgeschlagene Knochen-
stück einen Ring um das Foramen ovale bildet; oder es wird die
Wirkung noch weiter übertragen und eine Fractur im Ramus ascen-
dons ossis ischii an den typischen Stellen verursacht.
Nun übergehe ich zu der Beschreibung der Fracturformen,
die ich bei der Wirkung der Kraft in frontaler Richtung erhalten.
Bei diesen Fällen habe ich auch die Angriffspunkte der Kraft und
des Gegendruckes variirt, nämlich auf die Crista ossis ilei, auf den
Troch anter beiderseits oder auf die Crista ossis ilei einerseits und
den Trochanter andererseits. Die Experimente habe ich sonst unter
denselben Umständen angestellt. Um die Wirkung zu localisiren,
habe ich auch hier auf bestimmten Stellen von der Seite des
Angriffspunktes der Kraft ein Stück Brett angebracht, und den
Schlag mit dem bekannten Holzstück ausgeführt. Bei dem Experi-
mente habe ich Kräfte von der Grösse angewendet, die eine Fractur
des Beckonringes erzeugen konnten.
Ueber Beckenfracturen. 125
Vor Allem will ich mich jetzt mit solchen Fällen befassen,
bei denen die Kraft auf die Crista ossis ilei gewirkt hat. Hiebei
erhalten wir wiederum mehrere Fracturformen.
Präparat Nr. 9, Taf. VI. Fig. 6 stellt folgendes Bild dar: Eine
männliche nicht geöffnete Leiche Ijei 40 Jahre alt, wurde auf die Seite
gelegt. Entsprechend dem Gebiete der Spinae superioris anterioris von
der linken Seite wurde das beschriebene Brett quer angebunden. Der
Schlag wurde mit dem bekannten Holzstück ausgeführt. Die Fractur
erfolgte nach einem Schlag und stellte nach der Entfernung der Weich-
theile folgendes Bild dar:
Die Fracturlinien verlaufen beiderseits von der Nähe des Tuberc.
ileo-pectineum (0, b) durch das Foramen ovale und die typische Stelle
in der Nähe des Tuber ossis ischii (a, b). Im Gebiete der Articulatio
sacro-iliaca konnte man keine deutlich bemerkbaren Verletzungen ent-
decken.
Der Fracturmechanismus bestand offenbar im Folgenden:
Die Kraft und der Gegendruck wirkten auf Darmbeinkämme
und bestrebten auf die Weise, dieselben einander zu nähern. Dem
wirkte das Kreuzbein und das Schoossgebiet entgegen. Das letztere
gab in Folge der grösseren Brüchigkeit früher nach und brach an
den angegebenen Stellen, während das Kreuzbein-Darmbeingebiet
unversehrt blieb. Das Darmbein musste beim Aneinand ernähern
eine Art Kotation nach einwärts machen, wie es unter früher
beschriebenen Umständen um eine ideale Axe, die durch die Arti-
culatio sacro-iliaca verläuft, nach aussen ausführte.
In Folge dieser Botation und Aneinandernäherns der seitlichen
Beckenhälften entstanden Fracturlinien, welche beiderseits vom
Tuberculum ileo-pectineum in das Foramen ovale und durch die
typische Stelle in der Nähe des Tub. ossis ischii verlief.
Die Uebertragung der Wirkung erfolgte offenbar dadurch, dass
die Brüchigkeit am letzteren Punkte eine kleinere war.
Bei derselben Kraftrichtung habe ich auch ein etwas
variirtes Präparat (Nr. 10 a) erhalten, in welchem die Fractur
rechterseits durch das Acetabulum in die Incisura ischiad. major verlief
und in der Nähe des Tuber ossis ischii dext. keine Verletzung zeigte.
Fast ein gleiches Bild stellte noch ein Präparat Nr. 10 b dar,
in welchem bei demselben Mechanismus die Fractur beiderseits
durch das Acetabulum gegangen und in der Incisura ischiadica
major endete.
126 Kusmin.
Die Erklärung dieses Präparates schliesst sich ganz an die
vorhergehende an.
Ein in den Grundzügen gleiches Präparat sehen wir noch in
Nr. 11, das wir folgendennassen angestellt haben.
Taf. VII, Fig. 7. Eine männliche Leiche wurde analog dem früher
beschriebenen Fall gelegt. Der Schlag wurde mit einem Gewichte ausge-
führt. Die Fractur erfolgte auf einmal und zeigte folgendes Bild: der
Bruch fand in der vorderen Beckenwand statt; seine Richtungen ver-
liefen oben beiderseits vom Tuberculum ileo-pectineum (#, d) und Tu-
berculum pubicum (c, c) in das Foramen ovale; unten verlief die Frac-
turrichtung durch die typischen Stellen am Tuberc. ossis ischii (ft, e).
Dieses Experiment liefert noch einen Beleg för unsere oben
gegebene Erklärung des Fracturmechanismus, nur erfolgten im
gegebenen Fall in Folge eines stärkeren Aneinanderbringens der
Darmbeine die Fracturen noch in anderen Punkten. Auf die Weise
wurde das Hinderniss, welches das Aneinanderbringen der Darm-
beine hemmte, entfernt.
An den beschriebenen Präparaten haben wir Beispiele der
Verletzung in der vorderen Beckenwand gehabt, aber wir können
Verletzungen auch in dem hinteren Theile des Beckenringes, bei
derselben Bichtung der Kraftwirkung bekommen, und zwar unter
unten bezeichneten Umständen.
Präparat Nr. 12. Ein männliches Becken wurde seitlich in
einem Schraubstock zusammengedrückt. Nach Entfernung der Weich-
theile wurde Folgendes gefunden: Der Beckenring war in querer Rich-
tung platt gedrückt, das rechte Darmbein unversehrt und in Zusam-
menhang sowohl mit dem Schambein als auch Sitzbein geblieben. Die
Fractur erfolgte im linken Theile des Beckenringes und zwar beim
Tuberculum pubicum mit der Fracturrichtung gegen das Foramen ovale,
beim Tuberc. ileo-pectineum, mit der Fracturrichtung gegen das Foramen
ovale, und durch das Acetabulnm hindurch in die Incisura ischiadica
major, beim Tuberc. ossis ischii sin. und im Gebiete der Vereinigungsstelle
des Bamus ascendens ossis ischii sin. und descendens ossis pubis sin. und
zuletzt am linken Kreuzbeinflügel im Gebiete des 1., 2. Foramen sacrale,
als Zertrümmerung desselben. Kurz gesagt, in allen den typischen
Stellen, die schon öfters erwähnt waren.
Der Fracturmechanismus erklärt sich folgendermassen:
Die continuirlich wirkende Gewalt trachtete die Darmbeine
aneinander zu nähern; da hiebei die vordere Wand des Becken-
ringes ein Hinderniss bildete, so musste dieselbe bei der stärkeren
Gewalt nachgeben, und an den typischen Stellen, die wir schon so
Ueber Beckenfracturen. 127
oft bezeichnet haben, brechen. Die Kraft wirkte aber noch weiter
und erzeugte bei weiterem Versuche, das Darmbein nach einwärts
zu bringen, die Zertrümmerung des Kreuzbeiuflügels. Die gegebenen
Auseinandersetzungen erschöpfen aber noch nicht die Erklärung des
ganzen Bildes, indem erstens trotzdem, dass die vordere Becken-
wand an den typischen Stellen (bei Tuberc. pubicum sin. und bei
Tub. ossis ischii) gebrochen wurde, sich noch eine Fractur vom
Tub. ileo-pectineum ins Foramen ovale und durch das Acetabulum
in die Incisura ischiadica major fortsetzte; zweitens dass die
Fractur nur an einer Seite (links) des Beckenringes erfolgte. Das
erstere erklärt sich folgendermassen: durch die comprimirende
Wirkung der Gewalt wurde das im Tuberculo pubico schief losge-
trennte Stück des Bamus horizontalis sinister ossis pubis hinter dem
horizontalen Schambeinaste der rechten Seite verschoben, bis es
sich am rechten Darmbein anstemmte und nun von diesem neuen
Stützpunkte aus wahrscheinlich einen Gegendruck erzeugte, der den
Zusammenhang zwischen Darm-, Sitz- und Schambein linkerseits
löste. Das zweite Moment würde seinen Grund darin haben, dass
hier Compression in Folge der kleinen Höhe der Schraubenwin-
dungen sehr langsam vor sich ging, und dass hier zum Unterschied
von den früheren Experimenten eine Fractur ohne eine Erschütte-
rung, sondern durch allmäliges Aneinanderbringen der beiden seit-
lichen Beckenhälften entstand. Es verdient auch der Umstand unsere
Aufmerksamkeit, dass die linksseitige vordere Beckenwand früher
nachgelassen und dadurch die rechte Seite unversehrt geblieben,
indem schon durch die frühere Fractur der Querdurchmesser des
Beckens zur Genüge verkleinert wurde. Es ist sehr wahrscheinlich,
dass bei der Wirkung der Gewalt in der angegebenen Kichtung
auch an den Lebenden die Verletzung in der erwähnten Form ent-
stehen kann, weswegen wir auch unsere Auseinandersetzungen in
extenso gegeben haben.
Als dritte Abart der Fracturform, die bei seitlicher Wir-
kung der Kraft erfolgte, wollen wir noch ein folgendes Präparat
anführen:
Eine männliche Leiche, 30 Jahre alt, wurde auf die rechte Seite
gelegt und in dieser Lage fixirt. Auf den Darmbeinkamm wurde das
bekannte Brett angebunden und auf dasselbe ein Schlag mit einem
Stück Holz ausgeführt. Die Fractur zeigte sich folgendermassen: ■
128 Kusmin.
Präparat Nr. 18 a, Taf.VII,Fig. 8 a. In der vorderen Beckenwand
verläuft die Richtung der Fractur linkerseits vom Tuberculum pubicum (a)
in das Foramen ovale, wo auch ein Enochenstück vom Ramus horizon-
talis ossis pnbis herausgeschlagen wurde, ßamus ascendens ossis ischii
wurde an beiden typischen Stellen, nämlich in der Nähe des Tuberis
ossis ischii (b) und in der Nähe der Voreinigungsstelle des Bamus
ascendens ossis ischii mit dem Os pubis (c), fracturirt. Am hinteren
Theile des Beckenringes zeigten sich Verletzungen an beiden Seiten
des Kreuz-Darmbein gebietes, wurden nämlich vorne beiderseits Stücke
(d, e) vom Kreuzbeinflügel zertrümmert, und ausserdem noch linkerseits,
also auf der Seite, wo die Kraft wirkte, das Darmbein selbst fracturirt.
Hier verlief die Fractur (a) vertical von Crista ossis ilei in einer Entfer-
nung von 2 Centim. von der Articulatio sacro-iliaca in die Incisura
ischiadica major, wie Fig. 8 (b) zeigt.
Die Fractur erfolgte hier in Folgo der Verkleinerung des
Beckenraumes in seitlicher Kichtung, was nur erfolgen konnte, wenn
die vordere Beckenwand nachgelassen hatte die freien Kreuzbein-
ränder zertrümmert wurden, und nachdem zuletzt das Darmbein
selbst fracturirt wurde. Letztere Darmbeinfractur entstand deswegen,
weil hier die Festigkeit der Ligamente die Brechbarkeit der Knochen
übermannt. Hiermit sehen wir, dass auch am Cadaver auf experimentel-
lem Wege die Fracturen, die Malgaigne unter dem Namen der dop-
pelten verticalen beschreibt, erzeugt werden können. Dieselben habe
ich, sowohl bei der Wirkung der Kraft auf die Darmbeine als auch
auf die Trochanteren erhalten. Ich will den Leser mit weiteren
Beschreibungen meiner Experimente nicht ermüden, will nur hin-
zusetzen, dass die Kesultate, die ich bei anderen, ähnlich ange-
stellten Experimenten erhalten, ähnlich ausfielen.
Nun übergehe ich zu den Präparaten, bei denen ich die Kraft
habe auf den Trochanter Avirken lassen.
Präparat Nr. 14. Eine männliche Leiche wurde auf die rechte
Seite gelegt und in derselben fixirt. Zur Localisirung des Schlages war
an den Trochanter linkerseits das genannte Brett angebunden, und
der Schlag wie gewöhnlich ausgeführt. Die Fractur stellte folgendes
Bild dar: an der rechten Seite erfolgte eine Fractur, deren Richtung vom
Tuberculo-pubico in das Foramen ovale verlief; ausserdem noch eine
zweite, die im Ausschlagen eines Stückes aus dem Bamus ascendens
ossis ischii an den typischen Stellen bestand. Ferner bemerkte man
noch am hinteren Theile des Beckenringes zwei Zertrümmerungen, eine
stärkere am Kreuzbeinflügel rechterseits — und eine schwächere linker-
seits, die in Folge der seitlichen Compression entstanden. Am rechten
Ueber Beckenfracturen. 129
Darmbeine selbst, verlief eine Fractur quer dnrch dasselbe, welches
ein oberes kleineres Stück des Darmbeines von dem unteren grösseren
abtrennte.
Die Fractur im Kreuz- und Schambein bezeugt, dass hier
dieselbe nach dem schon öfters erwähnten Mechanismus erfolgte,
nämlich in Folge des Aneinandernäherns der Darmbeine. Was die
Verletzung am Darmbeine anbelangt, so erklärt sich dieselbe
dadurch, dass an diesem Punkte der Gegendruck am stärksten ge-
wirkt hat. In der That bezeugen auch die anderen Präparate, wo
die Leiche auf die Seite gelegt und der Schlag am Trochanter er-
folgte, dass der Gegendruck gewöhnlich an diese Stelle übertragen
wurde.
Präparat Nr. 15, Taf. VH, Fig. 9. Eine weibliche Leiche
wurde auf die rechte Seite gelegt, und in dieser Stellung fixirt. Der
Schlag wurde mit dem bekannten Holzstück ausgeführt.
Die Fractur erfolgte nach dreimaligem Schlag und stellte folgen-
des Bild dar: An der vorderen Beckenwand zeigte sich eine Fractur
an den typischen Stellen: rechterseits am Bamus horizontalis ossis
pubis vom Tuberculum pubicum (a) und Tuberculum ileo-pectineum
(b), gegen das Foramen ovale, am Bamus ascendens ossis ischii in der
Nähe des Tuber ischii (c) und nahe der Vereinigungsstelle des Bamus
ascendens ossis ischii mit dem Os pubis (d), linkerseits verlief die
Fractur vom Tuberculum ileo-pectineum (e), in das Foramen ovale
und setzte sich neben dem Tuber ossis ischii weiter fort (/). Im hin-
teren Theile des Beckenringes fand eine Zertrümmerung des rechten
Kreuzbeines in dem am meisten brechbaren Theile, im Gebiete der
Foramina sacralia (g) statt. Ausserdem wurde noch ein Stück aus dorn
oberen Theile des Darmbeines — so wie im früheren Präparat —
firacturirt (h).
Das Präparat ist dem früheren ganz analog, und erfolgte hier
die Fractur an einer Seite des Kreuzbeins und exclusive im Gebiete
der Foramina sacralia. — Der Mechanismus erklärt sich ganz wie
im vorhergehenden Falle.
Wir wollen hier noch ein, von dem eben angeführten etwas
Tariirendes Präparat (Nr. 16) erwähnen, bei dem die Zertrüm-
merung im Kreuzbein auf der Seite der Wirkung der primären
Kraft erfolgte und nicht auf der Seite des Gegendruckes, wie es
in früher beschriebenen Exemplaren geschehen.
Bei der Modificirung des Experimentes, die darin bestand,
dass wir auch den Gegendruck am Trochanter durch Unterlegung
Miri. Jahrbücher. 1882. Q
130 Knsmiu.
einos Brettes localisirten, erhielten wir analoge Verletzungen, wie
die eben beschriebenen, mit dem Unterschiede, dass dieselben an
der vorderen Wand am deutlichsten ausgeprägt waren. Am häufig-
sten trat die Fractur im Schoossgebiete, selten im Gebiete des
Tuberculum ileo-pectineum mit dem Auseinanderbringen aller drei
das Acetabulum zusammensetzender Knochen verbunden, ein. —
Niemals ist es mir gelungen, den Femurkopf in den Beckenraum
hineinzutreiben, denn bei Anwendung einer grösseren Gewalt brach
der Hals in bekannter, von Heppner beschriebener Form früher,
bevor das Caput hineingedrängt werden konnte.
Präparat Nr. 16, Taf. VII, Fig. 10. In einem Fall, wo ich das
Becken eines 30 J. alten Mannes gebrauchte, legte ich das Brett längs
des Körpers auf den vorderen Theil der Crista ossis ilei und Trochanter
major, dass diese Angriffspunkte zu gleicher Zeit der Wirkung der
Kraft von der linken Seite ausgesetzt waren. Der Schlag wurde in der
Mitte des Brettes ausgeführt. Als Resultat erhielt ich folgendes
Präparat :
Auf der linken Seite (von innen gesehen) ging eine Fractur vom
vorderen Theile der Crista ossis ilei vertical durch das Darmbein gegen
das Tuberculum ileo-pectineum um von daher im Foramen ovale zu
endigen. Auf der Aussenseite des Darmbeines verlief diese Fractur, wie
Fig. X zeigt, vom oberen Darmbeinrande vertical gegen das Acetabulum
(a) und endete am hinteren Theile desselben. Auf der linken Seite
zeigte sich auch am Raums horizontalis ossis pubis eine Fissur, (auf der
Zeichnung nicht sichtbar) die vom Tuberculum pubicum in das Foramen
ovale verlief, am Ramus ascendens ossis ischii wurde an den typischen
Stellen ein Knochenstück ausgebrochen (dy e). An der rechten Seite
bemerkte man eine Fractur, die vom Tuberculum ileo-pectineum gegen
das Foramen ovale verlief (/*) und in der Nähe des Tuber ossis ischii
(g) fortsetzte; — ausserdem war noch eine Zertrümmerung am vor-
deren oberen Rande des Darmbeines (h) vorhanden. Im hinteren Gebiete
des Beckenringes hat eine Zertrümmerung an der linken Seite des Kreuz-
beines im Gebiete der drei oberen Foramina sacralia stattgefunden.
Der Mechanismus bestand auch hier in einem Aneinander-
bringen der Darmbeine, nur wurde er in Folge der Verschie-
denheit der Angriffspunkte modificirt. Es erfolgte nämlich in
Folge dessen eine Fractur des vorderen Bandes des Darmbeines,
wobei die Fracturrichtung mit der typischen in der Nähe des
Tuberculum ileo-pectineum zusammentraf. Das könnte man für
ein Variant des doppelten verticalen Bruches nach Mal-
gaigne auffassen, nur mit dem Unterschiede, dass hier ausser
Ueber Beckenfracturen. 131
den Fracturen im vorderen Theile des Beckenringes die zweite
Fractur nicht in der hinteren Partie des Kreuz - Darmbeinge-
bietes, wie sie nach Malgaigne sein sollen, sondern im vorderen
Theile des Darmbeines erfolgten.
Mit diesen Beispielen habe ich nach meiner Meinung alles
erschöpft, was in Bezug der Wirkung der Kraft in frontaler Rich-
tung zu sagen wäre. Aus diesen Experimenten lassen sich folgende
allgemeine Betrachtungen über den Mechanismus der Fracturen des
Beckenringes ziehen:
Das Hauptmoment, das die Fractur bedingt, besteht in der
Verkleinerung des Beckenraumes im Querdurchmesser, was nur bei
Beseitigung des Hindernisses, das das Schoossgebiet und Kreuz-
bein-Darmbeingebiet liefert, entstehen kann. Diese Beseitigung
geschieht vorne durch Fracturen an den typischen Stellen des
Schoossgebietes. Dieselben entsprechen entweder den embryonalen
Verbindungsstellen der Beckenknochen oder in der Nähe derselben,
oder den Stellen, wo die dünneren Knochentheile in dickere über-
gehen, oder wo die Knochen am dünnsten sind. Von rückwärts
wird es durch Zertrümmerung des Kreuzbeines im Gebiete zwischen
der Articulatio sacro-iliaca und den Kreuzbeinlöchern zu Wege ge-
bracht. Nachdem die Hindernisse auf diese Weise auf einem oder
anderen Orte des Beckenringes beseitigt worden, fuhren die seitlichen
Beckenhälften eine Art Botation in der Richtung nach innen aus und
als Resultat dessen zeigt sich in manchen Fällen eine Fractur im
hinteren Gebiete (in der Nähe der Spina ilei posterior) und erzeugt
den sogenannten doppelten verticalen Bruch nach Malgaigne. An
den Angriffspunkten der Kraft und des Gegendruckes können noch
locale Verletzungen entstehen, wie z. B. des Darmbeines in hori-
zontaler oder verticaler Richtung.
Um noch im Kurzen Belege für unsere Betrachtungen anzu-
führen, wollen wir noch einzelne Fracturformen recapituliren:
A. Bei Wirkung der Kraft auf das Darmbein bemerken wir
folgende typische Fracturstellen :
1. in der vorderen Wand des Beckenringes ohne Zer-
trümmerung im Kreuzbeingebiete, auf einer oder beiden
Seiten symmetrisch oder in verschiedenen Punkten, am
9*
132 Kusmin.
häufigsten a) im Schoossgebiete vom Tuberculum pubicum
oder seiner Nähe in das Foramen ovale verlaufend;
b) beim Tuber ossis ischii und an der Vereinigungs-
stelle des Kamus ascendens ossis ischii mit Ramus descen-
dens ossis pubis;
seltener im Gebiete des Tuberculum ileo-pectineum,
mit der Fracturrichtung c) gegen das Foramen ovale, und
noch seltener gegen die Incisura ischiadica major.
IL in der vorderen Beckenwand mit der Zertrümme-
rung im Gebiete der Kreuzbeinflügel von einer oder von
beiden Seiten.
Hier muss ich aber hinzufugen, dass die Form und der Cha-
rakter der Verletzung des Kreuzdarmbeingebietes eine andere war,
als bei der Wirkung der Kraft in sagittaler Eichtung. Dort haben
wir eine Abreissimg des Kreuzbeinflügels wie auch der freien Kreuz-
beinränder gesehen, während hier eine wahre Zertrümmerung des
articulären Kreuzbeinflügels zu Stande kam und keine Verletzung
des freien Kreuzbeinrandes. Das dient uns wieder zum Beweise f&r
die Kichtigkeit der gegebenen Erklärungen des Fracturmechanismus
im Beckenringe.
III. Ander vorderen Beckenwand auf dieser oder jener
typischen Stelle, im Kreuzbein auf der einen oder beiden
Seiten und zugleich am Darmbein, wo sie sich in einer
Rissfractur des hinteren Stückes des Darmbeines äussert.
Die letzterwähnte Form, die sogenannte doppelt verticale nach
Malgaigne, die sich nach dem von mir beschriebenen Mechanis-
mus am besten erklären lässt, bezeugt noch schlagender die Rich-
tigkeit desselben.
B. Bei Wirkung der Kraft auf den Trochanter kamen analoge
Fracturformen vor, nur mit dem Unterschiede, dass bei diesen Be-
dingungen, wenn die Leiche am ebenen Boden lag, öfters der An-
griffspunkt des Gegendruckes auf die Darmbeinschaufel übertragen
wurde und als ob die Wirkung der Gewalt sich in diagonaler und
nicht in querer Eichtung verbreiten würde. Im Allgemeinen habe
ich mich überzeugt, dass in Folge der Beweglichkeit des Trochan-
ters es überhaupt schwer gelingt, die Kraft in genau querer Rich-
tung, von einem Trochanter zum anderen, wirken zu lassen. In
diesen Fällen, wo ich bei Anwendung der verschiedenen Kunst-
Ueber Beckenfracturen. 133
griffe die Wirkung der Kraft in querer Eichtung übertragen habe,
habe ich keine neuen Fracturforinen wahrgenommen, ausser dass
der Effect der Wirkung nur mehr auf der vorderen Beckenwand
ausgeprägt wurde. Das Eindringen des Femurkopfes in den Becken-
raum habe ich bei meinen Experimenten an Erwachsenen nie er-
halten können, was davon abhängt, dass Kräfte von dieser Grösse,
welche das Acetabulum überwunden hätten, bei meinen Experi-
menten früher das Collum femoris brachen.
C. Bei der Wirkung der Kraft auf das Darmbein, Trochanter
oder auf beide zugleich, können ausser den Fracturen an den typi-
schen Stellen (an der vorderen und hinteren Wand des Becken-
ringes) auch Bruchlinien an der Darmbeinschaufel entstehen, die
in verticaler Bichtung verlaufen. Hierbei muss ich bemerken, dass
die verticale Bruchrichtung am Darmbein nicht nur auf die hinte-
ren Stellen, die Malgaigne bei seinen doppelt verticalen Frac-
turen beschrieben, beschränkt bleibt, sondern sich auch vorne, wie
in von mir angeführtem Falle zeigen könne (Präp. 16, Fig. 10). Der
Unterschied besteht darin, dass im ersten Falle die Fractur in Folge
eines Abrisses bei Botation der Darmbeine nach einwärts zu Stande
kommt, im zweiten Falle dagegen in Folge der unmittelbaren Wir-
kung der Gewalt.
Um die in Wirklichkeit häufig vorkommenden Fälle
der Uebertragung der Kraftwirkung von den Unterextre-
mitäten auf das Becken, wie z. B. bei einem Falle auf die
Füsse nachzuahmen, habe ich einige Experimente folgender-
massen angestellt.
Die Leiche habe ich mit dem Kopfe nach unten fixirt und
führte einen Schlag auf die stark gebogenen zusammengebundenen
Kniee aus. Trotzdem mehrere Schläge mit dem bekannten Holzstück
ausgeführt wurden, habe ich keine Fracturen am Becken erhalten.
Nach fünf bis sechs Schlägen brach gewöhnlich der Oberschenkel
am Halse oder seltener in der Continuität ab. Fracturen an der
vorderen Beckenwand (an typischen Stellen) habe ich beim Schlag
auf die Kniee unter diesen Umständen nie erhalten. Wenn ich aber
die Beine stark abducirt habe, sie in dieser Stellung durch Hinein-
legen eines Holzstückes fixirt, und die Kraft auf jedes Knie
für sich bei Fixirung des anderen habe wirken lassen, dann habe
ich sie erzeugen können. Dieses Experiment hat mich überzeugt,
134 Kusmin.
dass bei Uebertragung der Wirkung durch die Oberschenkel ein
Beckenbruch meistentheils nur unter den angeführten Umständen zu
Stande kommen kann. Das Eindringen des Kopfes in den Becken-
raum habe ich auch unter diesen Umständen nicht erhalten.
Ohne grosse Schwierigkeit gelang es mir auf expe-
rimentellem Wege, die Beckenfracturen beim Ver-
setzen der Angriffspunkte der Gewalt und des Gegen-
druckes auf die Sitzknorren zu erhalten.
Das Experiment Fig. 11, Taf. VII (Präp. 17) habe ich folgen-
dermassen angestellt:
Eine männliche Leiche fixirte ich mit dem Kopfe nach unten mit
an den Hals angebundenen Füssen, der Schlag wurde mit einem Ge-
wichte auf das an die Sitzknorren angebundene Brett ausgeführt. Die
Fractur wurde nach 3 Schlägen erzielt und stellte nach Entfernung
der Weichtheile folgendes Bild dar:
Im Gebiete der Symphysis ossium pubis keine Verletzung, das
Scham- und Sitzbein wurden in Gestalt eines um das Foramen ovale
geschlossenen Einges beiderseits herausgeschlagen. Die Fracturlinie
ging durch das Acetabulum («, b) in der Eichtung gegen die Inci-
sura ischiadica major, mit einem Worte ganz analog dem Falle Nr. 4,
wo die Kraft auf das Darm-Kreuzbeingebiet und der Gegendruck an
den Sitzknorren gewirkt haben.
Im gegebenen Falle wurde mit dem beschriebenen Eing auch ein
zungenförmiges Stück von der inneren hinteren Fläche des Darmbeines
oberhalb der Linea innominata herausgeschlagen (c, d).
Der Fracturmechanismus erfolgte hier auf die Weise, — wie
es aus dem Bilde ersichtlich — dass durch Vermittlung des Knor-
rens aus dem Beckenringe die beschriebenen Theile ausgeschlagen
wurden. Bei anderen Experimenten, die unter ähnlichen Umständen
angestellt wurden, wiederholte sich gewöhnlich diese Bruchform und
sie stellt hiermit unzweifelhaft eine von den typischen Formen, bei
obengenannter Eichtung der Wirkung der Kraft dar. Bei folgendem
Beispiel dagegen äusserte sich in Folge der grösseren, auf den
Tuber ischii wirkenden Gewalt, der Effect nicht nur im Gebiete
der vorderen Beckenwand, sondern auch im hinteren Kreuzdarm-
beingebiete.
Präparat Nr. 18. Eine weibliche Leiche, bei der der Kopf
sammt der Halswirbelsäule entfernt wurde, stellte ich auf den abge-
schnittenen Theil des Oberkörpers fest und führte einen Schlag auf
das auf den Sitzknorren befestigte Brett mit einem Gewichte von 8 Pud
Ueber Beckenfracturen. 135
(120 Pfund) ans. Die Fractur erfolgte anf einmal und stellte folgendes
Büd dar:
An der linken Seite bemerkte man vom Tuber ossis ischii aus-
gehend und denselben etwa schief spaltend eine Fractur, die nach oben
ging und ins Foramen ovale mündete; ebenso eine Fractur an der
typischen Stelle, nämlich an der Verbindungsstelle zwischen Ramus ascen-
dens ossis ischii sin. und Ramus descendens ossis pubis sin.; Ramus hori-
zontalis ossis pubis sin. zeigte eine Fractur an beiden typischen Stellen,
nämlich vom Tuberculum pubicum in das Foramen ovale hinein, und
vom Tuberculum ileo-pectineum in das Acetabulum; dasselbe Aceta-
bulum war noch entsprechend den, die drei Knochen zusammenheften-
den Fugen, gespalten, und die hintere Fracturlinie verlief bis in die
Incisura ischiadica major.
Rechterseits bemerkte man am Tuber ossis ischii nebst einer
Zertrümmerung desselben eine Fractur, die durch den Tuber ging und
in das Foramen ovale mündete. Am Raraus horizontalis ossis pubis,
verlief eine Fractur von der Nähe des Tuberculum ileo-pectineum durch
das Acetabulum in das Foramon ovale. Im hinteren Theile des Becken-
ringes fand linkerseits eine Diastase der Articulatio sacro-iliaca an
der vorderen Fläche statt, an der hinteren dagegen ein Ausreissen
einiger Splitter vom Kreuzbeinflügel den oberen drei Kreuzbeinlöchern
entsprechend; rechterseits wurden die Ligamenta sacro-iliaca gezerrt
und ein Fragment aus dem oberen Theile des Kreuzbeinflügels nach
oben ausgebrochen.
Hiermit hat die primäre Kraft nicht nur im vorderen Becken-
theile gewirkt, sondern ihre Wirkung wurde auch durch die Darm-
beine und den Apparatus ligamentosus der Articulatio sacro-iliaca
auch dem Kreuzbein übertragen und verursachte an dem hinteren
und oberen Theile desselben die Fractur par arrachement.
In Anbetracht dessen, dass bei anderen, nach demselben Modus
angestellten Experimenten, d. h. bei Einwirkung der Gewalt oder
des Gegendruckes auf die Sitzbeinknorren die Fracturformen sich wie-
derholten, will ich ein Eesume der oben besprochenen Fälle kurz an-
geben. Wir erhielten folgende Fracturformen:
1. Fracturen im Gebiete der Angriffspunkte der
Kraft;
2. Fracturen in-Folge der Uebertragung der Wirkung
auf entfernte Punkte.
Bei der ersteren ist entweder ein unversehrter Kno-
chenring, der vom Scham- und Sitzbein um das Foramen
ovale gebildet war, herausgeschlagen worden, oder er
136 Kusmin.
wurde an den typischen Stellen (nämlich in der Nähe
des Tuber ossis ischii oder tuberculi pubis mit der Frac-
turrichtung gegen das Foramen ovale) einer oder der
anderen Seite gebrochen. Die zweite Form kann sich
am Kreuzbein sowohl in Gestalt der Diastase des Ge-
lenkes, der Zerrung der Ligamente und auch als Abreis-
sen kleiner Enochenstücke äussern.
Zum Schlüsse will ich noch ein Präparat anführen, wo die
Fractur bei Wirkung der Kraft auf das freie Ende des Kreuzbeins
erzielt wurde.
Präparat Nr. 19. Eine nicht geöffnete weibliche Leiche wurde
in verticaler Richtung mit dem Kopfe nach unten fiiirt, auf das freie
Kreuzbeinende wurde ein entsprechend angepasstes Holzstück gelegt,
und darauf ein Schlag ausgeführt. Die Fractur erfolgte nach einem
Schlag und stellte nach Entfernung der Weichtheile folgendes Bild dar:
Das Os coccygis und das freie Kreuzbeinende wurde zertrümmert
und ausserdem verlief noch eine Fractur quer über das Kreuzbein
beiderseits vom freien Kreuzbeinrande bis zu den ersten Foramina
sacralia sich erhebend. In der Articulatio sacro-iliaca bemerkte man
keine deutlichen Verletzungen.
An diesem Präparate bemerkten wir also dieselben Verletzungen,
wie sie am Lebenden beschrieben wurden. Oefters wiederholte Ver-
suche lieferten dasselbe Bild.
In drei Experimenten habe ich, nachdem ich das Becken mit
einer Seite an eine Säule gelehnt und den Körper in dieser Stel-
lung befestigt hatte, die Wirkung auf das Kreuzbein so zu über-
tragen versucht, dass ich von oben auf die abgeschnittene Wirbel-
säule einen Schlag führte. In allen Fällen erfolgte eine Verletzung
der Wirbelsäule, am häufigsten im Gebiete des Promontoriums,
der Kreuzbeinflügel wurde meistentheils nicht merkbar verletzt,
mit Ausnahme eines Falles, wobei ein Stückchen vom linken
Kreuzbeinflügel ausgerissen wurde. In den übrigen Präparaten
konnte man im Kreuzdarmbeingeleüke nur einen geringen Grad von
Diastase wahrnehmen.
Hiermit will ich die Beschreibung einzelner Präparate ab-
schliessen und kurz noch einmal zu den allgemeinen Schlüssen
übergehen, die sich aus meinen Versuchen ziehen lassen.
Ueber Beckenfracturen. 137
Bei der Wirkung einer Gewalt auf den Beckenring kommen
die Practuren am leichtesten dort zu Stande, wo das Minimum des
Widerstandes und das Maximum der Kraft zusammentreffen. So zum
Beispiel:
Bei der Wirkung der Kraft in der Richtung von vorne nach
rückwärts können Fracturen an der vorderen Beckenwand, in Folge
ihrer Zerbrechlichkeit bei brüsk wirkenden Kräften, ohne Uebertra-
gung der Wirkung auf entferntere Stellen des Beckenringes erfol-
gen. Hier werden die das Schoossgebiet zusammensetzenden Knochen
einzeln oder im ganzen ausgeschlagen und in den Beckenraum
hineingetrieben. Das Minimum der Widerstandsfähigkeit findet sich
am vorderen Theile am Beckenring an folgenden Stellen: vom
Tuberculum pubicum oder seiner Nähe in der Gegend des Canalis
obturatorius mit der Richtung gegen das Foramen ovale; vom
Tuberculum ileo-pectineum oder seiner Nähe mit der Richtung
entweder in das Foramen ovale, oder durch das Acetabulum hin-
durch in die Incisura ischiadica major; beim Tuber ossis ischii an
seinem Uebergang in den dünnen Theil, nämlich in den Ramus
ascendens; im Vereinigungsgebiete des letzteren mit dem Ramus
descendens ossis pubis. In diesen Punkten erfolgen die Fracturen,
entweder nur an der einen Seite, oder an beiden, sehr häufig auch
symmetrisch, — was von der Disposition der Angriffs- und Gegen-
druckspunkte der Kraft abhängt.
In Folge dessen, dass die genannten Knochen in den Becken-
raum hineingeschlagen werden, bemerkt man bei diesen Fracturen
Verletzungen der im Becken befindlichen Organe. In manchen
meiner oben angeführten Fälle beobachtete ich, dass sogar Splitter
in die Harnblase hinein ragten. Wenn der Effect der Wirkung
einer Gewalt nicht auf das Gebiet des Angriffspunktes beschränkt
bleibt und dieselbe nicht momentan ein Knochenstück aus der
vorderen Beckenwand herausschlägt, sondern auf entferntere Stellen
tibertragen wird, wobei eine gewisse Kraftmenge auf das Aus-
gleichen des Beckenbogens verwendet wird, so zeigt dann der
Fracturmechanismus viel complicirtere Verhältnisse. Es werden
nämlich nicht selten die Fracturstellen von den medianen Punkten
auf die lateralen in die Nähe des Tuberculum ileo-pectineum der
vorderen Beckenwand versetzt, der sagittale Durchmesser des Beckens
wird verkleinert; die Darmbeine nach auswärts rotirt; die Liga-
138 Kusmin.
menta sacro-iliaca anteriora gespannt, gezerrt und die Kreuzbein-
flügel manchesmal bis zu den Foraminis sacr. abgebrochen. Es ist
selbstverständlich, dass je stärker die seitlichen Beckenhälften nach
innen oder nach aussen rotiren, der Effect an der hinteren Wand
um so intensiver ausgesprochen sein wird; andererseits habe ich Ge-
legenheit gehabt mich zu überzeugen, dass, je weiter nach aussen die
Fracturstelle beiderseits in der vorderen Beckenwand lag, um so häu-
figer der Bruch mit einer Bissfractur des Kreuzbeinflügels verbun-
den war.
Die am meisten typischen Bilder in diesem Sinne stellten
sich dann dar, wenn die beiderseitigen Verletzungen beim Tuber-
culum ileo-pectineum mit eben solchen am Kreuzbein eintraten,
z. B. Präp. 7 Fig. 5.
Schon ein Blick genügt, um sich zu überzeugen, dass das
hineingeschlagene Knochenstück so sehr die Darmbeine auseinander
zu bringen trachtete, dass dadurch Verletzungen der Kreuzbein-
flügel entstanden. Dieselben zeigen sich gewöhnlich als Eissfracturen
der Kreuzbeinflügel und manchmal ihrer freien perinealen Bänder,
(in Folge der Ligamenta) und nicht als Zertrümmerungen, was
abermals als Beleg für die Bichtigkeit meiner Erklärung dient.
Bei Wirkung einer Kraft auf die Spinae anteriores superiores
in sagittaler Bichtung besteht der Mechanismus darin, dass die
Darmbeine durch die unmittelbare Wirkung sich nach auswärts zu
bewegen trachten, wodurch auch die Abtrennung derselben von
der vorderen Beckenwand entweder im Gebiete des Acetabulum
vom Os pubis und Os ischii zugleich, oder vom Os pubis im
Acetabulum und vom Os ischii vorn beim Tuber ossis ischii ver-
anlasst wurde, oder auch eine Fractur in der Nähe des Tuberculum
pubicum eintrat. Bei diesem Mechanismus treten die Verletzungen
des Kreuzbeines in Form der Eissfracturen und Diastase des Ge-
lenkes um so stärker hervor, je früher die vordere Beckenwand
nachgibt.
Bei der Wirkung der Kraft von rückwärts nach vorne auf
das Kreuzbein, im stricten Sinne des Wortes, trachtet dieselbe das
Kreuzbein in den Beckenraum hineinzuschlagen. Das kommt aber
schwer zu Stande. Gewöhnlich wird früher eine Fractur an den
typischen Stellen der vorderen Beckenwand zu Wege gebracht. Das-
selbe geschieht auch beim Schlage auf das Kreuz-Darmbeingebiet,
Ueber Beckenfracturen. 139
wobei hier, wie auch bei den früher erwähnten Umständen eine
Bissfractur der Kreuzbeinränder eintreten kann.
Alles Gesagte beweist evident, dass auch bei dieser Bichtung
der Wirkung einer Gewalt die Verletzungen in Folge der Ver-
kleinerung des Beckenraumes in sagittalem Durchmesser erzeugt
werden.
Ganz entgegengesetzt stellt sich der Mechanismus bei der
Wirkung der Kraft in frontaler Bichtung. Hier treten Verletzungen
an denselben typischen Stellen ein, aber nicht in Folge der Ver-
kleinerung des Beckenraumes in sagittaler Bichtung, sondern in
Folge einer Compression in frontalem Durchmesser. Die Knochen-
splitter haben weniger Neigung nach innen als nach aussen einge-
schlagen zu werden. Die Kreuzbeinflügel werden meistentheils im Ge-
biete der Foramina sacralia zertrümmert. Die freien Kreuzbeinränder
bleiben unverletzt. Auf den Darmbeinen kann bei ihrem Aneinander-
nähem, in Folge des Ueberschlagens derselben um die vorderen Bänder
der Kreuzbeinflügel, als Stützpunkten, bei der extremen Festigkeit der
Ligamenta sacro-iliaca postica eine Bissfractur in verticaler Bich-
tung, von der Crista ilei gewöhnlich in die Incisura ischiadica
major (sogenannte doppelte verticale Fractur nach Malgaigne)
eintreten. In manchen Fällen verläuft bei demselben Mechanismus
die Fractur auch am vorderen Theile des Darmbeines (A, h) näher
der Angriffsstelle der primären Kraft. Die Zertrümmerung der
Kreuzbeinflügel beobachtet man sowohl bei der Wirkung der Kraft
auf die Darmbeine als auch auf die Trochanteren, wobei, wenn die
Angriffspunkte der Kraft und des Gegendruckes an den letzteren
im stricten Sinne des Wortes localisirt sind, dann die Verletzungen
an der vorderen Beckenwand deutlicher ausgeprägt sind.
Gewöhnlich verhält sich die Sache bei der Wirkung der
Kraft auf das Trochantergebiet in folgender Weise. Bei der Lage
der Leiche auf der Seite und beim Schlage auf den Trochanter
wird der Gegendruck auf den Darmbeinkamm versetzt, d. h.
die Bichtung der Wirkung der Kraft verläuft diagonal durch das
Becken. Dies wird auch dadurch bewiesen, dass bei entsprechend
angestellten Experimenten sich in den meisten Fällen auf der Seite des
Gegendruckes die Verletzung der Darmbeinschaufel zeigte. Der
Fracturmechanismus bleibt auch hier derselbe. Die Fracturen sowohl
an der vorderen Beckenwand, als auch im hinteren Gebiete des
140 Kusmin.
Beckeniinges verliefeD an den typischen Stellen. Die ersteren be-
gleiteten immer die letzteren in Folge der grössten Zerbrechlich-
keit des Beckenringes in der vorderen Beckenwand.
Beim Schlage auf die parallel gestellten Oberschenkel mit der
Absicht auf das Acetabulum zu wirken, um das Caput in den
Beckenraum hineinzutreiben, habe ich keinen Erfolg gesehen. Auch
in vivo kann man annehmen, kommt dieser Effect selten vor, am
wahrscheinlichsten bei pathologischen Veränderungen des Aceta-
bulum.
Nachdem ich das Experiment auf die Weise angestellt, dass
die Gewalt auf die stark abducirten Füsse wirkte, gelang es mir
Fracturen in der vorderen Wand des Beckenringes zu bekommen,
bevor noch eine Verletzung des Acetabulum eintreten konnte.
Bei Wirkung der Kraft auf die Sitzknorren dienten die
letzteren entweder als Angriffspunkte der primären Kraft, oder
die Kraft wirkte auf sie als auf Stützpunkte, wenn der Schlag auf
die Wirbelsäule geführt wurde. Hiebei erhielt ich zwei Formen.
Entweder beschränkte sich die Verletzung auf das Ausschlagen
eines um das Foramen ovale sich bildenden Knochenringes in unge-
brochenem oder verletztem Zustande; oder es erfolgte dabei auch
eine Uebertragung der Wirkung durch das Darmbein auf das
Kreuz-Darmbeingebiet, wo entweder eine Zerrung der Bänder und
Diastase des Gelenkes, oder eine Rissf ractur des oberen und hin-
teren Kreuzbeintheiles erzeugt wurde.
Ausserdem bemerkte man auch locale Verletzungen in Form
einfacher Fracturen oder Zersplitterungen am Sitzknorren. Die
Form und ihre Verbreitung entsprachen der Grösse der wirkenden
Kraft.
Zum Schlüsse will ich noch bemerken, dass, nachdem ich
den Fracturmechanismus bei der Wirkung der Kraft und des Ge-
gendruckes erklärt habe, ich zum Schlüsse gekommen bin, dass
wenn die von mir gegebenen Erklärungen richtig sind, analoge
Fracturförmen bei der Wirkung der Kraft auf frei suspendirte
Becken entstehen müssen und die Experimente haben meine Voraus-
setzungen thatsächlich bewiesen.
Die Experimente stellte ich folgendermassen an:
Die Leichen habe ich auf festen Schnüren suspendirt und ver-
setzte Schläge in sagittaler und frontaler Richtung. Die Fractur-
Ueber Beckenfracturen. 141
bilder, die ich hiebe! erhalten, waren den 'vorhergehenden analog.
Bei Schlag von vorne nach rückwärts habe ich häufiger beob-
achtet, dass Knochen aus der vorderen Beckenwand nach innen
hineingeschlagen wurden.
Es kamen auch Fälle vor, wo die Wirkungen auf die ange-
gebene Weise auf den hinteren Theil des Beckenringes übertragen
wurden.
Bei brüsken und kräftigen Schlägen von rückwärts nach
vorne erhielt ich Verletzungen manchmal am Kreuzdarmbeingebiet
und an der vorderen Beckenwand. Bei Schlägen in seitlicher Bich-
tung trat eine Verletzung sowohl vorne als auch rückwärts an
der Seite des Angriffspunktes der Kraft ein.
Der Fracturmechanismus erklärt sich in den angeführten Fällen
folgendermassen: Die wirkende Kraft wird einerseits dazu ver-
wendet, um die Masse des Körpers in Bewegung zu setzen, anderer-
seits um die Erschütterung im Beckenring hervorzurufen. Als Be-
sultat der Wechselwirkung der erschütternden Kraft oder der
Gegenwirkung in Folge der Trägheit der Masse und der hiebei
nothwendig folgenden Gestaltveränderung des Beckenringes erscheinen
eben die Fracturformen wieder an typischen Stellen.
Alles Gesagte lässt es ausser Zweifel, dass die gegebene
Erklärung des Mechanismus der Beckenfracturen richtig ist und dass
Fracturen in dem oder jenem Punkte des Beckenringes in Folge
der Compression desselben, wenn die Elasticitätsgrenze überschritten
wird, zu Stande kommen.
Diese experimentelle Untersuchung wurde im Jahre 1879 — 1880
ausgeführt und die Resultate derselben sammt Demonstrirung der
Präparate im November 1880 an der Moskauer Universität vorge-
tragen. Nur in Folge von mir unabhängigen Ursachen hat sich die
Veröffentlichung der Arbeit verspätet.
Wien, 27. Februar 1882.
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Berichtigung.
Seite 42 Zeile 8 von oben soll es statt Frontalschnitten heissen: Sagi t tal-
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"Geber Priapismus und Cavernitis.
Von
Prof. Dr. I. Neumann.
Hiezu Tafel VIU.
(Am 16. März 1882 von der Eedaction Übernommen.)
Der Bau des Gefässapparates der männlichen Kuthe ermöglicht
die Erection vorwiegend durch Stauung des Blutes in den cavernösen
Bäumen und erfüllt hiedurch die wichtigste Bedingung bei der ge-
schlechtlichen Function. Ueber die Frage, in welcher Weise über-
haupt die Erection in Folge der Einwirkung des Centralnerven-
systems entstehe, hat das Experiment unwiderlegbare Daten ge-
liefert.
Schon Eckhard *) hat gezeigt, dass nach Durchschneidung
der aus dem Plexus lumbalis stammenden, zum Corpus cavernosum
penis ziehenden Nervi erigentes und hierauf folgender Eeizung ihrer
peripheren Enden durch Einschnitt ins Corpus cavernosum Beschleu-
nigung der Blutcirculation entsteht. Ebenso ist die Blutmenge, welche
einer Vena pudenda während der vorgenommenen Eeizung zuströmt,
weit grösser als vor der Reizung, so dass behauptet werden kann,
dass während der Erection eine absolut grössere Menge Blut den
Penis durchsetzt als bei der Nichterection.
Weitere Versuche Eckhard's8) lehrten, dass man durch elek-
trische Eeizung von allen Abschnitten des Rückenmarkes sowohl,
als auch von verschiedenen Hirntheilen aus, Erection anregen kann.
*) Beiträge zur Anatomie und Physiologie. Pflüger's Arch. Bd. III,
Heft 12, 1863.
*) Pflüger's Arch. Bd. IV und VII.
Med. Jahrbücher. 1882. \Q
144 Neumann.
Aus dieser Thatsache schloss Eckhard, dass das Centrum
der Erection im Gehirn gelegen sei und dass von diesem aus die
Nervenbahnen, welche die Erection vermitteln, innerhalb des Bücken-
markes nach abwärts laufen, um dasselbe erst tief unten im Plexus
lumbalis zu verlassen. Doch hat Goltz im Vereine mit seinem
Assistenten Prensberg *) an Hunden nachgewiesen, dass das nächste
Nervencentrum für die Erection im Lendenmarke gelegen ist. l)er
Beweis wurde durch folgendes Experiment gebracht: Hunden wurde in
der Narkose an der Grenze zwischen Brust- und Lendenmark das
Eückenmark durchschnitten; die Thiere liefen nach Beendigung der
Operation, sobald die Narkose zu wirken aufgehört, die Hinter-
beine nachschleppend auf den Vorderbeinen. Durch äussere Beize,
wie z. B. Berührung, Keibung der Vorhaut an der Eichel, durch
Beizung des Mastdarmes erfolgte sofort Erection. Somit entsteht
noch Erection selbst nach durchschnittenem Bückenmark, und das
reflectorische Centrum, welches bei diesen Vorgängen mitwirkt, hat
im Lendentheile seinen Sitz; zerstört man das Lendenmark dagegen,
so hört jede weitere Steifung auf.
In der Buhe befinden sich die kleinen Arterien des Penis und
vielleicht auch die anderen Gefässräume desselben in einem Zustande
mittlerer Contraction, durch welche der Blutstrom in den Penisge-
fässen erheblichen Widerstand erfährt. Wahrscheinlich wird dieser
Tonus der Gefässe unterhalten durch die Thätigkeit der kleinen
Ganglien, welche Chr. Loven2) am Penis nachgewiesen hat.
Von den Nerven, welche der Pars membranacea entlang laufen,
gehören nur die auf der lateralen und hinteren Fläche gelegenen,
den Nervi erigentes an. Ganglien hat Loven nachgewiesen an der
hinteren Fläche der Pars membranacea; sie liegen hier einzeln oder
gruppenweise am hinteren Theile des Bulbus urethrae und an der
Seite des Bulbus. Wenn nun die Nervi erigentes in Thätigkeit ge-
rathen, so hat dies den Erfolg, dass die bis dahin tonisch zusam-
mengezogenen Arterien des Penis erschlaffen. Sie erweitern sich
alsbald unter dem vorhandenen Blutdruck, und unter Beseitigung
des bisher bestandenen Widerstandes ergiesst sich das Blut über-
reichlich in die Maschenräume des Schwellkörpers, um diese strot-
') Pflüger's Arch. 3, Bd. p. 460.
2) Arbeiten aus dem physiolog. Laboratorium in Leipzig 1866.
Ueber Priapismus und Cavernitis. 145
Äend zu füllen. Indeni Goltz geneigt ist, die Lov&i'schen peripheren
Ganglien als die Gentren des Gefässtonus im Penis zu betrachten,
wurden die Erectionsnerven bei ihrer Thätigkeit diese Ganglien
gleichsam lähmen oder hemmen, wie der Vagus bei seiner Thätig-
keit die Ganglien des Herzens lähmt.
Die physiologische Erection in Folge Blutüberfullung im
Corpus cavernosum wird durch Nachlass der Spannung in den
Gefässmuskeln, welche das Netzwerk darstellen, bedingt. Der Bück-
fluss des Blutes in die Vena dorsalis soll noch durch den Houston-
Muskel erschwert werden, welcher das Lumen der Vene zuklemmt.
Die pathologische Erection ist die Folge eines längere Zeit
fortbestehenden Keizungszustandes der Nervi erigentes bei cen-
tralem oder peripherem Beize.
Krankhafter Weise kann der Gefass- und Nervenapparat
gleichwie die übrigen Gewebe des Penis Veränderungen erleiden,
die zu einer andauernden Steifheit desselben führen, welche Er-
scheinung mit dem Namen Priapismus bezeichnet wird. Die
Processe, welche diese Erkrankung zur Folge haben, sind so man-
nigfach, dass wir dieselben detaillirt erörtern müssen. Von jenen
Formen abgesehen, die durch pathologische Veränderungen im Cen-
tralnervensystem z. B. bei Geisteskrankheiten, bei Affectionen des
Bückenmarkes, namentlich bei Fracturen im oberen Theile der
"Wirbelsäule entstehen, interessiren uns zunächst jene Priapismen,
welche Folge palpabler Ursachen sind, imd welche anatomische
Veränderungen im Corpus cavernosum selbst aufweisen, demnach
die eigentliche Cavernitis darstellen.
B. Beck (Virch. Arch. Bd. 75 p. 231) erwähnt in einer inter-
essanten Arbeit über Verletzungen der Wirbelsäule und des Bücken-
markes einen Fall von Erschütterung der Wirbelsäule und des
Bückenmarkes, in welchem sich der Penis im Zustande der Steif-
heit, nicht in Folge eines activen Beizungsprocesses, sondern in
Folge von Lähmung befunden hat. Wenn der Penis bei der Bücken-
lage unterstützt war, nahm die Geschwulst ab, während er sich in
der Seitenlage strotzend mit Blut füllte. Durch die aufgehobene
Function der vasomotorischen Nerven war auch der Tonus der Ge-
ftsswandung verloren gegangen; sobald der Blutzufiuss erleichtert,
der Bückfluss erschwert war, stellte sich momentan Erection ein.
10*
146 Neumann.
Die Cavernitis selbst wird durch verschiedene Processe her-
beigeführt: So durch Metastasen z. B. bei Typhus, Blattern,
und bei Leukämie. Am allerhäufigsten erscheint dieselbe durch
locale Ursachen : Durch Compression in Folge von Geschwülsten,
welche die Circulation in den Gefassen des Penis erschweren oder
ganz aufheben, durch Embolie in den Venen des Schwellnetzes,
durch Entzündungen und consecutive Eiterung, z. B. bei weichem
oder hartem Schanker, bei Urethritis mit consecutiver Lymphangioms
(Scholz), wie dies vorwiegend in Folge Injection intensiver Adstrin-
gentien zu beobachten ist. Bei Stricturen, Periurethralabscessen
(Dittel), Urethritis, wodurch eine abnorme Steifung (Chorda)
des Gliedes entsteht, und durch Fortpflanzung der Entzündung
von der Urethralschleimhaut auf das Corpus cavernosum (Zeissl),
bei Trauma (Albert); ferner in Folge von Compression des Corpus
cavernosum, welche Kuptur der Gefässe erzeugt.
Ich will nun in kurzer Skizze die wenigen Daten aus der
Literatur der Cavernitis hervorheben.
Weise *) beschreibt einen Fall von Priapismus e causa
arthritica. Ein 45jähriger Mann litt durch mehrere Jahre an Arthri-
tis. Der Penis befand sich in einer fortwährenden schmerzhaften
Erection und wurde erst nach Heilung der Gicht wieder normal.
Bei Ad. Ch. G. Klemme2) findet sich die Beschreibung einer
Cavernitis, welche in Folge von Leukämia lienalis entstanden und
der Penis erigirt, die Wurzeln des Penis keulenförmig angeschwollen
waren. Die Erection hat durch 6 Wochen gedauert. Ueber den wei-
teren Verlauf dieses Falles ist nichts bekannt geworden. Bei diesem
Kranken war die Zahl der rothen und weissen Blutkörperchen fast
gleich gross, die Milz beträchtlich vergrössert, die Hautvenen stark
gefüllt, die Lymphdrüsen vergrössert. Blutung aus dem Mastdarme.
Hier dürfte der Priapismus durch Blutimg in das Corpus caver-
nosum entstanden sein.
Longuet3) theilt einen Fall mit, welcher durch Leukämie
bedingt war. Ein 26jähriger Soldat wurde im Jahre 1874 im Hdpital
de Piti£ aufgenommen und gab an, dass er gerade vor dem Spital-
') Schmidts Jahrb. Suppl. 1840, p. 74.
*) Inaug.-Diss. Cassel 1863 u. Schmidt's Jahrb. 1866, p. 173.
a) Le Progres möd. Nr. 32, 1876 und Med. Centralzeitung 1876.
Ueber Priapismus und Cavernitis. 147
Eintritt schon mehrere Male des Morgens mit schmerzhafter
Erection und Harndrang erwacht sei. Die Erection dauerte eine
halbe bis eine Stunde und war durch keine wollüstigen Träume
hervorgerufen worden. Im Juni 1874 trat ein hoher Grad von
Steifheit ein, die durch 2 Wochen mit anhaltenden Schmerzen fort-
gedauert hatte. Die Erection war beträchtlich, der Penis dunkelblau,
voluminös, lang, hart; Eichel und Bulbus cavernosus schlaff. Lymph-
drüsen und Milz geschwellt; Prostata voluminös; das Verhältniss der
weissen zu den rothen Blutkörperchen 1 : 2. Die Erection des Penis
Hess allmälig nach, doch blieben die Schwellkörper voluminös. Der
Kranke verliess Paris in gebessertem Zustande 1).
In einem zweiten von Longuet beobachteten Falle traten
vorher rheumatische Schmerzen und hochgradige Anämie ein. Der
Priapismus entstand plötzlich und war von ö1/* wöchentlicher Dauer.
Der Penis reichte bis zum Nabel. Nach Aufhören des Priapismus
war auch die Erection fast geschwunden. Ein Jahr später stellte sich
die Erscheinung hochgradiger Leukämie mit Schweissucht ein, und
unter Marasmus erfolgte der Tod. Die Obduction ergab Hypertrophie
der Milz und eine bedeutende Vermehrung der weissen Blutkör-
perchen.
Neidhart2) sah einen Fall von leukämischem Priapismus bei
einem 18jährigen Manne, der längere Zeit an Intermittens gelitten.
Die Milz zeigte beträchtliche Schwellung. Der Penis durch 2—3
Wochen erigirt, blauroth gefärbt. Neidhart glaubt, dass der Pria-
pismus hier durch Nervenreizung entstanden sei.
F. Salz er8) schildert einen einschlägigen Fall: Hier hatte der
Priapismus durch 7 Wochen bestanden und zwar bei einem 46 Jahre
alten cachectischen Individuum, bei welchem auch hochgradige Milz-
schwellung nachzuweisen war. Der Penis war 13 Ctm. lang. Glans
bläulich gefärbt. Der Druck, namentlich an der Wurzel des Gliedes
schmerzhaft. Prostata nicht vergrössert. Totaler Verlust der Erec-
tionen und jeder geschlechtlichen Erregung. Ein Jahr nach der
ersten Erkrankung war hier der letale Ausgang in Folge von
Lungenblutung eingetreten.
') Mathias. Berl. Centralz. 1876, Nr. 77, 78.
8) Berl. Centralz. 1876 Nr. 55.
8) Berl. Wochenschrift 1879, p. 152.
148 Neumann,
Auf Hofrath y. Bamberger's Klinik beobachtete Kauders
einen Fall, welcher unter plötzlich entstandenen und heftigen Schmer-
zen im Penis sofort zur Cavernitis führte mit hochgradiger Schwellung
und cyanotischer Färbung des ganzen Gliedes. Bei der Obduction
zeigte sich Tuberculosis pulmonum subacuta disseminata, — miliare
Tuberculose in der Leber, Milz und Nieren, gleichwie Morbus
Brigthii, Thrombosis corporum cavernos. penis et urethrae mit
Oedem der Haut und des Präputium penis, sowie ausgedehnte,
marantische Thrombosenbildung in den Venen des Plexus puden-
dus und vesicalis,
Scholz1) veröffentlichte einen Fall von Cavernitis in Folge
Entzündung der Lymphgefässe; ebenso Albert*), nach Trauma.
Nach Rokitansky3) kommt die Cavernitis selten in Folge von
Quetschung, Fisteln der Harnröhre, noch seltener durch innere
Ursachen zu Stande. In acuten Fällen sind die Corpora cavernosa
von Eiter strotzend gefüllt, stellenweise nekrotisirend, der Penis in
einem Zustande von Schwellung und Erection. In einem von Ro-
kitansky obducirten Falle hatte die krankhafte Erection durch
40 Tage vor dem Tode bestanden und konnte erst wenige Tage
vor dem Exitus letalis durch Druck auf die Wurzel des Penis
Eiter entleert werden. Der Penis war angeschwollen, halb erigirt,
mit ödematösem Präputium; auch die Corpora cavernosa verdickt,
fluctuirend, das schwammige Gewebe von Eiter strotzend, in Strecken
matsch, zu einer blassröthlichen Pulpe zerfallend. Nach hinten war
die fibröse Hülle vielfach durchbrochen, ihre Räume communicirten
mit zahlreichen Eiterherden, die in der Pars prostatica et membra-
nacea und am Bulbus urethrae ihren Sitz hatten. Die CowperV
sehen Drüsen waren erweitert.
M. M. Walker*) beobachtete einen 26jährigen Neger, bei
welchem ohne wollustartige Empfindung Steifheit des Penis auftrat,
an welcher nur die Glans nicht vollständig theilnahm.
Bevor die Erection eingetreten, war ein schmaler Ring etwa
2 Zoll vor der Eichel hart zu fühlen.
*) Wiener med. Wochenschrift 1858.
*) Diagnostische Vorlesungen über chirurgische Krankheiten.
a) Lehrbuch der pathol. Anatomie.
*) Amer. Journal CXLVL April 1877 und Schmidfs Jahrb. 1877.
Ueber Priapismus und Cavernitis. 149
Jüngst veröffentlichte Jewsejenko1) einen Fall von Priapis-
mus, in welchem Beizung des Penis schon bei geringer Berührung
andauernd Erection erzeugt hat. Die Ursache lag hier in Wuche-
rungen von erbsengrossen Tumoren in der Fossa navicularis. Nach
Abbinden derselben trat Heilung ein.
Anschliessend sei noch jene Veränderung des Corpus caverno-
sum erwähnt, welche in Folge Urethritis erscheint und theils in
Form periurethraler Infiltration vorwiegend im Sulcus coronarius
in der Nähe des Frenulum ihren Sitz hat und abnorme Steifung
des Gliedes, theils andere entzündliche Infiltrate in den übrigen
Schwellkörpern erzeugt. Diese Infiltration erfolgt gewöhnlich durch
Fortpflanzung von Seite der Urethralschleimhaut. Die Erection ver-
ursacht ausnahmslos hochgradige Schmerzen, häufig erscheint eine
Krümmung des Gliedes, welche man mit dem Namen Chorda
veneris bezeichnet. Nach Zeissl a) sitzt die Infiltration in den
Alveolen der Schwellkörper, u. z. nicht nur in den Corp. cavernos.
urethrae, sondern auch in denen des Penis.
Ich habe den oben angeführten Fällen von eigentlicher Caver-
nitis zwei anzuschliessen. Der eine betrifft einen 50 Jahre alten
Schmiedgesellen, der am 1. Nov. 1877 auf meiner Klinik aufge-
nommen wurde.
Anamnese: Der Kranke wurde bereits im Jahre 1876 wäh-
rend 18 Tage im allgemeinen Krankenhause an ödematöser Schwel-
lung der unteren Extremitäten behandelt. Mitte August 1881 stellte
sich Hämaturie ein, die sich fort und fort steigerte, so dass Patient
genöthigt war, am 17. Sept. neuerdings ärztliche Hilfe zu suchen.
Ende October erneuerten sich die Blutverluste und der Kranke wurde
auf der Abtheilung des Herrn Primarius Kolisko aufgenommen.
Am 1. November stellten sich hochgradige Schmerzen im Perineum
mit gleichzeitiger Schwellung des Penis ein, weshalb der Kranke
auf meine Klinik transferirt wurde.
Status praesens: Patient mittelgross, von massig kräfti-
gem Knochenbau, Haut und Schleimhaut der Mundhöhle, Lippen
und Conjunctiva blass und blutarm, ßespirationsorgane normal,
ebenso Leber und Milz. Die Corpora cavernosa penis und das
4) Petersb. med. Wochenschrift 1881, 39.
*) Lehrb. für Syphilis p. 21.
150 Neumann.
der Urethra geschwellt, derb; der Penis zeigt eine Länge von
13 Ctm. und ist beträchtlich verdickt. Namentlich sind die in-
filtrirten Corpora cavernosa penis, vorwiegend an ihrem Ur-
sprünge, gleichwie das Corpus cavernosum urethrae, als harte,
derbe Stränge zu verfolgen. Das Präputium ist geröthet, Ode-
rn atös, in phimotischer Weise über den Penis gezogen. Ein
Fistelgang, beginnend unter der hinteren Commissur, erstreckt sich
beiläufig 4 Ctm. dem Corpus cavernosum urethrae entlang. Fieber-
erscheinungen hochgradig (40*6). Der Harn wird spontan nur schwer
u. z. tropfenweise entleert. Derselbe ist blutig gefärbt, von alkali-
scher Eeaction und enthält Krystalle von phosphorsaurer Ammo-
niak-Magnesia, harü saurem Ammoniak, Eiter- und Blutkörperchen,
Pflasterepithelien, Pilze und Bacterien, Albumen entsprechend den
Eiter- und Blutkörperchen, ebenso Blutfarbstoff, Urate und kohlens.
Ammon. (nach E. Ludwig). Das Fieber steigerte sich im weiteren
Verlaufe und es traten profuse Diarrhöen ein; der blutig gefärbte
Urin blieb alkalisch. Auch die derbe Consistenz der Schwellkörper
steigerte sich namentlich um den Bulbus urethrae.
Die mikroskopische Untersuchung des Blutes zeigte eine be-
trächtliche Anzahl weisser Blutkörperchen, die Milz war beträcht-
lich geschwellt.
19. November. Das Perineum ist hart infiltrirt bis zum After.
An Hoden und Nebenhoden nichts Abnormes nachzuweisen. Länge
des Penis 13 Ctm. Einreibung von grauer Salbe am Perineum.
Salep mit Opium gegen Diarrhöe.
20. November. Der Bulbus ist seit gestern um die Hälfte
kleiner geworden. Die Derbheit der Schwellkörper im Ganzen ge-
ringer, das Präputium beweglicher. Mit dem Urin wird auch eine
grosse Eitermenge entleert, enthält im Uebrigen die gleichen che-
mischen Bestandteile, wie sie oben angeführt wurden. Beim Her-
ausnehmen des Katheters entleert sich neben blutigen Massen auch
Luft, die knisternd entweicht.
Der Kranke ist cachectisch, collabirt, Puls klein, frequent.
22. November. Der Bulbus ist hart, das Fieber hochgradig,
der Athem erschwert. Kückwärts an der Lunge beiderseits Bassein.
Pat. apathisch; nur hie und da schreit er bei heftigeren Schmer-
zen auf. — 23. November. Pat. collabirt, starke Basseigeräusche in
beiden Lungen.
Ueber Priapismus und Cavernitis. 151
23. November Nachmittags : Pat. dyspnoisch. — Cyanose des
Gesichtes und der Extremitäten. Exitus letalis.
Die von Herrn Dr. Zemann vorgenommene Section ergab
folgenden Befand:
Körper mittelgross, mager blass. Kopfhaar blond, Hals mittel-
lang. Brustkorb lang, schmal, massig gewölbt. Bauchdecken wenig
ausgedehnt, gespannt. Die linke untere Extremität um ca. 4 Quer-
finger kürzer als die rechte. Der Penis ca. 13 Ctm. lang, bei einer
Circumferenz von 12 Ctm., bläulich verfärbt, ziemlich hart. Schädel-
dach kurz, oval, von gewöhnlicher Dicke. Die harte Hirnhaut blass.
Die inneren Meningen blass, stellenweise etwas verdickt. Die Hirn-
substanz sehr blass, leicht ödematös. Die Gehirnkammern von nor-
maler Weite, im Innern klares Serum. Die basalen Hirnarterien
stellenweise leicht verdickt; die Hirnwindungen etwas verschmälert.
Schilddrüse massig vergrössert, ziemlich schlaff, ziemlich stark
colloid entartet. In der Luftröhre bräunlichgelber Schleim, Schleimhaut
blass. Die linke Lunge im ganzen Umfange locker angewachsen,
substanzarm, ziemlich gedunsen, stark ödematös. Die rechte Lunge
massig mit Blut versehen, leicht ödematös. In den Bronchien ziem-
lich viel Schleim. Im Herzbeutel etwa 20 Gramm klaren Serums.
Das Herz von gewöhnlicher Grösse, etwas mit Fett bewachsen,
ziemlich contrahirt, in seinen Höhlen wenige Fibringerinnsel. Klappen
ziemlich zart. Herzfleisch blass; im Septum ventriculorum eine über
hanfkorngrosse. weissliche Schwiele. In der Bauchhöhle etwa zwei
Liter eitrigen Exsudates. Die Leber blass, in der Gallenblase licht-
gelbe Galle. Die Milz etwa auf das 5fache vergrössert, sehr blass,
weich, ihre Kapsel runzelig, etwas verdickt. Beide Nieren um ein
Drittel grösser, blass, etwas weicher, stark ödematös, in der Corti-
calis zahlreiche, theils einzelnstehende, theils zusammenfliessende,
von einem rothen Hofe umgebene Abscesse von durchschnittlich
Hanfkorngrosse. Die Kelche der Nieren ausgedehnt, in ihnen trübe,
schmutzig-schwärzlich, grünliche, jauchige Flüssigkeit. Schleimhaut
stark injicirt und ecchymosirt; in ihrer grössten Ausdehnung mit
einem dickbreiigen, schmutzig-grünlichen, hie und da festhaftenden
Exsudat bedeckt. Die Schleimhaut der Uretheren massig mit Blut
versehen, etwas geschwellt. In der Harnblase ca. 300 CCtm. einer
missfärbigen, mit nekrotischen Gewebsstücken gemengten, bräunlich-
röthlichen, übelriechenden Flüssigkeit. Schleimhaut blass, ziemlich
152 Neumann.
dick. Die ganze Blasenwand hypertrophirt. An der vorderen Wand
die Harnblasenschleimhaut in grösserer Ausdehnung mit einer
dünnen Schicht grünlich-missfarbigen, festhaftenden Exsudates be-
kleidet; an der hinteren Wand etwas nach rechts von der Median-
linie eine ungefähr 3 — 4 Ctm. im Durchmesser haltende, rundlich
nach abwärts bis an die Mündung des rechten Urethers reichende,
mit zottigem, missfärbigem, weichem, leicht zerreisslichem Gewebe
bekleidete Stelle, deren Randpartien etwas aufgeworfen, härtlich
erscheinen. Beim Einschneiden erweisen sich diese Partien als eine
weissliche, ziemlich weiche Aftermasse, welche einerseits in die be-
nachbarte Schleimhaut, anderseits in die Tiefe der Muscularis all-
mälig und ohne scharfe Grenze übergeht.
Die Blasenwand der exulcerirten Partie in ihrer ganzen Dicke
erweicht, leicht zerreisslich , mit einer schmutzig -graugrünlichen
Flüssigkeit durchsetzt. Die Serosa der Blase darüber etwas abge-
hoben, missfarbig, auf der Oberfläche mit grünlich-gelblichen Exsu-
datlamellen bekleidet. Das pericystische Zellgewebe im Bereiche
des Fundus der Harnblase etwas derber, mit weisslichen Aftermassen
durchsetzt. Die hintere Blasenwand etwa unter der Mitte der
Harnblase linkerseits perforirt. Seitlich hievon ist das linke Vas
deferens und der linke Urether von einem dichten starren Gewebe
umschlossen, und im unteren Abschnitte des letzteren finden sich
2 längliche graue an der Oberfläche granulirte Plaques. Die Wan-
dungen der Samenbläschen verdickt. Der Bulbus urethrae durch
den anstossenden Abscess comprimirt.
Die Venen des Plexus pudendus sämmtlich durch röthlich-
weissliche, grösstentheils breiige Pfropfe verstopft, von dichtem,
derbem Gewebe umschlossen. Die Schleimhaut der Harnröhre in
ihrer ganzen Ausdehnung zu einer schwärzlichen, weichen, zerreiss-
lichen Masse zerfliessend. Das periurethrale Zellgewebe gleichfalls
leicht zerreisslich, schwärzlich, missfarbig, mit einer missf&rbigen
Flüssigkeit durchtränkt. Um die Pars membranacea urethrae eine
ungefähr über haselnussgrosse Jauchehöhle. Die Prostata von gewöhn-
licher Grösse, etwas weicher, auf der Schnittfläche weisslich-röthlich.
Das Corpus cavernosum penis sehr locker, von einer röthlichen,
dünnbreiigen Flüssigkeit durchsetzt. Die Vena dorsalis et profunda
penis in ihrer ganzen Länge durch einen etwas derberen röthlichen
Pfropf verstopft. Das Zellgewebe der Haut des Penis und Scrotums
Ueber Priapismus und Cavemitis. 153
sowie das subseröse Zellgewebe im kleinen Becken missfärbig, von
jauchiger Flüssigkeit durchsetzt. Die Albuginea der Pars pendula
stark verdickt, schwielig.
Die mikroskopische Untersuchung bestätigt den schon mit
unbewaffnetem Auge constatjrten Befund vollkommen, Peine Durch-
schnitte zeigen, dass die Albuginea (Fig. a) schwielig verdickt, derb,
allenthalben durch kleinzellige (b), dichtgedrängte Wucherungen
infiltrirt ist. Diese Infiltration setzt sich sowohl in die inneren als
auch die äusseren Netze der Schwellkörper des Penis und der
Urethra fort, deren Bäume von letzteren ganz ausgefüllt, theils
verengt sind. Jene namentlich an der Peripherie gelegenen Par-
tien des Schwellkörpers sind von carcinomatösen Zellen infiltrirt
(<?), die hier nach den Wandungen des Schwellnetzes angeordnet
sind. Die in der Vena dorsalis und profunda, gleichwie im Plexus
Santorini vorkommenden Embolien, die ausser Fibringerinnsel vor-
wiegend aus Carcinomzellen bestehen, lassen keinen Zweifel über
die Provenienz dieser letzteren in den Schwellkörpern.,
Der zweite zu beschreibende Krankheitsfall betrifft einen
58jährigen Hafnergesellen, welcher am 2. Dec. 1881 auf meiner
Abtheilung aufgenommen wurde.
Status praesens: Die Haut des Penis, insbesondere des
Präputium ödematös geschwellt, über der Glans phimotisch. Aus
der verengten Präputialöffnung quillt übelriechender, missfarbiger
Eiter, Am Kücken des Penis etwa in der Gegend des Sulcus
coronarius findet man einen über haselnussgrossen, derben, rundlichen
Knoten, von dem aus sich das strangförmige, geschwellte, dorsale
Lymphgefäss bis nahe unter die Symphyse verfolgen lässt. In bei-
den Leisten sind einige derbe, schmerzlose, geschwellte Lymphdrüsen
tastbar. Sonst am übrigen Körper des schlecht genährten Pat. keine
Spuren von Syphilis. Beiderseitige freie Leistenhernie.
Wiederholte Bespülungen mit Carbolwasser.
7. December. Das Oedem des Präputium hat etwas abge«
nommen, dasselbe ist soweit retrahirbar, dass am Bücken der Glans
beiläufig in der Mitte zwischen Urethralmündung und Sulcus coro-
narius der Band eines eitrig belegten Substanzverlustes sichtbar
wurde. Gypstheer.
Am 10. December wurde die Dorsalincision vorgenommen und
es zeigte sich am Dorsum penis eine über kreuzergrosse, nekrotische,
154 Neumann.
gelbe, zerfliessende Geschwürsfläche, die bis auf das Corpus caver-
nosum urethrae reichte.
18. December. Der gangränöse Substanzverlust am Dorsum
penis greift weiter, rascher eitriger Zerfall.
Die beiden Corpora cavernosa penis sind als seitliche Wülste
fühlbar, zwischen denen in der oberen Hälfte das Corp. cavemosum
urethrae hervortritt, während im unteren Theile die Corp. caver-
nos. penis noch aneinander liegen. Beim Uriniren tritt der Urin
an 3 Stellen aus u. z. im unteren Wundwinkel der Circum-
cision, im Berührungswinkel der beiden Corpora cavernosa penis,
endlich dort, wo die Corpora cavernosa urethrae und Glans zu-
sammenstossen. An letzterer Stelle ist ein 7a Centim. langer
Spalt in der Urethra wahrzunehmen. Sonden in die beiden ande-
ren Oeffnungen geführt dringen in Pistelgänge, die schief gegen
die Symphyse verlaufen, deren Einmündungen in die Urethra aber
nicht aufzufinden sind.
Gypstheer, protrahirte Bäder.
29. December. Während in der oberen Hälfte der Wunde der
Zerfall sistirt und sich reine Granulationen bilden, schreitet die
Infiltration und der consecutive Zerfall den oben erwähnten Fistel-
gängen entlang zwischen Haut und den Corpora cavernosa weiter,
aber auch die Corpora cavernosa selbst sind mit ergriffen, indem
sich dieselben derb und drusig anfühlen und bei Druck auf diesel-
ben beträchtliche Eitermengen sich entleeren. Die Haut über der
Pars pendula des Penis ist ödematös. Einreibungen mit grauer Salbe.
12. Jänner 1882. Infiltrationsprocess und Zerfall schreiten
allmälig weiter, haben bisher die ganze Pars pendula ergriffen, die
Corp. cavernos. sind derber und breiter, namentlich gegen die
Symphyse hin.
28. Jänner. Der fortschreitende Infiltrationsprocess hat sich
über die ganzen Corpora cavernosa bis zum Bulbus fortgesetzt und
auch das dorsale Lymphgefass ist in der Infiltration aufgegangen.
Die Corp. cavernos. fühlen sich überall, besonders aber in dem
hinteren Theile der Pars pendula und bulbosa, als eine unebene,
höckerige, pralle Masse an; ihr Volumen dem im erigirten Zustande
entsprechend. Die Haut über denselben ist intact, leicht verschieb-
bar. Druck, namentlich am Bulbus schmerzhaft. Vom Angulus
peno-scrotalis nach vorne ist dagegen die Infiltration, wohl wegen
Ueber Priapismus und Cavernitis. 155
eitrigen Zerfalles des Infiltrates geringer. Von rückwärts nach vorne
nehmen die Corp. cavernos. an Volumen und Derbheit, somit
auch an Masse ab, so dass sie im vorderen Drittel der Pars pen-
dula schlaff und substanzarm sind. Die Glans ist auf */t ihres frü-
heren Bestandes reducirt, schlaff, nicht infiltrirt.
Der Substanzverlust im Sulcus coronarius, der beiläufig dessen
mittleres Drittel einnimmt, zeigt schon Granulationen.
Die früher erwähnten Fistelgänge haben sich zu klaffenden
Spalten umgewandelt, deren eine zwischen Penishaut und Corpora
cavernosa penis, die andere zwischen beiden auseinandergewichenen
und verschmächtigten Corp. cavernos. penis und dem Corpus
cavernosum urethrae gegen die Symphyse dringen. Druck auf die
Corp. cavernos. bis beiläufig gegen die Mitte des Scrotum hin,
entleert aus diesen Spalten ein reichliches, dünnflüssiges, eitrig ge-
färbtes, höchst übelriechendes Secret. Prostata normal, massig gross,
weich.
Pat. verfällt sichtlich, hat in der Zeit seines Aufenthaltes im
Spitale um 27a Kilo abgenommen, seine Haut icterisch gefärbt,
trocken; massige Temperaturerhöhungen.
8. Februar. Nachdem die Eiterentleerung eine sehr profuse
ist, der Eiter bis aus den hintersten Theilen der Pars bulbosa her-
vorkommt, anderntheils vom hinteren Wundwinkel der Wunde im
Sulcus coronarius mit einer Sonde bis an die Symphyse vorgedrungen
werden kann, so wird etwa 1 Ctm. vor der Symphyse auf der
Hohlsonde eine 1 Ctm. lange Spaltung, und damit Gegenöffnung
der Fistel vorgenommen, die reichliche parenchymatöse Blutung
durch Vernähung der äusseren Haut an die Hülle des Fistelganges
durch 5 Nähte gestillt. Von der so gewonnenen Fistelöflhung dringt
man mit der Sonde entlang der Urethra, innerhalb deren Corpus
cavernosum bis über den Scrotaltheil der Pars cavernosa.
14. Februar. Die durch einige Tage mit gangränösen Fetzen
bedeckte Wunde reinigt sich und entleert sich aus derselben aller
vom Bulbus kommende Eiter, während die vordere Oeflhung nur
mejir wenig entleert.
18. Februar. Etwas nach rechts vom Bulbus, noch innerhalb
des Corpus cavernosum penis Fluctuation.
Eröffnung des Abscesses von der Haut in der rechten Genito-
cruralfalte, reichliche Eiterentleerung (durch Prof. Dittel). Die
156 Neumann.
Oefihung erweist sich mit der am Dorsum penis in Commuuication
und wird durah ein gemeinsames, bogenförmig verlaufendes Drai-
nagerohr mit ihr verbunden.
21. Februar. Die Eiterentleerung bedeutend, die Corp. cavernosa
verschmächtigen sich gegen den Bulbus zu; in der Pars pen-
dula sind sie schon grösstenteils in derbe Strange verwandelt.
Fistel im Sulcns coronarins verheilt, die Wunde daselbst in Verklei-
nerung.
25. Februar. Eiterung beträchtlich, die Fistelgänge gangränös.
Pat. icterisch, hat allabendlich Temperatur bis 39 und Fröste. Im
Urin kein Eiweiss.
2. März. Die Eiterung, die bis Ende Februar zunahm, bat am
27. März ihre Acme erreicht, nimmt seither conti nuirlich und
rasch ab.
Die Fistelgänge sind rein. Nachdem sich aus denselben kein
Eiter mehr entleert, wird das Drainrohr entfernt. Pat. afebril. Aus-
sehen in steter Besserung.
6. März. Patient fühlt sich wohler. Der Fistelgang, in dem das
Drain sass, ebenso der am Dorsum penis verschlossen. Die Fiatelöff-
nungen mit reinen Granulationen ausgefüllt, flach. Die Corp. cavern.
Überall in eine fibröse, wulstartige, derbe, daumenbreite Masse ge-
schrumpft. Uriniren geht anstandslos vor sich. Erectionen kommen
nicht zu Stande. Der Urin entleert sich nur mehr aus der Urethral-
Mfming und der unterhalb der Glans im Sulcus coronarius gelegenen
'/, Ctm. breiten Fistelöfmung.
Am 2. April 1882 wurde der Kranke geheilt entlassen.
Die eben angeführten Beobachtungen zeigen zur Genüge, wie
viele und wie mannigfache Ursachen Priapismus und Cavernitis zur
Folge haben. So sind es Stricturen, Urethritis, Periurethralabscosse,
6umm ata, weiche und harte Schanker, Carcinome . einerseits, ander-
seits Geschwulste, welche auf die Vena pudenda uud den Plexus
Sautorini eineu Druck ausüben und ein mechanisches Hinderniss
der Circulation erzeugen. Im letzteren Falle entsteht die Cavernitis,
iudem das Blut durch die Arterien iu normaler Menge wohl
zuströmen, durch die Venen aber nicht ahfliessou kann.
Von grossem Interesse sind jene Cavemitiden, welche durch
Metastasen, Typhus, Tuberculose, gleichwie in Folge Leukämie
Ueber Priapismus und Cavernitis. 157
entstehen. So klar und anatomisch begründet die Entstehung der
Cavernitis aus obbenannten Ursachen ist, so hypothetisch ist noch
die Erklärung jener Formen, die in Folge von Leukämie beobachtet
wurden. Sehr plausibel ist jene Annahme, welche die Krankheit in
Folge des erheblichen Widerstandes, den die Blutbewegung vermöge
der grossen Klebrigkeit der stark vermehrten farblosen Blutkörper-
chen in den Gapillaren erfährt, entstehen lässt, wobei auch in den
Gefassen anderer Organe eine Verlangsamung oder gar Hemmung
der CircuJation eintritt, so dass durch Zusammenbettung weisser
Blutkörperchen kleine und grosse Embolie entsteht1). Unter dem
Einflüsse der Leukämie in den Schwellkörpern entstehen Hämor-
rhagien gerade so wie in anderen Organen. Man soll somit bei
jedem länger andauernden Priapismus Milz, Lymphdrüse und Blut
untersuchen. Ob, wie Salzer glaubt, die Nerven Wirkung bei Leu-
kämie dadurch Priapismus erzeugt, dass eine anatomische Verände-
rung in den Erectionsnerven vorgekommen ist oder ob die Erection
in einer Beizung der Nerven durch Druck geschwellter Lumbaidrüsen
beruhen, scheint jedenfalls sehr fraglich. In unseren Fällen sind
palpable Ursachen zu finden; in dem einem Falle waren die Tra-
bekeln durch Bindegewebsneubildung verengt und die Venen und
die Alveolen durch carcinomatöse Thromben und Wucherung ver-
legt worden, wodurch Stauung, Exsudation, Wucherung der Trabe-
keln, Austritt von Blut in das Gewebe bedingt ward, in dem zweiten
Falle war die Cavernitis als Folge von Entzündung mit Vereiterung
der Schwellkörper.
Wenn das Corpus cavernosum nur partiell entzündet ist, wird
nur der für das Blut zugängliche Theil eine gewisse Erigität zeigen,
während die vorderen, blutleeren Partien nicht erigirt werden
können. Bei Gummata auch nur in einem Corpus cavernosum, selbst
bei der Grösse einer Haselnuss, kann man vielfache Deviationen
des erigirten Penis beobachten. Bei längerer Dauer der Cavernitis
werden durch Proliferation des Bindegewebes der Trabekeln die
Alveolen veröden, wodurch die Erectionsfähigkeit vollständig aufge-
hoben ist, auch wird das Corpus cavernosum urethrae mit in den
Process einbezogen, und es tritt Verschrumpfung des Penis ein
(Rokitansky).
*) Zicmssen; Mosler, Leukämie.
158 Neumann. Ueber Priapismus u. Cavernitis.
Recapituliren wir nun den ganzen Process, wie er in unserem
1. Falle sich ergeben hat, so resumirt sich Folgendes: Durch carci-
nomatöse Wucherung an der Blasenwanduug kam es zur Perforation
der Blasenwand gleichwie zur eitrigen Peritonitis und durch Wu-
cherung der Neubildung zur Compression des Plexus Santorini, zur
carcinomatösen Entartung der Samenbläschen, des Urethers und des
Vas deferens. Hiedurch musste Stauung in den Blutgefässen, con-
secutive, ödematöse Schwellung und Entzündung der Corpora caver-
nosa entstehen. Die plötzlich erfolgte Volumszunahme muss wohl
durch acute Embolie veranlasst worden sein. Die Destruction der
Urethralschleimhaut, die Abscessbildung und die hiemit verbundene
Bloslegung der Gefasse und Nerven mögen den ganzen Process
begünstigt haben. Berücksichtigt man ferner die Thromben, die
sich am frischen anatomischen Präparate in den Plexus Santorini,
der Vena profunda und dorsalis penis zeigten, und welche bei mi-
kroskopischer Untersuchung sich als Carcinomzellen erwiesen; be-
achtet man gleichfalls die carcinomatöse Wucherung im Schwellnetze,
dann ist wohl jeder Zweifel über das Zustandekommen des ganzen
Processes vollständig behoben.
Es hat somit der Priapismus hier im Ganzen 31 Tage ge-
dauert und nur wenige Stunden vor dem Tode hat das Volumen
des Penis um ein Geringes abgenommen, im zweiten Falle war
Heilung mit schwieliger Schrumpfung der Corpora cavernosa ein-
getreten.
^^sSM^m
IX.
Ueber die histologischen Veränderungen der
Haut lei Morhillen und Scarlatina.
Von
Prof. Dr. I. Neumann.
Mit 4 Holzschnitten.
(Am 16. März 1882 von der Redaction übernommen.)
Es ist gewiss in hohem Masse auffallend, dass zwei so häufig
vorkommende Krankheiten, wie Masern und Scharlach, in ihren
histologischen Veränderungen bisher fast gar nicht gekannt sind.
Es finden sich allerdings in der Literatur Andeutungen, welche
schon durch die klinischen Erscheinungen des Hautexanthems ver-
muthet werden können, positive durch das Mikroskop constatirte
Befunde liegen jedoch nicht vor.
Zwar hat schon der um das Studium der pathologischen
Anatomie der Hautkrankheiten hochverdiente G. Simon *) mor-
billöse Hautstücke untersucht, doch konnte er weder an den Folli-
keln der Haut, noch in den Papillen irgend welche krankhafte
Veränderungen finden. Er lässt die Papel bei Morbillen aus einer
Anschwellung der Cutis in Folge einer exsudirteu Flüssigkeit her-
vorgehen. Zwischen den Cutisfasern selbst konnte er überdies kleine
in Essigsäure unlösliche Molecüle vorfinden.
Spätere Beobachter wie F. Mayr2) verlegen den morbillösen
*) Die Hantkrankheiten, Berlin 185 1, pag. 124.
») Hebra's Pathol. und Therap. der Hautkr. I. Bd.
Med. Jahrbücher. 1A&2. \ \
160 Neumann.
Process vorwiegend in die Talgdrusen, während die Haarbälge nor-
mal bleiben oder nur zufallig mitbeteiligt sein können.
Auch Hebra1) spricht aus dem Verlaufe dieses Exanthems
nur die Vermuthung aus, dass die Exsudation vorwiegend in die
Ausfuhrungsgange der Follikel erfolgt, und dass diese hiedurch in
Form von kleinen Knötchen oder Bläschen emporgehoben werden.
Das Sammelwerk von Gerhardt8) enthält über Masern nur
die Bemerkung: „Dia feineren histologischen Vorgänge in der Haut
sind nur dürftig gekannt".
Diese kleine historische Skizze über die Histologie der Masern
dürfte genügen, um darzuthun, wie wenig gerade über die Anatomie
derselben bekannt ist, und wird es gerechtfertigt erscheinen lassen,
wenn es den Fachmann drängt, durch eigene Untersuchungen Auf-
klärung über die pathologischen Processe zu gewinnen.
Die klinischen Veränderungen des Exanthems bestehen, wie
zur Genüge bekannt ist, in linsen- bis silbergrosch engrossen Flecken
von unregelmässiger Begrenzung, welche sich über das Niveau der
Haut erheben und im Centrum Knötchen enthalten (Morbilli papu*
losi), die den geschwellten Hautfollikeln entsprechen. Ausnahmsweise
erscheinen auch Quaddeln von verschiedener Grösse, vorwiegend im
Gesichte, Hämorrhagien namentlich an den unteren Extremitäten, und
zwar theils in Form von kleinen oder grösseren Punkten, die nach
kurzem Bestände je nach den Veränderungen des Blutfarbstoifes
verschiedene Farbennüancirungen annehmen. Die Wirkung des Con-
tagiums scheint in letzteren Fällen direct die Gefasswandung zu
treffen, welche hiebei theils zerreisslich wird, theils die Auswande-
rung der rothen Blutkörperchen gestattet.
Uebergehend zur Erörterung des mikroskopischen Befundes,
muss ich zunächst betonen, dass diese Darstellung keine alle Momente
der Krankheit umfassende sein konnte, da die Herbeischaffung des
Untersuchungsmateriales keine leichte ist und ich bisher nur we-
nige Fälle untersuchen konnte (worunter zwei, die mir Herr Pro-
sector Dr. Chiari und Assistent Dr. Gnaendinger zur Verfügung
*) Lehrb. der Hautkr. pag. 137, II. Aufl.
*) Handbuch der Kinderkrankheiten, II. Bd.: Masern bearbeitet von
Bohn, pag. 315.
Veränderungen der Haut bei Morbülen u, riisrlalina.
1(1]
gestellt).' Ich hätte namentlich gewünscht, die verschiedenen Stadien
der Krankheit der Reihe nach einem näheren Studium zu unter-
ziehen. Vorläufig will ich meine bisher gewonnenen Ergebnisse
in Folgendem dem Leser vorfuhren.
Die Methode der Präparirung war sehr einfach, indem die zu
untersuchenden Hautstücke in diluirter Chromsäure gehärtet, mit
Carmin, Hämatoxylin und Pikrocarmin gefärbt wurden.
Die Schnitte ergaben folgenden Befund:
Die pathologischen Veränderungen beschränken sich fast aus-
schliesslich auf die Hautdrüsen und die Blutgefässe (Fig. 1 a),
Fig. 1.
dritte, t Hmrbalg mit
An der Gefässwandung, vorwiegend in dem oberen Theile der
Cutis findet man Rundzellenwucherungen, welche in dicht-
gedrängten Lagen (Fig. 1«) auch die Gefässschlinge bis in die
Papillen begleiten. Die Gefässe selbst sind erweitert, hyper-
ämisch.
Interessante Veränderungen bieten die Schwelssdrusen dar.
Sie sind vergrößert und zeigen sowohl an ihrer Wandung (Fig. 1 a, b),
im Drüsenknäiiel (Fig. 1 <j) als auch am Ausführungsgange (Fig 1 h
und Fig. 2b) dichtgelagerte Bundzellen, während das sie begren-
zende Outisgewebe frei von Wucherungen bleibt.
BT"
c kolbenförmige AdbI
Hmb.lg, / Blulgefs
»dpighii. Hutnuk ■
Diese Proliferationen liegen jedoch stets an "der Aussenseite
der Wandungen, nie innerhalb derselben. Auch die Talgdrüsen
sind in gleicher Weise verändert (Fig. 1 </).
Veränderungen der Haut bei Morbillen u. Scarlatina. 168
Der Haarbalg zeigt kolbenförmige Ausbuchtungen (Fig. 1 e
und Fig. 2 c\ welche genau der Insertionsstelle des Arrector pili
entsprechen, daher nur durch Contraction des Muskels entstanden
sein müssen. Jene Muskeln selbst (Fig. 2 d) enthalten zwischen den
Muskelzellen zerstreut Bundzellen, sind somit an dem Entzündungs-
processe mitbetheiligt (Fig. 2).
In gleicherweise wie die Schweissdrüsen ist auch der Haar-
bai g in seiner ganzen Ausdehnung (Fig. 1/ und Fig. 2 e) in Run d-
zellenwucherungen eingeschlossen, die in den unteren Theilen
in grösserer Menge angehäuft sind, als in den oberen.
Ich gehe nun zur Besprechung des Scharlachs über.
Auch hier zeigen sich anfangs blassrothe Flecken, die jedoch
schon nach wenigen Stunden dunkelrothgefärbt sind. Sie werden ge-
wöhnlich durch weisse Linien von einander geschieden und die Röthung
erscheint in einzelnen Fällen mehr netzförmig. Die geschwellten
Hautfollikel treten in Form von punktförmigen Knötchen über
das Niveau hervor; Cutis, subcutanes Bindegewebe, vorwiegend im
Gesichte, an den Ohrmuscheln und den Fingern werden alsbald
serös infiltrirt. Je intensiver der Krankheitsprocess, desto mehr
wird die Haut entfärbt.
Ausser den papulösen Efflorescenzen bilden sich nicht selten
Bläschen, die bisweilen zu Blasen coufluiren, aus denen eine zähe
weisse Flüssigkeit aussickert, worauf die Haut excoriirt erscheint.
Um die Hautfollikel kommt es bisweilen zu Hämorrhagien, welche
der Scharlachhaut ein dunkelgesprenkeltes Aussehen verleihen.
Das Desquamationsstadium folgt je nach der Intensität der
Krankheit in variablen Zeiträumen zwischen dem 5. — 14. Tage.
Von den Schuppen wird angenommen, dass sie einen hohen
Grad von Virulescenz besitzen, daher die Ansteckung in Schulen
häufig durch allzufrühe Entlassung der Reconvalescenten erfolgt.
Der Erörterung der histologischen Veränderungen der Haut bei
Scarlatina will ich gleichfalls einige Angaben aus der Literatur
vorausschicken:
Schon Lö sehn er gibt an, Exsudatkörper im Rete Malpighii
gefunden zu haben.
Nach Tanwick ist die Grundmembran der Schweissdrüsen
verdickt, ihr Epithel abgelöst und die Sehweisskanäle durch Epi-
thel und Blutextravasate verstopft.
n>4
Nei
Hohn ') glaubt annehmen zu können, dass die krankhaften
Veränderungen in den tiefen Schichten der Epidermis ihren Anfang
nehmen, wodurch diese zunächst in den krankhaften Process einbe-
zogen werden.
M. Kaposi*) konnte Hyperämie mit massiger Exsudativ,
Zellenwucherung in den Papillen und dem Bete, Blutextravasate
in Papillen und Cutis nachweisen.
Meiue Untersuchungen ergaben Folgendes :
Fig. 3.
Bluteitrivisite, d Eisndab
Die Retezellen sind geschwellt, namentlich deren Kerne. Tu
den unteren Lagen (der Staclielzellonschicht) sind in vielen Präpa-
') Gerhardt, pag. 358.
'J Lehrb. der Haulkrankh.. paj.'. 213.
Veränderungen der Hunt bei Murbill«! n. Scarlatina.
KS5
raten die Zellen in die Länge gezogen, zumeist spindelförmig aus-
gedehnt, bilden stellenweise Lücken und Fachwerke, wenn
auch in geringerem Grade als bei Variola, in welchen Exsudatzellen
eingelagert erscheinen. An vielen Stellen können selbst umschrie-
bene Bluteitravasate gefunden werden, durch welche die Retezellen
ganz auseinander gedrängt werden.
Besonderes Interesse bieten die zahlreichen dichtgedrängten,
stellenweise die Epidermis vollständig substituirenden Exsudat-
zellen, die bis an die Hornschicht reichen, ja stellenweise letztere
ganz verdrängen, daher auf freier Oberfläche der Haut erscheinen.
Um den Ausfuhrungsgang der Hautfollikel finden sich dieselben
namentlich dicht gedrängt an deren Wandung (Fig. 4).
Das Cutisgewebe selbst ist geschwellt, die Cutisbüudel
verdickt, stellenweise auseinandergedrängt und zwar vorwiegend
durch Wucherungen, stellenweise jedoch durch enorm grosse Ge-
fässe, welche ampullenartig erweitert sind und in vergrößerten
Papillen nicht mehr deutlich als Schlingen unterschieden werden
können; dieselben sind gefüllt.
156 Neumann.
Die Wucherungen, vorwiegend am oberen Theile des Cutis-
gewebes, nehmen die Eichtung der Schweissdrüsen, der Haar-
bälge oder auch der Gefässe ein, sind jedoch hier so beträcht-
lich, dass es sich eigentlich nicht wie bei Morbillen entscheiden
lässt, welches ihr eigentlicher Anfangsherd ist. Ebenso bleibt es
eine offene Frage, wie die Lymphgefässe sich hier verhalten. Man
findet nämlich direct unter den Papillen und im Stratum vasciüare
der Cutisräume, deren Begrenzungswand mit Epithel bekleidet
ist, Räume, welche beträchtlich erweitert sind.
Der anatomische Befund zeigt hier jedenfalls zum Unterschiede
vom Masernprocess, warum der Scharlach gerade im Stadium der
Abschuppimg einen so hohen Grad von Ansteckungsfahigkeit besitzt,
warum ferner die Möglichkeit der Uebertragung sich selbst so
lange ausdehnen kann, bis sich der letzte Rest der Schuppen abge-
löst hat, was sich bei einzelnen Formen selbst auf mehrere Wochen
ausdehnen kann.
Ich glaube aus dem Befunde bei beiden Krankheiten Folgen-
des schliessen zu dürfen: Bei Morbillen dürften die durch das Con-
tagium in die Haut gesetzten pathologischen Produkte vorwiegend
die Blutgefässe und Drüsen afficiren, da das Cutisgewebe selbst
gleichwie die Epidermis keine wesentlichen Veränderungen zeigen.
Es sind auch alle Versuche mit den, den Morbillösen ent-
nommenen Epidermismassen, welche einzelne Forscher wie F. Mayr,
Alex. Monro (de venis lymphat.) theils in die Haut eingeimpft,
theis dem Magen gesunder Individuen einverleibt hatten, bisher
ohne positive Resultate geblieben.
Nur die Einimpfungen mit dem, Masernkranken entnomme-
nen Blute, welche Fr. Home in Edinburgh1) schon im Jahre 1758
in der Weise gemacht hat, dass er an deren Haut Ritze gemacht,
sodann das Blut an Gesunde impfte, hatten spontane Resultate
ergeben. Später hat man durch Thränen, Nasenschleim, Spei-
chel, welche Masernkrankon entnommen wurden, an Gesunden den
gleichen Krankheitsprocess hervorgerufen.
Durch den Sitz der abgelagerten Krankheitsprodukte unter-
scheiden sich die Masern von Blattern und Scharlach, indem die
') Princip. Med. und Media Taste and experim. libr. 2. Sect. VIII.
Veränderungen der Haut bei Morbillen u. Scarlatina. 1 r37
Kruste von Variola gleichwie die Schuppen von Scharlach, welche
auf Gesunde übertragen werden, die Erkrankung des Individuums
zur Folge haben. Versuchen wir ferner aus den gefundenen ana-
tomischen Veränderungen einen Eückschluss auf die pathologischen
Vorgänge bei Masern zu ziehen, so werden wir aus der Beobach-
tung, dass die Krankheitserscheinungen vorwiegend an den Gefäs-
sen und Follikeln auftreten, mit Recht zur Annahme gedrängt,
dass der inficirende Stoff, welcher Natur er immer sein mag,
gerade durch diese Atrien aus den Gefässen nach aussen zu drin-
gen sucht und hiebei das so scharf begrenzte Exanthem zu erzeu-
gen vermag. Die Knötchen würden somit den geschwellten und
entzündeten Haarbälgen, die Röthung den injicirten Gefässen und
deren Wucherungen entsprechen. Es entstünde dieses Exanthem
analog jenen Hautausschlägen, die nach Einverleibung einzelner
Arzneien wie Jod, Brom, Balsamum copaivae, Chinin, von den
Follikeln aus ihre Entwicklung nehmen.
Schon Baerensprung hat sich über diese Art der Entstehung
einzelner Hautkrankheiten allerdings in einer nicht ganz umfassen-
den Weise ausgesprochen. Die Fermente, sagte dieser Autor, die
im Blute circuliren, finden eben so viele Angriffspunkte auf der
Haut, als es Mittelpunkte der Blutvertheilung in derselben gibt.
Bei den Arzneiexanthemen wirken die dem Organismus einverleibten
Stoffe vom Blute aus reizend auf die Haut und da diese in das
Hautgewebe gleichzeitig an vielen Punkten durch das Gefässsystem
gelangt, wird auch an jedem dieser Punkte ein kleiner Entzün-
dungsherd leicht entstehen.
Was Baeren sprung nur als Vermuthung bezüglich der
Geftsse hingestellt, ist in der Neuzeit durch exacte Untersuchun-
gen auch für die Hautdrüsen sichergestellt worden. Es konnte
auf chemischem, und wie ich von der Bromakne gezeigt, auch
auf anatomischem Wege der Nachweis geliefert werden, dass
einzelne Medicam ente, durch deren Einwirkung in den Orga-
nismus Hautausschläge entstehen, in die Drüsen ausgeschieden
werden. Diese Stoffe müssen nun selbstverständlich, um aus dem
Körper treten zu können, durch die Gefässe ihren Weg nehmen,
und sie gelangen von hier aus in die Drüsen und ihre Kanäle.
Wurde z. B. Jod dem Magen einverleibt, so gelingt es nicht schwer
dasselbe im Schweisse, in der Thränenflüssigkeit, dem Nasenschleim.
1(58 Neuin ann. Veränd. der Haut bei Morbülen u. Scarl.
und dem Eiter, der Aknepustel chemisch nachzuweisen, wie das
schon von anderen Beobachtern, namentlich in der Jüngstzeit von
Adamkiewicz *) constatirt werden konnte. Einer solchen An-
schauung über die Entstehung einzelner acuter contagiöser Haut-
krankheiten Baum zu geben, dürfte durch Constatirung der oben
angegebenen anatomischen Veränderungen der Haut nicht ganz
grundlos sein. Der Organismus hat, wie Adamkiewicz mit
Recht betont, eine ansehnliche Zahl von Bahnen, um sich jeder
Zeit vor Gefahren zu schützen, in welche ihn das Verbleiben un-
verwendbarer oder ihm gefahrdrohender Stoffe versetzen würde;
und hier können es wieder nur unter normalen Verhältnissen, ja
fast ausschliesslich die Hautfollikel sein, welche die Ausscheidung
vermitteln.
•) Charite--Annalen 1879.
->♦—•-
X.
Stenose des Kehlkopfes und der Luftröhre
hei Ehinosklerom
von
Dr. 0. Chiari
emerit. klin. Assistent u. Docent.
Aus der Prosectur des Doc. Dr. H. Chiari.
Hiezu Tafel IX.
(Am 18. März 1882 von der Redaction. übernommen.)
Von den bis jetzt bekannten circa 30 Fällen von Rhinosklerom
waren 5 mit gleichzeitiger Verengerung des Kehlkopfes und theil-
weise auch der Luftröhre behaftet *), aber noch keiner kam in Be-
zug auf die Luftwege zur histologischen Untersuchung. Makro-
skopisch, nach dem Spiegelbefunde und nach dem Verlaufe zeigten
sie grosse Uebereinstimmung.
Die Verengerung trat nämlich stets in Form einer sehr be-
deutenden Verdickung besonders der unteren, inneren Fläche der
Stimmbänder oder von Längswülsten unmittelbar unter denselben
und parallel mit ihnen auf, und waren die Stimmbänder im ersteren
Falle in ihrer Bewegung sehr beeinträchtigt, in letzterem fast gar
nicht. Die Trachea konnte wegen dieser Stenose des Larynx nicht
oder nur mangelhaft besichtigt werden. Es hatte also diese Stenose
ganz die Form der von Gerhardt als Chorditis vocal. inferior
hypertrophica chronica, von Voltolini, Ziemssen u. a. als Laryn-
f) Friedr. Ganghofner. ,rUcber die chronische stenosirende Entzün-
dung der Kehlkopf- und Luitrohrenschleinihaut". Zeitschrift für# Heilkunde.
Prag 1881. Bd. I.
170 Chiari.
gitis hypoglottica chronica beschriebenen Erkrankung, die man theils
auf chronischen Katarrh, theils auf die sogenannte „chronische
Blennorrhoe der Respirationsschleimhaut" Störk's zurückführte.
Schrötter1) wies auf das unpassende der Auffassung dieser Ste-
nosenform als eigene Krankheit hin, da sie ja als Begleiterscheinung
bei den verschiedensten Grundkrankheiten auftreten könne, so bei
Rhinosklerom, chronischem Nasen-Rachenkatarrh, Typhus, Syphilis
und anderen Leiden. Er spricht sich dabin aus, dass erst von dem
Messer Aufklärung über das pathologisch -anatomische Wesen zu
erwarten sei.
Aus der vorlaryngoskopischen Zeit findet sich nur eine hierher
gehörige Bemerkung Rokitansky^ *) in seinem Lehrbuche; er
spricht von einer in selteneren Fällen bei chronisch katarrhalischer
Entzündung im Kehlkopfe vorkommenden Degeneration der Schleim-
haut und des submucösen Gewebes zu Schwiele, die besonders im
Umfange der Glottis massenhaft auftritt und eine endlich tödtende
Stenose begründet.
Die ersten genaueren histologischen Daten aber über diese
Erkrankungen lieferten Prof. Eppinger3) und Ganghofner 1. c,
auf deren Arbeiten ich später noch zurückkomme. Der letztere
sprach sich sogar für die Zusammengehörigkeit der Chorditis infer.
hypertroph, chronica mit dem Rhinosklerom aus und schlägt für
die chronische stenosirende Entzündung der Kehlkopf- und Luft-
röhrenschleimhaut den Namen Sklerom des Larynx und der Tra-
chea vor.
Ich hatte nun Gelegenheit bei ausgesprochenem Rhinosklerom
(es wurde von weiland Prof. Hebra diagnosticirt) die stenosirten
Luftwege zu untersuchen. Es handelte sich um eine Kranke H. K.,
Magistratsdienersgattin, 41 Jahre alt, welche von Jarisch in der
k. k. Gesellschaft der Aerzte demonstrirt wurde, und über welche er
im ärztlichen Berichte des k. k. allg. Krankenhauses zu Wien vom
Jahre 1879 p. 297 ausführlich berichtet. Ganghofner 1. c. und ich*)
') Monatschrift für Ohrenheilkunde etc. 4878, Nr. 12.
*) Lehrbuch der pathol. Anatomie III. Bd. p. 16, 1861.
8) Handbuch der pathol. Anatomie von Klebs. II. Bd. 1. Abth. p. 284.
*) „Ueber Kehlkopistenosen und ihre Therapie". Monatschrift f. Ohren-
heilkunde etc. 6. u. 7. 1881.
Stenose hei Rhinosklerom. 171
citirten denselben Fall. Ich will nur das Wichtigste der Kranken-
geschichte und des Sectionsbefundes hier anfuhren.
Die früher gesunde, niemals an Syphilis erkrankte Frau, litt
seit sechs Jahren an Halsschmerzen, später an Heiserkeit und Athem-
beschwerden und seit vier Jahren an Anschwellung: der Nase. Bei
der Ende October 1879 durch die Güte des Doc. Dr. Jarisch mir
übertragenen Kehlkopfuntersuchung konnte man Folgendes consta-
tiren. An Stelle des weichen Gaumens mächtiges, weiss strabliges
Narbengewebe, welches sich bis an die hintere Rachenwand erstreckt
und die Communication der Mundhöhle mit dem Nasenrachenräume
auf eine federkieldicke Lücke reducirt. Der Kehlkopfbefund ergab
Stenosis glottidis, bedingt durch sehr geringe Beweglichkeit der
wahren Stimmbänder, die fast immer nur eine bleistiftdicke Lücke
zwischen ihren hinteren Antheilen übrig lassen. Die Stimmbänder
selbst sind bedeutend geschwellt, besonders das rechte an seinem
Innenrande, und grauroth, höckerig, uneben. Am vorderen Stimm-
bandwinkel ein kleines, oberflächliches Ulcus. Der Einblick in die
Trachea war unmöglich. Am 12. November 1879 starb die Kranke
plötzlich suffocativ.
Die Section zeigte in den oberen Antheilen der Luftröhre und
in dem stark verengten Canale des Larynx eine cylindrische, diese
Theile des Bespirationskanales vollständig ausfüllende, zähe Schleim-
masse. In den seitlichen Pharynxwänden knorpelharte Platten, über
denen das Epithel tbeils verdickt, theils excoriirt ist. Im Larynx
reichliches Narbengewebe, welches sich gleich den Verdickungen
des Epithels auch auf die Trachea verfolgen lässt. Zur histologi-
schen Untersuchung konnte von dem damaligen Prosoctor und
Docenten Dr. Hans Chiari nur eine vom Gaumensegel auf den
harten Gaumen sich erstreckende narbige Partie und eine an der
linken Seite des Septum narium befindliche, linsengrosse, strahlige
Narbe verwendet werden, da Zunge, wejcher Gaumen, Pharynx
und Larynx sammt Trachea als Museums-Präparat conservirt wurden.
Es fand sich Hypertrophie der Papillen, darüber das Epithel theils
defect, theils gequollen, die Schleimhaut hyperämisch, von runden
spindel- und sternförmigen Zellen durchsetzt. Ebenso infiltrirt das
submucöse Fett- und Drüsengewebe.
Histologische Diagnose: Chronisch entzündliche Infiltration
mit productivem Charakter.
172 Chiari.
Schnitte durch die oben erwähnte Partie des Septums zeigten
nur Narbengewebe in der Schleimhaut.
Ich hob schon damals (1. c.) die Analogie dieser Befunde mit
den Angaben Ganghofner's hervor, konnte aber erst vor Kurzem
die histologische Untersuchung der übrigen Theile des Präparates
machen. Das Ergebniss derselben lasse ich einer detaillirteren ma-
kroskopischen Schilderung des Aussehens der erkrankten Theile
folgen, (v. Fig. 1.)
Das Lumen des Kehlkopfes von den wahren Stimmbändern
an nach unten und das der Luftröhre bis zum 7. Knorpelringe
bedeutend verengert durch eine höckerig warzige Verdickung der
Schleimhaut. Die Stimmbänder und die unmittelbar darunter lie-
genden Schleimhautpartien sind in einen zusammenhängenden 3 bis
4 Mm. dicken Wulst umgewandelt. In dem ganzen Bereiche der
Verengerung ist die Innenfläche der Luftwege höckerig, uneben,
schwielig, das Epithel stellenweise sehr verdickt, und kann man an
einzelnen Stellen knochenharte Theilchen in dieser Schwiele* unter-
scheiden. Diese Veränderung grenzt sich nach oben scharf in der
Höhe der Stimmbänder ab, während sie nach unten zu mehr das
Aussehen einer gestrickten flachen Narbe annehmend allmälig in
das gesunde Gewebe übergeht. Unter dem 8. Binge ist die Schleim-
haut nicht mehr verdickt und zeigt nur wenige, bis hirsekorngrosse
harte Knötchen.
Die die Stelle des weichen Gaumens einnehmende Narben-
masse zeigte, wie schon oben erwähnt, das Aussehen einer weiss-
strahligen, dicken Narbe mit einzelnen knorpelharten Stellen. Zur
mikroskopischen Untersuchung wurden Stücke der Schleimhaut des
Septum narium mit einer narbigen Partie, dann des narbigen Ve-
lums, des Kehlkopfs und der Luftröhre verwendet; leider hatte das
Präparat durch zweijährige Conservirung in Alkohol etwas gelitten.
1. Schleimhaut des Septum nar. in der Umgebung der Narbe.
Das Flimmerepithel auf der dicken Membrana propria ist erhalten,
die ganze Mucosa und die Submucosa mit zahlreichen Bundzellen
infiltrirt, die besonders um die Drüsen herum stellenweise so dicht
gelagert sind, dass sie einzelne Acini zum Schwinden gebracht;
die Gefässe zahlreich, dünnwandig, in den oberen Partien viele
Capillaren.
2. Narbig erscheinende Partie der Schleimhaut des Septums.
Stenose bei Rhinosklerom. 173
Das Epithel fehlt grösstenteils, an einzelnen Stellen zeigt es sich
aber als Flimmerepithel, Membrana propria vorhanden; die ganze
Mucosa und Submucosa zeigt reichliches, dichtes, faseriges Gewebe
mit spärlichen Spindelzellen; besonders in der Drüsenschichte ist
diese Narbenmasse stark entwickelt, und sieht man von den Drüsen
nur mehr sehr wenige Beste in ectasirten mit feinkörniger Masse
(wahrscheinlich geronnenem Inhalte) gefüllten Acinis bestehend.
Die Gefässe- sind dickwandig, mit Spindelzellen infiltrirt und beson-
ders in den oberen Partien spärlich.
3. Partie aus dem Uebergange der hinteren Fläche des weichen
Gaumens in die rechte Choane. Das Epithel ist verloren gegangen,
die Mucosa verdickt, in den obersten Partien mit Bundzellen dicht
infitrirt, in den tieferen, in faseriges, dichtes Bindegewebe mit
spärlichen Spindelzellen umgewandelt; Bundzellen rinden sich zwi-
schen den Faserzügen nur wenige. Die nun folgende sehr mächtige
Drüsenschicht zeigt die Acini von reichlichem Infiltrate umlagert.
4. Partie aus der Mitte der hinteren Fläche des Velums. Das
Epithel ist ein dickes vielfach geschichtetes Plattenepithel. Die
Schleimhautoberfläche ist mit grossen Höckern imd vielen kleinen
Papillen versehen, zwischen die das Epithel sich fortsetzt, ohne aber
grosse Zapfen in die Tiefe zu senden. Die Mucosa selbst ist sub-
stituirt von derbfaserigem Gewebe, zwischen dessen Züge stellen-
weise noch Herde von Bundzellen eingelagert sind. Die hier eben-
falls sehr mächtige Drüsenschicht zeigt einige Läppchen nur wenig
verändert, meist ist aber die Umgebung der Acini mit Bundzellen
infiltrirt, welche in einzelnen Läppchen so massenhaft vorhanden
sind, dass die Drüsensabstanz bis auf wenige cystenartige Bäume
mit sehr mangelhaftem Epithel geschwunden ist.
Zwischen den Läppchen mehr, weniger dichtes Bindegewebe
mit einzelnen quergestreiften Muskelfasern. Es zeigt also der Be-
fund in der Nase und im Bachen eine Infiltration der Gewebe
durch Bundzellen, die in Spindelzellen und zuletzt in derbfaseriges,
narbenartiges Gewebe übergehen und die Drüsen mehr weniger
zum Schwunde bringen.
5. Vorderes Ende des linken Stimmbandes und des unmittel-
bar darunter liegenden Wulstes. Das dicke, geschichtete Platten-
epithel ohne Biflfelzellen schickt zapfenartige Verlängerungen aus,
zwischen die sich zahlreiche, oft dicht beisammen stehende und
174 Thiari. .
verzweigte Papillen einlagern. Diese Papillen und die darunter
liegende, vielleicht auf das Vierfache des Normalen, verdickte
Schleimhaut .erscheinen ungemein dicht mit Bundzellen infiltrirt,
und reicht diese Infiltration bis an die quer gestreifte Musculatur
der Stimmbänder. Faserige Bündel von derbem zellcnarmen Binde-
gewebe finden sich nur wenige. Von Djüsen ist der Loyalität ent-
sprechend nichts zu sehen.
6. Trachea im Bereiche der starken Verdickung der Schleim-
haut (v. Fig. 2). Das der gesunden Trachea zukommende Flimmer-
epithel ist überall ersetzt durch ein dickes geschichtetes Pflaster-
epithel, zwischen dessen Zapfen sich dicke, manchmal verzweigte,
stark infiltrirte Papillen befinden. Eine Membrana propria fehlt
überall.
Nach einer dünnen Schichte von Bundzellen folgt dann eine
dicke Lage von narbenartigem Bindegewebe mit. sehr wenigen klei-
nen Spindelzellen und zwischen den Bundein dieses Gewebes spär-
liche Bund- und Spindelzellen, welche die kleinen Gefässe dieser
Schichte begleiten. Die Faserzüge dieser Bündel verlaufen meist
parallel der Schleiijjhautoberfläche, aber an Stellen makroskopischer
Höcker manchmal auch vertical. Diese Schichte nimmt ^g der
ganzen Schleimhautdicke ein und wird an einzelnen Stellen von
Epithelzapfen oder von den Ausführungsgängen der Drüsen durch-
brochen.
Die nächst darunter liegende Schleimhautschichte ist von
Bund- und Spindelzellen, hie und da auch von Faserzügen reich-
lich durchsetzt und sind namentlich die Rundzellen oft zu grossen
Haufen an einander gelagert. Die Gefässe sind zahlreich, ziemlich
dickwandig.
Das Eigenthümlichste dieser Schleimhautpartie ist aber Fol-
gendes:
Man findet in ihr zahlreiche Knorpelherde umgeben von fase-
rigem und zelligem Gewebe und anscheinend aus demselben her-
vorgegangen. Einzelne dieser Knorpelherde sind in deutlicher Ver-
kalkung der Intercellularsubstanz begriffen, und manchmal schliesst
sich dicht an diesen verkalkten Knorpel, deutlich ausgebildeter
Knochen mit Knochenkörperchen, Lamellen und Haversischen Ka-
nälen ja sogar grösseren Markräumen an.
Stenose bei Rhinosklerom. 175
Gewöhnlich trifft man aber den Knochen als Plättchen oder
Spangen unmittelbar in die Schleimhaut eingelagert. Ich neigte
mich zuerst der Ansicht hin, dass dieser Knorpel und Knochen
direct aus dem Bindegewebe entstanden sei, da ich nirgends einen
Zusammenhang mit dem Trachealknorpel wahrnehmen konnte.
Endlich aber fand ich an einer Reihe von Präparaten von dem
Trachealknorpel ausgehend Ecchondros.en, die sich auch bis über
die Drüsenschicht hiuauf fortsetzten. An den meisten Schnitten
fehlten wohl die Ecchondrosen, während Knochen- oder doch wenig-
stens Knorpelstückchen ober den Drüsen fast in keinem vermisst
wurden. Man musste also ein pilzartiges Auswachsen der Ecchon-
drosen annehmen, so dass man eben nur an einer kleinen Stelle
den Zusammenhang nachweisen konnte. In dieser Anschauung wurde
ich noch bestärkt durch die Untersuchung* eines zufällig in der
Trachea eines circa 40jährigen Mannes gefundenen, wie bekannt so
seltenen Falles, von Osteoma der Schleimhaut. Es handelte sich
um ein 1 Ctm. langes und l/2 Ctm. breites und 1 Mm. dickes
Knochenplättchen, welches in den obersten Schleimhautschichten
lag. Nach Entkalkung des Präparates in Alcohol absolut. 100 Acid.
muriat. 2*00 legte ich eine Reihe von Schnitten durch die ganze
Schleimhaut an, und fand zahlreiche Knochenspangen in den ober-
sten Schichten der Schleimhaut nirgends aber einen Zusammenhang
mit den Knorpelringen. Endlich aber kam. ich auf eine Stelle, wo
der Knorpel eine vielleicht hirsekorngrosse Ecchondrose aufsitzen
hatte, die theilweise verkalkt und verknöchert in ihrem Inneren
einen Markraum zeigte. Die Spitze dieser stumpfkugeligen Pro-
minenz reichte bis in die oberen Schleimhautschichten, und näherten
sich ihr einige der obigen Knochenspangen fast bis zur Berührung.
Man musste daher in diesem Falle mit grösster Wahrscheinlich-
keit annehmen, dass die Ecchondrose verknöcherte Auswüchse in die
Schleimhaut ausgeschickt habe, deren Durchschnitte eben als Kno-
chenspangen sich zeigten. Bei den zwei anderen bis jetzt beschrie-
benen Fällen von Osteomen in der Tracheaischleimhaut1) konnte
man wohl ein solches Verhalten nicht nachweisen, obwohl man
darnach suchte. H. Chiari besonders spricht nämlich von „der
') Steudener, Virchow's Archiv Bd. 42. — H. Chiari, Wiener med.
Wochenschrift 1878, Nr. 34.
Med. Jahrbücher. 1882. 1 "Z
176 Chiari.
a priori sehr nahe liegenden Annahme, dass die Knochenneubildun-
gen verknöcherte Ecchondrosen der Trachealknorpel darstellten".
Ich halte mich daher berechtigt, die Knorpel- und Knochen-
bildungen auch bei meinem Falle als durch pilzartiges Auswachsen
umschriebener Ecchondrosen bedingt anzusehen, wenn auch einzelne
Bilder die Möglichkeit directer Entstehung aus dem Infiltrate im
ersten Momente zu beweisen scheinen.
Man sieht nämlich an manchen Stellen (v. Fig. 3) faseriges
Bindegewebe mit Bindegewebskörperchen übergehen in eine von
Karmin noch lebhaft gefärbte, aber ziemlich homogene Grund-
substanz mit eingelagerten Zellen. Daran schliesst sich eine Zone,
wo die reichlichere Grundsubstanz sich nicht mehr färbt und die
Zellen von einer Art Kapsel umschlossen sind (also echter Knorpel)
oder man sieht die* allmälige Verkalkung der Grundsubstanz zu-
nächst noch einen kleiuen strahlig ausgezackten Baum um die
Zellen herum freilassend soweit vorschreiten , dass endlich die
zelligen Gebilde ganz die Form der typischen Knochenkörperchen
annehmen, die in der verkalkten Grundsubstanz liegen (also echter
Knochen).
Wenn nun auch nach diesen Bildern das Uebergehen von
Bindegewebe in Knorpel und Knochen sichergestellt ist, so bleibt
eben immer noch der Umstand zu berücksichtigen, dass man an
der Grenze des sich bildenden Knochens oder Knorpels ganz den-
selben Uebergang aus dem Bindegewebe beobachtet, so dass man
dieses Knorpel und Knochen bildende Gewebe als ausgewachsenes
Perichondrium zu betrachten das Kecht hat.
Mikulicz1) ist in Bezug auf Knochentheilchen in einem
Rhinosklerom der Oberlippe derselben Ansicht. Er glaubt nämlich,
„dass das Periost von kleinzelliger Infiltration befallen werde, und
dass damit Osteophytenbildungen an der Oberfläche einhergehen".
Billroth sprach sich gelegentlich einer Discussion über das BMno-
sklerom in der k. Jk. Gesellschaft der Aerzte in Wien am 24. October
1879 gegen diese Ansicht aus, da bei einer Verknöcherung eines
Rhinoskleroms der Oberlippe das Periost nicht in Mitleidenschaft
gezogen war. Ganghofner 1. c. constatirte bei einer ähnlichen Er-
krankung der Trachea auch das Vorkommen von Knorpel- und
') Ueber das Rhinosklerom. Langenbeck's Archiv, Bd. 50, p. 520.
Stenose bei Rhinosklerom. . 177
Knochenstückchen in der Schleimhaut, lässt sie aber aus dem zelligen
Infiltrate hervorgehen, obwohl er stellenweise die Theilnahme des
Perichondriums an der chronischen hyperplastischen Entzündung,
ja sogar Knorpelwucherung von der Knorpelhaut der Tracheairinge
ausgehen sah. Offenbar veranlasste ihn das seltenere Vorkommen
der Ecchondrosen im Vergleiche zur Häufigkeit der Knorpelstückchen
in der Schleimhaut zu dieser Annahme, die noch dadurch unterstützt
wurde, dass sich am Rande der vermeintlichen Chondrome und
Osteome alle Stadien des Ueberganges zum Bindegewebe vorfanden.
Wenn man aber das pilzartige Auswachsen umschriebener
Ecchondrosen und den Umstand in Betracht zieht, dass das
wuchernde bindegewebige Periost diese Auswüchse überall bekleiden
muss, so ist meine Ansicht die wahrscheinlichere. Natürlich kann
die Möglichkeit der anderen Entstehungsweise für einzelne der
Knochenbildungen nicht absolut negirt werden , da ja auch in
anderen Geweben selbstständige Bildung von Knorpel und Knochen
erwiesen ist.
Die Drüsen sind theils durch Rundzellen und Fasern ausein-
ander gedrängt, theils sind viele Acini durch den Druck des Infil-
trates zu Grunde gegangen und findet man an ihrer Stelle Binde-
gewebe, welches ectatische Reste von Acinis oder Ausführungsgängen
einschliesst. Endlich nimmt das Perichondrium an vielen Stellen
Theil an der allgemeinen Wucherung; es verdickt sich und kommt
es, wie oben gesagt, zu ganz bedeutenden Ecchondrosenbildungen.
7. Trachea an der unteren Grenze des erkrankten.
Das Epithel fehlt und wird die Schleimhaut nach oben abgeschlossen
durch eine verdickte Membrana propria. In den oberen Schichten,
die mit reichlichen Gefassen versehen sind, finden sich viele Rund-
zellen, in den tieferen Schichten mehr faseriges Gewebe und sind
die Drüsenacini von kleinzelligem Infiltrate umgeben. Knorpel und
Knochenstückchen oberhalb der Drüsenschicht findet man nur mehr
spärlich.
8. Makroskopisch normal erscheinender Theil der Trachea bis
zur Bifurcation. Verschiedene Schnitte durch die nicht verdickte
Schleimhaut ergeben eine nicht bedeutende Infiltration derselben
durch Rund- und Spindelzellen und sehr vereinzelt auch Knorpel-
und Knochenstückchen oberhalb der Drüsen. Die Membrana propria
ist deutlich nachzuweisen, das Epithel abgängig.
12*
178 . Chiari.
9. Die Bronchialschleimhaut zeigt ausser Verlust des Epithels
keine Abweichung vom normalen. Offenbar kommt allen den Schleim-
hautpartien, die eine Membrana propria besassen, ein Flimmer-
epithel zu, welches aber in Folge der langen Conservirung des
Präparates verloren ging.
Es handelt sich also bei dieser Erkrankung der Trachea um
eine chronisch entzündliche Infiltration der Schleimhaut durch Rund-
zellen, welche sich allmälig in Spindelzellen und faseriges Gewebe
umwandeln. Das faserige Gewebe bildet sich in den oberen Schleim-
hautschichten in eine narbenartige Masse um; das Flimmerepithel
geht verloren, die Membraua propria schwindet und ein geschichtetes
Pflasterepithel bedeckt die Oberfläche. Dabei bleiben die Drüsen
nicht verschont. Ihre Acini werden von Rundzellen oder faserigem
Gewebe umlagert, gehen aber nur theilweise zu Grunde. Endlich
nimmt auch das Perichondrium Theil; es sendet knorpelige Fort-
sätze aus und diese wachsen besonders in der Schichte unmittelbar
über den Drüsen in weiter Ausbreitung und verknöchern nicht selten.
Wie verhält sich nun diese Erkrankung in den Wandungen
des Respirationstractes zu dem Rhinosklerom der Nase und der
Lippe?
Hebra1), Kaposi2), Geber3), Mikulicz*), Schmiedicke 5),
Neumann6) beschreiben dieses im wesentlichen übereinstimmend als
eine hochgradige Infiltration von Rundzellen in die Haut, Schleim-
haut und das darunter liegende Gewebe, wodurch die ursprünglichen
Gewebsbestandtheile nach und nach verschwinden. Später geht das
Infiltrat in faseriges Gewebe über, es schrumpft dasselbe und treten
Verknöcherungsprocesse auf. Stellenweise verdickt sich das Epithel
und sendet Fortbätze in die Tiefe; die Drüsen gehen zu Grunde.
Durchaus nicht so übereinstimmend sind die Ansichten über
das Wesen der Erkrankung:
Hebra erklärt sie als Sarkom. Kaposi 1. c. sagt: „Ich ziehe
') Wiener medic. Wochenschrift 1870. 1.
z) Virchow's specielle Pathologie und Therapie. 111. Band, 2. Theil,
»nd Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten 1880. Wien u. Leipzig.
3) Archiv f. Dermatol. u. Syphilis. Prag 1872. p. 493.
*) Lange nbecFs Archiv. Bd. XX.
*) Archiv f. Dermatol. u. Syphilis. Wien 1880.
6y Lehrbuch der Hautkrankheiten 1880.
Stenose bei Rhinosklerom. 179
es vor das Rhinosklerom, da es unter dem klinischen Bilde und
nach der unbegrenzten und das Gewebe consumirenden Wachsthums-
tendenz der Neubildungen verläuft, als solche anzusehen und möchte
es immerbin den Sarkomen anreihen, welche manchmal zu Binde-
gewebsorganisation und selbst Verknöcherung gelangen*. Er beob-
achtete auch einen Fall von Khinosklerom, wo dasselbe auf Ober-
kiefer und Seitenwandbein übergriff, dieses durchbrach und bis au
die Obeifläche des. Gehirnes vorgeschritten war.
Geber, Mikulicz, Schmiedicke und Billroth 1. c. halten
den Process für eine sehr langsam fortschreitende chronische Ent-
zündung, welche nur sehr geringe Neigung zum Zerfall zeigt.
Nur ein einziger Fall von Rhinosklerom, welches vereiterte,
wurde von Zeissl jun. *) beschrieben; leider konnte keine histolo-
gische Untersuchung gemacht werden.
Ganz vereinzelt steht die Ansicht Tanturri's2), das Rhino-
sklerom gehöre zu den Epitheliomen oder Adenomen; er legte zu
grossen Werth auf die zufällig gefundene starke Wucherung des
Epithels in die Tiefe des sklerosirten Gewebes.
Was nun auch die Ansicht über die Natur des Rhinoskleroms
sein mag, der histologische Befund war immer derselbe und stimmt
ganz mit dem von mir in der Respirationsschleimhaut beobachteten
überein. Man muss daher annehmen, dass diese Kranke dasselbe
Leiden im Rachen, Kehlkopfe und in der Luftröhre hatte, wie an
der äusseren Nase; denn der Gedanke, dass anatomisch ganz iden-
tische Veränderungen an verschiedenen, aber aneinander grenzenden
Organen desselben Individuums nur zufällige Coincidenzon sein
sollten, ist doch zu weit hergeholt. Für diese Ansicht spricht noch
der Umstand, dass in weiteren 4 Fällen von Rhinosklerom der Nase
ebensolche Kehikopfstenosen beobachtet wurden, wie schon Eingangs
erwähnt.
Auf dieses Zusammentreffen machte schon Ganghofner 1. c.
aufmerksam und stellte gestützt darauf und auf die histologische
Untersuchung eines Falles von Chorditis infer. hypertroph, die An-
sicht von der Zusammengehörigkeit des Rhinoskleroms und dieser
Erkrankung auf. Ich möchte mich, wie ich schon in einer früheren
f) Wiener medic. Wochenschrift 1880. Nr. 22.
s) Nach Mikulicz 1. c. II Morgagni 1872. Anno XIV.
180 Chiari.
Publication 1. c. erwähnte, seiner Ansicht nur theilweise anschliessen.
Für den von ihm mitgetheilten Fall ist wohl die Identität mit
Rhinosklerom zweifellos.
Vergleicht man nämlich seinen Befund mit dem mehligen, * so
drängt sich sogleich die vollständige anatomische Uebereinstimmung
beider Fälle auf. Unterschiede ergaben sich nur wenige. So begann
in Ganghofner's Fall die Erkrankung der Luftwege erst unterhalb
der Stimmbänder, welche in meinem Falle schon ergriffen waren.
In meinen Präparaten war die narbenartige zellenarme Schicht
viel dicker als bei Ganghofner, und war das darüber liegende
zellig infiltrirte Gewebe viel dünner. Auch scheint die Entwicklung
von Knorpel- und Knochenstücken schon eine viel bedeutendere
gewesen zu sein. Diese Abweichungen lassen sich am leichtesten
aus der längeren Dauer der Erkrankung in meinem Falle erklären.
Während nämlich Ganghofner's Patient */4 Jahre krank war, gab
meine Kranke an, seit 3 Jahren an Heiserkeit und Athembeschwerden
zu leiden. Dagegen erstreckte sich die Erkrankung bei dem ersteren
auf die ganze Trachea, während sie bei der letzteren nur die obere
Hälfte befallen hatte. Die Choanen, der Nasenrachenraum und das
Velum waren ebenso verändert, wie ich in meinem Falle angab.
Jedenfalls muss man sagen, dass in beiden Fällen die Er-
krankung anatomisch identisch war, und der einzige Unterschied
nur darin lag, dass in Ganghofner's Fall die äussere Nase nicht
afficirt war. Vielleicht hätte sich aber bei diesem Individuum noch
das Rhinosklerom an der äusseren Nase entwickelt, wenn das Leben
länger erhalten worden wäre. Es war ja auch in dem von mir
anatomisch untersuchten Falle und in dem von Catti1) (von G.
und mir citirt) die Bhinosklorombildung an der Nase der im Bachen,
Nasenrachenräume und im Kehlkopfe erst nach Jahren gefolgt Es
war dies die Kranke Goldmann N., die 3 Jahre an der sogenannten
Chorditis vocal. infer. hypertrophica litt, bevor die äussere Nase
und die Choanen erkrankten.
Vielleicht sind hieher noch zu rechnen die von mir 1. c als
4. und 5. Fall beschriebenen Laryni- und Trachealstenosen, bei
denen die Choanen durch Verdickung der Wandungen sehr verengt
') Zur Casnistik und Therapie der Chorditis voc. infer. Allgem. Wiener
medic Zeitung 1878.
Stenose bei Bhinosklerom. 181
waren, die äussere Nase aber keine Andeutung von Bhinosklerom-
bildung bot. Man findet nämlich bei Bhinosklerom der äusseren
Nase meist auch ähnliche Veränderungen der Choanen und des
Nasenrachenraumes und des weichen, seltener des harten Gaumens.
Kaposi 1. c, der 25—30 Fälle von Bhinosklerom gesehen,
erwähnt, dass es sich sehr häufig nach hinten längs der Nasenhöhle
auf die Choanen und das Yelum fortsetzt. Dann sagt er ebendort:
„Im Bereiche des Velums, der Umrandung der Choanen, der
Gaumenbögen erscheint dasselbe jedoch schon frühzeitig, ja manchmal
sogar primär ohne oder vor Erkrankung der häutigen Nase".
Es scheint mir also nach dem Gesagten Ganghofner's Fall,
in welchem Bachen und Choanen genau nach Art des Bhinoskleroms
verändert waren, allerdings sicher zum Bhinosklerom zu gehören,
nicht aber darf er dazu verwendet werden, daraus die Identität
jeder auch ganz isolirten Chorditis infer. mit Bhinosklerom ab-
zuleiten.
Man müsste früher auch solche Fälle von sogenannter Chor-
ditis infer. hypertrophica, bei denen die Nase weder vorne noch
hinten stenosirt und auch der weiche Gaumen nicht in der be-
schriebenen Weise verändert ist, genau histologisch untersuchen,
was aber noch nicht geschah.
Es liegt wohl von Eppinger 1. c. die Untersuchung einer
stenosirenden chronischen Entzündung der Luftröhre vor, die auch
ganz ähnliche Besultate wie Ganghofner's Fall ergab; aber über
die Beschaffenheit der Nase und des Gaumens konnte nichts eruirt
werden, als dass die Kranke an heftigem Schnupfen gelitten hatte.
Es kann also die Frage, ob diese Form der Chorditis infer.
immer eine mit dem Bhinosklerom identische Erkrankung ist, erst
dann beantwortet werden, wenn anatomische Befunde über sicher
nicht complicirte Fälle vorliegen. Auszuschliessen sind dabei alle
unter dem Bilde der sogenannten Chorditis infer. auftretenden Arten
von Kehlkopfstenosen, die im Gefolge tuberculöser, syphilitischer,
typhöser, variolöser Geschwürs- und Narbenbildung, oder bei
heftigem acutem Katarrhe oder croupöser Entzündung sich ent-
wickeln, und bei denen die Wülste meist stark roth gefärbt sind
und Neigung zur Ulceration zeigen; die Grundkrankheit liegt ja da
klar am Tage. Es handelt sich hier nur um jene Fälle, wo die
grauen, nicht ulcerirenden Wülste und die eigenthümlichen Ver-
182 Uhiari.
dickungen der Kehlkopf- und Luftröhrenschleimhaut höchstens von
chronischem Nasen-Bachenkatarrh begleitet sind.
Ich kann mich daher nur mit den ersten zwei. Schlusssätzen
der ausgezeichneten, in dieser Beziehung bahnbrechenden Arbeit
Ganghofner's vollkommen einverstanden erklären:
1. Es gibt eine Erkrankung des Larynx und der Trachea,
welche mit Verdickung der Schleimhaut und conBecutiver Stenose
der Luftwege einhergehend, histologisch sich als eben derselbe
chronisch entzündliche Process darstellt, welcher unter dem Namen
Bhinosklerom bekannt ist.
2. Diese Laryngo-Trachealstenose verläuft unter dem klinischen
Bilde der früher als Chorditis vocalis inferior hypertrophica be-
schriebenen Krankheitsform.
Der 3. Satz: „Diese als Sklerom des Larynx und der Trachea
aufzufassende Erkrankung kann auftreten, ohne dass bei dem be-
treffenden Individuum ein Bhinosklerom mit Veränderungen an der
äusseren Nase vorhanden ist", darf als sicher bewiesen noch nicht
für jene Fälle angenommen werden, wo auch nicht in den Choanen
oder am weichen Gaumen dem Bhinosklerom zukommende Ver-
änderungen zu constatiren sind, weil eben bis jetzt kein solcher
Fall zur histologischen Untersuchung kam.
Hoffentlich findet sich bald dazu Gelegenheit, und kann man
dann vielleicht die histologische Identität aller dieser Sklerome des
Larynx und der Trachea beweisen, die ja nach dem laryngoskopischen
Befunde und dem Verläufe so ungeheuer ähnlich sind.
Man müsste dann wohl sie alle als zusammengehörig be-
trachten und könnte bei der notorisch häufigen Coincidenz mit
Skieromen der Nase, des Velums, der Choanen oder mit chronischen
hyper- oder atrophischen Katarrhen der Nase und des Bachens
(chronische Blennorrhoe Störk's) sich das ganze Verhältniss viel-
leicht so zurecht legen:
Bei lange dauernden Katarrhen der oberen Bespirationswege,
vielleicht im Gefolge einer Infection* kann es an einzelnen Stellen,
sei es im Bachen, Kehlkopf und Luftröhre oder an der äusseren
Nase durch chronische Entzündung zu hypertrophischen Bildungen
kommen, welche die Luftwege verengern (Bhinosklerom in Nase
und Bachen, Chorditis infer. oder Sklerom des Kehlkopfes und der
Luftröhre). Bei den meisten Individuen kommt es nur zu massiger
Stenose bei Rhinosklerom. 183
Hypertrophie mit starker schleimig eitriger Absonderung, und bei
nicht wenigen zur Atrophie besonders der Nasenschleimhaut und
auch der Muscheln (Ozaena). Tiefer greifende geschwürige Processe
entwickeln sich niemals, wohl aber Schwielen- und Narbenbildung
ohne vorhergehende Ulceration.
Es hat ja auch schon Störk auf diese Aehnlichkeit mit der
chronischen Blennorrhoe der Bindehaut des Auges hingewiesen und
auf das Ausschliessen von Syphilis in jedem Falle aufmerksam ge-
macht, welch letzterer Umstand auch in Bezug auf Bhinosklerom
von fast allen Autoren hervorgehoben wird. Wenn auch alle diese
Deductionen nur mehr andeutungsweise gegeben sind, so muss ich
sie noch ausserdem als blosse Versuche entschuldigen, die drei
vielfach mit einander in Beziehung stehenden Krankheiten: Khino-
sklerom, Chorditis infer. hypertroph, und chronische Blennorrhoe
der Nasen-, Kehlkopf- und Luftröhrenschleimhaut auf eine gemein-
same Ursache zurückzuführen, welcher Ansicht sich auch G. schon
1878 *) und 1. c. zuneigte. Jedenfalls ist es jetzt noch das wichtigste,
mehr histologische Befunde über Fälle von Sklerom des Larynx
und der Trachea besonders ohne Complication mit Khino^klerom
zu bekommen und die etwaige Infectionsfähigkeit der Secrete bei
Blennorrhöa chronica der Nasen- und Luftröhrenschleimhaut und bei
Bhinosklerom zu untersuchen.
Ich möchte dabei besonders aufmerksam machen auf den
4. Fall in meiner schon erwähnten Publication.
„Der Kranke Hekele Johann, 32 J. alt, gab an, seit 20 Jahren
öfters an Verstopfung der Nase und seit 14 Jahren an wechselnden
Atembeschwerden zu leiden. Seine Mutter hatte ebenfalls öfters
Athembehinderung.
Eine seiner Schwestern erstickte in ihrem 17. Jahre und litt
an Ozaena. Die zweite starb 1872 im allgemeinen Krankenhause
in Wien und litt auch an schwerem Athem. Nach dorn Sections-
protokolle 589G2 fand sich bei ihr eine leider nicht näher bezeich-
nete oder untersuchte Tracheitis und war die Tracheotomie ge-
macht worden".
Der Gedanke, dass es sich hier vielleicht um eine Infection
gehandelt habe, liegt doch sehr nahe.
l) -Zur Lehre von den Kehlkopfstenosen". Prager med. Wochenschrift
1878, Nr. 45.
184 Chiari. Stenose bei Rhinosklerom.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. I. Laiynx und Trachea Yon vorne aufgeschnitten.
Fig. 2. Schnitt durch die verdickte Schleimhaut der Trachea. Hartnack Oc.
3. Obj. 4.
ep geschichtetes Plattenepithel.
p Papillen.
n narbige Bindegewebslager.
i Rundzellen-Infiltrat.
k Knorpelinseln.
kn Knochentbeilchen mit
m Markraum.
er Ecchondrose.
d Drtisenacini.
/ Fettgewebe.
t Trachealknorpel.
Fig. 3. Uebergang des Bindegewebes in Knorpel und Knochen. Hartnack Oc.
3. Obj. 8.
b Bindegewebe.
k Knorpel mit durch Karmin gefärbter Intercellularsubstanz.
v Uebergangsschichte vom Knorpel zum Knochen. Die Intercel-
lularsubstanz ist verkalkt und nimmt die Karminfärbung nicht
mehr an.
z darin liegende Zellen, um welche herum noch ein sternförmi-
ger Kaum die Karminfärbung etwas annimmt.
Kn Knochenspange mit typisch ausgebildeten Knochenkörperchen.
m Markrauminhalt.
. ti •■ •*r.:/ "»•■:. ^. •••.a..:
e>."
*conish; Adekin i:
XL
Beiträge zur Histiologie der Hornhaut.
Von
Dr. Johannes Hoene,
kais. russischem Regimentsarzte ans Plotzk (rass. Polen).
(Alfi 22. März 1882 von der Kedaction übernommen.)
Mit 4 zihkographischen Abbildungen.
Ich habe die Untersuchungen, über welche hier berichtet wer-
den soll, aufgenommen, um mir Aufschluss zu verschaffen über
die Veränderungen, welche die Substantia propria der Hornhaut im
Alter des Thieres erleidet.
Ich fing meine Untersuchungen zunächst mit Hornhäuten
junger Thiere an und wurde dabei mit einigen anatomischen Eigen-
tümlichkeiten der Durchschnittsbilder bekannt, mit Eigenthümlich-
keiten, welche bis jetzt von den Histiologen nicht genügend ge-
würdigt worden sind.
Ich muss jedoch, bevor ich an die Mittheilung dieser Unter-
suchungen gehe, eine Vorfrage erledigen, und die ist: Gelangt der
lamellöse Bau der Hornhaut auf Durchschnittsbildern derselben
zum Ausdrucke?
Fast alle Histiologen, welche sich mit dieser Frage beschäf-
tigten, gaben ihre Meinung im positiven Sinne ab. Unterzieht man
aber die Belege, welche für diese Aussage geltend gemacht werden,
einer näheren Prüfung, so ergibt es sich alsbald, dass dieselben
mehr theoretischen Betrachtungen als anatomischen Untersuchun-
gen entstammen. Es war den Histiologen vor Allem darum zu thun,
die Flächenbilder der Hornhaut mit den Durchschnittsbildern in
Einklang zu bringen. Da man sich hiebei nur von Speculationen
leiten Hess, so kam es, dass, sowie die Vorstellungen über die
\Hiy Hoene.
Structur der Flächenschnitte eine Wandlung erfahren, auch die
Deutung der Durchschnit^bilder. sich anders gestaltete.
Solange man der Meinung huldigte, dass die Hornhaut aus
bindegewebigen Blättern bestehe, fasste man die auf den Durch-
schnittsbildern zu Tage tretenden Linien als Durchschnittsbilder der
Lamellen auf. Als aber später die Behauptung aufgestellt wurde,
dass die Lamellen durch eine Kittsubstanz mit einander verbunden
werden, wurden dieselben Linien für Durchschnitte der Kittsub-
stanzlamellen angesehen.
Ich will gleich hier bemerken, dass die Angabe, die Lamellen
seien durch Kitt verbunden, gleichfalls nur auf Speculationen fusst.
Man hatte in Erfahrung gebracht, dass Hornhäute nach Mace-
ration in gewissen Flüssigkeiten leichter in Lamellen zerlegt werden
können und scbloss daraus, dass durch die Macerationsflüssigkeit
ein zwischen den Lamellen vorhandener Kitt gelöst, und dadurch
der Zusammenhang der Lamellen aufgehoben werde.
Diese Schlussfolgerung war aber keineswegs berechtigt. Die
verschiedensten Gewebe können nach Maceratiou in bestimmten Flüs-
sigkeiten eine grössere Spaltbarkeit nach irgend einer Richtung auf-
weisen, ohne dass es irgend einem Histiologen beigefallen wäre, dies
durch Losung einer Kittsubstanz zu erklären. Ich will hier nur den
Zerfall von Sehnenquerschnitten in die sogenannten Donder'schen
Bänder in Erinnerung bringen.
Es ist somit ein zwingender Beweis für das Vorhandensein
einer Kittsubstanz zwischen den Lamellen für die Flächenbilder so-
wohl, wie für die Durchscbnittsbilder, nicht erbracht.
Das erwähnte Liniensystem ist aber noch in einer anderen
Weise erklärt worden. Man sagte — es ist dies die dritte Deutung, —
dass weder die Bindegewebs-, noch die Kittlamellen auf Durch-
schnitten sich bemerkbar machen, sondern dass die in Rede stehen-
den Linien den Grenzen zwischen den Fibrillenbündeln entsprechen.
Es erhellt aus dem Voranstellenden, dass man bis zum heuti-
gen Tage zu einer einheitlichen Deutung der Durchschnittsbilder
nicht gelangt ist.
Um mir in dieser Angelegenheit einen Aufschluss zu ver-
schaffen, habe ich, wie folgt, untersucht.
Ich zerth eilte in Alkohol gehärtete Hornhäute jüngerer Thiere
(Hund, Katze, Kaninchen und Mensch) in möglichst dünne Schnitte,
Beiträge der Hietiologiü der Hornhaut.
187
färbte sie nach bekannter Weise in Karmin und brachte sie hier-
auf für einige Stunden in concentrirte Essigsäure. Die Präparate
wurden dann in stark angesäuertes Glyeerin eingelegt und mit
Hartnack's Immersionslinse Kr. 10 untersucht.
Fig. 1 fuhrt das Bild eines dieser Präparate vor. Man erblickt
an solchen Präparaten die bekannten Durch schuittsbilder der Horu-
hautzellen und zwischen ihnen die Grundsubstanz, durchzogeu von
ungefärbten, äusserst zart contourirteu Linien von wechselnder Dicke.
Verfolgt man zwei benachbarte Linien des Genaueren, so ergibt es
sich oft, dass dieselben auf einer beträchtlichen Strecke parallel mit
den Reihen der Hornhautzellen verlauten, sich hierauf immer mehr
einander nähern und endlich zu einer dickeren Linie sich vereinigen.
Filf. !■
Diese schlägt wieder eine Strecke weit einen zu den Horuhautzeülen
parallelen Lauf ein, spaltet sich dann in zwei oder mehrere Linien,
welche unter sich oder mit anderen benachbarten Linien Verbin-
dungen eingehen. Kurz das Liniensystem setzt sich keineswegs
aus parallelen, von einander vollständig getrennten Strichen zu-
sammen, sondern die Linien können vielmehr untereinander die
mannigfachsten Anastomosen eingeben.
Ich habe mich bis jetzt immer der Bezeichnung „Linien" be-
dient. Ich habe diesen Terminus aber nur aus dem Grunde gewählt,
weil ich den anatomischen Verhältnissen, wie sie sich unter Hart-
nack's Immersionslinse Nr. 10 präseutiren, gerecht worden wollte.
188 . Hoenc.
Wählt man zur Untersuchung eine 1200 — 1500fache, lineare
Vergrösserung, dann lassen sich die erwähnten Linien mit voller
Bestimmtheit als die Durchschnitte zarter Platten oder Lamellen
auflösen.
Diese Vergrösserung lehrt aber noch etwas Anderes. Verfolgt
man den Durchschnitt einer dickeren Platte in die Tiefe, so wird
man gewahr, dass in ihrer Substanz mit Eineramale ein Hornhaut-
körperchen auftaucht, welches bei tieferer Einstellung wieder ver-
schwindet. Besonders instructiv erscheinen diese Verhältnisse an
Platten, welche von dem Messer in schiefer Richtung getroffen wor-
den sind.
Es kann somit keinem Zweifel unterzogen werden, dass in
die stärkeren Platten die Hornhautkörperchen eingetragen sind.
Wir müssen demgemäss der Vorstellung Raum geben, dass die
Grundsubstanz der Hornhaut von einem aus Platten bestehenden
Fachwerke durchsetzt wird, und dass in den dickeren Wänden des-
selben die Hornhautzellen eingeschaltet sind.
Es fragt sich nun, welche Bedeutimg kommt diesem Systeme
von Platten zu?
Erwägt man, dass die Präparate, an welchen die in Rede
stehenden Plattendurchschnitte zu beobachten sind, der Einwirkung
concentrirter Essigsäure ausgesetzt waren, so wird man sich nicht
leicht zu der Annahme entschliessen können, dass jene Platteu
aus Bindegewebe bestehen; denn Bindegewebs-Fibrillen quellen in
Säuren auf, und ihre Contouren entziehen sich dann der Sichtbarkeit.
Ueberdies müsste des Weiteren angenommen werden, dass einzelne
Hornhautlamellen fachartig angeordnet seien. Dies wäre eine An-
nahme, welche sich mit den an Flächenbildern gewonnenen Vor-
stellungen nicht in Einklang bringen Hesse.
Würde man andererseits der Meinung Raum geben, dass die
erwähnten Platten eine interlamellöse Kittsubstanz repräsentiren,
so würde eine solche Auffassung mit Alldem, was bis jetzt über
die Schichtung der Hornhaut sicher gestellt ist, in Widerspruch
gerathen. Man müsste beispielsweise annehmen, dass den Lamellen
die Dimensionen schmaler, bandförmiger Streifen zukommen, oder
aber dass sie Blätter von beträchtlicher Dicke vorstellen, welche
gegen die Ränder zu sich plötzlich verdünnen.
Beiträge zur Histiologie der Hornhaut. 189
Diese Erwägungen sind somit der Auffassung, dass das Linien-
system bindegewebigen Lamellen oder Kittplatten entspreche, nicht
günstig. Ich verfuge aber über zwingendere Beweise, welche unzweifel-
haft darthun, dass das Liniensystem weder durch die Gegenwart
von Bindegewebslamellen, noch durch die Gegenwart einer Kitt-
substanz bedingt sein kann.
Durchmustert man die Schnitte mit stärkeren Immersions-
linsen, so wird man in der Grundsubstanz hie und da kleiner
glänzender Punkte ansichtig, welche, wie die Handhabung der
Stellschraube lehrt, Querschnitten von feinen Fäden entsprechen.
Die Fäden nehmen ihren Ursprung aus den erwähnten Platten,
durchziehen nach allen Kichtungen die Grundsubstanz, geben auf
diesem Wege Aeste ab, welche sich wieder in benachbarte Platten
einsenken. Wir müssen demgemäss uns vorstellen, dass von den
Wänden des die Grundsubstanz durchsetzenden Fachwerkes zahl-
reiche Fädchen entspringen, welche die mit Grundsubstanz erfüllten
Fächer nach den mannigfachsten Kichtungen durchstreifen. Auf
Fig. 1 sind die punktförmigen Querschnitte ersichtlich gemacht.
Diese Beobachtung stellt es ausser allem Zweifel, dass das Linien-
system weder auf Hornhautlamellen, noch auf einen interlamellösen
Kitt zurückgeführt werden kann.
Die eben erwähnte anatomische Anordnung macht es vielmehr
in hohem Grade wahrscheinlich, dass wir in dem Plattensystem
und den aus ihm entspringenden Fädchen nichts anderes vor uns
haben, als die band- und fadenförmigen Ausläufer der Horn-
hautzellen.
Für die Eichtigkeit dieser Deutung kann ich noch andere Be-
lege namhaft machen. Sowohl die Platten, wie die Fädchen er-
scheinen in Hornhäuten neugeborener Kaninchen und Hunde nach
protrahirter Goldfärbung (20 Minuten) gefärbt.
Die Hornhautzellen bieten dann auf Durchschnittsbildern der
Hornhaut das Ansehen von Zellen mit Fortsätzen, Bilder wie sie
schon des Oefteren beschrieben und abgebildet worden sind.
Man war bis heute ausser Stande zu erklären, warum die
Ausläufer der Zellen an Durchschnitten der Substantia propria nur
ausnahmsweise wahrzunehmen seien, für gewöhnlich aber sich der
Sichtbarkeit entziehen. Wir wissen aber jetzt, dass die Ausläufer
nicht unsichtbar sind, sie gelangen vielmehr an jedem Durchschnitte
i
190 Hoene.
zur Beobachtung. Da man aber die Zellfortsätze zumeist wegen
ungenügender Präparation nur undeutlich gesehen hatte, wurden
sie bald der Kittsubstanz, bald den Lamellen, bald den interfibril-
lären Spalten beigezählt.
Bei noch jüngeren Thieren erscheinen die Zellfortsätze auch
an Karminpräparaten gefärbt. Je älter die Hornhaut wird, um
so mehr büsseo die Ausläufer ihre Tinctionfähigkeit für Gold- und
Karminlösungen ein.
Es vollzieht sich diese Erscheinung nicht an allen Fortsätzen
gleich schnell. Ich begegnete des Oefteren Hornhäuten, deren Durch-
schnitte nach Behandlung mit den genannten Farbstoffen einzelne
Ausläufer gefärbt, andere wieder ungefärbt zeigten.
Ich resumire noch einmal: An Durchsclinittspräparaten von
Hornhäuten (der von mir untersuchten Thiere) gelangen weder die
Durchschnitte der Bindegewebs- noch der Kittsubstanz-Lamellen
zur Ansicht.
Diese Aussage ist aber nur insoferne richtig, als sie sich auf
Durchschnittsbilder bezieht, wie man sie bis jetzt herzustellen ge-
wohnt war. Präparirt man aber in der Weise, wie es Spina *) für
den Knorpel angegeben hat, dann wird der lamellöse Bau auch an
Durchschnitten ersichtlich. Die Präparationsmethode besteht darin,
dass in Alkohol gehärtete Hornhäute in Oelwachs eingebettet, in
Schnitte zerlegt und wieder in Alkohol mikroskopirt werden.
Die Präparate geben dann eine äusserst zarte Streifung zu
erkennen. Unter stärkeren Vergrösserungen sieht man zart punktirte
Bänder mit glänzenden, leicht gestreiften Lagen alterniren. Die
Handhabung der Stellschraube zeigt auf das bestimmteste, dass
jene Punkte Querschnitten von Fibrillen, die gestreiften Bänder
aber längs oder schief getroffenen Fibrillenzügen entsprechen. Die
Lamellen sind äusserst dünn und bestehen oft nur aus einer Lage
von Fibrillen. Eine Kittsubstanz ist auch jetzt nicht zu sehen.
Setzt man zu einem solchen Schnitte während der mikroskopischen
Beobachtung einen Tropfen Essigsäure zu, dann quellen die punk-
tirten und gestreiften. Schichten auf, ein Beweis, • dass wir es hier
thatsächlich mit geschichtetem Bindegewebe zu thun haben.
') Sitzungsb. der k. Acad. d. Wissenschaften. Wien, Bd. 80.
Beiträge zur Histiologie der Hornhaut. 191
Es kann somit nicht im geringsten bezweifelt werden, dass
die bindegewebigen Lamellen auf Durchschnittspräparaten unter
geeigneten Umständen dargestellt werden können.
Es fragt sich nun, ob die an Alkoholpräparaten zu Tage tre-
tende Schichtung den natürlichen Verhältnissen entspricht.
Ich muss diese Frage auf Grundlage folgender Beobachtungen
verneinen:
a) Eine frisch angeschnittene Hornhaut lässt sich nicht in
Blätter zerlegen.
b) Untersucht man die Substantia propria der frisch präpa-
rirten und in eine Falte geschlagenen Froschhornhaut in Blutserum,
so wird man, wenn man rasch gearbeitet hatte, die Grundsubstanz
nicht lamellirt finden. Erst wenn die Hornhaut längere Zeit auf
dem Objectträger liegt, und die Hornhautkörperchen anfangen in
grösserer Zahl sichtbar zu werden, dann erst nimmt die Grund-
substanz ein lameüöses Aussehen an. Aber selbst dieses letztere muss
nicht nothwendig auf eine Zusammensetzung der Substantia propria
aus Lamellen bezogen werden. Es kann ja die lamellöse Structur
der Hornhaut auf Faltenbildern ebenso zu Stande kommen wie
an den oben besprochenen Durchschnittspräparaten der todten
Hornhäute.
Es erübrigt dem Gesagten zu Folge nur die Annahme, dass
die lebende Substantia propria die Fähigkeit besitzt, post mortem
in Lamellen zu zerfallen. Diese Schlussfolgerung lässt sich des
Weiteren zu der von Stricker gemachten Angabe, dass die Grund-
substanz der lebenden, frisch präparirten Hornhaut überhaupt keinen
fibrillären Bau besitze, in Beziehung bringen. Es bilden sich in der
Hornhaut sowohl die FibrilleTi, und wie ich jetzt hinzufüge, auch
die aus Fibrillen bestehenden Blätter oder Lamellen für gewöhnlich
erst dann, wenn die Hornhaut zu leben aufgehört hat oder mit
Agentien getödtet worden ist.
Nach Erledigung dieser anatomischen Vorfrage übergehe ich
nun zu meinem eigentlichen Thema, der Frage nach den Alters-
veränderungen der Hornhaut. Eine dieser Veränderungen habe ich
schon oben mitgetheilt, als ich sagte, dass die Ausläufer der Horn-
hautkörperchen fötaler Hornhäute sich in Karmin sowohl wie in
Goldchlorid färben und dass sie, wie die Untersuchungen entwickelter
Thiere lehrten, dieser Tinctionsfahigkeit später verlustig werden.
Med. Jahrbücher. 1882. j3
192 Hoene.
Dehnt man nun die Untersuchung auf die Hornhäute alter
Menschen (50 bis 60 Jahre) aus, dann bieten die Durchschnitts-
präparate eiu Bild, das mit den allgemein gütigen Vorstellungen
über den Bau der Hornhaut nicht in Einklang zu bringen ist.
Die Horahautzellen erscheinen nicht mehr zu Reihen geordnet,
der Dickendurchmesser derselben ist geringer und ihre Zahl um
ein Beträchtliches kleiner geworden (Fig. 2). Derlei Präparate ge-
währen ein so fremdartiges Aussehen, dass man geneigt wäre, ein
solches Präparat für einen Durchschnitt der Sklera zu halten.
Fig. 2.
Aber noch nach einer anderen Richtung hin zeigen diese
Schnitte eine auffällige Besonderheit.
Die Grundsubstanz erscheint — wie dies aus Fig. 2 zu ersehen
ist — von einem aus Fäden und Platten bestehenden Netzwerk
durchsetzt, welches seinem physikalischen und chemischen Verhal-
ten zu Folge als elastisches Gewebe angesehen werden muss.
Die Anordnung dieses Netzwerkes entspricht in Allem und
Jedem dem bei jüngeren Hornhäuten beschriebenen Systeme der
Zellausläufer. Auch die anatomischen Beziehungen des elastischen
Netzes zu den Horahautzellen gestalten sich in völlig gleicher Weise
wie die Beziehungen der Zellausläufer zu den Zellen in Hornhäu-
ten junger Thiere.
Auf Durchschnitten von menschlichen Hornhäuten jüngerer In-
dividuen fand ich sogar, dass einzelne Ausläufer, welche strecken-
weise noch das früher beschriebene Aussehen zart eontourirter Fäd-
eben boten, mit Finemmale das Aussehen eines elastischen Fadens
annahmen.
Beiträge znr Histiologie der Hornhaut.
Diese Beobachtungen leiten zu der
Schlussfolgerung, dass die Ausläufer der
üorntiautzelleo sich im Laufe des Le-
bens iu elastische Platten und Fäden
umformen.
Es liegen hier also ähnliche Ver-
hältnisse vor, wie sie zuerst von Spina
für die Sehne '), dann von Eavogli -)
für das Bindegewebe der Cutis dargethau
worden sind. Die exceptioneile Stellung,
welche man der Hornhaut unter den
Bindesubstanzen aus dem Grunde auge-
wiesen hatte, weil ihr das elastische
Gewehe abgehe, ist somit durch die er-
wähnten Beobachtungen erschüttert.
Die Hornhaut lässt sieh in das für
die Bindesubstanzen geltende Schema
ebenso einfügen, wie die anderen Gewebe
der Bindesubstanzgruppe.
Ausser der Umwandlung in elasti-
sche Substanz erleiden die Hornhautzel-
len durch das Alter noch eine andere
Ich fand, wonn ich Hornhäute 10
Jahre alter Hunde nach Goldchloridbe-
bandlung in Lamellen zertheilte, dass
die Hornhautzellen, wolcbe am Rande
der Hornhaut zahlreich und massig gross
waren, gegen das Centruin der Cornea
zu kleiner uud seiteuer wurden, bis sie
voHends verschwanden. Au diesen Stel-
len bestand die Hornbaut nur aus Grund-
substanz (Fig. 3), welche stellenweise
von einigen Zell aus! aufern durchsetzt
irar.
■J Mediz. Jahrbücher 18i:t.
') Mediz. Jahrbücher 18"9.
194 Hoene.
Das successive Kleinerwerden der Zellen und das Verschwin-
den derselben scheint wohl darauf hinzudeuten, dass die Hornhaut-
körperchen nach und nach sich in Grundsubstanz umbilden, bis sie
endlich ganz in ihr aufgehen. Zwingendere Beweise stehen mir für
diese Vermuthung nicht zur Verfügung. Ich habe mich auch nach
solchen nicht umgesehen, zumal von Spina 4) rücksichtlich des
Knorpelgewebes mit voller Bestimmtheit gezeigt worden ist, dass
in älteren Knorpeln die Zellen desselben sich zu Grundsubstanz
umformen.
• Die hier besprochenen Altersmetamorphosen der Zellen sind
somit doppelter Art : Die Zellen wandeln sich einerseits in elastische
Substanz, andererseits in Grundsubstanz um.
Analoge Veränderungen erfahrt des Weiteren die junge Horn-
haut im Winter. Ich will jedoch gleich hier betonen, dass diese
Metamorphosen zumal in jungen Hornhäuten bei Weitem nicht
jene Höhe erklimmen, auf welcher man sie an Hornhäuten hoch-
bejahrter Menschen antrifft. Nichts desto weniger sind die Unter-
schiede zwischen einer Winter- und einer Sommer-Cornea gleich
alter Thiere nicht zu verkennen. So sind die Zellen in Winterhorn-
häuten kleiner und seltener als in einer Sommercornea.
Ferner erscheinen die Zellfortsätze in Hornhäuten jenes Alters,
in welchem sie noch tinctionsfähig sind, im Winter ungefärbt.
Ferner wandeln sich jene Zellnetze, welche in der Metamorphose
so weit vorgeschritten sind, dass sie die Tinctionsfähigkeit verloren
haben, während der kalten Jahreszeit in elastisches Gewebe um.
Endlich wird man häufiger im Winter als im Sommer in
Hornhäuten von Säugethieren mittleren Alters Stellen gewahr, die
nur aus Grundsubstanz bestehen. Ein Vergleich zwischen Sommer-
und Winter-Cornea lehrt somit, dass die Hornhautzellen befähigt
sind, entweder als elastische Platten oder als Grundsubstanz zu
überwintern.
Ausser der Aehnlichkeit im Baue ergibt sich noch eine andere
Analogie zwischen einer alten und einer überwinternden Hornhaut,
eine Analogie, welche schon seit Langem bekannt ist. Sowohl über-
winternde wie alte Hornhäute können schwer zur Entzündung ge-
bracht werden.
') Wiener Sitzungsberichte der k. Acad. Bd. 81.
Beiträge zur Histiologie der Hornhaut. 195
Ja im Institute des Herrn Prof. Stricker ist wiederholt die
Erfahrung gemacht worden, dass im Winter Hornhäute junger oder
alter Thiere selbst durchvAetzung mit Kali causticum nicht zur
Eiterung gebracht werden können.
In viel höherem Grade tritt diese Eigentümlichkeit der Win-
tercornea bei Kaltblütlern auf. Stricker *) erzeugte bei Sommer-
karpfen durch Einführung eines Fadens in die Hornhaut schon in
24 Stunden einen Abscess.
Mir wollte es überhaupt nicht gelingen die Cornea von Win-
terkarpfen zur. Eiterung zu bringen, ob ich nun mit einem in
Ammoniak getränkten Faden oder mit Kalistiften die Horn-
haut reizte.
Denselben Misserfolg ergaben Entzündungsversuche an den
Hornhäuten von Tinea vulgaris und Carassius vulgaris. Ganz ohne
Erfolg blieben die Entzündungs versuche allerdings nicht. Ich will
hier nur einer Beobachtung Erwähnung thun, weil sie mir von
allgemeinem Interesse zu sein scheint.
Ich war ausser Stande in normalen Hornhäuten von Winter-
fischen nach Goldchloridbehandlung das von Stricker beschrie-
bene Zellnetz 2) darzustellen, trotzdem dies den Angaben Stricker's
zufolge an Sommerfischen ohne Mühe zu bewerkstelligen ist. Ich
sah in der blassrothen Grundsubstanz nur hie und da dunkelrothe
Fädeben, die sich verzweigten oder mit einander kreuzten.
Ein protoplasmatisches Netz aber in der für die Fische so
eigenthümlichen Configuration trat niemals zu Tage. Erst dann,
wenn ich die Hornhaut durch längere Zeit und zwar durch Ein-
führung eines Fadens gereizt habe, wurde ein protoplasmatisches
Netz an Goldpräparaten sichtbar. In Figur 4 habe ich dieses Netz
abbilden lassen.
Analoge Beobachtungen machte ich an der Wintercornea alter
Hunde nach Aetzung mit Kali causticum, und zwar an den cen-
tralen Partien der Hornhaut, von welchen oben ausgesagt wurde,
dass sie sich durch ihre Zellarmuth auszeichnen.
Durch den Entzündungsreiz wurden Hornhautzellen an diesen
Stellen sichtbar, gleichzeitig erschienen die Zellen an den Band-
*) Med. Jahrbücher 1874.
■) 1. c.
VM>
Hoene. Beitrage zur Histiologie der Hornhaut.
zonen der Hornhaut beträchtlich vergrößert. Auf dieser Stufe
blieben die entzündlichen Vorgänge meistens stehen.
Nichts desto weniger gelang es mir auf einem anderen Wege
auch im Winter in der Sätigethiercornea eine Eiterung hervor-
zubringen.
Fig. 4.
Die Methode ist die folgende. Ich setze mit einem Staar-
messer im Centrum der Cornea des Hundes einen bis in das Paren-
chym derselben reichenden Substanzverlust und bohre in denselben
den zugespitzten Kalistift ein. Derart entzündete Hornhäute zeigen
nach 24 Stunden unter allen Umständen, das Tbier sei jung
oder alt, in der heissen Jahreszeit sowohl wie in der kalten,
die für die Eiterung der Hornhaut charakteristischen, von Stricker
beschriebenen Bilder. Es liegt nahe auzunehmen, dass die nach
dieser Methode bewirkte Reizung intensiver auf das Gewebe der
Hornhaut einwirkt und darum Eiterungen im Gefolge hat.
Zum Schlüsse erlaube ich mir, Herrn Dr. Spina meinen Dank
für den mir ertheilten Beistand während der Zeit dieser Unter-
suchungen auszusprechen.
XII.
Ueber die Aenderungen, welche der Blutdruck des
Menschen in verschiedenen Körperlagen erfährt.
Von
Dr. Slgismund Fried mann.
Aus dem Laboratorium des Prof. v. Basen in Wien.
(Am 17. April 1882 von der Kedaction übernommen.)
Zu den mannigfachen Einflüssen, welche den Kreislauf alteriren,
müssen auch die Aenderungen der Körperlage gezählt werden. So
ist es schon lange bekannt, dass der Puls beim Liegen seltener
und beim Stehen oder Sitzen häufiger werde. In allerletzter Zeit
hat Schapiro *) dem Studium dieser Aenderungen Versuche, die
er auf der Klinik des Professors Eichwald anstellte, gewidmet,
und zwar hat Schapiro in das Bereich seiner Untersuchungen,
die sich auf gesunde und kranke Menschen beziehen, ausser dem
Studium der Pulsfrequenz auch das Studium jener Aenderungen
aufgenommen, die sich unter den erwähnten Umständen in der
Arterienspannung geltend machen. Diesbezüglich bestätigte er die
vornehmlich durch Marey 2) bekannt gewordene Angabe, dass im
Liegen der Blutdruck höher sei, als im Stehen.
Die Ursache dieses Wechsels der Arterienspannung ist bisher
nicht durch den directen Versuch genügend beleuchtet worden,
denn selbst Marey lässt es nur bei folgender Erklärung bewenden :
„Dans Tattitude vertical la pesenteur est favorable au cours du sang
*) Von dem Einfluss der Blntdruckschwankungen auf die Thätigkeit
des Herzens beim gesunden Menschen und in gewissen pathologischen Zustän-
den. Petersburger Zeitschrift Wratsch 1881.
*) La Circulation du sang. Paris 1881.
198 Friedmann.
dans la plupart des regions du corps; eile tend donc ä diminuer la
pression arterielle. Dans l'attitude assise et surtout dans la position
couchöe la pesenteur agit defavorablement sur le cours du sang".
Ehe ich mich der Aufgabe unterzog diese Frage, bez. den
Erklärungsversuch Marey"s an der Hand von Tbierversuchen zu
erörtern, untersuchte ich zunächst, ob sich die erwähnten Unter-
schiede in der Arterienspannung am Menschen auch mittelst des
v. Basch'schen Sphygmomanometers nachweisen Hessen. In dieser
Weise geprüft musste nicht nur die Art, sondern auch die Grösse
der Unterschiede zum deutlichsten Ausdruck gelangen. Ich ging
aber nicht an diese Untersuchung, ohne mich früher in die Me-
thode genügend einzuüben. Zu letzterem Zwecke führte ich an glei-
chen Individuen zahlreiche Messungen aus, vorläufig nur, um mir
die Ueberzeugung zu schaffen, dass ich ihnen vertrauen konnte.
Bei dieser Gelegenheit habe ich mich überzeugt, dass es am ver-
lässlichsten sei, den Puls resp. das Ausbleiben desselben mit dem
tastenden Finger zu controlliren, vorausgesetzt natürlich, dass man
durch längere Uebung es gelernt habe, sich von dem Gefühl des
eigenen Pulses zu emancipiren. Vorsichtshalber wurde stets je
eine Messung zwei und mehrere Male wiederholt.
Diese Messungen ergaben für gleiche Individuen ziemlich
constante Spannungsgrössen der Art. radialis. In Tabelle I sind die
an zwei gesunden Individuen A. und B. unter gleichen Verhält-
nissen und zu gleichen Tageszeiten vorgenommenen Messungen
zusammengestellt.
Es ergab sich also bei A bei 51 innerhalb 10 Tagen vorge-
nommenen Messungen eine Durchschnittszahl von 133*8 Mm. Hg,
während bei dem etwas schwächeren Individuum B bei 48 in dem-
selben Zeiträume vorgenommene Messungen zu einer Durchschnitts-
zahl von 119*8 Mm. Hg führten.
Schon bei diesen Messungen hatte ich wahrgenommen, dass
die unmittelbar nach vorhergegangenen Körperbewegungen vorge-
nommenen Messungen höhere Zahlen ergaben als die nach längerer
Ruhe ausgeführten, und weitere nach dieser Richtung vorgenommene
Versuche, die in der folgenden Tabelle II. zusammengestellt sind,
haben den Einfluss der Bewegungen auf den Blutdruck über allen
Zweifel sichergestellt.
lieber die Aenderungeii des Blutdrucks.
199
Tabelle I.
■n
Zahl
des
Ver-
suches
Tag und
Tageszeit der
Versuche
Durchschnitts-
zahlen aus den
Beobachtungen
in Mm. Hsr
Zahl
des
Ver-
suches
Tag und
Tageszeit der
Versuche
Durchschnitts-
zahlen aus den
Beobachtungen
in Mm. Hg
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
14. November
h. 40 — 42
15. November
h. 10—12
16. November
h. 10—12
17. November
h. 10-12
18. November
h. 10-12
19. November
h. 10-12
21. November
h. 10—12
22. November
h. 10-13
23. November
h. 10—12
24. November
h. 10-12
132
134
133
137
132
133
133
132
132
140
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
17. November
h. 10-12
18. November
h. 10-12
19. November
h. 10-12
21. November
h. 10-12
22. November
h. 10-12
25. November
h. 10—12
28. November
h. 10-12
20. November
h. 10-12
30. November
h. 10—12
1. December
h. 10—12
119
119
119
123
120
122
119
119
119
119
Tabelle IL
Bemerkungen
Blut-
druck
in
Mm. Hg
Bemerkungen
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
1'.
15'.
25'.
OK/
132
148
140
140
136
145
138
45'.
55'.
h. 1-5'.
h. 115.; 135
h. l-25'.j 140
h. 1-35'. 135
unmittelbar zuvor
durch 15 Minuten
geturnt
1
i
Ruhe
3
n
4
r>
5
15 Min. Turnen
6
Ruhe
7
n
8
Nach 5 Min. lan-
gein Turnen
9
Ruhe
•
10
1'.
15'.
25'.
35'.
45'.
55'.
h. 1-5'.
h. 1M5'.
h. 1-2.V.
h. 1-35'.
120
133
128
128
123
135
130
125
125
125
! 15 Min. Turnen
Ruhe
10 Min. Turnen
Ruhe
r>
200 Fried mann.
Durchwegs also steigerte körperliche Bewegung den Blutdruck.
Man muss demnach die Versuche, in denen es sich darum
handelt den Einfluss der Körperlage auf den Blutdruck kennen zu
lernen, erst dann vornehmen, wenn durch längere Buhe des Ver-
suchsindividuums der Blutdruck gleich massig geworden ist.
Folgende 3 Tabellen enthalten die Resultate von Messungen,
die ich au 22 Individuen vorgenommen habe. Aus den Aufschriften
derselben ist ersichtlich, auf welche Körperlagen sich die Messun-
gen beziehen. Zudem sind auch in den Tabellen die Differenzen
verzeichnet, die sich bei Vergleichung der Resultate ergehen.
Tabelle III.
Tabelle IV.
Blutdruck beim Sitzen und Liegen
Blutdruck beim Stehen und Liegen
Zahl der
Blutdruck in
Mm. Hg
Zahl der
Blutdruck in
Mm. Hg.
Beob-
iirllillilj
Sitzen Liegen
Verhält-
llisS/illll
Beob-
H.ilTllIIL-
Stehen
Liegen
Veriiält-
ni-s/iüil
1
130
138
104
1
: -j
128
loa
103
130
105
108
108
133
115
IIa
110
2
108
1)5
1-Oti
2
138
1-08
3
105
112
i-oe
3
115
1-09
4
130
133
1-04
4
US
1-08
5
108
113
104
5
136
1-04
6
IIS
123
1*07
113
1-07
7
112
117
1-04
7
115
1-00
»
1*0
143
1*08
8
ISO
ltO
113
120
l'Ofi
9
140
1-03
10
IIa
12.'i
i-os
10
US
1-08
11
US
ISS
i'oa
U
108
1-11
lg
il»
130
in?
1*
143
108
105
HO
1-27
13
108
US
l'Oi)
13
160
1-10
ii
ii:>
120
1-04
14
ISS
1-12
15
1.15
140
1*83
15
113
1-07
16
IIB
125
10ß
16
124
13(i
1-09
17
101)
wa
1-08
17
125
140
l'll
1B
100
HS
1-15
18
115
132
ru
19
150
(Ol
1-08
19
110
124
1-12
20
Hl
123
1-07
20
SS
108
1-13
2t
HO
11«
1*07
21
110
ISS
1-13
22
128
136
1-06
n
105
HB
1-08
Mittel 1-0(5
23
135
135
1"08
24
IS
2fi
120
95
133
113
16g
MO
WS
t-OG
27
95
108
113
28
100
115
1-15
29
118
1S5
106
Mi
tel 1-1
Ueber die Aenderungen des Blutdrucks.
Tabelle V.
Blutdruck beim Stehen und Sitzen.
201
Zahl der
Beob-
achtung
Blutdruck in Mm. Hg
Zahl der
Beob-
achtung
Blutdruck in Mm. Hg
Stehen
Sitzen
Verhält-
nisszahlen
Stehen
Sitzen
Verhält-
nisszahlen
1
2
3
4
5
6
7
8
128
105
103
127
105
125
105
108
130
108
105
130
408
130
108
115
i-01
1*02
101
102
1-02
1*04
102
1*06
9
10
11
12
13
14
15
16
133
115
9b*
95
145
108
105
124
135
118
100
100
150
114
HO
128
101
1-02
4-04
1-05
1-03
1-05
1:04
1-03
Mittel 1*03.
Wie aus diesen Tabellen zu ersehen ist, stimmen meine Re-
sultate mit den Angaben Schapiro's vollständig überein. Aus
meinen Messungen erhellt jedoch der Unterschied insoferne deut-
licher, als er in Zahlenwerthen ausgedrückt wird.
Aus den 22 Versuchen, die sich auf den Unterschied zwischen
Sitzen und Liegen beziehen, s. Tab. III, ergibt sich ein mittleres
Verhältniss von 1*06.
In den 29 Versuchen, die sich auf Stehen und Liegen bezie-
hen, s. Tab. IV, ist dieser Unterschied viel prägnanter ausgesprochen.
Hier beträgt das Verhältniss zwischen dem Blutdrücke bei beiden
Körperlagen im Durchschnitte 11 Mm.
Am kleinsten ist der Unterschied zwischen dem Blutdruck
beim Stehen und Sitzen. Hier ergaben IG vergleichende Messun-
gen, s. Tab. V, dass das durchschnittliche Verhältniss zwischen dem
Blutdruck beim Sitzen und Stehen nur 103 Mm. beträgt.
Nach der Constatirung dieser Thatsache musste, wenn man sich
nicht ohne weiteres mit der kurzen oben angeführten Erklärung
Marey's zufrieden geben konnte, die Frage aufgeworfen werden, in
welchen mechanischen Bedingungen dieser Unterschied zu suchen sei?
Im Allgemeinen muss es zu einer verminderten Arterien-
spannung kommen, wenn in der Zeiteinheit dem Herzen weniger
Blut zuströmt als aus demselben abströmt. Es kann aber ebenso-
202 Friedmann.
wohl dem vermehrten Abfluss als dem verminderten Zufluss eine
grössere Bolle zukommen.
Welchem von beiden Pactoren bei verticaler Körperlage eine
grössere Bedeutung zukommt, lässt sich a priori schwer entschei-
den, denn wie die Ueberlegung ergibt, kann allerdings beim
Stehen im Sinne Marey's die Schwere des Blutes den Abfluss .
desselben in die Arterienbahnen begünstigen und so zu einer ver-
minderten Spannung in den Arterien fuhren, es ist aber auch mög-
lich, dass im Stehen der Blutstrora in den Venen wegen seiner
der Schwerkraft entgegengesetzten Bichtung bedeutend verlangsamt
wird und dann gerade hierin die Ursache für die Erniedrigung des
Blutdruckes zu suchen ist.
Eine ähnliche Ueberlegung gilt für die Erhöhung der Blut-
spannung im Liegen. Damit eine solche zu Stande komme muss
der Zufluss aus den Venen ins Herz dem Abfluss gegen die
arteriellen Bahnen überwiegen. Dies kann eben so gut durch eine
Erschwerung des arteriellen Abflusses, als durch eine Begünstigung
des venösen Zuflusses erfolgen.
Ohne den directen Versuch ist hier wie früher eine Entschei-
dung immöglich.
Zu den Bedingungen, die während der verschiedenen Körperlagen
geändert werden, gehörtauch die Aspirationsgrösse des Thorax,
denn es ist klar, dass beim Stehen die niedersinkenden Gedärme
das Zwerchfell herabziehen und so den Thoraxraum vergrössern
müssen. Während des Stehens wird also wie man a priori zu
schliessen berechtigt ist, der Best von Triebkraft, den der Venen-
strom vor seiner Einmündung ins Herz besitzt, durch die Thorax-
aspiration einen grösseren Zuwachs erfahren, als im Liegen. Diese
Bedingung kommt selbstverständlich bei Versuchen, die an curari-
sirten Thieren und dem zufolge bei künstlicher Athmung angestellt
werden, nicht zur Geltung. Hier muss die Einwirkung der Schwer-
kraft auf den Blutstrom sich ungetrübt darstellen, und wir unter-
suchten daher zunächst den Einfluss des Stehens und Liegens
auf den Blutdruck an curarisirten Thieren, bei denen die Ke-
spiration durch Einblasen von Luft bewerkstelligt wurde.
Die Thiere (wir benützten zu unseren Versuchen nur Hunde)
wurden auf ein Brett gebunden, die präparirte Carotis mit einem
Qu ecksilber-Manometer in Verbindung gebracht und die Einrichtung
Ueber die Aenderongen des Blutdrucks.
203
getroffen, dass das Brett aus der horizontalen Lage leicht in eine
verticale gebracht werden konnte; in einzelnen Versuchen war die
Einrichtung getroffen, dass die Communicationsstelle der Carotis
mit dem Manometer während der Lageveränderungen immer auf
gleicher Höhe erhalten wurde. Wo dies nicht geschah, wurde vor
dem Versuche die Niveaudifferenz der Carotis bestimmt und nach-
träglich bei den Messungen die nothwendige Correctur angebracht.
Ich lasse hier die Eesultate von 4 derartigen Versuchen und
zwar zunächst von jenem Theil derselben folgen, wo ausser der
Aenderung der Körperlage kein weiterer Eingriff vorgenommen
wurde.
Tabelle VI.
Blutdruck beim curarisirten Hund in horizontaler und verticaler
Lage; kein weiterer Eingriff.
Versuchszahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck in Mm. Hg
horizontal | vertical
Verhält-
nisszahl
I.
1.
154
20
7*5
2.
128
20
64
3.
124
12
10-0
4.
120
38
32
5.
172
122
1*4
6.
160
124
1-2
n.
i.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
96
28
3*4
102
44
23
94
30
30
104
18
38
106
18
5*9
96
14
6-8
100
22
45
102
18
5-6
84
14
6*0
62
8
7*7
76
10
7*6
92
15
6-0
VI.
1.
184
106
1-8
2.
176
114
1-5
3.
196
124
1-6
4.
126
90
1*4
5.
120
44
27
VH | 1. | 170 | HO
1-5
204
Friedmann.
Es ergibt sich also aus allen Versuchen eine mittlere Ver-
hältnisszahl von 4*3 Mm.
Ein quantitativ viel geringeres Verhältniss ergibt sich aus
den in folgender Tabelle zusammengestellten Versuchen, die an
normal athm enden Thieren, die nur der Beruhigung halber mit Mor-
phium narkotisirt waren, vorgenommen wurden.
Tabelle VII.
Blutdruck am mit Morphium narkotisirten Thiere. Unterschied zwi-
schen verticaler und horizontaler Lage; sonst kein Eingriff.
Versuchszahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck in Mm. Hg
horizontal
vertical
Verhält-
nisszahl
in.
IV.
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
104
66
1-57
98
76
1-28
102
86
1-18
112
90
1-24
78
34
2-29
56
42
1-33
72
52
1-40
1.
2.
3.
4.
5.
102
92
117
( 110
74
1-4
112
74
1-49
( 84
60
1-4
94
64
1-4
104
68
1-5
98
50
1-6
V.
1.
104
70
1-48
2.
110
88
1*24
3.
84
50
1*68
1.
128
82
1-50
2.
124
96
1-29
VIII.
Läge, wie.Marey meint, der Hauptgrund für die Blutdrucker-
niedrigung im Stehen, in dem durch die Schwere begünstigten arte-
riellen Abflüsse, dann wäre nicht einzusehen, warum bei curarisirten
Thieren der Blutdruck mehr im Stehen absinkt als bei normal ath-
menden. Der Blutdruck müsste am normal athmenden Thiere gerade
Ueber die Aenderungen des Blutdrucks.
205
wegen des grösseren negativen Druckes, den das Herabziehen des
Zwerchfelles bewirkt, noch viel niedriger sein. Dass dem nicht so
geschieht, lässt sich nur durch die Annahme erklären, dass die
verstärkte Aspiration vielmehr dem gegen die Sichtung der Schwer-
kraft fliessenden Venenstrom zu Gute kommt.
Am curarisirten Thiere, d. i. bei künstlicher Athmung be-
günstigt also die Schwere den Arterienstrom, hemmt aber zugleich
den Venenstrom. Da letzterem hier die Aspiration nicht zu Statten
kommt, muss der Blutdruck beim Stehen eine viel grössere Ein-
busse erfahren.
Aus dem Vergleiche der an normal künstlich athmenden
Thieren angestellten Versuche ergibt sich also, dass die besagten
Aenderungen des Blutdruckes gewiss nicht allein von Aenderungen
des Arterienstroms herrühren, sondern dass auch dem Venenstrom
diesbezüglich ein grosser Anth6Ü zukommt.
Welcher von diesen beiden Einflüssen der überwiegende konnte
nur durch Versuche entschieden werden, in denen man bald den
Arterienstrom, bald den Venenstrom, oder beide zugleich hinderte,
sich an dem Zustandekommen der in Frage stehenden Aenderun-
gen zu betheiligen.
Abklemmimg der Brust-Aorta ist nun, wie meine Versuche
ergeben, am curarisirten Thiere nicht im Stande, das Sinken des
Blutdrucks beim Ueberführen des Körpers aus der horizontalen in
die verticale Lage zu hindern.
Nachfolgende Tabelle gibt hiervon Zeugniss.
Tabelle VIII.
Blutdruck beim Hunde (curar.) in horizontaler und verticaler Lage
Brustaorta comprimirt.
Versuchs-
zahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck in Mm. Hg
Verhältniss-
zahl
horizontal
vertical
IL
1
2
3
140
124
130
38 1 3'7 |
44 2-8 !
32 ; 4-2 ;
VI.
1
2
200
100
158 | 13
136 1*3 ;
vn. i
1 1
180
148 |
1-2
Mittel 2*4.
206
Friedmann.
Im Stehen ist also noch immer der Blutdruck viel kleiner,
als im Liegen. Allerdings ist das mittlere Verhältniss, das hier 2*4
beträgt, etwas kleiner als oben wo es 4*3 ausmachte. Daraus folgt
aber nur, dass auch dem erleichterten arteriellen Abflüsse ebenfalls eine
Bedeutung zukommt, was ja nicht in Abrede gestellt werden soll.
Aehnlich wie am curarisirten Thiere verhält es sich nach
(Kompression der Aorta am normal athm enden, auch hier bleiben
die Unterschiede zwischen Stehen und Liegen nicht aus, nur sind
sie vergleichsweise geringer. Während bei wegsamer Aorta das
mittlere Verhältniss 1*4 betrug, beträgt es hier nur 1*14. Ist die
Aspiration beim Stehen besonders wirksam, was in einigen Fällen
aus der Vergrösserung der respiratorischen Blutdruckschwankungen
ersichtlich ist, dann kann es auch dazu kommen, dass der Zufluss aus
den Venen den Abfluss des arteriellen Blutes überwiegt und dann
in Folge dessen im Stehen der Blutdruck höher wird als im Liegen.
Folgende Tabelle enthält die hierhergehörigen Versuche.
Die Aorta muss bei diesen Versuchen extrapleural präparirt
werden, ein Unternehmen, das grosse Vorsicht und Uebung erfordert.
Ueber Ausfuhrung der betreffenden Operation wird an anderer Stelle
berichtet werden.
Tabelle EX.
Blutdruck beim Hunde in horizontaler und verticaler Lage
(Morphium-Narkose) Brustaorta comprimirt.
Versuchs-
zahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck in Mm. Hg
Verhältniss-
zahl
horizontal
vertical
m.
1
2
3
4
5
120
132
140
146
148
100
112
430
130
136
1-20
1*17
1*08
1-12
1*08
•
rv.
1
2
3
114
146
180
88
160
132
1-28
0*90
1-30
Ebensowenig wie die Compression der Aorta kann die Com-
pression der Vena cava ascendens am curarisirten Thiere das Ab-
sinken des Blutdruckes im Stehen und das Steigen beim Liegen
Ueber die Aendeiunsren dos Blutdrucks.
207
aufhalten. Selbstverständlich muss hier der Grund der Blutdrucks-
änderungen grösstenteils in dem vermehrten resp. verminderten
Abfluss des arteriellen Blutes gesucht werden.
Von den betreffenden Verhältnissen gibt die nachfolgende
Tabelle Aufschluss:
Tabelle X.
Blutdruck beim Hunde (curar.) in horizontaler und verticaler Stellung
(Vena cava unterbunden).
Versuchs-
zahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck in Mm. Hg
horizontal
vertical
Verhält-
nisszahl
Anmerkungen
IL
36
26
44
8
8
38
45
32
1-16
Blutdruck im ganzen
sehr klein
Aus demselben Grunde wie früher muss auch am normal ath-
menden Thiere, dem die Vena cava comprimirt wird, der Blutdruck
im Stehen fallen.
Der Unterschied zwischen dem Blutdruck beim Stehen und
Liegen ist wie der Versuch lehrt, sogar hier ein grösserer, wohl nur
deshalb, weil der gewöhnliche Effect der starken Thoraxaspiration,
insoweit derselbe sich auf den vermehrten Blutzufluss aus der Vena
cava bezieht, begreiflicher Weise nicht zur Geltung gelangen kann.
Die folgende Tabelle enthält die Zusammenstellung der Ke-
sultate eines diesbezüglichen Versuches.
Tabelle XL
Blutdruck in horizontaler und verticaler Lage. Morphium -Narkose.
Vena cava obturirt.
Versuchs-
zahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck
im Liegen
in Mm. Hg
Blutdruck
im Stehen
in Mm. Hg
! Verhältniss-
zahl
IX.
1
l
72
68
41
38
1-7
18
Med. Jahrbücher. 1882.
14
208 Friedmann.
Die Compression der V. cava wurde hier in der Weise vorge-
nommen, dass man in dieselbe durch die Vena jugularis eine Bohre
einführte, die in einem kleinen Cautschuckballon endigte. Behufs
Obturation der V. cava wird vom freien Ende der Bohre aus der
Cautschuckballon aufgeblasen.
Die eben angeführten Versuche ergaben, dass weder die Com-
pression der Aorta noch die der Vena cava für sich allein vorge-
nommen im Stande seien die Blutdruckveränderungen aufzuheben,
die unter dem Einflüsse verschiedener Körperlagen erfolgen, und
es erhellt aus ihnen zur Genüge, dass diese Aenderungen als
das Besultat von Vorgängen aufgefasst werden müssen, die den ar-
teriellen sowohl als auch den venösen Blutstrom betreffen. Die Ver-
suche lehrten ferner, dass am curarisirten Thiere die Behinderung
des Venenstromes beim Stehen einen wesentlicheren Factor als der
erleichterte Abfluss gegen die Arterien darstellt, und dass am nor-
mal athmenden Thiere diese Behinderung zum Theile durch die
stärkere Thoraxaspiration zum Theile paralysirt wird.
Die Stichhaltigkeit all dieser Betrachtungen musste aber auch
aus Versuchen hervorgehen, in denen sowohl die Aorta thoracica
als auch die Vena cava ascendens und zwar beide gleichzeitig com-
primirt wurden.
Die bezüglichen Versuche wurden so angestellt, dass zuerst
die Aorta thoracica und dann die Vena cava comprimirt wurde.
Das umgekehrte Verfahren hätte den Blutdruck erst von vornherein
zu sehr erniedrigt, und es wäre nicht möglich gewesen, grössere
Versuchsreihen ohne wesentliche Schädigung des Herzens auszu-
führen.
Die folgenden Tabellen beziehen sich zunächst auf Versuche
am curarisirten Thiere.
Ueber die Aenderungen des Blutdrucks.
209
Tabelle Xu.
Blutdruck beim Hunde (curar.) in horizontaler und verticaler Lage
(Aorta tborac. und Vena cava unterbunden).
Ver-
suchs-
zahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck in
Mm. Hg
Verhält-
nisszahl
hori-
zontal
ver-
tical
n.
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
HO
82
62
100
88
112
106
46
44
40
44
50
36
16
80
62
50
78
84
94
100
50
46
24
38
46
36
16
1-30
1-30
1-20
1-20
105
1-17
1-06
0-90
0-90
1-67
115
1-09
1-00
1-00
Tabelle XHL
Blutdruck beim Hunde (curar.) in horizontaler und verticaler Lage
(Aorta und Vena cava unterbunden).
Ver-
suchs-
zahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck in
Mm. Hg
Verhält-
nisszahl
hori-
zontal
ver-
tical
VII.
2
3
4
5
6
7
8
9
132
86
84
68
80
72
70
72
130
100
80
70
78
76
62
64
1-01
0*86
1*05
0-90
1*02
0*90
1-12
112
14'
210
Friedmans.
Hier existirt also so gut wie kein Unterschied zwischen der
Arterienspannung beim Stehen und Liegen.
Ein fast gleiches Verhältniss ergab sich auch aus dea in nach-
stehender Tabelle zusammengestellten Versuchen, in denen ausser der
Aorta thoracica und Vena cava auch die Vena azygos comprimirt
war, woraus zu entnehmen ist, dass dem Zufluss aus der Vena
azygos hier keine wesentliche Bolle zukommt.
Tabelle XIV.
Blutdruck beim Hunde im Stehen und Liegen (curarisirt).
cava, Vena azygos und Arteria aorta comprimirt.
Vena
Ver-
suchs-
zahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck in
Mm. Hg
hori-
zontal
ver-
tical
Verhält-
nisszahl
vn.
1
100
88
2
68
60
3
68
62
4
76
72
1*10
110
1-09
1-05
vn.
1
96
104
2
96
92
3
67
62
4
69
59
5
66
58
0*90
1-03
1-06
1-15
1-13
In gleicher Weise wie am curarisirten verschwinden auch am
normal athmenden Thiere die Unterschiede, wenn man die Aorta
thoracica sowohl als die Vena ' cava in der beschriebenen Weise
comprimirt. Den diesbezüglichen Versuch habe ich am selben Thiere
ausgeführt, auf den Tabelle IX sich bezieht. Die Besultate waren
folgende :
Tabelle XV.
Thier mit Morphium narkotisirt. (Arteria thorac. und Vena cava
comprimirt.)
Versuchs-
zahl
Zahl der
Beobach-
tungen
Blutdruck in Mm. Hg
Verhält-
nisszahl
horizontal I vertical
IX.
1
2
3
140
134
118
130
128
116
11
101
1-01
Ueber die Aenderungen des Blutdrucks. 211
Die ausserordentlich geringen Unterschiede, die hier sowohl,
wie in den beiden letzten Versuchsreihen bestehen, kommen sowohl
auf Rechnung jener Gefassgebiete, die nach Ausschaltimg der Art.
aorta und der Vena cava resp. der Vena azygos übrig bleiben. Hier-
mit können aber nur jene Gefassgebiete gemeint sein, deren Lage-
veränderung in dem auseinandergesetzten Sinne wirkt, also, wie
leicht einzusehen durchaus nicht das Gefässgebiet des Kopfes.
xm.
■
Ueber die pathologisch-anatomischen Bedingungen des
urämischen Symptomen-Oomplexes bei Nephritiden
von
Dr. Jar. Hlava und Dr. Jos. Thoinayer
Assistent der path. Anatomie Assistent der I. med. Klinik (Prof. Eiselt)
in Prag1.
(Am 1. April 1882 von der Iiedactimi ühernommc-n.)
Die Entstehung des urämischen Sjrmptornenconiplexes erfuhr
wohl schon vielfach eine sehr verschiedene Deutung, doch lassen
sich die ausgesprochenen Ansichten im Allgemeinen in zwei grosse
Gruppen sichten: Für die Einen ist Urämie eine Folge von ßeten-
tion gewisser Harnbestandtheile im Organismus, für die Anderen
nicht. Auf diese Art wurde Arachnitis, seröser Erguss mit oder
ohne vorangehende Blutdrucksteigerung u. A. als Ursache des
urämischen Symptomencomplexes angesehen, wobei allerdings das
Wort „Urämie" uncorrecter Weise gebraucht wird, nachdem es, ob-
zwar es die Theorien bestreiten, doch nur auf eine Intoxication
durch Harnbestandtheile hindeutet. Leider kann man nicht be-
haupten, dass man heute schon die eine oder die andere Theorie
für ausschliesslich richtig erklären könnte. Klinische Erfahrungen
haben in dieser Angelegenheit gewiss ein wichtiges AVort mitzu-
sprechen, aber gerade sie zeigen, dass Urämie unter verschieden-
artigen Bedingungen eintreten könne. Es ist wohl richtig, dass
vielleicht in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle dem Ausbruche
von Urämie ein bedeutendes Sinken der Harnsecretion ja mitunter
vollkommene Anurie vorangeht, aber es gibt auch anscheinend wohl
constatirte Fälle von Urämie, im Verlaufe derer eine reichliche
214 Hlava und Thomayer.
Diurese herrscht und die somit anscheinend nicht so leicht zu
Gunsten der Anschauung, dass Urämie Folge von Betention sei,
verwendet werden können. Fälle, in denen Urämie bei reichlicher
Diurese auftrat, wurden vielfach publicirt und dem entsprechend
für verschiedene Anschauungen verwerthet. Budde1) beobachtete
angeblich fünf Fälle von Urämie, bei denen reichliche Diurese bis
zum Anfange des Anfalles andauerte, in einem Falle soll sogar
unter dem Anfalle die Diurese gestiegen sein (vor* 1200 auf 2000 Com.)
B. wendet sich in Folge dessen gegen die Theorien der Intoxica-
tion mit Extractivstöffen und spricht sich aus für die Theorie von
Traube (Anämie und Oedem des Gehirnes). Auch Strümpell2)
erwähnt urämische Erscheinungen in Fällen, in welchen während
derselben die Diurese an keinem Tage weniger als 1800 Ccm.
betrug. Stricker3) beschreibt einen Fall, in dem bei reichlicher
Diurese und sehr stark gespanntem Puls der Kranke wiederholt
an urämischen Anfallen gelitten hat, wogegen vor dem Tode Anurie
vorherrschte und trotzdem sich keine urämischen Erscheinungen
einstellten. Solcher Fälle gibt es in der Literatur eine grössere
Menge.
Es lässt sich gegen ihre Verwendung für eine bestimmte
Theorie wohl manches einwenden: So sind wohl zur Entscheidung
einer so wichtigen Frage nur Fälle mit Sectionsbefund verwendbar.
Wir kennen einen Fall, der durch längere Zeit an den verschiede-
nen Abtheilungen des hiesigen allgemeinen Krankenhauses beob-
achtet wurde und überall als ein Paradigma von chronisch-inter-
stitieller Nephritis angesehen wurde. Wir haben klinisch Hyper-
trophie des linken Herzens nachweisen können, viel Harn, sehr
wenig Albumen, sehr wenig Formelemente, und trotzdem handelte
es sich in diesem Falle, wie später die Section ergab, um eine
selbstständige Hypertrophie des linken Herzens mit massiger Indura-
tion der Nieren. Dieser Fall beweist hinreichend, wie leicht man
sich beim Lebenden täuschen könne, und dass man somit zu ange-
deuteten Zwecken nur Fälle mit Obductionsbefunden verwenden
müsse.
*) Ref. in Virch. Hirsch Jahresb. I. p. 347.
*) Bemerkungen über die Urämie etc. Archiv für Heilkunde XVI.
1876, p. 39.
*) Stricker, Nephritis interst. im 3. St. Neue Charitä-AnnaJen I. p. $65.
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 215
Zweitens kann man doch nicht beweisen, dass nervöse, im
Verlaufe von Nephritis vorkommende Erscheinungen immer den
gleichen Ursprung und dieselbe Bedeutung besitzen. Wollte man
es thun, so müsste die Pathogenese derselben etwas klarer sein,
als sie es de facto ist. Nicht alle im Verlaufe von Lungentuber-
culose beobachtete nervöse Erscheinungen entsprechen gleich schon
der Tuberculose des Gehirnes und seiner Hüllen, möglicher Weise
sind auch nicht alle im Verlaufe von Nephritis beobachtete Kopf-
schmerzen, Krämpfe etc. urämischen Ursprunges. Nebenbei kann
man doch nicht in gegebenem Falle bestimmen, welches Symptom
bereits als Ausdruck von Urämie zu gelten habe.
Drittens endlich widerspricht ja reichliche Diurese nicht gar so
entschieden der Möglichkeit von Betention gewisser Harnbestandtheile.
Wären wir an die Ludwig'sche Theorie der Harnsecretion aus-
schliesslich gewiesen, so würden wir uns allerdings Diurese und
Betention von Harnbestandtheilen schwierig erklären können. Dies
sind wir aber keinesfalls.
Die Theorie Ludwig' s wurde bekanntlich durch Heidenhein
derartig entkräftet, dass man sie unmöglich für ausreichend betrach-
ten kann. Heidenhein selbst hält die ältere Anschauung von
Bowman aufrecht und hat dieselbe durch imposante Beob-
achtungen erhärtet1). Man kann kurz sagen: Nach den Auseinan-
dersetzungen von Heidenhein ist anzunehmen, dass die Malpighi-
schen Knäuel das Harnwasser und gewisse Salze; die Epithelien
der gewundenen Schläuche dagegen die specifischen Harnbestand-
theile absondern. Wohl wurde die diesbezügliche Beweisführung
Heidenhein's theilweise in Frage gestellt, indem Pautynski8) und
Henschen3) bei ihren Untersuchungen wiederholt gefunden haben,
dass Indigcarmin nicht ausschliesslich von den Epithelien der Haru-
kan&lchen abgesondert werde, sondern auch durch die Malpighi'schen
Knäuel zeitweise durchtrete (wogegen Heidenhein bei seinen
Thierversuchen nur das erstere gefunden hatte), doch hat Grützner4)
nach minutiöser Analyse beider Arbeiten nachgewieson, dass die
Befunde von Pautynski und Henschen pathologischen Verhält-
') u. a. Herrmann, Handbuch der Phys. V. 1. 1880.
*) Arch. für path. Anatomie Bd. 79. 1880, p. 390.
•) Ref. in Virch. Hirsch Jahresber. 1880, 1. p. 146.
*) Pflüger's Archiv 1881, XXIV. p. 140.
210 Hlava und Thomaver.
nissen entsprechen und somit unmöglich auf physiologische Ver-
hältnisse einen Rückschluss gestatten. — Die Theorie von Bow-
man- Heidenhein ist aber für unsere Zwecke sehr gut ver-
werthbar. Ist Urämie Folge von Retention gewisser Harnbestand-
theile im menschlichen Organismus, so kann sie nach der Theorie
von Bowman-Heidenhein sehr gut erklärt werden, selbst dann,
wenn während der urämischen Erscheinungen die Harnmenge nicht
sinkt. Denn, man kann sich in diesem Falle vorstellen, dass die
Glomeruli nur wenig verändert sind, wogegen das Epithel der ge-
wundenen Kanälchen gestört sein kann, ein Zustand wie er that-
sächlich bei grosser weisser Niere vorkommt.
Urämie mit Abnahme der Harnsecretion würde unter diesen
Umständen Veränderung sowohl der Epithelien, als der Mal-
pighf sehen Knäuel voraussetzen, kurz man würde unter diesen
Umständen immerhin Retention von Harnbestandtheilen annehmen
können.
Jedoch setzen wir voraus, dass keiner dieser Einwände hinreichend
stichhältig sei, um eine andere Möglichkeit der Entstehung von
Urämie auszuschliessen, und zugestanden, dass Urämie in gewissen
Fällen beispielweise von der Einwirkung des Blutdruckes auf das
Gehirn abhängig sei, so wird man doch in anderen Fällen nicht
in Abrede stellen können, dass Verminderung der Harnsecretion
dem Ausbruche der Urämie vorangeht. Klinische Erfahrung und
Experiment stehen da vollkommen in Einklang. Wir brauchen nur
auf die Erscheinungen bei Cholera-Nephritis, bei acuter Nephritis
hinzuweisen, um die nöthigen Belege zu finden. Desgleichen gilt
auch von den experimentellen Untersuchungen, wie es beispielsweise
die neueste Arbeit über Urämie beweist ').
Feltz und Ritter haben eine grössere Anzahl der früher ge-
machten Versuche wiederholt und haben abermals gefunden, dass
nach Unterbindung von beiden Nierenschlagadern eclamptische An-
falle, Coma und Tod erfolgen. Desgleichen fanden sie, dass Injection
von reinem, frischen Harne, wenn die injicirte Menge dem binnen
24 Stunden secernirten Quantum entsprach, rasch nervöse Erschei-
nungen und selbst Tod zur Folge habe. Hiebei schlössen sie aus,
') V. Feltz et E. Ritter: De ruremie experi mentale. Paris, Berger-
Lcvrault i«St.
Symptomen -Complex bei Nepliritiden. 217
dass der injicirte Harn seine Schädlichkeit lediglich dem Wasser-
gehalte verdanke, indem gleiche Menge von Wasser den Ausbruch
der nervösen Erscheinungen nicht beschleunigte, dagegen concen-
trirter Harn viel intensiver wirkte als unveränderter. Es ist für
unsere Zwecke gleichgiltig, dass Feltz und Ritter Kaliumsalze
des Harnes als das eigentliche giftige Agens des Harnes betrachten
und dies durch eine Reihe sorgfältig ausgeführter Versuche zu be-
weisen trachten. Für unsere Zwecke genügt es vollständig, dass
sie neuerdings die giftige Einwirkung des Harnes auf den mensch-
lichen Organismus nachgewiesen haben, und dass somit Reten-
tion des Harnes als ein keineswegs gleichgiltigor Zu stand
gelten muss.
Es ist uns wohl bekannt, dass Fälle angeführt wurden, in
denen trotz Nephritis und Anurie keinerlei urämische Erscheinungen
aufgetreten sind, jedoch betrachton wir alle Fälle nicht als bewei-
send und anderestheils sind ja im menschlichen Organismus hin-
reichend viele andere Wege geboten, auf denen gewisse schädliche
Stoffe unter gewissen Bedingungen ausgeschieden werden können.
Wenn ein Lungenschwindsüchtiger, der nebenbei au interstitieller
Nephritis und amyloider Degeneration leidet, nach 132 Stunden
angeblich completer Anurie ohne urämische Erscheinungen zu Grunde
geht (Budde 1. c), so kann man wohl schon annehmen, dass noch
andere Verhältnisse geherrscht haben mochten, die das Ausbleiben
von Urämie verursachten ; denn zum Zustandekommen von nervösen
Erscheinungen gehört ja neben dem Reagens noch das prompt rea-
girende Nervensystem.
Andererseits ist es beispielsweise bekannt, dass bei hysterischer
Ischurie in den erbrochenen Massen die Anwesenheit einer gewissen
Quantität Harnstoff nachgewiesen wurde ').
Soviel glaubten wir vorausschicken zu müssen, ehe wir zum
eigentlichen Gegenstand unserer Untersuchungen gelangen. Wir leg-
ten uns bei diesen die Frage vor, ob der Existenz des urämischen
Symtomencomplexes bei Nephritis dio Anwesenheit bestimmter ana-
tomischer Veränderungen in den Nieren zu Grunde liege, und ob
solche Veränderungen wenn sie vorliegen in causalen Nexus mit
!) Charcot, klinische Vorlesungen über Krankheiten des Nervensystems,
putsch von B. Fetzer. 1876. I. p. 287.
218 Hlava und Thomayer.
der Urämie gebracht werden können. Diese Frage ist gewiss keines-
wegs unwichtig, denn, wenn man nachweisen kann, dass solche
Veränderungen thatsächlich existiren, so gewinnt die Lehre von
der Urämie einen viel festeren Boden. Die Literatur gibt zu dieser
Frage nur eine unbefriedigende Antwort. Zumeist war man ja
vorwiegend mit der chemischen oder wenn man will, mit der toxi-
cologischen Seite des Processes beschäftigt und wenn man schon
die eigentliche Entstehung berücksichtigte, so waren es nur physio-
logische Hypothesen über Blutdruck und dessen Verhältnisse, die
man in Betracht zog.
Ueber die anatomischen Bedingungen der Urämie finden wir
Notizen vor Allem bei Charcot1) und Klebs2). Der Erstere
glaubt annehmen zu können, dass plötzliches Sinken des Blutdruckes
die Harnsecretion vermindern könne, worauf dann Urämie durch
Besorption einzelner Harnbestandtheile entstehe. Uebrigens gibt
Charcot zu, dass der Mechanismus ein weit complicirterer sein
könne. Er sagt 1. c. Seite 318 wörtlich: „On peut se demander
si T accumulation d' un grand nombre des cylindres hyalins ou
cireux retenus dans les canalicules uriniföres ne peut pas quelquefois
d^terminer la production de l'uremie". Dabei stützt er sich auf
Bartels, der in manchen Fällen von Urämie keine Cylinder im
Harne gefunden hat.
Auch Klebs berührt bei der Glomerulonephritis ein ursäch-
liches anatomisches Moment für die Entstehung von Urämie. Wie
bekannt, hat Klebs Glomerulonephritis als eine neue Form den
Nierenentzündungen hinzugefügt, welche sich dadurch charakterisirt,
dass die hauptsächlichsten Veränderungen im Glomerulus vorkom-
men. Dieselben geben sich kund durch Wucherung des Stützgewe-
bes, das später schrumpfend die Obsolescirung des Knäuels zur
Folge hat. Klebs meint bei dieser Gelegenheit, dass eine solche
Compression der Gefässe hinlänglich die Anurie und hiemit Urämie
erkläre. Der Annahme einer solchen Glomerulonephritis wider-
strebten besonders die deutschen Autoren und unter diesen neuer-
dings Bibbert in seiner Arbeit: Albuminurie und Nephritis (1881),
*) Le9ons sur les maladies du foie et des reins 1877, p. 318.
*) Handbuch d. path. Anatomie 3. Lief. 1879, p. 646,
Symptomen- Complex bei Nephritiden. 219
doch wurden, hauptsächlich von englischen Forschern, solche For-
men vielfach constatirt.
Dem ungeachtet können wir diese Frage als eine noch
offene betrachten, trotzdem wir nicht die Exactheit der Klebs'schen
Anschauung bezweifeln. Es sind ja, wie bekannt, Fälle von Glome-
rulonephritis in diesem Sinne nicht ein so häufiger Befund. Aber
so viel ist sicher, dass die Erklärungsweise der Entstehung von
Urämie, wie sie Klebs für diese Fälle gegeben, eine vollständig
hinreichende war. Bartels1) spricht sich nur allgemein über die
Entstehungsweise der Urämie aus und glaubt, (1. c. p. 480)
dass für die vorübergehende Urämie die Ursache ausserhalb der
Nieren liege.
Selbst die neueste Arbeit über diesen Gegenstand2) spricht
sich im Ganzen sehr allgemein über die nächsten Ursachen der
Urämie bei Morbus Br. aus. Nach Wagner sind die nächsten Ur-
sachen derselben: „Veränderungen im Nierengewebe (Krankheiten
der Glomeruli, Verstopfung und Verengerung der Harnkanälchen,
Erkrankungen von bis dahin noch normalen Theilen der Nieren-
substanz)" und ferner verschiedene pathologische Zustände, deren
Entstehung an die Veränderungen der Nierensubstanz im Ganzen
nicht gebunden ist. — Eine detaillirte Würdigung der Verhältnisse
in der Niere selbst finden wir bei Wagner nicht.
Es geht somit, wie es uns scheint, aus dieser kurzen Ueber-
sicht hervor, dass wir nur über wenige Arbeiten in der Literatur
verfügen, welche der pathol. anatomischen Seite der Urämie grössere
Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Die Ansicht Charcot's können
wir nicht als stichhältig anerkennen und zwar einerseits wegen des
mikroskopischen Befundes in unseren Fällen, anderseits hatten wir
gerade einen solchen Fall beobachtet, (amyloide Degeneration mit
Nephritis) in dem die gewundenen Kanälchen geradezu mit Cylindern
überfüllt waren und doch keine urämischen Erscheinungen während
des Lebens constatirt wurden. Die Ansicht Klebs' betrifft, vorausge-
setzt, dass eine solche Form von Nephritis existirt, nur eine Abart
der Nephritiden und bezieht sich nicht auf die bei weitem öfters
auftretenden diffusen, acuten und chronischen Formen.
") v. Ziemssen, Handbuch 1877. IX. 1. p. 480.
■) v. Ziemssen, Handbuch 1882. IX. 1. Hälfte p. 72.
220 Hlava und Thomayer.
Unsere Arbeit stützt sich auf die Untersuchung von 22 Fällen
von Nierenentzündung, von welchen bei einigen Urämie während
des Lebens constatirt, bei anderen aber nicht beobachtet wurde.
Wir glauben hiemit genug Material gesammelt zu haben, um daraus
gewisse Schlüsse ziehen zu können.
Bevor wir noch zu der detaillirten Beschreibung der einzelnen
Fälle übergehen, müssen wir gestehen, dass für uns die früheren
Ortes aufgeführten Consequenzen der Bowman-Heidenhein'schen
Theorie nicht bindend waren. Wir haben nur gesagt, dass auf
Grundlage dieser Theorie die Betention der Harnbestandtheile auch
bei reichlicher Diurese erklärt werden könne; doch behaupten wir
deshalb nicht a priori, dass die Veränderungen des Epithels der
gewundenen Eanälchen in jedem Falle die gewichtigsten Momente
darstellen. Denn ein jeder, der die Urämie in ursächlichen Zu-
sammenhang mit der Zerstörung dieses Epithels bringen würde,
könnte ja nicht die vorübergehenden urämischen Airfälle erklären;
es regenerirt sich das zerstörte Epithel gewiss nicht in dem Masse,
dass nach seiner Insufficienz in wenigen Stunden eine vollständige
Bestitution eintreten könnte.
Es war daher nothwendig, sich jeder aprioristischer Annahme
zu enthalten, um ohne Vorurtheil die einzelnen Befunde erklären
zu können.
Wir geben nun vor Allem im Folgenden eine möglichst kurz
gefasste klinische Beschreibung der einzelnen Fälle mit genauerer
Angabe des anatomischen Befundes, um dann auf Grundlage dieser
unsere Theorie aufstellen und begründen zu können.
I. Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophia cor-
dis sinistri. Pneumonia lobi inferioris dextri. Oedema
cerebri. Gastritis interstitialis chronica. Uraemia.
51jähriges Musikersweib erkränkte vor einigen Wochen mit
Magenbeschwerden, auf welche späterhin häufiges Erbrechen folgte.
Klinisch bietet die Patientin das typische Bild einer Granularatro-
phie dar. Viel Harn, der wenig eiweisshältig ist und auch spärliche
hyaline und körnige Cylinder enthält. Der Puls ist voll, gross,
celer. Die Herzdämpfung verbreitert. Beständiges Erbrechen. Nach
sechswöchentlichem Aufenthalte in dem Krankenhause traten plötz-
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 221
lieh heftige Kopfschmerzen auf, sodann mehrfache eclamptisebe
Anfälle und Coma. Tod am 6. December 1880 *).
Aus dem Sectionsbefunde heben wir hervor:
Die linke Niere sehr klein, 71/» Ctm. lang, 4 Ctm. breit,
l1/» Ctm. dick, ist in fettloses Zellgewebe eingehüllt; die Kapsel
ist sehr dick und nur mit Mühe ablösbar; die Oberfläche ist grob-
körnig. Die einzelnen Höcker graugelb, die eingesunkenen Partien
röthlich gelb gefärbt. Die Bindensubstanz ist nur als ein schmaler
Streifen vorhanden und besteht aus derbem festem blassbraun ge-
färbtem Gewebe. Die Pyramiden sind ebenfalls eng und blassviolet.
Die Schleimhaut des Beckens und der Kelche blass, die rechte
Niere etwas grösser als die linke, sonst jedoch von ähnlicher Be-
schaffenheit. Das Gehirn war stark ödematös, durchtränkt, seine
Gonsistenz aber nicht verändert.
Massiges Atherom der Arterien.
Bei der mikroskopischen Untersuchung der in Alkohol gehär-
teten und mit Hämatoxylin gefärbten Nieren, springt sofort in die
Augen eine Bundzellenanhäufung in der nächsten Nähe der Gelasse
und zwar ganz besonders an jenen Stellen, wo die Blut-
gefässe in die Müller'sche Kapsel eintreten, um den Ge-
f ässknäuel zu bilden. Die Interstitien zwischen den einzelnen Harn-
kanälchen sind ungemein breit imd kernreich. Das derbe inter-
stitielle Gewebe, desgleichen auch die frische zellige Infiltration
comprimirte vorzugsweise die gewimdenen Kanälchen, so dass deren
epitheliale Auskleidung in ihrer Continuität gestört ist, indem die
Epithelzellen theils ausgefallen sind, theils von der Wand abgelöst
in Innern der Harnkanäleken liegen. An einzelnen Stellen ist die
Continuität des epithelialen Ueberzuges erhalten, doch bildet diese
einen äusserst schmalen, abgeplatteten Bing, in welchem die ein-
zelnen Zellen ausser dem Kern nur wenig Protoplasma enthalten.
Auch das Epithel der geraden Harnkanäleken scheint abgeplattet
zu sein und ist stellenweise parenchymatös degenerirt. Sowohl in den
gewundenen, als auch in den geraden Harnkanäleken finden wir
reichliche blasse, durchscheinende Cylinder. Betrachten wir die
Schnitte in toto, so sehen wir, dass die eingesunkenen Partien an
der Oberfläche der devastirten -Binde entsprechen, in welcher sich
1) Diesen Fall beobachteten wir auf der Klinik des H. Prot Eiselt.
222 Hlava und Thomayer. "
einerseits obliterirte, hyalin glänzende, bedeutend verkleinerte und
knapp aneinander gereihte Malpighi'sche Knäuel vorfinden, ander-
seits aber breite Bindegewebszüge, die einzelne Lücken besitzen,
welche wir als Ueberreste der stark comprimirten Harnkanälchen
ansehen müssen. Zu erwähnen ist, dass die Kapseln der obliterirten
Knäuel bedeutend verdickt sind und 'eng den geschrumpften Glo-
merulus umschliessen. An den Stellen, die sich als gelblich-graue
Körner an der Oberfläche der Nieren erheben, sind die Glomeruli
ebenfalls verändert. Sie sind daselbst bedeutend grösser als gewöhn-
lich, so dass — um einen Vergleich anzustellen — ein Glomerulus
die HäJfto des Gesichtsfeldes bei Hartnack Oc. 3, Obj. 7 einnimmt.
Der Epithelbelag ist, wie es scheint, bedeutend kernreicher, die
Kapsel umschliesst genau den Knäuel. Um die Glomeruli aber
herum finden wir die grösste Zellinfiltration an den Ein-
trittsstellen der Gefässe.
Um das mikroskopische Bild zu ergänzen, erübrigt uns noch
das Verhältniss der Blutgefässe zu erwähnen. Dieselben zeigen näm-
lich allerlei Abstufungen von Endarteriitis (Friedländer); am
wenigsten scheinen die subcapsularen Gefässe verändert zu sein;
am weitesten sind die Veränderungen in den eingesunkenen Partien
vorgeschritten, daselbst sind nämlich alle Gefässe verdickt und zwar
betrifft die Verdickung grösstentheils das Endothelrohr, an einigen
Stellen jedoch nur die Adventitia. Die Muscularis war in diesem
Falle nicht hypertrophirt.
Dass die kleinzellige Infiltration nicht um jeden Glomerulus
am Schnitte zu sehen ist, erklärt sich aus der Art der Schnitt-
fuhrung, die ja nicht überall den Gefässeintritt trifft. Serienschnitte
zeigten jedoch, dass diese Bundzelleninfiltration an allen noch
halbwegs erhaltenen Glomeruli vorhanden war. — Nebenher fanden
wir in diesem Falle eine interstitielle Gastritis vor *).
IL Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophia cordis
sinistri. Haemorrhagia cer. hemisph. sin. Prolapsus vagi-
nae et uteri.
52jährige Bedienerin. Kein Hydrops. Leichte Dilatation des
linken Herzens mit Hypertrophie; seine Wandungen an 3 Ctm. dick.
l) Hlava und Thomayer, Der Magenbefund bei Nephritis. Zeitschr.
für Heilkunde 1881.
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 223
Klappen zart. Atherom der Aorta. Oedem der Lungen. Gehirn: Pia
blutarm, Seitenventrikel weit, der linke mit frischem Blutgerinnsel
gefüllt, ebenso auch der dritte Ventrikel. Das linksseitige Corpus
striatum so wie auch der gleichnamige Thalamus opticus zerstört
durch eine Hämorrhagie, welche sowohl die innere als auch die
äussere Kapsel zerstörte. Im Nucleus lentiformis dexter zwei kleine
Cystchen. Sonst das Gehirn fest und blutreich. Die Gefässe klaffen
am Schnitte und sind starr.
Die linke Niere klein, ihre Kapsel verdickt. Ihre Oberfläche
ist feinkörnig und gelblichbraun. Die Bindensubstanz eng, blass-
braun. Die Pyramiden abgeplattet, blassviolet. Das Becken und
die Kelche etwas leicht dilatirt und mit klarer Flüssigkeit an-
gefüllt.
Die rechte Niere ebenso beschaffen. Da eine detaillirte Kran-
kengeschichte nicht zu bekommen war, erschien es angezeigt diesen
kurzen Sectionsbericht anzuführen. Soviel konnten wir aber erfah-
ren, dass P. nie urämische Erscheinungen dargeboten hat, auch
nicht gegen das Ende ihres Lebens, das ja durch die umfangreiche
Hürnhämorrhagie hinreichend erklärt ist.
Bei der mikroskopischen Untersuchung der Nieren finden wir
nachfolgendes:
a) Die Harnkanälchen. An Stellen, die hauptsächlichst den
Höckern der Oberfläche entsprechen, ist das Epithel der gewundenen
Harnkanälchen ein wenig getrübt, ohne dass eine Continuitäts-
trennung desselben stattgefunden hätte. An anderen Stellen sind
die Interstitien zwischen den Harnkanälchen bedeutend verbreitert,
das Bindegewebe der Interstitien fest und kernreich. Hier sind die
Harnkanälchen comprimirt, ihre Epithelien zum Theil zerfallen,
zum Theil abgeplattet. Anderwärts umgibt Gruppen von mehr
oder weniger erhaltenen Harnkanälchen ein festes, streifiges Binde*
gewebe, in welchem noch überdies zahlreiche längliche Lücken als
Ueberreste der zerstörten Harnkanälchen sich vorfinden. In diesen
festen Bindegewebszügen sieht man aber sehr selten kleine Gruppen
von Bundzellen um kleinere Gefässe herum.
b) Die Glomeruli. Diese sind zum grössten Theile erhalten
und nur an den Stellen, wo die breiten Bindegewebsstreifen sich
vorfinden, sind einzelne obliterirt und mit stark verdickter Kapsel
versehen. Anderwärts zeigen sie keine Veränderungen. Nur finden
Med, Jahrbücher. 1882. \ j;
224 Hlava und Thomayer.
wir in dem Baume zwischen dem Knäuel und der Müller'schen
Kapsel eine sichelförmig gestaltete Lage von geronnenem Eiweiss,
in welchem einzelne kleine epitheliale Zellen sich vorfinden, die
offenbar als abgelöstes Deckepithel des Knäuels aufgefasst werden
müssen.
c) Die Blutgefässe zeigen allenthalben stark verdickte Wan-
dungen, wobei alle drei Schichten gleichmässig an der Verdickung
theilnehmen.
III. Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophia cordis
totius cum degeneratione adiposa. Tuberculosis chronica
pulmon. et intestinorum. Peritonitis purulenta incipiens.
32 Jahre alter Bräuergeseile, starb am 15. März 1881. Vor
einem Jahre erkrankte er an Bheumatismus und litt seit dieser
Zeit immer an Kurzathmigkeit und Herzklopfen, bis er späterhin
allgemein hydropisch wurde. Nach 6wöchentlichem Aufenthalte in
einem Landspital wurde er geheilt, doch bald begann er zu husten
und litt in letzterer Zeit besonders an heftigen Diarrhöen mit
Fieber.
Man constatirte klinisch hauptsächlich Infiltration der linken
Lunge. Bauchdecken gespannt, beim Berühren schmerzhaft. Der
Magen stark ausgedehnt. Die Milz normal gross. Harnmenge gross
mit sehr geringem Eiweissgehalt. Starker Husten mit eitrigem Aus-
wurf, in welchem reichliche Mikrokokkenballen aber keine elasti-
schen Fasern zu finden sind. Kemittirendes Fieber. Niemals wurden
urämische Symptome beobachtet. Bei der Section ergab sich nach-
folgender Befund:
Körper stark abgemagert; kein Hydrops. Hypertrophie des Her-
zens, dessen Musculatur äusserst brüchig erscheint und fettig degenerirt
ist. Im linken Oberlappen eine grosse Caverne. Im unteren frische
käsige Infiltration. Larynx und Trachea ohne Veränderung. In der
Bauchhöhle etwas eitriges Exsudat, das hauptsächlich um das Coe-
cum und Colon ascendens angehäuft ist. Im Darmtractus reichliche
und ausgedehnte tuberculöse Geschwüre. Die Leber verfettet. Die
Milz ohne Veränderung. Die Nieren klein; die Kapsel verdickt, die
Oberfläche grobkörnig, gelblichbraun. Die Kindensubstanz eng, blass-
braun, die Pyramiden lichtviolet. Das Gewebe äussert fest; das
Becken und die Kelche blass.
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 225
Auch in diesem Falle handelte es sich nicht um Urämie, wie
der Sectionshefund selbst andeutet und die Beobachtung während
des Lebens lehrte. In den letzten Lebenstagen traten starke unstill-
bare Diarrhöen auf und kurz vor dem Tode peritonitische Erschei-
nungen. Deshalb war auch die Diagnose auf Tuberculose der Lun-
gen und des Darmes gestellt worden.
Der mikroskopische Befund in den Nieren war folgender:
Die Bindensubstanz zeigt eine Beihe von nur qualitativ von
einander sich unterscheidenden Veränderungen. Das interstitielle
Bindegewebe ist überall verbreitert und an manchen Stellen kern-
reich. Die Veränderungen der Harnkanälchen können wir in zwei
Gruppen theilen. Einerseits ist die Continuität ihrer epithelialen
Auskleidung nicht gestört, aber die einzelnen Epithelzellen selbst
sind stark abgeplattet, so dass sie neben dem Kerne nur wenig
körniges Protoplasma enthalten. An diesen Stellen ist das Lumen
der Kanälchen sehr weit und enthält häufig Anhäufungen von De-
tritusmassen, die entschieden durch partiellen Zerfall einzelner
Epithelzellen entstanden sind. Oder aber ist die epitheliale Aus-
kleidung der Harnkanälchen zum grössten Theil zerstört, so dass
an Schnitten, die parallel zur Oberfläche gofuhrt sind, die als
schmale Lücken sich präsentirenden Harnkanälchen nur geringe
Beste der ursprünglichen epithelialen Auskleidung zeigen, ja an
manchen Stellen sogar vollständig leer sind: Die Glomeruli sind
nun auch zum grössten Theile verändert. An vielen Stellen sind
sie hyalin degenerirt und fuhren eine stark verdickte Müller'sche
Kapsel, anderwärts ist nur das Deckepithel der Glomeruli theil-
weise abgelöst, oder es ist nur die Kapsel verdickt und reich an
Kernen, während der {jlomerulus selbst nicht verändert erscheint.
Auch die Wände der Blutgefässe sind dicker als de norma, nur
dass die Verdickung zumeist die Adventitia betrifft. Nirgends sehen
wir eine irische Bundzelleninfiltration.
IV. Nephritis interstitialis acuta. Endocarditis cordis
sinistri. Uraemia.
Die Kranke, um die es sich im vorliegenden Falle handelt,
wurde kurz vor dem Tode in die Anstalt gebracht und konnten
wir daher eine genauere Krankengeschichte derselben nicht erlan-
gen. Wir wissen nur, dass sie vor dem Tode eclamptische Anfälle
15*
220 Hlaya und Thoraayer.
hatte, die sich vorwiegend auf die linke Seite beschrankten. Aus
dem Sectionsprotokoll heben wir kurz nachfolgende Data hervor:
Oedem des Gehirnes und zwar in der rechten Hemisphäre viel
stärker ausgesprochen als links. Die beiden Lungen hochgradig
ödematös durchtränkt, urinös riechend. Geringe Hypertrophie des
linken Herzens; an der Mitralis sowie auch an den Aortenklappen
frische feinwarzige röthliche Excrescenzen.
Urämischer Darmkatarrh.
Leber, Magen und Genitalien ohne Veränderung. Die linke
Niore auffallend vergrössert und in reichliches Fettgewebe einge-
hüllt. Die Kapsel prall gespannt, zart und leicht ablösbar. Die
Oberfläche der Niere glatt, glänzend, dunkelviolet und von zahl-
losen punktförmigen Hämorrhagien durchsetzt. Die Bindensubstanz
stark verbreitert, dunkelviolet gefärbt und ebenfalls von zahlreichen
streifenförmigen Hämorrhagien durchdrungen. Die Pyramiden noch
duukler gefärbt. Das ganze Gewebe brüchig. Die Schleimhaut des
Beckens ist etwas injicirt. Die rechte Niere ist etwas kleiner als
die linke, bietet aber ebenfalls an der Oberfläche zahllose punkt-
förmige Hämorrhagien dar m und ihre Consistenz ist fester. Hier die
Rindensubstanz nicht mächtig verbreitert, aber auch von streifen-
förmigen Hämorrhagien durchsetzt.
Bei der mikroskopischen Untersuchung zeigt sich jedoch, dass
die pathologischen Veränderungen in den Nieren nicht so frisch
sind, wie man aus dem makroskopischen Befunde anzunehmen ge-
uoict wäre.
Was die Glomeruli betrifft, so finden wir innerhalb der
MüllerVchen Kapsel zwischen dem deutlich ausgeprägten Kapsel-
endothel und dem Deckepithel des Knäuels rothe und weisse Blut-
körperchen* zwischen welchen sich einzelne körnige Epithelzellen
vorfinden. Au anderen, ziemlich zahlreichen Stellen umgibt den
eompriinirten Glomerulus eine sichelförmig gestaltete Gruppe von
geschichteten Zellen, von denen die innersten spindelförmig gestal-
tet während die äussersteiu der Kapsel anliegenden, cubische Ge-
stalt besitien und nur schwer von der Auskleidung der Müller'schen
Kapsel unterschieden werden kennen. Manchmal kommt es vor,
dfcss diese Zellgruppen mit einer breiteren Basis der Müller'schen
Kapsel aufsitzen, mit ihren Enden dagegen gabelförmig den klei-
neren Gtomerulifts umfassen« Die Geßss* des Knäuels zeigen keine
Symptomen-Complex bei Nepliritiden. 227
anderen Veränderungen. Sowohl das Vas afferens als das V. efferens
haben eine kernreiche Adventitia und in der Umgebung der-
selben finden wir eine überaus starke Anhäufung von
Bundzellen vor.
Die sonstigen Gefässe zeigen keine Veränderungen besonders
was ihre Dicke anbelangt.
Das. interstitielle Gewebe ist überall gleichmässig verbreitert
und enthält an vielen Stellen Anhäufungen von Kundzellen, welche
jedoch hie und da bereits in spindelige Formen zu übergehen
scheinen. Die grösste Verbreiterung des interst. Gewebes finden wir
in der Nähe der Knäuel, wo sich auch — wie schon bemerkt —
die grösste Anhäufung von Rundzellen vorfindet. Durch diese Ver-
breitung des interstitiellen Gewebes werden die Zwischenräume
zwischen den Harnkanälchen weiter. Das Epithel letzterer und zwar
vorwiegend der gewundenon Kanälchen ist parenchymatös degene-
rirt, andererseits jedoch auch unverändert. In einzelnen Harnkanäl-
chen finden wir Blutcylinder, in einigen auch hyaline Cylinder.
Ausserdem sieht man schon makroskopisch an zahlreichen Stellen
der Binde Hämorrhagien.
In diesem Falle scheint es, dass vorzugsweise die Glomeruli
erkrankt sind. Die Zellschichten, welche die Malpighi'schen Knäuel
umgeben, kann man unmöglich als desquamirtes Glomerulusepithel
im Sinne Bibbert's auffassen; denn die Zahl der Zellen ist eine
zu grosse und auch ihre Form und Anordnung spricht eher für
eine andere Genese. Die geringsten Veränderungen zeigen entschie-
den die der Müller'schen Kapsel anliegenden Zellen, dieselben sind
rund oder auch cubisch, sie sind somit offenbar die jüngsten, wäh-
rend die gegen den Knäuel vordringenden als ältere Bildungen
aufgefasst werden müssen. Man kann annehmen, dass sie durch
Wucherungen des Kapselepithels hervorgehen und somit eine Art
von Glomerulonephritis darstellen. Der Process selbst ist nicht
frisch, wir wir schon oben bemerkt haben, denn die Veränderungen
der Glomeruli, sowie auch jene des interstitiellen Gewebes deuten
auf eine längere Dauer des Krankheitsprocesses hiu.
230 Hlava und Thomayer.
Die Rindensubstanz ist stellenweise geschwunden, die schmalen
Ueberreste gelblichbraun und ausserordentlich fest. Die Marksub-
stanz braun. Die Schleimhaut der Kelche und des Beckens ist blass,
dünn. Die rechte Niere nur 5 Ctm. lang, 3 Ctm. breit, 2 Ctm. dick;
an der grob granulirten Oberfläche finden sich reichliche, mit klarem
Inhalt angefüllte Cystchen, sonst zeigt sie dieselbe Beschaffenheit
wie die linke Niere.
Bei der mikroskopischen Untersuchung ergab sich Folgendes:
In den Granulis finden wir das Gewebe noch nicht ganz ver-
ändert und zerstört. Denn die Epithelien der gewundenen als auch
der geraden Harnkanälchen sind erhalten, die Glomeruü sind normal
gross und umgeben von einem Ringe geronnenen Eiweisses in wel-
chem sich zahlreiches, abgelöstes Glomerulusdeckepithel vorfindet.
Aber in der Umgebung dieser Glomeruli finden wir eine
mächtige Infiltration, die aus Bundzellen besteht und an
solchen Stellen sich vorfindet, wo die Gefässe durch die Müller'sche
Kapsel eintreten.
Das interstitielle Gewebe dieser Partien ist wohl etwas breiter,
aber nicht besonders kernreich. Die oberflächlichst gelegenen Ge-
fässe sind stark hyperämisch, hie und da kleine Blutaustritte. In
den Harnkanälchen wenig Cylinder.
Ein ganz anderes Bild zeigten die übrigen eingesunkenen Par-
tien der Niere. Hier ist das interstitielle Gewebe bedeutend ver-
mehrt und verbreitert, die geraden und gewundenen Harnkanälchen
stark comprimirt, ihr Epithel zerfallen oder ganz abgelöst, so dass
die Kanälchen stellenweise blos durch leere Lücken bezeichnet sind.
In manchen sehen wir Cylinder, die zumeist hyaliner Natur sind
und oft eine rosenkranzartige Gestalt besitzen. Die Knäuel dieser
Partien sind bedeutend kleiner, ihre Kapsel concentrisch verdickt:
innerhalb dieser concentrischen Ringe finden sich einige Kerne ein-
gelagert; einzelne Knäuel sind vollständig obliterirt. Auch um diese
Glomeruli finden wir eine reichliche kleinzellige Infiltration. Die
Gefässe sind zum grössten Theile verschlossen und zwar geschieht
dieses durch das stark gewucherte Endothel. Die noch offenen Ge-
fässe zeigen allenthalben verdickte Wandungen und um diese herum
finden wir abermals eine reiche Anhäufung von Rundzellen. Offen-
bar charakterisirt sich dieser Fall als eine Combination eines frischen
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 231
hämorrhagischen entzündlichen • Processes mit einer schon längst
abgelaufenen Nephritis.
VII. Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophia cordis
sinistri. Oedema pulmonum. Uraemia.
Ausser dieser klinischen Diagnose haben wir keine detaillirte
Beschreibung des Krankheitsverlaufes erlangen können. Derselbe
betraf einen 52jährigen Beamten. Wir müssen uns daher auf die
Mittheilung des Sectionsbefundes beschränken:
Massiges Oedem der Gesichtsdecken. Hirn stark durchfeuchtet
und blutreich. Hypertrophie und Dilatation des linken Herzens;
Dilatation des rechten; acutes Lungenödem. Darmkanal, Leber und
Milz ohne Veränderung.
Die linke Niere in fetthaltiges Gewebe eingehüllt ist 8 Ctm.
lang, 3Va Ctm. breit, 2 Ctm. dick, die Kapsel ist dick und nur
schwer ablösbar. Die Oberfläche ist fein granulirt und durchsetzt
von einzelnen kleinen Cystchen, welche letztere eine klare gelbe
Flüssigkeit enthalten.
Die Bindensubstanz ist ungemein eng, kaum 2 Mm. breit und
von hellbrauner Farbe. Die Pyramiden abgeflacht und blauviolet
gefärbt. Die Schleimhaut des Beckens und der Kelche ist blass. Die
rechte Niere ist 71/» Ctm. lang, 3 Ctm. breit, 1V8 Ctm. dick und
von ähnlicher Beschaffenheit. Die Nieren wurden in Alkohol ge-
härtet und nach der mikroskopischen Untersuchung zu urtheilen
handelt es sich auch hier vorzugsweise um eine Glomerulonephritis.
Die Anzahl der obsoleten Knäuel ist eine auffallend grosse,
so dass wir in einem Gesichtsfelde (Hartnack Oc. 3, Obj. 4) 10 bis
12 obsolete Glomeruli vorfinden können. Dabei zeigt aber die ge-
nauere Untersuchung, dass die Veränderungen der einzelnen Knäuel
nicht gleichartig sind. Man sieht eine ganze Reihe von Uebergän-
gen von wenig ergriffenen bis zu vollständig obliterirten Knäueln.
Es erscheint in diesem Falle die Wucherung des Kapselendothels
als die hauptsächlichste und grundliegende Veränderung. Denn in
den weniger vorgeschrittenen Stellen sieht man dass die Kapsel
bis auf das vierfache verdickt ist und aus concentrischen parallelen
Schichten, deren Gewebe jedoch noch kernreich ist, besteht. In
solchen Fällen ist der Glomerulus stark comprimirt, aber sein
Epithel noch vollkommen erhalten. Anderwärts sind die Knäuel
232 Hlava und Thomayer.
ganz zerstört und innerhalb der stark verdickten Kapsel sieht man
nur Detritus; an einigen Stellen nun sehen wir an Stelle der
Knäuel schwache concentrisch gelagerte Schichten eines sehr
blassen Gewebes. Vollständig erhaltene Glomeruli gibt es nur we-
nige und in der Umgebung derselben sieltt man eine über-
aus reiche zellige Infiltration, welche letztere auch um die
obsoleten Knäuel vorkommt, ebenso wie in den Bäumen zwischen
den einander genäherten obsoleten Glomeruli. Das interstitielle Ge-
webe ist überall verbreitert, von faserigem Bau, enthält reichliche
Kerne und besteht an manchen Stellen noch aus Spindelzellen.
Die Blutgefässe sind nicht besonders ergriffen. Die Wandungen
derselben sind zwar überall breiter, zumeist betrifft aber die Ver-
breiterung die Adventitia, welche aus mehreren recht kernreichen
Schichten besteht. Eine Hypertrophie der Muscularis vasorum konn-
ten wir nirgends constatiren.
Die Harnkanälchen zeigen endlich auch beträchtliche Verän-
derungen; denn das Epithel ist beinahe nirgends erhalten. Nur hie
und da bildet es einen ausserordentlich engen Saum, so dass neben
dem Kerne nur wenig körniges Protoplasma sich vorfindet. In den
geraden Harnkanälchen fanden wir hie und da Cylinder, die sich,
wie es scheint, aus dem Detritus der epithelialen Zellen zusammen-
setzten. In den bei weitem meisten Fällen sind die gewundenen
Harnkanälchen leer und stark comprimirt.
VHI. Atrophia granularis renum. Uraemia.
In diesem Falle handelt es sich um eine 38jährige Frau. Die-
selbe gibt an, dass sie erst seit 6 Wochen erkrankt sei und zwar
beklagte sie sich insbesonders über Magen- und Darmbeschwerden.
Zugleich Erscheinungen von Hypertrophie des linken Ventrikels.
Harnmenge wechselte beständig, enthielt aber immer geringe Ei-
weissmengen. Vor dem Tode erbrach sie häufig und litt an hefti-
gen Kopfschmerzen; zu dieser Zeit war die Diurese sehr gering.
Endlich verfiel Patientin in einen comatösen Zustand, in welchem
sie auch starb. Krämpfe wurden nie beobachtet. Die klinische
Diagnose lautete: chronische Nierenentzündung und Urämie. Sec-
tionsbefund: das Gehirn weich, blass, blutarm. Chronisches Lun-
genödem; Hypertrophie des linken Herzens, acute Dysenterie,
Symptomen-Complex bei Ncphritiden . 233
Die linke Niere in ein überaus fettreiches Zellgewebe einge-
hüllt, ist klein, 8 Ctm. lang, 5 Ctm. breit, 3 Ctm. dick. Die Kapsel
ist fest, adhärent und verdickt; an der Oberfläche finden wir eine
grosse Menge von Cysten und Cystchen, die alle mit klarer, gelber
zum Theil auch honigartiger Flüssigkeit gefüllt sind. Zwischen
diesen Cysten ist nur wenig Bindensubstanz erhalten und sind die
Beste derselben grobkörnig und hellbraun. Am Schnitte erkennen
wir, dass der grösste Theü der Binde geschwunden ist, so dass an
manchen Stellen die Markstrahlen mit den Pyramiden im gleichen
Niveau enden. Stellenweise ist die Binde nur 1 Mm. dick. Das
ganze Gewebe ist äusserst derb und fest.
Die Schleimhaut des Beckens und der Kelche ohne Verän-
derung.
Die rechte Niere ist noch kleiner wie die linke, die Kapsel
schwer von der Oberfläche zu trennen: die letztere fein grauulirt
und blassbraun. Die Bindensubstanz ist etwa 2 Mm. dick; die
Pyramiden Mass, die Schleimhaut des Beckens und der Kelche
dünn und blass.
Bei der mikroskopischen Untersuchung der linken Niere finden
wir nur wenige Ueberreste der Eindensubstanz. An deren Stelle
finden wir eine Eeihe von grösseren und kleineren Höhlen (Cysten),
die durch feste Bindegewebszüge von einander getrennt werden,
und innerhalb letzterer befinden sich Beste von zerstörten Harn-
kanälchen und einzelne Blutgefässe. Die Glomeruli sind fast voll-
ständig obliterirt, durchscheinend.
Das Epithel sowohl der gewundenen als der geraden Harn-
kanälchen stark abgeplattet und körnig. Nur an der Grenze der
Corticalis und Pyramidensubstanz sehen wir erhalteue Glomeruli
und selbst um diese findet man eine reiche, kleinzellige Infil-
tration.
Die rechte Niere weist andere Verhältnisse auf. In der ober-
flächlichst gelegenen Portion sind die Knäuel fast alle obliterirt,
hyalin degenerirt, ja auch die zuführenden Glomerulus-Gefässe
sind verschlossen. — Etwa in der mittleren, also in der darauf-
folgenden Schichte der Corticalis, finden wir beginnende Ohliteration
der Knäuel. Dieselben sind stark comprimirt und umgeben von einer
dicken Schichte concentrisch gelagerten, faserigen Gewebes, in wel-
234 Hlava und Thomayer.
chem wir nur wenig spindelförmige Elemente vorfinden. — In der
nächstfolgenden Schichte sind die Knäuel etwas kleiner geworden
und ihr epithelialer Ueberzug zeigt mehrfache Lücken. Manche
von den Schlingen sind prall mit Blut gefüllt; die Müller'sche
Kapsel aber ist auch hier verdickt.
Betrachten wir die Gefasse, die nicht dem Glomerulus angehören,
so sehen wir, dass dieselben mehr oder weniger mit Blut gefüllt
sind; und zwar sind am prallsten angefüllt die Gefässe in der
Grenzscbichte zwischen der Corticalis und den Pyramiden, weniger
die in der oberflächlich gelegenen Portion und gar nicht die sub-
capsulären, welch letztere zumeist obliterirt erscheinen. Aber auch
die Wandungen der übrigen Gefasse erscheinen allenthalben ver-
dickt. Was nun die kleinzellige Infiltration anbelangt, so ist die-
selbe in der angeführten Grenzschichte an den Stellen, wo die
Glomeruli noch halbwegs erhalten sind) am reichlichsten ausgeprägt,
und zwar sowohl um die Glomeruli, als um die prall gefüllten
Gefässe, sie ist dagegen in den peripherischen Schichten, wo sich
obsolete Knäuel und auch schon viele obliterirte Gefässe finden,
nur sehr schwach vorhanden. Das interstitielle Gewebe ist überall
stark verbreitert, hauptsächlich in den peripherischen Schichten und
enthält zahlreiche mehr oblonge Kerne. Wenig verbreitert und
zellig infiltrirt ist das interstitielle Gewebe der Grenzschichte.
Endlich haben wir noch die Harnkanälchen zu erwähnen.
Dieselben sind in den peripherischen Schichten sehr stark compri-
mirt, ihr Epithel vielfach zerfallen ; in der Grenzschichte ist jedoch
die Veränderung nicht so vorgeschritten; denn die Continuität der
epithelialen Auskleidung ist nirgends unterbrochen, doch sind auch
hier die einzelnen Epithelien parenchymatös degenerirt. Hie und da
finden wir in den Harnkanälchen hyaline manchmal auch körnige
Cylinder.
Fassen wir nun das Gesagte kurz zusammen, so müssen wir
in diesen Nieren gewiss zwei Processe unterscheiden; und zwar
finden wir einen abgelaufenen Process vorwiegend in der linken
Niere und einen frischen Nachschub in beiden Nieren charakterisirt
durch Hyperämie und noch unveränderte kleinzellige Infiltration.
Wir constatiren also auch in diesem Falle eine acute Exacer-
bation eines schon längere Zeit dauernden Processes.
Symptomen-Gomplex bei Nephritiden. 235
IX. Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophia cordis
sinistri. Oedema pulmonum.
Die klinische Diagnose lautete auf Nierenentzündung, zu der
in den letzten Tagen Urämie hinzugetreten ist.
Eine 38jährige Frau wird im bewusstlosen Zustande in das
Krankenhaus gebracht. Sehr geringe Menge Harnes; letzterer ei wein-
haltig. Der Tod erfolgte in comatösem Zustande.
Bei der Section fand man nachfolgende Veränderungen: Kein
Hydrops, Gehirn durchfeuchtet, wenig blutreich. Hypertrophie des
Unken Herzens — chronisches Lungenödem. Linke Niere klein,
Kapsel fest adhärirend ; Oberfläche grob granulirt. Das Gewebe der
Niere imgemein fest und unelastisch; die Bindensubstanz ungemein
schmal, blassbraun ebenso die schmalen Markstrahlen. Die Schleim-
haut des Beckens und der Kelche ist blass. In der rechten Niere
finden wir etwas mehr Bindensubstanz erhalten, dieselbe ist sonst
von ähnlicher Beschaffenheit.
Der mikroskopische Befund lautet kurz: die grösste Zahl der
Malpighi'schen Knäuel ist obliterirt und hyalin degenerirt und nur
eine geringe Anzahl findet sich erhalten. Um diese und in dem
sehr breiten interstitiellen Gewebe finden sich viele und grosse
Gruppen von runden kleinen Zellen. Die Intima der Gefasse ist
stark verbreitert. Die Harnkanälchen sind zum grössten Theile ihrer
epithelialen Auskleidung baar.
X. Atrophia granularis renum. Hypertrophia cordis
sinistri. Catarrh. bronchialis. Oedema pulmonum, acutum.
Uraemia.
Der Kranke ist 64 Jahre alt, seiner Beschäftigung nach Tag-
löhner. Er gibt an, dass er schon seit 7 Wochen keinen Appetit
habe, öfters an Magenübelkeiton leide und oft breche. Eine gleich
lange Zeit dauert das Oedem der unteren Extremitäten. In der
letzten Zeit trat Kurzathmigkeit, Husten und Diarrhöe auf.
Klinisch constatirte man Symptome einer diffusen Bronchitis
— Hydrops — wenig Harn, derselbe enthält viel Eiweiss.
Kurz vor dem Tode fast kein Hain, starke Kopfschmerzen,
hierauf eine auffallende Schläfrigkeit, sodann Coma und Tod.
Die Lustration ergab obigen Befund. Wir entnehmen dem-
selben nur die Beschreibung der Nieren: Linke Niere 7l/z Ctm.
236 Hlava und Thomayer.
lang, 31/» Ctm. breit; ihre Kapsel ungemein verdickt; die Ober-
fläche granulirt. Von der Corticalis nur ein ganz schmaler Saum
erhalten, derselbe von hellbrauner Farbe imd fester zäher Consi-
stenz. Hie und da ein bis erbsengrosses Cystchen. Die Pyramiden
blass violett, die Schleimhaut der Kelche ist blass und zart. Die
linke A. renalis misst im Umfange 1 Ctm., die rechte 8 Mm. Die
rechte Niere nur 6 Ctm. lang, 3 Ctm. breit, sonst gleich beschaffen
wie die linke.
Die mikroskopische Untersuchung ergibt zunächst die gröss-
ten Veränderungen an den Malpighi'schen Knäueln. Dieselben sind
zum grössten Theile obsolet oder in Obsolescenz begriffen. Die
obsoleten sind hyalin degenerirt. An manchen können wir über-
haupt keine Structur erkennen, während an anderen iü der Mitte
Fetttröpfchen oder Epithelreste vorhanden sind. Die so veränderten
Knäuel sind von einer sehr dicken Kapsel umgeben; dieselbe setzt
sich aus mehreren Schichten zusammen.
Wir haben in diesem Falle in den meisten Präparaten Stellen
gesehen, welche darauf hindeuten, dass die Verdickung der Kapsel
von den zufuhrenden Gefassen ausgehen. Denn wir fanden, dass
diese Gefasse umgeben sind von zahlreichen Zellen, deren innerste
an das Gefäss sich anschliessende Schichte rundlich gestaltet ist,
die mehr nach aussen gelegene dagegen spindelförmige Elemente
besitzt. Dabei umgeben diese, jedenfalls als frische Bindege-
webszüge qualificirte Massen das Malpighi'sche Körperchen in
dem Masse, dass dessen Contouren, ja selbst das Deckepithel
sehr undeutlich erscheinen. An wenigen Stellen finden wir nur
geringe Veränderungen der Knäuel; hier ist nur die Kapsel dicker
und ihr Endothel etwas gewuchert; dasselbe bildet schöne cubische
grosse Zellen an der Innenfläche derselben, und neben dieser findet
man grössere Mengen von abgelöstem Glomerulusdeckepithel.
Das interstitielle Gewebe ist im Ganzen überall verbreitert,
am wenigsten zwischen den gewundenen und geraden Harnkanäl-
chen, am meisten um die obsoleten Glomeruli, und enthält stellen-
weise zahlreiche Gruppen von Kundzellen, welche sich in der Nähe
grösserer Gefasse vorfinden und die Harnkanälchen stark compri-
miren. — Die zellige Infiltration ist auch in diesem Falle reichlich
um die noch wenig veränderten Glomeruli angehäuft — die Wan-
dungen der Gefasse sind fast überall verdickt; und ist am meisten
Symptomcn-Complex bei Nephritiden. 237
diese Veränderung an den kleinen Gefassen ausgesprochen, woselbst
das Endothelrohr betroffen erscheint, dasselbe ist nämlich ungemein
stark gewuchert. An grösseren Gefassen ist hauptsächlich die Ad-
ventitia verdickt; die Muscularis zeigt überall normale Breite und
nur stellenweise enthalten die Muskelbündel Fetttröpfchen.
Das Epithel der Harnkanälchen ist stark parenchymatös dege-
nerirt, in den gewundenen Harnkanälchen findet man sogar bereits
fettige Degeneration vor; doch ist die Continuität des Epithelbe-
lages nirgends unterbrochen.
In diesem Falle war die kleinzellige Infiltration ebenso mächtig
wie in unserem ersten Falle.
XI. Nephritis interstitialis acuta — Urämia — Hydrops
universalis — Pneumonia crouposa sinistra.
Ein 34jähriger Maurer starb im Monate März 1881. Er
wurde in das Krankenhaus im comatösen Zustande gebracht. —
Anurie, beständiges Erbrechen, mehrere eclamptische Anfalle waren
die klinischen Erscheinungen. In einem eclamptischen Anfalle starb
der Kranke.
Bei der Section fingen wir aus der Leiche etwas Harn auf
und untersuchten ihn mikroskopisch. Wir fanden darin eine grosse
Menge rother Blutkörperchen, Beckenepithel, Blutcylinder und spär-
liche hyaline Cylinder.
Der Sectionsbefund war nachfolgender: Allgemeiner Hydrops
— massiges Hirnödem — croupöse Pneumonie des linken Unter-
lappens; die anderen Lappen der Lunge sind stark ödematös. In
den beiden Thoraxräumen etwas Transsudat; ebenso im Pericardium.
Massige Hypertrophie des linken Herzens. Die Schleimhaut des
Darmes und des Magens stark geschwellt, hyperämisch — die
Leber anämisch.
Die linke Niere ziemlich gross; ihre Kapsel sehr zart und
sehr leicht ablösbar ; die Oberfläche glatt, glänzend, die Fereinischen
Sterne stark injicirt; an der dunkelviolett gefärbten Oberfläche
finden wir neben kleinen, gelblichen, stecknadelkopfgrossen Punkten
zahlreiche punktförmige Hämorrhagien. Die Corticalis ist 1 Ctm.
breit, graulichviolett und ist theils von gelblich gefärbten, theils
von hämorrhagischen Streifchen durchsetzt. Das Gewebe derselben
238 Hlava und Thomayer.
ist stark gequollen und ausserordentlich brüchig. Die Pyramiden
sind gefasert und von dunkelvioleter Farbe. Das Becken ist spär-
lich fettumwachsen, die Schleimhaut desselben sowie auch der
Kelche ist etwas injicirt.
Die rechte Niere ist ebenfalls stark injicirt, zeigt an der
Oberfläche viel zahlreichere punktförmige Hämorrhagien, ist aber
sonst von ähnlicher Beschaffenheit. Die mikroskopische Untersuchung
ergibt in diesem Falle eine acute interstitielle Entzündung der
Nieren. Dabei finden wir abermals die hauptsächlichsten Verände-
rungen in den Malpighfschen Knäueln. Wir müssen hier zweier-
lei Formen (was Grösse der Glomeruli anbelangt) unterscheiden.
Die einen scheinen normal zu sein; ihre Grösse ist nicht abnorm,
das Deckepithel ohne Continuitätstrennung, die Müller'sche Kapsel
zart, das Endothel derselben deutlich ausgeprägt. Solche Knäuel
finden wir wenige; die andere Form ist bedeutend grösser, auch
der epitheliale Ueberzug scheint viel dichter zu sein, so dass
manchmal die Glomeruli die Kapsel vollständig ausfüllen. Nur hie
und da trennt den Knäuel ein sichelförmiges Eiweissgerinnsel von
der Kapsel, und in diesem findet man zahlreiche desquamirte Glo-
merulusepithelien. An einzelnen Stellen bleiben zwischen Glomerulus
und Kapsel Lücken, die mit runden, cubischen ja sogar auch spin-
delförmigen Gebilden gefüllt sind, von denen es sich schwer sagen
lässt, ob sie der Wucherung des Kapselendothels oder einer Emi-
gration von weissen Blutkörperchen ihren Ursprung verdanken; doch
neigen wir uns mehr zur letzteren Ansicht, da eben die von der
Kapsel entfernteren Zellen spindelförmig erscheinen. In einigen
Kapseln fanden wir ausgetretenes Blut.
Um diese vergrösserten Glomeruli finden wir eine überaus
reiche zellige Infiltration frischen Charakters (kleine runde Zellen).
An einzelnen Orten durchdringt diese Infiltration sogar die Kapsel;
sonst finden wir die zellige Infiltration auch in der Umgebung
grösserer Gefasse und zwischen den Harnkanälchen. Die kleineren,
sowie auch die grösseren Gefasse zeigen keinerlei grössere Verän-
derungen, ausser dass sie stark hyperämisch sind und dass sich —
wie schon erwähnt — in ihrer Umgebung kleinzellige Infiltration
vorfindet. Was nun das Verhältniss des Epithels anbelangt, so
bleibt uns zu bemerken, dass das der gewundenen Harnkanälchen
stark getrübt ist, stellenweise sogar fettig degenerirt, aber in seiner
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 239
Continuität nicht unterbrochen. Das der geraden Harnkanälchen
ist nur wenig parenchymatös degenerirt. Innerhalb der Kanälchen
finden wir zahlreiche und zwar vorwiegend Blutcylinder.
Xu. Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophiä cordis.
Rigiditas arteriarum. Haemorrhagia in cavum peritoneale
ex aneurysmate art. coron. ventriculi superioris. Hydrops
universalis.
. Ein 65 Jahre alter Gastwirth war seiner Angabe nach immer
gesund gewesen; erst vor einem Jahre litt er durch 7 Wochen
an Oedemen der unteren Extremitäten. Die jetzige Krankheit be-
gann vor 2 Monaten mit Dyspepsie und Erbrechen, worauf sich
abermals Oedeme der Extremitäten einstellten, die bis zur Auf-
nahme ins Krankenhaus andauerten. Massiger Hydrops; alter Bron-
chialkatarrh; im Harne finden wir Blut und zwar mikroskopisch
rothe Blutkörperchen und viele Blutcylinder. Pat. verfällt in Coma
und stirbt in demselben. Bei der Section findet man massiges
Lungenödem, nebst den oben in der Diagnose erwähnten Verände-
rungen. — Das Aneurysma der Coronararterie war perforirt, und
aus der Kleinheit der Perforations-Oeffnung zu schliessen, musste
die Blutung aus demselben längere Zeit angedauert haben. Die
linke Niere in fettloses Zellgewebe eingehüllt; das Zellgewebe
um den Hilus der Niere hämorrhagisch infiltrirt. Die Kapsel ist
zart, lässt sich ziemlich leicht ablösen. Die Oberfläche glatt, gelb-
lichbraun. Die Corticalis eng, gequollen und ebenfalls gelblichbraun,
in derselben zahlreiche gelbliche Streifen eingelagert. In der rech-
ten Niere finden wir eine haselnussgrosse Cyste, sonst ähnliche Ver-
änderungen wie links.
Diesen unvollständigen makroskopischen Befund können wir
durch ein genaues mikroskopisches Bild ergänzen.
Passen wir zunächst die Glomeruli in die Augen, so sehen
wir, dass sie nicht alle gleich gross sind, aber obsolete oder hyalin
degenerirte konnten wir in einer grossen Reihe von Präparaten
nicht auffinden. Der epitheliale Ueberzug der Glomeruli ist jedoch
ungemein zellreich und innerhalb der Müller'schen Kapsel sehen
wir zahlreiches desquamirtes Deckepithel; die Endothelauskleidung
der Kapsel ist vollständig erhalten. Die Kapsel selbst ist nicht
M«d. Jahrbücher. 1882. 16
240 Hlava und Thomayer.
verdickt. Das interstitielle Gewebe zwar zwischen den einzelne
Harnkanälchen stark verbreitert jedoch nicht in einem so hohei^
Grade wie bei anderen chronischen Nephritiden und enthält stellen^
weise reichliche Kerne. Am auffallendsten erscheinen die zahlreich^^
minimalen Hämorrhagien, die knapp an der Oberfläche sich v(w ^
finden. Diese comprimiren die einzelnen Harnkanälchen, dringe ^
manchmal in dieselben ein, so dass wir in der ganzen Niere, j#
den gewundenen und geraden Harnkanälchen, auch in den Pyra:*^
den langen Blutcylindern begegnen. An den Gefassen konnten wir
in einzelnen Fällen deutliche Endothelwucherung nachweisen; sonst
zeigen sie keinerlei andere Veränderungen.
Wir fanden zwar in manchen Schnitten eine kleinzellige
Wucherung, aber diese ist sehr spärlich und selten und findet sich
nur um die Gefässe der oberflächlichsten Corticalis herum nirgends
aber um einen Glomerulus. Das Epithel der geraden und gewun-
denen Harnkanälchen zeigt in diesem Falle ausserordentlich grosse
und ausgedehnte Veränderungen. In der ganzen Binde sind die
Epithelien theils parenchymatös, theils fettig degenerirt, theils ab-
geplattet, ja sogar zerfallen; dabei sind diese Veränderungen ganz
unregelmässig untereinander vermischt, so dass wir in manchen
Harnkanälchen alle Metamorphosen des Epithels finden können.
Sonst sind in denselben — wie schon bemerkt — zahlreiche Blut-
cylinder. Somit haben wir auch in diesem Falle zweifache Verän-
derungen vor uns und zwar eine Verbreitung der Interstitien be-
ruhend auf einen chronischen Process, und die Hämorrhagien nebst
minimaler Zellinfiltration der oberflächlichsten Kindenschichte als
Ausdruck eines Kecidivs, das aber zu keiner Urämie geführt hat.
XIII. Calculosis renis dextri. Pyelitis dextra. Nephritis
interstitialis chronica. Hypertrophia et dilatatio cordis
sinistri. Tuberculosis obsoleta apicum pulmon.
Oedema pulmonum acutum. Oedema cerebri. Der 34jährige
Patient — Taglöhner — wurde zu Anfang des Jahres 1881 durch
längere Zeit im hiesigen Krankenhause beobachtet und man schloss
aus den Symptomen an eine Granularatrophie der Nieren. Kurz vor
dem Tode sank die Diurese beträchtlich, enthielt jedoch auch dann
nur wenig Eiweiss. Darauf kamen vehemente Kopfschmerzen und
endlich mehrfache eclamptische Anfälle.
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 241
Den makroskopischen Befund bei der Section zeigt die oben
per extensum angeführte Diagnose; wir beschränken uns daher nur
auf die detaillirte Beschreibung der Nieren.
Die linke Niere, in reichliches Fettgewebe eingehüllt, ist
klein, 7 Ctm. lang, 4 Ctm. breit; die verdickte Kapsel adhärirt
sehr fest der grobkörnigen und hellbraun gefärbten Oberfläche.
Die Corticalis ist nur 2 Mm. breit, zäh, fest, braun gefärbt.
Die Schleimhaut des Beckens ist blass. Die rechte Niere ist 9 Ctm.
lang, 5 Ctm. breit; ihre Kapsel ebetifalls verdickt, die Oberfläche
grobknollig, die Kinde eng. Die Pyramiden sind im Längsdurch-
messer bedeutend abgeplattet und zwar in Folge starker Dilatation
der Kelche und des Beckens, in welchem sich einige längliche
sichelförmige, etwa 2 Ctm. lange Concremente vorfinden. Die Schleim-
haut des Beckens als auch der Kelche ist äusserst derb und
injicirt.
Bei der mikroskopischen Untersuchung fanden wir nachfol-
genden Befund:
Die Glomeruli sind nur an wenigen Stellen obliterirt, zumeist
umgeben von einer stark verdickten Kapsel, deren Endothelbelag
jedoch nicht genau zu unterscheiden ist; das Schlingenconvolut ist
etwas kleiner geworden. Um dieselben herum findet sich eine ziem-
lich reiche zellige Infiltration vor; ja man findet auch innerhalb
der Kapsel zahlreiche rothe und weisse Blutkörperchen.
Die Blutgefässe sind ganz besonders in der Corticalis stark
dilatirt und überall mit Blut prall gefüllt; in ihrer Umgebung finden
wir zahlreiche kleine Hämorrhagien ganz besonders in den tieferen
Bindenschichten. Die Vasa recta sind ebenfalls stark dilatirt und
prall mit Blut gefüllt, dabei sind ihre Wandungen — und zwar
die Adventitia bedeutend verdickt.
Das interstitielle Gewebe ist überhaupt breiter, hauptsächlich
in der Umgebung der Glomeruli und besteht aus länglichen, kern-
reichen, fasrigen Bindegewebszügen, in denen man häufig kleine
Hämorrhagien vorfindet. Kleinzellige Infiltration ist nur um die
Glomeruli zu sehen. Die Harnkanälchen sind weit auseinander ge-
rückt und zwar durch das verbreiterte Bindegewebe und durch die
stark gefüllten Gefässe. Innerhalb der Kanälchen finden wir zahl-
reiche Cy linder; das Epithel der gewundenen und geraden Harn-
kanälchen ist parenchymatös degenerirt.
16*
242 Hlava und Thomayer.
XIV. Nephritis in terstitialis chronica. Hypertrophia cordis
totius — Bronchitis chronica — Bronchectasia — Pleuritis
chronica dextra. Hydrops universalis — Oedema pulmo-
num et cerebri. Uraemia.
Patient, ein 36jähriger Bräuergeseile starb Ende December
1881. Derselbe war mehrmals in ärztlicher Behandlung, und klagte
ganz besonders über Kurzathmigkeit und geschwollene Füsse. Bei
der Untersuchung fand man chronischen Bronchialkatarrh, daneben
Hypertrophie des ganzen Herzens ; im Harne viel Eiweiss. Im Ver-
laufe der Krankheit nahm die Menge des Harnes zu bei Abnahme
des Eiweissgehaltes.
Einige Tage vor dem Tode sank die Diurese plötzlich; es trat
Erbrechen auf und vehemente Kopfschmerzen; später comatöser Zu-
stand, in welchem Patient nach 2 Tagen verschied. Der makroskopische
Befund der Nieren lautet: Die linke Niere in fettloses Zellgewebe
eingehüllt ist 81/« Ctm. lang, 4 Ctm. breit, 2 Ctm. dick. Die ver-
dickte Kapsel adhärirt sehr fest der fein granulirten Oberfläche —
die einzelnen Höckerchen sind gelblich gefärbt, wogegen die ein-
gesunkenen Partien eine lichtviolete Verfärbung darbieten. Die
Kindensubstanz ist bedeutend enger, stellenweise etwa 2 Mm. dick,
von blassbrauner Färbung; an einzelnen Stellen bemerken wir gelb-
liche Punkte und Streifen eingelagert, welch letztere genug häufig
in den Markstrahlen zu finden sind. Die Pyramiden sind Hein, ab-
geplattet, blass, violet gefärbt. Das Gewebe ist etwas brüchig;
die Schleimhaut der Beckens ist hämorrhagisch suffundirt. Der
Umfang beider Nierenarterien ist 13 Mm.; ihre Intima ist blutig
imbibirt und verdickt. Die rechte Niere ist 9 Ctm. lang, 51/« Ctm.
breit, 2 Ctm. dick, sonst so beschaffen wie die linke.
Die mikroskopische Untersuchung ergibt eine typische chroni-
sche interstitielle Nephritis.
Die .Glomeruli sind zum grössten Theile obliterirt, hyalin
degenerirt ohne jedwede Structur, nur in einzelnen finden wir in
der Mitte einzelne epitheliale Zellen oder Detritus. Die Müller' -
schen Kapseln sind jedoch in diesem Falle nicht verdickt und es
lässt sich aus diesem Befunde schliessen, dass die Obliteration der
einzelnen Knäuel nicht von der Kapsel ausgeht. Wir müssen daher
die Veränderungen an den Gefassen der Knäuel als Ursache der
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 243
Obliteration betrachten. Wir finden in manchen Glomeruli einzelne
Gefässe ihres Deckepithels baar, und hyalin degenerirt; an manchen
Stellen sind die hyalinen Gefass schiin gen noch mit Fetttröpfchen
bedeckt, während in dem Kapselraume keinerlei desqnamirte Zellen
sich vorfinden. Die zufuhrenden Gelasse der obliterirten Knäuel
sind ebenfalls verschlossen; dort wo nur einige Schlingen hyalin
degenerirt sind, ist die Adventitia der zuführenden Gefässe unge-
mein kernreich, was in Gemeinschaft mit zwei früher erwähnten
Fällen unserer Vermuthung, dass die Obliteration der Knäuel zu-
nächst von den Gefässen ausgeht, eine festere Stütze verleiht. Auch
in anderen Gefässen, z. B. in den Vas. rect. — finden wir ausge-
sprochene Endothelwucherung, ohne dass es jedoch schon zum voll-
ständigen Verschluss gekommen wäre.
* Um diese obsolescirenden Glomeruli sehen wir einmal Wuche-
rung der Adventitia der zuführenden Gefässe, ein anderesmal wie-
der findet man zellige Infiltration, welche auch in dem intersti-
tiellen verbreiterten Gewebe um die Gefässe sich vorfindet. Das
interstitielle Gewebe ist sonst überall verbreitert. Das Epithel der
Harnkanälchen ist grösstenteils in der Binde zerstört, in der Mark-
substanz dagegen ziemlich erhalten.
XV. Nephritis interstitialis chronica. Pneumonia lobularis
dextra. Cystis ovarii sinistri inflammata. Malacia uteri
Postpartum. Oedema pulmonum. Hydrothorax bilateralis.
Hydrops universalis.
Diese Gruppe von Erkrankungen fand sich bei einer 22jähr.
Lehrersfrau vor. Dieselbe hatte vor kurzem geboren; Oedeme der
unteren Extremitäten bestanden jedoch schon im 6. Schwanger-
schaftsmonate. Nie wurden bei ihr urämische Symptome beobachtet.
Das lethale Ende führte eine rechtsseitige Pneumonie herbei.
Die sonstigen Veränderungen ersehen wir aus dem oben angeführ-
ten Sectionsbefund, aus dem wir abermals nur die Beschreibung
der Nieren hervorheben.
Die Nieren sind über 10 Ctm. lang, 6 breit, 4 dick. Die Kapsel
ist zart und leicht ablösbar; die Oberfläche glatt, gelblichgrau ge-
färbt und von zahlreichen gelblichen Punkten durchsetzt. Hie und
da sehen wir eine punktförmige Hämorrhagie. Die Corticalis ist
bedeutend breiter, graulichgelb gestreift, äusserst brüchig; auch die
244 Hlava und Thomayer.
blassen Pyramiden sind von brüchiger Gonsistenz. Die Schleimhaut
des Beckens und der Kelche ist dünn und blass.
Bei der mikroskopischen Untersuchung finden wir diffuse Verän-
derungen in beiden Nieren. Die Malpighi'schen Knäuel haben allent-
halben verdickte Kapseln, deren Endothelbelag ziemlich undeutlich
erscheint. Einzelne wenige Glomeruli sind obsolet, die anderen nor-
mal gross, mit normalem Deckepithel bedeckt; sehr spärliche Des-
quamation desselben. Die Gelasse sind sehr dickwandig aber die Ver-
dickung betrifft anscheinend alle drei Schichten. Das interstitielle
Gewebe zeigt aber ganz gewaltige Veränderungen. An ausgepinsel-
ten Präparaten könuen wir mächtige Verbreiterung des interstitiellen
Gewebes zwischen den Harnkanälchen sehen, das auch anderwärts
breite Bindegewebszüge darstellt. Stellenweise sehen wir in diesen
Fetttröpfchen, anderwärts zahlreiche Kerne, aber eine kleinzellige
frische Infiltration konnten wir nur sehr selten antreffen und auch
da war diese ungemein undeutlich. In der oberflächlichen Schichte
der Corticalis konnten wir jedoch zahlreiche punktförmige Hämorr-
hagien beobachten, die sich um grössere Gefasse gruppirten. Das
Epithel der Harnkanälchen zeigt zweierlei Veränderungen. In den
gewundenen Kanälchen sehen wir eine sehr ausgebreitete fettige
Degeneration und stellenweise vollständigen Zerfall des Epithels;
in den geraden Kanälchen ist dieses nur parenchymatös degenerirt,
seine Contouren und Continuität jedoch nicht gestört. In beiderlei
Kanälchen sah man ziemlich zahlreiche Cylinder und zwar hyaliner
und körniger Structur; von den ersteren fanden wir eine grössere
Zahl vor als von den letzteren.
XVI. Nephritis interstitialis chronica. Peritonitis fibrino-
serosa. Pneumonia sinistra. Hypertrophia cordis sinistri.
Hydrothorax bilateralis. Hydrops universalis.
Die Kranke, eine 17jährige Nätherin, kam zum erstenmale ins
Krankenhaus mit den Erscheinungen einer acuten Nephritis; nach
fünf Monaten kam dieselbe wieder und zeigte Symptome beginnen-
der chronischer Nephritis. Wenig Harn und sehr viel Eiweiss. Urä-
mische Erscheinungen nicht dagewesen. Patientin erlag einer Peri-
tonitis. Die Nieren bieten das Bild einer grossen weissen Niere dar.
Sie sind 12 Ctm. lang, 6 breit, 5 dick, die Kapsel sehr zart; die
Oberfläche glatt, glänzend, gelblichgrau; hie und da eine punkt-
Symptom en-Complex bei Nephritiden. 245
förmige Hämorrhagie. Die Corticalis ist sehr breit, gelblichgrau ge-
streift, ausserordentlich brüchig; dis Pyramiden blau und zerfasert;
die Schleimhaut des Beckens blau.
Das mikroskopische Bild fast oin gleiches wie in dem vo-
rigen Falle.
Die Müller'schen Kapseln sind mehrschichtig; die Glomeruli
haben jedoch an ihrer Grösse nichts verloren, ja sie scheinen sogar
etwas grösser zu sein. Der epitheliale Ueberzug derselben erhalten,
sehr spärliche Desquamation.
Das interstitielle Gewebe diffus verbreitert, enthält reichlichen
Detritus, sonst aber nur spärliche Kerne. Nirgends eine kleinzellige
Infiltration zu entdecken. Das Epithel der gewundenen Kanälchen
ist beträchtlich verändert und zwar zum grössten Theilo zerfallen,
so dass eine grosse Anzahl von Böhrchen nur mit Detritus gefüllt
ist. Die geraden Kanälchen besitzen nur leicht parenchymatös ge-
trübtes Epithel. Die Gefässe sind in diesem Falle ohne Veränderung.
XVII. Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophia et
dilatatio cordis totius. Tuberculosis pulmonum chronica.
Zu Lebzeiten der 58jährigen Patientin wurde nur die am
meisten verbreiterte Lungenerkrankung in Betracht gezogen. In dem
Harne fand man zwar wenig Eiweiss, aber man war eher geneigt
dieses mit der Grundkrankheit in Verbindung zu bringen. Die Pat.
wurde durch längere Zeit beobachtet und bot nie urämische Sym-
ptome dar.
Bei der Section fanden wir neben ausgedehnten tuberculösen
Veränderungen in den Lungen eine ausgesprochene Granularatrophie
der Nieren vor. Dieselben sind etwa 7 Ctm. lang, 21/* Ctm. breit,
2 Ctm. dick; die Kapsel fest adhärent; die. Oberfläche ist zum
Theil grob, zum Theil fein granulirt, blassbraun gefärbt. Die
Binde sehr eng. Das Gewebe ist sehr fest, zäh. Die Pyramiden
blauviolet. Die mikroskopische Untersuchung zeigt, dass die Glo-
meruli nicht bedeutend verändert sind. Die Mehrzahl besitzt zwar
eine concentrisch verdickte Kapsel, wodurch der Binnenraum etwas
schmäler wird, aber viele sind fast unverändert und wir finden
innerhalb der wenig verdickten Kapsel nur leichte Desquamation
des Epithels mit Eiweissgerinnungon. Die Blutgefässe sind etwas
246 Hlava und Thomayer.
verdickt und zwar betrifft dies die Adventitia, die recht korn-
reich ist.
Das interstitielle Gewebe um die Glomerttli ist stark verbrei-
tert, kern reich; letzteres jedoch nicht an Stellen, welche den ein-
gesunkenen Gewebspartien entsprechen. Die Harnkanälchen sind
etwas auseinander gerückt, comprimirt; ihr Epithel ist parenchy-
matös degenerirt.
Weder um die Glomeruli noch in den übrigen Interstitiell
fanden wir eine kleinzellige Wucherung.
XVIII. Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophia cor-
dis totius. Atheroma aortae. Tuberculosis pulmonum
chronica accedente miliari pulmonum et meningum.
Pat., ein 58 Jahre alter Kutscher, trat in das Spital im
December 1880 ein und starb im Jänner 1881. Bei der Aufnahme
war er stark aufgeregt, delirirte; darnach verfiel er in einen som-
nolenten Zustand, mit allmälich sich entwickelnder Nackenstarre.
Die Sectiou zeigte den oben angeführten Befund. Es versteht sich
von selbst, dass auch die ausgedehnte Meningitis tuberculosa ge-
nügend war, um den Tod zu verursuchen.
Aus dem Sectionsprotokolle entnehmen wir: Nieren klein, an
der Oberfläche fein granulirt; die Eindensubstanz eng von fester
Consistenz, gelblichbraun; die Pyramiden 3ind abgeplattet, blass-
violet. Mikroskopisch finden wir sämmtliche Glomeruli von dicken
Kapseln umgeben, sonst aber ohne Veränderung. Das interstitielle
Bindegewebe ist stark verbreitert und zwar sowohl um die Glo-
meruli, als auch um die Harnkanälchen. Nirgends finden wir eine
deutliche kleinzellige Infiltration. Die Harnkanälchen sind stark
comprimirt, ihr Epithel parenchymatös degenerirt. In demselben
finden wir wenige hyaline Cylinder.
XIX. Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophia cor-
dis sinistri. Degeneratio amyloidea lienis et renum. Pneu-
monia chronica lobi superioris dextri. Oedema pulmonis
sinistri.
Auch in diesem Falle zeigte die Kranke, eine 73jährige Tag-
löhnerin, keine urämischen Symptome.
In den Nieron nachfolgende Veränderungen:
Symptotaen-Complex bei Nephritiden. 247
Die linke Niere klein; die Kapsel ist zart, leicht ablösbar;
die Oberfläche fein granulirt, blassgelblich gefärbt; ebenso gefärbt
die CorticaEs, in welcher noch einzelne blassere Streifen zu be-
merken sind. Dieselbe ist ferner sehr eng; die Pyramiden blass-
violet. Die rechte Niere ist ebenfalls klein, an ihrer Oberfläche
finden sich zahlreiche bis erbsengrosse, mit klarem Inhalt versehene
Cystchen, sonst gleiche Beschaffenheit wie links.
Die mikroskopische Untersuchung ergibt zunächst amyloide
Degeneration, welche sich zumeist auf die Gefässe der Marksub-
stanz beschränkt, während in den Glomerulis oft nur 1—2 Schlin-
gen, manchmal auch keine, amyloid erscheinen; auch von den Ge-
issen der Corticalis zeigen nur wenige amyloide Degeneration.
Diese letztere ist gewiss jüngeren Datums, was wir daraus ableiten,
dass die obsoleten Knäuel keinerlei Amyloid zeigen.
Solcher obsoleten Glomeruli finden wir in beiden Nieren eine
reichliche Anzahl; dieselben treten jedoch mehr gegen die Ober-
fläche auf; in den tieferen Schichten sind sie ziemlich erhalten und
zeigen blos eine reichlichere Desquamation ihres Deckepithels.
Das interstitielle Gewebe ist verbreitert, was abermals mehr
in den oberflächlichen, weniger in den tieferen Schichten der Corti-
calis zu sehen ist. Dasselbe ist kernreich an den Stellen, die den
Granulis entsprechen, sodann um die obsoleten Knäuel, wenig kern-
haltig um die erhaltenen Glomeruli und zwischen den Harnkanäl-
chen. Diese letzteren sind nicht bedeutend comprimirt. Die Con-
tinuität des epithelialen Ueberzuges ist erhalten; in den gewundenen
Kanälchen ist das Epithel ungemein fettig degenerirt, während es
in den geraden Kanälchen blos parenchymatös getrübt ist.
XX. Intoxicatio saturnina chronica. Atrophia cerebri et
medullae spinalis. Hydrops ventriculorum. Atrophia mus-
cularis. Nephritis interstitialis chronica. Hypertrophia
cordis sinistri.
Aus der genauen Krankengeschichte dieses Falles — der auf
einer anderen Klinik durch lange Zeit beobachtet wurde — ent-
nehmen wir, dass niemals urämische Symptome beobachtet worden.
Dem Sectionsprotokoll entnehmen wir folgende Beschreibung der
Nieren: Die linke Nierenarterie ungemein dickwandig, misst im
Umfange l*/t Ctm. Die linke Niere ist klein, 87a Ctm. lang, 5 Ctm,
248 Hlava and Thomayer.
breit, 3*2 Ctm. dick. Die Kapsel ist etwas dicker, ihre Oberfläche
fein granulirt, röthlichbraun; die Binde als auch die Pyramiden eng.
Die rechte Niere ist etwas kleiner als die linke (8 — 5 — 3), sonst
aber ähnlich beschaffen; die dazugehörige Nierenarterie misst im
Umfange 12 Ctm.
Die mikroskopische Untersuchung war um so interessanter,
als ja aus den Versuchen von Charcot und Gombault1) bekannt
ist, dass man bei Thieren chronische Nierenentzündung durch
Fütterung mit kohlensaurem Blei hervorrufen könne. In diesem
Falle zeigten sich die Hauptveränderungen an den Gefässen, wäh-
rend das Epithel der Harnkanälchen bedeutende Veränderungen
aufwies, wenigstens nicht solche, wie sie Charcot und Gombault
nach ihren Versuchen gesehen und beschrieben haben.
In der oberflächlichsten Corticalisschichte sind die meistei
Glomeruli zerstört, d. i. umgewandelt in kleine hyaline Kugeln, di^
nur hie und da Kerne enthalten.
Die Knäuel, welche sich in den tieferen Schichten (in dar
Marksubstanz) vorfinden, zeigen geringe oder gar keine Verände-
rungen. Im ersteren Falle sehen wir, dass die Müller'sche Kapsel
dicker ist, wobei jedoch das Lumen derselben nicht verengt ist.
Ganz prägnante Veränderungen sehen wir an den grossen
Gefässen. — Die Adventitia, Muscularis und Intima sind gewuchert;
an letzterer sieht man dieses ganz deutlich, indem das gewucherte
Endothel eine mehrfache Lage bildet, in welcher die innerste
Schichte aus spindelförmigen Zellen besteht. — Diese letzteren
kreuzen sich untereinander, so dass das verengerte Gefasslumen
wie ein Sieb durchlöchert erscheint. An manchen Stellen ist die
Verengerung des Lumens eine ungemein grosse — so vorzüglich
an den Gefässen der Binde.
Die Gefässe der Marksubstanz haben bedeutend dickere Wan-
dungen und auch hier finden sich reichliche Wucherungsvorgänge
an der Intima.
Das interstitielle Gewebo ist gleichmässig verbreitert, wie
um die Glomeruli so auch zwischen den Harnkanälchen, und ist
sehr arm an Kernen, enthält nirgends eine kleinzellige Infiltration.
Die Harnkanälchen sind etwas auseinandergedrängt, aber ihr
{) Archive» de physiologie normale et pathologique. 1880.
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 249
Epithel ist in seiner Continuitat erhalten. — Die einzelnen Zellen
sind nicht abgeplattet und nur parenchymatös degenerirt; dies gilt
wie von den geraden, so auch von den gewundenen Kanälchen.
XXI. Lues universalis. — Deg. amyloidea hepatis, lienis,
renum. — Nephritis interstitialis chronica. — Pneumonia
lobularis. — Dysenteria.
Eine 28 Jahre alto Frau wurde mit Syphilis in das hiesige
Spital aufgenommen und durch mehrere Wochen behandelt (Schmier-
tur). — Kurz vor dem Tode sank die Diurese ganz bedeutend
herab, sodann stellten sich mächtige Kopfschmerzen ein. Daraufhin
bekam P. mohrfache eclamptische Anfälle; es entwickelte sich da-
bei eine solche exquisite Nackenstarre, dass der behandelnde Arzt
Meningitis diagnosticiren zu müssen glaubte. P. starb an einem
solchen Krampfanfalle.
Wir müssen von vorneherein erwähnen, dass die Deutung der
nervösen Erscheinungen nicht so leicht war. Wir mussten zunächst
bestimmen, ob luetische Veränderungen oder Urämie dieselben her-
vorgebracht haben. — Makroskopische Veränderungen im Gehirne
fand man bei der Section nicht; doch lag hier die Vermuthung
nahe, ob nicht eine Endarteriitis, wie sie Heubner beschrieben,
die Ursache der Krämpfe abgegeben hatte. An frischen Schnitten
(Schanze's Gefriermikrotom), sowie auch an gehärteten konnten wir
uns überzeugen, dass nirgends von einer Endarteriitis die ßede sein
könne. — Von einem anderen im Gehirne dabei gemachten posi-
tiven Befunde wollen wir in unserer nächsten Arbeit Erwähnung
thun. Wir konnten also Luos ausschliessen und mussten annehmen,
dass es sich um Urämie gehandelt habe. Die makroskopischen
Veränderungen in don Nieren waren laut Sectionsprotokoll
folgende :
Die rechte Niere ist etwas grösser als de norma; ihre Kapsel
ist zart und leicht ablösbar. Die Oberfläche zeigt auf beiden Flächen
gegen den convexen Band hin reichliche Einziehungen, so dass diese
Flächen grobknollig erscheinen; die unteren gegen den Hilus sehen-
den Flächen sind glatt; die Farbo der Oberfläche ist eine blass-
braune.
Die Rindensubstanz ist breit, von gelblichor Farbe; ähnlich
wie die Bertinischen Säulen gefärbt. Die Pyramiden sind blau-
250 Hlata and Thomayer.
violet Das Gewebe der Niere ist fest, unelastisch. Die linke Niere
ist etwas grösser wie die rechte und hat ebenfalls eine grobknollige
Oberfläche.
Bei der mikroskopischen Untersuchung finden wir nachfolgende
Veränderungen:
Dio Glomeruli sind zum grössten Theü erhalten und nur in
den eingesunkenen Partien sind einzelne obsolet. Auch die Gefasse
zeigen bei ungefärbten Präparaten keine bedeutenden Veränderungen.
Aber nach Färbung mit Anilinfarben sehen wir, dass reichliche
Vasa recta und einzelne Gefasse, die in die Malpighfschen Knäuel
eintreten, ebenso auch viele Capillarschlingen der Glomeruli amy-
loid degenerirt sind.
Das interstitielle Bindegewebe ist überwiegend verbreitert
und an vielen Stellen sehen wir Gruppen von kleine^
Bundzellen und zwar sowohl in der Umgebung grösserer Geföss^
als auch um die Glomeruli herum. Die Infiltration sehen wir auck*
an solchen Orten, wo das interstitielle Gewebe nicht verbreitert
ist. Die Geftsse sind überhaupt stark hyperämisch.
Die Harnkanälchen sind einerseits stark comprimirt an Stellen,
wo das interstitielle Gewebe stark verbreitert ist, und enthalten
stellenweise zahlreiche rothe Blutkörperchen, nebst vielem Blut und
hyalinen (Mindern. Das Epithel der gewundenen Kanälchen ist
parenchymatös degenerirt.
Vergleichen wir nun diesen Befund mit den in anderen Fällen
gemachten und erwägen wir, dass keine andere Ursache für die im
Leben beobachteten nervösen Erscheinungen gefunden wurde, so
sind wir gewiss zu dem Schlüsse berechtigt, dass Urämie die un-
mittelbare Todesursache gewesen sei.
XXII. Nephritis interstitialis chronica. — Degeneratio
amyloidea hepatis, lienis et renum. — Hydrothorax. —
Hydrops universalis. — Tuberculosis pulmorum chronica.
Wie aus der Diagnose zu ersehen ist, handelt es sich um
einen gleichen Fall, wie es der vorige war. Auch in diesem Falle
litt Patientin, eine 24jährige Dienstmagd, an Lues. Sub finem vitae
hatte sie eine geringe Diurese; im Harne sehr viel Eiweiss; über-
dies litt sie an vehementen Magenbeschwerden und Kopfschmerzen,
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 251
an welche sich mehrfache eclamptische Anfälle anschlössen. Darauf
Coma und in demselben Tod.
Die linke Niere ist 13 Ctm. lang, 6 Ctm. breit, 4 Ctm. dick;
die Kapsel ist zart, leicht ablösbar; die Oberfläche zeigt vielfache
narbige Einziehungen, ist blassgelb und an den glatten Partien von
zahlreichen gelblichen Funkten durchsetzt. Die Bindensubstanz ist
verbreitert (V/2 Ctm. breit), gelblichroth gestreift; die Pyramiden
"blassviolet. Das Gewebe ist unelastisch, fest, matt glänzend. Das
Becken reichlich fettumwachsen, seine Schleimhaut dünn und blass.
Die rechte Niere ist kleiner (10— 6— 3y2), besitzt an der Ober-
fläche zahlreiche Einsenkungen, zwischen welchen die glatte blass-
gelbe Oberfläche sich hinzieht. Die Bindensubstanz ist hier nur
1 Ctm. breit; sonst die Beschaffenheit wie links.
An den Stellen der narbigen Einziehungen finden wir bei der
mikroskopischen Untersuchung prägnante Veränderungen, während
an den der glatten Oberfläche entsprechenden Orten das Gewebe
unverändert erscheint, bis auf die Gefässe und Knäuel, die amyloid
degenerirt sind.
In den ersteren Partien sind die Glomeruli zum Theile ob-
solet, zum Theile von einer reichlichen zelligen Infiltration um-
geben. Bei den scheinbar erhaltenen Partien sind die Glomeruli
zumeist amyloid degenerirt, aber auch um diese herum finden wir
eine zellige Infiltration.
Die Gefässe besitzen keine verdickten Wandungen und sind
in den am meisten peripheren Schichten der Corticalis stark hyper-
ämisch, während in den tieferen Lagen dieselben stark amyloid
degenerirt erscheinen. Das interstitielle Bindegewebe ist in den
eingesunkenen Partien stark ausgebreitet und enthält überall zahl-
reiche Gruppen von Bundzellen und stellenweise punktförmige
Hämorrhagien. An den etwas erhaltenen Partien sind die Inter-
stitien zart und fast kernlos.
Die Harnkanälchen sind in den vorerst erwähnten Partien
stark comprimirt und bilden nur kleine Lücken im Gewebe; die-
selben sind an zahlreichen Stellen mit rothen Blutkörperchen oder mit
zerfallenen Epithelmassen gefüllt. An den erhaltenen Stellen ist
das Epithel bedeutend vergrössert und fettig degenerirt in den
gewundenen Harnkanälchen, während in den geraden das Epithel
nur parenchymatös getrübt ist.
252 Hlava und Thomayer.
Dies ist die Beschreibung sämmtlicher von uns untersuchten
Fälle.
Es wäre nun begreiflicherweise vor Allem angezeigt zu fragen,
ob das vorliegende Material irgend welche, unsere Frage be-
treffende Schlüsse gestatte. Ehe wir jedoch auf dieses eingehen,
wollen wir Einiges zur Aufklärung vorausschicken.
Dreizehn von zwei und zwanzig untersuchten Fällen waren
während des Lebens mit Urämie combinirt. Dies ist gewiss ein
auffallendes Verhältniss. Wir müssen jedoch bemerken, dass unsere
Fälle ausgesucht sind, und dass wir speciell solche wo Urämie be-
obachtet wurde, mit Vorliebe aufsuchten. In Folge dessen kann un-
sere Zusammenstellung zu keiner statistischen Berechnung benützt
werden.
Wir wollen nun sämmtliche Befunde übersichtlich zusammen-
stellen (siehe die beigefügte Tafel Seite 254 und 255) und so die
Verhältnisse der einzelnen Bestandteile genauer studiren.
Betrachten wir vor Allem das Verhältniss des Epithels der Harn-
kanälchen, speciell das der gewundenen, so finden wir Zerfall oder
wenigstens hochgradige Degeneration in folgenden Fällen: I, II, HI,
VE, IX, XII, XIV, XV, XVI. Von diesen boten nur die Fälle I,
VII, IX und XIV während des Lebens urämische Erscheinungen
dar, dagegen war in den Fällen VI, X, XI, XVI, die Veränderung
des Epithels keineswegs hochgradig und doch zeichneten sich diese
Fälle während des Lebens durch Urämie aus.
Wenn somit die Urämie sowohl bei unbedeutender als bei
hochgradiger Störung des Epithels der Harnkanälchen sowohl vor-
kommen als fehlen kann, so ist es doch logisch, dass dieses Epithel
durch seine Veränderungen zur Enstehung von Urämie höchstens
beitragen, aber nie allein dieselbe veranlassen könne.
Auch die übrigen secretorischen Bestandteile der Niere —
die Malpighi'schen Knäuel — zeigten, wie schon angedeutet, man-
nigfache, zumeist graduell verschiedene Veränderungen. So waren
dieselben in den Fällen I, in, VH, VIII, IX, X, XIV, XVII, XVIH,
zum grössten Theile obsolescirt und undurchgängig, ohne dass man
in den Fällen III, -XVII, XVIH während des Lebens urämische
Erscheinungen verzeichnet hätte. Dagegen war in den Fällen IV,
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 253
XI, ^TTT die Mehrzahl der Glomeruli anscheinend ohne Veränderung
und doch waren gerade in diesen Fällen während des Lebens urä-
mische Erscheinungen ausserordentlich patent. In Folge dessen ist
es wohl unmöglich die anatomischen Veränderungen des Glomerulus
als ausschliesslich wichtig für die Entstehung von Urämie zu be-
trachten. Es wird freilich Niemandem einfallen zu behaupten, dass
die Durchgängigkeit der Glomeruli, resp. ihre secretorische Fähig-
keit für die Entstehung von Urämie keine Bedeutung haben. Es
ist klar, dass die Gefahr der Betention gewisser Harnbestandtheile
im Organismus besonders gross ist, wenn die überwiegende Mehr-
zahl der Glomeruli functionsunfiahig geworden ist, obzwar man nicht
einmal approximativ weiss, wie gross die Zahl der enthaltenen
Glomeruli sein müsse, auf dass im gegebenen Falle hinreichende
Secretion des Harnwassers erfolge.
Durch unsere Zusammenstellung wollten wir speciell darauf
hinweisen, dass selbst bei nicht besonders veränderten Glomerulis
Urämie auftreten könne, und dass es somit für dieselbe noch andere
Entstehungsgründe gebe als Devastation einer bestimmten Zahl
von Malpighischen Knäueln. Dies gilt nicht nur für acute Nephri-
tiden, für welche eine solche Bemerkung selbstverständlich über-
flüssig ist, sondern auch für chronische Fälle, wie es eben die an-
geführten mikroskopischen Befunde nahe legen.
Auch das Verhalten der sonstigen Blutgefässe weist für imsere
Zwecke nichts Bestimmtes auf. Namentlich bieten die Verhältnisse
der Gefasswände und ihre bei chronischen Nephritiden nicht seltenen
Erkrankungen nichts Wesentliches für die Entstehung des urämi-
schen Symptomencomplexes. So viel glauben wir wenigstens unserer
Zusammenstellung entnehmen zu können.
Auffallend erscheint dagegen das Verhältniss der kleinzelligen
d. h. entzündlichen Infiltration. Wir wollen dasselbe einer genaueren
Analyse unterziehen.
Schon bei oberflächlicher Betrachtung der beigefügten Tabelle
sehen wir das Vorhandensein der kleinzelligen Infiltration in fol-
genden Fällen verzeichnet: I, IV, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XIH,
XIV, XXI, XXII. Betrachten wir sodann die Beschreibung der Fälle
etwas genauer, so sehen wir, dass in manchen von denselben, selbst
in solchen, welche chronisch verlaufen sind, kleinzellige Infiltration
überaus massenhaft zu finden war. Um nur ein Beispiel hervorzu-
254
Hlava und Thomayer.
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Med. Jtirbtlcher. 1882.
17
256 Hlava und Thomayer.
hoben, verweisen wir auf den Fall I, den wir klinisch durch längere
Zeit verfolgen konnten, und in dem die urämischen Erscheinungen
während des Lebens ungemein heftig und ausgesprochen waren.
Keine odor wenigstens keine auffallende kleinzellige In-
filtration fanden wir in den übrigen, von uns untersuchten Fällen;
— es sind dies sämmtlich jene Fälle, in denen keine Urämie auf-
getreten war, und in denen zumeist schon der sonstige Leichenbe-
fund eine andere Todesursache aufweist. In sämmtlichen Fällen da-
gegen, in denen wir eine reichliche kleinzellige Infiltration gefun-
den haben, wurden urämische Erscheinungen während des Lebens
beobachtet. Wohl sind die klinischen Notizen, die wir einzelnen
Fällen beigefügt haben, zumeist nur lückenhaft, und wurde auch
eine Anzahl von den angeführten Fällen von anderen Aerzten kli-
nisch beobachtet, doch steht so viel sicher, dass Fälle, die wir selbst
beobachtet haben, bezüglich des anatomischen Befundes mit den
übrigen vollkommen in Einklang stehen, und dass jene Fälle, in
denen urämische Erscheinungen während des Lebens beobachtet
wurden, in dem makroskopischen Befunde zumeist hinreichende
Begründung für die während des Lebens gestellte Diagnose gefun-
den haben.
Angesichts dessen können wir das Kesultat unserer Unter-
suchungen folgendermassen zusammenfassen. In allen denjenigen
Fällen, in welchen während des Lebens Urämie beobachtet
wurde, fanden wir post mortem in den Nieren eine mehr
oder weniger massenhafte, zumeist ganz frische klein-
zellige Infiltration, in jenen Fällen, wo urämische Erscheinungen
nicht beobachtet wurden, und wo schon aus dem Sectionsbefunde
eine anderweitige Todesursache ersichtlich ist, wurde ein solcher
mikroskopischer Befund von uns nicht gemacht.
Dies ist das einzige auffällige Substrat, das uns unsere Unter-
suchungen geliefert haben. Fraglich ist es nun, ob dieses Substrat
derartig charakteristisch und wichtig ist, dass man ihm eine be-
stimmte oder gar wichtige Bedeutung beilegen könnte.
Betrachten wir die Verhältnisse der kleinzelligen Infiltration
in den angegebenen Fällen, so finden wir vor allem, dass sich diese,
wie begreiflich, in der unmittelbaren Nachbarschaft der verschiedenen
Blutgefässe befindet. Man findet sie in der Umgebimg der Malpi-
ghi'schen Knäuel vorzüglich an der Stelle, wo das Vas efferens und
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 257
afferens die Müller'sche Kapsel durchdringen, ferner in der Nähe
der interlobulären Arterien, die aus den bekannten Blutgefassbogen
entspringen und endlich in der Umgebung anderweitiger Binden-
gefässe.
Von den interlobulären Arterien hängt, wie wir wissen, vor-
züglich die Secretion des Harnwassers ab. Es sind dies jene Ge-
ftsszweige, von welcher die Vasa afferentia sich abzweigen, um die
Müller'sche Kapsel durchzudringen. Was die Verhältnisse der Gefasse
des Glomerulus selbst anbelangt, so wissen wir, dass das Vas efferens
vom afferens an Weite übertroffen wird, imd dass dieses Verhältniss
in Folge dessen die Filtration im Knäuel selbst wesentlich begünstigt.
In den mit Urämie complicirten Fällen von Nephritis fanden wir nun
Agmination von Bundzellen in der unmittelbarsten Nachbarschaft
des Vas afferens und efferens. Diese Agmination ist mitunter unge-
mein massenhaft und dabei muss man noch in Betracht ziehen,
dass speciell bei Granularatrophie der Niere das interstitielle Ge-
webe derb und unnachgiebig ist.
Es entsteht die Frage, ob Agmination von Bundzellen in der
Umgebung besagter Gefässe für die Circulation in denselben gleich-
giltig sei? Wir glauben bestimmt diese Frage verneinen zu können.
Nachdem man annimmt, dass an anderen Stellen des menschlichen
Körpers das entzündliche Exsudat die benachbarten Gefässe derartig
comprimirt dass Gewebsnekrosen daraus entstehen, so dürfen wir wohl
auch im vorliegenden Falle annehmen, dass die entzündliche rund-
zellige Infiltration die betreffenden Gefasse comprimire. Wir wollen
dahingestellt lassen, wie hochgradig eine derartige Compression sein
möge, so viel ist jedoch sicher, dass selbst massige Verengerimg
der Vasa afferentia ganz andere Folgen haben muss als gleich be-
deutende Veränderung anderer Gefässe im Organismus. Da die Fil-
tration oder Secretion des Harnwassers de norma ein auffallendes
Missverhältniss der Gefässlumina erfordert, so ist anzunehmen,
dass in denjenigen Fällen, in denen das Vas afferens so comprimirt
wird, dass sein Lumen dem des Vas efferens gleich wird, bereits
eine gefährliche Störung der Harnwasserfiltration eintreten werde.
Gleichbedeutend dürfte auch die Compression beider Gefässe ein-
wirken.
Doch nicht nur in der Umgebung des Malpighi'schen Knäuels
sondern auch in der Umgebung der intralobulären Arterien findet
47*
258 Hlava und Thomayer.
sich Anhäufung von Bundzellen vor. Da diese Arterien den Vasa
afferentia übergeordnet sind, indem diese Zweigäste jener vorstellen,
so wird auch Compression jener Arterien bereits einen gewissen
Einfluss auf den physiologischen Vorgang im Malpighi'schen Knäuel
ausüben, indem unterhalb der comprimirten Stellen gewiss ein
geringeres Blutvolumen das Gefäss durchströmen wird.
Auf diese Art liesse sich wohl hinreichend Urämie mit vor-
angehender Verminderung der Harnmenge erklären.
Es fragt sich nun, was für eine Bedeutung der kleinzelligen
Infiltration beizulegen ist. Für die acute Nephritis ist das Vorkom-
men derselben eine selbstverständliche Erscheinung. Doch auch für
die chronischen Formen, speciell bei Granularatrophie der Nieren,
ist ihr Auftreten keine aussergewöhnliche Erscheinung. Man darf
eben nicht vergessen, dass im Verlaufe der chronischen intersti-
tiellen Nephritiden in einem Stadium, wo ein Theil des Parenchyms
verwüstet, ein anderer jedoch secretionsfahig ist, acute Exacerbationen
vorkommen, die mitunter klinisch selbst das Bild einer acuten Nephritis
vortäuschen *). Wir wollen absehen von der Bedeutung dieser Exa-
cerbationen für die Pathologie der Nephritiden, so viel ist jedoch
klar, dass bei einem acuten entzündlichen Nachschübe in der Niere,
kleinzellige Infiltration nicht Wunder nehmen darf.
Dass eine solche entzündliche Exacerbation besonders gefährlich
ist, ist selbstverständlich. Sie betrifft ja eine Niere, in der bereits
ein grosser Theil des secernirenden Parenchyms functionsunfahig
geworden ist und in der somit der mehr oder weniger erhaltene
Best des Parenchyms viel leichter gestört werden kann als in einer
Niere, die ursprünglich vollkommen gosund war. Diese theoretischen
Schlüsse besitzen in den Erfahrungen aus der Praxis eine wich-
tige Stütze. Es geht ja beispielsweise aus der Zusammenstellung
von Budde2) hervor, dass gerade bei Granularatrophie der Niere
Urämie am häufigsten vorkomme.
Es ist ferner klar, dass bei einer allgemeinen Blutdruckernie-
derung die kleinzellige Infiltration viel eher das Gefäss zu com-
primiren im Stande sein wird, als bei hohem Blutdrucke speciell
in den Nieren.
*) Wagner, Ziemssen's Handb. IX. I. 3. Aufl. p. 277.
■) Eef. in Virch. Hirsch Jahresb. 1876. 2. p. 23.
Symptomen-Complex bei Nephritiden. 259
Fraglich erscheint es allerdings, ob durch den angeführten
Befund auch jene Fälle von Urämie, in denen die Diurese nicht
gesunken ist, ihre Erklärung finden können. Es ist allerdings wahr-
scheinlich, dass die Secretion der gewundenen Harnkanälchen bei
Compression der zugehörenden Gefässe eine wesentliche Störung er-
leiden wird. Wir sind jedoch nicht im Stande nachzuweisen, dass
es Fälle gebe, in denen die kleinzellige Infiltration sich lediglich
auf das die gewundenen Kanälchen umspinnende Capillargefässnetz
beschränkt. Kommen solche Fälle vor und sind dabei Knäuel zum
grossen Theile intact, so würde die Secretion des Harnwassers fort-
dauern, während die Secretion gewisser specifischer Bestandtheile
des Harnes eine wesentliche Störung erleidet.
Wir betrachten in Folge dessen die kleinzellige In-
filtration als einen äusserst wichtigen Factor für die
Entstehung von Urämie im Verlaufe von Nierenentzün-
dungen.
Dieser Satz erheischt einige Aufklärung. Kleinzellige Infiltra-
tion kann man finden hie und da auch in solchen Fällen, wo keine
Urämie vorhanden war. Wenn auch in diesen Fällen die Infiltration
nicht besonders deutlich, ja mitunter kaum nachweisbar ist, so
müssen wir doch diesen Umstand auffuhren, um eben andeuten zu
können, dass allem Anscheine nach in solchen Fällen die kleinzel-
lige Infiltration ihrer geringen Dimensionen wegen nicht im Stande
ist, die Gefässe zu comprimiren.
Ob nicht noch andere anatomische Bedingungen für die Entste-
hung von Urämie bei diffusen Nephritiden vorliegen, lassen wir da-
hingestellt, däss aber Bundzellanhäufungen eine Bolle bei der Ent-
stehung von Urämie spielen, betrachten wir für gewiss.
Die auffallende Coincidenz dieses Befundes mit den klinischen
Erscheinungen der Urämie, sowie auch das Verhältniss der Bund-
zellen zum secernirenden Nierenparenchym berechtigen eine solche
Ansicht in hohem Grade.
Herrn Prof. Klebs, dessen Freundlichkeit wir das vorliegende
anatomische Materiale verdanken, erstatten wir hiermit unseren Dank.
-»-«^— •-
XIV.
Untersuchungen über das Kniephänomen.
Von
Dr. A. Jarisch und Dr. E. Schiff.
(Hiezu Tafel X und 2 Holzschnitte.)
Aus dem Laboratorium von Prof. v. Basch.
(Von der Redaction am 25. April 1882 übernommen.)
Die Bewegungserscheinungen, welche auf mechanische Beizung
der Sehnen eintreten, sind seit ihrem Bekanntwerden durch Erb
und Westphal vielfach diagnostisch ausgewerthet worden.
Die diesbezüglich bisher geübte Methode bezog sich blos auf
die Wirkung einzelner maximaler, um mit Bowditch1) zu
sprechen, unfehlbarer Beize. Dieselbe schien auch vollends auszu-
reichen, insofern es sich bei einmaliger Untersuchung nur um die
Constatirung des Umstandes handelte, ob die in Bede stehenden
Phänomene „fehlten", „hochgradig gesteigert" oder „nicht auffällig
gesteigert" waren.
Sobald es sich aber um eine wiederholte Untersuchung und
den Vergleich der zu verschiedenen Zeiten gewonnenen Besultate
handelte, konnte diese etwas grobe Methode nicht befriedigen und
es erwuchs das Bedürfniss, dieselbe entsprechend abzuändern.
Unter der Voraussetzimg, dass es sich bei diesen Erschei-
nungen wirklich um Beflexe handle, schien es namentlich mit Bück-
*) Bowditch, Ueber die Eigentümlichkeiten der Reizbarkeit, welche
die Muskelfasern des Herzens zeigen. Arbeiten aus der phys. Anstalt zu
Leipzig 1871.
262
Jarisch und Schiff.
sieht auf die bekannten Erfahrungen von Stirling-Kronecker1)
und Ward2) geboten, zu untersuchen, ob ebenso, wie durch ein-
zelne maximale Beize, auch durch eine Summe minimaler, auf
Sehnen applicirter Beize, Bewegungserscheinungen in den zugehöri-
gen Muskeln hervorzurufen seien.
Diese Frage konnte aber nur mit Hilfe einer Vorrichtung in
Angriff genommen werden, die es gestattete die mechanischen Beize
in möglichst feiner und sicherer Weise abzustufen. Dieser Bedin-
gung entsprach, wie wir uns bei unseren Untersuchungen über-
zeugten, vollkommen der in Folgendem beschriebene Apparat, welcher
nach unseren Angaben von den Mechanikern Mayer und Wolf in
Wien hergestellt wurde und dessen Construction aus beifolgender
Fig. 1 ersichtlich ist. Der wesentliche Theil desselben besteht in
Fig. l.
einem ungleicharmigen um die Achse b beweglichen Hebel, dessen
kürzerer Arm ax mit der Feder c in Verbindung gebracht ist und
dessen längerer Arm a an seinem Ende einen verschiebbaren Hammer
d trägt, welcher mit einer federnden Platinkuppe versehen wurde,
um die gleich zu beschreibende Contactvorrichtung sicherer zu ge-
stalten, und welcher den Beiz auf die Sehne übertragen sollte. Wir
überzeugten uns aber im Laufe der Versuche, dass der mechanische
Beiz bei unserer Versuchsanordnung besser mit dem Hebelarme,
l) Stirling W., Ueber die Summation elektrischer Hautreize, Arbeiten
ans dem phys. Institute zu Leipzig 1874.
x) Ward, Ueber die Auslösung von Reflexbewegungen durch eine
Summe schwacher Reize. Arch. f. Anat. und Physiol. 1880.
Untersuchungen über das Eniepn&nomen. 263
welcher mit einer Marke versehen wurde, selbst ausgeführt werden
konnte, und so diente uns der verschiebbare Hammer späterhin nur
dazu, das Trägheitsmoment unseres Apparates zu ändern.
Der den Hammer tragende Hebelarm, welcher in seiner
Gleichgewichtslage auf einer Korkplatte i ruhte, konnte längs dem
graduirten Bogen g bewegt werden. Je höher derselbe auf der
Skala gehoben wurde, um so mehr wurde die Feder c gespannt
und mit um so grösserer Kraft musste er niederfallen.
Zur sicheren und beliebigen Abstufung der Beize diente eine
Vorrichtung ä, welche auf der Scala g verschiebbar und mittelst
einer Schraube festzuklemmen war und die einen federnden Zahn (l)
trug, die den gehobenen Hammer in jeder beliebigen Höhe festhielt.
Durch Zurückziehen des Zahnes der an seinem unteren (in der Fig.
nicht sichtbaren) Ende einen Bing trug, wurde die Hemmung ent-
fernt und der Hammer fiel mit der, seiner Entfernung vom Buhe-
punkte entsprechenden Kraft nieder.
Bei / war der Apparat in ein Stativ eingeklemmt, welches
gestattete demselben jede beliebige Stellung zu geben.
Da aber unter allen Sehnenreflexen der Untersuchung des Knie-
phänomens die geringsten technischen Schwierigkeiten entgegenstan-
den, so haben wir uns begnügt, nur dieses zum Gegenstande unserer
Untersuchungen zu machen. Die Anordnung unserer Versuche zeigt
Fig. 2. Das Versuchsobject verweilte in gut unterstützter, sitzender
Stellung. Der betreffende Unterschenkel ruhte einerseits auf einem
runden Polster A, andererseits auf einer schiefen Ebene / und
war überdies noch durch ein Gewicht g, welches über dem
Sprunggelenke mittelst eines Bandes angebracht war, fixirt.
Um, so weit dies möglich, stets nur ein und dieselbe Stelle
der Patellarsehne zu reizen, fixirten wir mittelst eines in der Knie-
kehle gekreuzten Bandes einen Metallknopf (6, Fig. 2) über der
Sehne, welcher zugleich den elektrischen Contact vermittelte.
Unsere Einrichtung war nämlich derartig, dass in dem Momente,
in welchem der Hammer a auf den Metallknopf b auffiel, ein elek-
trischer Strom geschlossen wurde, welcher durch einen Markirmagne-
ten c ging, der den Moment des Beizes auf der Trommel eines
Balzer'schen Kymographions registrirte.
Der elektrische Strom trat bei h (Fig. 1 und 2) in den
Hammer a (Fig. 2) ein, ging durch denselben durch, trat an der
264
Jarisch und Schiff.
Berührungsstelle in den Metallknopf uud durch einen mit diesem
verbundenen Draht zum betreffenden Pole des verwendeten Chrom-
säureolomentes zurück. Figur 2 erläutert in hinreichend deutlicher
Weise unsere diesbezügliche Anordnung.
Die Muskolcontraetionori wurden ebenfalls auf der Trommel
registrirt. Wir bedienten uns aber nicht der von Eulenburg1)
geübten Methode, bei welcher eine auf dem Quadriceps ruhende
Luftkapsel die Contractiou des Muskels auf eine Marey'sche Re-
gistrirtrommel übertrug, sondern wir verwendeten als registrirenden
Apparat den Basch'schen Wellenzeichner11). Da hier die Uebertragung
durch Wasser stattfindet, so bestand der die Muskelcoutraction
übertragende Apparat aus einer mit Kautschuck überspannten und
mit Wasser gefüllten Kapsel d, die mit dem Wellenzeichner e
durch möglichst starre Kautschuckröhron in Verbindung gesetzt
') Eulenburg, „Ueber Zeitmessung und graphische Darstellung der
Sehnenreflexe*, Frerichs-Leyden, Zeitschrift für klinische Medicin, Bd. 4,
Heft 1 und 2.
') v. Basch, „lieber die Summation von Reizen durch das Herz";
Sitzungsbe ficht der k. Akademie der Wissenschaften, Bd. 19.
Untersuchungen über das Kniephänomen. 265
wurde. Wir haben uns überzeugt, dass hier die Uebertragung viel
sicherer und getreuer ist, als mittelst des Marey'schen Apparates;
zudem geniesst man bei dieser Vorrichtung den Vortheil, durch
Spannen der am Basch'schen Apparate angebrachten Feder die
Empfindlichkeit desselben, respective die Höhe der Zuckungscurve
nach Belieben zu ändern. Die die Muskelcontraction übertragende
Trommel d wurde mittelst eines Seidenbandes, welches den Ober-
schenkel umfasste, über den Quadriceps befestigt, wie Figur 2
illustrirt.
Die Zeitmarken wurden in gewöhnlicher Weise, ebenfalls
durch einen Markirmagneten auf der Trommel registrirt.
Als Versuchsobjecte dienten uns durchwegs gesunde, kräftige,
junge Individuen, der Mehrzahl nach Mediziner in den zwei ersten
Jahrgängen, welche über die Fragen, deren Lösung wir anstrebten,
nicht orientirt waren.
Durch die Angaben von Stirling-Kronecker1) und War d2)
geleitet, prüften wir zunächst die Wirkung rasch aufeinander folgen-
der minimaler (mechanischer) Beize, d. h. solcher, die einzeln zu-
geführt keine Zuckung auslösten. Das Aufsuchen der minimalen
Beize geschah in der Weise, dass wir zuerst die Stärke der unfehl-
baren Beize ermittelten und dieselben so weit verminderten, bis
Einzelreize keinen Effect mehr gaben. Die Erfahrung hatte uns
bald die Grenzen gelehrt, innerhalb welcher wir zu suchen hatten,
um die entsprechenden Beizstärken sofort aufzufinden.
Da eine gleichmässig rasche Schlagfolge nicht leicht mit der
Hand zu erzielen war, so Hessen wir den einen Hebelarm des
Hammers durch die im Laboratorium des Herrn Prof. v. Basch
thätige kleine Dampfmaschine in Bewegung setzen. Unsere diesbe-
zügliche Anordnung ermöglichte nur eine Beizfrequenz von circa
5 Beizen in der Secunde; eine grössere Frequenz war wegen der
Trägheit des reizgebenden Apparates, ohne bedeutende Fehlerquel-
len nicht möglich.
Alle Versuche, welche wir unter diesen Bedingungen anstellten,
ergaben, dass nach einer Summe minimaler Beize mehr oder minder
starke Contractionen im Quadriceps auftreten.
M 1. c.
') L c.
266 Jarisch und Schiff.
So sahen wir in einem Falle erst nach 47 Schlägen, die in
Pansen von 0,28 Secunden einander folgten, also nach circa 13
Secunden eine Contraction eintreten. — Am selben Individuum
ergab die Fortsetzung des Versuches bei ungefähr gleicher Reiz-
frequenz eine Latenz von nur 3,5 Secunden, entsprechend 12
Schlägen. — Später verzeichneten wir bei einem Beizintervall von
0,4 Secunden eine Latenz von 9,75 Secunden, entsprechend 23
Beizen. — Darauf wurde die Geschwindigkeit der Beizfolge auf
0,5 Secunden verringert; es erfolgte nach einer Latenz von 9,5 Se-
cunden, d. i. nach circa 20 Beizen eine Contraction.
Bei einem zweiten Individuum beobachteten wir bei einer
Beizfrequenz von 0,27 Secunden sogar die Latenz von 26 Secunden
entsprechend einer Anzahl von 96 Beizen. — Aehnliche Fälle haben
wir noch mehrere verzeichnet.
Wir prüften hierauf das Verhalten minimaler Beize, welche
in Intervallen von Einer Secunde aufeinanderfolgten und über-
zeugten uns, dass nicht allein Beize, welche in Pausen von einer
Secunde wirkten, sondern selbst Beize, die durch einen Inter-
vall von 10 Secunden und mehr getrennt waren, wirksam
wurden.
Nachdem es nun im Principe festgestellt war, dass auch durch
längere Pausen getrennte, minimale Beize wirksam sind, schien
es uns namentlich mit Eücksicht auf spätere am Krankenbette
auszuführende Untersuchungen, bei welchen complicirtere Apparate
schwer in Anwendung zu bringen wären, zweckmässiger, unsere
Untersuchungen nur auf langsam aufeinanderfolgende Beize zu be-
schränken. Diese waren aber mit Leichtigkeit nach dem Tacte
eines Metronoms mit dem durch die Hand zur bestimmten Höhe
gehobenen Hammer zu appliciren.
In den nachfolgenden Tabellen sind die Besultate der in dieser
Weise angestellten Versuche an 21 Individuen zusammengestellt.
Wir wollen gleich hier bemerken, dass wir an zwei weiteren Indi-
viduen durch maximale Beize keine Contraction des Quadriceps
erzielen konnten; bei einem von diesen gelang es uns aber durch
sehr frequente minimale Beize, Zuckung im Quadriceps zu be-
wirken, während bei dem anderen Falle auch diese Beizweise ohne
Erfolg blieb.
Untersuchungen über das Kniephänomen. 267
Das Verständniss der Tabellen ergibt sich ohne Weiteres aus
den Ueberschriften der einzelnen Stäbe. Nur haben wir als Er-
klärung für die in den zwei letzten Stäben eingeführten Zeichen
Folgendes zu bemerken.
Da, wo zur Hervorrufung einer Contraction mehr als Ein Beiz
nöthig war, ist selbstverständlich die Latenzzeit in Secunden aus-
gedrückt *). — Für jene Fälle dagegen, wo minimale Beize im
Laufe eines Versuches unfehlbar wurden, wo also jedem Einzel-
reize eine Contraction folgte, haben wir die Latenz mit l bezeichnet.
In jenen Fällen, in welchen auf eine bestimmte Schlagzahl keine
Muskelbewegimg eintrat, haben wir das Zeichen ©«> eingefügt.
Die römischen Zahlen im letzten Stabe entsprechen der Höhe
der verzeichneten Zuckungscurve in Millimetern.
Selbstverständlich gestattet unsere Art der graphischen Unter-
suchung, bei der im Wesentlichen das Princip des Federmyographions
in Anwendung kam und bei welchem wir je nach der Empfindlich-
keit des einzelnen Individuums Aenderungen der Federspannungen
vornehmen mussten, bei dem ferner die Application des, die Con-
traction übertragenden Apparates bei den verschiedenen Individuen
nicht vollkommen gleich hergestellt werden kojmte, keinen Ver-
gleich der in den verschiedenen Versuchsreihen gewonnenen Höhen
der Zuckungscurven. Einigen Zahlen ist als Exponeent der Buch-
stabe n beigefügt; dies bedeutet die in mehreren Fällen beobachtete
Nachwirkung, auf welche wir später zurückkommen werden.
Bezüglich der Beizgrössen wollen wir bemerken, dass wir den
Hammer, stets soweit an den auf der Patellarsehne befestigten
Metallknopf anrückten, dass dessen obere Kante in der Buhelage
mit 1*5 unserer Scala zusammenfiel; die Beizgrössen drücken dem-
nach die verschiedenen Höhen, zu welchen der Hammer gehoben
wurde aus, der Ausgangspunkt blieb für alle Versuche gleich, näm-
lich 1*5 unserer Scala.
l) Die angegebenen Zahlen sind etwas kleiner als die wirklichen Laten-
zen und zwar um die uns unbekannte Zeitgrösse vom letzten Beiz bis zur
Contraction. Diese Grösse, die indess nur Bruchtheile einer Secunde beträgt,
kann aber bei unseren Versuchen, wo es sich um Latenzen von vielen Secun-
den, ja selbst von Minuten handelt, füglich vollständig vernachlässigt werden.
268
Jarisch und Schiff.
Fall I. A. J. 32 J.
Datum
Ruhepause
zwischen
d. einzelnen
Versuchen
Laufende
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Untersuchungen über das Kniephänomen.
269
Datum
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Jansen und Schiff.
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Untersuchungen über das Kniephänomen.
271
Datum
Knhepause
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272
Jarisch und Schiff.
Datum
Ruhepause
zwischen
d. einzelnen
Versuchen
Laufende
Versuchs-
Nr.
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Untersuchungen Aber das Kniephänomen.
273
Datum
13. Februar
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274
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Untersuchungen über das Kniephänomen.
275
Datum
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1 14
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276
Jarisch and Schiff.
Datum
25. Jänner
Ruhepause
zwischen
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Versuchen
Laufende
Versuchs-
Nr.
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Untersuchungen Aber das Kniephänomen.
277
Datum
Ruhepause
zwischen
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Untersuchungen über das Kniephänomen.
279
Datum
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Untersuchungen über das Kniephänomen.
281
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Untersuchungen über das Kniephänomen.
283
Datum
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284
Jarisch und Scbiff.
Datum
Ruhepause
zwischen
d. einzelnen
Versuchen
Laufende
Versuchs-
Nr.
Reiz-
Latenz-
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kungs-
grad
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Grösse
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3
II
Untersuchungen über das Kniephänomen.
285
Ruhepause
zwischen
d. einzelnen
Versuchen
Datum
Laufende
Versuchs-
Nr.
Reiz-
Intervall I Grösse Zahl
Latenz-
zeit in
Secund.
Zuk-
kungs-
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286
Jansen und Schiff.
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Kunepäuse
zwischen
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Verfluchen
Laufende
Versuchs-
Nr.
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Untersuchungen über das Knieph&nomen.
287
Datum
Kunepäuse
zwischen
d. einzelnen
Versuchen
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Laufende
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Nr.
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30
Reiz-
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288
Jarisch und Schifl
Kuhepäuse
zwischen
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Versuchen
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Datum
14. Febr.
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Untersuchungen über das Kniephänomen.
289
SuEepause
zwischen
d. einzelnen
Versuchen
Datum
Laufende
Versuchs-
Nr.
Reiz-
Intervall Grösse Zahl
Latenz,
zeit in
Secund.
Zuk-
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grad
a.
121. Jänner
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Fall XIV. Stud. E. Rosenthal, 20 J.
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Jarisch and Schiff.
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26
n
Untersuchungen über das Kniephänomen.
291
Datum
Ruhepause
zwischen
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292
Jarisch und Schiff.
Fall XVI. Stud. med. J. Bie, 18 J.
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Untersuchungen über das Kniephänomen.
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294
Jarisch und Schiff.
Fall XIX. Stud. med. F. Friedmann, 21 J.
Datum
Kunepäuse
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Versuchen
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Nr.
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Datum
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Laufende
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Nr.
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2
28
27
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Die vorstehenden Tabellen zeigen, dass bei 21 Individuen
eine Eeihe von gleichen, minimalen, in bestimmten Zeit-
abständen (von mindestens einer Secunde) wiederholten,
mechanischen Beizen, die als Kniephänomen bekannte Er-
scheinung hervorrief.
Berechnet man aus den für die. verschiedenen Intervalle ge-
fundenen Latenzen das Mittel, so ergeben sich die in folgender
Tabelle zusammengestellten Resultate:
Mittlere Latenzzeit in
Secunden
6
17
26
35
Reizintervall in
Secunden
1
3
5
7
Mittlere Reizzahl
7
5
5
5
67
Die Latenzzeit wächst also, wie nicht anders zu erwarten
war, mit der Grösse des Inter valles ; dagegen zeigt sich eine ganz
merkwürdige Uebereinstimmung des Mittels der Beizzahlen.
Namentlich auffallend ist die Uebereinstimmung für jene Beize,
die in Intervallen von 3, 5 und 7 Secunden einander folgten. Wenn
es gestattet ist aus Mittelzahlen, denen grosse Zahlenreihen zu
Grunde liegen, einen Schluss zu ziehen, dann darf wohl gesagt
werden, dass das Zeitintervall von 3—7 Secunden am günstigsten
ist, denn hier war die kleinste Anzahl von Beizen genügend. Dieses
aus den Mittelzahlen erfliessende Ergebniss hat sich uns übrigens
296 Jarisch and Schiff.
schon während der Versuche selbst aufgedrängt. Namentlich fiel
uns auf, dass wir bei grosser Reizfrequenz viel mehr Beize brauch-
ten um die Contraction des Quadriceps zu erzielen als bei ge-
ringerer.
Wie die Tabellen zeigen ist die Beaction auf intermittirende
mechanische Beize nicht allein bei verschiedenen Individuen eine
verschiedene, sie ändert sich auch an ein und demselben Individuum
in sehr erheblicher Weise.
Was zunächst den Unterschied zwischen den einzelnen Indi-
viduen betrifft, so zeigen die Tabellen, dass in den Fällen üb,
XI a, XII a, Xllla, XX a, XXI a Beizgrössen (4 — 5) die nach unseren
Erfahrungen schon als grosse zu bezeichnen sind, nöthig wurden,
dass hingegen in den Fällen IV a, b, VI a, VIII a, EX a, XIX a
geringere Beizgrössen (2 — 2*5) ausreichten.
Die Tabellen zeigen aber weiter, dass die für ein Individuum
gefundenen minimalen Beizgrössen nicht constant bleiben, dass sie
sowohl zu verschiedenen Tagen, als auch während einer Versuchs-
reihe bedeutende Schwankungen aufweisen können. Die Fälle III,
VI, Vm, XIV, XVI bieten für die Differenz des Verhaltens ein
und desselben Individuums an verschiedenen Tagen sprechende Bei-
spiele. Die Beizgrössen blieben sich aber auch während einer Ver-
suchsreihe nicht gleich, sie mussten vielmehr bald verstärkt, bald
vermindert werden; am häufigsten war das letztere nöthig. Die
Notwendigkeit die Beizgrössen zu vermindern, war selbstverständ-
lich dadurch angedeutet, dass sich die Beizzahl und die Latenz-
zeiten auf das Minimum verringerten.
In anderen Fällen sanken die Beizzahl und die Latenzen nicht
auf das Minimum ab, sondern verringerten sich nur, so dass es
nicht nothwendig wurde, die Beizgrössen herabzusetzen. Beispiele
hiefür bieten die Fälle I b, c, d, II b, c, f, EI a, b, IV b, u. s. f.
Eine Verkleinerung der Beizzahl resp. der Latenzen beobachteten
wir am constantesten in jenen Versuchen, wo das Zeitintervall
1 — 5 Secunden betrug, eine Vergrösserung hingegen am häufigsten
bei grossen Beizintervallen gegen Ende des Versuches (Fall HI c, d,
VI e). Die Verkleinerung und Vergrösserung der Beizzahl und
Latenzen ist aber nicht immer eine gleichmässige ; es wechseln
vielmehr grössere mit kleineren Beizzahlen und Latenzen ab.
Untersuchungen über das Kniephänomen. 297
Für die Form der Contraction ist es im Allgemeinen gleich-
giltig, ob dieselbe durch einen maximalen Beiz oder durch eine
Eeihe von minimalen Reizen hervorgerufen wird. Doch wechselt
bei einzelnen Individuen im Laufe der Versuchsreihe die Form und
die Grösse der Muskelcontraction.
Der Wechsel ist aber keineswegs von der Grösse der Latenz,
respective von der Zahl der vorangegangenen Beize abhängig. Im
Grossen und Ganzen haben wir folgende Beactionsweisen beob-
achtet:
1. Die Zuckung ist eine einfache, rasch aufsteigende und ebenso
rasch abfallende. S. Tafel X, Fig. 2.
2. Es tritt statt Einer, eine Gruppe von leichteren einfachen
Zuckungen ein. S. Taf. X, Fig. 1 bei a, 5 bei a, 6 bei a, 14 bei a.
3. Die Contraction ist eine tetanische, d. h. es verharrt der
Muskel einige Zeit in contrahirtem Zustande.
Aus den diesbezüglichen Zuckungscurven (Tafel X, Fig. 3, 13,
16, 17) ergibt sich, dass der Tetanus zuweilen ein continuirlicher,
zuweilen ein discontmuirlicher ist, ähnlich jenem, wie ihn Kron-
ecker und Hall *) als Effect elektrischer Eeizung des Eückenmarkes
graphisch dargestellt haben.
Zwischen diesen verschiedenen Contractionsformen gibt es
zahlreiche Uebergänge, die durch Fig. 4 bei a, 7 bei a, 12 bei a
in Tafel X genügend illustrirt werden. Als einer besonderen Beac-
tionsweise des Muskels müssen wir auch einer gleichmässig
anhaltenden, geringen Contraction gedenken, die man füglich als
eine Erhöhung des ursprünglichen Tonus auffassen kann. Im Bilde
gibt sich diese als ein allmäliges Aufsteigen und Verharren der
durch den Zeichenstift registrirten Linie kund. Einmal erscheint
diese Erhöhung des Tonus als ein die Muskelzuckung einleitender
Zustand (Fig. 8—11, 16 in Taf. X), der nicht immer mit der
Zuckung verschwindet. Der erhöhte Tonus war aber auch in Fällen
zu beobachten, wo es zu keiner ausgesprochenen Zuckung kam.
Fig. 15 in Taf. X.
*) Kronecker und Hall, Die willkürliche Muskclaction. E. du Bois-
Reymond's Archiv für Physiologie 1879.
298 Jarisch und Schiff.
Das Eintreten der Zuckung, beziehungsweise der Zuckungs-
gruppen und des Tetanus bedeutet aber nicht immer das Ende der
Beizwirkung, denn sehr oft beobachteten wir nach vollständigem
Aufhören des Reizes eine Nachwirkung, die sich auf viele Secun-
den, mitunter selbst auf Minuten erstreckte. Fig. I, 3 — 7, 12, 13,
15 in Tafel X.
Die Muskelcontractionen, die in die Zeit der Nachwirkung
fallen, sind, wie die Figuren zeigen, ebenso verschieden wie die
unmittelbar auf den Beiz folgenden.
Auch hier haben wir nicht allein einfache Zuckungen, Zuckungs-
gruppen, Tetani, sondern auch ein Fortbestehen eines erhöhten Tonus
beobachtet, s. Fig. 4, 13.
Für die zuerst von Erb ') aufgestellte Annahme, dass das
Kniephänomen ein Reflexvorgang sei, ist eine Beihe von sehr ge-
wichtigen Gründen, die sich auf Thierversuche stützen, geliefert
worden (Schultze-Fürbringer 2), Tschirjew *), Senator4).
Doch waren dieselben bisher nicht im Stande die Bedenken zu
beseitigen, die insbesondere zuerst von Westphal 5), der sie später
wohl theilweise zurückzog 6), Burckhardt 7), Gowers 8) und in
allerletzter Zeit von Eulenburg 9) geltend gemacht wurden.
Es muss zunächst wohl die Frage aufgeworfen werden, ob
unsere vorliegenden Versuche beweiskräftig genug sind, diese
') Erb, Ueber Sehnenreflexe bei Gesunden und bei Kückenmarkskran-
ken. Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. V. Bd. 1875.
*) Schultze-Fürbringer, Experimentelles über die Sehnenreflexe.
Centralbl. für die med. Wissensch. 1875. Nr. 54.
•) Tschirjew, Ursprung und Bedeutung des Kniephänomens und ver-
wandter Erscheinungen. Archiv f. Psych, und Nervenkrankht. VIEL Bd. 1878.
4) Senator, Ueber Sehnenreflexe und ihre Beziehung zum Muskeltonus.
Archiv f. Anat. und Physiologie 1880.
5) Westphal, Ueber einige Bewegungserscheinungen an gelähmten
Gliedern. Archiv f. Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Bd. V. 1875.
6) Westphal, Ueber das Verschwinden und die Localisation des Knie-
phänomens. Berl. klin. Wochenschrift 1881. Nr. 1 und 2.
7) Burckhardt, Ueber Sehnenreflexe. Festschrift .... Bern 1877.
8) Gowers, The diagnosis of diseases of the spinal cord. London 1881.
•) 1. c.
Untersuchungen über das Kniephänomen. 299
Bedenken zu beseitigen und die reflectorische Natur des Phänomens
sicher zu stellen. Man sollte glauben, dass sie in der That für
diesen Nachweis genügen. Sicher nämlich ist, dass wir hier Vor-
gängen begegnen, wie sie bei unzweifelhaften Eeflexen anzutreffen
sind. Unsere Versuche unterscheiden sich nämlich nicht wesentlich
von jenen, die Stirling-Kronecker und Ward am Beflexprä-
parate des Frosches angestellt haben. Der Unterschied zwischen
diesen und unseren Versuchen besteht, abgesehen davon, dass bei
unseren Versuchen die Wirkung des Grosshirnes nicht auszuschalten
war, nur darin, dass dort von den sensiblen Nervenenden der Haut
die Keflexe durch eine Summe minimaler, elektrischer Beize
hervorgerufen wurden, während bei uns eine Summe von minimalen,
mechanischen Beizen auf die Sehne applicirt, Bewegungen erzeugte.
Dass in unseren Versuchen die Zeitintervalle viel grösser waren
als dort, kann nicht als principieller Einwand geltend gemacht
werden, um so weniger als ja unsere Versuche zeigen, dass es
auch bei rasch aufeinander folgenden minimalen Schlägen gelingt,
denselben Effect hervorzurufen. Es kann nur wieder der alte Ein-
wand erhoben werden, dass es etwas ganz anderes ist, wenn man
Hautnerven reizt, die zu dem Muskel in keiner innigen Beziehung
stehen, als wenn man gerade jene Sehne reizt, welche die directe
Fortsetzung des Muskels bildet, wo also die Annahme zulässig ist,
dass Aenderungen eingeleitet werden, die sich direct auf den Muskel
überpflanzen und so zum directen Anlass jener Bewegungserschei-
nungen werden, die am Muskel auftreten. Wer letzteres behaupten
wollte, müsste allerdings erst den experimentellen Nachweis erbrin-
gen, dass der ausgeschnittene, lebende Muskel, wenn man dieselben
(minimalen) Beize, die wir verwendeten, auf seine Sehne einwirken
lässt, auch so reagirt, wie wir gesehen haben. Unter dieser Eeaction
wollen wir aber nicht allein die Zuckung, sondern auch den erhöh-
ten Muskeltonus verstanden wissen.
Die von Burckhardt, Gowers und Eulenburg beobachteten
kurzen Latenzzeiten beziehen sich nur auf Versuche, bei denen
maximale Beize zur Anwendung kamen. Da aber, wie Exner1) und
Bosenthal*) gezeigt haben, mit der Zunahme der Eeizstärke die
*) Einer, Ueber Reflexzeit und Rückenmarksleitung, Pflüger's Archiv,
Bd. vm.
*) Rosenthal, „Studien über Reflexe". Monatsber. der Berlin. Akad.
300 Jarisch und Schiff.
sogenannte Reflexzeit bis zum Unmerklichen abnimmt, so kann
unserer Auffassung nach auf Grund selbst noch so kurzer Latenzen
kein Einwurf gegen die Annahme einer reflectorischen Entstehung
der Sehnenphänomene erhoben werden. Der Forderung einer grösse-
ren Latenzzeit als charakteristisches Merkmal eines Reflexes werden
zudem unsere Versuche mehr als genügend gerecht. Unsere Latenzen
zählen nicht nach Bruchtheilen von Secunden, sondern nach vielen
Secunden, selbst Minuten. Wer als Latenz nur jene Zeit verstehen
will, die zwischen einem maximalen Reize und der folgenden Re-
flexbewegung liegt, mag den Zeitraum, in dem mehrere Reize ein-
geschaltet sind, als Summationslatenz bezeichnen. Hiermit will
aber nicht gesagt sein, dass man zweierlei Latenzen unterscheiden
soll. Wir meinen vielmehr, uns an die diesbezüglichen Betrachtun-
gen Stirling-Kronecker's1) anschliessend, dass auch der maxi-
male mechanische Reiz seiner inneren Natur nach als Reizsumme
aufzufassen sei.
Ist es nun auch, wie wir meinen, vollkommen gestattet, ans
der analogen Weise, in der die durch Hautreize hervorgerufenen
Reflexbewegungen und die durch mechanische Sehnenreizung er-
zeugten Muskelcontractionen entstehen, auf gleiche Ursachen zu-
rückzuführen, d. i. Letztere so gut wie Erstere als Reflexe anzu-
sprechen, so wollen wir doch die Beweiskraft des aus dieser Analogie
sich ergebenden Schlusses nicht zu hoch anschlagen und uns nach
Gründen umsehen, welche im Stande sind, dieselbe zu unterstützen.
Diesbezüglich muss zunächst angeführt werden, dass die Form
und Grösse der Contraction bei vollständig gleichmässiger Reizweise
ausserordentlich verschieden ist. Diese Ungleichmässigkeit steht
durchaus nicht im Einklänge mit den Erfahrungen, die wir über
das Verhalten des Muskels auf directe Reizung besitzen, sie ver-
einigt sich aber sehr wohl mit unserer Kenntniss von der Ver-
schiedenheit der Effecte, die durch Vermittlung des Centralnerven-
systems bewirkt werden.
Eine weitere Stütze für unsere Annahme liegt in der Form
der Tetani, die wir bei unseren Versuchen sich entwickeln sahen.
1873, pag. 104. Sitzungsber. d. phys.-med. Soc. zu Erlangen, V. p. 13, citirt
nach Eckhardte Geschichte der Entwicklung der Lehre von den Reflexerfcchei-
nungen in „Beiträge zur Anatomie und Physiologie44, Bd. 4. Giessen 1881.
') 1. c.
Untersuchungen über das Kniephänomen. 301
Diese Tetani entsprechen zuweilen, wie wir dies schon früher be-
merkten, jenen die durch directe elektrische Eeizung des Kücken-
markes zum Vorschein kommen.
Zu Gunsten unserer Annahme spricht ferner das Phänomen
der Nachwirkungen, das, wie v. Basch1) gezeigt hat, auch nach
elektrischer Beizung von Hautnerven zu beobachten ist.
Weiters muss die Thatsache registrirt werden, dass wir in
einigen Fällen ein wirkliches Ausbreiten des Eeflexes in Form von
Zuckungen, die sich über den ganzen Körper verbreiteten, auf-
treten sahen.
Dass die auf die Patellarsehne applicirten Beize auf dem
Wege von sensiblen Nerven in das Bückenmark gelangen, darauf
deutet auch eine Versuchsreihe hin, in der wir zugleich mit den
Muskelreflexen auch die Veränderungen studirten, die innerhalb des
Kreislaufes zum Vorschein kommen.
Zu diesen Versuchen sind wir durch die Erfahrung geleitet
worden, dass Viele von unseren Versuchsindividuen während der
Beizung bald über Congestionen, bald über unausgesprochene Ge-
fühle von Beängstigung und Herzklopfen klagten imd häufig die
Gesichtsfarbe wechselten; endlich haben wir vier Mal unter drei
Fällen wirkliche Ohnmacht beobachtet. Es lag nahe, diese Er-
scheinung auf vasomotorische Vorgänge im weitesten Sinne des
Wortes zu beziehen, die durch die Beizung gleichzeitig entstanden
sind. Bei den Ohnmachtsanwandlungen mussten voraussetzlich die
vasomotorischen Veränderungen schon einen hohen Grad erreicht
haben.
War aber diese Voraussetzimg richtig, dann war zu erwarten,
dass auch während der Eeizung geringere Grade solcher Verän-
derungen, die nicht gerade zur Ohnmacht führen, sich nachweisen
lassen. Diesen Nachweis haben Untersuchungen geliefert, in denen
wir während continuirlicher Eeizungen der Patellarsehne, die Aen-
derungen des Blutdruckes mittelst des v. Basch'schen Sphygmo-
manometers bestimmten. In den nachfolgenden Tabellen sind die
hierbei erhaltenen Resultate zusammengestellt.
•) 1. c
Jarisch und Schiff.
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i3:i
Untersuchungen über das Kniephänomen. 305
Im Allgemeinen ist aus diesen Tabellen ersichtlich, dass der
Blutdruck sich während der Heizung in mehr oder weniger erheb-
licher Weise verändert. Der Gesammteffect einer länger dauern-
den Heizung bestand in der Mehrzahl der Fälle in einer Erniedri-
gung des Blutdruckes; hieher gehört jener Fall, wo correspondirend
mit der Erniedrigung des Blutdruckes eine wirkliche Ohnmacht
eintrat. Die Senkung des Blutdruckes erstreckte sich aber nicht
gleichmässig über die ganze Heizperiode, sondern es trat während
derselben auch Steigerung des Blutdruckes ein. In anderen Fällen
haben wir nur Steigerung des Blutdruckes beobachtet.
Bei der Grösse der von uns beobachteten Blutdruckschwan-
kungen kann es keinem Zweifel unterliegen, dass es sich hier um
Vorgänge in grösseren Gefassgebieten handelt. Von den Gefässge-
bieten, die durch die Heizung direct berührt werden, können un-
möglich derartige Veränderungen der allgemeinen arteriellen Span-
nung ausgehen.
Eingehendes über die Natur der pressoriscl^en und depressori-
schen Effecte, mit denen wir es zu thun haben, kann sich aus den
vorliegenden Versuchen am Menschen überhaupt nicht ergeben.
Darüber müssten Thierversuche entscheiden, in denen es mög-
lich ist die centripetalen und centrifugalen Bahnen zu bestimmen
in welchen die Reflexe ablaufen. Dass in unseren Fällen sowohl
pressorische als depressorische Reflexe zu Stande kamen, kann aber
nach den bekannten Erfahrungen von Cyon 1), Latschenberger
undDeahna2), sowie Grützn er und Heidenhain3) nicht Wunder
nehmen. Diese haben ja gezeigt, dass unter Umständen Reizung
des centralen Ischiadicusstumpfes nicht nur zu pressorischen, sondern
auch zu depressorischen Reflexen Anlass gibt.
Die angeführten Versuche liefern zwar kein directes Beweis-
material, sie scheinen uns aber für unsere Annahme sehr wichtig,
denn wenn sichergestellt ist, dass von einem Orte der Peripherie
Reflexe in den vasomotorischen Centren ausgelöst werden, dann ist
es auch wahrscheinlich, dass von demselben Orte auch Reflexe in
den motorischen Centren erregt werden können.
*) Bulletin de TAcad. imp. des sciences de St. Petersbourg 1870, 1872.
») Pflüger's Archiv Bd. XII.
») Pflüger's Archiv Bd. XVI.
20*
306 Jarisch und Schiff.
Eine weitere Stütze für die Annahme, dass die durch den
Patellarsehnenreiz hervorgerufenen Muskelcontractionen vom Centnim
ausgelöst werden, ergibt sich auch aus dem Verhalten dieses Phäno-
mens bei Chloroformirten. Schon Eulenburg 1) hat gezeigt, dass der
Patellarsehnenreflex bei Thieren und Menschen regelmässig und
sehr bald in der Chloroformnarkose schwindet. Wir haben mit der
freundlichen Erlaubniss des Herrn Primarius Dr. Hofmokl auf
dessen Abtheilung an drei chloroformirten Individuen ebenfalls das
vollständige Verschwinden des Kniephänomens constatiren können.
Ueberdies beobachteten wir, dass in einem Falle, wo vor der Nar-
kose die idiomusculäre Zuckung und das Kniephänomen deutlich
ausgesprochen waren, erstere, d. i. die idiomusculäre Zuckung sich
auch in der Narkose hervorrufen liess, nicht aber letzteres d. i. i
das Kniephänomen. \
Durch die vorliegenden Versuche glauben wir, soweit dies
eben am Menschen möglich ist, den Beweis erbracht zu haben,
dass das Kniephänomen ein reflectorischer Vorgang sei.
Unsere Versuche führen ferner zu folgenden Betrachtungen
über die Natur des reflectorischen, resp. die Keize oder die
Keiz Wirkungen summirenden Apparates, der hier in Thätig-
keit gelangt:
I. Die grossen Intervalle, durch die man die einzelnen Reize
trennen kann, weisen darauf hin, dass es lange dauert, bis die
Nachwirkung je eines Reizes abgeklungen ist. Allerdings
kann dieses langsame Abklingen auch durch die Art des Reizes
bedingt sein, imd vielleicht siud in den Versuchen Stirling-Kro-
necker's und Ward's nur deshalb kleine Intervalle nöthig, weil
der elektrische Reiz von kürzer dauernden Nachwirkungen beglei-
tet ist.
IL Durch die Reize werden ferner, wie man annehmen darf,
länger dauernde Veränderungen in dem Erregbarkeits-
zustande des reflectorischen Apparates herbeigeführt, und
zwar bald Zustände von erhöhter, bald von erniedrigter Erregbarkeit;
!) Eulenburg, Einfluss der Anaesthetica auf die verschiedenen Reflexe.
Centralbl. f. d. med. Wiss. 1881, Nr. 6 Orig.- Mittheil.
Untersuchungen über das Kniephänomen. 307
wirksame Reize scheinen die Erregbarkeit zu erhöhen, un-
wirksame dieselbe zu erniedrigen.
III. Für eine gewisse Gleichartigkeit des Reflexappa-
rates bei gesunden Individuen sprechen die von uns gefundenen
Mittel aus den Reizzahlen, aus denen sich ergibt, dass Intervalle
von 3, 5 und 7 Secunden für die Leistung des Centralapparates
am günstigsten wirken.
Die Resultate dieser Untersuchungen führen endlich zu nach-
stehenden Schlussfolgerungen:
I. Es wird nicht mehr gestattet sein zu behaupten, dass das
Kniephänomen fehle, wenn dasselbe nach Application eines Reizes,
ausbleibt.
II. Aus Prüfungen mittelst der Methode der einzelnen, maxi-
malen Reize allein lässt sich kein sicheres Urtheil über die Art
und Grösse des Reflexes ableiten.
III. Das Eniephänomen ist nicht die einzige Reaction der auf
die Patellarsehne ausgeführten Reize.
Zur Aufstellung dieses letzteren Satzes halten wir uns durch
unsere Untersuchungen über die Aenderungen des Blutdruckes nach
Patellarsehnenreizen für berechtigt.
Aus alldem Gesagten ergibt sich als Aufgabe weiterer Unter-
suchungen: Den Einfluss physiologischer und pathologischer Vor-
gänge auf die Sehnenreflexe mittelst der Methode der minimalen
Reize einer erneuten Prüfung zu unterziehen.
Erklärung der Abbildungen in Tafel X.
Fig. 1. Patellarreflex nach 4 Reizen. Intervall 5 Secnnden. Versuchsniimmer 26.
a Zuckimgsgruppe.
a—b Nachwirkung durch 1 Min. 7 See.
Fig. 2. Einfache Zuckung nach 5 Reizen. Intervall 1 Secunde. Versuclis-
nummer 7.
Fig. 3. Reflex nach 14 Reizen. Intervall 3 Secunden. Versuchsnummer 13.
a Tetanus.
a—b Nachwirkung durch 28*2 Secunden.
Fig. 4. Tetanus als Nachwirkung eines Reizes durch 46' 8 Secunden. Ver
suchsnummer 15.
Fig. 5. Reflex nach 1 Reiz. Versuchsnummer 15.
a Zuckungsgruppe.
b Discontinuirlicher Tetanus als Nachwirkung.
a—c Nachwirkung durch 1 Min. 14 See.
Fig. 6. Reflex nach 4 Reizen. Intervall 9 See. Versuchsnummer 13.
a Zuckungsgruppe.
a—c Nachwirkung durch 1 Min. bestehend in erhöhtem Tonus und Jis-
continuirlichem Tetanus 1.
Fig. 7. Reflex nach 2 Reizen. Intervall 1 See. Versuchsnummer 14.
Fig. 8, 9, 10, 11. Tonus als Vorbereitung für die Zuckung. Reizintervall 3".
Fig. 12. Reflextetanus und Nachwirkung nach 3 Reizen. Intervall 1". Ver-
suchsnummer 19.
Fig. 13. Reflextetanus und Nachwirkung nach 1 Reiz. Versuchsnummer 47.
Fig. 14. Reflex und Nachwirkung in Form erhöhten Tonus nach 1 Reiz. Ver-
suchsnummer 13.
Fig. 15. Reflex und Nachwirkung nach 6 Reizen. Intervall 9 See. Versuchs-
nummer 14.
a—b Ansteigender Tonus ohne Zuckung.
c — d Zuckung und Nachwirkung.
Fig. 16. Tetanus nach 4 Reizen; Intervall 9 See. Versuchsn. 13. Dauer 4,5".
Fig. 17. Reflex nach 2 Reizen; Intervall 9 See. Versuchsnummer 12.
-3XE-
4
I
.;i
XV.
TJeto den Mastdarmtoucli.
Von
Docent Dr. Jos. Englisch,
Primararzt an der „Rudolfstiftung" in Wien.
(Am 15. Mai 1882 von der Redaction übernommen.)
Während die Eingeweidebrüche an der Bauchwand die weit-
gehendsten Beobachtungen fanden, wurden diejenigen des Becken-
ausganges weniger beachtet. Mit Ausnahme der Hernia obturatoria
und vaginalis finden wir nur wenige Beobachtungen verzeichnet,
welche sich auf die Eingeweidevorlagerungen in der Umgebung
des Afters beziehen und wurden sämmtliche mit dem Namen der
Perinealhernien bezeichnet, deren grösste Anzahl die Hernia puden-
dalis, scrotalis posterior umfasste. Am wenigsten genau behandelt
finden wir jene Vorlagerungen, welche durch den After erfolgen.
Seit Schreger's Mittheilungen hat erst Uhde diesen Gegenstand
ausführlicher behandelt. Ein auf meiner Abtheilung vorgekommener
Fall gab Gelegenheit, diese Art von Eingeweidevorlagerung ge-
nauer zu studiren und soll in dem Folgenden darüber Mittheilung
gemacht werden. Da aber der Gegenstand doch allgemeineres In-
teresse bieten dürfte, so soll eine kurze Darstellung desselben hin-
zugefügt werden.
Unter Mastdarmbruch (Hernia rectalis, H. intestini
recti, Hedrocele (Höqcc hinterer, Gesäss) nach Uhde und
Arcocele (a^nog hinterster, After) versteht man eine Eingeweide-
vorlagerung in einer Ausstülpung der Wand des Mastdarmes durch
den After, dessen innerste Auskleidung der Bauchfellüberzug des
Mastdarmes als Bruchsack ist.
Die Seltenheit der Mittheilung einschlägiger Beobachtungen
ist um so auffallender, als die zunächst veranlassende Ursache, der
310 Englisch.
Mastdarm Vorfall selbst in seinen schwersten Formen so häufig zur
Beobachtung kommt. Es beruht dieses theilweise darauf, dass
manche Fälle von eigentlichen Mastdarmbrüchen wegen Ungenauigkeit
der Diagnose für blosse Mastdarmvorfälle gehalten und als solche
behandelt oder nicht behandelt wurden, wie die Beobachtungen von
Brodie, Adelmann, Pyl, Roche, Fiedler-Ohle, ganz auffällig
beweisen. Ueber andere Fälle liegen so ungenaue Mittheilungen
vor, dass es unmöglich ist, nachträglich eine genaue Diagnose zu
stellen, und dürfte mancher Fall von spontaner Ruptur des Mast-
darmes dahin gehören, wie z. B. der Fall von Nedham u. s. w.
oder jene Fälle, wo man bei der Ligatur oder dem Abtragen eines
Vorfalles zugleich einen anderen Theil des Darmtractes verletzte.
Dass die Fälle doch nicht so ausserordentlich selten sind, beweisen
die Mittheilungen von Allingham, welcher allein 7 Fälle von
Einlagerung anderer Eingeweide in Mastdarm vorfalle beobachtete,
und war ich in der Lage eine ziemliche Anzahl von H. rectales, welche
in Folgendem in Kürze mitgetheilt werden sollen, zusammen zu
stellen, ohne dabei auf absolute Vollständigkeit Anspruch machen
zu wollen, da es mir nicht möglich war alle Quellen zu erhalten
oder ein genügendes Beferat über Fälle zu finden, welche aller
Wahrscheinlichkeit nach dahin zu rechnen wären, z. B. die Fälle von
Nedham, Bünger, Bushe, Portall, Bock, Majo, Stein u. s.w.;
doch genügen die vorliegenden Fälle, um ein vollständiges Bild die-
ser Vorlagerung zu geben.
Schreger war der erste, welcher (1818) den Begriff des
Mastdarmbbruches genauer feststellte und die ersten genaueren
Mittheilungen machte. Ihm folgten weitere Mittheilungen von Poc-
kels (1821), Brodie (1827), Brunn (1833), Pyl, Adelmann (1845),
Dieffenbach (1848), Roche (1853), Uhde (1868), welcher auch
eine Beobachtung von Baum aus dem Jahre 1835 mittheilte,
Streubel 1882, Stokes. Der Fall, welchen Fiedler im Jahre
1817 veröffentlicht, gehört unstreitig hieher, wenn er auch nur als
eine Intussusception des Colon bezeichnet ist.
1. Schreger' s 1. Fall betraf eine alte Frau, welche 3mal ohne
Beschwerden geboren hatte. Nach der zweiten Gebnrt war ein vorüberge-
hender Vorfall der Scheide vorhanden gewesen. Nach der dritten Geburt
stellte sich bei der schlecht genährten Kranken eine andauernde
Diarrhöe ein, welcher bald ein Mastdarm Vorfall folgte. Von jetzt ab
Ueber den Mastdarmbruch. 311
wechselten Diarrhöe und Stuhlverstopfang ab. In den letzten 10 Jahren
vergrösserte sich der Vorfall bedeutend und blieb selbst in horizontaler
Lage vorgelagert. Zugleich trat Entzündung in demselben ein, so dass
die Kranke zu Bette bleiben musste. Plötzlich steigerte sich unter
Schüttelfrost die Entzündung. Heftige, kolikartige Schmerzen traten
in der Unterbauchgegend auf, welche nach dem Mastdarme und den
Geschlechtstheilen ausstrahlten. Fieber sehr heftig. Später trat Erbrechen
ein und nach 8 Tagen erfolgte, nachdem die vorgelagerten Eingeweide
mit den Bruchhüllen verwachsen waren, der Aufbruch. Die Kranke
starb an Peritonitis. Die Section bestätigte die Diagnose des Mast-
dannbruches.
Der 2. Fall betraf eine 40jährige Frau, welche nie geboren hatte.
In ihrer Kindheit hatte sie an einem Vorfalle gelitten, der aber immer
zurückgegangen war. Derselbe entwickelte sich später wieder, wurde
aber nur schwer zurückbringbar und enthielt deutlich Gedärme ein-
gelagert.
3. Brodie behandelte eine Frau von mittlerem Alter, welche plötz-
lich um 11 Uhr Nachts von Bauchschmerzen und Ueblichkeiten befallen
worden war. Bei dem heftigen Anstrengen zum Erbrechen hatte die
Frau plötzlich das Gefühl, wie wenn sie zur Geburt ginge und ent-
wickelte sich am After eine Geschwulst. Der herbeigerufene Arzt fand
aus dem After heraushängend eine 2 Yard lange Darmmasse samrat
dem Mesenterium. Die Gedärme waren hochgradig entzündet, von Gas
und Koth stark ausgedehnt. Der untersuchende Finger drang neben dem
Vorfalle in den Mastdarm ein und entdeckte ungefähr 2" über dem After
einen Riss in der vorderen Wand des Mastdarmes. Die vorsichtig vor-
genommene Reposition gelang nur zu 3 Viertel, während der übrige
Theil zwar in den Mastdarm, nicht aber in die Beckenhöhle gescho-
ben werden konnte. Um auch diesen Theil zurückbringen zu können,
machte Brodie in der Linea alba, unterhalb des Nabels einen 2"
langen Schnitt, worauf es gelang mit dem eingeführten Finger den
Darm vollständig zurückzuziehen. Das Erbrechen hielt an, wenn auch
nach 2 Stunden eine scheinbare Erleichterung des ganzen Zustandes
eintrat. Unter raschem Verfalle starb die Kranke 8 Stunden nach der
Operation (31 Stunden nach Beginn der Erkrankung). Die Section er-
gab heftige Bauchfellentzündung, wobei die Gedärme, welche vorgela-
gert gewesen waren, weniger entzündet schienen als vor der Opera-
tion. Die Umgebung der Wunde war nicht ulcerirt. Leider findet sich
bei Quenu, dem die Mittheilung entnommen, keine Angabe, ob ein
alter Mastdarmvorfall vorhanden gewesen sei oder nicht. Doch scheint
dieses entsprechend den anderen Beobachtungen der Fall gewesen zu
sein und führt Quenu diesen Fall später als mit Prolaps compli-
cirt an.
4. Es mag hier der Fall von Fiedler-Ohle eingeschaltet werden.
Ein Mann, sehr reizbar, hatte seit langem an heftigen Hämorrhoidal-
koliken gelitten. Ein Jahr vor den heftigen Zufällen litt er an einem
312 Englisch.
nervösen Fieber mit andauernder Stuhlverstopfung und entleerte mit
dem harten Stahle Blut. Später stellten sich Beschwerden beim Harn-
lassen ein und entwickelte sich eine den Mastdarm ausfüllende Ge-
schwulst. Ohne bekannte Veranlassung trat Fieber, heftiger Leib-
schmerz auf, und steigerten sich die Erscheinungen bis zum Erbrechen.
Die Untersuchung ergab eine 3 Ctm. im Durchmesser haltende Ge-
schwulst im After, welche nach irriger Diagnose von einem Arzte ein-
geschnitten wurde. Sogleich fielen einige Appendices epiploicae vor und
später ein Stück Dünndarm. Um dieselben zurückzubringen, machte
Ohle links einen Schnitt von der Vereinigung des 10. und 11. Bippen-
knorpels, zur Spina oss. ilei ant. super, in ö1/^' Länge, parallel der
Linea alba, ungefähr 37./' von derselben entfernt, während der Kranke
die rechte Seitenlage inne hielt. Hierauf wurde das Colon transversum
nach aufwärts gezogen, um die Intussusception zu heben und dann
die Dünndärme, um diese aus der Wunde zu ziehen, während ein
Gehilfe von aussen her auf die Geschwulst drückte. Der Kranke starb
an Bauchfellentzündung.
5. PockeTs Fall betraf ein durch und durch scrofulöses und
rachitisches 6jähriges Mädchen, das in seinem Wachsthume so zurück-
geblieben war, dass es einem 1jährigen Kinde glich. Dieses bekam
am 12. November 1821 einen Prolapsus ani, der sich in 3 Tagen zu
einem fingerlangen Mastdarmvorfalle vergrösserte, 8 Zoll lang war,
3" im Durchmesser hatte und einer Blutwurst glich. Zugleich war
einige Male Erbrechen vorhanden gewesen. Der flüssige Stuhl ging
unwillkürlich ab. Die weitere Untersuchung ergab: Erweiterung des
Sphincter ani externus, Unmöglichkeit den Vorfall zu reponiren, Schwel-
lung des umgestülpten Mastdarmes, au dem Theile des Vorfalles, der
auf der Unterlage aufgelegen hatte, Brandflecken. Erst nach vielen
Versuchen gelang die Reposition, obwohl die Zusammen ziehung der
Schliessmuskeln nicht die Ursache der früheren Unmöglichkeit war.
Die Reposition wurde in der Weise gemacht, dass ein Gehilfe den
vorgefallenen Darm mit den übereinander gestellten Händen umfasste,
Pockels mit dem Zeigefinger in den Darm einging und diesen mittelst
des Daumens nach einwärts zurückstülpte. Während des starken Drängens
des Kindes wurden die Finger im Darme ruhig gehalten. Während
also der Daumen den Rand der Umstülpung einrollte, schob der ein-
geführte Zeigefinger den eingerollten Tlieil sogleich über den Sphincter
nach aufwärts. Nach der in einigen Minuten gelungenen Reposition
zeigte die Untersuchung mit dem Finger, dass das Becken stark ver-
engt war. Sicherung durch eine T-Binde. Die Fixirung des Darmes in
der angegebenen Weise durch einen Gehilfen wird von Pockels als ab-
solut nothwendig angesehen. In der Folge wiederholte sich der Vor-
fall des Darmes, konnte aber immer wieder zurückgebracht werden.
Am 9. December erfolgte der Tod durch Entkräftung. Section: Einge-
weide der Bauchhöhle normal, keine Entzündung, das Becken stark
verkrümmt, sehr eng und das Colon transversum durch das umge-
Ueber den Mastdarmbruch. 313
stülpte Rectum stark herabgezogen. Das 1. Ovarium herabgezogen,
liegt im Sphincter, die Darmwand des Rectus an einer Stelle vollstän-
dig durchbohrt, so dass eine Bougie von aussen durch die Oeffnung
in die Bauchhöhle geführt werden konnte.
6. Brunn beobachtete bei einem 20 Wochen alten, atrophischen
Mädchen einen Mastdarmvorfall mit heftiger Diarrhöe, der sich rasch
zur Grösse einer „Bratwurst" vergrösserte. Derselbe hatte das Aussehen
einer mit der Convexität nach unten sehenden Darm schlinge. Reposition
unmöglich. Es folgte rascher Verfall und nach 10 bis 15 Stunden der
Tod. Section: Der Vorfall nicht reponibel, der Länge nach aufgeschnitten
drangen mehrere Schlingen des Ileums vor, dessen grösster Theil im
kleinen Becken gelagert war. Der Uterus war in dem umgestülpten Theile
des Mastdarmes so eingelagert, dass er nur mit grösster Mühe zu-
rückgezogen werden konnte. Die Wand des Mastdarmes war beutei-
förmig umgestülpt und bildete den Bruchsack, die Eingeweide leer und
entzündet, die anderen Organe normal.
Brunn hielt die Einklemmung durch den Sphincter ani für mög-
lich, glaubt aber, dass sie mehr durch den Levator ani bedingt war.
7. Baum. Im Jahre 1835 wurde ein ljähriges, schwächliches Kind
zur Behandlung gebracht, welches einen 3" langen Mastdarmvorfall von
ungewöhnlicher Dicke hatte. Die Untersuchung ergab einen bedeuten-
den Abstand der beiden Theile der umgestülpten Mastdarmwand an
der vorderen Seite und das Vorhandensein von Gedärmen zwischen
ihnen. Die Reposition gelang trotz der grössten Mühe nicht. Da das
Kind zu schwach war, -so wurde keine Operation vorgenommen und
erfolgte der Tod bei andauerndem Erbrechen noch am selben Tage.
Section nicht gestattet.
8. Dieffenbach beobachtete 1844 bei einem 2jährigen Kinde,
das an den Erscheinungen des Volvulus litt, im Mastdarme eine Ge-
schwulst, welche das Lumen desselben so ausfüllte, dass er kaum mit
dem Pinger eindringen konnte. Nach dem bald darauf erfolgten Tode,
zeigte sich in der Geschwulst eine grosse brandige Dünndarmschlinge.
(Leider ist die Mittheilung zu kurz, um über die bestehenden Verhältnisse
genaueren Aufschluss zu erhalten.)
9. Pyl behandelte ein 50jähriges Weib, welches seit vielen Jahren
an einem hochgradigen Mastdarmvorfalle litt. In einem Streite wurde
dieselbe zu Boden geworfen und mit Füssen auf den Bauch getreten.
Es stellte sich heftiger Stuhldrang ein und bei einer Anstrengung
traten Eingeweide und eine grosse Blutmenge aus dem After aus. Die
Geschwulst war anfangs faustgross, wuchs aber unter stetem Drängen
rasch. Die Kranke starb bei raschem Verfalle nach 12 Stunden. Bei
der Section fand sich der Darm entzündet. Der ganze Dünndarm lag
im kleinen Becken, der Magen hatte eine fast verticale Richtung. Die
vorgelagerte Darmschlinge war 12' 10" lang, umfasste das ganze Ileum,
314 Englisch.
•
21' von der lleo-cöcalklappe aufwärts beginnend, und einen Theil des
Jejunuin. Der Darmriss fand sich an der hinteren Wand, 1" über dem
After and war für 4 Finger durchgängig, die Bauchhöhle enthielt ausser
dem Exsudate noch Kothmassen.
10. Adel mann. Weib von 72 Jahren, litt seit mehreren Jahren an
einem leicht zurückbringbaren Mastdarmvorfalle. Nach einem Stuhle ohne
besondere Anstrengung bemerkte sie beim Zurückbringen des Vorfalles
plötzlich das Vordringen von Eingeweiden durch den After mit heftigen
Schmerzen in der Magengrube. In Folge des Drängens vergrösserte
sich der Vorfall rasch und fand Adel mann 5 Ellen Dünndarm vor-
gelagert, welche Masse bis zur Erde reichte und durch Staub und
Harn beschmutzt war. Der Darm war dunkel gefärbt, besonders am
Gekrösrande mit dunklen Flecken versehen. Es lagen sechs Schlingen
vor, von denen die am meisten zu unterst liegende die längste war,
die oberste die kürzeste. Die Afterschliessmuskel war schlaff, der Riss
lag 278" über dem After an der rechten Seite der Darm wand, zog
schief von hinten nach vorne, und Hess nur in seinem vorderen Theile
den scharfen Band deutlich wahrnehmen, während dies am hinteren
Theile nicht der Fall war. Seine Weite betrug 2ya". Es wurde in
der Knie-Ellbogenlage die Reposition vorgenommen, welche anfangs
ziemlich leicht gelang bis das Becken erfüllt war, während der letzte
Theil nicht zurückgebracht werden konnte, da die Bauchhöhle schon
lange nicht mehr gewöhnt schien, die Eingeweide aufzunehmen. Es
wurde daher zur Laparotomie geschritten. Ein Schnitt in der Höhe des
Nabels, 3 Qnerfinger nach rechts von der Mittellinie, dicht am äusseren
Rande des Rectus abdominis, 4" lang nach abwärts bis 3 Finger vom
Schambeine gemacht, liess die Hand in die Bauchhöhle eindringen,
welche längs dem Gekröse bis zum Risse vordrang und die Gedärme
stückweise emporzog, während der Gehilfe von aussen her dieselben
empordrängte. Doch auch jetzt gelang die Reposition nur bis auf ein
172 Ellen langes Stück, welches der am meisten veränderten, ältesten
Schlinge entsprach. Es wurde daher die Punction des Darmes mit
einer breiten Heftnadel vorgenommen, worauf sich der Darminhalt ent-
leerte. Doch wurde die Entleerung durch die sich vordrängende Schleim-
haut unterbrochen und musste selbe durch eine Sonde zurückgedrängt
werden, um den freien Ausfluss zu ermöglichen. Auch nach Entfernung
der Hand aus der Bauchhöhle gelang die Reposition noch nicht voll-
ständig, sondern mussten zu diesem Behufe einige Darmschlingen aus
der Bauchwunde hervorgezogen werden. Nach Lagerung der Kranken
auf der linken Seite wurde der Mastdarm vorgezogen, die Risswunde,
welche vollständig scharfe Ränder zeigte, mit 7 Heften genäht, wobei
die mittleren Hefte weiter von einander abstanden, um ein etwaiges
Exsudat abfliessen zu lassen, die Gedärme aber doch zurückhielten. Gegen
Ende der Naht trat eine sehr heftige Zusammen Ziehung des Levator
ani ein. -Den Schluss bildete nach Reposition der Darmschlingen die
Bauchnaht. Trotzdem bald nach der Operation drei flüssige Stühle
Ueber den Mastdarmbroch. 315
erfolgt waren, so ging die Kranke doch nach 17 Stunden (10 Stunden
nach der Operation) zu Grunde.
11. Roche. Ein 40jähriges Weib bekam nach einer schweren Ent-
bindung mittelst Forceps eine Blasenscheidefistel und bald darauf einen
Mastdarmvorfall, der immer leicht zurückgebracht werden konnte. Vier
Jahre später fielen . ohne näher bezeichnete Ursache plötzlich eine Masse
von Gedärmen durch den After vor und bildeten eine faustgrosse,
rundliche, von Schleimhaut bedeckte Geschwulst, deren Bedeckung
continuirlich in die Afterhaut überging, so dass der Finger neben der
Geschwulst nirgends in den Mastdarm dringen konnte. An der Spitze
der Geschwulst fand sich eine rundliche Oeffhung, welche für den
Finger durchgängig war. Während eines zweiten Versuches, die Ge-
schwulst zurückzuschieben, machte die Kranke plötzlich eine heftige
Anstrengung mit der Bauchpresse, wobei die Hand des Operateurs
einen Riss, ähnlich dem, wie er beim Zerreissen des Pergamentes ent-
steht, wahrnehmen konnte. Die Geschwulst, welche sich nur für kurze
Zeit vergrossert hatte, trat jetzt sogleich ohne alle Anstrengung zu-
rück. Doch bald folgte ein Vorfall von Eingeweiden durch den After.
Die Kranke wurde bewusstlos. Die vorgelagerte Masse bestand aus
einer Darmschlinge, welche sich leicht zurückbringen Hess. Der unter-
suchende Finger fand sehr hoch oben im Mastdarme einen longitudinalen
unregelmässigen Riss. Zum Zurückhalten der Gedärme wurde ein Tam-
pon in den Mastdarm geführt und mittelst einer T-Binde befestigt.
Doch die Kranke entfernte sich selbst den Verband und so fand sich
später eine neue Darmmasse vorgefallen, welche eine grosse Menge
Dünndarm und ein Stück Dickdarm enthielt. Der Zustand der Kranken
verschlimmerte sich nun mehr und die Kranke starb unter den Er-
scheinungen der Bauchfellentzündung einige Stunden darauf.
12. Allingham führt in seinem Buche: „Ueber Krankheiten des
Mastdarmes" an, dass. er 7 Fälle von Mastdarmbruch beobachtet habe,
welche 4 Männer und 3 Frauen betrafen, ohne weiter in di« Beschrei-
bung der Fälle einzugehen.
13. Uhde fand bei einem 1 Jahr und 4 Wochen alten, wenn auch
blassen, so doch gut entwickelten Knaben, der schon öfter an Mast-
darmvorfall gelitten hatte, eine 50 Ctm. lange Geschwulst am After,
welche deutliche Windungen wie der Dünndarm zeigte und fast auf die
Hinterbacke reichte. Vier Wülste Hessen sich deutlich unterscheiden.
Die Oberfläche des Vorfalles war geröthet, feucht und glänzend, und
zeigte sich am After keine Rinne. Fieber und Verfall bedeutend. Zeichen
eines Mastdarmbruches bestanden nicht (?). Die Reposition gelang auch
nicht, als man durch die Punction die Luft und eine geringe Menge seröser
Flüssigkeit entleert hatte. Da die vorgeschlagene Operation (Spaltung
des Vorfalles der Länge nach, Reposition der vorgelagerten Theile, Ab-
tragen des Vorfalles und Vereinigung der Querwunde durch die blutige
Naht) verweigert wurde, zeigten sich schon am Abende desselben Tages
316 Englisch.
Brandflecken auf dem Vorfalle und . starb der Kranke um 1 Uhr Nachts.
Di« Section zeigte, dass der Mastdarm vorgefallen war und sich in dessen
Ausstülpung vorno und rechts das lleum eingesenkt hatte, wobei die
benachbarten Dünndarm theile herabgezogen erschienen, ebenso das Colon
descendens und transversum. Der After war sehr weit. Den Inhalt des
Bruches bildete die Flexura sigmoidea und fast der 3. Theil des Ileums.
Bruchsack und Bauchinhalt waren entzündet.
14. Streubel trug nach der Reposition eines faustgrosson Mast-
darmbruches bei einer Frau den Mastdarmvorfall mittelst des Ecraseurs
ab und damit den im vorderen Theile liegenden Bruchsack. Am Tage
nach der Operation löste sich die Verbindung der beiden Bauchfell-
platten und fiel eine grosse Monge Dünndarm vor. Die Frau ging an
Peritonitis zu Grunde.
Bei der geringon Zahl der bis jetzt genauer beschriebenen
Fälle, deren Ursache vielleicht darin liegt, dass selbst ausgedehn-
tere Mastdarmvorfälle bezüglich einer Einlagerung von anderen
Eingeweiden in dieselben eine zu geringe Beachtung fanden, denn
sonst wäre es unerklärlich, warum so wenige Chirurgen derselben
Erwähnung thun, während Allingham allein 7 Fälle zu beob-
achten Gelegenheit hatte; da ferner nicht blos eingeklemmte Mast-
darmbrüche, sondern auch freie eine Berücksichtigung verdienen,
so erscheint die Mittheilung der folgenden, eigenen Beobachtung
angezeigt, da sie bezüglich der Erscheinungen manches Eigenthüm-
liche darbietet, welches im Stande ist, die anderen Befunde zu
ergänzen.
Cech Josefa, 72 J. alt, am 24. April 1880 auf Saal 8 aufge-
nommen, überstand in ihrem 40. Jahre eine Lungenentzündung. Die-
selbe litt schon als Kind an Hartleibigkeit und hatte später nur jeden
4. bis 5. Tag eine Stuhlentleerung. In der Zeit zwischen dem 23. und
34. Jahre erfolgten 6 Entbindungen ohne Schwierigkeiten bis auf die
letzte, wo ein Dammriss erfolgte, der jedoch vollständig heilte. Einige
Zeit darauf bemerkte sie Schmerzen in der Scheide, welche sich
durch angestrengte Arbeit oder längeres Stehen steigerten und mit
einem Vorfalle des Mastdarmes verbunden waren, der jedoch durch blosse
horizontale Lagerung zurückging. Ein gleicher Vorfall trat auf bei jeder
Stuhlentleerung. Ein mehrmonatlicher Spitalsaufenthalt mit Anwendung
kalter Bäder und Klysticre bewirkte eine geringe Besserung. Dasselbe
gilt von einem zweiten Spitalsaufenthalte.
Patientin schlecht genährt, zeigt in verticaler Stellung und
nach einigem Pressen einen Vorfall des Mastdarmes von 9 Ctm.
Länge. Derselbe ist birnförmig, an der Basis von 27 Ctm. Umfang,
an der grössten Breite 30 Ctm., der Uebergang der Geschwulst in die
Ueber den Mastdarmbrach. 317
benachbarte Haut erfolgt durch eine 1 — 173 Ctm. tiefe Kinne. Auf
der grössten Höhe der Geschwulst zeigt sich eine 2 Ctm. breite Oeff-
nung. Da die Geschwulst an der vorderen Seite stärker gewölbt ist
so beträgt die Entfernung vom Hautrande daselbst 16 Ctm., nach hin-
ten nur 7 Ctm. Die Umrandung der Oeffnung zeigt eine Keine von
Längsfalten, die an der äusseren Fläche der Geschwulst sich diver-
girend nach eine Strecke weit fortsetzen. Geht man mit dem Finger
durch die Oeffnung in den Mastdarm, so berühren sich die Wände
der umschliessenden und umschlossenen Mastdarmstücke nach hinten
an der Oeffnung vollkommen, und je weiter man gegen die Spitze des
Steissbeines gelangt, um so mehr weichen sie auseinander. Vorne da-
gegen ist der Abstand dieser beiden Theile ein bedeutender. Seitlich
wird der Abstand der Theile nach hinton gehend immer geringer. Die
Oberfläche der Geschwulst ist mit gerötheter, sammtartiger, stellen-
weise excoriirter Schleimhaut bedeckt. Die Dicke der Wände ziemlich
gleich. Die Oberfläche erscheint bei mittlerem Grade ziemlich gleich-
massig gespannt; beim höchsten Grade dagegen stellenweise etwas
vorgewölbt und lassen sich beim starken Pressen Wülste wahrnehmen.
Die Consistenz ist weich und lässt sich die Geschwulst leicht durch
Druck verkleinern. Der Schall ist überall tympanitisch , besonders
vorne. Untersucht man von der Scheide aus, so erscheint die hintere
Wand unmittelbar über dem Sphincter vulvae etwas nach hinten und
unten ausgestülpt und bildet daselbst eine seichte Grube. Der übrige
Theil der Scheide hat keine Verschiebung erlitten. Sucht man die Ge-
schwulst durch Druck zu verkleinern, so fühlt man deutlich die
Windungen der Gedärme, besonders im vorderen Theile der Goschwulst
und weichen dieselben unter Gurren zurück. Sind dieselben vollständig
zurückgebracht, so bleibt noch ein 5 Ctm. langer, schlaffer Sack vor-
gelagert, der gesondert zurückgebracht werden muss. Ist dieses ge-
schehen, so erscheint der Sphincter ani erschlafft und der After selbst
für 3 Finger leicht durchgängig, der untere Theil des Mastdarmes
sehr weit. Ist die Geschwulst nicht vorgelagert, so ist der Bauch
schlaff und ziemlich gleichmässig gewölbt. In demselben Verhältnisse
als die Geschwulst hervortritt, schwindet die Wölbung des Bauches
in der Unterbauchgegend immer mehr, der Nabel wird bis zu 1 Ctm.
Tiefe eingezogen und es bilden sich Längsfalten an der Unterbauch-
gegend, die divergirend vom Nabel zur Symphyse verlaufen. Die
Krümmung des Kreuz- und Steissbeines ist sehr geringe und weichen
beide sehr stark nach hinten ab.
Die Beschwerden, über welche die Kranke klagt, sind sehr
geringe, ausser dem öfter brennenden Gefühle in Folge der Excoriation
der Schleimhaut ist es nur die Geschwulst selbst, die die Kranke im
Gehen und Sitzen belästigt. Stuhlbeschwerden sind nur bei festem
Stuhle vorhanden. Nur selten klagt die Kranke über Leibschmerzen.
318 Englisch.
Wenn wir nun das Vorkommen dieses Braches nach den jetzt
vorliegenden Mittheilungen betrachten, so geht im Allgemeinen daraus
hervor, dass der Mastdarmbruch in demjenigen Alter am häufigsten
vorkommt, in welchem der Mastdarm Vorfall zahlreich gefunden wurde.
Die mitgetheilten Beobachtungen betreffen daher Kinder und ältere
Leute. (Baum 1 Jahr, Ubde 13 Monate, Brunn 20 Monate,
Dieffenbach 2 Jahre, Pockels 6 Jahre, Boche 46 J., Pyl50J.,
Adel mann 72 Jahre, ebenso die eigene Beobachtung; die Beobach-
tungen von Schreger, Brodie, Fiedler, Streubel, und auch
A 1 1 i n gh am ältere Individuen ohne Angabe des Autors. Wenn auch bei
Allingham keine genaue Altersangabe gemacht ist, so scheint aus der
Beschreibung der Vorfalle hervorzugehen, dass die Kranken meist
ältere Individuen gewesen sind. Das häufigere Auftreten im späteren
Alter fallt nach dem 40. Lebensjahre. Da, wie wir sehen werden,
die Vorlagerung in eine Ausstülpung aller Häute des Mastdarmes
erfolgt, so steht das häufige Vorkommen des Mastdarmbruches bei
Kindern mit der allgemeinen Annahme, dass bei Kindern der Mast-
darmvorfall nur aus der Schleimhaut desselben gebildet sei, im
Widerspruche; stimmt dagegen mit dem Vorkommen des Vorfalles
bei Kindern nach Bökay überein, welcher fand, dass von 360
Fällen 14 auf das 1. Lebensjahr, 259 auf das 2.-3., 71 auf das
4. — 7. und 16 auf das 8. — 14. Lebensjahr kamen, denn nach dem
angeführten Alter fallen 4 Fälle auf das 1. — 2. Lebensjahr, und
ein Fall auf das 6. Dem Geschlechte nach überwiegt die Zahl
beim weiblichen die beim männlichen, denn von 15 genauer bezeich-
neten Fällen kommen 12 auf das weibliche, 3 auf das männliche
Geschlecht. (Bökay fand in seinen Fällen 160 Vorfalle beim männ-
lichen, 197 beim weiblichen Geschlechte.)
Die Ursachen, welche der Entstehung eines Mastdarmbruches
zu Grunde liegen, zerfallen in die disponirenden und veranlassenden.
Die disponirenden wieder in solche, welche die Theile des Beckenaus-
ganges oder die vorgelagerten Eingeweide betreffen. Da wir den Mast-
darmbruch nur in einem hochgradigen Mastdarm vorfalle finden, so fallen
die disponirenden Ursachen beider zusammen. Schreger suchte zu-
nächst die Möglichkeit der Entstehung durch eine abnorme Beschaffen-
heit des Beckens zu begründen. Nach ihm sollte ein oben und unten
weites Becken, bei geringer Vorragung des Promontoriums und
Flachheit des Steissbeines mit gleichzeitiger Kichtung nach hinten,
Ueber den Mastdarmbruch. .319
so wie eine starke Rückwärtsneigung des Beckens vorzüglich zur
Entstehung des Mastdarmbruches Veranlassung geben. Wenn wir
jedoch die mitgetheilten Fälle berücksichtigen, so wurden von den
späteren Beobachtern die angegebenen Umstände nicht besonders
hervorgehoben, ja im Gegentheile von Pockels sogar angeführt,
dass das Becken auffallend enge war. Wir müssen daher die Ur-
sache vorzüglich in jenen Verhältnissen suchen, welche zur Bildung
eines grossen Mastdarmvorfalles Veranlassung geben können. Es
gehört dahin: Erschlaffung der Muskeln des Beckenausganges
(Diaphragma pelvis Langer) durch Traumen, Verschwärungen,
übermässige Ausdehnung des unteren Mastdarmtheiles durch ange-
häufte Kothmassen, durch Geschwülste im kleinen Becken, durch
rasch aufeinander folgende Schwangerschaften, durch Entzündungen
aus den verschiedensten Ursachen, besonders soll dieses nach Du-
chossoy und Guersant bei Kindern die veranlassende Ursache
sein. An die Erschlaffung der Muskeln schliesst sich die der Aponeuru-
sen an (Molliöre, Desgranges). In wie weit Peritonitis zur
Erschlaffung beitragen könne, ist noch nicht genau ermittelt, scheint
jedoch immer auf seröser Durchfeuchtung der Umgebung zu beruhen,
da bei entzündlichen Vorgängen in der Umgebung des Afters viel-
mehr dicke Schwielen zurückbleiben, welche eher zu Verengerungen
des Mastdarmes Veranlassung geben. Weiteren Untersuchungen
muss die Annahme überlassen bleiben, dass eine Schlaffheit der
Darmwand durch mangelhafte Entwickelung derselben bedingt sei,
wie es vielfach für die Vorfälle der Kinder angenommen wurde.
Zu den seltensten Vorkommnissen muss gewiss ein Mastdarmvorfall
bei Defecten der Harn- und Geschlechtsorgane gehören, da mir bei
mehr als 200 zusammengestellten Fällen von solchen Defecten nicht
ein Fall aufgestossen ist. Zu den einflussreichsten Bedingungen ge-
hört eine wiederholte, kräftige Anstrengung der Bauchpresse bei
starkem Drängen zum Stuhle, bei schweren Geburten, bei erschwer-
tem Harnlassen, beim Schreien und wird diese Schädlichkeit um
so wirksamer sein, wenn gleichzeitig ein katarrhalischer Zustand
im unteren Theile des Mastdarmes besteht. Ferner geht aus den
voranstehenden Beobachtungen mit Sicherheit hervor, dass im spä-
teren Alter ein Vorfall, beziehungsweise ein Mastdarm bruch um so
leichter entstehen kann, wenn die Individuen in ihrer Kindheit an
Mastdarmvorfall gelitten haben. Die Einwirkung von Geschwülsten
M«d. Jahrbücher. 1882. 21
320 Englisch.
dos Mastdarmes, insbesondere gestielten, sowie von stark ausge-
dehnten Venen lässt sich nicht läugnen. Schlechte Lebensbedin-
gungen können nur iusoferne Einfluss nehmen, als sie in Folge
allgemeiner schlechter Ernährung auch eine Schlaffheit in der Um-
gebung des Mastdarmes bedingen und stimmt dieses mit den Be-
obachtungen überein, dass die Mastdarmbrüche vorzüglich bei
schlecht genährten Individuen, sowohl jungen als alten, vorkommen.
Was die Disposition von Seite der vorgelagerten Eingeweide betrifft,
so werden besonders übermässig lange Bauchfellüberzüge der Ein-
geweide, abnorme Verwachsungen mit dem Mastdarme und abnorme
Lageruug des Dickdarmes angeführt. Letzteres erscheint nach den
Beobachtungen mehr die Wirkung als die Ursache des Mastdarm-
bruchos zu sein. Betrachten wir die Entstehung des Mastdarm-
bruches etwas genauer, so lassen sich verschiedene Arten der Ent-
wicklung unterscheiden. Es entwickelt sich 1. aus den angegebenen
Ursachen oin Mastdarmvorfall, in dem sich die Eingeweide ein-
lagern; 2. es drängt ein Eingeweide so gegen eine Wand des
Mastdarmes, dass dieser gegen seine Höhle eingestülpt wird oder
es erfolgt 3. eine plötzliche Zerreissung einer oder mehrerer Schichten
mit Ausbuchtung der übrigen durch die andrängenden Eingeweide. Der
erstoro Vorgang ist ontschioden der häufigere. Es bildet sich zuerst
ein Vorfall der Schleimhaut, dieser zieht später die Muskelschichte
nach. Da nun der untere Theil des Mastdarms durch die Muskeln
und Aponeurosen des Beckonausganges bis zur Ueberschlagstelle der
Fascia polvis gegen die Eingeweide d. i. entsprechend dem Processus
falciformis eine stärkere Befestigung besitzt, so wird die Einstülpung
der Muskelschichte an dieser Stelle, die auch der unteren Grenze
dor Bauchfellhöhle entspricht, beginnen. Die weitere Vergrösserung
orfolgt immer dadurch, dass nur Theile, welche über dieser bezeich-
neten Grenze liegen, herabgezogen werden. Mit diesen Theilen wird
aber auch das mit dem Mastdarme inniger verbundene Bauchfell
herabgezogon und entwickelt sich der Bruchsack. In Berücksichti-
gung dieser Verhältnisse, wird entsprechend dem bezeichneten
Bauchfellüberzüge ein Bruchsack anfangs nur am vorderen oder
seitlichen Umfange des Vorfalles vorhanden sein; bei stärkerer
Entwicklung aber kann eine Bauchfellausstülpung auch am hinteren
Umfange erfolgen, wenn auch nicht von einer solchen Weite, wie
an den anderen Seiton, wie der von mir früher mitgetheilte Fall
Ueber den Mastdannbruch. 321
ganz sicher ergibt, wo der Dünndarm hinter dem Mastdarme vor-
gelagert war. Dass die Verschiedenheit des Bauchfellüberzuges
überhaupt von Einfluss ist, braucht nicht weiter hervorgehoben
zu werden. Gewiss seltener wird ein Vorfall durch das Andrängen von
Eingeweiden gegen einen normalen Mastdarm erfolgen, und setzt
dieses immer eine grosse Nachgiebigkeit von Seite der Mastdarm-
wand voraus. Die Stelle, an welcher sich die Ausstülpung d. h. der
Bruchsack bilden könnte, ist eine verschiedene und immer von ge-
ringerer Ausdehnung" als in dem ersten Falle. Es wird die Vor-
lagerung auch keine solche Grösse erreichen. Was den 3. Punkt
anbelangt, so liegen diesbezüglich keine genaueren Untersuchun-
gen vor, lässt sich aber das Zerreissen einzelner Schichten und Vor-
stülpung der übrigen nicht von der Hand weisen. Diejenige Schichte,
welche einer Zerreissung am ehesten ausgesetzt ist, ist die
Muskelschichte und besteht dann die Hülle eines solchen Mastdarm-
braches aus Bauchfell und Schleimhaut und dem dazu gehörigen
Zellgewebe.
Der Entwicklung nach müssen wir verschiedene Arten, besser
Grade des Mastdarmbruches unterscheiden und kann die Gegend
des äusseren Schliessmuskels als ein Unterscheidungspunkt benützt
werden. Ragt die Geschwulst nicht über die Afteröffnung vor, son-
dern liegt der Scheitel derselben noch innerhalb der Mastdarmhöhle,
so kann man die Vorlagerung als eine Hernia rectalis interna be-
zeichnen; hat dagegen der Scheitel die Afteröffnung schon über-
schritten, als eine Hernia rect. externa. Zu ersterer Art gehört der
eine Dieffenbach'sche Fall, zu letzterer die übrigen. Hat die Aus-
stülpung des Bauchfelles einen bedeutenden Grad erreicht, so wer-
den auch benachbarte Organe herabgezogen. Es ist dies bei Männern
vorzüglich die Blase, bei Weibern die Scheide, wie dieses auch in
unserer Beobachtung der Fall war, der Uterus, das Ovarium.
Bei der anatomischen Untersuchung von der Bauchhöhle aus
werden wir daher in den leichteren Fällen in der Umgebung des
Mastdarmes eine hufeisen- oder kreisförmige Binne, Furche oder
Tasche finden, wenn die Ausstülpung gleichmässig im ganzen Um-
fange des Mastdarmes erfolgt; im entgegengesetzten Falle eine
umschriebene Grube oder ein Loch. Demgemäss wird auch die
Mündung des Bruchsackes sein und im ersten Falle dieselbe Ge-
stalt haben, im letzteren dagegen ein seitlicher, vorderer Spalt in
21*
322 Englisch.
einem Falle 21/*" lang vom Sitzknorren bis zum Steissbeine. Die
Tiefe des Bruchsackes ist nach dem Grade der Entwicklung ver-
schieden, bei Schregor 4". Je tiefer der Bruchsack, um so weniger
lässt er sich durch Zug am Mastdarme ausgleichen. Es wurde die
Frage aufgeworfen, von welchem Theile des Bauchfelles der Bruch-
sack gebildet worden. Zum grössten Theile sicher durch den Bauch-
felltiberzug des Mastdarmes, wie schon Seh reger angenommen
hatte, da die Umschlagstelle zu fest mit der unterliegenden Fascia
pelvis verbunden ist, so dass sie nur in geringem Grade verzogen
werden kann, während der Bauchfellüberzug des Mastdarmes mit
dessen Häuten tiefer sinkt. Wir sehen daher, dass Theile, deren
Bauchfellüberzug fester haftet, leichter mit nach aussen gezogen
werden, wie z. B. die hintere Wand des Scheidengewölbes. Die
Darstellung der Schichten ist eine sehr einfache. Dieselbe besteht
entweder aus allen Schichten des Mastdarmes inbegriffen das Bauch-
fell oder aber wie bei der 3. Art aus Bauchfell, Zellgewebe, den
noch erhaltenen Schichten des Mastdarmes und dessen Schleimhaut.
Der Inhalt des Mastdarmbruches ist zumeist der Dünndarm,
doch wurde auch der Eierstock in der Vorlagerung gefunden
(Pockels, Stockes), ebenso der Uterus (Brunn).
Die übrigen Eingeweide erleiden entweder gar keine Lagever-
änderung (bei sehr langen Bauchfellfalten), meist ist jedoch der
Dickdarm verschoben, so dass das Colon transversum schief von oben
rechts nach links unten zieht und die Curvatura sin. auf dem Darm-
bointeller zu liegen kommt. Mittelbar werden auch die übrigen
Eingeweide verschoben, was sich in unserem Falle durch die eigen-
thümliche Faltung der vorderen Bauchwand kund gab. Die Ver-
schiebung der übrigen Eingeweide ist nur eine vorübergehende,
wenn die Vorlagerung nicht mit dem Bruchsacke verwachsen ist
(Seh reger). Die weiteren Veränderungen der Eingeweide unter-
scheiden sich nicht von denen bei andersartigen Vorlagerungen.
Mannigfache Veränderungen erleidet die durch den Vorfall der Luft
ausgesetzte Mastdarmschleimhaut, wie bei der Symptomatologie
genauer angegeben werden wird.
Bei der Betrachtung der Symptome muss man die beiden
oben bezeichneten Formen auseinanderhalten. So lange die Geschwulst
die Afteröffnung noch nicht überschritten hat, bestehen die Erschei-
nungen vorzüglich in dem Keize, welchen die in der Höhle des
Ueber den Mastdarmbruch. 323
Mastdarmes liegende Geschwulst auf diesen ausübt und in den
Stuhlbeschwerden, wie sie auch von anderen Geschwülsten hervor-
gerufen werden und am meisten Aehnlichkeit mit jenen haben,
welche grossen Hämorrhoidalknoten oder Polypen entsprechen. Der
untersuchende Finger findet an einer Stelle der Mastdarmwand
eine verschieden gestielte, im geringen Grade bewegliche Geschwulst,
welche von mehr oder weniger normaler Schleimhaut bekleidet ist,
durch Druck verkleinert werden kann. Untersucht man den Stiel,
so geht derselbe nicht allmälig in die umgebende Schleimhaut
über, sondern lässt sich in die Tiefe verfolgen, umgeben von einem
scharfen Rande, welcher der Bruchpforte entspricht. Diese Oeffnung
wird sich um so leichter fühlen lassen, je tiefer dieselbe liegt. Bei
stärkerem Drängen kann die Geschwulst zeitweilig vorfallen, tritt
jedoch bald wieder zurück. Die Erscheinungen ausser dem Verhal-
ten der Bruchpforte und der möglichen Verkleinerung der Ge-
schwulst durch Druck bieten aber nichts Specifisches und wird
ein innerer Mastdarmbruch selten erkannt, da eine genauere
Untersuchung daraufhin in der Regel unterbleibt.
Auffallender sind die Erscheinungen, wenn die sich allmälig
vergrössernde Geschwulst grösstenteils vor der Afteröffnung ge-
lagert bleibt. Die Geschwulst ist entweder rundlich, kolbig oder
birnformig, wenn sie noch keinen sehr hohen Grad erreicht hat
und der After noch nicht ausgedehnt ist oder aber mehr oder
weniger cylindrisch, in seltenen Fällen gewunden oder aus mehreren
Wülsten bestehend (Uhde). Die Grösse ist sehr verschieden, faust-
gross (Schreger). Die Ausbreitimg bezüglich der Medianebene ist
selten eine symmetrische, meist erscheint die eine oder andere Seite
stärker gewölbt, breiter und kann selbst der untere Theil der Ge-
schwulst nach einer Seite geneigt sein. Die Oberfläche ist eine
gleichmässige oder ungleichmässigo, was theils von der Art der
eingelagerten Darmschlinge oder deren Füllungszustand abhängt.
Ist nur eine Darmschlinge vorgelagert, so ist die Oberfläche mehr
gleichmässig, während, wenn mehrere Schlingen vorliegen, dieselben
sich bei der dünnen Beschaffenheit der Hüllen deutlich abzeichnen
und die Oberfläche wulstig wird. Die Schleimhaut ist geröthet,
anfangs noch feucht, bei längerer Vorlagerung mehr trocken. Die
Follikel sind deutlich sichtbar, die Venen entsprechend der Dauer der
Vorlagerung ausgedehnt. Nicht selten entwickelt sich an der
324 Englisch.
abhängigsten Stelle ein Oedem der Schleimhaut. Die Falten sind
meist vollständig ausgeglichen. Eine Veränderung der Gestalt und
Oberfläche erfolgt mit der Zunahme der Geschwulst und bildet der
Wulst bei Ausbuchtung des Bauchfelles in der ganzen Umgebung
des Mastdarmes nicht selten ein Hufeisen, vorne in der Mitte am
stärksten vorragend, nach den Seiten gegen das Steissbein hin an
Höhe und Breite abnehmend. Ist nur eine Schlinge vorgelagert, so
wird die gewöhnlich leicht gefaltete Schleimhaut um so glatter je
mehr die vorliegende Schlinge ausgedehnt wird. Umgekehrt machen
bei Vorlagerung mehrerer Schlingen die niedrigen Palten deutlichen
Wülsten Platz, je mehr sich Darm einlagert. Die Spannung der
Geschwulst nimmt mit der Vergrösserung gleichmässig zu. Die
Consistenz hängt von der Beschaffenheit der Vorlagerung ab. Je
praller der Darm gespannt ist, um so derber die Consistenz. Liegen
mehrere Schlingen vor, so ist entsprechend der ungleichmässigen
Oberfläche auch die Consistenz eine verschiedene und bei starker
Zusammenziehung lassen sich die harten Wülste des Darmes in
ihrer wechselnden Lage deutlich durchfahlen oder lässt sich die
peristaltische Bewegung der Gedärme, wie in unserem Falle deut-
lich wahrnehmen. Eine wesentliche Veränderung der Oberfläche
und Consistenz tritt aber durch die verschiedenen Reizungszustände
der Schleimhaut und der übrigen Schichten des Mastdarms ein.
Die Schleimhaut kann alle entzündlichen Veränderungen bis zur
Gangrän zeigen mit Vermehrung der Absonderung und dem Auf-
treten reichlicher Ecchymosen. Die Hüllen und der Inhalt der Ver-
lagerung werden verdickt und starr. Nicht selten bedeckt sich
die Oberfläche mit Exsudatmembranen oder zeigt sogar verschie-
den grosse Substanzverluste. Die Spannung der Geschwulst nimmt
wie bei jeder Darmvorlagerung beim Husten oder Pressen zu.
Der After ist in allen Fällen erweitert, die Bänder schlaff
und zwar um so mehr, je grösser die Geschwulst oder je länger
die Dauer der Vorlagerung ist. Der Uebergang der Geschwulst in
die Umgebung zeigt mannigfache Verschiedenheiten. Ist die Ge-
schwulst klein, so kann der Finger dieselbe in der Afteröffnung
umkreisen. Je tiefer sie aber herabreicht und je mehr sie vom
Umfange des Mastdarmes umfasst, um so weniger kann der Fin-
ger in den Mastdarm eindringen und erfolgt der Uebergang nur
durch eine seichte Furche, die endlich vollständig schwindet und
Ueber den Mastdarmbrnch. 325
der Schleimhautüberzug der Vorlagerung direct in die umgebende
Haut übergebt, wobei der After durch einen verschieden breiten
bläulich-rothen Ring angedeutet wird. Ist die Geschwulst im unteren
Theile auffallend breit, so kann die Uebergangsstelle durch dieselbe
verdeckt sein und wird erst nach seitlichem Abziehen der Geschwulst
sichtbar.
Ist der Mastdarm im ganzen Umfange ausgestülpt, so hat
die Oeffhung, welche in den Darm führt, eine verschiedene Lage.
Im allgemeinen hängt sie von der Entwicklung der Geschwulst
ab. Dieselbe findet sich entweder an dem höchsten Punkte der
Vorlagerung oder mehr seitlich. Im ersten Falle kann sie gerade
nach abwärts oder bei nicht vollkommen gleichmässiger Ausstül-
pung nach hinten sehen, was dadurch erklärt wurde, dass die Aus-
stülpung an der Seite gegen das Steissbein nie in demselben Grade
erfolgt, wie vorne oder seitlich. Die Lage ist aber auch veränder-
lich nach der Grösse der Vorlagerung. Liegt sie im massig ausge-
dehnten Zustande der Vorlagerung in der Mitte, auf der grössten
Vorwölbung, so rückt sie bei der Vergrösserung der Geschwulst
mehr nach hinten, um mit der Reposition der Eingeweide wieder
in ihre normale Lage zurückzukehren, worin AI lingham ein wich-
tiges Zeichen für das Vorhandensein eines Bruchsackes findet.
Der Schall ist bei Darmvorlagerung in der ganzen Ausdeh-
nung tympanitisch.
Führt man einen Finger in den Mastdarm, während der
andere auf der äusseren Fläche der Geschwulst liegt, so fühlt man
deutlich den Abstand des äusseren Rohres vom inneren, welcher
Abstand sich durch Druck mit der meist unter Gurren (Schreger)
abnehmenden Grösse der Darmschlingen verkleinern lässt, so zwar,
dass zuletzt nur die Wände des Mastdarmes und der Bruchsack
vorgelagert bleiben. Umgekehrt tritt eine Vermehrung des Abstandes
durch Pressen, durch aufrechte Stellung ein. Die Abnahme der
Grösse und die vollständige Reposition erfolgt durch Druck odor
durch Uebergang in die horizontale Lage um so leichter, je kürzer
die Vorlagerung besteht, je freier die Eingeweide sind und je weni-
niger in diesen entzündliche Veränderungen Statt gehabt haben.
Geräusche werden in der Geschwulst ausser bei den Reposi-
tionsversuchen, meist mit den Darmbewegungen wahrgenommen.
320 Englisch.
Weitere Erscheinungen beziehen sich auf die Form- und
Lageveränderungen benachbarter Organe, von denen die der Scheide
ara bekanntesten sind. Aber auch die Gestaltung des Bauches erleidet
mannigfache Veränderungen. In demselben Verhältnisse als die Ver-
lagerung sich vergrößert, sinkt der Nabel tiefer und wird einge-
zogen, so dass die vordere Bauchwand in ihrem unteren Theüe
zahlreiche radiäre Falten zeigt, während im oberen Theile die Falten
mehr parallel dem Rippenbogen verlaufen.
Die functiouellen Störungen von Seite des Mastdarmes sind
neben einem lästigen, andauernden Stuhldrange in der Mehrzahl der
Fälle ein unwillkürlicher Abgang von Roth, in seltenen Fällen
Stuhlverhaltung. Der unwillkürliche Abgang ist in der Erschlaffung
des Schliessmuskels des Afters begründet und wird noch dadurch
unterstützt, dass die Schleim hautabsonderung besonders im höher
gelegenen Theile des Mastdarmes vermehrt ist. Es entleert sich der
Koth schon beim lekesten Drange. In unserem Falle war der un-
willkürliche Abgang reichlicher, wenn die Vorlagerung ausserhalb des
Afters lag. War dieselbe zurückgeschoben, so konnte die Kranke
das Eothlassen zurückhalten. Die Stuhlverhaltung hat wohl mehr
iu der Störung der Fortbewegung des Darminhaltes in den vorge-
lagerten Schlingen ihren Grund als in einer Behinderung durch
die im Mastdarm befindliche Geschwulst, welche wohl erschwerte
Stuhlentleerung nicht aber Stuhlverstopfung bedingeu möchte. Nur
selten treten andere Störungen von Seite der Verdauungsorgane
ein und klagte unsere Kranke nur dann über ein Unbehagen, ein
Ziehen in der Magengegend, mit Aufstossen und selbst über Ueblich-
keiten, wenn die Vorlagerung lange Zeit nicht zurückgeschoben
wurde. Functionelle Störungen benachbarter Organe dürften nur in
der Blase durch Verschiebung derselben, seltener durch Druck der
vorgelagerten Eingeweide bedingt sein. Liegt ein Eierstock vor, so
können sich in demselben die Erscheinungen der Menstruation
wie bei den übrigen Ovarialbrüchen bemerkbar machen, obwohl
diesbezüglich keine besonderen Angaben vorliegen.
Schmerzen fühlen die Kranken bei freien, nicht entzündeten
Mastdarmbrüchen keine.
Ist die Vorlagerung hochgradig, so sind die Kranken theils
durch die Geschwuls, theils durch den unwillkürlichen Kothabgang,
tlieils durch in Folge der Keibuug beim Gehen auftretende entzünd-
Ueber den Mastdarmbruch. 327
liehe Erschein ungen im Gehen gehindert und meist an das Bett
gebunden.
Die Differenzialdiagnose wird sich hauptsächlich auf Vorfall
von Hämorrhoidalknoten, Vorfall von Schleimhaut, Vorfall des
ganzen Mastdarms oder selbst noch höher gelegenen Theile und
Zerreissung des Mastdarmes und Vorfall der Gedärme beschränken,
da Polypen oder andere gestielte Geschwülste nicht leicht zu Ver-
wechslungen Veranlassung geben werden. Venenknoten unterschei-
den sich meist schon durch ihr bläuliches Ansehen, ihre breite
Basis, mit der sie der Schleimhaut aufsitzen, ihnen fehlt aber
sicher der Abstand der Wände der Geschwulst, die Zusammeu-
drückbarkeit und Verkleinerung mit Gurren u. s. w., so wie man
nicht leicht eine der Erscheinungen finden wird, welche sich auf
die angegebene Veränderung der Geschwulst bezieht. Ein Gleiches
gilt von dem Vorfalle der blossen Schleimhaut. Es wird dabei
immer der King fehlen, durch welchen sich die Geschwulst als
Stiel in die Beckenhöhle fortsetzt. Schwieriger kann die Diagnose
bei einem Vorfalle des ganzen Mastdarmes und eines Theils des
Colon descendens werden. In diesen Fällen bietet die Geschwulst
das gleiche Ansehen, wie bei dem Mastdarmbruche, wenn dessen
vorgelagerte Eingeweide zurückgeschoben sind. Ein Unterscheidungs-
merkmal könnte darin gefunden werden, dass beim blossen Vor-
falle des Mastdarmes der umschliessende und umschlossene Theil
enge aneinander liegen, während sie beim Mastdarmbruche wegen
ihrer Schlaffheit immer eine grössere Verschiebbarkeit gegen einan-
der besitzen werden. Die Anstrengungen der Bauchpresse werden
auf eine blosse Umstülpung des Mastdarmes weniger Einfluss haben,
indem sie zwar die Geschwulst in ihrem Längendurchmesser vor-
grössern können, nicht aber jene eigenthümliche Veränderung der
Gestalt und Spannung der Geschwulst hervorrufen, welche durch
den Eintritt der Gedärme in die Ausstülpung bedingt ist und die
Geschwulst mehr birnförmig gestaltet macht. Auch die ungleich-
massige Veränderung der Geschwulst unterscheidet sie von dem
reinen Mastdarmvorfalle. Weiters werden der Abstand der Wände,
die Percussion, die Erscheinungen, die bei Druck auf die Geschwulst
auftreten, so wie der Mangel der Bruchpforte nach der Eeposition
wichtige Unterscheidungsmerkmale geben. Die Zerreissung des
Mastdarmes mit Vorfall von Gedärmen zeigt, wie wir weiter unten
328 Englisch.
sehen werden, so auffallende Erscheinungen, dass sich die Diagnose
leicht stellen lässt.
Die Veränderungen, welche im Verlaufe der Krankheit ein-
treten können, beziehen sich auf die Veränderung der Schichten
durch chronische oder acute Entzündung, auf Zerreissung des die
Hüllen des Bruches bildenden Mastdarmes und auf die Einklem-
mung.
Die häufigsten Veränderungen werden durch den Beiz, wel-
chen die Luft auf die Vorlagerung ausübt und durch die Umschnü-
rung durch den Schliessmuskel des Afters sowie durch die Bruch-
pforte bedingt. Ersteres hat Verlust des glänzenden, sammtartigen
Ansehens zur Folge, letzteres eine vermehrte röthliche Färbung
und chronisches Oedem mit Verdickung der Schleimhaut, in gerin-
gerem Grade auch der übrigen Schichten. Tritt die fetauung in den
Gelassen rasch ein, z. B. bei stärkerer Anwendung der Bauchpresse,
so kann es zur Zerreissung kleinerer Gefässe und zu Ecchymosen
kommen, wodurch die Oberfläche ein eigenthümliches, gesprenkeltes
Ansehen erhält. Nur bei sehr langem Bestände oder Reibung der
Schleimhaut kommt es zu umschriebenen Abschürfungen derselben.
Nur in seltenen Fällen wird es in Folge der chronischen Stauung
zur Verwachsung der Hüllen mit den vorgelagerten Eingeweiden
kommen.
Die acute Entzündung tritt am häufigsten in Folge von me-
chanischen Heizen auf die Geschwulst ein, nur seltener durch
andere dynamische. Zu ersteren gehören die Beibung dos Sackes
an den Kleidungsstücken, Reiten, Stoss beim Niedersetzen, Quet-
schung beim Sitzen (Uhde) u. s. w. ; zu letzteren Erkältung, vor-
züglich Stehen im Nassen (Seh reger). Ebenso werden alle Schäd-
lichkeiten, welche eine Staung des Blutes in den Venen des Mast-
darmes, eine Reizung der Schleimhaut höher oben oder eine ent-
zündliche Affection des Bauchfelles und der vorgelagerten Theile
verursachen, zur Entzündung sämmtlicher Bestandtheile des Mast-
darmbruches führen können. Eingeleitet wird die Entzündung manch-
mal durch Schüttelfrost, der sich selbst wiederholen kann (Schreger).
Die nächsten Erscheinungen beziehen sich auf die Geschwulst. Die-
selbe wird durch Schwellung der Schleimhaut des Mastdarmes und
dessen übrigen Hüllen vergrössert, so wie dieselbe an Consistenz
zunimmt. Insbesonders ist die Grössenzunahme auffallend, wenn die
Ueber den Mastdarmbrnch. 329
eingelagerten Theile erkrankt sind, was theilweise auf der über-
mässigen Füllung der Gedärme durch Gas und Koth in Folge einer
Lähmung der Darmmuskeln beruht. Bezüglich der Spannung hebt
Scbreger hervor, dass dieselbe mit dem Eintritte der Gangrän
abnimmt, ein Verhalten, wie wir es auch an anderen Vorlagerungen
finden. Die Zunahme der Consistenz wurde besonders beobachtet,
wenn es zu Verwachsungen der Vorlagerung mit den Hüllen ge-
kommen ist. Die bedeckende Schleimhaut erscheint geröthet, dunkel*
roth bis braunroth, stellenweise mit dunkelbraunen Flecken ver-
sehen, wenn es zur Ecchymosirung gekommen ist. Die Lockerung
ist um so auffallender, je weniger verändert die Schleimhaut ist, im
entgegengesetzten Falle wird dieselbe und die übrigen Hüllen
brüchig und zerreisslicher. Die Absonderung ist nicht immer auf-
fallend vermehrt, es kann sogar die Oberfläche der Geschwulst
mehr trocken erscheinen. Im allgemeinen ist die Absonderung
schleimig, schleimig-eitrig und in Folge der Beimengung ergosse-
nen Blutes bräunlich. Durch die in Folge der Infiltration der ein-
zelnen Schichten bedingte Starrheit verliert die Vorlagerung an
Elasticität und fällt, selbst wenn die Eingeweide reponirt sind,
nicht zusammen, sondern bleibt als starre Masse vor dem After
gelagert und lässt sich schwer zurückbringen. Die Schmerzhaftig-
keit der Geschwulst ist bedeutend erhöht, nicht nur in der Vorla-
gerung selbst, sondern auch in der Umgebung und selbst über den
ganzen Bauch. Auch beim Schmerze zeigt sich ein ähnlichos Ver-
hältniss, wie bei der Spannung und wurde der Nachlass überhaupt,
oder an einer bestimmten Stelle als Zeichen der Gangrän angesehen
(Schreger), wenn nicht auch die begleitenden Erscheinungen oinen
Nachlass wahrnehmen Hessen. In demselben Verhältnisse als sich
die Entzündungserscheinungen ausbreiten, treten auch die Erschei-
nungen der gehemmten Darmbewegung und der Bauchfellent-
zündung auf. Der Bauch wird aufgetrieben, schmerzhaft. Die Kran-
ken leiden an fortwährendem Stuhldrange, verbunden mit heftigen
Koliken und Ausstrahlung der Schmerzen nach den Geschlechts-
teilen, der Blase, was im letzteren Falle den nicht selten bedeu-
tenden Harndrang erklärt, der selbst noch andauert, wenn eine
grosse Menge Harn entleert wurde. Eine fast constant begleitende
Erscheinung ist die fortwährende und für den Kranken höchst
lästige Zusammenziehung des Afterschliessmuskels, wodurch die
330 Englisch.
Blutstauung in dem ausgestülpten Theile des Mastdarmes noch ver-
mehrt wird. Aufstossen, Brechneigung, selbst Erbrechen wurden be-
obachtet, so dass sogar manchmal eine Einklemmung vorgetäuscht
werden kann ; sowie es keinem Zweifel unterliegt, dass sich eine
Entzündung zur Einklemmung steigern kann. Ist die Entzündung
umschrieben, so kommt es zur Bildung von kleinen Geschwüren.
Hat dieselbe jedoch eine grössere Ausdehnung erreicht, so kann
selbst ein Absterben eines grösseren Stückes der Schleimhaut erfol-
gen. Sind die eingelagerten Theile ebenfalls entzündet, so kommt
es zur Verwachsung mit den Hüllen und selbst zum Durchbruche
nach aussen mit Bildung einer Eothfistel, wie dies Schreger am
8. Tage nach Beginn der Erscheinungen beobachtete. Liegt die Durch-
bruchsstelle ausserhalb des Afters, so unterliegt die Diagnose
keinem Zweifel; im entgegengesetzten Falle kann die Oeffhung dem
Auge nicht sichtbar sein und wird man in solchen Fällen den
Austritt von Darminhalt von dem unwillkürlichen Kothabgange bei
Lähmung der Darmmuskeln unterscheiden müssen, was sich theil-
weise aus der Untersuchung des Darmes mit den Fingern, theil-
weise aus dem Herabziehen des Darmes ergibt, wodurch die Oeff-
nung bei gehöriger Vorsicht deutlich gemacht werden kann, in dem
dieselbe selten sehr hoch liegt. Wenn auch keine directen Beob-
achtungen vorliegen, so lässt es sich doch leicht begreifen, dass
selbst ausgebreitete Störungen in Folge der Gangrän auftreten
können.
Zu den nicht minder unangenehmen Zuständen, welche in
Folge der Entzündung eintreten können, gehört die Fixirung des
Vorfalles des Mastdarmes, so dass er nicht mehr zurückgebracht
werden kann.
Eine Erscheinung, welche bis jetzt immer nur sehr kurz ab-
gehandelt wurde, ist dio Zerreissung der Bruchhüllen mit Vorfall
der eingelagerten Eingeweide. Die Ursache liegt darin, dass die
Lehre von dem Mastdarmbruche überhaupt weniger bekannt ist, daher
die Diagnose, wie schon angeführt wurde, nicht nur seltener gemacht
wird, sondern im Gegentheile manche Fälle von Mastdarmbruch
unter der Bezeichnung eines aussergewöhulich grossen Mastdarm-
Vorfalles beschrieben werden. Wenn man jedoch die Verhältnisse
etwas genauer ins Auge fasst, so ergibt sich für manche Beobach-
tungen von spontaner Zerreissung des Mastdarmes mehr als ein
Ueber den Mastdarmbruch. 331
Grund zur Annahme, dass man es mit einem Mastdarmbruche und
nicht mit einem blossen Vorfalle zu thun hatte. Ich rechne dahin
die Fälle von Brodie, Adelmann, Pyl, Roche-Böekel und
selbst den Fall aus der Kichelt-Elinik, von Quenu beschrieben,
ist nicht ganz auszuschliessen. In allen Beobachtungen wird ange-
führt, dass die Kranken seit langer Zeit an einem Mastdarmvorfalle
gelitten hatten, ferner bemerkt, dass die Ursache, wodurch die
Zerreissung des Mastdarmes hervorgerufen wurde, eine verhältniss-
mässig geringfügige gewesen sei. Adelmann selbst bezeichnet
seinen Fall als einen Mastdarmbruch und nimmt dieselbe Diagnose
für den Pyl' sehen Fall an, indem er die Lageveränderung des
Dünndarmes und die Verticalstellung des Magens als angeboren
oder durch eine lang andauernde Zerrung in Folge der Darm-
verlängerung entstanden erklärt. Es kann hinzugefügt werden, dass
selbst die Annahme der angeborenen Anomalie nicht gegen einen
Bruch spricht, indem wir wissen, dass gerade diese angeborenen
Lageveränderungen der Eingeweide zur Entstehung der Eingewßide-
brüche disponiren. Doch auch für die Fälle von Brodie und
Koch 6 werden sich aus den folgenden Beobachtungen wichtige
Anhaltspunkte ergeben. Vergleicht man forner wie gross die Gowalt
ist, welche unter Umständen eine Zerreissung der Darmwand
hervorbringt, als Durchtreten fester Kothmassen, schwere Geburten,
sowie dass die Versuche, welche Quänu zu diesem Zwecke ange-
stellt hat, indem er die äussere Oeffnung vernähte und Wasser von
obenher in den Mastdarm eintrieb (50—60 Ctm. Quecksilberdruck),
ohne Erfolg waren, so spricht dieses dafür, dass die Zerreissung
durch die Verdünnung und Infiltration der Wand des Mastdarm-
Vorfalles vorbereitet und durch ein übermässiges Anprallen oder
eine rasche Ausdehnung der Gedärme bedingt ist. Denn der Druck,
den die Kranken beim Zurückbringen ausübten, reicht allein nicht
hin, den Darm zu zerreissen.
Die von Ashton angenommene Eintheilung in complete und
incomplete Zerreissungen, je nachdem alle oder nur einzolne
Schichten des Mastdarmes zerrissen sind, findet in unserem Falle
keine Anwendung, indem nur jene Fälle in Betracht gezogen werden
können, wo alle Schichten durchtrennt sind und die Gedärme mit
ihrem serösen Ueberzuge biosliegen. Wenn Qu£nu das Vorkommen
der Zerreissungen bei Weibern besonders hervorhebt, so hängt dies
832 Englisch.
damit zusammen, dass Mastdarmvorfälle sehr hohen Grades vor-
zuglich bei Weibern vorzukommen pflegen, wie dies aus den voran-
stehenden Mittheilungen zu ersehen ist. Dass aber auch noch andere
Bedingungen für das Zustandekommen von Zerreissungen des Mast-
darmes bei Frauen vorkommen, beweist, dass auch jene spontanen
Zerreissungen, welche ohne Mastdarmvorfall beobachtet wurden,
(Stein, Majo u. A.) nur bei Frauen vorkamen. Wir müssen daher
in diesen Veränderungen der Mastdarmhäute, der befestigenden
Theile u. s. w., die disponirenden Momente suchen, die um so ge-
fährlicher sind, je länger sie bestehen und je bedeutender sie sind,
wenn wir die directen, veranlassenden Schädlichkeiten berück-
sichtigen, welche die Zerreissung des Mastdarmes herbeiführten.
Dieselben bestanden im der Reposition des Vorfalles, (Brodie,
Adelmann, Boche), in Erbrechen (Pyl) und fugen wir noch
hinzu, im Falle von Quenu in dem Drange beim Stuhlabsetzen,
bei Stein in dem Heben einer schweren Last.
Die Art und Weise, wie nun unter den gegebenen Verhält-
nissen die Zerreissung zu Stande kommt, wurde verschieden ange-
geben. Nach Adelmann kann, wenn es zur Entwicklung eines
Mastdarmbruches gekommen ist, der Druck fester Kothmassen bei einer
Zerreissung der Schleimhaut ausreichen, dass es auch zur Zerreissung
des Blindsackes des Bauchfelles kommt, wofür die ungleichmässige
Beschaffenheit des Risses der einzelnen Schichten sprechen sollte.
Schon Quenu hat darauf hingewiesen, dass die von Adelmann
bei der Reposition des Vorfalles mit dem Fingernagel angeblich
gesetzte Verletzung nicht hinreicht, um die Zerreissung zu erklären,
sondern es wahrscheinlich ist, dass die Zerreissung durch die über-
mässige Ausdehnung des Bruchsackes und der Hüllen erfolgt ist.
Einige Wahrscheinlichkeit für die Zerreissung durch feste Koth-
massen hat die Annahme Esmarch's, dass durch diesolben eine
Schleimhautfalto vor sich hergeschoben und quer eingerissen wird,
wenn es sich um Zerreissung des nicht vorgefallenen Mastdarmes
handelt. Ist jedoch ein solcher erfolgt, so dürfte auch diese Er-
klärung nicht ausreichen. Quenu hat nun versucht, diese Frage
auf experimentellem Wege zu lösen. Zuerst verschloss er die After-
öffnung durch die Naht und füllte den Mastdarm mit Wasser und
Luft bei sehr hohem Drucke an und fand, dass bei einem Queck-
silberdrucke von 50 Ctm. zuerst das Bauchfell mehrfach einreisse
Ueber den Mastdarmbruch. 383
und dann die übrigen Schichten folgen, was für die Möglichkeit
der Zerreissung durch anfüllende Massen spräche. Seine zweite
Annahme, dass die Zerreissung mit einer Zerreissung der Hämorr-
hoidalvenen beginne, konnte er trotz Einspritzungen in die Mesen-
terialvene unter hohem Drucke nicht beweisen. Er kommt zuletzt
zu dem Schlüsse, dass nach Bildung des Mastdarmvorfalles bei
Entzündung der Schleimhaut (als disponirendes Moment) die stark
angefüllten Venen in Folge des vermehrten Druckes bei irgend
einer Anstrengung bersten, und das ausgetretene Blut die Zer-
reissung der übrigen Schichten bedingt. Die wiederholt angegebene
Disposition vorausgesetzt, wird sich eine Zerreissung der Häute
wohl auf die einfachste Weise dadurch erklären lassen, dass, wenn
die vorgelagerten Eiugeweide durch Gase und Kothmassen ange-
füllt sind und die Spannung derselben plötzlich durch ein rasches
Nachschieben von neuen Massen in Folge kräftiger Anwendung der
Bauchpresse noch vermehrt wird, auch die Spannung dor Bruch-
büllen vermehrt wird, wie man sich an jedem freien Mastdarm-
bruche überzeugen kann. Erreicht diese nun einen hohen Grad, so
kann es in Folge der übermässigen Spannung und Brüchigkeit der
Gewebe zur Zerreissung der ganzen Mastdarmwand kommen. Da
aus den mitgetheilten 'Beobachtungen mit der grössten Wahr-
scheinlichkeit hervorgeht, dass das Bauchfoll zuerst und in grösserer
Ausdehnung als die übrigen Schichten zerreisst, so dürfte dieses
durch die grössere Zartheit, die geringere Nachgiebigkeit des
Bauchfelles gegenüber den anderen Schichten der Darmwand be-
dingt sein.
Da der Schmorz, welcher im Momente der Zerreissung auf-
tritt und sehr heftig ist, doch von den Kranken weniger beachtet
wird, so ist die von denselben zuerst wahrgenommene Erscheinung
die Bildung einer Geschwulst. Dieselbe tritt nach den angegebenen
Beobachtungen sehr rasch auf und vergrössert sich bei dem fort-
währenden Stuhldrange der Art, dass eine staunenswerthe Menge
Gedärme vorliegt. So sah Brodie 2 Yard, Pyl 12' 10" Dünndarm,
Adelmann 5 Ellen Dünndarm vorliegen. Quenu bezeichnet die
Vorlagerung Mannskopfgross. Mit dem Darme liegt immer der
entsprechende Theil des Gekröses vor. Da die Eingeweide an
der Eissstelle nicht in derselben Weise ausgedehnt sind, wie der
im Mastdarme oder vor diesem liegende Theil, überdies der
334 Englisch.
After ebenfalls der Füllung der Schlingen ein Hinderniss entgegen-
setzt, so erseheint die Geschwulst gestielt und allseitig vom unteren
Theile des Mastdarmes umgeben. Der vorgefallene Darm ist bläu-
lich bis livid gefärbt, mit zahlreichen Ecchymosen versehen, und
in verschiedenem Grade ausgedehnt. Bei längerer Dauer der Ver-
lagerung zeigt sich der Darm entzündet und mit Exsudatmembranen
bedeckt, denen auch Staub, Sand anhaften können. Ein besonderes
und für die Diagnose nicht zu übersehendes Zeichen ist es, dass
die Vorlagerung von einer serösen Membran, deren Ansehen durch
die aufgelagerten Exsudate etwas verändert, aber nie vollständig
verwischt werden kann, überzogen ist, zum Unterschiede von dem
Schleimhautüberzuge des gewöhnlichen Mastdarmbruches. Ferner
muss noch die ungleiche Beschaffenheit der oinzelnen Darmschlingen
hervorgehoben werden, indem diejenigen Schlingen, welche zuerst
vorgefallen sind, die grössten Veränderungen erlitten haben und
umgekehrt; ein Umstand der bei der Reposition nicht genug be-
achtet werden kann. Der Beiz der Luft scheint auf die vor-
gelagerten Gedärme ohne Einfluss zu sein, indem dieselben ohne
jede peristaltische Bewegung sind, (Adelmann) oder wie Quenu
meint, gelähmt erscheinen. Die Vorgrösserung erfolgt nicht nur
durch Vorfall neuer Schlingen, sondern auch durch weiteres An-
füllen derselben mit Gasen und Kothmassen, wodurch bedeutende
Hindernisse bei der Reposition entstehen können (Adelmann,
Pyl). Das Gekröse erscheint ebenfalls mit Blut unterlaufen.
Im Momente des Reissens erfolgt zugleich eine Blutung, die
anfangs verhältnissmässig geringe sein kann und nur als Flocken
den vorgefallenen Gedärmen anhängt, sich aber unter Umständen
später bedeutend steigern kann (Quenu). Die Menge des nach
aussen fliessenden Blutes ist nicht immer das Massgebende, wie
die Leichenuntersuchungen ergeben haben, da die Blutung sehr
häufig in den Bauchfellsack (Pyl) oder in das subperitoneale
Zellgewebe erfolgt. In seltenen Fällen werden auch die übrigen
Schichten der Mastdarmwand von dem ausgetretenen Blute aus-
einander gedrängt. Geht man an dem zumeist durch das Gekröse ge-
bildeten Stiel nach aufwärts, so fühlt man, dass derselbe in einer
verschiedenen Höhe vom Mastdarme allseitig umgeben ist. Geht
man mit dem Finger noch weiter empor, so gelangt man zur
Rissstelle, (Brodie, Adelmann), wenn dieselbe nicht zu hoch
Ueber den Mastdarmbruch. 335
gelegen ist. Im entgegengesetzten Falle kann es für den unter-
suchenden Finger bei bestehendem Vorfalle unmöglich sein, den-
selben zu finden (Quenu) und kommt derselbe erst nach ge-
schehener Reposition zur deutlichen Wahrnehmung und da manch-
mal erst, wenn die Untersuchung mit zwei und mehr Fingern vor-
genommen wird, was bei dem meist sehr erschlafften Schliess-
muskel des Afters ohne Anstand möglich ist. Die Bisswunde wurde
bis jetzt an allen Seiten der Wand beobachtet, entgegengesetzt der
gangbaren Annahme, dass die hintere Wand, da sie vom Bauch-
felle nicht überzogen sei, nicht zerreissen könne, indem die Ein-
geweide sich an diese Stelle nicht andrängen können, und zwar
gerade an der hinteren Wand von Pyl, an der Seitenwand von
Adelmann, an der vorderen Wand von Brodie, (Majo, Stein,
Quänu). Die Entfernung vom After ist eine verschiedene. Etwas
über dem After (Quenu), 1" über dem After (Pyl), 2" (Brodie,
M a j o) , 2 */t " ( A d e 1 m a n n) . Der Richtung nach unterscheidet
man Querrisse (Brodie), Längsrisse (Adelmann, Stein) bei
verschiedener Weite, welche nach den Angaben von Quenu und
Stein zwischen 1 — 2 Zoll schwankt, bei Adelmann hatte der
Riss eine Weite von 27a Zoll, bei Majo war er für den Zeige-
finger, bei Pyl für 4 Finger durchgängig. Wie schon früher an-
geführt, zeigen die Risse im Bauchfelle und in den übrigen
Schichten des Mastdarmes nicht gleiche Weite. So fand z. B.
Quönu den Bauchfellriss 10 Ctm. lang, den der übrigen Schichten
4*3 Ctm. Die deutliche Wahrnehmbarkeit des Risses wird theil-
weise durch die Beschaffenheit der Ränder beeinflusst, wie aus der
Beobachtung von Adelmann hervorgeht, wo der obere, mehr ge-
quetschte, unregelmäsige Theil der Ränder, beziehungsweise der
Riss selbst, weniger deutlich fühlbar war, als der untere mit scharfen
Rändern versehene Theil. Ebenso verliert sich die Schärfe desselben,
wenn die einzelnen Schichten durch Extravasate von einander ab-
gelöst sind, was vorzüglich vom Bauchfellüberzuge und der Mast-
darmschleimhaut, weniger von der Muskelschichte in ihren einzelnen
Lagen gilt.
Je länger der Vorfall währt, um so mehr verändern sich die
Eingeweide. Der oft bald nach dem Vorfalle sich vermindernde
Schmerz tritt neuerdings mit immer mehr zunehmender Heftigkeit
Mtd. Jahrbücher. 1882. JJ
336 Englisch.
auf. Es folgen die Erscheinungen der Bauchfellentzündung mit all-
gemeinem Verfall und selbst der Tod.
Zu den gefährlichsten Zufallen des Mastdarmbruches gehört
die Einklemmung. Dieselbe kommt sowohl an dem gewöhnlichen
Mastdarmbruche, als auch an den vorgefallenen Schlingen nach Zer-
reissung der Mastdarmwand vor. Letztere Art der Einklemmung
kann an zwei Stellen statthaben, entweder an der Bissstelle oder
am After. Letztere hat eine entschieden geringere Wichtigkeit als
erstere, da der Schliessmuskel meist erschlafft ist. Am Bisse selbst
wird sich die Muskelschichte beim Entstehen des Bisses zwar
mehr ausdehnen lassen, aber später bei den Untersuchungen eine
geringere Weite zeigen; die Zusammenziehung der Muskelfasern
wird dann aber desto stärker sein und damit die Einschnürung der
Eingeweide. Es ist merkwürdig, dass sich in keiner der angegebenen
Untersuchungen eine Erwähnung dieses Punktes findet, während sich
doch angeführt findet, dass bei den Leichenuntersuchungen die vor-
gefallenen Eingeweide die Stelle der Einschnürung noch deutlich er-
kennen Hessen. Es scheint daraus hervorzugehen, dass die Verände-
rungen an der einschnürenden Stelle nicht die vorgeschrittensten
sind, wie wir dies auch bei anderen Eingeweidebrüchen zu beob-
achten Gelegenheit haben.
Die Einklemmung eines Mastdarmbruches hängt von vielen
Umständen ab. Jener Fälle, wo in Folge von Peritonitis, welche
sich vom Bauchfelle auf die Gedärme fortgepflanzt und zu Ver-
wachsungen letzterer mit dem Bruchsacke, beziehungsweise mit dem
Mastdarme geführt hat, wurde bereits bei der Entzündung gedacht
und ist dieses nicht eine eigentliche Einklemmung zu nennen. Wenn
wir jedoch die eigenthümlichen Verhältnisse betrachten, unter denen
sich die Gedärme befinden, so lässt sich mit Sicherheit annehmen,
dass gerade die Folgen einer Entzündimg am häufigsten jene Stö-
rungen verursachen, welche einer Einklemmung entsprechen und wird
man in Zukunft diese Verhältnisse genauer berücksichtigen müssen.
Wenn wir die Lage der Eingeweide im Vorfalle genauer in
Erwägung ziehen, so wird in dem ausserhalb des Afterschliessmus-
kels liegenden Gedärmen leicht eine Kothstauung entstehen können,
indem die erschlafften Muskeln des Mastdarmes noch immer im
Stande sind, der Fortbewegung der in den vorgelagerten Theilen
befindlichen Kothmassen ein Hinderniss entgegenzusetzen. In meinem
Ueber den Mastdarmbruch. 337
Falle konnte ich wiederholt beobachten, dass sich, wenn die Vor-
lagerung längere Zeit bestand, Eoth in den Darmschlingen anhäufte
und die Kranke über Störungen der Stahlentleerung, der Ver-
dauung, selbst über ein unbehagliches Gefühl im Unterleibe klagte,
welche Erscheinungen nach dem Zurückschieben der Vorlagerung
schwanden. Dass bei längerer Dauer der Ansammlung alle jene Er-
scheinungen eintreten können, welche sich unter ähnlichen Verhält-
nissen bei anderen Eingeweide -Vorlagerungen entwickeln, unterliegt
keinem Zweifel.
Eine eigentliche Einklemmung wird jedoch nur entstehen,
wenn ein Theil der langen Bruchpforte im Verbältnisse zur Füllung
des Darmes zu klein wird. Ist der Bruch noch im Mastdarme ge-
lagert, so liegt die Stelle der Einschnürung entweder in den fibrösen
Theilen der Bruchpforte, oder in den Muskelfasern des Mastdarmes.
So lange die Vorlagerung noch klein ist, wird die Bruchpforte eben-
falls klein sein, ihre Umgrenzung aus den starren Beckenaponeurosen
bestehen und es können dann dieselben Verhältnisse eintreten, wie
sie sich z. B. bei Schenkelbrüchen finden. Diese Annahme wird noch
dadurch unterstützt, dass die Vertheilung der Fasern der Becken-
fascie eine ungleichmässige ist und bei ihrem Uebergange in die
Umhüllungen des Mastdarmes, der Blase u. s. w. zahlreiche fibröse
Stränge zeigt, zwischen denen nachgiebigere Stellen vorhanden sind.
Erfolgte die Vorlagerung durch eine dieser nachgiebigen Stellen,
so wird die Einschnürung durch umgebende starre Fasern eine
festere sein. Ein solches Vorkommniss dürfte jedoch seltener zur
Beobachtung kommen, indem meist eine Ausbuchtung eines
grösseren Theiles der Beckenfascie, selbst eine solche im ganzen
Umfange des Bectums, besteht. Eine Einschnürung durch die fibröse
Umrandung dürfte daher seltener vorkommen. Treten die Ein-
geweide durch einen Riss der Mastdarm-Muscularis, so kann eine
Einklemmung in dem Bisse der Muskelschichte erfolgen, und bei
dem Beize durch die Vorlagerung eine sehr heftige sein. Hat da-
gegen die Vorlagerung den After überschritten, so treten andere
Verhältnisse ein. Der äussere Afterschliessmuskel umgibt einen Theil
der vorgelagerten Masse ringförmig, und stört die Fortbewegung
des Danninhaltes. Diese Art der Einklemmung darf jedoch, wegen
der hochgradigen Erschlaffung der Muskelfasern als keine hoch-
gradige angenommen werden, zum Unterschiede beim Vorfalle der
338 Englisch.
Eingeweide nach Zerreissung des Darmes, wo die Einschnürung der
Vorlagerung durch den Muskelriss in Folge der spastischen Zusammen-
ziehung der Muskelfasern eine bedeutende sein kann, wofür auch
die Erscheinungen in solchen Fällen sprechen. Während die Muskeln
der Darmwand selbst sehr erschlafft sind, gilt dieses nicht in dem-
selben Masse von den Fasern des Diaphragma pelvis (Levator ani).
Betrachtet man die Richtung der Fasern etwas genauer, so haben
sie im Allgemeinen zu dem Verlaufe des Mastdarmes eine schiefe
Richtung mit Ausnahme des Endstückes des Darmes, das sich
um die Steissbeinspitze nach hinten biegt. Ziehen sich die Fasern
des Levator ani zusammen, so schieben sie den Mastdarm nach
vorne oben. Ist eine Vorlagerung erfolgt, so wirkt der Muskel auf
diese ein und bedingt eine Einknickung derselben oder besser eine
doppelte seitliche Einschnürung, indem die Ausstülpung immer an
jenem Theile erfolgt, welcher oberhalb der Vereinigung des Levator
■
ani und des äusseren Schliessmuskels liegt, so dass zwar seine Ver-
einigung mit diesem einen grösseren Umfang hat, die Faserrichtung
aber nicht wesentlich geändert ist. Wenn auch diese Art der Ein-
klemmung schon von vielen Seiten (Esmarch, Uhde, Quenu)
hervorgehoben wurde, so hat dieselbe aber bis jetzt noch nicht die
gehörige Würdigung gefunden und bleibt das genaue Verhalten
derselben bei eingeklemmten Brüchen späteren Untersuchungen vor-
behalten. Ich will nur hinzufügen, dass bei Untersuchungen des
Mastdarmes und bei Vorfällen, sich in manchen Fällen eine beson-
dere Schlaffheit des ganzen Beckenausganges, beziehungsweise auch
des Diaphragma pelvis, wie die ganze Muskelgruppe von Langer
genannt wurde, findet, in welchen Fällen die Zusammenziehung des
Levator ani als Ursache der Einklemmung fraglich wäre.
Wie bei allen anderen Eingeweidebrüchen dürfte das Miss-
verhältniss zwischen Bruchpforte und Inhalt durch eine plötzliche
Vermehrung des Darminhaltes gegeben sein.
Die Erscheinungen stimmen mit denen, wie sie bei anderen
Eingeweidebrüchen beobachtet werden, überein, weshalb dieselben
nicht besonders abgehandelt werden sollen. Zu diesen Erscheinungen
kommt noch in Folge der Reizung des unteren Theiles des Mast-
darmes ein fortwährender heftiger Stuhldrang mit Krampf im After.
Die Erscheinungen, welche sich auf die Grössenzunahme der Ge-
schwulst, auf die Entzündungserscheinungen beziehen, treten wegen
Üeber den Mastdarmbrach. 339
der Dünnheit der Bruchhüllen und deren innigerem Zusammen-
hange deutlicher hervor.
Der Verlauf und der Ausgang ist wie bei anderen Brüchen,
nur mit dem Unterschiede, dass die Bauchfellentzündung rascher
einen höheren Grad erreicht und gefährlicher wird, wie aus den
voranstehenden casuistischen Mittheilungen hervorgeht; selbst Bil-
dung eines widernatürlichen Afters kann erfolgen.
Die Diagnose eines eingeklemmten Mastdarmbruches kann in
jenen Fällen, wo derselbe noch nicht den After überschritten hat,
wie z. B. bei Dieffenbach schwer werden, wozu wesentlich bei-
trägt, dass diesem Leiden überhaupt eine geringere Bedeutung bei-
gemessen wird. Die vorzügliche Verwechslung wird mit innerer
Einklemmung vorkommen und sollte in solchen Fällen nie die
Untersuchung des Mastdarmes unterlassen werden. Meist jedoch wird
die Aufmerksamkeit des behandelnden Arztes durch die Angabe
eines lange bestehenden Mastdarmvorfalles darauf geleitet.
Die Prognose ist bei nicht entzündeten und eingeklemmten
Brüchen günstig, bei entzündeten in Folge der rasch erfolgenden
Verwachsung ungünstiger, bezüglich der eingeklemmten Mastdarm-
brüche muss sie nach den vorangestellten casuistischen Mittheilungen
absolut ungünstig gestellt werden, was in gleichem Masse von dem
Vorfalle bei Biss der Bruchhüllen gilt. Nichts destoweniger lässt
sich mit Sicherheit erwarten, dass auch in den beiden letzteren
Fällen die Prognose eine günstigere werden wird, indem einerseits
eine genauere Untersuchung auch eine genauere Diagnose und die
bestehenden antiseptischen Verbandweisen einen günstigeren Erfolg
der Operationen ermöglichen werden.
Bei der Behandlung müssen wir die freien, entzündeten, ein-
geklemmten Mastdarmbrüche und den Vorfall weiterer Eingeweide
bei Mastdarmrissen freier Brüche unterscheiden. Bei freien Einge-
weidebrüchen bezieht sich die Behandlung zunächst auf die Reposi-
tion der Eingeweide und auf die Behandlung des Mastdarmvorfalles.
So lange die Ausstülpung der Mastdarmwand den After noch
nicht überschritten hat, ist die Vorlagerung der operir enden Hand
weniger zugänglich und ist es schwer, den Druck auf die Ge-
schwulst in der Richtung der Bruchpforte auszuüben. Um die Ge-
schwulst allseitig zu umfassen wird es nöthig sein, wenigstens
3 Finger in den Mastdarm einzuführen. Behufs der Erschlaffung
840 Englisch.
der Schliessmuskeln des Afters wird die Narkose unter allen Fällen
bei schwieriger Reposition angezeigt sein, wie es von Esmarch
schon mit Recht hervorgehoben wurde. Ist dagegen der Grund
der Ausstülpung des Mastdarmes schon ausserhalb des Afters ge-
legen, so ist zwar die Vorlagerung unseren Handgriffen zugängli-
cher, aber es wirken dieselben nicht immer in der gehörigen Sich-
tung. Wird der Druck gleichmässig auf die Geschwulst ausgeübt,
so können wir nur dann auf einen sicheren Erfolg rechnen, wenn
die Bruchpforte in gleicher Höhe mit dem After liegt. Ist dieses
nicht der Fall, dann werden die Eingeweide, durch den Druck
sammt der ausgestülpten, seitlichen Mastdarmwand in den Mast-
darm geschoben und können daselbst liegen bleiben, ohne dass ein
Theil der Vorlagerung durch die Bruchpforte in die Bauchhöhle
gelangt ist. Wurde die Reposition in der 2. Weise vorgenommen,
so ist es Pflicht des Arztes durch genaue Untersuchung des Mast-
darmes sich zu überzeugen, dass alles gehörig reponirt ist. Dass
ein Zurückschieben des Vorfalles als Ganzes, gleich einer Massen-
reduction vorkommen kann, davon habe ich mich in meinem Falle
bei den zahlreichen vorgenommenen Repositionen überzeugt. Als die
sicherste Verfahrungsweise muss jene bezeichnet werden, wo die
Reposition der Eingeweide in der Art erfolgt, dass die ausgestülpte
Mastdarmwand vorgelagert bleibt und erst nachträglich zurückge-
schoben wird. Auf diese Weise kann man sich am besten über-
zeugen, dass die vorgelagerten Eingeweide sicher zurückgebracht
sind. Als das sicherste Verfahren wurde von mir folgendes erprobt.
Der Zeigefinger oder mehrere Finger der einen Hand werden in
den Mastdarm eingeführt, fixiren gleichsam den Mastdarm und
lassen zugleich eine mögliche Verschiebung in ungeeigneter Rich-
tung erkennen, während mit der anderen Hand ein concentrischer
Druck auf die Oberfläche der Geschwulst ausgeübt wird, so dass
die eingelagerten Eingeweide unter dem Drucke beider Hände
stehen und nur in der Richtung der Bruchpforte ausweichen kommen.
Es bleibt dabei zugleich der leere Sack, welcher durch die Aus-
stülpung der Mastdarmwand gebildet ist, zurück und muss dieser
nachträglich zurückgeschoben werden, wenn er, was nicht selten
geschieht, nicht von selbst zurückschlüpft, sobald die einge-
lagerten Eingeweide zurückgebracht sind. Adelmann hat für das
Zurückschieben des Mastdarmvorfalles ein empfehlenswerthes Ver-
Ueber den Mastdarmbruch. 341
fahren angegeben. Er fuhrt den Zeigefinger der Hand in die
Höhle des Mastdarmes ein, während der Daumen an der äusseren
Seite des Vorfalles liegt. Nun stülpt er mit dem Daumen einen
Theil des Bandes ein, welcher mittelst des Zeigefingers höher nach
aufwärts gefuhrt und daselbst festgehalten wird. Dieser Vorgang
wird nun so oft wiederholt, bis der ganze Vorfall zurückgebracht
ist. Allingham verfuhr später in solcher Weise, indem er den
Mastdarm durch eine eingeführte Bougie in die Höhe zu schieben
und die Bückstülpung auf diese Weise zu erreichen suchte. Das Ver-
fahren von Adelmann hat entschieden den Vorzug. Ist die Vorlagerung
der Eingeweide eine bedeutende, so wird es nicht möglich sein, dass
der Arzt mit seiner Hand die ganze Geschwulst umfasse und der
Druck wird daher ein ungleichmässiger sein. Pockels liess in einem
solchen Falle die Geschwulst durch einen Gehilfen mit seinen beiden
übereinandergestellten Händen (Fäusten) umfassen, so dass die ganze
Vorlagerung von einem unnachgiebigen Cylinder umschlossen war,
worauf er selbst mit seinen Zeigefingern die Einstülpung ähnlich wie
bei anderen Eingeweidebrüchen nach Eröffnung des Bruchsackes vor-
nahm. Die Reposition kann durch die Seiten- und durch die Knie-
Ellbogenlage unterstützt werden.
Als Hindernisse der Beposition müssen Entzündungen, Ver-
wachsungen der Eingeweide, Kothanhäufungen und die relativ ver-
minderte Capacität der Bauchhöhle angesehen werden, welche letztere
bei der Behandlung des Mastdarmrisses noch besonders hervorgehoben
werden wird.
Zu den üblen Zufallen gehört die Verschiebung der Einge-
weide und der Hüllen in den höher gelegenen Theil des Mastdarmes
(Massenreduction) und das Zerreissen der Mastdarmwand. Die
Massenreduction wird sich durch die Leichtigkeit der Beposition
bemerkbar machen und durch die Untersuchung des Mastdarmes
festgestellt werden. Ist dieses geschehen, so lässt man durch Pressen
den Vorfall wieder hervortreten, oder zieht ihn, wenn nöthig mit
der eingeführten ganzen Hand hervor und reponirt die Eingeweide
in der angegebenen Weise. Ist in den eingelagerten Eingeweiden
sehr viel Koth angesammelt, so muss dieser durch den Druck auf
die einzelnen Theile zurückgeschoben werden, oder muss eine rege
peristaltische Darmbewegung angeregt werden, um den Inhalt fort-
zuschieben. Als Nachbehandlung der Beposition empfiehlt sich das
342 Englisch.
Einlegen eines Tampons in den Mastdarm und dessen Befestigung
durch eine T Binde. Da jedoch die Vorlagerung immer erfolgen wird,
so lange der Mastdarmvorfall besteht, so tritt jetzt die Behandlung
desselben an die Reihe, welche in der verschiedensten Weise aus-
geführt werden kann, wie die zahlreichen Operationsverfahren be-
weisen, und von denen die bis jetzt bei dem Mastdarmbruche ange-
wandten weiter unten angeführt werden sollen.
Wird ein wie immer gearteter Eingriff zur Beseitigung des
Mastdarmvorfalles nicht zugegeben, so beschränkt sich die weitere
Behandlung der freien Vorlagerung auf gehörige Entleerung des
Darmes überhaupt, auf die nöthige Beinhaltung der Mastdarm-
schleimhaut zur Vermeidung der Entzündung, Verschwärung, und
auf das Zurückhalten des Mastdarmes. Die operative Behandlung
hat im Verlaufe der Zeit viele Veränderungen erfahren, welche, da
sie mit der Nachbehandlung des eingeklemmten Mastdarmbruches
theilweise übereinstimmen, bei diesem angeführt werden soll.
Bei Entzündung des Mastdarmbruches, sei es der Hüllen, des
Inhaltes oder beider zugleich, muss vor allem die Reposition der
eingelagerten Theile angestrebt werden, da sonst sehr leicht Ver-
wachsung eintritt. Daneben ist die strengste Antiphlogose angezeigt,
bis sämmtliche Erscheinungen nachgelassen haben. Für die Ent-
zündung der Schleimhaut des Mastdarmes empfiehlt sich das Plumb.
acet. bas. in Lösung oder in Salben als besonderes Deckmittel.
Unsere besondere Aufmerksamkeit erfordert die Behandlung
der durch einen Kiss des Mastdarmes vorgetretenen Eingeweide.
Die Beposition muss unter allen Verhältnissen angestrebt werden.
Zu diesem Behufe wurde die Seitenlage des Kranken mit angezo-
genem Fusse der nach oben gekehrten Seite empfohlen, weil die
Eingeweide, indem sie nach einer Seite sinken, einen Zug auf den
Vorfall ausüben; durch die Beugung einer Gliedmasse wird der
Vorfall zugänglicher. Sind die Gedärme von Gasen massig ausge-
dehnt, so wird das Zurücktreten der Eingeweide durch Entleerung
des Inhaltes mittelst Druck erleichtert. Ein wichtiger Umstand ist
es, die zuletzt vorgefallenen Eingeweide, ähnlich wie bei anderen
Brucharten zuerst zurückzuschieben. Während wir nun bei letzteren
meist nur geringe Anhaltspunkte zur Bestimmung der letztvorge-
fallenen Schlinge haben, sind die in verschiedenen Zeiten durch
einen Mastdarmriss vorgefallenen Schlingen der Zeitfolge ihres Vor-
Uebcr d«a Jfastdaimbracfc. 343
fidles nach auch schärfer unterscheidbar. Da nach den überein-
stimmenden Beobachtungen die Schlingen um so mehr verändert
sind, je früher sie vorfielen, so wird man die Reposition immer an
derjenigen Schlinge beginnen müssen, welche zuletzt vorgefallen
ist, d. h. an derjenigen, welche die geringste Veränderung leigt
Trotz den angegebenen Vortheilen wird die Reposition unter Um-
ständen nicht immer leicht sein. Ein wesentliches Hinderniss gibt
die grosse Beweglichkeit der Darmschlingen ab (Quenu). wodurch
sie dem Drucke leicht ausweichen. Es ist daher nothwendig, die
ganze Masse der Gedärme durch einen Gehilfen festhalten zu lassen,
um im obigen Sinne auf die einzelnen Schlingen des Vorfalles
zweckmässig einwirken zu können. Schon bei einem einfachen Mast-
darmbruche kann durch eine nicht zweckmässige Richtung des
Druckes bei der Reposition, diese erschwert werden. Noch mehr
gut dieses bei einem Vorfalle nach Mastdarmriss. Die leicht beweg-
lichen Gedärme werden um so leichter, wenn der Druck nicht
senkrecht auf den Riss geschieht, seitlich ausweichen und statt in
die Bauchhöhle in den oberen Mastdarm verschoben werden köuuen.
Es wird daher immer nöthig sein, dass die Finger der einen Hand
dem Risse und den ihr zunächstliegenden Eingeweideu nahe seieu,
um den Druck mittelst der zweiten Hand in der geeigneten Weise
einwirken zu lassen. Gleichzeitig muss aber dafür Sorge getragen
werden, dass der intraabdominale Druck nicht gesteigert werde,
weil dadurch ein Zurückschieben des Inhaltes und der gan-
zen Darmschlinge erschwert wird. Es wird dies in derselbeu
Weise, wie bei anderen Eingeweidebrüchen durch Erschlaffung
der Bauchmuskeln, regelmässige Athmung u. s. w. erzielt.
Ein nicht unwesentliches Hinderniss wird durch die Beschaffen-
heit des Risses der Dannwand gegeben. Ist derselbe unregel-
mässig oder ist es nicht möglich denselben klaffend zu machen,
z. B. bei Spacmus, so wird die Reposition in manchen Fällen unmög-
lich sein und erfordert auch dieser Umstand, dass 1 oder 2 Finger
der einen Hand dem Risse nahe sind, nachdem desseu Beschaffen-
heit genau erkannt ist. Es ist um so notwendiger diese Bedingung
zu erfüllen, als die Erfahrung ergeben hat, dass die einzelnen
Schichten der Mastdannwand in der Umgebung des Risses öfter
auf verschieden weite Streckeu von einander abgelöst sind, uud die
Eingeweide unter Umständen zwischen die eiuzelnen Schichten ge-
344 Englisch.
schoben werden (Scheinreduction). Abgesehen von der Vermehrung
des Druckes des Inhaltes in den vorgefallenen Schlingen in Folge
eines erhöhten intraabdominalen Druckes, kann die übermässige
Anfüllung der Schlingen durch Gase und Kothmasse die Reposition
unmöglich machon und deren Entleerung fordern. Dieselbe geschieht
entweder mittelst eines feinen Trokarts oder mittelst einer Heftnadel
(Adel mann). Doch auch die Entleerung reicht nicht immer ans,
wie der Fall von Adelmann beweist und suchte dieser Beobachter
diesen Umstand dadurch zu erklären, dass er annahm, die Bauch-
höhle könne bei einer lange bestehenden Verlagerung die sämmtli-
chen Eingeweide nicht fassen, indem sie sich durch die lange Zeit
an einen bestimmten Inhalt gewöhnt habe. Eine Bestätigung für
diese Annahme liegt theilweise darin, dass sich ein ähnlicher Um-
stand auch bei anderen Eingeweidebrüchen bemerkbar macht, vor-
züglich aber in dem Gelingen der vollständigen Reposition, nach-
dem einige Schlingen durch die Bauchwunde, welche bei der Lapa-
rotomie gemacht worden war, hervorgehen worden waren. Dass
trotz Berücksichtigung der angegebenen Vorsichtsmassregeln die
Reposition nicht immer möglich ist, beweisen die Fälle von Brodie,
Adelmann, Nedham, Stein, wo man zur Laparotomie schreiten
musste, welche Bünger schon früher bei einem eingeklemmten Mast-
darmbruche angewandt hatte. Ist Enge des Risses das Hinderniss der
Reposition, so muss man sich zur Erweiterung derselben entschliessen,
am besten durch den Finger, um einen übermässigen Druck auf die
eine oder andere Schlinge zu vermeiden. Entschliesst man sich zur
blutigen Erweiterung, so geschehe dieselbe nur in Form von Ein-
kerbungen mit geringer Tiefe.
Wie schon oben angegeben, gelingt trotz aller Hilfsmittel,
die Reposition nicht immer und ist es insbesondere der letzte Theil
des Vorfalles, welcher der Reposition den bedeutendsten Widerstand
entgegensetzt. In solchen Fällen bleibt nichts übrig als die Er-
öffnung der Bauchhöhle von der vorderen Wand aus, und das
Zurückziehen der Gedärme durch die eingeführte Hand. Nach Uhde
soll die Laparotomie zuerst von Bünger bei einem Mastdarmbruche
ausgeführt worden sein. Ohle sah sich in der von Fiedler mit-
geth eilten Beobachtung ebenfalls zur Laparotomie gezwungen, eben-
so später Adelmann, Brodie. Ohle führte seine Operation in der
Weise aus, dass er den Schnitt bei der Lage des Kranken auf
Ueber den Mastdarmbmch. 345
der rechten Seite links an der Vereinigung des 10. und 11. Bippen-
knorpels begann und ihn in einer Länge von 57*" nach abwärts
bis zur Spina oss. il. ant. sup., parallel der Linea alba, 37," von
derselben entfernt führte, alle Schichten bis zur Eröffnung der
Bauchhöhle durchtrennte. Da die Yorlagerung in eine Intussus-
ception des Dickdarmes stattgefunden hatte, so zog er jetzt am
schiefgestellten Colon transversum, um die Intussusception zu heben
und dann an dem Dünndarme, um diesen aus dem Bisse zu ziehen,
was auch gelang. Brodie führte den Schnitt in der Linea alba,
unterhalb des Nabels in einer Länge von 2" und zog mittelst der
eingeführten Finger die Gedärme zurück. Adelmann dagegen
machte den Schnitt an der rechten Seite der Bauchwand in der
Höhe des Nabels, 3 Finger breit nach rechts von der Linea alba
dicht am äusseren (?) Bande des Bectus abdominis, so dass der
untere Wundwinkel 3 Finger breit vom horizontalen Aste des Scham-
beines entfernt war, und der ganze Schnitt eine Länge von 4" hatte.
Pockels machte den 3" langen Schnitt parallel den Fasern des
Obliquus int. Nach den Erfahrungen bei der Laparotomie aus an-
deren Gründen dürfte sich der Schnitt in der Linea alba am
besten empfehlen.
Eine besondere Aufmerksamkeit erfordert das Auffinden der
vorgelagerten Schlingen. Diesbezüglich hat schon Adelmann darauf
aufmerksam gemacht, dass man mit seinen Fingern dem Gekröse
folgen müsse, da dieses der sicherste Wegweiser sei. Es erklärt
sich daraus, dass derjenige Theil des Gekröses, welcher den vor-
gefallenen Theilen entspricht, auch der gespanntere sein wird, und
sich daher auch leichter auffinden lässt.
Es ist dabei nicht immer nöthig, mit der ganzen Hand in die
Bauchhöhle einzudringen, sondern genügen 2 oder 3 Finger zur
Reposition; doch ist der Anwendung der ganzen Hand nichts ent-
gegen zu setzen und wird die Operation gewiss dadurch um so
leichter ausgeführt werden können. Auf die Schwierigkeit, welche
Adelmann nach der Laparotomie bei der Reposition fand, wurde
bereits hingewiesen.
Sind die Eingeweide zurückgebracht, so handelt es sich zu-
nächst um den Biss im Mastdarme. Eine einfache Reposition ohne
Naht, selbst bei Einlegen eines Tampons setzt die Kranken der
Gefahr eines nochmaligen Vorfalles aus (Roch 6), uud ist daher
346 Englisch.
die Darmnaht am Bisse in jedem Falle angezeigt. Je näher der
Riss am After liegt und je schlaffer der Mastdarm selbst ist,
um so leichter wird die Naht sein, da sich im letzteren Falle der
Riss durch Herabziehen des Mastdarmes so zugänglich machen
lässt, wie im ersten Falle. Aber auch bei sehr hoch gelegenem
Risse, unterstützt die durch die Bauchwunde eingeführte Hand die
Naht wesentlich, indem sich einerseits der Riss schärfer markiren
lässt, andererseits von der Bauchhöhle aus tiefer herabgedrängt
werden kann. Aus diesem Grunde erscheint bei dem Wundverlaufe
unter antiseptischen Vorsichtsmassregeln der Bauchschnitt auch
dann angezeigt, wenn die Eingeweide zwar vollständig zurück-
gebracht worden sind, die Naht aber wegen höherer Lage des
Risses und geringerer Verschiebbarkeit des Mastdarmes sehr schwierig
ist. Die Naht *) wird in der Weise ausgeführt, dass man zuerst die
Bauchfellwunde vereinigt und dann erst die übrigen Schichten.
Da durch die Risswunde der Darminhalt in die Bauchhöhle treten
kann, so ist eine sorgfältige Reinigung des Bauchfellsackes unbe-
dingt angezeigt. Bezüglich der Naht des Risses sei noch hinzuzufügen,
dass Qua n u dieselbe nur dann empfiehlt, wenn das Individuum
nicht zu sehr verfallen ist. Die Nachbehandlung wird wie bei jeder
anderen Laparotomie sein, nur wird man dafür Sorge tragen müssen,
dass einige Zeit nach der Operation keine Stuhlentleerung erfolgt,
und die Stuhlentleerungen anfangs leicht seien. Dass Stuhlent-
leerungen, welche bald nach der Operation erfolgen, nicht absolut
gefährlich sind, geht aus Adelmann's Beobachtung hervor.
Haben wir es mit einem eingeklemmten Mastdarmbruche zu
thun, so müssen wir vor Allem die Reposition versuchen, welche nach
Esmarch in der tiefen Narkose sicher gelingen wird. Ist die
Bruchpforte gross, so unterliegt es keinem Zweifel, dass die Ein-
geweide in der Narkose zurücktreten werden, ebenso, wenn die Ein-
klemmung durch eine Zusammenziehung des äusseren Schliess-
muskels oder des Afterhebers bedingt ist. Ist dagegen die Bruch-
pforte sehr enge und der einschnürende Ring vorzüglich von der
Beckenbinde gebildet, so wird die blutige Erweiterung angezeigt
') Bei der geringen Anzahl der Beobachtungen lässt sich keine bestimmte
Methode angeben, und wird es Sache weiterer Versuche sein, die beste Art
der Mastdarmnaht für solche Fälle zu finden.
Ueber den Mastdarmbruch. 347
sein. Dieselbe kann in zweierlei Weise geschehen. Entweder es
wird die eingestülpte Wand des Mastdarmes gespalten, die Ein-
geweide blosgelegt und die Erweiterung wie bei anderen Brüchen
vorgenommen, oder aber man sucht sich dem einschnürenden Theile
von aussen ohne Eröffnung des Mastdarmes zu nähern. Die erstere
Verfahrungsweise hat alle Gefahren eines Mastdarmrisses, nur mit
dem Unterschiede, dass, da wir die Wunde in einem zugänglichen
Theile anlegen, die Naht leichter ausgeführt werden kann.
Während Dieffenbach den Vorschlag machte, in der Haut
der Umgebung der Geschwulst einen gegen den Sphincter ani ge-
richteten Schnitt zu machen, diesen auf die Geschwulst zu verlän-
gern und nach Erweiterung der einschnürenden Theile selbst bis zur
Bloslegung der Darmschlingen die letzteren zurückzuschieben, schlägt
Uhde vor, den Schnitt an der vorderen Seite der Geschwulst ent-
sprechend dem Mittelfleische zu machen, nachdem der Kranke in
die Lage wie beim Seitensteinschnitte gebracht worden ist. Der
Längsschnitt liegt 1 — 2" seitlich der Mittellinie, beginnt in der
Haut 1" von der Uebergangsstelle der Haut in den Schleimhaut-
überzug und wird 1" weit auf diese fortgesetzt, so dass der Schnitt
in der Haut und Schleimhaut eine Länge von 2" hat. Derselbe
dringt durch die Fascia superficialis und die Muscularis des Mast-
darmes bis gegen die Bauchfellausstülpung vor. Jetzt wird ein
Bruchmesser mit der gegen das Mittelfleisch gekehrten Schneide
zwischen Bauchfell (Bruchsack) und Sphincter externus geführt und
der Sphincter ein oder mehrere Male eingekerbt, worauf die Re-
position der Gedärme gelingen wird. Da diese Verfahrungsweise
nur ausführbar ist, wenn die Bauchfellausstülpung mit der Umge-
bung nicht verwachsen ist, so schlägt Uhde im entgegengesetzten
Fall vor, die Bauchfellausstülpung unmittelbar an dem Schliess-
muskel von dem Schleimhautschnitte aus zu öffnen und den Sphincter
von dem Bruchsacke aus einzuschneiden.
Der Vorschlag Uhde 's geht von der Voraussetzung aus, dass
die Einklemmung vorzugsweise durch den Schliessmuskel erzeugt
werde, dem jedoch der Befund bei den meisten Beobachtern wider-
spricht. Nichtsdestoweniger lässt sich diese Operationsweise empfeh-
len, indem sie sich auch bei Einklemmungen aus anderen Gründen
ausfuhren lässt, da der angegebene Schnitt immer in der Nähe der
Einklemmung liegen wird und die spätere Naht der Mastdarm wunde
350 Englisch.
nach der ei Den Seite, die Convexitäten aber nach der entgegenge-
setzten Seite sehen. Sind die eingelagerten Eingeweide reponirt, so
wird der Vorfall durch Fadenschlingen oder Häkchen in seiner
ganzen Dicke, nicht blos mit gefasster Schleimhaut vor dem After
gehalten, der Zeigefinger der 1. Hand in das Mastdarmrohr ein-
geführt und dieses mittelst des Daumens gegen den Zeigefinger
fixirt. Nun führt man die erste Nadel an dem Bande des Afters
von dem Lumen des Vorfalles aus durch alle Schichten hindurch,
und zieht das Kautschukrohr so weit nach, dass die Nadel unge-
fähr 6 Ctm. von der Schleimhaut entfernt werden kann. Während
ein Gehilfe die erste Nadel hält, rückt Daumen und Zeigefinger
der 1. Hand um 2 — 3 Ctm. weiter vor und wird an dieser Stelle
die zweite Nadel in gleicher Weise von der Höhle aus durch alle
Schichten durchgestochen und wieder in derselben Entfernung nach
aussen gezogen. Die zweite Nadel wird auch vom Gehilfen fixirt. Nach-
dem die Finger der 1. Hand noch um 2 — 3 Ctm. in derselben Bichtung
weiter gerückt sind, wird die dritte Nadel durchgestochen u. s. w.,
bis der ganze Umfang des Vorfalles umkreist ist. Die letzte Nadel
muss durch die erste Einstichsöffnung geführt werden. Dadurch, dass
die Nadeln alle in derselben Weise aufgefädelt sind, ist es leicht,
die zu einer Schlinge gehörigen Enden zu bestimmen, umsomehr als
bei dem angegebenen Einführen der Nadeln dieselben sämmtlich
an der äusseren Seite der Vorfalles liegen und nicht leicht in Ver-
wirrung gerathen können. Nun durchschneidet man z. B. an der
Convexität der ersten und zweiten Nadel die im Ohre befindlichen
Schlingen der Kautschukröhren, so hat man, wenn z. B. alle Nadeln
die Convexität gegen die r. Seite des Operateurs kehren, für das 1. Heft
das der Concavität der ersten Nadel entsprechende Stück der Schlinge,
welches diese Nadel trägt und das der Convexität der zweiten Nadel
entsprechende Stück. Die Enden werden aber nicht geknüpft, sondern
möglichst weit vom Darme entfernt durch einen Faden zusammen-
gebunden. In derselben Weise geht es weiter bis zur letzten Nadel.
Am ersten Einstichspunkte bleiben zwei Stück übrig, da derselbe
bekanntlich vier enthalten muss, wenn die letzte Nadel richtig geführt
ist, welche kein Heft geben, aber ruhig belassen werden können.
Durch das blosse Durchführen der elastischen Köhren werden die
breiten Platten des Vorfalles so fest an einander gehalten, dass eine
Verklebung des Bauchfellüberzuges erfolgt, die um die Stichkanäle
Ueber den Mastdarmbruch. 351
beginnt und sich in der Umgebung ausbreitet, bis das Bauchfell
im ganzen Umfange des Darmes verklebt ist. Dass dieses der Fall
ist, davon habe ich mich durch Behandlung des Spornes beim
widernatürlichen After nach gangränösem Eingeweidebruche, welche
ich mit der elastischen Ligatur behandle, überzeugt. Zieht man jedoch
die grosse Beweglichkeit des Mastdarmes in Betracht, so wird es
bei Behandlung des Mastdarmvorfalles doch gerathen sein, eine
2. Reihe von Heften anzulegen. Zu diesem Behufe wird ein 2. Kaut-
schukrohr in derselben Weise vorbereitet. Die Finger der 1. Hand
fassen jetzt den Vorfall wie früher, um 2 Ctm. weiter vom After
entfernt als die erste Beihe der Hefte, der Durchstich erfolgt wie-
der von der Höhle des Vorfalles gegen die äussere Fläche, nur
wird der 1. Durchstich jetzt in der Mitte zwischen 2 Heften, der 1.
Beihe zu liegen kommen müssen, wenn wir eine sichere Vereini-
gung erzielen wollen, indem sich die in der Umgebung der Stiche der
2. Beihe beginnende Entzündung, beziehungsweise Verklebung gegen
die Mitte der 1. Beihe ausbreitet. Das Einführen der Nadeln erfolgt
weiter genau, so wie bei der 1. Beihe, ebenso das Durchtrennen
der Schlingen und das Zusammenbinden der freien Schnittenden.
Sind von beiden Reihen die Nadeln entfernt, so wird jetzt ein 2 Ctm.
breiter Streifen der Bauchfellausstülpung in Berührung erhalten.
Die weitere Aufgabe besteht nun darin, den Vorfall vor dem
After zu erhalten, was sich durch Fadenschlingen, die mittelst
Heftpflaster am Oberschenkel oder in anderer Weise befestigt werden,
bewerkstelligen lässt. Hat man die sichere Ueberzeugung, dass die
Verklebung der Bauchfellausstülpung erfolgt ist, was nach 3-5 Tagen
sicher anzunehmen ist, dann erst knüpft man die einzelnen Schlingen
der elastischen Ligatur. Ich glaube, dass es gerathen ist, zuerst die
2., vom After entfernte Beihe zu benützen, weil der dadurch gesetzte
Beiz die Verklebung höher oben noch mehr bewerkstelligt. Erst
nach 2—3 Tagen oder noch später kommt die dem After nähere,
d. i. die zuerst angelegte Beihe zum Knüpfen. Auf diese Weise
glaube ich, wird sich eine hinlänglich sichere Verwachsung erzielen
lassen und die Gefahr eines nachträglichen Vorfalles vermieden
werden. Ist der abgeschnürte Theil abgestoßen, so liegt die Narbe
in der Gegend des Afters und wird bei der nachträglichen Zu-
sammenziehung des Schliessmuskels sogar über demselben zu liegen
kommen. Dass die Verwachsung bei der elastischen Ligatur eine
M«d. Jdvbfefc«r. 1862. gU
852 Englisch.
feste ist, beweist, dass in den von mir behandelten Fällen von
widernatürlichem After vom 4. Tage an, nach Durchführung des
Kautschukrohres und am 2. Tage nach dem Knüpfen der Schlinge
der Darminhalt durch die im Sporn gebildete Oeffnung aus dem
zuführenden Ende bequem und ohne Beschwerde in das abführende
Ende übertrat. Ich führte durch das Liegenlassen des Rohres zuerst
eine Verklebung des weit vorgezogenen Spornes herbei, der erst dann
durch das Knüpfen der Schlinge in einer Ausdehnung von 2 Gtm.
durchtrennt wurde.
Erweist sich der After zu schlaff, um selbst nach der Opera-
tion des Vorfalles den Mastdarm zurückzuhalten, so kann man die
Verengerung des Afters in einer der bekannten Weisen vornehmen,
obwohl die bis jetzt mitgetheilten Erfolge dieser Operation nicht
vollkommen befriedigend sind.
Wie aus dem Mitgetheilten hervorgeht, verdienen grosse
Mastdarmvorfälle unsere Beachtung mehr als sie ihnen bis jetzt zu
Theil geworden ist und habe ich die Ueberzeugung, dass sich dann
die Zahl der Fälle des Mastdarmbruches vermehren wird. Es wird
ferner eine weitere Aufgabe sein, diejenige Operationsweise zu
erfinden, durch welche wir am sichersten im Stande sind, den Vorfall
abzutragen, denn nur auf diese Weise können wir eine Radicalheilung
erzielen. Beide Aufgaben werden sich jedoch nur dann lösen lassen,
wenn zahlreiche Kräfte zusammenwirken, da bei der relativen Sel-
tenheit der Fälle dem einzelnen Beobachter immer nur eine geringe
Anzahl vorkommen werden.
•w-
Literatur.
Adelmann: Riss des Mastdarmes und Vorfall der Gedärme aus demselben.
Journal f. Chirurgie u. Augenheilkunde von Graf e- Walther- Ammon, N. F.
Bd. 4. S. 556, 1845.
Allingham: Tratte* des maladies du rectum, diagnostique, traitement, trad.
p. Poinsot. Paris 1877, p. 174.
Baum s. Uhde 1. c. p. 16.
Boeckel s. Roche*.
Brodie: Fall einer seltenen Art von Hernie. London med. and phys. Journal
1827; s. Revue de Chirurgie. Paris 1882, Mars, p. 184.
Ueber den Mastdarmbruch. 358
Brunn: Beobachtungen und Mittheilungen aus der Praxis. 2.. Mastdarmbruch.
Casper's Wochenschrift för die gesammte Heilkunde. Jahrg. 1833, Bd. 2,
Nr. 40, S. 934.
*Bünger.
* Bus he.
Dieffenbach: Operative Chirurgie. Bd. 2, S. 631. Leipzig 1848.
Esmarch: Krankheiten des Mastdarmes und Afters. Handb. d. Chirurgie von
Pitha-Billroth. Bd. 3, Abth. 2, Lief. 5.
Fiedler-Ohle: Magazin der gesammten Heilkunde von Rust. Bd. 2, S. 253,
1817; American Journal 1874. Vol. 2. p. 48.
Molliere: Tratte* des maladies du rectum et de Tanus. Paris 1877, p. 236.
♦Nedham: Philosoph. Transact. Vol. 49. p. 238. XXVII.
Pockels s. Uhde 1. c. S. 13 oder Catalog des Collegium anat. Chirurg.
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Portal: Prelis de Chirurgie pratique. Paris 1768. III. pars p. 661.
Pyl: Aufsätze und Beobachtungen. S. 133; s. Adelmann 1. c.
Qulnu: Des ruptures spontaneres du rectum. Revue de Chirurgie. Paris 1882,
Mars, p. 173.
Roch 6: Chute totale du rectum, ruptures de Hntestin pendant la reposition.
Revue meMic. Chirurg. 1853 p. 600; Molliere 1. c. p. 237 (Fall aus
Boeckel's Klinik).
Schreger: Chirurgische Versuche. Nürnberg 1818. Bd. 2 p. 186—208.
* Stockes: Brit. med. Journ. 1872, June.
Streubel: Handbuch der Chirurgie von Pitha-Billroth. Bd. 3. Abth. 2.
S. 336 (Schmidt, Hernien).
Uhde: Hydrocele. Langenbeck's Archiv für klin. Chirurgie 1867, Bd. 9. S. 1.
*) War dem Verfasser weder im Originale noch in einem genügenden
Auszüge zugänglich.
23'
[1
XVI.
Experimentelle Untersuchungen über die Leitungs-
bahnen im Rückenmarke des Hundes.
Von
Dr. Wasil Kusmin,
Privat-Docenten der Chirurgie an der kaiserl. Universität in Moskau.
Aus dem Institute für experimentelle Pathologie in Wien.
(Von der Kedaction am 24. Mai 1882 übernommen.)
Die in jüngster Zeit über die Leitungsbahnen des Bücken-
markes von Woroschiloff !) und N. Weiss2) angestellten Unter-
suchungen ergaben, dass die sensiblen und motorischen langen
Bahnen, durch welche der functionelle Zusammenhang des Gehirnes
mit den aus dem Bückenmarke entspringenden Nerven hergestellt
wird, nur in den Seitensträngen verlaufen. In Betreif der Function
der vorderen und hinteren Stränge haben die genannten Experi-
mentatoren keinen Aufschluss erhalten. Dies war für mich die Ver-
anlassung zu einer Beihe von Experimenten, über welche ich in
Folgendem berichte.
Meine Versuche waren darauf gerichtet, die Thiere nach
der Bückenmarks-Operation am Leben zu erhalten. Es war daher
nothwendig, die in der chirurgischen Praxis geltenden Cautelen der
Antiseptik auf das strengste zu befolgen. Auf diese Weise gelang
es mir die Heilung der Wunden meiner Versuchsthiere per primam
intentionem herbeizuführen.
*) Der Verlauf der motorischen und sensiblen Bahnen durch das Len-
denmark des Kaninchens. Arbeiten aus der physiologischen Anstalt zu Leipzig.
IX. Jahrgang. 1874.
*) .Untersuchungen über die Leitungsbahnen im Bückenmarke des Hun-
des. Sitzungsb. der k. Acad. d. Wissenschaften. LXXV. Bd. Dec. 1878.
356 Kusmin.
Ich habe meine Versuche an 36 meist jungen Hunden (im
Alter von 2 Monaten bis zu einem Jahre) in der Weise ausgeführt,
dass gewisse Theile des Bückenmarkes einerseits in der Gegend
des 12. Brustwirbels, andererseits in der Gegend des 6. Halswir-
bels durchschnitten worden sind. Die Sensibilität, und Reflexerreg-
barkeit habe ich, sobald das Thier aus der Narkose vollständig
erwacht war, nach den verschiedenen Methoden an den vorderen und
hinteren Extremitäten geprüft. Bei der Bestimmung der Motilität
waren für mich die freiwillig vom Thiere ausgeführten Bewegungen
massgebend. Die durch die Operation gesetzte Verletzung des Rücken-
markes wurde nachträglich an dem in Müller'scher Flüssigkeit,
oder in 7io# Chromsäurelösung und in Alkohol gehärteten Rücken-
marke mikroskopisch controlirt.
I. Versuchsreihe.
Diese Versuchsreihe betrifft 6 Thiere, denen die vor-
deren und hinteren Stränge, sowie auch die graue Axe
entweder in der Gegend des 6. Hals- oder des letzten
Brustwirbels durchtrennt worden sind.
Die Thiere zeigten eine wahrnehmbare, wenn auch nicht be-
deutende Herabsetzung der Sensibilität, so wie auch eine geringe
Schwäche bei der Ausführung der willkürlichen Bewegungen. Die
Hunde sassen und gingen zwar wie normale Thiere. Auffällige Be-
sonderheiten machten sich erst dann geltend, wenn die "Thiere zum
rascheren Gehen, oder Springen angetrieben wurden. Dann zeigte
es sich, dass sie die verlangte Bewegung nur mangelhaft auszu-
fuhren vermochten.
Diese Erscheinungen besserten sich allmählich und nach 2 — 3
Monaten waren dieselben fast ganz geschwunden. Es machte sich
nur mehr eine dorsalwärts gerichtete Flexion des Fusses im Talo-
cruralgelenke bemerkbar.
Jene Thiere, an welchen ich die gleichen Operationen in der
Höhe des 6. Halswirbels ausgeführt habe, zeigten analoge Störungen.
Ausserdem habe ich bei diesen Thieren in den ersten Tagen nach der
Operation nicht selten Streckcontracturen der vorderen und hinteren
Extremitäten beobachtet. Jeder Schritt war von einer eigenthümlich
hüpfenden Hebung des ganzen Körpers begleitet, die Fussspitzen
fanden an jeder Unebenheit des Bodens ein Hinderniss, die vorderen
Leitangsbahnen im Bückenmarke des Hundes. 357
Extremitäten blieben beim Vorwärtsschleudern gestreckt und steif, und
die Hunde zagten eine Neigung zum Vornüberfallen. Diese Gaugart
könnte vielleicht auf Muskelspannungen beruhen, welche durch Beizung
der nicht durchschnittenen motorischen Bahnen veranlasst wurden,
vielleicht auch auf Beflexcontractionen in den verschiedenen Muskel-
gruppen, doch enthalte ich mich hierüber eines bestimmten Urtheils,
da ich die Sache nicht näher verfolgt habe. Nach 2—3 Tagen Hessen
die Contracturen nach. Die Sensibilität und Reflexerregbarkeit waren
in allen Stadien der Beobachtung erhalten, aber die erstere war etwas
herabgesetzt. Aus diesen Versuchen kann man den Schluss ziehen, dass
die Seitenstränge, so weit es die Sensibilität und Motilität betrifft,
die Function der durchschnittenen Bückenmarkspartien zum grossen
Theile übernehmen können. Da aber die Thiere, wie ich schon
oben erwähnt habe, eine deutliche Herabsetzung der Motilität und
Sensibilität erkennen Hessen, konnte der Vermuthung Baum gege-
ben werden, dass die durchschnittenen Bückenmarkspartion auch
einen Antheil an der Leitung haben. Von dieser Vermuthung aus-
gehend, stellte ich weitere Versuche an.
II. Versuchsreihe.
Ich habe an 4 Hunden die Seitenstränge im Lenden-
marke in der Gegend des letzten Brustwirbels durchschnit-
ten, während ich die vorderen und hinteren Stränge und
die graue Axe intact liess.
Die antiseptische Wundbehandlung hat mir hier einen noch
grösseren Dienst geleistet, weil die Wunden fast bei allen Tbieren
ohne Eiterung heilten. Die Thiere boten folgende Erscheinungen:
Einige Stunden nach der- Narkose habe ich stets beim Drücken
der Pfoten, Kneipen von Hautfalten und Faradisiren — die Sensi-
bilität an den hinteren Extremitäten stark herabgesetzt gefunden.
Die Beflexe waren erhalten und nicht selten gesteigert. Die Thiere
litten an beständigem Harnträufeln.
Unmittelbar nach der Operation und einige Stunden darauf
vermisste man jede active Bewegung an den hinteren Extremitäten.
Dieselben waren im Knie und im Talocrural-Gelenke gestreckt, im
Hüftgelenke adducirt, nach vorne und zur Seite gerichtet und wur-
den in dieser Stellung beim Gehen von dem Thiere mitgeschleppt.
Schon bei meinen ersten Versuchen fiel es mir auf, dass diese Thiere
358 Kuamin.
nicht die Erscheinungen einer completen Lähmung des hinteren
Körpertheils zeigten, wie nach einer totalen Durchschneidung des
Rückenmarkes, in Folge deren die nach rückwärts gerichteten hin-
teren Extremitäten im Knie und Talocmral-Gelenke schlottern und
von den Thieren förmlich nachgeschleppt werden. Es liess sich
also vermuthen, dass trotz der totalen Durchschneidung der Seiten-
stränge noch motorische Bahnen in den verschonten Theilen ver-
laufen. Diese Vermuthung werde ich später mit zwingenderen Be-
weisen belegen.
Da auch die Sensibilität nicht ganz erloschen, sondern nur
herabgesetzt erschien, so musste man in gleicher Weise auch sen-
sible lange Bahnen in den intacten Rückenmarksresten annehmen.
Am 2. oder 3. Tage änderte sich das Bild. Die Thiere fingen
an unzweifelhafte willkürliche Bewegungen mit den hinteren Extremi-
täten auszuführen und bei Zurufen mit dem Schwänze zu wedeln.
Von nun an nahmen die willkürlichen Bewegungen an Intensität
zu und am 8. oder 9. Tage machten die Thiere sogar den Versuch,
sich auf die hinteren Extremitäten zu stützen. Die Incontinenz der
Blase bestand fort. Nach 2 Wochen gingen die Thiere auf allen
Vieren, aber sie lehnten sich hiebei mit dem Körper an die Wand des
Zimmers an. Nach einigen Schritten ermüdeten die Thiere und fingen
an die Beine in der beschriebenen Weise mitzuschleppen. Nach Ver-
lauf von 18 — 20 Tagen gingen die Thiere schon, ohne sich zu
stützen herum, waren aber noch nicht fähig schnell zu laufen. Die
Thiere standen aufrecht und gingen, aber es war dies nicht der
feste normale Gang, denn sie hielten die hinteren Beine etwas
nach hinten gerichtet und weit gespreizt, um dadurch, wie es
schien, den schwachen hinteren Extremitäten zu Hilfe zu kommen.
Zeitweise kippten die Zehen der hinteren Extremitäten bald an der
einen, bald an der anderen Extremität um und kehrten die Dorsal-
fläche dem Boden zu. Dabei schwankten die Thiere mit dem
hinteren Theile des Körpers bald nach rechts, bald nach links,
mitunter fielen sie auch zu Boden, von dem sie sich nur mit
grosser Mühe wieder erheben konnten.
Die Thiere boten somit eine kenntliche Schwäche einzelner
Muskelgruppen und zwar vorzüglich der Extensoren. Mit jedem
späteren Tage schwand allmälig die Muskelschwäche, so dass
nach 4 — 5 Wochen die Thiere schon schnell liefen und nur mehr
Leitungsbahnen im Bückenmarke des Hundes. 359
unter geringem Schwanken einen Weg von 1 Kilometer Länge,
ohne zu ermüden, zurücklegen konnten. Aber noch nach 2 Monaten
konnte ich eine gewisse Mangelhaftigkeit in Bezug auf die Aus-
giebigkeit und Schnelligkeit der Bewegungen constatiren. Nament-
lich war dies dann zu beobachten, wenn sich die Thiere vom
Boden erheben wollten.
Gleichzeitig mit der Besserung der Motilität ging auch eine
Besserung der Sensibilität, sowie auch der Harnentleerung einher.
Nach 3 — 4 Wochen hörte das Harnträufeln auf und die Thiere, ver-
mochten den Harn frei, allerdings auf nur kurze Zeit zurückzuhalten.
Es musste demgemäss aus diesen Versuchen der Schluss gezogen
werden, dass die sensiblen und motorischen langen Bahnen nicht
allein in den Seitensträngen wie es Woroschiloff *) und N. Weiss2)
anzunehmen geneigt waren, verlaufen, sondern auch in den intact
gebliebenen Theilen des Kückenmarkes. Da diese willkürlich moto-
rischen Bahnen nach der Durchschneidung der Seitenstränge die
Leitung vom und zum Gehirn für beide Hälften des hinteren Körper-
theiles mit vollkommenem Erfolge übernommen haben, so müssen
sie zahlreich und in beiden Längshälften der nicht durchschnittenen
Bückenmarkspartien ihren Weg nehmen.
Jene Experimentatoren, welche ihre Versuchsthiere nicht an-
tiseptisch behandelten, konnten nicht zu den eben mitgetheilten
Besultaten gelangen, einerseits weil die Versuchsthiere bald nach
der Operation zu Grunde gingen und auch andererseits, weil bei pro-
fuser Eiterung des Bückenmarkes die nicht durchschnittenen Partien
degenerirten. Die nach der Durchschneidung der Seitenstränge in
Function tretenden Nervenfasern sind wahrscheinlich zum grössten
Theil nicht neugebildet3). Denn 1. stellen sich gleich oder schon in
den ersten Tagen nach der Operation Zeichen von Sensibilität
und Motilität ein; 2. ergab die Autopsie an der Operationsstelle
entweder eine klaffende Wunde, oder eine bindegewebige Narbe
ohne Nerven. Es kann somit nur angenommen werden, dass nach
J) 1. c. p. 118.
■) 1. c. p. 356.
*) Die Bezeichnung „neugebildet" soll hier in dem Sinne verstanden
werden, dass nicht funetionirende, vielleicht auf einer embryonalen Ent-
wicklungsstufe stehende Nervenfasern sich zu funet ionsreifen Nervenbahnen
umgestalten.
360 Knsmin.
der Durchschneidung der Seitenstränge die Function durch Bahnen
hergestellt wurde, welche innerhalb der intact gebliebenen Bücken-
markstheile verlaufen. Ich werde für die Richtigkeit dieser Behaup-
tung später noch einen anderen Beweis vorbringen.
Dass nach Durchschneidung der Seitenstränge in dem intact
gebliebenen Bückenmarksreste motorische Bahnen vorhanden sein
müssen, ist überdies noch aus folgenden Versuchen zu ersehen.
Es wurden bei 5 Hunden beide Seitenstränge in der Höhe des
sechsten Halswirbels durchschnitten. Die Thiere gingen in 6 bis
12 Stunden zu Grunde, weil, wie ich später mitth eilen werde,
durch die Durchschneidung der in den Seitensträngen verlaufenden
vasomotorischen Bahnen ein bedeutender Abfall des Blutdruckes
herbeigeführt wird. Die Thiere konnten weder gehen, noch stehen,
sie lagen continuirlich auf einer Seite. Doch führten dieselben,
wenn ich ihnen zurief, mit den Extremitäten und dem Schwänze
Bewegungen aus. Wenn ich den Thieren einen mit Ammoniak
getränkten Schwamm vor die Nase hielt, so stellten sich gleichfalls
Bewegungen der Extremitäten und des Schwanzes ein.
Zuweilen wurden diese Bewegungen in der Weise ausgeführt,
als wenn das Thier eine Ortsveränderung insceniren wollte.
Eine Sensibilität an den hinteren Extremitäten und in dein
Schwänze konnte ich niemals nachweisen1).
Um über das geschilderte Verhalten der Motilität Aufschluss
zu gewinnen, stellte ich folgende Versuche an.
Ich habe 3 Hunde unvollkommen mit Curare vergiftet und hierauf
beide Seitenstränge am 6. Halswirbel durchtrennt. Wenn ich nun zu
einer Zeit, da die Curare Vergiftung schon zu schwinden begann, ober-
halb der Schnittstelle am Calamus scriptorius das Halsmark tetani-
sirte, so traten deutliche Bewegungen der hinteren Extremitäten
und des Schwanzes ein. Diese Versuche führen in unzweifelhafter
Weise zu der Schlussfolgerung, dass durch den intact gebliebeneu
Best des Halsmarkes motorische Bahnen für die hinteren Extremi-
täten und den Schwanz ziehen müssen.
*) Die vorderen Extremitäten zeigten eine unverkennbare Sensibilität,
denn so oft die Thiere an den vorderen Pfoten gekneipt oder gedrückt wurden,
fingen sie zu winseln an, aber diese Sensibilität beweist nicht viel, denn es
konnte sich hier auch um sensitive Nerven handeln, welche das Rückenmark
oberhalb der Schnittstelle verlassen.
Leitungsbahnen im Bückenmarke des Hundes. 361
m. Versuchsreihe.
Ich habe auch der Frage über die Kreuzung der sensiblen
Bahnen im Rückenmarke meine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich
habe an einem Hunde in der Höhe des sechsten Halswirbels eine
rechtsseitige Hemissection des Bückenmarkes ausgeführt. Das Thier
zeigte gleich nach der Operation — Paralyse der vorderen und
hinteren Extremitäten und zwar der verletzten Seite, aber Ver-
lust der Sensibilität am hinteren Beine der contralateralen Seite,
während die Empfindlichkeit der vorderen Extremitäten gleich-
falls an contralateraler Seite etwas herabgesetzt war. Doch blieb
dieser Zustand nicht constant. Schon am 2. — 3. Tage war erhöhte
Reflexerregbarkeit und Spuren von Sensibilität an der früher em-
pfindungslosen unverletzten Seite wahrzunehmen. Noch deutlicher
war die Besserung der Sensibilität am 3. — 5. Tage ausgeprägt. Es
kann demgemäss nicht bezweifelt werden, dass die sensitiven Nerven
der hinteren Extremitäten im Halsmarke schon gekreuzt sein müssen.
Ausserdem folgt aus diesem Versuche, dass die intact gebliebenen
Rückenmarkspartien Nervenbahnen enthalten müssen, welche die
Sensibilität an der früher empfindungslosen Extremität wieder her-
stellen. Gleichzeitig besserte sich auch die motorische Paralyse an
der verletzten Seite. Die Thiere bewegten die früher gelähmten
Extremitäten immer prompter; ja nach Verlauf von 6 Wochen
konnten die Versuchsthiere sogar laufen. Es machten sich aller-
dings dann geringere Excursionen in den einzelnen Gelenken und
Umkippungen der Fussspitze auf die Dorsalfläche geltend.
Das Wiederauftreten der Motilität auf der Operationsseite legte
die Frage nahe, auf welche Weise die willkürlichen Impulse
auf die gelähmte Seite übergehen. Es fragte sich, findet dieser
Uebergang unten an der Abgangsstelle der für die hinteren Extre-
mitäten bestimmten vorderen Nervenwurzeln oder irgend wo oben
unterhalb der Durchschnittsstelle statt, oder besitzt die graue Sub-
stanz das Vermögen die Leitung der durchschnittenen Nervenfasern
zu completiren. Mein Versuch^ lehrt, dass nur jene dieser Annah-
men richtig ist, welche sagt, dass die vicaiiirenden motorischen
Nervenfasern erst im Ursprungsgebiete der vorderen Rückenmarks-
wurzeln auf die andere Seite übertreten. Den Versuch habe ich, wie
folgt angestellt. Ich führte an einem Hunde in der Höhe des 6.
362 Knsmin.
Halswirbels eine rechtsseitige Hemisection aus. Nun wartete ich
ab, bis sich die Motilität an der gelähmten rechten Seite hergestellt
hat. Dies erforderte einen Zeitraum von 7 Wochen. Jetzt wurde
auf derselben Seite des Bückenmarkes in der Höhe des 2. Lenden-
wirbels gleichfalls eine rechtsseitige Hemisection ausgeführt. Ea
zeigte sich nun, dass die zweite Hemisection keine Aenderung in
der Motilität der rechten hinteren Extremität herbeigeführt hat;
auch die Sensibilität blieb an beiden Extremitäten erhalten. Aus
diesem Versuche muss dem entsprechend gefolgert werden, erstens
dass die intact gebliebene Hälfte des Bückenmarkes, wie das schon
Woroschiloff und N. Weiss ausgesagt haben, sensible und mo-
torische Bahnen für beide Körperhälften enthält; zweitens dass
ferner jene Nervenbahnen, welche das Wiedereintreten der Motilität
der rechten hinteren Extremität nach der am Halsmarke ausgeführ-
ten Hemisection bedingt haben, erst in jener Höhe auf die andere
Seite des Bückenmarkes übergehen, in welcher die für die hin-
teren Extremitäten bestimmten vorderen Wurzeln entspringen.
IT. Versuchsreihe.
Ich habe früher gezeigt, dass der nach der Durchschneidung bei-
der Seitenstränge unversehrt gebliebene Bückenmarksrest — also
die vorderen und hinteren Stränge, sowohl wie die graue Substanz
— motorische und sensible Bahnen für die hinteren Extremitäten
enthalten. Es fragte sich nun in welcher Weise diese Bahnen in
den erwähnten Bückenmarkspartien vertheilt sind. Zur Beantwor-
tung dieser Frage, habe ich an vier Hunden das ganze Bücken-
mark, die Hinterstränge ausgenommen, durchschnitten.
Die Hunde zeigten in den ersten Tagen nach der Operation
eine mit Bestimmtheit zu constatirende Empfindlichkeit und eine
vollständige Paralyse der hinteren Extremitäten und des Schwanzes.
Aus diesen Versuchen kann abgeleitet werden, dass die hinteren
Stränge sensible Bahnen enthalten. Es sei hier nebenbei bemerkt,
dass die Sensibilität nach 3—5 Tagen gewöhnlich verschwand. Die
mikroskopische Untersuchung zeigte dann auch, dass die hinteren
Stränge degenerirt waren1). Blieb bei der Operation an den Hin-
*) Die hinteren Extremitäten dieser Thiere zeigten in den ersten Ta-
gen beim Sitzen eine Haltung, wie man sie bei gesunden Thieren beobachten
Leitnngsbahnen im Rückenmarke des Hundes. 368
teretr&ngen ein Theil eines Seitenstranges in Contiguität, dann
flürrten die hinteren Extremitäten auch active Bewegungen aus.
Y. Terrachsreihe.
Im Anschlüsse an die vorigen Versuchsreihen habe ich an
3 Hunden in der Höhe des letzten Brustwirbels das Bückenmark
Bit Ausnahme der vorderen Stränge und der an dieselben gren-
Partien der grauen Substanz durchschnitten. Die Sensibilität
fast erloschen; nur bei sehr starkem Drucke auf die hinteren
Pfoten» und beim Kneipen von Hautfalten an der Innenseite des
Oberschenkels, machte das Thier einige abwehrende Bewegungen
hü dem Kopfe, ohne dabei zu winseln. Es kann sich also hier im
besten Falle nur um äusserst abgeschwächte Geföhlswahraehmung
handeln. Eine geringe active Motilität der hinteren Extremitäten
konnte man schon in den ersten Tagen nach der Operation wahr-
nehmen, später aber besserte sich dieselbe derart, dass die Thiere
in einer Frist von 3 bis 4 Wochen sich aufrichten und einige
kann. Es waren die Muskeln der Extremitäten gelähmt, aber die Glieder im
Knie nnd Fassgelenke gebengt und nach vorwärts gerichtet Wenn die Hunde
aber im Gehen begriffen waren, dann boten die Extremitäten und der Schwans
genau dasselbe Bild dar, wie Thiere nach Durchschneidung des ganzen
Blickenmarkes. Warum die hinteren Extremitäten beim Gehen Erscheinungen
einer completen Lähmung xeigen, beim Sitzen aber sich in einer Lage be-
finden, wie es bei gesunden Thieren der Fall ist, vermag ich nicht mit voller
Sicherheit zu erklären. Es scheint mir aber, dass die Erfahrung von der
centripetalen Leitung der Hinterstränge eine Deutung dieser Verhältnisse
ermöglicht. Es kann immerhin der Fall sein, dass die Thiere durch die centri-
petale Leitung der Hinterstränge über die Lage ihrer paralytischen Extremi-
täten orientirt sind.
Da nun die Rumpfmusculatur dieser Thiere nicht gelähmt ist, wftre.es
immerhin möglich, dass die Thiere unter Anwendung der Stammesmuskeln
die normale Lage ihrer Hinterbeine corrigiren. Und in der That beobachtet
man das Thier in jenem Momente, in welchem es in eine sitzende Lage ge-
langen will, so kann man wahrnehmen, dass es, ohne daps die hinteren Ex-
tremitäten auch nur die geringste active Bewegung ausfuhren, durch Rück-
wftrt8schieben und seitliche Drehung des Beckens die Heine unter den Rumpf
bringt. Die Annahme, dass das Thier durch die hinteren Rtrftnge Nachrichten
über den Zustand seiner Extremitäten empfängt, würde ein Lieht werfen auf
die Erfahrung der Kliniker, dass mit der Destrnction der Hinterstränge a tak-
tische Bewegungen auftreten.
364 Kusrain.
Schritte machen konnten. Da nun die mikroskopische Untersuchung
gelehrt hat, dass die geringen Beste der grauen Substanz, welche
bei der Operation den Vordersträngen anhafteten, degenerirt waren,
kann die Besserung der Motilität nur den Vordersträngen zuge-
schrieben werden, und es muss somit angenommen werden, dass
die Vorderstränge hauptsächlich motorische Bahnen führen. In
jenen Fällen, in denen bei der Operation ein Theil eines Seiten-
stranges zufällig in Contiguität mit den Vordersträngen erhalten
blieb, war die Sensibilität in beiden Pfoten deutlich nachzuweisen.
VI. Versuchsreihe.
A. Durchschneidung der Hinterstränge.
Es wurden sieben Hunden in der Höhe des letzten Brust-
oder sechsten Halswirbels beide Hinterstränge durchschnitten oder
ein 2 — 5 Cent, langes Stück resercirt. Die Thiere zeigten nach
der Wundheilung keine bedeutenden Aenderungen in der Sensi-
bilität, Beflexerregbarkeit, namentlich die Sehnenreflexe zeigten
keine Störungen. Die willkürliche Beweglichkeit der Extremitäten
war erhalten, doch waren Störungen in der Bichtung vorhanden,
dass die Thiere bei Ausführung der gewohnten Bewegungen einen
gewissen Grad von Ungeschicklichkeit zeigten, so z. B. besonders
beim Umdrehen, oder beim Treppauf- oder Treppabwärtssteigen,
wo sie stets mit beiden hinteren Extremitäten zugleich auf-
sprangen. Ob diese Störungen als Ataxie aufzufassen sind,
wage ich nicht mit Sicherheit zu entscheiden. Aus diesen Ver-
suchen kann man den Schluss ziehen, dass den unversehrt ge-
bliebenen Rückenmarksth eilen die leitenden Bahnen hauptsächlich
zukommen, aber es darf nicht geschlossen werden, dass die hinteren
Stränge keinen Antheil an der Leitung haben.
B. Durchschneidung der Vorderstränge.
Die Thiere konnten bald nach der Operation gehen und laufen,
es zeigte sich aber, dass die Extremitäten nicht so stramm bewegt
wurden, wie in der Norm. Die Contractionen der Extremitäten-
Muskeln wurden mangelhaft ausgeführt, und die Thiere wurden in
kurzer Zeit müde. Im Verlaufe von 2—3 Wochen war die Muskel-
schwäche nicht deutlich nachzuweisen. Diese Versuche legen die Ver-
muthung nahe, dass mit der Zerstörung der Vorderstränge die mo-
torische Innervation der hinteren Extremitäten eine Einbusse erleidet.
Leitungsbahnen im Kückenmarke des Hundes. 365
VII. Versuchsreihe.
Der Behauptung von Schiff, dass die graue Substanz der
Längsleitung vorsteht, ist schon von Stricker und N. Weiss *)
widersprochen worden.
Es stehen mir nun noch einige zwingende Beweise gegen die
Behauptung Schiffs zur Verfugung.
1. Es erhellt dies aus den früher mitgetheilten Versuchen, in
denen das Bückenmark bis auf die Seitenstränge durchschnitten
wurde und die Thiere trotz der vollständigen Vernichtung der
grauen Substanz, bald nach der Operation zu gehen anfingen und
nur eine unbedeutende Herabsetzung der Sensibilität zeigten.
2. Ich habe an einem Hunde beide Seitenstränge und die
graue Axe nahezu gänzlich zerstört. Der Hund führte mit den
Hinterfüssen active Bewegungen aus, versuchte sogar sich auf die
Hinterbeine zu stützen und schrie auf, wenn er an den hinteren
Extremitäten gekneipt wurde.
3. Ich habe eine Anzahl von Versuchen angestellt, in welchen
das Bückenmark in der Höhe des letzten Brustwirbels, ausgenommen
die vorderen Stränge und die graue Substanz, durchschnitten wurde.
Die Thiere zeigten dasselbe Verhalten wie die, bei welchen nur
die vorderen Stränge allein functionsfähig waren. Kurz, die vorderen
Stränge zeigten trotz der Anwesenheit der grauen Substanz keine
Augmentirung der Sensibilität. Ebensowenig vermochte ich einen
unterschied in der Motilität sowie auch in der Sensibilität zu con-
statdren zwischen Thieren, welchen ich einerseits nur die Hinter-
stränge, andererseits die Hinterstränge und einen Theil von grauer
Substanz intact liess. Ich kann demgemäss der grauen Substanz
hinsichtlich Längsleitung motorischer und sensorischer Impulse
keine besondere Bedeutung beimessen.
VIIL Versuchsreihe.
Versuche über den Verlauf der Vasomotoren im Bük-
kenmarke. Ich habe 3 Hunde curarisirt, künstlich ventilirt, und
beide Vagosympathici durchschnitten. Nun wurden über der Cervical-
Anschwellung des Bückenmarkes beide Seitenstränge durchtrennt
und hierauf aus der Arteria cruralis der Blutdruck geschrieben.
f) Siehe Strickens Vorlesungen, HL Abtheilung. 1880. p. 610—611.
366 E asm in. Leitungsbabnen im Rückenmarke des Hundes.
Derselbe zeigte z. B. in einem Falle eine Höhe von 30 Mm. Hg.
Reizte ich nun das Rückenmark oberhalb der Operationsstelle in
der Höhe des Calamus script., so trat keine Aenderung in der Cum
ein. Wenn ich aber die Elektroden unterhalb der Schnittstelle an-
legte, so stieg mit dem Schlüsse des Stromes der Blutdruck bis
auf 154 Mm. Hg an. Es muss demgemäss gefolgert werden, dass
nur die Seitenstränge Vasoconstrictoren enthalten.
In Kürze gefasst, ergeben die vorliegenden Versuche folgende
Resultate:
1. Die Seitenstränge führen motorische und sensitive Nerven
(Woroschiloff und N. Weiss).
2. Die Vorderstränge enthalten hauptsächlich centrifugale
Bahnen, welche nach Zerstörung der Seitenstränge die motorische
Function der letzteren auch genügend übernehmen können.
3. Die Hinterstränge leiten vorwiegend in centripetaler Richtung.
4. Die graue Substanz besitzt keine langen Bahnen.
5. Die sensiblen Nerven der hinteren Extremitäten sind im
Halsmarke schon gekreuzt.
6. Die nach einer halbseitigen Durchschneidung des Rücken-
markes in Function tretenden motorischen Nerven der hinteren
Extremitäten gehen in der Höhe der für die hinteren Extremitäten
bestimmten vorderen Wurzeln auf die andere Seite des Rücken-
markes über.
7. Vasoconstrictoren verlaufen im Halsmark nur in den Seiten-
strängen.
Zum Schlüsse sei es mir gestattet, Herrn Professor Stricker
für seine liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der er mir die Mittel
seines Laboratoriums zur Verfügung stellte, sowie dem Herrn
Dr. Julius Wagner für seine Assistenz bei Ausführung der Ver-
suche, meinen Dank auszudrücken.
Wien, 24. Mai 1882.
-•—$-»— «-
C. Ueberrenter'tche Bachdruckerei (M. Beizer) in Wien.
xvn.
Ueber einige Verhältnisse der Wärme am
fiebernden Thiere.
Von Prof. E. Albert in Wien.
(Am 10. Mai 188t von der Redaction übernommen.)
Die Lehre von der thierischen Wärmeökonomie ist durch
Claude Bernard im Jahre 1876 in einer so umfassenden und
gleichsam abschliessenden Weise dargestellt worden, dass es nicht
nöthig erscheint, auf die Geschichte dieses Capitels in der Zeit
vor dem Erscheinen der Lefons sur la ehaleur animale zurück-
zugreifen.
Nur einen einzigen Punkt möchte ich berühren. In einer
Untersuchung, welche ich seinerzeit mit S. Stricker ausgeführt
habe und die im Jahrgange 1873 der medicinischen Jahrbücher
veröffentlicht ist, finden sich Angaben, welche Claude Bernard
entgangen sind, da er unsere Abhandlung nicht gekannt zu hüben
scheint, welche aber für die Geschichte dieses Capitels nicht ganz
belanglos sein dürften.
Wir haben nämlich 1872 zum ersten Male den sicheren Nach-
weis geliefert, dass das Herzfleisch während der Arbeit Wärme
producirt.
Im Principe war die Angelegenheit bekanntlich schon durch
die Versuche von Helmholtz entschieden, in welchen gezeigt
wurde, dass der ausgeschnittene Froschmuskel bei der Zuckung
wärmer wird.
Gleichwohl war man von mehreren Seiten bestrebt, einen
ähnlichen Nachweis am Säugethiermuskel während seiner natür-
Med. Jahrbücher. 1882. $4
368 Albert.
liehen Function zu orbringen. Aber allen Messungen, welche man
in dieser Richtung angestellt hatte , setzte man berechtigte Ein-
wände entgegen. (Vergl. hierüber Hermann in Hermann's Hand-
buch der Physiologie I, 1, p. 158.)
Wir haben auf Grund von Messungen im Herzen grosser
Hunde gezeigt, dass das Fleisch des linken Ventrikels fast um
1° C. wärmer zu sein pflegt, als das Blut in der Höhle dieses
Ventrikels. Die Giltigkeit dieses Resultates wurde nicht angefochten.
(Vergl. Rosen thal in Hermann's Handb. IV, 2, p. 391.)
Nebenbei bemerke ich, dass ich diese Messungen, die damals
mit dem Thermometer gemacht wurden, im abgelaufenen Jahre
auf thermoelektrischem Wege wiederholte und zu denselben Resul-
taten gelangt bin.
Bei allen diesen Messungen handelte es sich um die Tempe-
ratur des Muskelfleisches selbst. Die Wärmeproduction des arbei-
tenden Muskels kann aber auch nachgewiesen werden, wenn man
zeigt, dass das Muskel venenblut wärmer ist, als das Muskel-
arterienblut.
Dieser Beweis wurde 1881 von Meade Smith im Laboratorium
von C. Ludwig durchgeführt; es wurde gezeigt, dass das Blut,
welches aus dem arbeitenden Muskel zurückströmt, wärmer ist, als
dasjenige, welches in denselben hineinfliesst.
Auch bezüglich des ruhenden Muskels machte Meade Smith
einige Messungen. Er zeigte, dass das Venenblut eines ruhenden
Muskels wärmer sein kann, als das einströmende arterielle — dass
die Temperaturen beider Blutarten gleich sein können — dass aber
auch das Muskelvenenblut sogar kühler sein kann, als das Arterienblut.
Man steht also bezüglich des ruhenden Muskels vor einer uner-
ledigten Frage; bezüglich des arbeitenden Muskels kann aber die
Frage im Principe als erledigt angesehen werden. Dasselbe gilt
auch bezüglich der grossen Bauchdrüsen, insbesondere bezüglich
der Leber und der Niere; es sind diese Drüsen unzweifelhaft aus-
giebige Quellen der thierischen Wärme.
Als ich nun im vorigen Jahre daran ging, meine früheren
Studien über das Fieber wieder aufzunehmen und fortzuführen, lag
es mir natürlich sehr nahe, zunächst die Frage zu verfolgen, wie
Wanne am fiebernden Thiere. 369
sich die Wärmeleistung des Muskels und der grossen Drü-
sen im Fieber verhalte. Es konnte ja vermuthet werden, dass jene
Organe, welche unter normalen Verhältnissen Wärme liefern, in der
Fieberhitze an dieser Production in noch höherem Grade betheiligt
sind. Ich habe mir daher zur Aufgabe gestellt, die Temperatur des
Muskelvenenblutes imd die des Venenblutes an der Ausmündung
der Nierenvene und der Lebervene zu messen.
Mit dieser Fragestellung war aber auch schon die Wahl des
Versuchsthieres entschieden. Es konnte nur an möglichst grossen
Hunden gearbeitet werden.
Zur Messung der Temperatur des Muskelvenenblutes benutzte
ich denselben anatomischen Weg, welchen Meade Smith in Lud-
wig's Laboratorium eingeschlagen hatte (Arch. f. Anat. u. Physiol.,
physiol. Abth. 1881).
Es wurde also die Temperatur des Blutes jener Vene ge-
messen, welche das Blut aus den Unterschenkelstrecken abfuhrt.
Es wird die Vena feraoralis biosgelegt und das Instrument durch
ihren Stamm eingeführt. Die hiezu nothwendige Präparation gibt
Meade Smith 1. c. an. Diese Methode bot den Vortheil, dass man
ohne jede weitere Präparation auch schon die Messung an der Ein-
mündungsstelle der Vena renalis und der Vena hepatica vornehmen
konnte ; es braucht nur das Instrument aus der Cruralis in die Iliaca
und von da aus in die Cava ascendens bis zur nöthigen Höhe
hinaufgeschoben zu werden.
Da die Narkose dos Thieres nach früheren Erfahrungen das
Eintreten des Fiebers verhindern konnte, so war es zweckmässig,
die unteren Gliedmassen des Thieres unbeweglich zu machen; dies
geschah durch eine Abtrennung des Lendenmarks vom Brustmark.
Eine solche Operation empfahl sich umsomehr, als zu er-
warten stand, dass die Thiere in Folge des Eingriffes fiebern wer-
den und somit durch den Eingriff zwei Versuchsbedingungen erfüllt
werden: die Hauptbedingung, dass das Thier fiebert und die Neben-
bedingung, dass es an den Körperstellen, wo präparirt wird und
von wo aus das Messinstrument eingeführt wird, unempfindlich ist.
Wie es sich gezeigt hat, haben die meisten Versuchsthiere
nach dem genannten Eingriffe gefiebert, aber nicht alle. Durch
Versuche, welche Calasanti unter Stricker's Leitung ausgeführt
hat (Medicin. Jahrb. 1874), ist die Erfahrung gemacht worden,
A4*
370 Albert.
dass dio Auslösung des Fiebers durch Injectionen in die Venen
leichter gelingt, wenn das Thier schon Tags vorher gefiebert hatte.
Ich brauchte also nur an einem Tage das Mark durchzu-
schneiden und am anderen Tage eine Stärkeemulsion in die Vena
jugularis zu machen, um ein heftiges Fieber zu erzeugen. Diese
Erwartung hat sich vollständig bewährt.
Die Methode, das Fieber durch Erzeugung von Capillarem-
bolien experimentell herbeizufuhren, habe ich mit Stricker schon
im Jahre 1871 angegeben. Sie ist von den Experimentatoren gar
zu wenig beachtet worden. Zur Zeit, als wir unsere Angaben pu-
blicirt hatten, waren die Aerzte und die Physiologen von der
Meinung beherrscht, dass jenes Fieber, welches durch Injection
von etwas Eiter in die Jugularis eines Hundes hervorgerufen zu
werden pflegt, auf Rechnung eines besonderen Fiebergiftes zu setzen
sei. Unsere Behauptung, dass eine geringe Menge Stärkemehl, in
Wasser suspendirt, Aehnliches leiste wie Eiter, war daher der
damaligen Strömung nicht günstig und ist die Bedeutung der That-
sache nicht allgemein erfasst worden, obwohl ihre Richtigkeit viel-
fach bestätigt worden ist.
Es verhielt sich hiemit ebenso, wie mit einer zweiten, eben-
falls von mir und Stricker gemachten Beobachtung. Die Annahme
eines eigenen Fiebergiftes wurde bekanntlich dadurch gestützt, dass
das Blut eines fiebernden Hundes einem zweiten Hunde transfun-
dirt, in dem letzteren wieder Fieber erzeugt. Die Annahme schien
auf den ersten Anblick fest begründet. Sie wurde sofort erschüttert,
als wir zeigten, dass die Transfusion von einem nicht fiebernden
Hunde ebenfalls Fieber erzeugt, ja dass das Fieber eintritt, wenn
man das Blut aus der A. cruralis in die daneben liegende Vena
cruralis desselben Thieres transfundirt. Billroth konnte dies zwar
nicht beobachten, wohl aber hat Liebrecht die Thatsache richtig
befunden (Centralblatt f. d. medicin. Wiss. 1874, Nr. 37). Aber
erst als Landois in seiner Monographie (Die Transfusion des
Blutes, Leipzig 1875, p. 144 u. 312) die an Thieren und an
Menschen beobachteten Thatsachen zusammengestellt hatte und sich
daraus ergab, dass das Fieber nach der Transfusion zu den alier-
gewöhnlichsten Folgeerscheinungen gehört, kam die Bedeutung
unserer Beobachtungen in das gehörige Licht.
Wärme am fiebernden Thiere. 371
Mehr noch, als die Erfahrung bei Transfusion, trugen die Er-
folge der antiseptischen Wundbehandlung dazu bei, die Hypothese
von dem Fiebergifte zu erschüttern. Jeder Chirurg, der streng
listert, hat Beobachtungen gemacht, bei welchen die Wunde keine
Keaction, keinen Zersetzungsvorgang aufweist und doch ein, wenn
auch kurzes, so doch heftiges Fieber vorhanden ist, bei dem die
Patienten, wiewohl sie Temperaturen über 40° C. aufweisen, sich
doch nicht krank fühlen. Erfahrungen dieser Art veranlassten Volk-
mann und Grenzmer (Volkmann, Sammlung klinischer Vorträge,
Nr. 121) eine neue Fieberkategorie, das aseptische Wundfieber auf-
zustellen, nachdem schon Hueter (Allgemeine Chirurgie), einem
ähnlichen Gedanken folgend, ein aphlogistisches Fieber aufge-
stellt hatte.
Das Fieber, das wir durch Injection von Stärkemilch in die
Jugularis1) durch Transfusion von Blut experimentell erzeugten, ,
ist ein aseptisches Fieber. Es dürfte jetzt die Zeit gekommen sein,
wo man wieder auf Thatsachen dieser Art zurückgreifen wird.
Aber nicht sowohl wegen der Fiebertheorie schien mir diese
Erinnerimg angezeigt, als vielmehr wegen der experimentellen
Technik. Ein so einfaches Mittel wie die Injection von Stärkemilch
in die Jugularis, und ein so sicher fiebererregendes Mittel dürfte
einer grösseren Berücksichtigung bei Fieberversuchen werth sein.
Eiter hat man nicht immer zur Hand; das Fieber nach Eiterein-
spritzung fällt, wenn Darmerscheinungen gleichzeitig hervorgerufen
werden, oft sehr massig aus, oder tritt gar nicht ein, wenn Collaps
erfolgt; die Thiere gehen häufig zu Grunde. Stärkemilch kann man
immer haben; man weiss auch dabei genau, was man angewendet
hat — was man beim Eiter nicht bestimmt weiss, da der Eiter
unbekannte Agentien enthalten kann — ; das Fieber tritt sehr bald
ein, läuft rasch ab, Complicationen stellen sich nicht ein, das Thier
bleibt am Leben und wenn man ihm nach einigen Tagen wieder
Stärkemilch injicirt, so fallt das Fieber noch stärker aus: das
Thier ist empfindlicher geworden.
Die Messungen selbst, auf welche ich die gegenwärtige Mit-
*) Ich habe auch nach Injection von Stärkemilch in die Milzvene des
Hundes Fieber erzeugt. (Berichte des naturwissenschaftlichen Vereines in Inns-
bruck, 4873).
372 Albert.
theilung stütze, sind alle auf therrao-elektrischem Wege gemacht
worden. Wer sich mit dieser Methode befreundet hat, wird kaum
mehr Neigung haben, Temperaturmessungen innerhalb der Blutbahn
mit Thermometern auszuführen. Wenn die thermoelektrische Messung
keinen anderen V ortheil hätte, als dass sie uns* gestattet, mit
sondenartig gebauten Elementen in die (Masse einzudringen und
diese beliebig weit vorzuschieben, so würde dies allein ausreichen,
ihr den Vorzug zu geben. Aber die Vortheile derselben sind auch
ganz anderer Art und darum wohl hat Claude Bernard, wiewohl
er früher die thermometrischen Messungen bevorzugte, in seiner
letzten Puhlication sich nur mehr auf die Mittheilung von thermo-
elektrischen Messungen beschränkt.
Meine Elemente weichen von jenen Bernard's in etwas ab,
insofern als an ihnen die Löthung aus der Kautschucksonde in der
Länge von einem Millimeter hervorragt, so dass sie vom Blute
umspült werden kann. Die Drähte des Elements — Neusilber und
Eisen — sind in die Kautschuksonde eingebacken und passiren
noch ein auf dem vorderen Ende der Sonde angebrachtes, halb-
kugeliges Siegellackknöpfchen, aus dem die Löthung allein heraus-
ragt, dadurch wird die Löthstelle vor Berührung mit der Blutge-
fiasswand geschützt.
Ferner sind die Klemmen sehr weit vom Thermoelement an-
gelegt, weil die Klemmen, an welchen sich ungleiche Metalle be-
rühren, in der Nähe des Thieres ungleich erwärmt werden könnten.
Die Neusilber -Eisendrähte, welche aus der Sonde hervorragen,
wurden daher etwa 1 Meter weit geführt und mit den Drähten
der Boussole so verbunden und eingedeckt, dass sie von der
Wärmestrahlung der Nachbarschaft geschützt waren.
Ferner empfiehlt es sich, die Drähte, welche aus der Spiegel-
boussole kommen, nicht durch Messingklemmen, sondern durch
Kupferklemmen oder einfach nur durch Eindrehen der Drähte zu
verbinden und die Verbindungsstellen zu fixiren. In solcher Weise
kann man sich vor störenden Einflüssen auf den Magneten schützen.
In dieser Weise gelang es, den Magneten der sehr empfindlichen
Boussole in Kühe zu erhalten, nachdem ich zwei Thermosonden,
gegensinnig gespannt, mit ihren Löthstellen genau auf dieselbe
Temperatur gebracht hatte.
Wärme am fiebernden Thiere. 373
Ferner ist es zweckmässig, Sonden, d. i. Elemente von ver-
schiedener Länge zu haben. Die langen Sonden, die man bis zur
Lebervene hinaufschiebt, sind unbequem, wenn man ein anderes
Mal nur das Muskelvenenblut messen, die Sonde also nur bis an
das Poupart'sche Band verschieben will.
Gemessen wurde die Differenz. Eine Sonde lag im Arterienblut,
die andere im Venenblut. Die Scalenwerthe wurden vor und nach
dem Versuche empirisch in Thermometermaasse umgesetzt. Ich gehe
nun an die Mittheilung der Resultate.
1. Muskelvenenblut. Ich machte zunächst einige Messungen
an nicht fiebernden Hunden. Es schien mir dies geboten, weil Meade
Smith nur mit Thermometern gemessen hat, wobei vielleicht doch
Fehlerquellen vorhanden sein können. Erstlich kann man das Queck-
silbergefäss sicherlich so einstellen uud eingestellt erhalten, dass es
während der ganzen Messung allseitig vom Blut umspült wird.
Eine kleine Bewegimg mit dem frei herausragenden Ende des
Thermometers kann bewirken, dass das andere im Blutgefässe
steckende Ende sich an die Wand des letzteren anlegt. Bei der
thermoelektrischen Messung aber taucht die kleine Löthstelle that-
sächlich in das Blut; das Element kann so vorgeschoben werden,
dass die Löthstelle gerade der Einmündimg der Muskelvene gegen-
über liegt, sie kann in die Muskelvene selbst eingebracht werden,
ohne dass der Blutstrom irgendwie erheblich gestört wird und da-
durch neue Bedingungen eingeführt werden; die Löthstelle erwärmt
sich schnell und so kann die Messung sehr rasch ausgeführt werden.
Es zeigte sich nun, dass am ruhenden Muskel des nicht
fiebernden Thieres das Venenblut sich verschieden verhält. In zwei
Messungen war es um 0*5— 0*6 wärmer als das Blut der A. cruralis
der anderen Seite, in welcher das andere Element stak ; in anderen
Fällen war gar keine Temperaturdiflferenz vorhanden; ab und zu
zeigte sich das Muskelvenenblut sogar kühler als das Arterienblut.
Es kann bei diesem Sachverhalte, da meine Ergebnisse mit
jenen von Meade Smith übereinstimmen, zunächst vermuthet
werden, dass es sich hier um complicirte, erst durch weitere
Studien aufzuklärende Verhältnisse handelt.
In der That sieht man, wenn das Element längere Zeit in
der Muskelvene liegt und dabei die Boussole continuirlich beobachtet
wird, dass sich Temperaturscbwankungen zeigen, die immerhin einige
374 Albert.
Zehntel eines Celsius'schen Grades stark sind. Es kann also im
Muskel vielleicht Mancherlei vor sich gehen — wie z. B. Gefass-
contractionen — was die scheinbar einfache Frage complicirt.
Doch möchte ich zwei Bemerkungen anfügen.
Erstens arbeitete ich an Muskeln des Oberschenkels bei durch-
geschnittenem Rückenmark, folglich nicht unter normalen Be-
dingungen.
Zweitens wird bei der Präparation der Gefasse immer ein
Theil der Muskeln, deren Venenblut gemessen werden soll, bios-
gelegt und an der Luft sehr beträchtlich abgekühlt. Dieser Factor
kann nun von Fall zu Fall verschieden stark ausfallen.
Ich kann also über die Frage, ob der ruhende Muskel etwas
Wärme liefert — Pflüg er sprach von einem Wärmetonus des
Muskels — nichts aussagen.
Als ich mm die Temperatur des Muskel venenblutes am fiebern-
den Thiere mass, erhielt ich dieselben wechselnden Resultate. Wäh-
rend die Temperatur des Thieres bedeutend anstieg, floss aus den
Unterschenkelstreckern ein Venenblut ab, das meistens gleich warm
war, wie das arterielle Blut der Cruralis der anderen Seite; manch-
mal war es kühler, in wenigen Fällen entschieden wärmer. Ich
muss aber betonen, dass die Fälle der letzteren Art jene waren,
wo die Präparation der Blutgefässe nur sehr kurze Zeit in An-
spruch nahni, wo die Einführung der Elemente sehr rasch gelang,
wo die Muskelbäuche nur ganz wenig der Abkühlimg ausgesetzt
waren. Aber immerhin war die Temperaturdifferenz eine sehr geringe.
Im Ganzen konnte ich also annehmen, dass die Messimgen
des Muskelvenenblutes unter jener Versuchsanordnung, die ich ein-
hielt, keinen Anhaltspunkt boten, um die Fieberhitze zu erklären.
2. Nierenvenen- und Lebervenenblut. Es musste dem
soeben Gesagten zufolge vermuthet werden, dass die grossen Unter-
leibsdrüsen, zunächst die Nieren und die Leber an dem Zustande-
kommen der Fieberhitze betheiligt sein dürften.
Die Messung des Venenblutes der genannten Drüsen wurde
in folgender Weise ausgeführt. Es wurde die Art. femor. auf der
einen Seite biosgelegt und nach peripherer Abbindung derselben
wurde die eine Thermonadel in die Arterie eingeführt und von da
aus bis in die Bauchaorta vorgeschoben. Auf der anderen Seite
Wärme am fiebernden Thiere. 375
wurde die Vena femoralis biosgelegt, peripher abgebunden und
die andera Thennonadel eingeführt. Diese wurde so weit vorge-
schoben, dass die Löthstelle der Einmündung der früher erwähnten
Muskelvenen gegenüber zu liegen kam, so dass man jedesmal auch
eine Messung der Temperatur des Muskelvenenblutes vornahm.
Dann wurde die Nadel soweit vorgeschoben, bis die Löthstelle an
die Einmündung der diesseitigen Nierenvenen kam. Nach gemachter
Ablesung wurde die Nadel weiter vorgeschoben, bis sie am Zwerch-
fell ankam und so mit ihrer Löthstelle in das aus der Leber
kommende Blut tauchte. Dann wurde wieder abgelesen, die Nadel
in die früheren Positionen zurückgezogen und eine zweite Vor-
rückung derselben gegen die Nierenvenen und gegen das Zwerchfell
unternommen.
Dass die Nadel einmal an der Einmündungsstelle der Nieren-
venen, das zweite Mal am Zwerchfell anstehe, das konnten wir
allerdings erst nachträglich verificiren. Die Länge der Sonde war
uns bekannt ; wenn nun plötzlich beim Vorschieben der Sonde die
Temperatur rasch in die Höhe gestiegen war, notirten wir die Länge
der freien Strecke der Nadel; und als beim weiteren Vorschieben
abermals die Temperatur stieg, notirten wir abermals. Es Hess sich
nun, nachdem die letzte Messung am Zwerchfell ausgeführt und
das Thier durch Herzstich in situ getödtet war, bei eröffneter
Bauchhöhle sehen, dass die Löthstelle in das aus der Leber
kommende Blut tauche; zog man nun die Nadel so weit zurück,
bis die Löthstelle an die Einmündung der Nierenvenen kam, so
zeigte sich, dass nun von der Sonde genau jene Strecke frei war,
die in vivo frei war, als der erste starke Temperaturanstieg ange-
zeigt wurde.
Das Einführen der Nadel erfordert vorgängige Uebung am
Cadaver.
Ich lasse nun beispielsweise zwei Versuchsprotokolle folgen :
Protokoll Nr. 1.
Hund von etwa 30 Kilo. Am 7. Jänner das Lendenmark vom
Brustmark getrennt. Am 8. Jänner 10 Uhr 30 Min. Rectums-
Temperatur 40*4, 0*8 Wasser, durch Stärke - Suspension milchig
getrübt, in eine Vene gespritzt.
376 Albert.
10 Uhr 50 Min. An dem einen Schenkel die Vena cruralis,
an dem anderen die Arteria cruralis präparirt, die Sonden so ein-
geschoben, dass das Blut der Vene der Unterschenkelstrecker mit
dem Blute der Aorta descendens an der Theilungsstelle verglichen
werden konnte.
Die Messung ergab nahezu Temperaturgleichheit.
10 Uhr 58 Min. Venensonde bis an die Nierenvene vorge-
schoben. Messung ergab nahe 0*6 zu Gunsten der Vene.
11 Uhr. Venensonde bis nahe an das Zwerchfell geschoben.
Vene 0*8 bis 0*9 wärmer als Arterie.
11 Uhr 12 Min. Bectumstemperatur 41°, das Quecksilber
ist im Ansteigen. Das Venenblut ist jetzt um 1*5 wärmer als in
der Arterie.
11 Uhr 17 Min. Bectum 41*2, Vene um 1/8 wärmer als
Arterie. Venensonde zurückgezogen bis gegen die Muskelvenen-
mündung. Differenz 0.
Bei der folgenden Messung in der Nähe des Zwerchfells be-
trug der Ueberschuss in der Vene über jenen in der Arterie nur 1*4.
Bectum blieb 41*2.
Protokoll Nr. 2 (3. Februar 1882).
Hund von etwa 25 Kilo. 1. Februar Lendenmark vom Brust-
mark getrennt. Am 2. Februar 9 Uhr a. m. an Rectum 39*4
11 Uhr 39*8. Wegen zu niedriger Temperatur das Experiment
verschoben.
Am 3. Februar 1 Uhr 45 Min. 39*5. Durch Stärke milchig
getrübtes Wasser in eine Vene injicirt.
2 Uhr 30 Min. Bectum 40'5. Das Quecksilber steigt aber
weiter an, und erreicht bald 41°. Während des Steigens wird die
Blutmessung vollzogen. Beide Sonden werden bis nahe an das
Zwerchfell geführt.
Es erfolgt ein Ausschlag zu Gunsten der Vene, der wenigstens
5*0° C. werth ist (es waren 50 Millim. unserer Scala).
Nun wurde die Venensonde bis in die Begion der Muskel-
vene zurückgezogen. Das Muskelvenenblut war hier noch etwa um
0*6 wärmer, als das Blut der Aorta am Zwerchfell.
Die Venensonde abermals an's Zwerchfell vorgeschoben, aber-
mals ein Ausschlag von 50 Theilstrichen = 5*0° zu Gunsten
dieser Sonde.
Wärme am fiebernden Thiere. 377
Nunmehr die Venensonde weit (bis über die Mündung der
Muskelvene hinaus) zurückgezogen, nunmehr überwiegt erst die
Temperatur der Arteriensonde.
Die beiden Protokolle lehren übereinstimmend, dass das Blut
der Cava ascendens da, wo sie durch das Zwerchfell tritt, wesent-
lich wärmer 'war, als das Blut der Aorta, dass es da wärmer war,
als an der Einmündung der Nieren vene, imd endlich, dass es auch
an dem letzteren Orte wärmer war, als das Blut der Aorta.
Aus Messungen, die Claude Bernard angestellt hatte, ergibt
sich dasselbe Verhalten für das nicht fiebernde Thier; auch an
einem solchen kommt das Blut aus der Niere und der Leber mit
einer höheren Temperatur heraus, als diejenige ist, die im Aorten-
blut herrscht.
' Ich will das von mir Erhobene vorläufig nur als ein neues
Factum der Temperaturtopographie am fiebernden Thiere betrachten
und es wird sich wohl bald die Gelegenheit ergeben, weiter zu
untersuchen, wie sich am fiebernden Thiere die Temperatur in der
Vena portarum im Vergleiche zur Temperatur in der Aorta, wie
sich die Temperatur der Milzvene u. dgl. verhält.
Nimmt man die frühere Thatsache hinzu, dass das Muskel-
venenblut gegenüber dem Arterienblut nicht constant, jedenfalls
aber nicht bedeutend wärmer ist, — während Niere und
Leber sehr bedeutende Wärmemengen an das Blut abgeben ; so
liegt hierin wohl ein sehr deutlicher Hinweis, wo die weiteren
Untersuchungen über das Fieber anzuknüpfen haben.
Mau überlege nur Folgendes. Es gelingt, wie in unseren
Versuchen, die Messung gerade in dem Augenblicke aufzunehmen,
wo sich das Fieber unter unseren Augen einstellt. Wir finden so-
fort die Temperatur des Nieren venenblutes höher, als jene des
Aortenblutes. So verhält sich die Sache schliesslich auch am nicht
fiebernden Thiere. Aber nun steigt die Bectumtemperatur auf 40°
und darüber; in die Niere und in die Leber konlmt nun Blut von
fieberhafter Temperatur ; das Blut, das aus der Leber und der Niere
kommt, zeigt aber wiederum höhere Temperatur, als das der Aorta.
Die Temperatur steigt im Rectum weiter, rasch und entschieden.
Und immerfort ist das Lebervenen- und das Nierenvenenblut
wärmer. Es erhöht also während des Fieberanstieges die Temperatur
des Gesaramthlutes jedenfalls. Ob aber diese Erhöhung einzig und
878 Albert.
allein auf der Wärmeleistung der Niere, dann jener Organe, welche
das Lebervenenblut früher passirt hat, zu setzen ist, — das ist eine
Frage weiterer Untersuchungen.
Die Differenz zwischen der Temperatur des Cavablutes am
Zwerchfell und jener des Aortenblutes ist grösser, als es sich aus
den Bernard'schen Messungen am nicht fiebernden Thiere ergibt.
Es kann also vermuthet werden, dass die Bauchorgane den Haupt-
antheil an der Erzeugung der Fieberhitze besitzen. Namentlich in
dem Protokolle Nr. 2 sind die Temperaturhöhen ungewöhnlich
bedeutend.
Ob diese Ziffer eben wegen ihre Höhe nicht bedenklich er-
scheint ?
Ich habe in dem Falle die Temperatur des Aortenblutes nicht
gemessen, sondern die Differenz zwischen der Temperatur in der
Aorta und in der Cava. Aber die Eectumtemperatur wurde thermo-
metrisch gemessen. Es lässt sich folgende Ueberlegung anstellen.
Wenn das Aortenblut mindestens so warm war, wie das Kectum,
so hätten wir in der Cava am Zwerchfell nahezu 46° C. gefunden.
So sehr die Zahl befremden mag, die Messung kann nicht ange-
fochten werden *), der Apparat ist unmittelbar vor und unmittelbar
nach der Messung geprüft und die Ausschläge in Thermometer-
grade empirisch umgesetzt worden ; es geschah Alles, was das
Ergebniss der Messung sicherstellt.
Die hohe Temperatur ist, sage ich, befremdend, aber sie steht
nicht im Widerspruch mit den Erfahrungen, die wir sonst über
das künstliche Fieber gemacht haben.
Die Messung ist vollzogen worden, während das Fieber im
raschen Anstieg war. Der Hund hatte ein Körpergewicht von
25 Kilo, und ist im Laufe von etwa 30 Minuten um 1° erwärmt
worden.
In dem Thiere von 25 Kilo rechnet man nahe 1*8 Kilo Blut,
wenn man den rothen Farbstoff aus dem ganzen Thiere zieht.
Kreislaufversuche am lebenden Thiere lehren, wie mir College
*) Sofort nachdem das Thier verendet war und der Stand der Nadel
bei eröffneter Bauchhöhle controllirt worden war, bohrte ich das Thermo-
meter in die, nun schon abgekühlte und anämische Leber. Es zeigte noch
2*5° höher, als im Rectum.
Wärme am fiebernden Thiere. 379
Stricker, auf seine Beobachtungen gestützt, mittheilt, dass ein be-
trächtlicher Theil des Blutes in den Capillaren vieler Organe bald da,
bald dort retardirt wird. Ich gehe daher vielleicht nicht fehl, wenn
ich mir vorstelle, dass etwa 80 # jener Blutmasse, die sich durch
Auswaschen des Gesammtblutes ausrechnen lässt, wirklich kreist.
Das gäbe für unseren Fall 1*4 Kilo Blut. Nun aber strömt dem
Herzen das Blut aus der Cava ascendens und aus der Cava descen-
dens zu. Die Menge Blut, die bei einer einzigen Umwälzung der
ganzen Blutmasse durch die Cava ascendens geht, dürfte in unserem
Falle auf 1 Kilo voranschlagt werden. Wenn nun der ganze Leib
während einer einzigen Umwälzung des Gesammtblutes um 0*1° C.
erwärmt werden soll, so müsste das eine Kilo Blut, falls es die
Leistung aufbringen sollte, schon um 2*5° wärmer sein, als das
Aortenblut, wenn kein Wärmeverlust in Betracht käme. Wenn sich
aber mit der Erwärmung des Thieres der Wärmeverlust steigert,
so muss bei der Erwärmung des Thieres von 40 auf 41° mehr
Wärme aufgebracht werden, als zu dieser Erwärmung an und für
sich nothwendig ist, da auch der grössere Verlust gedeckt werden
muss.
Diese Betrachtung soll nur das Befremden über die Höhe der
Ziffer prüfen; sie ist aber in Bezug auf die Thatsachen von sehr
geringem Werthe, da wir nicht wissen, wie viel Blut in einer ge-
wissen Zeit, etwa in einer Minute durch die Cava kreist, und alle
übrigen Ziffern, die in jener Betrachtung herangezogen wurden, nur
auf Schätzungen beruhen.
Es ist ferner zu berücksichtigen, dass die sehr hohen Ziffern
vielleicht nur während des Fieberanstieges zu treffen sind, dass also
der eine Fall schon darum etwas Besonderes aufweist.
In einem Falle, der hier nicht protokollarisch mitgetheilt ist,
hat der am Fernrohr Beobachtende gesehen, dass die Boussole von
Zeit zu Zeit Ausschläge gab, die Temperaturschwankungen von bis
zu 0*5° C. äquivalent waren; es ist also möglich, dass man gerade
im Momente einer solchen aufwärts gehenden Schwankung eine
auffallend hohe Temperatur wahrnimmt.
Wie immer die sehr hohen Zahlen des Falles 2 aufgefasst
werden mögen, so steht doch nach den Resultaten aller unter-
nommenen Messungen fest, dass sich die Bauchorgane an der Er-
zeugung der Fieberhitze lebhaft betheiligen.
380 Albert. Wärme am fiebernden Thiere.
Bedenkt man, dass eine Hemmung der Drüsensecretion zu
den Haupterscheinungen des Fiebers gehört, so liegt es nahe, der
Yermuthung zu folgen, dass die Verminderung der Secretion und
die Erhöhung der Wärmeproduction Hand in Hand gehen. Nach
den Untersuchungen von Stricker und Spina leisten die Drüsen-
zellen mechanische Arbeit; die Secretion, respective das Hervor-
sickern des Secrets erfolgt durch eine sichtbare Bewegung der
Zellen, welche die Drüsengänge auskleiden. Nach den neueren Unter-
suchungen Spina's (über Resorption und Secretion, Leipzig 1882)
werden ähnliche mechanische Leistungen auch von den der Resorp-
tion dienenden Zellen des Darmtractes aufgebracht. Dass ein Apparat,
der mechanische Arbeit leistet, auch Wärme aufbringen kann, ist
durchaus verständlich. Wenn also beim Herantreten an die Frage
zunächst gedacht wurde, dass die Musculatur, wo dasselbe Verhält-
niss giltig ist, an der Erzeugung der Fieberhitze betheiligt sein
mag; so ist man aus dem Grundgedanken nicht herausgetreten,
wenn man nachträglich sieht, dass es eine andere Gruppe von
Organen ist, deren Verhalten positive Aufschlüsse gibt.
Es muss also zunächst die Frage noch in dem Sinne weiter
verfolgt werden, wie sich die anderen noch nicht im Detail unter-
suchten Organe der Bauchhöhle bezüglich der Wärmeleistung im
Fieber verhalten.
Für die Hilfeleistung, welche mir bei dieser Untersuchung von
Seite meines verehrten Collegen S. Stricker und meines Assisten-
ten Dr. Wagner zu Theil wurde, sage ich meinen wärmsten Dank.
«E~
XVIII.
Zwei Fälle von lüeinlünittimor.
Von
Prof. Dr. Chvostek
k. k. Stabsarzt in Wien.
(Von der Redaction am 16. Mai 1882 übernommen.)
Im Nachfolgenden theile ich zunächst zwei Fälle von Sarcom
des Kleinhirns mit, die beide im Leben von mir diagnosticirt wurden
und fuge ihnen einige Bemerkungen über die Symptomatologie und
Diagnostik der Geschwülste des Kleinhirnes bei. Diese Fälle sind
die folgenden:
I. Beobachtung. Ein 7 Ctm. im Durchmesser halten-
der Tumor (Sarcom) nimmt die ganze linke Kleinhirn-
hemisphäre mit Ausnahme ihres vorderen und äusseren
Abschnittes ein. Chronischer Hydrocephalus intern.
Franz Sterf, Keservemann, 20 Jahre alt, der Vater sei 1866
drei Monate nach einem apoplektischen Anfalle gestorben, die Mut-
ter lebt und ist gesund. Pat. selbst sei stets gesund gewesen bis Sep-
tember 1869. Da traten ohne nachweisbare Veranlassung, nament-
lich des Morgens, Anfälle von heftigem Schwindel, zu dem sich
bald Erbrechen einer gallig gefärbten Flüssigkeit gesellte, auf, welche
Anfälle von leichter Trübung des Bewusstseins und von Zittern und
Schwäche der Gliedmassen begleitet und von äusserst heftigen Kopf-
schmerzen in der Hinterhaupts- und Schläfengegend gefolgt waren.
Diese Anfälle kamen anfangs durchschnittlich 2 Mal täglich, nach
und nach wurden sie seltener, so dass sie sich nur alle 8—14 Tage
wiederholten. Wie sich der Schwindel bei ihm äussere, vermag
Pat. nicht genau anzugeben, er sagt er habe das Gefühl, als ob
382 Chvostek.
sich in seinem Schädel irgend etwas herumdrehen würde. Der
Schwindel trete bei ihm niemals in der Kuhelage auf. Den Kopf-
schmerz beschreibt er als äusserst heftig, er habe das Gefühl, als
ob ihm Jemand in den erwähnten Gegenden den Schädel eindrucken
würde. Im October bemerkte Pat. eine Abnahme seiner Sehscharfe,
wobei es ihm vorkam, als ob er einen Nebel vor seinen Augen hätte.
Ungefähr um dieselbe Zeit bemerkte Pat. Doppeltsehen, aber nur
beim Sehen nach links. Die Abnahme des Sehvermögens steigerte
sich allmälig bis zu dem Grade, dass Pat. gegenwärtig kaum Licht
von Finsterniss unterscheiden kann. Im November 1869 bemerkte
er eine allmälig zunehmende Schwäche in der linken unteren Extre-
mität, welche sich noch in diesem Monate bis zu dem Grade stei-
gerte, dass er dieselbe nur schwer über die rechte hinüberlegen
konnte. Nach und nach wurde auch die rechte untere Extremität
schwächer, aber nie bis zu dem Grade wie die linke. Diese Schwäche
der unteren Extremitäten steigerte sich fortwährend bis zu dem
Grade, dass Pat. ohne fremde Hilfe nicht herumgehen konnte. In den
oberen Extremitäten will Pat. keine Abnahme der Körperkraft
wahrgenommen haben. Ausser den Kopfschmerzen habe er sonst
nirgends Schmerzen gehabt; auch Ameisenlaufen etc. und Krämpfe
seien niemals aufgetreten. Seit 3 Monaten leide er zeitweise an
linksseitigem, seit 2 Monaten auch an rechtsseitigem Ohrensausen
bald nur ganz kurze Zeit, bald stundenlang; dabei habe sein Gehör-
vermögen nicht abgenommen. Ebenso habe sein Geruchs- und Ge-
schmacksvermögen nicht gelitten. Sein Gedächtniss sei etwas schwä-
cher geworden. In der letzteren Zeit ziehe es ihn nach der rechten
Seite und ich konnte bei den wenigen Besuchen, die ich in seiner
Wohnung ihm gemacht habe, constatiren, dass er beim Sitzen die
Tendenz habe nach rechts zu fallen.
Am 5. August 1870 wurde Pat. auf meine Abtheilung auf-
genommen. Da er Eeservist war, so musste ich beim General-Com-
mando um die Bewilligung zur Aufnahme ins Garnisons-Spital ein-
schreiten, was ich auch mit der Begründung that, dass Pat. mich
interessire, da er an einer Geschwulst im Kleinhirn leide. Stat.
praesens: Pat. von kräftigem Körperbaue, dünner schlaffer Muscu-
latur, fettarmem Unterhautzellgewebe. Die Haut weiss, normal tem-
perirt. Aeusserlich am Schädel nichts Abnormes nachweisbar. Eine
geringe Abnahme des Gedächtnisses, sonst von Seite der psychi-
Zwei Fälle von Kleinhirntumor. 383
m
sehen Functionen keine Störung. Gegenwärtig kein Kopfschmerz,
kein Schwindel. Der Schlaf sei ziemlich gut. Pat. hat die Tendenz
beim Sitzen nach rechts zu fallen, auch beim Liegen ziehe es
ihn nach der rechten Seite. Das Gehörvermögen ist normal; zeit-
weise habe aber Pat. Ohrensausen, namentlich rechterseits. Das
Eunzeln der Stirn ist rechts unvollständiger, als links. Die Pu-
pillen sind weit, die linke ist weiter, als die rechte, beide reagiren
nur wenig. Ziemlich starke Parese des linken Abducens, sonst von
Seite der Augenmuskelnerven keine Störung. Links totale Amau-
rose, rechts nur quantitative Lichtempfindung. Ophthalmoskopisch
Atrophie der beiden Sehnerven, linkerseits stärker. Der linke Mund-
winkel steht etwas tiefer, die linke Nasolabialfalte ist etwas weniger
deutlich ausgesprochen, als dies rechterseits der Fall ist; die Zunge
weicht nach rechts ab. Das Geruchs- und Geschmacksvermögen
zeigen keine Störung, ebenso das Schlingen und die Sprache.
Pat. fühlt in den beiden Gesichtshälften die leiseste Berührung,
localisirt aber links etwas weniges schlechter, als rechts. Keine
Nackencontractur, überhaupt ist die Bewegung des Kopfes nach
allen Seiten vollständig normal. Pat. kann mit den oberen Extre-
mitäten alle Bewegungen correct ausführen, jedoch sind dieselben
etwas kraftlos; die oberen Extremitäten zittern etwas, zeigen aber
keine Coordinationsstörung. Das Localisationsgefühl ist an den linken
Fingern etwas herabgesetzt, sonst zeigt die Sensibilität an den
oberen Extremitäten keine Störung.
Pat. kann, selbst von 2 Wärtern unterstützt, nur einige Schritte
mühsam gehen, wobei er nur ganz kurze Schritte macht, eigentlich
die Füsse stark nachschleift. Die Localisation ist am linken Fusse
ebenfalls etwas beeinträchtigt, sonst die Sensibilität an den unteron
Extremitäten normal. Von Seite der Brust- und Unterleibsorgane
keine Störung. P. 80. — Die faradische Erregbarkeit des rechten
Stirnmuskels und der linken Wangenmusculatur, sowie des rechten
Masseters ist etwas herabgesetzt, ebenso diejenige in den Streck-
muskeln am linken Vorderarm, während dieselbe an den Beugern
an beiden Vorderarmen etwas gesteigert ist; an den unteren Extre-
mitäten ist dieselbe doutlich herabgesetzt u. z. in der Peroneal-
gruppe rechts mehr als links, hingegen in der Wadenmusculatur
links mehr, als rechts. Die olektrocutane Sensibilität ist an beiden
Körperhälften gleich und normal.
Med. Jahrbücher. 1882. 25
384 " Chvostek.
6.— 10. August. Die Körportemperatur ist etwas erhöht, der
Durst stärker; P. 96. Pat. ist leicht somnolent, delirirt des Nachts
und entleert den Stuhl und Harn unwillkürlich. Die Nackenmuscu-
latur ist druckempfindlich. Pat. behauptet, dass es ihn immer nach
rechts ziehe. Seit gestern Diarrhöe. Sonst Stad. idem.
11. August. Die leichten Fieberbewegungen und die Diarrhöe
haben aufgehört, ebenso die Somnolenz und die Delirien. Die Ee-
spiration unregelmässig; nach 3—6 Eespirationen erfolgt eine einige
Secimden währende Pause; die Tiefe der einzelnen Eespirationen
während einer Eespirationsperiode ist häufig mehr minder gleich,
häufig aber verhält sie sich analog, wie bei der Cheyne-Stockes'schen
Eespiration. Im Ganzen etwa 13 Eespirationen in der Minute.
Sonst Stat. idem.
13. August. P. 64. unregelmässig. Heute Morgens war Er-
brechen vorhanden, ohne das Ueblichkeit oder Schwindel vorange-
gangen oder Kopfschmerz nachgefolgt wäre. Die Pupillen sind enger.
Nackenspannung; Pat. kann den Kopf nach rechts nur etwas, nach
links fast gar nicht drehen. Eespiration unregelmässig, bald tiefer,
bald oberflächlicher mit zeitweise auftretenden, einigen Secunden
dauernden Pausen.
14. — 20. August. Die ersten Tage kein Erbrechen, wohl aber
in den drei letzten Tagen in der Nacht und gegen Morgen, ohne
Ueblichkeit, ohne Kopfschmerz. P. 80. Sonst Stat. idem.
22. August. Gestern Morgens 1 Mal Erbrechen ohne und
heute Morgens Erbrechen mit Schwindel. P. 68. Sonst Stat. idem.
24. August. Heute Nachts Ueblichkeit ohne Erbrechen, gestern
kein Erbrechen. P. 80.
25. August. Heute Morgens und Nachmittags heftiges Er-
brechen. Seitdem Pat. im Spitale ist, hat er noch keinen Kopf-
schmerz gehabt. Die letzten 8 Tage ist Pat. wieder leicht somnolent,
delirirt etwas in der Nacht und hat da auch unwillkürliche Ent-
leerungen. Sonst Stad. idem.
26. August bis 8. October. Nur dann und wann Erbrechen
(28. Aug. 3 Mal; 2., 7., 11., 12., 13. Sept. 2 Mal; 20., 28., 30.
Sept., 6. Oct. 1 Mal), am 6. Oct. mit heftigem Kopfschmerze. Vom
11. Sept. an wieder leichte Somnolenz und Nachts leichte Delirien;
seit dem 18. Sept. täglich unwillkürliche Harnentleerung; Pat. habe
das Gefühl, dass der Harn abfliesse, er könne ihn aber nicht zurück-
Zwei Fälle von Kleinhirntumor. 385
halten. Die Respiration bald regelmässig, bald unregelmässig. Harn
blassgelb; 1920 Cctm. in 24 St.; kein Eiweiss, nur eine Spur von
Zucker enthaltend. Sonst Stad. idem.
Am 9. October übergab ich den Pat. auf die Klinik des Prof.
Duchek mit der Diagnose: Tumor cerebelli, ihm auch meine
Notizen zur Verfugung stellend. Aus der daselbst geführten Krank-
heitsgeschichte hebe ich Folgendes hervor:
9. October bis 28. November. Pat. hatte nur einmal Er-
brechen u. z. Mitte Oct., keinen Kopfschmerz, keinen Schwindel,
und auch das Ohrensausen verlor sich schon Mitte Oct. Pat. war leicht
somnolent und hatte Incontinenz des Harnes bei Nacht, seit Nov.
auch beim Tage und von da an auch Incont. alvi. Der am 28.
Nov. auf der Klinik aufgenommene Stat. praes. lautet: Pat. gross,
von starkem Knochenbaue, schwacher Musculatur, weisser Haut,
fettarmem Unterhautzellgewebe. Pat. ist ziemlich apathisch, liegt
grösstentheils regungslos im Bette und hält zumeist die Rücken-
lage ein. Puls regelmässig 80—90. Am Kopfe äusserlich nichts
Pathologisches nachweisbar. Beiderseits Amaurose in Folge von
Atrophie der Sehnerven. Pupillen gleich weit, auf Lichtreize nicht
reagirend. Beim Versuche nach links die Augen zu bewegen, be-
wegt sich der linke Bulbus nicht nach links. Die Nasolabialfalten
sind im Ganzen wenig ausgeprägt, jedoch beiderseits gleich. Die
Zunge weicht, hervorgestreckt, nicht ab. Geruch, Geschmack, Gehör,
ohne nachweisbare Störungen. Die Sensibilität im Gesichte normal.
Weder Kopfschmerz, noch Schwindel, wohl aber das Gedächtniss
und die Urtheilskraft bedeutend geschwächt, das Athmen ist etwas
unregelmässig. Links in der Gegend der 5. Rippe etwas nach aussen
von der Papille eine 6 Ctm. im horizontalen, 3 Ctm. im verticalen
Durchmesser betragende, längs der Rippe verlaufende, deutlich
fluctuirende, gegen stärkeren Druck schmerzhafte, unter der Haut
befindliche Geschwulst. Von Seite der Brustorgane nichts Abnormes
nachweisbar. Schwäche der oberen Extremitäten u. z. auf beiden
Seiten gleich, stärkere Parese der unteren Extremitäten, namentlich
der linken, welche bei der Rückenlage des Pat. nur mühsam em-
porgehoben und nur schwer über die rechte geschlagen werden
kann. Das Stehen ist unmöglich; versucht man den Pat. auf die
Beine aufzustellen, so zittern diosolben und sinken alsbald ein. Die
Sensibilität der Haut am Stamme und an den Extremitäten nor-
25*
386 Chvostek.
mal. An Jeu Unterloibsorganen nichts Abnormes. Stuhl- und Harn-
entleerung erfolgen unwillkürlich. Der Harn weingelb, klar, ohne
Eiweiss und ohne Zucker. Duchek stellte die Diagnose auf graue
Degeneration an mehreren Stellen des Gehirnes. Nitras
argonti in Pillon. Eröffnung des Abscesses.
20. December wurde mit dem Nitras argenti ausgesetzt. Die
Symptomo des Nervenleidens blieben im weiteren Verlaufe in Glei-
chem. Sonst zeigten sich die Erscheinungen von Lungenschwind-
sucht, an der Pat. auch am 9. Jänner 1871 starb.
Auszug aus dem Sectionsprotokolle (Dr. Weichsel-
ba um). Die Leiche ist gross, stark abgemagert. In der Kreuz-
beingegend und entsprechend dem linken Troch anter ein handteller-
grosser Decubitus. Caries der 4., 5. und 6. Eippe links mit Ver-
schwärung der Haut. Das Schädeldach ist oval, 1 — 4 Min. dick,
theils compact, theils spongiös. Die Innenfläche ist entsprechend
den hinteren Partien der Seitenwandbeine und namentlich am
Hinterhauptbeine sehr rauh und mit zahlreichen, theils halbkugeli-
gen, theils sehr spitzigen, etwa hanfkorngrossen Knochenauswüch-
sen bedeckt. Diesen Stellen entsprechend findet sich die Dura mater
u. z. 2 Ctm. ausserhalb dos Sinus falciformis beiderseits an 2—3
hanfkorngrossen Stollen sehr stark verdünnt und theilweise durch-
löchert. In der Nähe dieser Stellen findet sich an jeder Seite je
ein etwa hirsekorngrosser, grauröthlicher, aus lockerem Bindege-
webe bestehender Auswuchs. An dor vorderen Parthie der beiden
Seitenwandbeine, neben der Pfeilnaht je eine unregelmässige, rund-
liche, 1 Ctm. im Durchmesser haltende Grube; auf dem Grunde
der auf der Unken Seite befindlichen fehlt an einer fast erbsen-
grossen Stelle die Substanz des Knochens bis auf ein dünnes
durchsichtiges Knochenblättchen; in der Mitte dieser Partie fehlt
an einer hirsekorngrossen Stelle die Knochensubstanz ganz. An der
Innenfläche des Stirnbeines finden sich mehrere rundliche, bis zur
Rindensubstanz reichende, grubige Vertiefungen. — Die Dura mater
ist dünn, zähe, bläulich weiss, stark durchscheinend; in ihren Blut-
leitern geronnenes Blut. Die inneren Hirnhäute sind dünn und
farblos. Die Gyri an der Oberfläche des Gehirnes sind abgeplattet,
die Furchen wenig ausgeprägt. Die Oberfläche der linken Klein-
hirnhemisphäre ist mit dem Tentorium innig verwachsen. Diese
Hemisphäre ist mit Ausnahme des vorderen und seitlichen Ab-
Zwei Fälle von Kleinhirntumor. 387
Schnittes ganz durchsetzt von einem bis an die inneren Hirnhäute
reichenden, 7 Ctm. im Durchmesser betragenden, fast kugligen
Tumor von der Consistenz eines Faserknorpels, von fast homogener
Beschaffenheit des Bruches und von fast gleichmässig schwefelgelber
Farbe. Die umgebende Substanz der Kleinhirnhemisphäre ist etwa
in der Ausdehnung von 1/8 Ctm. weich und röthlich grau gefärbt.
Fast in der ganzen Ausdehnung des Tumors fehlen an der Ober-
fläche die inneren Hirnhäute, so dass derselbe mit der Dura mater
verwachsen ist. Die Hirnventrikel, namentlich die Seitenventrikel
sind stark ausgedehnt von einer dünnen, farblosen Flüssigkeit; der
Boden der 3. Kammer ist gegen die Hirnbasis zu stark ausge-
höhlt, die Oberfläche der Streifen- und Sehhügel ist abgeplattet,
das Ependym dünn und zähe. Die Hirnsubstanz ist weich, die
Marksubstanz rein weiss, die Rindensubstanz hellgrau. An den bei-
den Nn. optici, an den Abducentes und an den Kniehöckern ist
makroskopisch keine Veränderung wahrnehmbar. Chronische tuber-
culöse Lungenphthise beiderseits. Im unteren Heum einzelne Tu-
berkeln. Die mikroskopische Untersuchung des Kleinhirntumors er-
gab, dass er ein Sarcom ist.
Diagnose: Sarcom der linken Kleinhirnhemisphäre. Starker
Hydrocephalus intern. Zahlreiche Exostosen an der Innenfläche des
Hinterhauptbeines mit theilweiser Durchlöcherung der Dura mater.
Starke grubige Vertiefungen an der Innenfläche des Schädeldaches.
Caries der 4., 5. und 6. Rippe links mit Verschwärung der Haut.
Chronische tuberculöse Lungenphthise beiderseits. Tuberkeln im
Dünndarm.
H. Beobachtung. Ein 3—4 Ctm. im Durchmesser hal-
tendes Spindelzellensarcom in der Gegend dor linken
Flocke durch gefässreiches Bindegewebe zusammenhän-
. gendmit den vordersten Partien der linken Kleinhirn-
hemisphäre und mit einer mehr als taubeneigrossen
Cyste, die sich zwischen der linken Brückenhälfte und
den vorderen Partien der linken Kleinhirnhomisphäre
erstreckt. Schwund der äusseren Partien der linken
Brücken- und Med. oblong.-Hälfto und der vorderen Par-
tien der linken Kleinhirnhemisphäre. Chron. Hydrops
der Seitenventrikel und das Ventr. septi pelluc. Caries des
linken Felsenbeines.
388 Chvostek.
Franz Walla, Wachmann der Gewölb-Schutzwache, 42 Jahre
alt. Sein Vater im 59. Jahre an einer chron. Lungenkrankheit, die
Mutter im 69. Jahre an einem Herzfehler gestorben. Von seinen
5 Geschwistern seien 2 u. z. die beiden Schwestern im 28. und 30.
Jahre an Lungenschwindsucht gestorben, die drei Brüder leben und
seien gesund bis auf den jüngsten, der seit seinen Enabenjabren
bucklig ist. Ausgesprochene Nervenkrankheiten sind angeblich in
der Familie nicht vorgekommen. Pat. sei früher stets gesund ge-
wesen, auch habe er insbesondere niemals eine venerische Krank-
heit überstanden. — Vor 3 Jahren d. i. im Sommer 1878 habe er
zum ersten Male auf der Gasse einen Schwindel bekommen; es
habe ihn nach links gezogen, so dass er an die an seiner linken
Seite befindliche Wand eines Hauses angestreift habe, und er habe
das Gefühl gehabt, als ob sich die Gegenstande um ihn langsam
von links nach rechts drehen würden; er musste stehen bleiben
und sich an der Wand des Hauses anhalten, damit er nicht um-
falle. Der ganze Anfall habe etwa eine Min. gedauert; nach dem-
selben habe er noch durch einige Stunden einen eingenommenen
Kopf gehabt. Etwa 3 Mon. später bekam Pat., während er einige
Stunden nach dem Esseji, im Lehnsessel ausruhte, einen ähnlichen,
wieder etwa 1 Min. dauernden Anfall. Von da an kamen ähnliche
Anfalle etwas häufiger und es gesellte sich zu denselben ein fort-
währendes Sausen und Summen im linken Ohre und zeitweise auch
stärkere stechende Schmerzen daselbst. Im Herbste 1879 haben die
Störungen von Seite des linken Ohres aufgehört, ohne jemals wie-
der aufzutreten. Die Schwindelanfälle stellten sich jedoch 3—4 Mal
im Monate ganz unregelmässig ein und das Gezogenwerden des
Pat. nach links war manchmal so arg, dass Pat. öfters an an ihm
vorbeigehende Leute angestossen ist, obwohl er ihnen ausweichen
wollte. Im Frühjahre 1880 bekam Pat. gerade in dem Momente,
als er quer über die "Strasse gehend, am Tramway-Geleise ange-
langt war, einen Anfall; er wurde leicht betäubt, es fing an sich
Alles um ihn zu drehen, wie wenn sich der Boden unter ihm ver-
schieben würde, seine unteren Extremitäten wurden sehr schwach,
so dass er sich nicht weiter fortbewegen konnte, ja sogar, jedoch nur
langsam niederfiel, wobei das Gesicht auf den Boden zu liegen kam.
Vollkommen bei Besinnung und in der Angst, von einem Wagen
überfahren zu werden, hat sich Pat. aufraffen wollen, ohne dass
Zwei Fälle von Kleinhirntumor. 389
ihm dies jedoch gelungen wäre. Er wurde von vorbeigehenden Leu-
ten aufgehoben, dann auf das Trottoir geführt, — und jetzt konnte
er wieder allein weiter gehen. Am Abende nach diesem Anfalle,
der einige Minuten gedauert hätte, bekam er Zuckungen in seiner
linken Gesichtshälfte, die durch einige Wochen andauerten, trotz
Anwendung von Elektricität und Bromkalium. Nachdem die Zuckun-
gen aufgehört hatten, #trat auch zeitweise heftiger Hinterhaupts-
schmerz u. s. sowohl mit den Schwindelanfallen gleichzeitig als
auch ohne dieselben auf, begleitet Von einem Gefühl von Spannung
in der Nackenmusculatur und von einem Zuge des Kopfes nach
hinten und links. — Die Schwindelanfalle traten in der letzteren
Zeit auch beim ruhigen Liegen auf, waren jedoch viel kürzer und
minder intensiv; am leichtesten wurden sie hervorgerufen durch
eine rasche und starke Bewegung mit dem Kopfe und durch eine
Erschütterung desselben. Trotz genauer Beobachtung der ärztlichen
Vorschriften nahmen die Anfälle an Zahl und Heftigkeit immer
mehr zu. Pat. sei in der letzten Zeit wiederholt zusammengestürzt,
ohne das Bewusstsein verloren zu haben, und sei stets rücklings
gefallen. In der letzteren Zeit habe er an manchen Tagen trüb,
wie durch einen Nebel, an anderen Tagen wieder ganz gut gesehen;
zeitweise sei ihm durch einige Minuten ganz schwarz vor den Augen
gewesen, so dass er gar nichts gesehen habe. In den letzten
Monaten habe er beinahe continuirliche Schmerzen, besonders im
Hinterhaupte; er habe das Gefühl, als wenn sein Kopf springen
müsste und derselbe nur zusammengeschraubt wäre. Vor 14 Tagen
habe er nach einem Schwindelanfalle wiederholtes Erbrechen ge-
habt, ohne dass Ueblichkeit vorangegangen wäre. Der Schlaf ist in
der Eegel ein guter; Appetit ist vorhanden, der Stuhl ist etwas
träge.
Am 18. Juli 1881 kam Patient, von seinem Bruder gestützt,
zu Fuss auf meine Abtheilung und bot folgenden Status praesens
dar: Pat. mittelgross, von zartem Knochenbaue, gut entwickelter
Musculatur und fettarmem Unterhautzellgewebe. Die Haut ist
bräunlichweiss , die Kopf- und Barthaare sind grau, die ersteren
am Scheitel spärlich; sonst von Seite des Schädels nichts Abnormes.
Anfälle von Kopfschmerz und Schwindel, wie sie in der Anamnese
geschildert wurden; deutlicher Nystagmus sowohl bei seitlicher
Blickrichtung, als auch bei der Bewegung der Bulbi nach auf- und
390 Chvostek.
abwärts. Die Pupillen massig weit, etwas träger reagirend. Pat.
sieht wie durch einen Schleier; er kann den gewöhnlichen Druck
einer Zeitung nicht mehr losen, sondern höchstens einzelne Buch-
staben davon unterscheiden.
Die ophthalmoskopische Untersuchung ergibt eine Stauungs-
papille auf beiden Augen.
Auf dem linken Ohre ist Pat. vollständig taub und auch die
Knochenleitung auf demselben fehlend; die 'Untersuchung mit dem
Ohrspiegel ergibt nichts Abnormes. Von Seite der Geschmacks-
und Geruchsnerven, sowie von Seite des Facialis und Trigeminus
keine Abnormität. Die Zunge wird gerade hervorgestreckt, die
Sprache ist nicht gestört. Leichte Spannung und Schmerzhaftigkeit
der Nackenmusculatur linkerseits. Das Schlingen zeigt keine Störung.
Seit gestern hat Pat. zum ersten Male das Gefühl von Ameisen-
laufen im rechten kloinen Pinger. An den oberen Extremitäten
ist weder in Betreff der Motilität, noch in Betreff der Sensibilität
und der Beflexerregbarkeit irgend eine Störung nachweisbar. Von
Seite der Harnblase und des Mastdarmes keine Functionsstörungen
und fiberhaupt nichts Abnormes. An den unteren Extremitäten um
die Knie herum und am vorderen Theile der oberen Hälfte des
linken Unterschenkels ziemlich ausgebreitete bläuliche und gelbliche
Blutextravasatflecke in der Haut. Die Sensibilität ist an den unteren
Extremitäten normal. Die Patellav-Sehnenreflexe sind etwas ge-
steigert; Achilles-Sehnonreflexe sind nicht vorhanden.
Die Respiration ist unregelmässig; auf mehrere sehr tiefe
Athemzüge kommen dann wieder mehrere seichte, im Ganzen ist sie
nicht verlangsamt. Puls 60. Sonst von Seite der Brust- und ebenso
von Seite der Unterleibsorgane nichts Abnormes. Nachdem sich
Pat. mühsam aufgesetzt hatte, war der Kopf nach links und hinten
stark geneigt und liess sich nach links etwas, nach rechts fast gar
nicht drehen. Als diese passiven Bewegungsversuche gemacht wur-
den, fiel Pat. plötzlich nach rückwärts und links zurück; sein Be-
wusstsein war sehr stark getrübt, jedoch nicht erloschen; die Augen
waren stier, die oberen Extremitäten zitterten, insbesondere die
rechte, die unteren Extremitäten wurden mehrere Male krampfhaft
gehoben und gesenkt. Nachdem dieser Zustand mehrere Secunden
gedauert hatte, kam Pat. wieder zum vollkommenen Bewusstsein
und sagte: „Himmel Sacrament! Was ist das wiederum mit mir?a
Zwei Fälle von Kleinhfrntumor. 391
setzte sich mit einiger Unterstützung auf, stand auf und ging mit
Hilfe eines Stockes und von einem Wärter leicht unterstützt, etwas
im Zimmer. Pat. ging mit breiter Basis und sehr mühsam; der
Kopf und der Oberkörper waren dabei ziemlich stark nach links
imd hinten geneigt, so dass Patient au der linken Schulter unter-
stützt werden musste, weil er sonst nach links und hinten gefallen
wäre. Wenn Pat. auf einen Gegenstand in gerader Richtung gehen
soll, so weicht er immer nach links ab; beim Umdrehen taumelt
er wie ein Betrunkener; sitzen kann Pat. ohne Unterstützung nur
einige Secunden und fällt dann nach hinten und links zurück.
Diagnoso: Tumo**corobelli sin. Therapie solat. causa:
Jodkalium in kleinen Dosen und Galvanisation des Halssympath. tf
und des Hinterhauptes mit sehr schwachen Strömen.
21. Juli. T. 37-0°, 37-2°, P. 64, R. 20-24. Die heutige
Nacht war durch stärkere Schmerzen im Hinterhaupte und seit
Mitternacht auch durch reissonde, bohrende und ziehende Schmerzen
in der rechten Gesichtshälfto und insbesondere in den Zähnen ganz
gestört. Gegen Morgen Erbrechen einer geringen Menge einer gallig
gefärbten, schleimigen Flüssigkoit. Auch habe er seit heuto Nachts
Schmerzen im Rachen und erschwertes Schlingen; die Rachen-
schleimhaut ist nicht geröthot. Auf der Brust habe er ein Gefühl
von Spannung, das durch einige Ructus erleichtert wird. Sonst
Stat. idem.
22. Juli. Pat. klagt über starke Schmerzen in der Stirn-,
Scheitel- und Hinterhauptgegeud; er habo das Gefühl, als wollte
ihm der Kopf zerspringen. Die Schmerzen in der rechten Gosichts-
hälfte sind etwas geringer. Sonst. Stat. idem.
23. Juli. T. 37-0°, 37-4°, P. GG. Pat. habo die ganze Nacht
hindurch heftige Schmerzen gehabt, besonders im Hinterhaupto und
in der rechten Gesichtshälfte. Sonst Stat. idem.
24. Juli. Die heutige Nacht war ruhig, erst gegen Morgen
traten Schmerzen im Kopfe, nicht aber im Gesichte auf. Unwill-
kürliche Harnentleerung. Setzt man den Pat. auf, so gorathon seine
Rücken- und Lendenmuskoln in ziemliche Contractur, so dass Pat.
nicht sitzen bleiben kann und einen stieren Blick bekommt, Sonst
Stat. idem.
25. Juli. Temp. 37*0°, 37'2°. Als Pat. heuto Morgens in die
linke Hand die Spuckschale genommen hatte, fing die linke obero
392 Chvostek.
und bald darnach auch die beiden unteren Extremitäten zu zucken
an; dabei wurde es ihm vor den Augen schwarz, aber er verlor das
Bewusstsein nicht. Dieser Anfall dauerte etwa 2 Minuten. Der
Kopfschmerz und die Nackenspannung halten an.
26. Juli. T. 36-9°, P. 68, E. 20. Pat. hat heute Nachts
ruhig geschlafen und des Morgens etwas grünliche schleimige
Flüssigkeit erbrochen. Pat. ist soeben allein, wenn auch mit grosser
Mühe, aufgestanden, wobei es ihn jedoch immer nach rückwärts
und links zog; kaum hatte er jedoch zwei Schritte nach vorwärts
gemacht, so ist er wiederum ins Bett zurückgefallen. Pat. be-
hauptet, dass er kurz vor dem Eintritte ins Spital noch Spazier-
gänge von xj2 bis 1 stündiger Dauer habe machen können. Die
oberen Extremitäten und die Zunge machen, wenn sie hervorge-
streckt werden, leichte zuckende Bewegung. Starker Nystagmus bei
allen Blickrichtungen; überhaupt sonst Stat. idem.
27. u. 28. Juli. T.37-10, 37-7°, P. 70, E. ruhig, regelmässig.
Kein Erbrechen. Pat. schläft in der Nacht gut, hat noch immer
Hinterhauptschmerzen: überhaupt sonst Stat. idem.
29. Juli. T. 37-0°, 37'5°, P. 60. Der Hinterhauptschmerz sei
etwas geringer, dafür habe er einen starken drückenden Schmerz
in der Stirn. Heute Morgens hat Pat. den Kaffee erbrochen. Pat.
verspürt in der Halsgegend einen drückenden Schmerz, der dann
nachlässt, wenn ein Aufstossen von Luft unter gurrendem Geräusche
stattgefunden hat. Harn lichtgelb, ohne Eiweiss. Sonst Stat. idem.
30. Juli bis 2. August. T. 37-4°-37'8°, P. 72—80. Kein
Erbrechen, Schlaf gut: sonst Stat. idem.
3. August. T. 37-3°, 37*5°, P. 60. Schlaf gut, gegenwärtig
kein Kopfschmerz. Pat. ist somnolent und delirirt zeitweise. Der
Nystagmus ist geringer und nur bei seitlicher Blickrichtung vor-
handen. Die rechte Nasolabialfalte ist ein klein wenig minder gut
ausgesprochen als die linke und der rechte Mundwinkel wird minder
gut gehoben, als der linke. Zeitweise unwillkürliche Harnentleerung.
4 Stunden nach dem Essen Erbrechen einer gelblichen Flüssigkeit
und von Speiseresten. Eespiration ruhig, langsam und regelmässig;
sonst Stat. idem.
8. August. Pat. ist stark somnolent; Pat. greift mit der
Hand gegeu den Kopf und reibt sich die Stime. P. 60, E. 18 — 20,
Zwei Fälle von Kloinhirntumor. 393
unregelmässig. Am Kreuzbein ein erbsengrosser Decubitus. Sonst
Stat. idem.
9.— 10. August. T. 37-6°, 377°. P. 100, R. 18. Pat. erkennt
die. um ihn stehenden, ihm früher bekannten Personen nicht. Pupillen
etwas verengert, beide gleich. Die Hautreflexe sind ziemlich, die
Patellar-Sehnenreflexe sehr bedeutend gesteigert. Fussphänomen ist
beiderseits sehr deutlich; das Schütteln dauert so lange, als der
Puss dorsalwärts flectirt gehalten wird. Sonst Stat. idem.
12. August. T. 36-9°, 37*2°, P. 64. Die Somnolenz ist ge-
ringer. Pat. gibt an, dass er fast gar nichts sehe, und dass er
beim Zuhalten bald des einen, bald des anderen Auges mit dem
rechten Auge etwas weniges besser sehe, doch sind seine Angaben
in letzterer Beziehung ziemlich widersprechend. Bei ruhiger Rücken-
lage hat Pat. in den beiden unteren Extremitäten Schüttelkrämpfe,
welche sich bei willkürlichen Bewegungen mit den Extremitäten
steigern. Sonst Stat. idem.
13.— 14. August. T. 37*2°, 37'5°, P. 64. Pat. bewusstlos;
die Pupillen weit, nur sehr träge reagirend. Die Schüttelkrämpfe
und Reflexe wie gestern. Sonst Stat. idem.
15. August. Kein Schütteln der unteren Extremitäten. Der
Achilles-Sehnenreflex nur noch rechts vorhanden. Sonst Stat. idem.
16. August. T. 40*0°, 40-1°. R. 42 costo-abdominell. Sopor.
Das rechte obere Augenlid wird nur 2 — 5 Mm., das linke mehr
als 1 Ctm. hoch emporgehoben. Die Pupillen sind eng und reagiren
nicht. Die rechte Wange hängt schlaff herab. Auf Nadelstiche
reagirt Pat. nicht. Leichte Cyanose; kein Husten. In der folgenden
Nacht erfolgte der Tod.
Auszug aus dem Sectionsprotokolle (Chvostek): Das
Schädeldach oval, 4 Mm. dick, compact, entsprechend dem Sulcus
sigmoid. sehr verdünnt. Der Sinus falciformis maj. enthält flüssiges
Blut. Die Dura mater ist dünn, durchscheinend, von Pacchionischen
Granulationen durchsetzt. Die Hirnbrücke ist in ihrer rechten Hälfte
vollständig intact; von ihrer linken Hälfte sind nur die medianen
Theile erhalten und zwar vorne nur auf 1 Ctm., rückwärts soga1*
nur auf 3 Mm. Breite. Die übrigen Partien der linken Brücken-
hälfte verdünnen sich sehr rasch zu einem Blatte, das nach aussen
zu immer dünner wird und sich an der basalen Wand eines mehr
als. taubeneigrossen, mit gelber, klarer Flüssigkeit gefüllten Sackes
394 Chvostek.
verbreitert. Die obere Wand dieses Sackes ist 1 — 3 Mm. dick, und
wird von den oborsten Partien der vorderen Eleinbirnhemispbäre
gebildet, in welche letztere die Cyste eine ziemlich tiefe Grube
macht. Die Medulla oblong, ist in ihrer linken Hälfte und zwar in
ihren äussersten Partien ebenfalls durch Druck verdünnt. Die linke
Flocke ist sehr platt gedrückt ; ihre Windungen sind verschwunden.
An ihrem untersten Ende befindet sich ein 4 Ctm. im sagittalen,
je 3 Ctm. im frontalen und verticalen Durchmesser betragender, an
der Oberfläche flachhöckriger Tumor, der von einer stark binde-
gewebehaltigen Hülle überzogen ist. Auf der Schnittfläche erscheint
der Tumor von ziemlicher Consistenz, im Allgemeinen graulich
weiss, hie und da diffus gelblich weiss gefärbt, von zahlreichen
erweiterten, mit Blut gefüllten Gefässen durchsetzt, schwer zerreiss-
lich, zum Theil fasrig brüchig; von seiner Schnittfläche lässt sich
ein trüber weisser Saft abstreifen. Dieser Tumor hängt mit
der Cyste und den vordersten Partien der linken Klein-
hirnhemisphäre durch gefässreiches Bindegewebe zu-
sammen. Auf Querschnitten erscheint die Substanz der Brücke
und der Med. oblong., abgesehen von den schon angegebenen Ver-
änderungen von normaler Beschaffenheit. Die Dura mater ist ent-
sprechend der linken Schläfebeinpyramide auf mehr als 172 Cta1-
in frontaler und etwa l1/* Ctm. in verticaler Kichtung halb zerstört
und daselbst der Knochen auf 3 Mm. usurirt. Vom Grunde dieses
Knochensubstanzverlustes erstrecken sich noch zwei kleine Höhlen
tiefer in den Knochen hinein, wovon die eine 2, die andere 1 Mm.
im Durchmesser hat. Die Sinus der Schädelbasis enthalten flüssiges
Blut. Die weichen Hirnhäute sind zart und durchscheinend. In der
hinteren Schädelgrube findet sich viel seröse Flüssigkeit. Die
Seitenventrikel sind durch eine seröse Flüssigkeit ziem-
lich stark ausgedehnt, die Streifen- und Sehhügel abgeplattet,
Der Ventrikel des Septum pellucid. ist ebenfalls durch seröse
Flüssigkeit ausgedehnt. Die Sehnerven erscheinen für das blosse
Auge nicht merklich verändert. Sonst nur noch Anwachsung der
beiden Lungenspitzen.
Der Tumor erweist sich bei der mikroskopischen Untersuchung
als Spindolzellensarcom (Weich sei bäum).
Diagnose. Sarcom an der Grenze der linken Brücken-
und Kleinhirnhälfte, von den inneren Hirnhäuten aus-
Zwei Fälle von Kleinhirntumor. 395
gehend. Caries des Felsenbeines. Chron. Hydrops der
Hirnventrikel. Leichte Anwachsung der Lungenspitzen.
Epikrise. M. Bernhard1), hat 90 Fälle von Tumoren des
Kleinhirnes und 20 Fälle von Tumoren der hinteren Schädelgruben
zusammengestellt. 17 von den Tumoren der hinteren Schädelgrube
bieten ganz die Symptome dar, wie die Tumoren der Kleinhirn-
hemisphären. Gewöhnlich werden die Erkrankungen der letzteren
von denjenigen des Wurmes bei Besprechung der Symptome und
zwar mit vollem Bechte getrennt, da nach Nothnagel8) Ausfalls-
erkrankungen, wenn sie in einer Kleinhirnhemisphäre localisirt sind,
regelmässig vollständig latent bleiben.
Da meine beiden Fälle nicht vom Kleinhirnwurm ausgegangen
waren, sondern die Kleinhirnhemisphären betrafen, so will ich hier
über die Symptome des ersteren nur in aller Kürze das Noth-
wendigste mittheilen. Nach Nothnagel sind nur Coordinations-
störungen, namentlich taumelnder, schwankender Gang und starker
Schwindel direct auf das Kleinhirn, respective auf den Kleinhirn-
wurm zu beziehen, alle anderen bei Kleinhirnerkrankungen beob-
achteten Symptome sind durch raumbeschränkende Einflüsse auf
die Nachbarschaft bedingt. Unter den 90 von Bernhard zusammen-
gestellten Fällen von Kleinhirntumor hatte derselbe sich 22 Mal
in der Kleinhirnmitte, respective im Wurm festgesetzt. Durch
Zusammenstellung dieser 22 Fälle gelangt nun Bernhard zu
folgendem Resultate : Tumoren des Kleinhirnwurmes äussern sich
vorwiegend durch die Gegenwart heftiger, oft intermittirend auf-
tretender Kopfschmerzen, die im Hinterhaupt und Nacken, seltener
in der Stirngegend localisirt werden. Andere Sensibilitätsstörungen
am Gesicht oder an den Extremitäten fehlen. Neben allgemeiner
Schwäche und Abgeschlagenheit machen sich im motorischen Ge-
biete in auffallender Weise Störungen in der Gleichgewichtshaltung
des Körpers sowohl beim Stehen, wie beim Gehen bemerkbar; die
Kranken taumeln, schwanken eventuell nach vorne, hinten oder zur
Seite und bewegen ihre an sich nicht gelähmten Extremitäten in
uncoordinirter, ungeschickter Weise nach Art Ataktischer. Convul-
!) Beiträge zur Symptomatologie und Diagnostik der Hirngeschwülste.
Berlin 1881. p. 213-260 und 304-310.
■) Topische Diagnostik der Hirnkrankheiten. Berlin 1879. p. 15—98.
396 Chvostek.
sionen treten mehr in den Hintergrund, ausgesprochene halbseitige
Lähmungen fehlen. Ausserdem kommen in etwa einem Drittel der
Fälle Schwindelerscheinungen und häufig Sehstörungen (Amblyopie,
Amaurose) vor. Läsionen anderer Sinne, Geistesstörungen, Sprach-
und Schlingbehinderung kommen wohl zur Beobachtung, aber bieten
für das Krankheitsbild nichts Charakteristisches dar ; höchstens kann
das Vorkommen von Erbrechen, wenn es neben den Hinterhaupts-
schmerzen und der schwankenden Körperhaltung auftritt, die Dia-
gnose auf eine Erkrankung des Kleinhirnes noch mehr wahrscheinlich
machen.
Ich gehe nun zur Besprechung der Symptome der Tumoren
der Kleinhirnhemisphären und meiner beiden in diese Kate-
gorie gehörenden Fälle über. Da muss ich gleich von vorne hervor-
heben, dass die bei denselben beobachteten Symptome in Anbe-
tracht der Symptomlosigkeit der Ausfallserkrankungen dieser Hemi-
sphären, auf Compression entweder des Kleinhirnwurmes oder des
Pons oder der Medul. oblong, oder der benachbarten Hirnnerven
beruhen.
Das häufigste Symptom ist der Kopfschmerz; Bernhardt
fand ihn in den 68 von ihm zusammengestellten Fällen 50 Mal (73$).
Derselbe ist bisweilen enorm heftig, sitzt zumeist in der Hinterhaupt-
und Nackengegend, von da bisweilen in die Schultern und Arme aus-
strahlend, nur selten in der Stirn (in Bernhardte Fällen 6 Mal)
noch seltener am Scheitel (2 Mal Bernhardt). Nicht selten wird
er von den Kranken stets auf der dem Tumor entsprechender Seite
angegeben. Der während des ganzen Kraukheitsverlaufes im Hinter-
haupt localisirte Schmerz hat eine gewisse diagnostische Bedeutung
für raumbeschränkende Erkrankungen in der hinteren Schädelgrube,
aber selbstverständlich nur unter Berücksichtigung anderer Symptome.
Was nun meine beiden Fälle anbelangt, so war in beiden Hinter-
hauptschmerz vorhanden. In der I. Beobachtung sass der Schmerz
im Hinterhaupte und ausserdem noch in den Schläfen und zwar
beiderseits ; er war sehr heftig und drückend (Pat. hatte das Ge-
fühl, wie wenn ihm der Schädel eingedrückt würde) ; er kam und
zwar als eines der ersten Krankheitssymptome anfallsweise, anfangs
bis 2 Mal täglich, später immer seltener und zwar zumeist, nachdem
unmittelbar Schwindel und Erbrechen vorangegangen war. In der
II. Beobachtung trat derselbe erst 2 Jahre nach Beginn der Krank-
Zwei Fälle von Kleinhirntumor. 397
heitserscheinungen auf, hatte seinen Sitz im Hinterhaupte, war sehr
heftig und trat ebenfalls anfallsweise auf und zwar entweder zu-
gleich mit den Schwindelanfällen, oder auch ohne solche; er war
von einer Spannung der Nackenmusculatur und von einem Ziehen
des Kopfes nach links und hinten begleitet. In den letzten Monaten
hatte Pat. beinahe continuirliche Schmerzen, besonders im Hinter-
haupte, wobei er das Gefühl hatte, als wenn ihm der Kopf zer-
springen müsste und er nur zusammengehalten wäre. In den letzten
3—4 Wochen traten auch zeitweise Schmerzen in der Stirn- und
Scheitelgegend auf.
Während Nothnagel angibt, dass der Schwindel zu den
regelmässigsten Vorkommnissen bei allen raumbeschränkenden Er-
krankungen des Kleinhirnes gehöre, fand ihn Bernhardt bei
Tumoren des Wurmes in 36 % (22: 8) und bei Tumoren der Hemi-
sphären des Kleinhirnes nur in 28 # (68:17) der Fälle. Derselbe
tritt gewöhnlich schon sehr frühzeitig auf, ja nicht selten sogar als das
erste Symptom und ist gewöhnlich sehr heftig. Er kommt gewöhn-
lich in Form von Anfällen zur Beobachtung und nur sehr selten
ist er fast continuirlich. Diese Anfalle treten gewöhnlich auf, wenn
die Kranken aus dem Bette aufstehen, und häufig auch wenn sie
sich im Bette einfach aufsetzen. Diese Anfälle steigern sich sehr
häufig bei Schliessung der Augen und vermindern sich nicht selten,
wenn sich Pat. an etwas anhalten kann. Die Pat. habon meist das
Gefühl, dass ihr eigener Körper den Halt unter den Füssen ver-
loren habe, schwanke, seltener die Täuschung, dass sich die Um-
gebung um sie drehe.
Wie Nothnagel richtig hervorhebt, bekommt der Schwindel
erst durch das Zusammentreffen mit cerebellaren Bewegungs-
störungen eine Bedeutung für die Diagnose von Kleinhirner-
krankungen.
In meiner I. Beobachtung trat der Schwindel als erstes Sym-
ptom und zwar anfallsweise auf. Die Anfälle kamen anfangs 2 Mal
täglich, später allmälig immer seltener und waren anfangs von
Erbrechen begleitet und von Kopfschmerz gefolgt, später fehlte
bisweilen auch das Erbrechen und noch häufiger der Kopfschmerz.
Der Schwindel trat bei ihm in der horizontalen Lage niemals auf
und derselbe äusserte sich als ein Gefühl, als ob sich in dem
Schädel des Pat. etwas drehen würde.
398 Chvostek.
Auch in meiner IL Beobachtung trat (1 Min. dauernder)
Schwindelanfall als erstes Symptom auf ; während desselben zog es
ihn nach links, so dass er an die links von ihm befindliche Wand
angestreift habe und Pat. hatte das Gefühl, als ob sich die Gegen-
stände um ihn von links nach rechts langsam drehen würden;
nach dem Schwindelanfalle hatte er noch durch einige Stunden
eingenommenen Kopf. Der zweite Anfall kam erst nach 3 Monaten,
dann wurden die Anfälle allmälig häufiger. Später traten sie auch
im ruhigen Liegen auf und wurden immer häufiger und intensiver
und vom Falle nach rückwärts begleitet. Sie wurden am leichtesten
hervorgerufen durch eine rasche und starke Bewegung mit dem
Kopfe oder durch eine Erschütterung desselben.
Schwankender Gang, auch als Taumeln, Unmöglichkeit zu
gehen und zu stehen, Unsicherheit, Gang eines Betrunkenen,
Incoordination etc., bezeichnet findet sich nach Bernhardt bei
Tumoren des Wurmes in 77 #, bei Tumoren der Kleinhirnhemi-
sphären nur in 41 % der Fälle. In meiner I. Beobachtung ist von
diesem Symptom keine Erwähnung, in meiner IL Beobachtung ist
bei der Aufnahme des Kranken notirt, dass er beim Ujndrehen wie
ein Betrunkener taumle.
Bisweilen beobachtet man bei Kleinhirntumoren die Neigung
nach vorne, hinten oder nach der Seite zu fallen, welche
Erscheinungen Nothnagel für eine weitere Steigerung des cerebel-
laren Schwankens hält. Derselbe glaubt auch für diejenigen Fälle,
in denen die Fallrichtung stets in derselben Richtung stattfindet,
die directe oder indirecte Betheiligung der mittleren Kleinhirn-
schenkel, beziehungsweise ihre Einstrahlung in das Cerebellum an-
nehmen zu können. Meine beiden Fälle widersprechen dieser Hypo-
these nicht. Aus der Richtung der Fallbewegung lässt sich nicht
auf den Sitz des Tumors in der einen oder der anderen Hemisphäre
schliessen ; allerdings kommt es sehr häufig vor, dass die Fall-
richtung nach der Seite stattfindet, auf welcher der Hirntumor sitzt,
aber man findet auch nicht wenige Ausnahmen davon (meine
I. Beobachtung). In dieser sass der Tumor in der linken Kloinhirn-
hemisphäre und der Pat. bekam einige Monate nach Beginn der
Erkrankung ein Gefühl von Zug nach rechts und beim Sitzen die
Tendenz nach rechts zu fallen.
Zwei Fälle von Kleinhirntumor. 399
In meiner II. Beobachtung, in welcher der Tumor ebenfalls
links sass, hatte Pat. gleichzeitig mit den Hinterhauptschmerzen
einen Zug des Kopfes nach links und hinten ; später sei er während
der Schwindelanfalle stets nach rückwärts gestürzt. Bei der nach
der Aufnahme auf meine Abtheilung vorgenommenen Untersuchung
des Pat. war beim Gehen sein Kopf und Bumpf nach hinten ge-
neigt, so dass Pat. gestützt werden musste; beim Sitzen fiel der-
selbe nach einigen Secunden nach links und hinten ; und am
26. Juli ist notirt: Beim Versuche zu gehen stürzt Pat. nach
zwei Schritten nach links und hinten.
Erbrechen kommt sehr häufig bei Tumoren des Kleinhirnes
vor und zwar nach Bernhardt bei Erkrankimgen des Wurmes in
73 #, bei denjenigen der Kleinhirnhemisphären in 53 # (bei Bern-
hardt ist fälschlich 36 # angegeben, denn auf 68 Fälle kamen
36 mit Erbrechen vor). Dasselbe kommt nur bei raumbeschränkenden
und nicht bei Ausfallserkrankungen des Kleinhirnes vor und ist
hier zumeist bedingt durch Druck auf die Medul. oblong, nach
Nothnagel möglicher Weise auch noch durch eine anderweitige
Einwirkung auf die letztere. Dass das Erbrechen nicht allein bei
raumbeschränkenden Erkrankungen des Kleinhirnes, sondern auch,
wenn auch viel seltener, bei solchen in anderen Hirnpartien vor-
kommt, ist hinlänglich bekannt. Bei Kleinhirntumoren tritt das Er-
brechen in der Kegel frühzeitig, bisweilen sogar (I. Beobachtung)
als eines der ersten Symptome auf, in einzelnen seltenen Fällen
(meine IL Beobachtung, je ein Fall von Nothnagel1) und
Barudel2)) erst im späteren Krankheits verlaufe. Dasselbe tritt bei
Kleinhirntumoren häufig beim Uebergange der horizontalen in die
verticale Lage, dann gewöhnlich mit Schwindel vergesellschaftet,
häufig aber auch mit den Anfällen von Hinterhauptsschmerz, nicht
selten aber auch ohne diese Umstände auf.
In meiner I. Beobachtung trat das Erbrechen als eine der
ersten Krankheitserscheinungen auf und zwar anfallsweise, anfangs
2 Mal täglich, allmälig immer seltener und ohne Ueblichkeit; in
der ersteren Zeit des Krankheitsverlaufes war es stets mit Schwindel
vergesellschaftet, im späteren Verlaufe kam es manchmal auch
*) 1. c. p. 68.
*) Bernhardt 1. c. p. 217. 16. Beobachtung.
Med. Jahrbücher. 1882. 26
400 Chvostek.
ohne den letzteren vor, in der ersteren Periode des Krankheits-
verlaufes war es stets von heftigem Kopfschmerze gefolgt, im
späteren Verlaufe fehlte der letztere zumeist.
In meiner II. Beobachtung, in welcher die ganze Dauer der
Krankheitserscheinungen drei Jahre betrug, hat Pat. erst in den
letzten 6 Wochen einige Male erbrochen und zwar ohne Ueblich-
keit und das erste Mal nach einem Schwindelanfalle, später ohne
letzteren.
Amblyopie, Amaurose kommen nach Bernhardt bei
Tumoren des Wurmes in mehr, als der Hälfte, bei denjenigen der
Hemisphären in 45*6 # (68:31) der Fälle vor. Bei der ophthal-
moskopischen Untersuchung findet man eine Stauungspapille oder
Neuritis optica oder bei längerem Bestände der Sehstörung Atrophie
des Sehnerven. Dass die Sehschwäche bei Kleinhirntumoren häufiger
vorkommt als bei Tumoren und anderen raumbeschränkenden
Processen anderer Hirnpartien ist wohl feststehend, aber die Ur-
sache davon noch nicht ganz aufgeklärt. In meiner I. Beobachtung
trat schon vom zweiten Monate ab Abnahme des Sehvermögens,
sich allmälig bis zur completen Blindheit steigernd; 10 Monate
später wurde Atrophie der Sehnerven constatirt und zwar links
stärker, als rechts.
In meiner n. Beobachtung trat erst in den letzten Monaten
Abnahme des Sehvermögens auf, wobei dieselbe in ihrer Intensität
sehr schwankte, und sich schliesslich bis fast zur Blindheit steigerte.
Etwa vier Wochen vor dem Tode wurde ophtalmoskopisch Stauungs-
papille nachgewiesen.
Ueber das Verhalten der Pupillen findet man bei Bern-
hardt bei Besprechung der Tumoren des Wurmes des Kleinhirnes
folgende Notiz : „einige Male wird von „weiten" (reactionslosen,
blinden Augen angehörigen ?) Pupillen, zweimal von abnormer
Lichtscheu geredet", und bei Tumoren der Kleinhirnhemisphären
ist von dem Verhalten der Pupillen gar keine Erwähnung gemacht.
In meiner I. Beobachtung waren die Pupillen, als der Kranke in
meine Beobachtung kam und bereits Sehnervenatrophie nachweisbar
war, weit und zwar die linke weiter als die rechte, beide nur wenig
reagirend ; im späteren Verlaufe wurden sie minder weit. In meiner
II. Beobachtung waren die Pupillen massig weit, träge reagirend,
am letzten Tage wurden sie jedoch enge.
Zwei Fälle von Kleinhirntumor. 401
Sonst wurde nach Bernhardt in einigen Fällen Doppeltsehen
ohne genauere Angaben angeführt und in 3 Fällen eine Abducens-
und in dem einen davon nebstbei eine Trochlearislähmung, abhängig
von dem Drucke, welchen die an der Unterfläche der Kleinhirn-
hemisphären liegenden Geschwulstmassen auf die basalen Theile aus-
übten. In meiner I. Beobachtung war schon vom 2. Monate an eine
starke Abducensparese auf der Seite des Tumors. In Bernhardte
Zusammenstellung von Tumoren der Kleinkirnhemisphären findet
sich je einmal erschwerte Fixation der nystagmusartigen Bewe-
gungen der Bulbi und Exophthalmus, einmal auch eine neuropara-
lytische Augenentzündung und einmal eine Deviation conjuguee der
Augen (beim Sitze des Tumors in der linken Kleinhirnhemisphäre
konnten die Augen nicht nach links gedreht werden). Von allen
diesen Störungen war in meinen beiden Fällen nichts vorhanden,
ausser ein Nystagmus bei jeder Blickrichtung in meiner IL Beob-
achtung.
In zwei der von Bernhardt zusammengestellten Fälle fand
sich eine Ptosis, einmal der Tumorseite entsprechend, einmal auf
der entgegengesetzten Seite, ohne dass es möglich wäre, diese
partielle Lähmung des Oculomotorius durch die vorgefundene Läsion
zu erklären. Auch in meiner IL Beobachtung war aber nur am
letzten Tage u. zw. beiderseitige Ptosis vorhanden, rechts stärker
als links, offenbar durch den Hydrocephalus bedingt.
Während Gehörstörungen nach Bernhardts Zusammen-
stellung bei den Tumoren des Wurmes des Kleinhirnes in 18 #
(22:4) der Fälle beobachtet wurden, kamen dieselben bei denen
der Kleinhirnhemisphären in ungefähr 26*5 % (68 : 18) vor. Ohren-
sausen und Abnahme des Gehörs waren die gewöhnlichen Er-
scheinungen. Dabei war häufig angegeben, dass nur das Ohr einer
Seite entweder allein litt oder doch längere Zeit von dem der anderen
Seite in seiner Function beeinträchtigt wurde; es fand sich dann
fast immer entweder eine Infiltration des N. acusticus der dem
Tumor entsprechenden Seite mit Geschwulstmassen oder eine Com-
pression der der Tumorseite entsprechenden Gehirnbasis und der
dort gelegenen nervösen Gebilde. — In meiner I. Beobachtung
war vom 9. Monate der Erkrankung an zeitweise links, vom 10.
Monate zeitweise auch rechts Ohrensausen durch 57a, resp. 47a
Monate hindurch. In meiner II. Beobachtung entstand durch Com-
26*
402 Chvostek.
pression des 1. Acusticus schon einige Monate nach Beginn der
Krankheitserscheinungen Sausen im linken Ohre und allmälig com-
plete Taubheit an diesem Ohre.
Nach Bernhardt machte sich in einem Drittel sämmtlicher
Beobachtungen eine Botheiligung der Psyche geltend. Abnahme
der Intelligenz, des Gedächtnisses, Apathie wechselnd mit Gereizt-
heit, Schwormuth, Schlaflosigkeit oder abnorme Schlafsucht werden
als hauptsächlichste Störungen hervorgehoben. Diese Hirnsymptome
sind auf die allgemeine intracranielle Drucksteigerung durch den
Tumor, namentlich aber durch den nicht selten vorkommenden
Hydrocephalus zu beziehen. In moiner I. Beobachtung war schon
gleich anfangs während der Schwindelanfalle eine leichte Trübung
des Bewusstseins. Vom 9. Monate der Krankheit leichte Abnahme
des Gedächtnisses und der Intelligenz. Vom Beginn des 2. Jahres
der Krankheitssymptome zeitweise durch mehrere Tage, später
andauernd Somnolenz und Nachts leichte Delirien, unwillkür-
licher Abgang des Harnos, später auch des Stuhles. In meiner
II. Beobachtung war in den letzten 14 Tagen mehr minder starke
Somnolenz und in den letzten 4 Tagen Bewusstlosigkeit, selbst-
verständlich mit unwillkürlichen Harn- und später auch Stuhl-
entleerungen.
Wenn wir von dem Hinterhauptschmerze absehen, so sind die
allenfalls zur Beobachtung kommenden Störungen der Sensi-
bilität nicht von der Einwirkung des Tumors auf das Kleinhirn,
sondern auf die Nachbarschaft oder von Complicationen abzuleiten.
So kamen nach Bernhardt Anästhesien der unteren Extremitäten
zur Beobachtung, die in der gleichzeitigen Betheiligung des Kücken-
markes ihre Erklärung finden. Halbseitige An- oder Parästhesie
fand sich in einigen Fällen durch Druck des Tumors auf die Brücke
oder auf die Medul. oblong. Dasselbe gilt für die in einigen Fällen
beobachteten Sensibilitätsstörungen (Schmerzen, An- oder Par-
ästhesien) im Gesichte. In meiner I. Beobachtung war 11 Monate
nach dem Auftreten der ersten Krankheitserscheinungen das Loca-
lisationsgefühl an der linken Gesichtshälfte und an den linken
Fingern und Zehen etwas weniges herabgesetzt, was sich jedoch
später wieder verlor. In meiner IL Beobachtung war 1 Monat vor
dem Tode durch 3 Tage hindurch heftige Neuralgie des rechten
Trigeminus beim Sitze des Tumors auf der linken Seite und im
Zwei Fälle von Kleinhirntumor. 403
letzten Monate hatte Pat. das Gefühl von Ameisenlaufen im rechten
kleinen Finger.
Nach Bernhardt treten bei den Tumoren der Hemisphären
sehr viel prägnanter, als bei solchen des Wurmes des Kleinhirnes
hemiplegische oder paraplegische Erscheinungen in den
Vordergrund. Dieselben sind bald auf Compression des Bücken-
markes durch Tumormassen, oder auf secundäre Degeneration des-
selben oder auf den Druck zu beziehen, welchen Theile der Brücke,
der Medul. oblong, und einzelne Hirnnerven von Seite des Tumors
erleiden. Die hemiplegischen Erscheinungen treten entweder auf der
dem Tumor contralateralen Seite (4 Fälle) oder auf derselben
Seite, auf welcher sich der Tumor befindet (4 Fälle); in einigen
Fällen fand sich auch alternirende Lähmung. — In meiner I. Beob-
achtung entwickelte sich vom 3. Monate an allmälig eine Parese
der linken unteren Extremität, später auch eine solche der rechten,
welche sich allmälig bis zu einem starken Grade steigerte; später
wurden auch die oberen Extremitäten leicht paretisch. Bei der
Untersuchung fand man auch eine leichte Parese der Wangenzweige
des linken und der Stirnzweige des rechten Facialis; die elektro-
musculäre Contractilität war an den paretischen Muskeln propor-
tional der Parese herabgesetzt. In diesem Falle spielte ausser
dem Drucke des Tumors auf die Brücke und die Medulla oblon-
gata auch noch der Hydrocephalus bei der Erzeugimg der Paresen
eine nicht unwichtige Bolle, namentlich im späteren Verlaufe. —
In meiner n. Beobachtung war nur eine leichte, 14 Tage vor dem
Tode aufgetretene und allmälig zunehmende Parese der Wangen-
zweige des rechten Facialis vorhanden. Merkwürdigerweise fehlte
trotz so hochgradiger Atrophie der linken Brückenhälfte eine contra-
laterale Lähmung der Extremitäten und überhaupt eine Lähmung
oder Parese der Extremitäten, obwohl auch die linke Hälfte der
Medulla oblongata in Folge von Druck ziemlich atrophisch war.
Dieser Fall bestätigt die schon oft gemachte Beobachtung, dass Ner-
venpartien einem starken Drucke ausgesetzt sein können, ohne dass
functionelle Störungen auftreten.
Krampfhafte Zustände treten nach Bernhardt in etwa
25 # der Fälle auf und äussern sich theils als wirkliche epileptische
Convulsionen, theils als petit mal, theils finden sie sich halbseitig
und eventuell nur auf einen Nerven (z. B. Facialis) oder eine Extre-
404 Chvostek.
mität, respective Körperhälfte beschränkt. In meiner I. Beobachtung
fanden sich mit Ausnahme einer 1 Jahr nach dem Beginne der Krank-
heitssymptome aufgetretenen beiderseitigen Nackencontractur keine
krampfhaften Zustände, wohl aber in meiner II. Beobachtung mehr-
fache. Nicht ganz 2 Jahre nach Beginn der Krankheitserscheinungen
traten nach einem heftigen Schwindelanfalle heftige Zuckungen in
der linken Gesichtshälfte auf, welche durch einige Wochen an-
dauerten. Dieselben waren durch Druck des Tumors auf den Facialis
bedingt. Merkwürdigerweise kam es zu keiner Lähmung dieses
Nerven, obwohl der linke Acusticus vollständig fimctionsunßhig
wurde. Ausserdem kamen in diesem Falle epileptiforme Anfälle
vor u. zw. am 18. Juli ist notdrt: „Als sich Pat. mühsam auf-
gesetzt hatte, fiel er plötzlich nach rückwärts und links; sein
Bewusstsein war stark getrübt, die oberen Extremitäten zitterten,
besonders die rechte und die unteren wurden mehrmals krampfhaft
gehoben und gesenkt"; und am 25. Juli: „Als Pat. die Spuckschale
in die Hand genommen hatte, fing diese und bald darnach auch
die imteren Extremitäten zu zucken an und dem Pat. wurde
schwarz vor den Augen; der Anfall dauerte 2 Minuten". — Ausser-
dem wurden bei diesem Patienten noch folgende mot. Reizungs-
erscheinungen beobachtet: am 16. Juli: „die oberen Extremitäten
und die Zunge machen, wenn sie hervorgestreckt werden, leichte
zuckende Bewegungen". 12. — 14. August: „bei ruhiger Rückenlage
hat Pat. in den unteren Extremitäten Schüttelkrämpfe, welche sich
bei willkürlichen Bewegungen mit diesen Extremitäten steigern".
— Ausserdem fand sich in dieser Beobachtung linksseitige •Nacken-
contractur, die mit dem Hinterhauptschmerze auftrat, anfangs nur
während desselben vorhanden war und später andauernd wurde.
Die Sprache wurde in 17$ der Fälle von Tumoren der
Hemisphären und in 9$ der Fälle von solchen des Wurmes nach
Bernhardts Zusammenstellung beeinträchtigt gefunden; dieselbe
wurde als schwerfällig, behindert, lallend, stotternd, abgebrochen,
undeutlich geschildert und diese Sprachstörung beruhte auf einer
Störung der Articulation, bedingt durch Compression des Pons und
der Med. oblongata. — In meinen beiden Fällen kam keine solche,
überhaupt keine Sprachstörung vor.
Schlingbeschwerden fanden sich nach Bernhardt bei
Tumoren der Kleinhirnhemisphären 6 Mal, also 8*8$. In meiner
Zwei Fälle von JÖeinhirntumor. 405
II. Beobachtung trat nicht ganz 4 Wochen vor dem Tode erschwertes
Schlingen und Schmerzen im Bachen ein, ohne eine Entzündung in
denselben und nicht ganz 3 Wochen vor dem Tode hatte Pat. einen
drückenden Schmerz im Halse, der nach Aufstossen nachliess.
Störungen der Eespiration (Dyspnoe) fand Bernhardt
nur in 2 Beobachtungen und von Störungen der Circulation
macht er gar keine Erwähnung. Was nun die ersteren anlangt, so
fanden sich solche in meinen beiden Beobachtungen u. zw. in der I.
etwa 1 Jahr nach Beginn der Krankheitserscheinungen durch einige
Zeit Cheyne-Stokes'sche Eespiration oder eine dieser ähnliche, später
war die Eespiration bald regelmässig, bald unregelmässig; — und in
meiner IL Beob. war die Eespiration zeitweise unregelmässig (auf
mehrere tiefe Eespirationen folgten mehrere seichte). — Der Puls
war in meiner I. Beob. 64 — 80, bald regelmässig, bald unregelmäs-
sig; erst später, als Fieber zugegen war, betrug die Pulsfrequenz 90
und darüber; in meiner IL Beob. war die letztere zumeist 60—64,
bisweilen aber auch 80—100.
Nach Bernhardt wird Diabetes nur einmal erwähnt und von
dem Vorhandensein von Erectionen nur einmal gesprochen. Nur in
meiner I. Beob. wurde auf Zucker untersucht und nur bei der ersten
Untersuchung höchstens eine Spur desselben nachgewiesen, bei der
zweiten Untersuchung auch diese nicht.
In meiner II. Beob. waren bei der ersten Untersuchung die
Patellarsehnenreflexe etwas, vom 7. bis zum 3. Tage vor dem Tode
stark gesteigert, und in dieser letzten Zeit auch ein starker Achilles-
Sehnenreflex vorhanden.
Die Dauer des Processes betrug vom Auftreten der ersten
Krankheitserscheinungen an in der I. Beob. 1 Jahr und 4 Monate,
in meiner IL Beob. 3 Jahre. Der Tod erfolgte in keinem der bei-
den Fälle plötzlich. Letzteres war nach Bernhardts Zusammen-
stellung unter den 90 Fällen von Kleinhirntumoren 18 Mal, also in
22^ der Fall; bei den von ihm zusammengestellten 21 Fällen von
Tumoren in der Med. oblongata kam dieses Ereigniss 5 Mal, also in
24 # vor, beim Sitze der Tumoren in anderen Hirnpartien mehr
oder minder bedeutend seltener. F erb er ist dor Ansicht, dass plötz-
liche Druckschwankungen in der Nähe der das Eespirationscentrum
enthaltenden Medulla oblongata und acute Lähmungen dieses Cen-
trums den plötzlichen Tod in diesen Fällen veranlassen dürften.
406 Chvostek.
Was nun die Diagnose anlangt, so konnte ich dieselbe in
beiden Fällen während des Lebens u. zw. richtig stellen. Was den
I. Fall anlangt, so habe ich schon hervorgehoben, dass ich ihn mei-
nem hochverehrten Lehrer Prof. Duchek übergab, n. zw. mit den
Worten: „Wollen Sie, Herr Professor, den Pat. auf die Klinik ha-
ben? Er hat einen Tüpel (Tumor) im Kleinhirn". Dnchek machte
leider eine andere Diagnose, nämlich grane Degeneration ein-
zelner Hirntheile.
Wie kam es, dass Duchek und ich in Betreff der Diagnose
zu einem ganz entgegengesetzten Resultate gelangt sind? Dies rührt
einfach davon, dass Duchek alle die in diesem Falle beobachteten
Erscheinungen nicht auf einen einzigen Herd zurückfuhren konnte,
während ich glaubte dies im Stande zu sein, wenn ich einen raum-
beschränkenden Herd (Tumor) in den Gebilden der hinteren Schädel-
grube annehme. Auf die nähere Begründung der damals (vor fast
12 Jahren) von mir gestellten Diagnose auf Tumor cerebelli will
ich hier nicht näher eingehen, da mir über den damaligen Gedan-
kengang bei Stellung derselben keine Notizen vorliegen und ich mir
dieselbe daher jetzt künstlich construiren müsste, was für den Leser
wohl nur wenig Werth haben dürfte.
Was nun die Diagnose meiner IL Beobachtung anlangt, so
war dieselbe im Ganzen ziemlich leicht, und in der That stellte
schon mein damaliger Secundararzt Reg.-Arzt Kowalski, der den
Pat. eben zuerst sah, die Diagnose auf einen Tumor cerebelli, welche
Diagnose ich den nächsten Tag bestätigen konnte. Seit 3 Jahren
bestanden sehr starke Schwindelanfalle, wobei Pat. das Gefühl hatte,
dass sich die Gegenstände um ihn langsam von links nach rechts
drehen würden und wobei es ihn nach links zog. Einige Mon. dar-
nach Sausen und Summen und zeitweise auch stechender Schmerz
im linken Ohre und allmälige Entwicklung von linksseitiger Taub-
hoit. Nicht ganz 2 Jahre nach Beginn des Schwindels nach einem
heftigen Schwindelanfalle durch einige Wochen hindurch heftige
Zuckungen in der linken Gesichtshälfte. Nach Aufhören dieser zeit-
weise heftige Hinterhauptschmerzen mit einem Gefühle von Span-
nung im Nacken und einem Gefühle von Zug des Kopfes nach links
und hinten, wobei diese Hinterhauptschmerzen entweder von
Schwindel begleitet waren oder aber auch nicht. Später Schwindel-
anfalle mit Fall nach rückwärts. In den letzten Monaten Abnahme
Zwei Fälle von Kleinhirntomor. 407
des Sehvermögens, in der Intensität oft schwankend und sich all-
mälig immer steigernd und die Kopfschmerzen fast continuirlich.
Vor 14 Tagen nach einem Schwindel wiederholtes Erbrechen.
Status praesens bei der 1. Untersuchung: Kopfschmerz,
Schwinde], Nystagmus bei allen Blickrichtungen. Pupillen etwas
weiter und träge reagirend. Amblyopie (Stauungspapille). Links-
seitige Taubheit ohne nachweisbare Veränderungen am Gehörsorgane
und mit aufgehobener Knochenleitung. Leichte Spannung und,
Schmerzhaftigkeit der Nackenmusculatur links. Seit gestern Amei-
senlaufen im rechten kleinen Finger. Patellar-Sehnenreflexe etwas
gesteigert. Exspiration unregelmässig; auf mehrere tiefe Athem-
züge kamen mehrere seichte. Puls 60. Beim Aufsetzen der Kopf
nach links und hinten stark geneigt, allbald ein ganz kurzer epi-
leptiformer Anfall. Beim Gehen breite Basis, Neigung nach hinten
und links, Abweichen der Gangrichtung nach links, Taumeln beim
Umdrehen wie bei einem Betrunkenen. Beim Sitzen fällt Pat. nach
einigen Secunden nach links und hinten zurück.
Alle diese Erscheinungen nun lassen sich ohne jede Schwierig-
keit auf eine raumbeschränkende Erkrankung u. z. in diesem Falle
Tumor, in der hinteren Schädelgrube zurückführen. Die starken
Schwindelanfalle und das Taumeln und Schwanken beim Um-
drehen sprechen für eine Beeinträchtigung des Kleinhirnes, insbe-
sondere des Kleinhirnwurmes; die Neigung des Kopfes nach links
und hinten, die Neigung des Kopfes und Oberkörpers beim Ver-
suche zu stehen oder zu gehen nach links und hinten, das Zurück-
fallen nach links und hinten beim Sitzen in wenigen Secunden
sprechen für eine Beeinträchtigung des Crus cerebelli ad pontem;
die unregelmässige Respiration bei intactem Bewusstsein, die Ver-
langsamung des Pulses und das Erbrechen lassen sich auf Be-
theiligung der Medul. oblong, zurückführen. Die epileptiformen An-
fälle sind vom Pons respective von der Medul. oblong, abzuleiten.
Die heftigen Hinterhauptschmerzen kommen bei raumbeschränken-
den Processen in der hinteren Schädelgrube sehr häufig und der
Nystagmus bisweilen vor. Amblyopie bedingt durch Stauungspapille
ist bei Tumoren der hinteren Schädelgrube ein häufigeres Vor-
kommniss als bei Tumoren, die einen anderen Sitz in der Schädel-
höhle haben und die Erweiterung und träge Reaction der Pupillen
hängt mit der Amblyopie zusammen. Die nervöse Taubheit am
408 Chvostek.
linken Ohr, das vorhergegangene Sausen, die klonischen Krämpfe
in der linken Gesichtshälfte und die linksseitige Nackenspannung
lassen sich durch Druck auf den Acusticus, Facialis, Accessorius
entweder an der Schädelbasis oder in ihrem weiteren Verlaufe bis
zu den Ursprungskernen in der Medul. obl. erklären und das erst
seit dem letzten Tage aufgetretene Gefühl von Ameisenlaufen im
rechten kleinen Finger durch Druck auf die Brücke oder Medul.
oblong. Dass wir es daher mit einem raumbeschränkenden Processe
in der hinteren Schädelgrube zu thun haben, unterliegt wohl kei-
nem Zweifel.
Dass dieser Process ein Tumor ist, dafür spricht die Stau-
ungspapille, die lange Dauer des Processes, der stets vollständig
fieberlose Verlauf, das Fehlen jedweder Ursache für eine anderwei-
tige (entzündliche Erkrankimg). Es würde nur noch die Frage zu
beantworten sein, welche Partie des in der hinteren Schädelgrube
befindlichen centralen oder peripheren Nervensystems die zuerst
vom Tumor ergriffene war und wie sich dieser von da aus weiter
verbreitete. Diese Frage ist am schwierigsten zu beantworten und
nur durch Berücksichtigung des Verlaufes und nur mehr minder
vermuthungsweise. Die erste Erscheinung war der Schwindel, wie
er eben geschildert worden ist und einige Monate darnach kam es
zum Sausen im linken Ohre und zur allmäligen Taubheit an die-
sem Ohre und dann bis fast zum Ende des 2. Jahres keine weite-
ren Erscheinungen. Man muss nun eine directe oder indirecte Er-
krankung des Kleinhirnwurmes durch einen Tumor mit einer Er-
krankung des 1. N. acusticus in eine solche Verbindung bringen,
dass dabei keine functionswichtigen Gebilde in Mitleidenschaft ge-
rathen. Und dies bietet gewisse Schwierigkeiten dar. Man könnte
den ursprünglichen Sitz des Tumors in den Kleinhirnwurm verle-
gen und von da aus bei weiterem Wachsthume auf den centralen
oder peripheren Verlauf des linken N. acusticus einen Druck aus-
üben lassen; dies geht aber wohl nicht an, weil eine grössere Zahl
functionswichtiger Gebilde mitleiden würde, die sich doch auch im
Leben irgendwie geäussert hätten. Wahrscheinlicher ist es, dass
der Herd vorne und innen in der linken Kleinhirnhemisphäre in der
Nähe des Kleinhirnwurmes und des N. acusticus seinen Sitz hat.
Bei einer solchen Annahme ist das spätere Ergriffenwerden des
N. facialis sin., des Proc. cerebelli ad pontem, der Medul. oblong.
Zwei Fälle von KlttnHumtmuWs 4W
etc. leicht zu erklären Von der Schädelbasis ^iftrfl^ der IHww*
wohl nicht ausgeben, denn er raüsste hinter dem AcMtdtoM* M* *•.
in seiner Nähe seinen Sitz haben und dort beiludet sieh der IXv XII.
Hirnnerv und der eine oder der andere von dou letaleren wftiMe
früher als der Acusticus oder zum mindesten gltdchiteititf mit dem*
selben durch Druck leiden und möglicher Weise würden die davon
ausgehenden Erscheinungen früher, als der Schwindel uiel ttltf die
auf den Proc. cerebelli ad pontein zu beziehenden KrwhehiMtiHtMi
aufgetreten sein.
XIX.
Ueber das Adenom der Leber.
Von
Robert W. Oreenish F. R. C. S.
aus London.
Hiezu Tafel XI.
(Von der Redaction am 19. Mai 1882 übernommen.)
Obwohl über das ziemlich seltene Adenom der Leber schon
eine Reihe von Beobachtungen und Untersuchungen vorliegen, so
sind doch unsere Kenntnisse über diese Geschwulst weder erschöpfend
noch in allen Punkten richtig gestellt, und selbst über die Stellung
des Leber-Adenom in der Systematik und über seine Abgrenzung
gegenüber anderen Geschwülsten herrscht unter den Autoren nicht
die wünschenswerte üebereinstimmung. Wenn man die bisherige
Literatur durchgeht, so findet man, dass die einen Autoren die
Bezeichnung „Adenom" möglichst einschränken und nur für eine
ganz bestimmte Species gelten lassen wollen, oder dass sie zwischen
knotiger Hyperplasie und dem eigentlichen Adenom unter-
scheiden zu müssen glauben, während andere den Begriff „Adenom"
wieder sehr weit, ja entschieden zu weit ausdehnen.
Rokitansky (Allgem. Wiener med. Zeitimg, 1859, Nr. 14)
war der erste, welcher auf das Vorkommen von geschwulstartigen
Knoten mit leberähnlicher Structur aufmerksam machte. In beiden
von ihm beobachteten Fällen war es ein solitärer Knoten von ziem-
lich ansehnlicher Grösse, welcher nicht nur äusserlich schon so ziem-
lich an Lebergewebe erinnerte, sondern auch bei der mikroskopischen
Untersuchung eine acinöse Structur zeigte. Nur waren in dem einen
Falle die Acini kleiner als in einer normalen Leber, während die
Geschwulstzellen den normalen Leberzellen ähnlich oder ebenfalls
412 Greenish.
kleiner und häufig fetthaltig oder ganz zu Grunde gegangen waren.
In dem 2. Falle waren aber die Acini viel grösser, als in einer
normalen Leber, ebenso die Zellen, welche viele Fettkügelchen und
hie und da auch Gallenpigment enthielten.
E. Wagner (Archiv der Heilkunde, 2. Bd.) beschreibt zu-
nächst zwei Fälle von Nebenlebern bei Kindern, nämlich ganz
kleine Knötchen im Lig. suspens. von der Structur der Leber; dann
einen Fall, in welchem bei einem 39jährigen Manne auf der Ober-
fläche des rechten Leberlappens ein erbsengrosser, ziemlich derber,
grauweisser, homogener Knoten sass. Derselbe bestand aus einem
spindelzellenfuhrenden Stroma mit zahlreichen, ovalen oder cylindri-
schen Lücken, welche von 6 — 20 regelmässig nebeneinander liegenden
Zellen ausgefüllt waren. Letztere hatten ungefähr die halbe Grösse
von normalen Leberzellen, eine meist viereckige Gestalt, einen
schwach granulirten Inhalt und einen einfachen, verhältnissmässig
grossen Kern. Die Zellen zeigten durchaus keine Aehnlichkeit mit
Leberzellen, vielmehr glich die Geschwulst manchen sogenannten
Drüsengeschwülsten der Mamma. Ausserdem kamen noch einzelne
kurze, ziemlich breite, cylindrische Schläuche mit regelmässigem
Cylinderepithel vor. Die Peripherie der Geschwulst bestand aus
dicht und ungleichmässig neben einander liegenden, kleinen, runden
Kernen.
Griesinger und Kindfleisch (Archiv der Heilkunde, 5. Bd.)
beobachteten bei einem 48jährigen Manne äusserst zahlreiche, ver-
schieden grosse, grüne, gelbe oder braune, durch Bindegewebszüge
von einander getrennte Lebertumoren von dem Typus einer tubulösen
Drüse, indem sie aus vielfach in einander gewundenen, epithelge-
füllten Drüsenschläuchen zusammengesetzt erschienen. Eine Tunica
propria konnte freilich an letzteren nicht nachgewiesen werden,
auch das centrale Lumen wurde öfters vermisst. Bei den meisten
zeigte indessen ein gelb gefärbter Schleimpfropf die Stelle des
Lumens an. Die Weite des letzteren konnte sogar die Hälfte des
Gesammtcalibers des Drüsenschlauches betragen, in welchem Falle
die Zellen radiär gestellt waren und ganz den Charakter des Cy-
linderepithels trugen; in der grossen Mehrzahl der Schläuche war
aber das Epithel nicht so charakteristisch entwickelt. Nach Bind-
fleisch ging die Geschwulstbildung aus einer Hyperplasie der
Leberzellen hervor.
Adenom der Leber. 413
Friedreich (Virchow's Archiv 38. Bd.) spricht von multiplen,
hyperplastischen Tumoren des Leber- und Milzgewebes bei einem
56jährigen Manne. Die Geschwülste in der Leber bestanden aus
dicht gedrängten Haufen von Leberzellen, von denen die meisten
die Grösse der normalen Leberzellen um ein Bedeutendes über-
schritten, und häufig 2, 3, selbst 4 Kerne mit auffallend grossen
Kernkörperchen enthielten. Hie und da fanden sich zwischen den
Zellen grössere und kleinere Gallenextravasate, theilweise umge-
wandelt und condensirt zu festeren, gelben Körnchen und Klumpen.
Friedreich konnte die Entstehimg der Tumoren durch Wucherung
der Leberzellen deutlich verfolgen, wobei auch das interstitielle Ge-
webe der angrenzenden Lebersubstanz in massige Wucherung ge-
rieth; es handelt sich nach ihm bei Entstehung dieser Geschwülste
um Vorgänge entzündlicher Reizung.
Kl ob (Wiener med. Wochenschrift, 1865, Nr. 75—77) fand
zunächst in einem Falle von acuter gelber Leberatrophie in dem
degenerirten Gewebe erbsen- bis kirschengrosse, knotenähnliche, durch
eine bindegewebige Kapsel abgegrenzte Substanzportionen, welche
aber nach ihm nichts anderes als noch erhalten gebliebene Partien
der Lebersubstanz sind, um welche sich eine kapselartige Binde-
gewebsumgrenzung entwickelt hatte. Weiter fand er in der Leber
eines Mannes einen über haselnussgrossen, von einer bindegewebigen
Hülle eingeschlossenen, ausschälbaren Knoten, welcher aus ganz
regelmässig angeordneten und von kleinen Fetttröpfchen erfüllten
Leberzellen bestand. Endlich sah er bei einer 56jährigen Frau,
knapp an und unter der Anheftungsstelle des Lig. suspensor. eine
kirschengrosse, aus vier Lappen bestehende und von einer binde-
gewebigen Kapsel umschlossene Geschwulst, welche aus verschieden
grossen Acini mit regelmässigen und normal grossen Leberzellen
bestand. Kl ob hielt sich nun auf Grund dieser seiner Beobachtun-
gen für berechtigt, die ihm bekannt gewordenen Fälle von Leber-
Adenom einer Kritik zu unterziehen, der zufolge er die von
Rokitansky beschriebenen 2 Fälle, sowie seinen eigenen 3. Fall
fftr eingeschlossene Nebenlebern erklärte, analog den von Wagner
im Lig. suspens. gefundenen Neben! ebern, während er die von
Friedreich beschriebenen Knoten gar für Tuberkel ansehen zu
müssen glaubte; überhaupt wären nach ihm die sogenannten Leber-
tumoren aus „Neubildung von Lebergewebe Rokitansky^ in der
414 Greenish.
Mehrzahl der Fälle angeborne Leberdifformitäten und Hessen sich
den Nebenlebern anreihen.
C. E. E. Hoffmann (Virchow's Archiv, 39. Bd.) beobachtete
bei einem 48jährigen Weibe auf der unteren Fläche der Leber einen
grösseren Tumor, welcher aus Läppchen mit radienförmig-maschiger
Anordnung der Zellen zusammengesetzt war. Viele Zellenbalken
bestanden nur aus einer einfachen Reihe von Zellen, in anderen
waren wieder mehrere Zellen nebeneinander gelagert. Letztere selbst
waren in den peripheren Theilen der Geschwulst ziemlich gross,
von allen möglichen polygonalen Formen und meist mit grossen,
mehrfachen oder in Theilung begriffenen Kernen versehen. Der
Tumor war nirgends durch eine Membran von der übrigen Leber-
substanz getrennt, und entstand durch Wucherung der Leberzellen,
wobei auch das interstitielle Bindegewebe nicht unbetheiligt blieb.
Hoff mann theilt die vor ihm beschriebenen Adenome in fol-
gende Gruppen ein:
1. In angeborne Tumoren der Leber, die man als Nebenlebern
bezeichnen kann; hieher gehören die beiden Fälle von Wagner,
der 3. Fall von Klob und vielleicht auch der 2. Fall von Rokitansky
und der 2. Fall von Klob.
2. In Neubildungen von der Structur der Leber, welche
während des Lebens entstanden sind; in diese Gruppe sind der Fall
von Friedreich, von Hoffmann und wahrscheinlich der 1. Fall
von Rokitansky zu stellen.
3. In Neubildungen, welche zwar drüsige Structur besitzen,
aber von der Structur des Leberparenchyms abweichen; hieher der
3. Fall von Wagner und der Fall von Griesinger-Rindfleisch;
die Tumoren der 2. und 3. Gruppe bezeichnet Hoff mann als Ade-
nome oder Adenoide.
4. In Geschwülste, welche durch partielle Degeneration der
Leber entstehen; hieher der 1. Fall von Klob und der Fall von
Biermer (Schweiz. Zeitschr. für Heilk. IL Bd.), wo auf der Schnitt-
fläche einer hyperämischen Fettleber Inseln von besser erhaltenem
Gewebe nach Art von Tumoren vortraten.
Eberth (Virchow's Archiv, 51. Bd.) welcher den von Rind-
fleisch beschriebenen Fall ebenfalls untersuchte, konnte dem Be-
funde des letzteren vollständig beipflichten. Ferner fand er in der
Leber eines Hundes zahlreiche, miliare bis bohnengrosse Knoten von
Adenom der Leber. 415
grauweisser Farbe, in denen die gleichen Bestandteile, wie in der
normalen Leber vorhanden waren, und die sich höchstens durch
etwas grössere Durchmesser unterschieden; die Anordnung der Zellen
war aber ganz dieselbe wie in der normalen Leber.
Willigk (Virchow's Archiv, 51. Bd.) fand in der cirrhotischen
Leber eines 58jährigen Mannes bei der ersten Untersuchung 2 von
einer Bindegewebshülle eingeschlossene Tumoren, von denen der
grössere 4 Ctm. im Durchmesser hatte und der kleinere etwa wall-
nussgross war. Der erste zeigte grösstentheils den Bau des normalen
Lebergewebes mit radiärer Anordnung der Zellen, die sich von den
gewöhnlichen Leberzellen Mos durch zartere Contouren und ein
zartkörniges Protoplasma unterschieden und untereinander verschie-
den gross waren, während in dem kleineren Knoten die meisten
Zellen Fetttröpfchen und Pigmentkörnchen enthielten und an den
peripheren Partien schon zu einem Detritus verwandelt waren.
Bei einer späteren Untersuchung fand Willigk in derselben Leber
noch mehrere hanfkorn- bis linsengrosse Knötchen. Die Entstehung
dieser Tumoren leitet er von ausgewanderten, weissen Blutkörper-
chen her, indem er dieselben in der bindegewebigen Hülle dieser
Knoten theils in Gruppen, theils in Längsreihen angeordnet fand,
und neben denselben auch kleine polygonale Zellen vorkamen. Von
einer Wucherung der Leberzellen können, wie er meint, die Knoten
nicht ausgegangen sein, da die ersteren überall degenerirt waren.
Greenfield (Transact. of the Path. Soc. XXV. 1874) beob-
achtete in der sehr vergrösserten Leber einer 33jährigen Frau zahl-
reiche Tumoren, von denen die kleineren aus unregelmässig ange-
ordneten, mit Cylinderepithel und meist mit einem Lumen ver-
sehenen cylindrischen Schläuchen, die grösseren Tumoren aber nicht
nur aus Tubuli, sondern auch aus ganz uuregelmässigen, epithelialen
Zellcomplexen bestanden, deren Elemente sehr verschieden gestaltet
waren. In das angrenzende Lebergewebe gingen Fortsätze des
Stroma hinein, in denen bereits ähnliche, mehr oder weniger ent-
wickelte Zellschläuche vorhanden waren. In den mediastinalen
Lymphdrüsen und in den Lungen fand sich die gleiche Neubildung.
Greenfield, welcher zwar eine grosse Aehnlichkeit zwischen seinem
und dem von Rindfleisch beschriebenen Falle erblickt, hält selbst
die von ihm beobachtete Neubildung für ein cylindrisches Epitheliom
im Sinne von Cornil und Banvier.
Med. Jahrbücher. 1882. 27
416 Greenish.
Tb ierf eider bildet in seinem Atlas der path. Histologie,
3. Lieferung, mikroskopische Schnitte von 2 verschiedenen Adenomen
ab, nämlich von einem unter der Serosa der Leber eines 54jähri-
gen Mannes gefundenen Knoten, welcher sich vom normalen Leber-
gewebe fast nur durch die Grösse der Zellen unterschied und daher
zu den knotigen Hyperplasien gerechnet wird, und dann von einem
Adenom, welches in der Leber einer 40jährigen Frau in der Form
von verschieden grossen Knoten aufgetreten war. Im letzteren Falle
bestand die Neubildung zwar auch aus Acini, aber die Zellen zeigten
die verschiedensten Grössen- und Formverhältnisse, häufig Theilungs-
vorgänge imd vorwiegend eine unregelmässige, manchmal an tubu-
löse oder acinöse Drüsen erinnernde Anordnung.
Kelsch und Kiener (Arch. de Physiol. norm, et path. 1876)
beschrieben zwei einander sehr ähnliche Fälle, in denen die cirrhoti-
sche Leber eines älteren Mannes von zahlreichen und verschieden
grossen Knoten durchsetzt war. In beiden Fällen bestanden die
letzteren aus vielfach gewundenen Cylindern und Schläuchen, von
denen manche ein Lumen besitzen, dass entweder Zellen oder eine
granulirte Masse oder Gallenfarbstoflf enthält. Die Zellen der Cy-
linder imd Schläuche gleichen den Leberzellen, nur sind sie grösser.
Im 2. Falle hatte sich stellenweise ein durch die Cirrhose entstandenes,
zellenreiches Bindegewebe zwischen die Drüsenschläuche eingescho-
ben, wobei letztere ohne Unterbrechung in Gebilde übergehen, welche
dio Verfasser für neugebildete Gallengänge halten; ja in manchen
Knoten waren bereits die meisten der früheren Adenomschläuche
in Folge der cirrhoti sehen Wucherung in Gallengänge umgewandelt.
Endlich erwähnt Birch-Hirschfeld (Lehrbuch der path. Anat.
p. 925) ganz kurz 3 von ihm beobachtete Fälle, von denen er 2 zu den
knotigen Hyperplasien und 1 zu den eigentlichen Adenomen rechnet.
Im letzten Falle waren in der Leber einer 40jährigen Frau massen-
hafte, zum Theile abgekapselte, Stecknadelkopf- bis wallnussgrosse,
blassgelbe, ziemlich feste Knoten, in denen die mikroskopische Unter-
suchung eine bedeutende Wucherung des Epithels der interacinösen
Gallengänge ergab, durch welche dieselben zum Theile in ganz
solide Zellenmassen umgewandelt wurden; an anderen Stellen war
die Anordnung eine ganz atypische.
Aus der bisherigen Literatur ist somit zu entnehmen, dass
unter der Bezeichnung „Adenom" verschieden gebaute Geschwülste
Adenom der Leber. 417
beschrieben worden. Diese Verschiedenheit im Baue mag zum Theile
auch der Grund gewesen sein, dass Klebs, welcher selbst kein
Leber- Adenom zu untersuchen Gelegenheit hatte, in seinem Hand-
buche der path. Anatomie einen Unterschied zwischen knotiger
Hyperplasie und eigentlichem Adenom aufstellen zu müssen
glaubt, wobei er die letztere Bezeichnung blos für jene Geschwülste
reserviren will, welche nach dem Typus der schlauchförmigen
Drüsen gebaut sind. Er rechnet daher in die Kategorie der knotigen
Hyperplasien die Fälle von Eokitansky, Priedreich, Klob,
Hoffmann und Eberth, während er die Bezeichnung „Adenom"
blos für den dritten Fall von Wagner und für den Fall von
Griesinger-Rindfleisch gelten lassen will. Seinem Beispiele
folgen die Lehrbücher der path. Anatomie von Birch-Hirschfeld
und Ziegler. Ob aber eine solche Unterscheidung berechtigt ist,
soll weiter unten geprüft werden. Da ich nun selbst drei Fälle von
Leb er- Adenom zu untersuchen Gelegenheit hatte, und in zwei
F&llen der klar zu übersehende Entstehungsmodus von dem bis-
her beobachteten abweicht, so halte ich die ausführliche Beschrei-
bung dieser Fälle für gerechtfertigt, um so mehr als daraus sich
auch allgemeine Folgerungen für die Entstehung und Eintei-
lung der Leber-Adenome ableiten lassen.
I. Beobachtung.
Im rechten Lappen der Leber eines 61jährigen Mannes wurde
ein mehr als erbsengrosser, rimder, scharf abgegrenzter, derber
Knoten gefunden, welcher eine grauweisse Schnittfläche zeigte; die
übrigen Partien der Leber waren sehr schlaff und gelblichbraun.
Die sonstigen Veränderungen an der Leiche waren: Alte Tuber-
culose der Lungenspitzen, acute Tuberculose der übrigen Partien
der Lungen, ferner der Leber, Milz, Nieren, der Pleura beiderseits
und des Peritoneums.
Mikroskopischer Befund: Die Geschwulst ist vom Leber-
gewebe durch einen mit der Glisson'schen Kapsel zusammenhängen-
den Bindegewebssaum abgegrenzt und besteht der Hauptmasse nach
aus schmalen, vielfach gewundenen, verzweigten und untereinander
zusammenhängenden Cylindern und Schläuchen (Fig. I a), welche
in ein von Spindelzellen durchsetztes, bindegewebiges Stroma ein-
gelagert sind. Die Zellen, welche die Cylinder und Tubuli zusam-
27*
418 Greenish. •*
mensetzen, sind ziemlich klein, kaum halb so gross wie normale
Leberzellen, meistens von kubischer Gestalt, und besitzen einen
schmalen, blassen, sehr fein granulirten, pigmentlosen Zellenleib
und einen relativ grossen, runden oder ovalen Kern. Sie gleichen
am meisten den Epithelien der kleineren Gallengänge, sowie auch
der Gesammthabitus dieser drüsenähnlichen Formationen sehr an
Gallengänge erinnert. Die Zellen in ihnen liegen gewöhnlich zu
zweien neben einander und berühren sich dann entweder vollständig,
oder es bleibt zwischen ihnen ein feiner Kanal, welcher besonders
an Querschnitten deutlich hervortritt und die Aehnlichkeit mit
Gallengängen noch vergrössert (Fig. Ia). Doch gibt es auch Drüsen-
cylinder oder einzelne Stellen derselben, wo die Zellen in vier-
oder in sechsfacher Lage nebeneinander gereiht sind, was eine
verschiedene Breite der Drüsencylinder bedingt. Das Stroma besitzt
eine wechselnde Mächtigkeit. In den peripheren Partien der Ge-
schwulst ist es gewöhnlich weniger entwickelt, so dass der Zwischen-
raum zwischen Drüsenschläuchen schmäler oder höchstens ebenso
breit ist als letztere; gegen das Centrum der Geschwulst kann die
bindegewebige Zwischenzone auch 2 oder 3mal so breit sein als
die Zellencylinder. In der äussersten Zone der Geschwulst tauchen
ausserdem Kanäle auf, die leicht als Gallengänge zu erkennen
sind (Fig. I b). Sie liegen in der Kegel in Gruppen beisammen,
sind vielfach gewunden, zeigen entweder ein deutliches Lumen,
oder letzteres ist bereits durch gewucherte Epithelien ausgefüllt;
einzelne von ihnen sind entschieden erweitert. Schon ein oberfläch-
licher Blick lehrt, dass hier eine Neubildung von Gallengängen
stattgefunden hat; das wuchernde Epithel und die auffällig grosse
Zahl von Gallenkanälen sprechen nämlich unzweideutig dafür. Es
lässt sich aber auch unschwer nachweisen, dass die zuvor beschrie-
benen, drüsigen Gebilde der Geschwulst aus den wuchernden Gal-
lengängen hervorgegangen sind. Denn abgesehen von der grossen
Aehnlichkeit zwischen beiden kann man an vielen Stellen der Prä-
parate wahrnehmen, dass die Gallengänge sich ununterbrochen in die
drüsigen Gebilde der Geschwulst fortsetzen und dass hiebei auch
eine leichte Veränderung der Zellen platzgreift, indem die Epithe-
lien der Gallenkanäle und ihre Kerne etwas grösser werden und
die letzteren sich weniger intensiv färben. Noch ist zu erwähnen,
dass in der Umgebung einzelner Gruppen von Gallengängen Bund-
Adenom der Leber. 419
Zellenanhäufungen vorkommen. Was das angrenzende Leberge-
webe selbst betrifft, so sind die Leberzellen zum grössten Theile
im Zustande von Fettinfiltration, während das interacinöse Binde-
gewebe stellenweise Einlagerung von Rundzellen zeigt. An einzelnen
Stellen der Geschwulstkapsel sieht man auch stark verkleinerte
Leberacini eingeschlossen. Weder an den Zellen dieser noch an den
Zellen des angrenzenden Lebergewebes überhaupt sind Zeichen von
Wucherung nachzuweisen.
II. Beobachtung.
75jähriges Weib. Die Kapsel der verkleinerten Leber ist, be-
sonders gegen den freien Rand zu, stark verdickt, stellenweise 2—3
Mm. dick, und an einzelnen Stellen wird der freie Leberrand über-
haupt nur von der verdickten Kapsel gebildet. An einer Stelle
dieses freien Randes befindet sich eine bohnengrosse, derbe Ge-
schwulst, deren Schnittfläche eine körnige, an eine acinöse Drüse
erinnernde Beschaffenheit und eine grauweisse Farbe zeigt; von ihr
lässt sich auch eine geringe Menge einer milchigen Flüssigkeit her-
vorpressen. Ausserdem ist noch folgender Befund an der Leiche:
Partielle Induration der rechten Lunge mit Bronchiectasie, Emphy-
sem der linken Lunge, excentrische Hyperplasie des rechten Herz-
ventrikels.
Mikroskopischer Befund: Die Geschwulst hängt durch
eine fast nur fibröse Brücke mit der Leber zusammen und besitzt
eine aus derbem, zellenarmen Bindegewebe bestehende Kapsel, welche
in das Innere der Geschwulst Fortsätze sendet, wodurch diese in
verschieden grosse und verschieden geformte Läppchen zerfällt.
Manche von diesen Läppchen sind grösser als normale Leberacini, viele
andere aber bedeutend kleiner. Ihre Form ist auch verschieden.
Viele sind rund oder oval, und haben dann entweder eine ganz
glatte Abgrenzung gegen das umgebende Bindegewebe, oder es
gehen von ihrer Peripherie kurze und meist schmale Fortsätze aus,
wodurch sie auch mit benachbarten Läppchen zusammenhängen
können. Andere von diesen Läppchen sind ganz unregelmässig und
haben weder in ihrer Form noch in der Anordnung und Beschaffen-
heit der Zellen eine Aehnlichkeit mit normaler Lebersubstauz oder
überhaupt mit physiologischem Drüsengewebe. In den centralen
Partien der Geschwulst ist das zwischen den Läppchen liegende
420 Greenish.
•
Stroma meist ziemlich breit und nicht sehr reich an Zellen, die
gewöhnlich Spindelzellen sind, während in der Peripherie der Ge-
schwulst die Läppchen viel enger aneinandergedrängt sind, und
das Stroma auch reich an Bund- und Spindelzellen ist. Die Läppchen
selbst zerfallen wieder durch bindegewebige Scheidewände in kleinere
Abtheilungen, welche meist sehr verschiedene Formen haben. Sie
sind entweder rund oder oval, geschlossenen Follikeln ähnlich oder
sie stellen Segmente von gewundenen, breiten Cylindern dar, oder
sie sind überhaupt ganz unregelmässig. Die Unregelmässigkeit tritt
besonders an den Unterabtheilungen der central gelegenen Läpp-
chen hervor. Was die Zellen betrifft, so erinnern sie in den peri-
pher gelegenen Läppchen noch am ehesten an Leberzellen, während
sie in den centralen Partien der Geschwulst durchaus keine Aehn-
lichkeit mit Leberzellen besitzen. Sie sind in den ersteren Partien
von der Grösse der Leberzellen oder sogar grösser, gewöhnlich polye-
drisch, besitzen ein fein granulirtes, häufig etwas bräunlich pig-
mentirtes Protoplasma (an in doppelt chromsaurem Kali und Alkohol
erhärteten Präparaten) und einen grossen runden oder ovalen Kern.
Letzterer ist nicht selten in Theilung begriffen, manchmal auch
von einer grösseren oder mehreren kleineren Vacuolen durchsetzt.
In den Zellencylindern liegen die Zellen selten zu zweien, meist
aber zu dreien, vieren oder noch mehreren nebeneinander. Auch die
follikelähnlichen Zellengruppen, von denen wahrscheinlich die meisten
als Querschnitte der Zellencylinder anzusehen sind, können eine
ziemliche Breite erreichen. Nirgends zeigt sich zwischen den Zellen
ein Lumen. Die eben beschriebenen Segmente der Läppchen sind
entweder durch sehr schmale, oft kaum sichtbare, fibröse Scheide-
wände von einander getrennt, oder es sind zwischen sie ziemlich
breite Züge und Strassen von Rundzellengewebe eingeschoben. Blut-
gefässe kommen nur selten vor. In den im Centrum der Geschwulst
gelegenen Läppchen sind die Segmente der letzteren sehr dicht an
einander gedrängt, oft so dicht, dass man die Scheidewände zwi-
schen ihnen gar nicht oder nur mit Mühe noch entdecken kann.
Kundzellengewebe kommt hier zwischen den Segmenten nicht vor.
Auch die Zellen zeigen eine andere Beschaffenheit als in den Läpp-
chen von der Peripherie des Tumors. Sie sind nämlich etwas klei-
ner, der Zellenleib ausserordentlich zart und blass, kaum granulirt,
oft schüppchenähnlich, der Kern sehr häufig vacuolenhältig. An
Adenom der Leber. 421
der Grenze des Tumors und der bindegewebigen Brücke tauchen
noch andere drüsige Formationen auf. Man sieht nämlich nicht nur
deutliche Gallengänge, sondern auch solche Zellencylinder, welche
an die drüsigen Bestandteile der Geschwulst des I. Falles erin-
nern. Es sind auch mehr oder weniger gewunden verlaufende,
ziemlich schmale Cylinder, in denen die Zellen zu zweien neben
einander liegen, bedeutend kleiner sind als in den übrigen Ge-
schwulstpartien und eine mehr oder weniger ausgesprochene kubische
Form besitzen; der Zellenleib ist schmal und blass, während die
Kerne rund oder oval sind. Nur in wenigen dieser Zellencylinder
ist ein Lumen wahrnehmbar. Dagegen kann man in mehreren
deutlich eine allmälige Umwandlung der Zellen zu jenen Formen,
wie sie in den übrigen Geschwulstläppchen vorkommen, wahrneh-
men. Diese Bilder sprechen somit dafür, dass auch in diesem Falle
die neugebildeten Drüsenelemente aus den Gallengängen hervor-
gegangen sind, nur dass die Zellen zum Theile eine höhere Ent-
wicklungsstufe erreicht haben als im vorigen Falle. In der binde-
gewebigen Brücke findet man nahe dem Tumor auch noch einzelne,
verkleinerte, aus fetthaltigen Zellen bestehende Leberacini, die ent-
weder erst an ihrer Oberfläche von Rundzellengewebe umgeben
sind, oder in welche das letztere bereits von allen Seiten einge-
drungen ist. Wucherungsvorgänge an den Leberzellen dieser Acini
konnten durchaus nicht wahrgenommen werden.
m. Beobachtung.
In der Tiefe des rechten Leberlappens eines 69jährigen Mannes
ist eine wallnussgrosse Geschwulst, welche wieder aus mehreren
kleineren, kugeligen erbsen- bis bohnengrossen, weichen, theils gelb-
lichen, theils grüngelblichen Tumoren zusammengesetzt ist. Die
Geschwulst selbst ist scharf abgegrenzt und die an sie zunächst an-
grenzende Lebersubstanz dunkelroth, während die übrige Leber
hellbraun ist. Ausserdem ist noch folgender Befund notirt: Chronische
Tuberculose beider Lungen, Pneumonie des rechten unteren Lungen-
lappens und beiderseitige Pleuritis, tuberculose Geschwüre im Ileum,
Katarrh des Dünn- und Dickdarms.
Wie schon makroskopisch der grosse Tumor in mehrere kleinere
Knoten zerfällt, so zeigen sich letztere bei der mikroskopischen
Untersuchung wieder aus verschieden grossen, meist runden Läppchen
422 Greenish.
oder Acini zusammengesetzt. Die meisten dieser sind von der beiläu-
figen Grösse eines Leberacinus, einzelne sind aber bedeutend grösser,
und andere wieder viel kleiner. Zwischen diesen runden Acini liegen
solche, die offenbar in Folge Vergrösserung der anderen comprimirt
wurden. Sie erscheinen nämlich in die Länge gezogen, verschmälert,
und oft nur auf kleine Streifen oder Inseln reducirt. Die Abgren-
zung der Acini gegen einander geschieht durch Bindegewebe,
welches gewöhnlich sehr zellenreich und nur in einer schmalen
Schicht vorhanden ist. Mehrere dieser Acini können wieder zusam-
men eine gemeinschaftliche und dann etwas breitere Bindegewebs-
hülle besitzen. Obwohl für das freie Auge die Abgrenzung des
Gesammttumors gegen das Lebergewebe ganz scharf erscheint, so
findet man bei der mikroskopischen Untersuchung nur stellenweise
eine Abgrenzung durch eine deutliche Bindegewebszone, wälirend
an den anderen Stellen die Schläuche des Adenoms unmittel-
bar mit den Zellenbalken des angrenzenden Lebergewebes
zusammenhängen.
Was die Anordnung innerhalb der Acini der Geschwulst be-
trifft, so erinnert sie durchaus nicht an normales Lebergewebe.
Sie bestehen nämlich aus ziemlich breiten, unregelmässig ange-
ordneten, dicht an einander gedrängten Zellenbalken, welche stark
gewunden zu sein scheinen, da man von ihnen meist nur kurze
Stücke zu sehen bekommt. In der Peripherie des Acinus macht
sich jedoch nicht selten eine mehr concentrische Anordnung der
hier mehr gestreckt verlaufenden Zellenbalken geltend. Die Zellen-
cylinder bestehen selten aus einer Reihe, gewöhnlich aus zwei und
mehreren Reihen von Zellen neben einander, jedoch ohne besondere
Regelmässigkeit, so dass breitere und schmälere Stellen in den
Zellenbalken ganz unregelmässig abwechseln. Nicht wenige der
Zellencylinder zeigen ein centrales Lumen, dessen Weite jedoch
innerhalb bedeutender Grenzen schwankt (Fig. II a und b). In
vielen Fällen stellt es auf Längsschnitten nur eine schmale Spalte
und auf Querschnitten eine enge, kreisrunde Oeflfnung dar. Von
diesen schmalen Spalten bis zu den grössten Lumina gibt es nun
viele Uebergänge und die letzteren können selbst fünf Mal die
Wanddicke des Zellenschlauches übertreffen. Der Inhalt der Lumina
ist auch verschieden. Von den Fällen, in denen sie ganz leer ge-
troffen werden, abgesehen, findet man entweder runde Zellen mit
Adenom der Leber. 423
körnigem Gallenpigment, oder es sind ausserdem farblose, leicht
granulirte, tropfenartige Gebilde von verschiedener Grösse vorhanden
(Fig. II a), oder man trifft eine mehr consistente, gelbliche und
homogene, anscheinend klumpige Masse (Fig. II b). Offenbar han-
delt es sich in diesen Fällen um ein Secret in verschiedenen
Stadien. In jenen Zellbalken, in denen nur ein enges Lumen vor-
handen ist, ist auch die Anordnung der Zellen um das Lumen noch
keine sehr regelmässige, während die grösseren Lumina von ganz
regelmässig und radiär angeordneten Zellen umgeben sind (Fig. II a).
Im letzteren Falle gleichen die Zellen nur mehr kurzen und breiten
Cylindern, während sie sonst gewöhnlich polyedrische Formen
besitzen und hiedurch an Leberzellen erinnern. Die Grösse der
Zellen ist auch wechselnd. Während manche blos die Grösse nor-
maler Leberzellen erreichen oder sogar kleiner sind, werden andere
und zwar die meisten grösser, ja manche sogar bedeutend grösser.
Das Gleiche gilt von den Kernen, von denen nicht wenige die Kerne
normaler Leberzellen um ein Mehrfaches an Grösse übertreffen
(Fig. II c). Ebenso gibt es Zellen, die mehrere Kerne, selbst bis
zu 13, beherbergen, welche dann ganz dicht zusammengedrängt
liegen. Das Protoplasma der Zellen ist stets fein granuHrt, und
hat einen mehr oder weniger ausgesprochenen bräunlichen Farbenton;
überdies enthalten manche dieser Zellen auch körniges, gelbes
Gallenpigment. In einzelnen Acini ist Fettinfiltration oder Zerfall
der Zellen eingetreten. Im angrenzenden Lebergewebe sind die
Capillaren stark erweitert und hiedurch die Leberzellenbalken com-
primirt; in den Leberzellen selbst ist viel körniger Gallenfarbstoff.
Ausserdem sieht man einzelne Kerne von auffallender Grösse.
Deutliche Zeichen von Wucherung der Leberzellen sind aber nicht
vorhanden.
Aus der Beschreibung der 3 Fälle geht nun unzweifelhaft
hervor, dass wir es in jedem dieser Fälle mit einem Adenom zu
thun haben und zwar, wenn wir schon die Unterscheidimg zwischen
knotiger Hyperplasie und eigentlichem Adenom gelten lassen, mit
einem wahren Adenom im Sinne von Klebs. In keinem dieser
Fälle ist die innere Anordnung der Geschwülste mit dem Baue des
normalen Lebergewebes übereinstimmend, und in den 2 ersten
Fällen zeigen auch die Zellen gar keine oder nur sehr geringe
Aehnlichkeit mit normalen Lcborzellon.
424 Green ish.
Es ist ferner aus der Beschreibung zu entnehmen, dass zwischen
den drei Adenomen selbst unter einander keine Uebereinstimmung
besteht, und besonders die Geschwülste der 1. und 3. Beobachtung
sind von einander vollständig different.
Wenn wir unsere 3 Tumoren mit den bisher bekannt gewordenen
Leber- Adenomen vergleichen, so findet man, dass der 1. Fall blos
mit dem 3. Falle von Wagner Aehnlichkeit besitzt, welche sogar
eine sehr weitgehende ist, da sie sich nicht allein auf den inneren
Bau, sondern auch auf die äussere Beschaffenheit des Tumors er-
streckt. Unser 3. Fall entspricht dagegen den übrigen in der
Literatur verzeichneten und zu den wahren Adenomen im Sinne
von Elebs zu zählenden Fällen, während der 2. Fall kein Ana-
logon findet. Zu den wahren Adenomen in dem oben angedeuteten
Sinne sind aber ausser dem 3. Falle Wagner's noch der Fall von
Friedreich, von Griesinger-Rindfleiscb, der 2. Fall von
Thierfelder, die zwei Fälle von Kelsch und Kiener, und der
3. Fall von Birch-Hirschfeld zu rechnen. Hiebei verdient noch
besonders hervorgehoben zu werden, dass, abgesehen von Thier-
felder und Birch-Hirschfeld, welche über ihre Adenome nur
ganz cursorische Bemerkungen machen, die übrigen Beobachter im
Lumen mehrerer Adenomschläuche ein ähnliches Secret fanden,
wie es in unserem 3. Falle nachgewiesen wurde; besonders überein-
stimmend ist die Beschaffenheit des Secretes in den Fällen von
Kelsch und Kiener und in unserem 3. Falle. Es beweist dies,
dass trotz der Abweichung des Baues dieser Adenome von dem der
Lebersubstanz die Zellen der ersteren dennoch ähnliche, functionelle
Eigenschaften besitzen, wie die Leberzellen, da auch sie ein der
Galle ähnliches Secret liefern können.
Was die Entstehung unserer Adenome betrifft, so ist die-
selbe im 1. und 2. Falle ganz klar zu erkennen. Besonders im 1.
Falle sind die mikroskopischen Bilder so überzeugond, dass an der
Entwicklung der drüsigen Gebilde dieses Adenoms aus den peripher
gelegenen und in offenbarer Wucherung befindlichen Gallengängen
nicht im geringsten zu zweifeln ist; die ersteren bewahren auch
innerhalb der ganzen Geschwulst ihre Aehnlichkeit und Verwand-
schaft mit den Gallengängen. Im 2. Falle spricht der Umstand,
dass an der Peripherie der Geschwulst nebst deutlichen Gallen-
gängen auch Zelloncylinder von derselben Form wie im ersten
Adenom der Leber. 425
Falle vorkamen, und dass deren allmälige Umwandlung in die Drü-
sengebilde der übrigen Geschwulstpartien verfolgt werden konnte,
für einen gleichen Entstehungsmodus der Geschwulst. An eine Ent-
wicklung aus den Leb erz eilen ist deshalb nicht zu denken, weil
die an der Grenze der Geschwulst und in der bindegewebigen
Brücke vorkommenden Leberacini nicht nur keinerlei Wucherungs-
vorgänge zeigten, sondern im Gegentheile in Folge der interstitiellen
Bindegewebswucherung in Atrophie begriffen waren. Ein Unter-
schied zwischen diesem und dem ersten Adenom liegt nur darin,
dass bei erstem die neugebildeten, epithelialen Elemente nicht auf
der ersten Entwicklungsstufe stehen blieben, sondern zum Theile
eine höhere, den Leberelementen sie näher bringende Organisation
erreichten. Wir hätten also in beiden Fällen ein Adenom vor uns,
das nicht wie die bisher beobachteten aus einer Wucherung der
Leberzellen, sondern der Gallengangsepithelien entstanden
und daher zum Unterschiede von den anderen als Gallengang-
Adenom zu bezeichnen ist.
In dem 3. Falle Wagner's, der am meisten unserem zuerst
beschriebenen Adenom entspricht, dürfte ein ähnlicher Entstehungs-
modus platzgegriffen haben; wenigstens deutet das Vorkommen
von einzelnen, cylindrischen Schläuchen mit regelmässigem Cylinder-
epithel, welche Wagner selbst für Gallengänge zu halten geneigt
ist, darauf hin. Auch Birch -Hirschfeld erwähnt von seinem 3.
Falle, dass in den Knoten eine bedeutende Wucherung der inter-
acinösen Gallengänge zu constatiren war, und lässt daher die Mög-
lichkeit offen, dass die Knoten von letzteren ausgegangen seien.
Eine Betheiligung der Gallengänge bei dem Aufbaue von
Adenomen in der Leber wird uns schon a priori nicht befremdend
erscheinen, wenn wir uns erinnern, dass bei verschiedenen, meistens
mit interstitieller Bindegewebswucherung einhergehenden Processen
der Leber, wieCirrhose, Syphilis, Echinococcus, acuter gelber
Leberatrophie, ferner bei Schnürleber innerhalb der Schnürfurche
und im freien Leberrande bei seniler Atrophie, eine Neubil-
dung von epithelialen Schläuchen stattfindet, deren Bedeutung und
Herkunft zwar noch strittig ist, welche aber doch am wahrscheinlichsten
als neugebildete Gallengänge anzusehen sind. Es sind in der Regel
schmale, gestreckt oder gewunden verlaufende, solide oder mit einem
Lumen versehene und aus kleinen, kubischen, blassen Zellen be-
42G Grecnish.
stehende Cylinder, welche mit den Drüsenformationen unseres ersten
Adenoms mehr oder weniger vollständig übereinstimmen. Doch
kommen zuweilen höher entwickelte Formen vor. So fand ich bei
einer Schussverletzung der Leber (der Tod war 12 Tage nach der
Verletzung erfolgt) in dem den Schusskanal umgebenden, nekroti-
schen Lebergewebe eine Anzahl von neugebildeten Schläuchen, deren
Elemente zum Theile nicht mehr so klein und blass waren, wie
die zuvor geschilderten, sondern den Leberzellen viel näher standen,
also in ähnlicher Weise bereits eine höhere Entwicklungsstufe er-
reicht hatten, wie ein Theil der Drüsenelemente in unserem zweiten
Adenom. Da nun das letztere in einem atrophischen Leberrande
gefunden wurde, also an einer Stelle, an welcher in Folge inter-
stitieller Bindegewebswucherung und Atrophie des Leberparenchyms
gewöhnlich eine Neubildung von Gallengängen auftritt, so können
wir uns das Zustandekommen dieser Geschwulst ganz ungezwungen
dadurch erklären, dass in diesem Falle die Neubildung von Gallen-
gängen nicht innerhalb der gewöhnlichen Grenzen blieb, sondern
eine excessive wurde. Vielleicht liegt auch der Entwicklung des
ersten Adenoms eine umschriebene, interstitielle Hepatitis zu Grunde.
Was die Entstehung unseres dritten Adenoms betrifft, so
scheinen hiebei andere Verhältnisse obgewaltet zu haben; jeden-
falls ist von einer Wucherung der Gallengänge nichts zu sehen.
Zwar waren auch in der angrenzenden Lebersubstanz keine deut-
lichen Zeichen von Proliferation wahrzunehmen, aber das Vor-
kommen von aulfallend grossen Kernen in letzterer und der un-
unterbrochene Zusammenhang der Adenom schlauche mit den Leber-
zellenbalken scheinen für eine Entstehung aus letzteren zu sprechen.
Auch in den übrigen, in der Literatur verzeichneten und mit unserer
dritten Beobachtung übereinstimmenden Fällen wird die Entwicklung
der Adenomschläuche aus den wuchernden Leberzellen behauptet,
wie dies besonders in dem Falle von Griesinger-Kindfleisch
nachgewiesen wurde.
Aus dem Ganzen ergibt sich, dass in der Leber drei Arten
von Adenomen auftreten können. Zur ersten Art gehören die so-
genannten knotigen Hyperplasien, also jene Geschwülste, welche
aus neugebildetem, jedoch typischem Lebergewebe bestehen. Nach
meiner Meinung ist es nicht gerechtfertigt, dieser Art von Geschwül-
sten die Bezeichnung „Adenom" zu entziehen, da man ja unter
Adenom der Leber. 427
Adenom eine geschwulstartige Neubildung von Drüsengewebe ver-
steht, und eine solche in den sogenannten Hyperplasien doch un-
zweifelhaft vorliegt. Man kann aber diese Art zum Unterschiede
von der folgenden als typisches Leberzellen-Adenom bezeich-
nen. In diese Gruppe gehören aus der Literatur die 2 Fälle von
[Rokitansky, der 2. und 3. Fall von Klob, der Fall von Hoff-
mann, von Eberth, und der 1. Fall von Thierfelder.
Die zweite Art von Leber- Adenomen besteht aus neugebilde-
tem Drüsengewebe, welches zwar nicht nach dem Typus der Leber-
Acini aufgebaut ist, dessen Zellen aber im Grossen und Ganzen
die Eigenschaften der Leberzellen besitzen und auch aus letzteren
hervorgegangen sind. Diese Species kann man als atypisches Leber-
zellen-Adenom bezeichnen. Hieher gehören der Fall von Fried-
reich, von Griesinger-Kindfleisch, von Kelsch und Kiener,
der 2. Fall von Thierfelder, und der 3. Fall von mir, während
die von Greenfield beschriebenen Tumoren wohl den Carcinomen
zuzuzählen sein dürften.
Die dritte Art umfasst jene Adenome, deren Schläuche
Aehnlichkeit mit Gallengängen besitzen und auch durch Wucherung
derselben entstanden sind. Sie sind als Gallengang-Adenome
zu bezeichnen. Dazu gehören der 3. Fall von Wagner und der
1. und 2. Fall von mir; ob auch der 3. Fall von Birch-Hirschfeld
hieher zu stellen ist, kann wegen der zu aphoristischen Beschrei-
bung nicht entschieden werden.
Selbstverständlich sind aus der Keihe der Leber- Adenome
jene Fälle zu eliminiren, in welchen blos Tumoren vorgetäuscht
wurden, und eine genauere Untersuchung eine Neubildung ausschloss.
Das gilt von dem 1. Falle von Klob, von dem Falle von Biermer
und wahrscheinlich auch von dem Falle von Willigk. Im letzteren
zeigte nämlich der grössere Knoten den Bau des normalen Leber-
gewebes und die Zellen unterschieden sich von den normalen Leber-
zellen nur durch zartere Contouren und ein zartkörniges Proto-
plasma, während in dem kleineren Knoten die Zellen sogar fettig
infiltrirt oder zu einem Detritus zerfallen waren. Ausserdem handelte
es sich hiebei um eine cirrhotische Leber, und weder in den Knoten
noch in deren Umgebung waren Wucherungsvorgänge an den Leber-
zellen zu constatiren. Nun ist es bekannt, und Schustler (Medi-
cinische Jahrbücher, 1881) hat erst neuerdings wieder darauf auf-
428 Greenish. Adenom der Leber.
merksam gemacht, dass manchmal in den cirrhotischen Lebern
verschieden grosse, knotenähnliche und durch Bindegewebe ge-
trennte Herde von Lebergewebe vorkommen können, welche bei
makroskopischer Betrachtung allerdings für Neubildungen, für Ade-
nome imponiren können, dagegen bei der mikroskopischen Unter-
suchung sich einfach als abgeschnürte Inseln von Lebergewebe ent-
puppen. Die Leberzellen in diesen Partien brauchen hiebei nicht
einmal in Atrophie oder Fettinfiltration begriffen zu sein, wenig-
stens habe ich sie in einem derartigen Falle ganz wohl erhalten
gefunden. Es ist daher auch in dem Falle von Willigk sehr
wahrscheinlich, dass es sich nicht um wirkliche Adenome, sondern
blos um abgeschnürte Partien von Lebergewebe handelte.
Zum Schlüsse spreche ich Hrn. Dr. Anton Weichselbaum,
in dessen Institute ich vorliegende Arbeit ausgeführt, für die Ueber-
lassung des Materials und für seinen gütigen Beistand meinen
besten Dank aus.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. I. Ein Schnitt durch das erste Adenom. Leitz Obj. 5, Oc. I.
a = gallengangähnliche Drüsency linder;
a' = solche mit einem Lumen ;
l) = wuchernde Gallengänge aus der Peripherie der Geschwulst.
Fig. II. Ein Theil eines Läppchens vom dritten Adenom. Leitz Obj. 5, Oc. I.
a = Querschnitte von Drüsenschläuchen mit radiär gestelltem Epithel
und einem weiten Lumen, welches Zellen und tiopfenartige Gebilde
enthält-,
b = Quer- und Längsschnitte von Drüsenschläuchen, in deren Lumen
eine klumpige, gelbe Masse vorhanden ist;
c = Zellen mit besonders grossem Kerne-,
d und d' = solide Drüsencylinder, erstere dick, letztere verschmälert;
e = weite Capillaren.
-*—♦<»—*■
XX.
jj Untersuchungen über den Respirations- Gasaus-
;h im fieberhaften Zustande des Menschen
von
Prof. Dr. Gustav Wertheim
Primararzt an der k. k. Krankenanstalt Rudolf Stiftung.
* (Am 26. Mai 1882 von der Kedaction übernommen.)
[i.
euer Abhandlung, die vor Jahresfrist in diesen Blättern
[gleicher Ueberschrift erschien, habe ich in der Einleitung
hingewiesen, dass der hier ins Auge zu fassende Frocess, den
rechsei nennen, und durch den wir in 24 Stunden 78o un~
»gewichtes erneuern, wesentlich ein Oxydationsvorgang
pr zum allergrössten Theile eine Umwandlung von Kohle in
re ist. Von der Thatsache ausgehend, dass die hier ent-
> Kohlensäure das Produkt von zwei Factoren ist, deren
procentische Gehalt der von der Lunge ausgeathmeten Luft
Jst, während der zweite durch die Zahl und Tiefe der Athem-
[t ist, hob ich hervor, dass der erstere für die 24stün-
lt der Untersuchung eine nahezu invariable Grösse bildet, wäh-
;. »weite zum Theil vom Willen des Athmenden, zum Theil
Lctiven Antriebe abhängig ist.
ron ausgehend wies ich nach, dass ich keine Methode der
rang für ausreichend erachten könne, die sich nicht an-
jeden der beiden Factoren getrennt seiner Grösse nach zu
o, weil nur so ein Einblick in die vitale Genesis der
ire gewonnen und damit Daten für eine künftige Theorie
rs geliefert werden können.
430 Wertheim.
Ich skizzirte sodann das von mir construirte Vorgehen, darin
bestehend:
1. Dass ich dem zu Untersuchenden durch eine zweiventilige
Larve atmosphärische Luft zu- und Ausathmungsluft entführte, die
ich zuerst in eine durch zwei Hähne verschliessbare Wulfische
Flasche, von dieser weiters iu einen Gummischlauch strömen lasse,
dessen verjüngtes Ende in ein mit Salzwasser gefülltes Gefäss ein-
gesenkt wird. Der nach 10 minutigem Durchströmen gewonnene,
erfahrungsgemäss reine Ausathmungsluft enthaltende Inhalt der jetzt
geschlossenen Wulfischen Flasche dient zur Bestimmung des pro-
centischen C08gehaltes; der des beiderseits abgeklemmten Gummi-
schlauches wird eudiometrisch auf seinen procentischen Ogehalt
untersucht.
2. Wird sodann die Larve neuerdings applicirt, um den zn
Untersuchenden 3 Minuten lang in einen 40 Liter fassenden Gummi-
sack athmen zu lassen, dessen Inhalt später in eine graduirte Mess-
glocke partieenweise entleert und gemessen wird, selbstverständlich
mit nachfolgender Keduction auf 0° und 76 Ctm. Hgdruck.
In der Abhandlung, die ich so eben citirte, habe ich mich auf
die COjjbestimmung allein beschränkt und mir die Mittheilung über
den procentischen und absoluten Ogehalt der ausgeathmeten Luft
auf eine spätere Zeit vorbehalten.
Diese Zusage erfülle ich nunmehr und berichte, dass ich hiezu
12 Fälle theils auf der mir selbst unterstehenden Abtheilung,
theils auf den, mit collegialer Bereitwilligkeit mir geöffneten Ab-
theilungen der Herren Primarärzte Hein, Kiemann und Mader
in Untersuchung gezogen habe. Zum Verständnisse des hier Ge-
botenen ist daran zu erinnern, dass ich damals zur Schlussfolgerung
gelangt bin:
1. Dass ausnahmslos der ^C02gehalt im Fieber vermin-
dert ist und um 3*0$ schwankt, während die Norm bekanntlich
4-3 # beträgt.
2. Dass die absolute Ausathmungsluftmenge fast jedesmal
vermehrt ist, jedoch nur in solchem Grade, dass in der Regel
eine beträchtliche Gesammtabnahme der Kohlensäure-
ausscheidung zu Stande kommt, welche durch eine sehr beträcht-
liche procentische COaverminderung und sehr geringfügige Ver-
mehrung der absoluten Ausathmungsluftmenge bewirkt wird. Die
Respirations-Gasaustausch im Fieber. 431
Einzelheiten mögen an betreffender Stelle ') eingesehen werden. Nur
in Kürze sei erwähnt, dass der durchschnittliche Gegensatz in dem
Grammengewichte der 24stündigen Kohlensäureausscheidung beim
Fiebernden und beim Gesunden durch die Zahlen 593 für das
erstere (als aus den benützten 12 Fällen sich ergebend) und 900
für das letztere (hiefür als Norm geltend) ausgedrückt wurde.
Schon damals betonte ich, dass sich dem Forscher hiebei wie
von selbst, die Frage aufdränge, welche Bolle hier der Sauerstoff
spielt, den die atmosphärische Luft dem Athmenden in jedem Zuge
anbietet. Wie verhält sich diesem gegenüber der fiebernde Organis-
mus? Nimmt er von den 20*9 #, die ihm von jedem Hundert
Volum eingeathmeter Luft angeboten werden, so viel auf, als er in
der erzeugten Kohlensäure wieder hergibt, oder mehr oder weniger?
Alle drei Fälle sind möglich.
Die Antwort hierauf konnten nur gewissenhaft geführte Unter-
suchungen an fiebernden Kranken liefern, bei denen wieder in Bezug
auf die dazu geeignete Methode genau dieselben Eücksichten walteten,
die für das Studium der Kohlensäureausscheidung geltend gemacht
wurden. Auch hier, wo es sich um das ins Blut aufgenommene 0
handelt, sind jene dort erwähnten zwei Factoren getrennt von
einander zu bestimmen, aus dem sich das Produkt zusammensetzt
d. i. % Oeinnahme bei jedem Athemzuge und die Zahl und Tiefe
der letzteren in gegebener Zeit. Nehmen wir z. B. an, wir wüssten,
dass ein Mensch in einer Minute 264 CC. 0 eingenommen hat, wir
erführen aber nicht zugleich, ob er in dieser Minute 6000 oder
9000 C. C. Luft eingeathmet hat, so wüssten wir nicht, dass er im
ersten Falle 4*4 # 0 eingenommen hat, dagegen im zweiten
2*93 % 0. Wie wichtig aber dies für die Kenntniss des vitalen Zu-
standes ist, in dem sich eben das Blut befindet, leuchtet ein.
Bezüglich der Ermittelung der # Oeinnahme des Athmenden
ist auszusagen, dass sie in exacter Weise nach dem gegenwär-
tigen Stande der Chemie auf diesem speciellen Gebiete, nur auf
einem Umwege erforscht werden kann; nämlich nur so, dass man
unter Festhaltung der Thatsache, dass die Zusammensetzung der
atmosphärischen Luft eine constante Grösse ist — (was unbeschadet
f) Med. Jahrbücher der k. k. Ges. d. Aerzte 1881.
Med. Jahrbücher. 1882- 98
432 Wertheim.
der neuerlich publicirten Angaben *) innerhalb jener Grenzen, die
für unseren Fall in Betracht kommen, aufrecht bleibt) — die
Zusammensetzung derjenigen untersucht, die der Fiebernde aus-
athmet und aus der Yergleichung beider das Endergebniss
d. i. die stattgehabte Oeinnahme ableitet.
Diesen Weg habe ich in den hier folgenden Untersuchungen
eingeschlagen, hiebei aber es für zweckentsprechend gefunden in den
jetzt untersuchten 12 Fällen, mit denen ich den Leser bekannt
mache, die C02ausscheidung wieder mit einzubeziehen, so dass diese
Untersuchungen gleichzeitig Aufschluss über die jedesmalige
C02bildung imd Oaufnahme binnen 24 Stunden beim fiebernden
Menschen verschaffen.
Bei der vorjährigen Mittheilung der analytischen Eesultate be-
züglich der Kohlensäuregehalte der Ausathmungsluft bei Fiebernden
habe ich mich auf die Angabe der schliesslich gewonnenen Ziffern
beschränkt, weil ich die dabei angewendete Pettenkofer'sche
Titrirungsmethode (Schütteln des gesammelten Luftvolumens mit
gemessener Menge von Aqua calcis, deren Kalkgehalt bereits er-
mittelt war, und darauf Ausforschung der jetzt noch unverbundenen
Kalkmenge darin mittelst Oxalsäurelösung von bekannter Concen-
tration) als allgemein bekannt voraussetzen konnte. Anders verhält
es sich im vorliegenden Falle, da meines Wissens zu klinischen
Zwecken beim Menschen die Bunsen'sche Obestimmung in Gas-
gemengen in grösserem Massstabe noch nicht in Anwendung ge-
zogen worden ist. Deshalb habe ich es unternommen, die von mir
nur in einigen unbedeutenden Einzelheiten modificirte und da-
durch violleicht der allgemeinen Anwendung zugänglicher gemachte
Bunsen'sche Methode zu obbezeichnetem Zwecke so genau zu schil-
dern, dass sie — was sie bisher noch nicht ist — ein Gemeingut
für alle Collegen werden möge. Diese Schilderung ist der Ab-
handlung als Anhang beigefügt.
Ich selbst gestehe übrigens bereitwillig ein, dass die er-
reichbare grosse Genauigkeit, die die beiden hier bezeichneten
Untersuchungsweisen, (die Pettenkofer'sche für die COabestimmung,
die Bunsen'sche für die Obestimmung) zu Wege bringen, ein wich-
tiges bestimmendos Moment für mich bei der Wahl des Gebietes
*) Jolly, 1879, hat zwischen der Luft der Aequatorial- und der
Polar gegenden minime Unterschiede im Ogehalte gefunden.
Respirations-Gasaustausch im Fieber. 433
abgab, dessen Erforschung ich meine schwachen Kräfte seit ge-
raumer Zeit gewidmet habe.
Mit Hilfe dieser preiswürdigen Metboden habe ich die hier
tabellarisch zusammengestellten 12 Fälle in der Art untersucht,
dass ich nebst der Hauptdiagnose und den genau charakterisirten
Fiebersymptomen :
l.Die absolute 1 minutige Ausathmungsluftmenge auf 0° und
76 Hg reducirt (A) ;
2. die procentische C02ausscheidung (c);
3. die procentische Oeinnahme, abgeleitet aus der Differenz von
20*9 und dem gefundenen ^Ogehalt der ausgeathmeten
Luft (o) ;
4. u. 5. die aus obigen Daten nach den Formeln :
v = -—^ X % C08 X 2-851 und
v' = j^ X # 0 X 2*06 gewonnenen 24stündigen
CO, und Ogrammengewichte (v) *) und (v') *) ;
6. das Endergebniss des Gasaustausches in Bezug auf die Frage,
ob im vorliegenden Falle ein Oüberschuss, Obedarf oder
Oausgleich Statt hatte;
7. zum Zwecke der Erlangung des Werthes der mittleren Athem-
grösse in jedem der 12 Fälle: die Zählung der Athemzüge
in je 1 Min. zwei verschiedene Male, nämlich beim lOminuti-
f) v wird gefunden, indem man die auf 0° C. und 76 Cm. Hgdruck
reducirte lminutige Ausathmungsluftmenge (A), durch 100 dividirt, mit dem
gefundenen #COxvolum (c) multiplicirt. Um für dieses Produkt, welches die
lminutige C08 in CC. bezeichnet, den Ausdruck in Grammen und für
24 Stunden zu erfahren, wird es mit der Zahl 2*851 multiplicirt. Letztere
entsteht aus der Multiplication der 24stündigen Minutenzahl 1440 (: 1000)
X 1*98 d. i. das specifische Gewicht von 1 Liter CO, unter obigen Druck-
tmd Temperaturverhältnissen.
*) Mutatis mutandis ergibt sich als Formel für die Gewinnung der
24etündigen Oeinnahme in Grammen der Ausdruck -r^r- X 0 = der 1 minu-
tigen Oeinnahme in CC. ; zur Gewinnung des Ausdrucks in Grammen für
24 Stunden ist hier die Multiplication sziffer 2*06, d. i. das Produkt aus
1*440 X 1*432, welche letztere Zahl = dem specifischen Gewichte von
1 Liter O unter obigen Druck- und Temperaturverhältnissen.
28*
434 Wertheim.
gen Einathmen in die Wulfische Flasche, und beim 3minutigen
in den Kautschucksack;
8. das Ergebniss der Zusammenstellung der Daten über Ath-
mungsvolumen mit jenen über Ogewinnung und Odefect
sorgfältigst erhoben habe.
Auf Grund aller dieser Erhebungen bin ich in der Lage mit-
zuth eilen, dass Alles, was ich vor Jahresfrist in Bezug auf den
procentischen Kohlensäuregehalt der ausgeathmeten Luft bei
Fiebernden, gleichviel welchen Ursprungs das Fieber sei, desgleichen,
was ich über die absolute Menge der Ausathmungsluft in gegebe-
ner Zeit aussagte, sich auch in der diesjährigen Arbeit, die gleich
jener zwölf zufallig zusammengerathene Fälle zur Grundlage hat,
in befriedigender Weise wiederholt hat.
Aus der folgenden ziffermässigen Zusammenstellung ergibt sich:
1. In den 12 Fällen der ersten Arbeit betrug der
mittlere #COÄgehalt 2 -85 #
die Mittelzahl der lminutigen Ausathmungsluft-
menge (red. auf 0° in 76 Hg) . 7230 (d.i.
12*05 # über die Norm von 6000)
Als mittleres 24stündiges COagewicht in Grm. 593*0 Grm.
2. In den 12 Fällen der diesjährigen Arbeit, die
in der beigeschlossenen Tafel tabellarisch
zusammengestellt sind, betrug:
der mittlere % C02gehalt 3-035 #
die Mittelzahl der lminutigen Ausathmungs-
luftmenge (red. auf 0° in 76 Hg) 7771 C.C.
(d. i. 12*95$ über die Norm)
Als mittleres 24stünd. C03gewicht in Grm. ergab sich 672*0 Grm.
Diese nahe Uebereinstimmung des Ergebnisses von zwei — mit
Hilfe der gleichen Methode ausgeführten — Untersuchungen scheint
mir eine Bürgschaft für die Verlässlichkeit des angewendeten Ver-
fahrens zu bieten.
3. Die Wiederholung der C02ausscheidungsbestimmung wurde
dieses Mal unternommen, um ihr Ergebniss in jenes mit einzube-
ziehen, welches sich aus der nunmehr in Angriff genommenen Un-
tersuchung des Verhaltens der Oeinnahme beim Fiebernden heraus-
stellen würde. Die diesbezügliche Frage präcisirte ich am Schlüsse
meiner vorjährigen Arbeit dahin: ob der thatsächlich jedesmal ver-
Bespirations-Gasaustauscb im Fieber. 435
minderten #C02ausscheidung auch jedesmal eine thatsächliche pro-
centische Mindereinnahme von Sauerstoff aus der Atmosphäre ent-
spreche ?
Diese Frage beantworten die diesmal erhobenen Thatsachen
mit einem entschiedenen Ja.
Sie ergehen nämlich:
dass das mittlere C02ausscheidungsquantum in diesen
12 Fällen 3-035 £
betrug, woraus sich durch Zusammenfassung mit der
gefundenen 1 minutigen Ausathmungsluftm enge das
24stündige C02grammgewicht von 672*4 Grm.
ergibt.
Die mittlere # Oeinnahme betrug in diesen 12 Fällen 2*785 %
woraus sich bei Zusammenfassung mit der gefundenen
lminutigen Ausathmungsluftmenge von 1771 die
24stündige Oeinnahme in Gramm auf 478*96 Grm.
ergibt.
Da als Norm für die 24stündige C02ausscheidung
beim Gesunden angenommen wird 900 Grm. C03
als Norm für die 24stündige Oeinnahme aus der At-
mosphäre . 744*1 Grm.
(mithin ein Oüberschuss von 90*0 0)
hingegen der Fiebernde im Mittel C02 in Grm. ausschied 672*4
und 0 in Grm. einnahm .... 478*90
(mithin ein Obedarf von 10*5 0)
so verhielt sich in den untersuchten 12 Fällen
die C02ausscheidung des Gesunden zu der des
Fiebernden wie 1 : 0*746
die Oeinnahme des Gesunden zu der des Fiebern-
den wie 1 : 0*645.
Von hohem Interesse ist — Angesichts des eben mitgeteil-
ten Befundes — die weitere Frage: In welchem Verhältnisse steht
hier die Menge des eingenommenen O's aus der Atmosphäre zu
derjenigen, die das erzeugte C02 in sich birgt? Keicht es hiezu
gerade aus, findet sich ein Ueberschuss oder musste ein Deficit vom
Organismus gedeckt werden?
Was nun die hier inKede stehenden 12 Fälle von Fiebernden
betrifft, so hat sich bei Ermittlung dieses Verhältnisses in jedem
436 Wertheim.
einzelnen der Fälle eine Verschiedenheit im Verlaufe in der Art
herausgestellt, dass in den tabellarisch verzeichneten Fällen
In Grammen
i m vi vm ix
880 152-4 22 42*0 104-4 Oüberschuss
vorhanden war.
Dies gibt im Mittel aus 362-0 : 5 = 72-4 Gr. Oüberschuss;
dagegen in den tabellarisch verzeichneten Fällen:
ii iv v vni ex x xn
1039 491 1300 7-6 1320 1947 1692 Odefect
vorhanden war.
Dies gibt im Mittel aus 786 : 7 = 112-35 Gr. Odefect.
4. Im Hinblick auf den grossen Antheil, welchen unzweifelhaft
die Zahl der Athemzüge und ihre Tiefe an der COaerzeugung in
Bezug auf ihre Gesammtmenge nimmt, habe ich es unternommen
bei jenen Fiebernden, deren C08ausscheidung und Oeinnalime ich
ermittelte, gleichzeitig die Zahl der Athemzüge, die er in 1 Minute
in die Wulf sehe Flasche athmend vollzog, die Zahl der Athemzüge,
die er in den Kautschucksack in 1 Minute vollzog, und endlich das
3minutige absolute Ausathmungsluftquantum, durch Ablassen des-
selben in eine Messglocke, zu bestimmen.
Das mittlere Volum je eines Athemzuges ergab sich hieraus,
v
nach der Formel v' = — , wo v' das gesuchte Volum einer Ath-
a
mung, v die lminutige Ausathmungsluftmenge und a die Zahl
der Athemzüge in 1 Minute bedeutet. Stellt man jetzt die Fälle,
die den Oüberschuss ausweisen, jeoen gegenüber, welche den Odefect
ausweisen, so findet man für die
Fälle mit Oüberschuss:
Für die Fälle mit Odefect:
I. 265 CC. als Vol. eines Athemzuges
IL
305 CC. als Vol. eines Albenzuges
(Minimum)
IV.
450 „ „ „
r> r>
111. 550 „ „ „ „
r>
V.
469 „ , „
n r
VI. 380 „ „ „ „
r>
vm.
221 (Minimum)
n r
Vll. ovo „ „ „ „
»
IX.
766 (Maximum)
T, T
XL 929 (Maximum) r
T>
X.
359 „ „- „
t, n
2429 : 5 — 485 CC.
xn.
269 „ „ „
2839 : 7 = 405'5
•
Bespirations- Gasaustausch im Fieber. 437
Hieraus ergibt sich nicht nur, dass im Durchschnitt eine etwas
tiefere Einathmung in jenen Fällen stattfand , die Oüberschuss
gewannen, gegenüber jenen, die mit Odefect behaftet sind, sondern
man bemerkt auch, dass unter den fünf Fällen mit Oüberschuss
sich als Minutenmaximum 929 CC. und als Minimum 265 CC.
findet, während unter den sieben mit Odefect das Maximum nur
766 CC. in der Minute erreicht hat, und das Minimum 221 CC.
ausweist.
Ich weiss sehr wohl, dass ich hier eine Thatsache berühre,
deren Deutung unter den Physiologen noch controvers ist. Ich
unterlasse es deshalb ihr eine theoretische Interpretation zu geben.
Nur so viel sei bemerkt: Auf die Menge der schliesslich ausge-
schiedenen Kohlensäure und des eingenommenen Sauerstoffes für
gegebene Zeit influirt die Zahl und Tiefe der vom Fieberkranken
gemachten Athemzüge jedenfalls und in derselben Weise,
gleichviel ob er sie vollzieht, weil er sie vollziehen will, oder weil
er sie vollziehen muss.
Da der Leser ein begründetes Anrecht darauf hat, den Grad
von Genauigkeit kennen zu lernen, welche die ihm mitgetheilten
Untersuchungsweisen und ihre Ergebnisse besitzen, so sei bemerkt,
dass im vorliegenden Falle eine sehr nahe liegende Möglichkeit die-
selbe zu prüfen in der probeweisen Bestimmung des Ogehaltes der
atmosphärischen Luft, als einer constanten Grösse, gegeben war,
von welcher ich sehr häufigen Gebrauch gemacht habe. Hiebei
schwankten die gefundenen Endziffern innerhalb 0*1 auf oder ab
um dasjenige, was als Norm gilt (= 20-9$); gar nicht selten
aber näherte es sich diesem noch mehr.
Zum Theil als Beleg für das Gesagte, zum Theil in der Ab-
sicht das ganze Verfahren der ^Oeinnahmsbestimmung schliess-
lich durch ein Beispiel zu erläutern, bringe ich hier die am
5. April 1882 von mir ausgeführte Bestimmung des Ogehaltes der
atmosphärischen Luft in extenso zur Kenntniss des Lesers.
438
Wertheim.
Ablesung
des Hg's am
Meniscus
1
NachEinfüllung
von atmosphär.
Luft
Ablesung
des Hg's am
Wannen-
spiegel
Barom. und
Temperatur
Vorm. 10 ü.
Aus Nebenstehendem
ergibt sich m. Benützung
der Tabelle des
calibrirten Eudiometers
vor dem Zusatz
107*0
der Kalikugel
nach lOminutig.
Verweil, d. Kali
3415
0-75712
16-25°C.
1045
0-75712
341*25
(20*939.0-52037) : 1-059
0-23675
104-50
= 10-288 (I)
0*52037
236-75
nach Zus. v. H.
vor dem Kali
15475
nach iOminutig.
Verweil, d. Kali
340-25
(30-513.0-57087) : 1*059
= 16-448 (II)
1540
0*75712
340*25
018625
15400
•
0-57087
186-25
nach der Explos.
(20-553.0-51355) : 1*059
vor dem Kali
Nachm. 4U.
= 9*9669 (HI)
1050
34112
0-75217
16-25°C.
16-448—9-9669=6-4811
(d. i. die Contraction)
1025
nach lOMin.Kali
64811:3=216036:10-288
0*75217
34112
•
= 20*99 % 0
0-23862
102-50
als #Ogehalt der atm.
Luft.
0-51355
238-62
Was den Grad von Verlässlichkeit betrifft, den die angewende-
ten Methoden zum Zwecke der Entnahme und Messung der absoluten
Ausathmungsluftmenge in gegebener Zeit besitzen, so sei bemerkt:
1. Dass diese Methoden sich sehr einfach construirter Apparate
bedienen, die ihre Unveränderlichkeit und Dauerhaftigkeit dadurch
bewiesen haben, dass sie jahrelang keiner Keparatur bedürftig wurden.
Sowohl von der Larve mit den zwei Ventilen, wie von der Wulfi-
schen Flasche mit den zwei Hähnen und dem 40 Liter Luft
fassenden Kautschucksacke, desgleichen von der graduirten gläsernen
Messglocke gilt diese Aussage.
2. Haben diese Methoden den Vorzug, dass sie für jede Ent-
nahme nach zweifacher Eichtung, einmal für die procentische
C02ausscheidungs- und die procentische Oeinnahme - Bestimmung
gleichzeitig verwendet, ein zweites Mal für die Messung der abso-
luten Ausathmungsluftmenge binnen drei Minuten in Gebrauch go-
Kespirations-Gasaustausch im Fieber. 439
zogen zusammen nur eine viertel Stunde, und einschliesslich der
Ueberleerang des Sackinhaltes in die Messglocke vielleicht im
Ganzen eine halbe Stunde Arbeit erfordern. Man ist daher in der
Lage, die Messung am selben Individuum nach Belieben mehr-
mals innerhalb 24 Stunden vorzunehmen, wodurch der Vergleich
der gewonnenen Ergebnisse und das Entnehmen eines Mittels aus
denselben ermöglicht wird.
3. Habe ich mich auch noch über den Grad von Constanz
auszusprechen, den sowohl die Messung der absoluten Ausathmungs-
luftmenge, wenn sie wiederholt vorgenommen wurde als auch die
Abzahlung der Athemzüge in gegebener Zeit aufwies. Hier hat sich
eine solche Gleichförmigkeit im ersteren Falle in Bezug auf Menge,
im zweiten Falle in Bezug auf Zahl und Tiefe in der weitaus über-
wiegenden Mehrzahl aller untersuchten Individuen ergeben, dass sich
hiedurch eine grosse Yerlässlichkeit für das davon abgezogene
Mittel ergibt, für dessen Giltigkeit und Verwendbarkeit zu Schluss-
folgerungen es immer von Wichtigkeit ist, ob die Maxima und
Minima, aus denen sich das Mittel zusammensetzt, weit auseinander
liegen, oder sehr nahe beisammen stehen. In unserem Falle war
Letzteres die Regel.
4. Hält man die hier angewendeten Messweisen und chemi-
schen Procentualbestimmungen jenen Untersuchungen entgegen, die
mit Anwendung von Gasuhren, ferner mit höchst complicirten
Ventilationsvorkehrungen vollführt wurden, die die Aufgabe haben,
die den zu Untersuchenden umgebende Luft möglichst gleichartig
zu erhalten und erinnert man sich, dass gerade die Gasuhren zu den
unverlässlichsten Instrumenten gehören, die die Technik aufzuweisen
hat, (die bekanntlich beim Leuchtgase zwischen dem Producenten
und Gonsumenten zu unaufhörlichem Hader Anlass geben), erwägt
man ferner, dass diese kostspieligen Apparate gar nicht
dieMöglichkeit bieten, die procentische COsausscheidung
und die procentische Oeinnahme getrennt von der Mes-
sung der absolutenAusathmungsluftmenge vorzunehmen,
so wird man es begreiflich finden, wenn ich mich der Ueberzeugung
hingebe, dass ich mit der von mir verwendeten Larve, der Wulfischen
Flasche, dem Kautschucksacke und der Messglocke der gesuchten
Wahrheit näher zu kommen im Stande bin, als diejenigen, die die
bezeichneten Instrumente benützen.
440 Wertheim.
Ich verhehle mir übrigens nicht, dass das hier mitgetheilte
Schlussergebniss, welches ich am Bette des Fieberkranken, in der
Anstalt, in der ich wirke, bereits einer grösseren Anzahl von Fach-
männern in überzeugender Weise demonstrirt habe, mit anderen
bezüglich des Fiebers gleichfalls sichergestellten Thatsachen, wie
es namentlich die erhöhte Körpertemperatur im Fieber sein dürfte,
schwer in Einklang zu bringen ist. Ich denke aber, es fehlen uns
nur noch zwischen inne liegende Thatsachen, um uns diesen Wider-
spruch einstens als einen scheinbaren erkennen zu lassen.
Anhang.
Ueber die Anwendung der gasometrischen Methode von B uns en zur Bestimmiog
des Ogehaltes der Ausathmungsluft.
Der Sauerstoff der im Gummischlauche, von dem schon Eingangs
Erwähnung geschah, verwahrten Ausathmungsluft wird nach der Me-
thode von Bunsen auf folgende Weise bestimmt:
Die Geräthe, die hiezu erforderlich sind, sind ein 500 Mm. langes
Eudiometer von etwa 16 Mm. Durchmesser, eine eigenartig constrnirU
porzellanene Wanne, etwa 10 Kilo reines Quecksilber, ein gläserner
Trichter mit verjüngt endendem Ansatzrohr, das etwas länger als das
Eudiometer ist, eine 3 Mm. dicke Kautschuckplatte, gross genug, um
an das Eudiometer angodrückt, selbes zu verschliessen ; ein etwa 600 Mm.
langer geglühter Eisendraht, zum Zwecke die die Trocknung bewirkende
Kalikugel einzufahren; (ich substituire diesen ohne Nachtheil dem
von Bunsen vorgeschriebenen Platindraht, da sich Eisen bekanntlich
nicht amalgamirt); ein Fläschchen mit Sublimatlösung (10 Grm. auf 150
Aqu. dest.); ein Vorrath gut zubereiteter und wohlverwahrter Kalikugeln
mit eingeschmolzenem 3 Ctm. langem Eisendraht; ein beiläufig 100 CC.
fassendes gläsernes Fläschchen mit Kautschuckstöpsel, in dem ein zwei-
mal knieformig abgebogenes Glasröhrchen steckt, ein Stehcylinder von
Glas mit einer 2 Finger hohen Hgsäule am Boden zum Zwecke der
Verwahrung der am Eisendrahte befindlichen Kalikugel, mit einem
Korkstöpsel zu verschliessen; ein Zinkkohlenelement in einem stark-
wandigen cylindrischen Glasgefässe, in einem frei aufliegenden Holz-
rahmen befestigt, ein kleiner Rumkorflf, die erforderlichen Verbindungs-
drähte, eine starkwandige, etwa 100 CC. fassende, mit reiner concen-
trirter Schwefelsäure gefüllte Flasche, ein Barometer, ein Thermometer,
ein an den Tisch anschraubbarer eiserner Stab mit daran befestigtem
eisernem Haltarm, ein graduirter hölzerner Steg, dessen senkrecht
stehender Ast 50 Mm. hoch ist; die Speisungsflüssigkeit für das Zink-
kohlenelement (Kali bichromici, Acid. sulfur. conc. puri aa. Grm. 93;
Aqu. destillatae 1 Liter); einige 3 Mm. dicke quadratische Holzplättchen
von 4 Ctm. Seitenlänge als Unterlagen.
Respirations-Gasaustausch im Fieber. 441
Die erste Aufgabe für den Untersuchenden ist, das Eudiometer zu
calibriren und eine entsprechende Calibrirungstabelle anzufertigen. Zu
diesem Ende wird das Rohr mit dem Kuppelende nach unten senkrecht auf-
gestellt, im Haltarm eingeklemmt und eine dem Volumen nach genau
bekannte Menge Quecksilber durch einen langen, fein ausgezogenen
Glastrichter eingegossen. Hierauf wird der Stand des Hgmeniscus ge-
nauest an der Längsscala des Eudiometers abgelesen und notirt, eine
zweite gleiche Hgladung nachgeschüttet, wieder notirt u. s. f. bis zum
Strich von etwa 180 — 200. Dividirt man jetzt das constant verwendete
Quecksilbervolumen der Reihe nach durch je einen der erhaltenen Milli-
meter-Längenausdrücke, so drückt der Quotient den Volumwerth je
eines millimetrischen Intervalles in eben dieser Strecke aus. Für die
Tabelle werden nun alle gewonnenen Theilbeträge von 0 an bis zu
etwa dem Theilstrich 200 addirt und je die entsprechende Theilsumme
der Zahl, die der Theilstrich benennt, beigesetzt. So gibt ein Blick
auf den Theilstrich in der Tabelle sogleich das Volum an, welches das
Quecksilber von der Kuppel bis zu ihm hin einnimmt.
Es muss jedoch hier sogleich bemerkt werden, dass zur Ver-
wendung dieser Raumgrösse zur Messung der eingelassenen Luft eine
Oorrectur notbwendig wird. Die Ablesung hat hier nämlich jedesmal
am Meniscus der Hgsäule stattgefunden, dessen Convexität hiebei selbst-
verständlich gegen die offene Mündung des Rohres hinsah. Beim Ge-
brauche steht das Rohr mit der Kuppel nach oben und das Hg ist
daher mit seiner Convexität zur Kuppel gekehrt. Das hier vorliegende
Luftvolumen ist daher grösser als das gemessene Hgvolumen war und
zwar um das Zweifache der Raumdifferenz, die sich ergäbe, wenn es
gelänge, die Hgoberfläche plan zu gestalten. Das ist erreichbar durch
das vom Erfinder der Methode empfohlene Aufgiessen eines Tropfens
Sublimatlösung; sofort adhärirt das Hg der Glaswand und stellt sich
vollkommen horizontal. Man liest die Differenz beider Wände ab, die-
selbe mit 2 multiplicirt gibt „den Fehler des Meniscus", der zu der
aus der Calibrirungstabelle entnommenen Volumzahl constant zu addiren
ist Er beträgt bei Eudiometern der gewöhnlichen Dimension 0-3 — 0*4 CC.
Vor der Verwendung ist das Eudiometer sorgfältig zu reinigen.
Es wird mit destillirtem Wasser wiederholt ausgeschwenkt und sodann
von aussen mittelst eines weissen Linnentuches, von innen mittelst
Piltrirpapier getrocknet; zur Einführung des letzteren dient ein langer,
am vorderen Ende in der Ausdehnung von etwa 10 Ctm., mit kurzen
Drahtstiften besetzter Holzstab, der mit Filtrirpapier umwickelt mit
der nöthigen Vorsicht eingeführt wird, damit die vorspringenden und
an der Innenwand der Kuppel anliegenden Platindrähte nicht beschä-
digt werden. Ist das Rohr blank und auch von allen Papierfasern
befreit, so wird es in einen Ständer, der zwei durchbohrte Querarme
in passender Entfernung von einander trägt, eingesetzt, eine Schale
untergestellt, der Trichter mit dem langen Ansatzrohre eingeführt, in
denselben ein an der Spitze mittelst eines Scherenschnittes fein durch«
442 Wertheim.
gängig gemachtes Filtrum geschoben und nun das Quecksilber ans
einer mit einem Schnabel versehenen Schale in das Eudiometer einge-
gossen. Das Quecksilber legt sich auf diese Weise ganz rein und
spiegelblank an das Gefäss an. Auf das nach Herausziehung des
Trichters noch übervoll gemachte Rohr wird nun eine mit Sublimat-
lösung schwach befeuchtete Kautschuckplatte fest angedrückt, das Bohr
umgestürzt, mit seinem Fusse in das Hg der Wanne eingesenkt, in
den Haltarm eingesetzt, auf die Wannenstufe, die mit einer Einne
versehen ist, gehoben und schliesslich hier in senkrechter Lage fixirt.
Zum Zwecke der Einlassung der Ausathmungsluft ins Bohr wird
der sie enthaltende Schlauch an seinem vorderen verjüngten Ende vorwärts
der ihm anliegenden Klemme mit Hg gefüllt, um die hier befindliche
atmosphärische Luft zu verdrängen, mit der Eingerspitze verschlossen und
in der Rinne der mit Hg gefüllten Wanne behutsam in die untere
Oeffnung des Eudiometers eingeschoben; hierauf die Klemme entfernt
und der Schlauch an seinem hinteren Ende vorwärts der dort befind-
lichen eisernen Charnierklemme handbreit so umgebogen, dass es dem
anderen Theile des Schlauches anliegt. Man drückt jetzt das hufeisen-
förmig gewordene Schlauchstück sachte zusammen, wodurch erfahrungs-
gemäss ein Luftquantum aufsteigt, das beiläufig den Rauminhalt von
100 Mm. Länge des Eudiometers einnimmt. Dies ist die für die Unter-
suchung entsprechende Menge.
Hat man die Absicht gleichzeitig mit dem 0 auch den vorhan-
denen Wassergehalt zu bestimmen, so hat man zwei Ablesungen nöthig,
eine vor Einführung der Kalikugel und eine zweite nach 10 minu-
tigem Verweilen derselben im Gasgemenge. Die Differenz beider Ab-
messungen gibt das vorhandene Wasser nebst der vorhandenen C02, denn
beides absorbirt die Kalikugel. Da die vorhandene C02 schon auf
anderem Wege !) bestimmt wurde, so hat man alle Daten für die
Rechnung, um aus der gefundenen Differenz des Raumes den Antheil,
den die C02 hieran nimmt, sowie den des Wassergehaltes an demselben
festzustellen.
Im vorliegenden Falle habe ich aber hievon abgesehen und daher
jedesmal sofort die Trocknung mit nachfolgender Ablesung vollzogen.
Die Trocknung ward durch Einführung der mit Filtrirpapier gut abge-
wischten Kalikugel und 10 minutigem Trocknenlassen derselben im zu
untersuchendem Gasgemenge vollzogen.
Nun erfolgt die erste Ablesung des Standes des Hg in Rohrund Wanne.
Bezüglich der Ablesungen ist zu erinnern, dass der Zweck der Ablesung
ist: das auf 0° C. und 1 Meter Hgdruck reducirte Volumen der ein-
geschlossenen getrockneten, in unserem Falle auch von C02 befreiten
Ausathmungsluft zu erfahren. Hiezu sind folgende Daten erforderlich:
') S. die im Jahrg. 1881 dieser Jahrbücher enthaltene Abhandlung
unte* derselben Ueberschrift.
Respirations-Gasaustausch im Fieber. 443
v =- dem beobachteten Volumen der eingeführten Luft,
m = dem Fehler des Meniscus,
b = dem corrigirten und reducirten Barometerstande,
b, = der Länge der Hgsäule im Bohre vom Meniscus bis zum
Wannenspiegel,
t =der beobachteten Temperatur.
Eine einfache Betrachtung führt zur Formel
, (v + m> (b — b,)
v — (1 + 0-00366 t°)
(d. i. das auf 0° C. und 1 Meter Hgdruck reducirte, getrocknete, von
COÄ befreite Volumen).
Das Volum v liefert die Calibrirungstabelle an der dem abgele-
senen Hgstande entsprechenden Stelle. Man addirt den „Fehler des
Meniscus" (m) hinzu.
Mit der gefundenen Zahl ist die Differenz des corrigirten und
reducirten Barometerstandes einerseits (b) und der im Rohre gemessenen
Hgsäule vom Meniscus bis zum Wannenspiegel andererseits (b') zu
multipliciren. Das gewonnene Produkt ist durch die Zahl (1 -|- 0*00366)
mal die beobachtete Temperatur zu dividiren.
Für letztere Werthe existiren in den Lehrbüchern der Physik
fertiggestellte Tabellen, die gewöhnlich von 0°—- 40° C. reichen. Auch sind
dort in der Regel die bezüglichen Logarithmen, die die Multiplicationen
und Divisionen ungemein erleichtern, gleich beigefügt.
Die Correctur und Reduction des beobachteten Barometerstandes
wird nach der Formel: Barometerstand von t° C. auf 0° C. =
5550 b
= KKKA jr~i reducirt, wo b den beobachteten Barometerstand in
Pariserlinien und t die beobachtete Temperatur in Celsiusgraden be-
deutet. Die gefundene Ziffer wird durch Multiplication mit 0*225 in
Millimeter verwandelt.
Die Messung der Hgsäule im Rohre vom Meniscus bis zum
Wannenspiegel wird von mir in folgender Weise ausgeführt:
Zuerst wird der Stand des Meniscus abgelesen und notirt; sodann
die Höhe des ganzen Rohres von seiner Kuppel bis zum Hgspiegel der
Wanne. Hiezu bediene ich mich des schon erwähnten kleinen hölzernen
Steges, dessen senkrechter Ast 50 Millimeter hoch ist, der horizontale,
auf dem Quecksilber schwimmende ist beträchtlich kürzer; ich lese nun
die Höhe des Rohres von seiner Kuppel bis zum oberen Rand des
senkrechten Astes des Steges ab, addire 50 Mm. hinzu und erhalte
auf diese Weise die Rohrlänge mit Vermeidung der Gesichtstäuschung,
die sonst beim Ablesen über den vorstehenden Rand der Wanne schräg
hin bis zum Hgspiegel fast unvermeidlich ist.
Die weiter folgenden Acte, wie Addition von (v -{- m), öubtraction
von (b — b,), die Formung von Zähler und Nenner du* obbozeichneten
444 Wertheim.
Braches und die jetzt zu erzielenden Rechnungen ergeben sich bei
genauer Beachtung der vorstehenden Gleichung für v' von selbst.
Die jetzt folgende Operation ist die Entwicklung und Einführung
von Wasserstoffgas zu dem bereits getrockneten und seiner C08 be-
raubten Luftmenge im Eudiometer. Man verwendet dazu ein etwas
über 100 CC. fassendes Fläschchen aus festem Glase mit einfach durch-
bohrtem Kants chuckstöpsel, in welchem ein zweimal knieförmig abge-
bogenes Glasrohr steckt, das in der Flasche nur bis zur unteren Fläche
des StOpsels reicht. Zwischen dieser und der einzufüllenden Flüssigkeit
(90 Grm. Wasser, 5 Grm. granulirtes Zink und 5 Grm. concentrirte
Schwefelsäure) werde ein daumenbreiter Zwischenraum gelassen. Fünf
Minuten Gasentwicklung, während welcher das vordere Ende des knie-
förmig abgebogenen Rohres unter dem Hg der Wanne vorwärts von
der Eudiometermündung zu liegen kommt, reichen erfahrungsgemäß
hin, um die atmosphärische Luft aus dem Entwicklungsgefasse zu ver-
drängen. Man schiebt jetzt das vordere Ende des Entwicklungsrohres
unter die Eudiometermündung und lässt eine Hm enge aufsteigen, die
etwa 50 Mm. der Längsscala des Eudiometers einnimmt. Beträchtlich
mehr H wegzulassen, ist zu widerrathen, denn wenn das Verhältnis
von 2 Vol. H zu 1 Vol. vorhandenem 0 stark überschritten wird, so
hat dies nicht selten das Nichteintreten der Explosion zur Folge.
Nach vorgenommener neuerlicher Trocknung und Ablesung des
Volums II schreitet man zur Einleitung der Explosion des Gasgemenges.
Zu diesem Zwecke wird das Eudiometer im Haltarme ein wenig ge-
lockert, vorsichtig von der Rinne in der Wanne, auf deren zwei
Kanton es aufruht, hervor in den tieferen Theil der Wanne gezogen,
und die Wanne soweit zurückgezogen, dass das Eudiometer wieder
senkrecht auf dem Hgspiege-1 stellt und dass seine Mündung so weit
vom Boden der Wanne absteht, dass zwischen beide ein Kautschuck-
stöpscl eingeschaltet werden kann, dessen obere Fläche plan, die untere
aber dem Wannenboden entsprechend gekrümmt ist. Nun wird das Rohr
mit aller Kraft an die plane Fläche des Stöpsels angedrückt, während
zugleich der Haltarm, dessen zwei Branchen mit Korkplatten gefüttert
sein müssen, fest zugeschraubt wird.
Hierauf folgt die Einleitung des elektrischen Funkens. Das Zink-
kohlenelement wird in das mit der Eingangs erwähnten Speisungs-
flüssigkeit gefüllte cylindrische Glasgefäss eingesenkt, zwischen die
Batterie und das Eudiometer noch der kleine Rumkorff eingeschaltet
und die Verbindung aller genannten Apparate mittelst metallener Drähte
bewerkstelligt. In diesem Momente findet unter Lichtentwicklung im
Gasraum e und dem schnarrenden Geräusche, das der Rumkorff so lange
von sich gibt, als die Verbindung von ihm und dem Zinkkohlonelement
andauert, die Verpuffung statt.
War Alles richtig gestellt, so durfte das Hg seine bisherige
Stellung im Eudiometer erst dann verändern, wenn der Untersuchende
mittelst eines spitzen Eisenstabes auf den vorspringenden Rand der
Respirations-Gasaustausch im Fieber. 445
oberen Fläche des zwischen Rohr und Wanne eingeschalteten Kautschuck-
stöpsels ziemlich stark niederdrückt. Dies genügt, um dem Hg zu ge-
statten, nunmehr ruhig emporsteigend von dem Räume Besitz zu er-
greifen, den ihm das zu Wasser verbrannte H und 0 einräumt. —
Nach abermaliger Trocknung und Ablesung von Volum III wird die
Schlussrechnung vollzogen.
Bezüglich letzterer ist zu erinnern: Die Auffindung des Gehaltes
des untersuchten Gasgemenges von 0 beruht auf der Thatsache, dass
nach Zusatz von H im Uebcrschusse zu demselben, die durch den
elektrischen Funken bewirkte Verbrennung mit folgender Contraction:
1. alles vorhandene 0 und 2. vom H so viel als zur Wasserbildung aus
dem Sauerstoff nöthig war, in sich begreift. In den verschwundenen Raum
theilen sich die Gase 0 und H im Verhältnisse wie 1:2; man erhält
demnach den Raumwerth des 0 im Gemenge, indem man die Differenz
von Volum III und Volum II (der sog. Contraction) durch 3 dividirt.
Wenn man jetzt die Proportion ansetzt, um aus dem Ogehalt
des untersuchten Volums den entsprechenden Gehalt in 100 Theilen
zu finden, so darf man nicht unterlassen, hierbei den C02gehalt. den
man, wie schon oben erwähnt wurde, auf anderem Wege kennen lernte,
in Rechnung zu bringen, indem man das im Vol. II durch Absorption
verschwundene Quantum demselben hinzufügt, weil man das procen-
tische Verhältniss der drei Luftarten des ursprünglichen Gemenges
kennen lernen will. — Die Kohlensäure, nach der Pettendorfer'schen
Methode bestimmt, hat schliesslich zur Kenntniss einer Gewichts-
menge geführt, aus der erst das Volumen, um das es sich hier
handelt, durch Multiplication mit dem Coefficienten 0509 gewonnen wird.
Mit Benützung des so gewonnenen Ausdruckes für das Volumen der
CO, im Volumen I vollzieht man die Gesammtrechnung für die Procent-
Oeinnahme in der Weise, die ich am bündigsten hier zum Schlüsse
durch ein Beispiel zu erläutern mich anschicke, das ich der dieser
Abhandlung beigeschlossenen Tabelle sämmtlicher XII untersuchten
Fälle aus Fall I entnehme. Die diesbezüglichen Einzeldaten sind den
von mir aufbewahrten Notizen sämmtlicher vollzogenen Untersuchungen
entnommen.
Vol. 1 , S -8 % | 1 = 1403 Die £ C02 aussch. = 2-55 CC.
"*>!l Aus
Vol. II ( | | gu- J> ' = 20-29 100 : 2*55 = 14-03 : x
IM-!.! * i ergibt sich:
Vol.mf Sc-Se =12-61 x = 0-357 CC. CO,
**w
au
Da 20-29 (Vol. II) — 1261 (Vol. III) = 7 68 und 7-68 : 3 = 256 (Contr.)
und 14-03 + 0-357 = 14-387, so ist nunmehr anzusetzen:
14-387 : 2-55=100 : x, woraus x = 1772 % CC. Oausgabe erfolgt.
Aus 20*9 (dem constanten # Ogehalt der atmosph. Luft) — 17*72 ergibt
sieb die #Oeinnahme für die Untersuchte = 3*18$ 0.
446
Wertheim.
Zwölf Fälle mit
Name, Alter,
Datum, S. Nr.
Diagnose
Puls
Tem-
pera-
tur
Absolute
Aus-
athmungs-
luftmenge,
reducirt auf
0° und 76 Hg
fttr 1 Min.
% CO, der
Aus-
athmungs-
luft
% Oein-
nahme
berechnet
aus der
%Ausgabe
24 stan-
dige CO,
Aus-
scheidung
in
Grammen
4 stan-
dige
Oein-
nahme
I. Agnes E.28 J.
4. Nov. 1880,
5. 21.
Pleuritis
112
39-0
6600
2*66
3- 18
463 5
426-8
II. Walburga W.
16 J. 11. Not.
1880, S. 21.
Typh. abd.
100
890
6400
8-7
2*88
666-0
378 1
III. Fritz F. 26 J.
18. Dec. 1880,
S. 26.
Erysipelas
faciei
96
39-6
8138
816
3-90
727-0
6630
IV. Elisab. S. S. 30
20. Dec. 1880,
8. 80.
Erysipel«
faciei
100
40*0
9440
2-47
2-00
601-8
388-9
V. Leopold L.26J.
28. Marx 1881,
S. 25.
lntermittens
Fieberanfall
120
400
10,770
3 64
300
1087-0
666-0
VI. Josef W. 28 J.
8. April 1881,
8. 29.
T. exanthem.
92
89*1
11,760
2-02
2 93
972-8
709-2
VII. Maria N. 18 J.
17. Aug. 1881,
8. 80.
Morbilli
116
39-5
6400
2-63
8-00
480*8
391-6
VIH.Josefa S. 19.
Aug. 1881,8.21.
Typh. abdo-
min.
120
39-6
7300
2-68
2-6
648-4
390-9
IX. Maria Th. 22 J.
17. Oct. 1881,
8. 21.
Typh. abdo-
min.
100
39-6
10,860
2-78
2-22
860-7
496-2
X. Josef* Z. 24 J.
21. Febr. 1882,
8. 80.
XI. Anna Kl. 42 J.
16. März 1882,
6. 30.
Erysipels*
faciei
112
89-7
7107
8 78
•
2*40
766-7
351-8
Erysipelas
faciei
100
39-6
8612
402
3-36
741-6
643-9
XII. Ludmilla H.
18. J. 24. Marx
1882, S. 30.
Varicella
104
39 0
6220
3-30
200
586*2
266-2
98262 : 12 <=
7771 CC.
in
1 Minute
36-42 : 12=
8085
3342:12 =
2-786
8480: 12 es
706-7 Grrn.
CO, in
24 Stunden
676441 : 12
479-66Gnn.
0 in
24 Stunden
RespirationB-Gasaustausch im Fieber.
447
Fieber Behafteter.
Endergebniss bezüglich
des
Gasaustausches
Zahl der
In Grammen
Zahl der
1 minntig.
1 minutig.
Respira-
Respiration
tion
Ueberschuss
Bedarf
in die
in den
von 0. in
von 0 in
Wulfsche
Kaut-
24 Stunden
24 Stunden
Flasche
schuck-
hatten
hatten
sack
die Falle:
die Falle:
In CC.
Mittleres Volumen je eines
Athemzuges gefunden
nach der Formel
v
— , wo v = dem absoluten
a
Ausathmungsluftvolum
von CC. in 1 Minute.
a = dem Mittel aus der
Anzahl der Athemzuge in
1 Minute.
NB. Letzteres ist aus den
Mitteln der Anzahl von
Athemzugen abgeleitet,
die 1. in die Wulfsche Fl.
2. in den Kautschucksack
gerichtet waren.
468-6 Gr. CO,enth. 887*0 Gr.O.
mith. Oubenchuss 88-0 Gr.O.
666 Gr. CO. enth. 4770 Gr. 0.
mithin Obedarf 103-9 0.
727*0 Gr. CO, enth. 628 Gr. 0.
mith. TJeberschussl26'4Gr.O.
28,26,28
(Mittel 26)
20,22
(Mittel 21)
601*8Gr. CO. enth.488-0 Gr.O.
mithin Ueberschuss 49*1
972-8 CO. enth. 707-1 Gr. 0.
mithin Ueberschuss 2-2 Gr.O,
480-8 Gr. CO, enth. 849-6 0.
mith. Ueberschuss 420 Gr. 0.
648-4 Gr. CO. enth. 848*5Gr.O.
mithin Bedarf 7-6 Gr. 0.
1087-OGr. CO, enth. 790Gr.O
mithin Bedarf 180 Gr. 0.
800*7 Gr. CO, enth 628*2 Gr.O
mithin Bedarf 1320 Gr. 0.
14,14
(Mittel 14)
22.28,22
(Mittel 24)
22,24,26
(Mitt.28-6)
16, 17, 14
(Mitt. 16-6)
88*0
20
22,22
(Mittel 22)
28, 26, 26, 28
(Mittel 27)
20, 20, 19, 21
20 (Mittel 20)
34
766-7 Gr.CO, enth. 646 Gr. 0.
mithin Bedarf 149-7 Gr. 0.
741-7 Gr. CO, enth. 689-6 Gr.O.
mith. Uebersch. 104- 4 Gr.O.
>86-2Gr. CO.enth.426*4Gr.O.
mithin Bedarf 169-2 Gr. 0.
18, 19, 19, 17,
16,16
(Mittel 17-3)
22
24
86
22,22,22
(Mittel 22)
126*4
108*9
6600 : 25 = 260 : 24 = 270"
680 : 2 = 266 CC.
6400 : 20 = 320 : 22 = 290
610:2 = 806C.C.
49*1
180-0
22
42*0
32
12, 12, 12
(Mittel 12)
20, 18, 19
(Mittel 19)
12, 7, 7, 6
(Mittel 8)
20, 22, 22, 28
(Mittel 22-2)
22,20,20
(Mitt. 20-6)
12,11,12
(Mitt. 11-6)
24,24
(Mittel 24)
7-6
8188: 14 = 680:16-6 = 521
1101: 2 = 660 CC.
9440 : 20 = 472 : 22 = 428
900:2 = 460
10770 : 22 = 490 : 24 = 904
1988 : 2 = 469 CC.
11760:27 = 486:86 = 826
761:2 = 880 CC.
6400 : 20 = 820 : 22 = 290
610 : 2 = 806 CC.
132-0
104-4
Falle I, III,
VI, VII, XI
862-0:6 =
72-4 Gr. 0
Ueberschuss
194*7
169-2
7800 : 84 = 214 : 82 = 228
442 : 2 = 221 CC.
10860: 17-8=627: 12=904
1681 : 2 = 766 CC.
7107:19 = 873:20*6 = 846
718 : 2 = 369
8612:8=1076:11 = 783|
1869 : 2 = 929
Falle II, IV,
VIII, IX, X,
XII
7866:7 =
112*86 Gr.O
Bedarf
6220 : 22-2 = 280 : 24 = 269
589 : 2 = 269 CC.
Med. Jahrbacher. 1882.
Mittleres
Volum des
Athemzuges
in den Fallen
1,111, VI, VII
XI.
2429:6 =
4860 CC.
(Hier d. Max.
929, d. Min.
266 CC.)
29
Mittleres
Volum des
Athemzuges
in den Fallen
II,IV,V,VHI,
IX, X, XII,
2889 : 7 =
406-6 CC.
(Hier d. Max.
766, d. Min.
221 CC.)
fi
1
XXI.
Zur Kenntniss der motorischen Hirn-
functionen.
Von Prof. M. Bosenthal in Wien.
(Am 31. Mai 1882 von der ßedaction übernommen.)
Bei dem im Lichte der Neuzeit so günstig fortschreitenden
Aufbau des Himpathologie wurde man in den letzteren Jahren
von der unangenehmen Wahrnehmung überrascht, dass gewisse
fundamentale Sätze bedenkliche Sprünge zeigen. Eine baldige sorg-
fältige Restaurirung ist hier dringend vonnöthen, um eine weitere
Lockerung im Gefttge der neueren Beobachtungen zu verhüten; um
bedrohliche Störungen des Einklanges neugewonnener Thatsachen
zum Ausgleich zu bringen. Der jüngsten Zeit blieb es vorbehalten,
an die aufgedeckten Schäden des älteren Baues die verbessernde
Hand anzulegen.
Seit etwa der Mitte des vorigen Jahrhunderts, seit den Tagen
von Willis und Morgagni1) ist die Anschauung, dass die Corpora
striata und deren nächste Umgebung zu den motorischen Hirngebilden
zählen, zu einem förmlichen Axiom in der Medicin erstarkt; man
wäre versucht zu sagen erstarrt. Diese Anschauung schöpfte ihre
Berechtigung aus einer reichhaltigen Zahl von Autopsien, welche
ergaben, dass Herderkrankungen im Bereiche der Streifen-Sehhügel-
gegend mit Lähmungen der entgegengesetzten Körperhälfte im
Leben einhergingen. In der bekannten, vielcitirten Statistik von
Andral8), die 386 Fälle von Apoplexie umfasst, waren der Seh-
*) De sed. et caus. morb. 1761, lib. I. p. 16, Epist. HI. et XL
•) Clinique me*dicale, t. V. Paris 1834. p. 366.
29*
450 Rosenthal.
und vorzugsweise der Streifenhügel in 301 Fällen ergriffen. Unter
70 Beobachtungen von Rochoux x) waren die Corpora striata
43mal, die Sehhügel 5mal Sitz des Extravasates. Bei meinen *) auf
obiger Grundlage früher gesammelten 105 Autopsien aus dem
hiesigen allgemeinen Krankenhause, fanden sich der apoplektische
Erguss oder die Cyste 60mal im Streifenhügel und Linsenkern,
34 mal im Sehhügel und in den letztgenannten Gebilden vor.
Die unbestrittene Herrschaft obigen Lehrsatzes wurde in ihren
Grundlagen durch die neuesten Forschungen arg erschüttert, und von
Letzteren die dringend gewordene Neugestaltung des Unterbaues
angebahnt. An den grundlegenden Arbeiten haben die neuesten
histologischen Studien, sowie die experimentellen und klinisch-ana-
tomischen Untersuchungen wesentlichen Antheil. Die bezüglichen
Beitragsleistungen mögen in Nachfolgendem nähere Würdigung
finden.
A. Histologische Analyse und pathologisch -anatomische
Befände.
Die neuere Faserungslehre lieh anfanglich obiger Anschauung
über die motorische Bedeutung des Streifenhügelsystems ihre Stütze,
indem sie angab, dass die Pyramidenfaserung durch den (nach
Meynert) beim Menschen am mächtigsten entwickelten Hiraschen-
kelfuss zu den Grosshirnganglien (Streifenhügel und Linsenkern)
verlaufe, um theils hier, theils in der Kinde des Vorderhirnes cen-
tral zu endigen. Läsionen im besagten Gangliengebiete müssten
demnach wechselständige Hemiplegien zur Folge haben. Die Histo-
logen beriefen sich hiebei mit Vorliebe auf das Experiment, welches
als beredter Anwalt für den motorischen Charakter des Streifen-
hügels eintrat. Mit Ausnahme von Schiff3) stimmen fast alle Phy-
siologen darin überein, dass der gestreifte Körper (der sog. Schwanz-
kern) von directem Einflüsse auf die Bewegung sei. Von den Wort-
führern dieser Ansicht ist in erster Linie Ferrier4) zu nennen.
Nach ihm bewirkt die elektrische Reizung des Streifenhügels" teta-
*) Eecherch. sur V apoplexie, Paris 1814.
2) Klinik d. Nervenkrankh. II. Aufl. 1875, p. 56.
■) Lehrbuch der Physiologie, 1859. p. 341.
*) The functions of tlie brain, p. 277.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 451
nische Zuckungen an der entgegengesetzten Körperhälfte., Läsionen
des Nucleus caudatus sind stets von Hemiplegien begleitet. Eine
Beobachtung, die wie Ferrier emphatisch anfuhrt, zu den bestbe-
gründeten Thatsachen der menschlichen Hirnpathologie zählt (one
of the best established facts of the human cerebral pathology).
In diesen scheinbar soliden Wall von Lehrmeinungen und
Anschauungen haben zuerst die Forschungen von Gudden1) und
Flechsig8) Bresche gelegt. Wie Gudden zeigte, hat die Exstir-
pation der oberen Stirnhirnschichten (incl. der motorischen Binden-
centren) an neugeborenen Thieren, partiellen Schwund der Nerven-
faserung (des Markes und Axencylinders) des Stabkranzes, der
inneren Kapsel, des mittleren Hirnschenkeltheiles, nebst Atrophie
der Brücke imd der entgegengesetzten Pyramide zur Folge. Streifen-
hügel und Linsenkern wurden vollständig intact befunden. Bald
darauf wies Flechsig auf entwicklungsgeschichtlichem Wege nach,
dass bei der systemweise vor sich gehenden Markscheidenbildung
der Nervenzüge an Neugeborenen die (der Haut- und Muskelge-
f&hlsleitung dienende) Haubenstrahlung früher entwickelt und mark-
weiss sei, als die noch unfertige, grauhyaline Pyramidenfaserung.
Von letzterer ist es weiterhin der in der unteren Abtheilung des
Hirnschenkels, im sogenannten Hirnschenkelfuss verlaufende Faser-
zug, welcher sich am frühesten mit Mark umkleidet, und sich bei
Behandlung mit Osmiumsäure von den Nachbargebilden deutlich
abhebt. Vom unteren Theile des Hirnschenkelfusses zieht dann das
Pyramidenbündel aufwärts in die hintere Partie (mittlere Begion)
der Capsula interna ein, betritt ohne mit den Grosshirnganglien
irgend welche Verbindungen einzugehen, dicht an der oberen Kante
des Linsenkernes das Centrum ovale, um theils daselbst auszu-
strahlen, zum Theile noch vereinigt in die Binde der Centralwin-
dungen einzumünden.
Die späteren, einschlägigen Untersuchungen von Parrot8),
welche sich auf 96 Autopsien von Kindern (von der Geburt bis zum
1. Lebensjahre) gründen, dienen als weitere Bestätigungen der
*) Corresp.Bl. f. Schweiz. Aerzte 1871, 4 und 1880,19 Bericht von Forel.
*) Die Leitungsbahnen im Hirne und Rückenmark, 1876 und Archiv für
Anat. und PhysioL I. H. 1881. p. 12-76.
*) Arch. de physiol. t. VI. p. 520.
452 Rosenthal.
Flechsig'echen Angaben, bezüglich der chronologischen Diffettnzirung
der intrahemisphärischen Nervenbahnen, sowie der frühzeitigen Ent-
wicklung der Pyramidenfoserung. Während jedoch Flechsig der
Ansicht ist, dass die Pyramidenbahn von der Binde nach abwärts
sich mit Mark umscheidet, geht dagegen aus den Untersuchungen
Parrot's hervor, dass die Pyramidenbündel aus zwei Bildungs-
centren im Hirne entstehen, deren erstes in den grauen Central»
kernen, deren zweites in der motorischen Rindenregion, im Grat
der Rolando'schen Windungen gelegen ist. Nach den in der Sal-
petrige angestellten anatomischen Untersuchungen gibt neuesten*
Charcot1) an, dass die Pyramidenbündel in der unteren Hirn*
schenkelabtheilung mindestens die beiden mittleren Viertel ein-
nehmen, und nicht blos das dritte Viertel von innen nach aussen
gerechnet, wie von Flechsig früher angenommen wurde.
Auch die Beziehungen der Grosshirnganglien zur
Pyramidenbahn wurden von neueren Forschungen in hellere und
richtigere Beleuchtung gerückt. Sowohl die entwicklungsgeschichir
liehe als auch die anatomische Methode ergeben nach Flechsig,
dass der Nu eleu s cau datus vermittelst des Hirnschenkelfusses mit
der Brücke und den Brückenschenkeln des Kleinhirnes in mehr-
facher Verbindung steht. Die Fasern aus dem Schwanzkern sammeln
sich vor der Pyramidenbahn in der inneren Kapsel an, um so-
dann durch den mittleren Theil des Hirnschenkelfusses nach ab-
wärts zu ziehen. Ein Theil der Schwanzkernfasern hängt durch die
innere Kapsel mit dem Linsenkerne zusammen.
Was den Linsenkern betrifft, so war es offenbar das ersicht-
liche Uebertreten zahlreicher, aus den inneren Gliedern und der
Linsenkernschlinge stammendenFasern in dieCapsula interna,
sowie deren Beigesellen zu den Bahnen des Fusses, was zur An-
nahme veranlasste, dass der Linsenkern mit dem Hirnschenkelfusse
in innigere Verbindung trete. Beim Neugeborenen, wo sich der
Verlauf dieser Faserungen auf grösseren Strecken an Querschnitten
übersehen lässt, ist jedoch nach Flechsig deutlich zu entnehmen,
dass die in Bede stehenden Fasern nicht im Hirnschenkelfuss ver-
bleiben, sondern blos durchziehen. Sie sind bei successiven Quer-
schnitten nicht mehr im Fusse zu finden, weil sie nach querem
*) Legalisation der Hirn- und Rückenmarkskrankheiten 1881, p. 34.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 453
Verläufe durch die Capsula interna in die Regio subthalamica, so-
mit weiterhin in das Haubengebiet eintreten.
Noch sei hier der Bemerkung Raum gestattet, dass, wie be-
reits Henle1) angab, keine Stabkranzbündel erweislich sind, die
mit dem Schwanz- oder Linsenkerne in Verbindung stehen. Auch
Wernicke8) hebt diesen Mangel an bezüglicher Stabkranzleitung
hervor. Den jüngsten Untersuchungen Flechsig's zufolge, sind an
filteren Früchten insbesondere markhaltige Stabkranzfasern vom
Fusse, durch den hinteren Theil der inneren Kapsel zu den Cen-
tralwindungen, entsprechend den Ausstrahlungsgebieten der Hauben-
und Pyramidenbahnen, leicht zu verfolgen. Nachweisliche Verbin-
dungswege zwischen Grosshirnganglien und motorischer Hirnrinde
sind daher nach obigen Befunden nicht vorhanden.
Bei der fundamentalen Bedeutung der angeführten histologi-
schen Befunde fallen die Aussagen der pathologischen Anatomie
schwer ins Gewicht. Hier muss Allen voran Türck8) genannt
werden, welcher in der ihm eigenen klassischen Weise die obwal-
tenden Beziehungen darlegte. Als Massstab für den Einfluss von
Herdläsionen auf die Pyramidenbahn galt ihm das Auftreten von se-
kundär absteigender Degeneration im Vorderseitenstrange. Wie zuerst
Türck zeigte, haben selbst beträchtliche Herde in der grauen Sub-
stanz des Nucleus caudatus, wenn sie die innere Kapsel nicht berühren,
keine deutlich erkennbare Rückenmarkserkrankung zur Folge. Auch
ausgebreitete Läsionen im Bereiche des Linsenkernes bewirken nur
eine sehr geringe Erkrankung des entgegengesetzten Seitenstranges,
welche blos von Mitbetheiligung eines Theiles der angrenzenden
inneren Kapsel herrühren dürfte.
Dagegen erzeugen schon kleinere Herde der Capsula
interna (zwischen der grauen Substanz des Streifenhügels und
3. Gliede des Linsenkernes) eine intensive secundäre Erkran-
kung des Seitenstranges (9. — 11. Beob.). In zwei Fällen
(6. und 8. Beob.) waren blos die Capsula interna, dem mittleren
Drittel des Sehügels entsprechend, sowie auch das 3. Viertel des
') Nervenlehre, 4872.
■) Arch. f. Anat. u. Physiol. 1880, p. 162 u. folg.
3) Ueber sec. Erkrank, einzelner Eückcnmarksstränge und ihrer Fort-
setzungen z. Gehirne, Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch. XI. 1853. B.
p. 93—119.
454 Rosenthal.
Orosshirnschenkels ergriffen und mit gleichzeitiger Rückenmarks-
entartung vergesellschaftet. Bei Läsionen im Bereiche des Streifen-
hügels und Linsenkernes ist, wenn auch die innere Kapsel miter-
griffen wurde, „die intensive Bückenmarksaffection nur auf
Bechnung der inneren Kapsel zu setzen".
Die innere Kapsel kann ferner nach Türck zwischen der
grauen Substanz des Corpus striatum und dem 3. Linsenkerngliede
erkranken, ohne jegliche secundäre Bückenmarksveränderung. Ein
Gleiches gilt auch von den Läsionen jenes Theiles der Capsula
interna, auf welchem der hintere Abschnitt des Sehhügels aufhihi
Schliesslich ist noch die Angabe Türck 's von Interesse, dass die
Ursprungsfasern des Vorderseitenstranges vom mittleren Theile des
Grosshirnlappens durch die Capsula interna (dem mittleren Drittel
des Sehhügels entsprechend) nach abwärts zu ziehen scheinen. Be-
dauerlicherweise entbehren die genauen autoptischen Schilderungen
Türck's (21 an Zahl) eines jeglichen klinischen Hintergrundes.
Obige bereits vor 30 Jahren von Türck aufgehellten Ver-
hältnisse wurden in neuester Zeit von Charcot1) und seinen
Jüngern mehrfach bestätiget und erweitert. Als Bereicherung ist
die bessere Kenntniss der in den einzelnen Segmenten der inneren
Kapsel und des Hirnschenkelfusses vorfindlichen Degenerationsbe-
zirke anzusehen, sowie deren Verhalten zur Pyramidenbahn, mit
dem entsprechenden klinischen Symptomenbilde.
Nach Charcot haben auf das vordere Kapselsegment
begrenzte Läsionen absteigende secundäre Degeneration zur Folge,
die in Form eines schmalen grauen Streifens nach dem inneren
Segment des Hirnschenkelfusses verläuft, daselbst durch
weisse, intacte Marksubstanz von den mittleren Pyramidenbündeln
zumeist getrennt erscheint, und blos bis zur Brücke reicht, in
welcher sie aufhört, ohne die entsprechende Pyramide zu alteriren.
Nach aufwärts erstreckt sich der besagte Entartungsbezirk der vor-
deren Kapselregion in das Centrum ovale. Läsionen im Bereiche
beider Vorderdrittel des hinteren Kapselabschnittes gehen
mit Entartimg des medianen Pedunculustheiles und abstei-
gender Degeneration im entsprechenden Pyramidenbündel einher.
Affectionen des hinteren Kapselsegmentes sind von Läsion der
') Progres m&lical, September 1879.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 455
äusseren Hirnschenkelgegend, doch niemals von secundärer
Degeneration begleitet.
B. Klinische und experimentelle Ergebnisse bei Läsionen
im Bereiche der Grosshirnganglien, bez. der Capsula int.
Minder sicher und klar als die angeführten Daten der patho-
logischen Anatomie, lauten die Angaben der klinischen Untersuchung.
Bis in die jüngste Zeit standen die Beobachter unter dem Drucke
der alten motorischer Doctrinen, welche die klinischen Anschauungen
und Schlussfolgerungen beherrschten. So heisst es noch im Buche
von Charcot *). Les symptdmes qui accompagnent les lesions, limi-
t6es au noyaux gris centraux, sont ceux de Thömiplegie cerebrale
vulgaire. 1/ höniplögie, liöe aux alt&rations ainsi circonscrites dans
les noyaux gris, est communement transitoire, passagfcre, peu accusäe,
comparativement benigne. Weiterhin wird angegeben: En revanche
les l&dons de la capsule interne, alors menie qu'elles sont absolu-
menf limitees ä ce tractus blanc, produisent Themiplögie cebrale
vulgaire, sous üne forme, en göneral, trfcs accentuöe et plus ou
moins persistante. Aus obigen Definitionen von Charcot geht dem-
nach hervor, dass nebst dem überwiegenden Einfluss der inneren
Kapsel auf die Erzeugung von Hemiplegien, letztere auch durch
beschränkte Läsionen der grauen Kerne zu Stande kommen können.
(Auf die jüngsten, mir brieflich bekannt gewordenen Ansichten von
Charcot werde ich noch später zurückkommen).
In seinem neuesten klinischen Masterwerke über Hirnaffec-
tionen adoptirt Nothnagel 8) die citirten Anschauungen von
Charcot. Wenn auch. der hervorragende Antheil der Capsula in-
terna an der Entstehung von Hemiplegien zugegeben wird, so heisst
es doch p. 331: Wenn der Herd im Streifenhügel nicht gar zu
klein ist, ist die motorische Hemiplegie regelmässig vorhanden. Die
motorische Lähmung ist das einzige Symptom, wenn es sich um
Herde im vorderen Theile des Corpus striatum handelt. Noch be-
stimmter spricht sich Nothnagel (pag. 293) über den Charakter
der Linsenkern-Affectionen aus. „Bei acut einsetzenden Processen
') Lecons snr les localisations dans les maladies du cerveau. 1876.
pag. 98-101.
*) Topisch. Diagn. d. ffirnkrankheiten. Berlin 4879.
456 Rosenthal.
im Linsenkerne, wenn dieselben nicht gar zu klein sind, findet man,
dass in der That eine motorische Lähmung das Einsetzen begleitet.
Diese Lähmung kann nach Obigem durchaus nicht von der Mitbe-
theiligung der inneren Kapsel abhängen".
Die genaueren experimentellen Beobachtungen und klinischen
Ergebnisse der letzteren Jahre haben die in Bede stehenden Ver-
hältnisse in ein helleres Licht gesetzt, haben eine bessere Klä-
rung der Thatsachen angebahnt. Insbesondere sind es die feiner
umschriebenen pathologischen Läsionen, durch welche die Natur
die mannigfachen Aufgaben des Experimentes präciser zur Lösung
bringt, als dies je von eines Menschen Hand zu erzielen ist. In
dieser Beziehung werden umschriebene Erweichungsherde ein im
Leben genauer abgrenzbares Bild der Störungen liefern, als zu-
meist stürmisch einsetzende Apoplexien, oder durch ihre Fernwir-
kung oft den Einblick trübende Geschwulstbildungen.
Behufs Illustration dieses neuen Standes der Frage sei es mir
vor Allem gestattet, einige selbst beobachtete und genauer contro-
lirte Fälle mitzutheilen, welche meine schulgorechten Anschauungen
über die motorische Bolle der Grosshirnganglien ins Wanken brach-
ten. Hieran mögen weiterhin analoge neuere Befunde aus der Lite-
ratur angereiht werden, und die zustimmenden Ergebnisse jüngst
angestellter, exacterer Thierversuche den 1. Theil der Beweisfiih-
rung completiren helfen. Für den 2. Theil werden sodann die un-
terschiedlichen Einwirkungen intraventriculärer Blutorgüsse, sowie
die bestätigende Zeugenschaft neuester Experimente herangezogen
werden.
1. Beobachtung. Vollständige Zungenlähmung bei
erhaltener Intelligenz und Mobilität der Gliedmassen.
Beiderseitige Läsionen des unteren Endes der vorderen
Central- und angrenzenden Stirnwindungen. Mehrfache
Erweichungsherdo im oberen Antheile des linken Strei-
fenhügels.
Bei einem im Herbst 1877 auf Z. 89 des allgemeinen Kran-
kenhauses behandelten 69jähr. Mann (mit Emphysem und Herz-
hypertrophie) trat apoplektiforme Lähmung der Zunge auf, die un-
beweglich am Boden der Muudhöhle lag; Schlingen und Sprechen
sehr erschwert; ein über die Zunge gebrachter Bissen konnte je-
doch geschluckt werden. Die Extremitäten vollkommen beweglich;
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 457
Pat. konnte gut herumgehen, sowie durch Schreiben sich verständ-
lich machen. Tod an Marasmus und Bronchitis.
Autopsie. In beiden Grosshirnhemisphären Herde von soge-
nannter Zelleninfiltration in den unteren Enden der vorderen Central-
windungen und des hinteren Endes der Gyri frontales infimi. Ueber-
dies kleine bis erbsengrosse Einweichungsherde iraobereu
Antheile des linken Corpus striatum. Iu den meisten Muskel-
fasern der Zunge fettige Entartung mikroskopisch erweislich, die
Nv. hypoglossi intact.
Wenn in diesem bereits früher beschriebenen Falle, bis zum
Tode keinerlei Extremitätenlähmung beobachtet wurde, so lässt sich
hief&r der Befund geltend machen, dass die dissentierten, kleineren
Erweichungsherde Mos im oberen, dem Ependyme zunächst gele-
genen Theile des linken Streifenhügels sich befanden; die tieferen
Schichten waren unverändert. Um so stringenter ist der nachfol-
gende Befund, bei welchem die tiefgreifende Erweichung des einen
Corpus striatum auch einen Theil des Schweifes betraf, die Mobili-
tät jedoch unbehelligt blieb.
2. Beobachtung. Chronische Hirnhyperftmie, Schlaf-
losigkeit, Vorfall der Intelligonz ohne jegliche motori-
sche Störung. Das linke Corpus striatum, inclus. eines
Theiles der Cauda breiig erwoicht.
Ein von mir Anfangs 1878 behandelter Gßjähr. Alaun war
seit Jahren mit Kopfcongestionen, Schlaflosigkeit und trüber Ue-
müthsstimmung behaftet. Die stetige Abnabmo dos Gedächtnissen
und der Auffassung führten zu einem Zustande von Apathio. Die
Untersuchung ergab massiges Emphysem, Hypertrophie des Her-
zens und Rigidität der Arterien. Dio Mobilität und Sensibilität
Hessen während der achtwöchentlichen Beobachtungsdauer nicht die
geringste Beeinträchtigung erkennen. Auch weil. Prof. Kl ob, der
ihn früher behandelte, sowie die Angehörigen dos Kranken haben
je weder Krampf noch Schwäche an den oberen, oder unteren
Gliedmassen wahrgenommen. Tod an Marasmus und hypostatischer
Pneumonie.
Sectio n (von Klob vorgenommen). Die Dura mator zum
grOssten Theile mit dem Schädoldache verwachsen, dio Arachnoidea
getrübt und verdickt. Au Stelle des linken Corpus striatum
eine bohnengrosse, breiig weiche Masse von gelblicher
458 Rosenthal.
Färbung; der Erweichungsherd greift bis in die weisse
Substanz, nach hinten und aussen auch auf einen Theil
des seh weif igen Endes über, (etwa bis zur Hälfte). Der Linsen-
kern, die Capsula interna, die entsprechenden Gebilde der anderen
Hirnhälfte, sowie die Hirnschenkel, der Pons und das verlängerte
Mark erwiesen sich an Querschnitten allenthalben normal. Die Ar-
terien der Hirnbasis rigid. Bei der mikroskopischen Untersuchung
der Erweichungsmasse fand ich Körnchenzellen, Hämatoidinkrystalle,
amorphes Pigment und Detrituskörner. •
Wie aus letzterem Falle erhellet, ist selbst eine umfänglichere
Läsion des einen Schwanzkernes von keinerlei motorischer Beein-
trächtigung, so lange die innere Kapsel unberührt bleibt. Dass bei
Verschontbleiben der Letzteren selbst beiderseitige Destruction des
Linsenkernes der Mobilität nichts anhaben könne, möge nachfolgende
Beobachtung darthun helfen.
3. Beobachtung. Tobsuchtartige Anfälle, ohne jegli-
che Paralyse. Sarkomatöse Entartung beider Linsen-
kerne.
Bei einem 26jähr. Manne, der nach längerem Kopfleiden auf
eines der unter Prof. Leidesdorfs Leitung gestandenen Beob-
achtungszimmer im k. k. allgemeinen Krankenhause aufgenommen
wurde, traten nach den ergänzenden freundlichen Mittheilungen
der Spitalsärzte, rasch aufeinander folgende tobsuchtähnliche An-
fälle auf. Der excessive Bewegungsdrang schloss jede Annahme einer
Paralyse aus, die auch vor dem nach einigen Tagen im Sopor er-
folgten Ableben des Kranken nicht zu constatiren war.
Autopsie. Die Hirnsubstanz auffällig weicher und blutreicher.
Beide Linsenkerne von einer sarkomatösen Wucherung
eingenommen, welche rechts das erste, zum Theile das 2. Glied
des Linsenkernes substituirte, linkerseits bis zum dritten Gliede
reichte. Die Corpora striata, sowie die Capsula interna zu beiden
Seiten intact erhalten. Auch an den Querschnitten der übrigen Hirn-
theile keine Veränderung erweislich.
Wie die angeführten Fälle darthun, kann der eine geschwänzte
Kern, können selbst beide Linsenkerne durch pathologische Processe
ausgeschaltet werden, ohne jegliche Schädigung der motorischen
Thätigkeiten, in solange die benachbarte Capsula interna nicht
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 459
tiefer ins Mitleid gezogen wird. Auch sind analoge Beobachtungen
in der älteren, sowie in der neueren Literatur zerstreut anzutreffen.
So war in einem Falle von Schüppel1) (apfelgrosses Myxosarkom
im Streifenhügel) keinerlei Paralyse im Leben erweislich. Beim
Kranken von Pitres *), der mit Manie und späterem Blödsinn
behaftet, ohne Lähmungserscheinungen verstarb, fanden sich bei
der Obduction; Hirnatrophie nebst Erweichung des Streifenhügel-
kopfes vor, bei intacter innerer Kapsel. Im Falle von Lepine8)
(Erweichung des ganzen linken Linsenkernes, doch Erhaltensein der
äusseren und inneren Kapsel) war keine motorische Störimg zu
constatiren. Der von Persijn4) durch anderthalb Jahre in der
Irrenanstalt Meerenberg beobachtete Kranke blieb bis zum Tode
vollkommen beweglich. Bei der Section wurde der rechte Linsen-
kern durch mehrere apoplektische Herde fast völlig gestört ange-
troffen. Im Falle von Schütz5) war es ein Syphilom, in dem-
jenigen von Bramwell6) ein scrophulöses Neugebilde, welches
den linken Linsenkern ganz einnahm. Im Leben keinerlei moto-
rische Beeinträchtigung. Bei den Beobachtungen von Fürstner7)
und Rondot8) gaben beide Linsenkerne den Sitz von Tumoren
ab. Nirgends Lähmungen oder Contracturen vorfindlich. Schliess-
lich waren in den Fällen von Bourneville9) und Mayor10) im
Schwanz- und Linsenkerne derselben Seite umschriebene Erweichungs-
herde, ohne dauernde motorische Symptome vorhanden.
Die motorische Belanglosigkeit der Grosshirnganglien wird
demnach klinisch dargethan, durch den Abgang jeglicher Lähmungs-
erscheinung bei umschriebenen Läsionen des Schwanz- oder Linsen-
kernes, bei bilateralen Herden, oder wie in den letzterwähnten
Fällen, selbst bei Zerstörung beider Ganglien der einen Seite. Die
*) Arch. f. Heilkunde 1869.
■) Progres meU Nr. 32. 1880.
*) De la localis, dans les malad, cebrales. 1875. p. 36.
*) Bericht von Obersteiner in Erlenmayer's Centralblatt. 1880.
*) Prag. med. Wschr. 26. Dec. 1877.
•) Edinb. med. Journal. 1879.
7) Arch. f. Psychiatrie, VI. Bd. p. 344.
8) Bullet, de la Soc. anat. Mai 1877.
•) fitudes clin. et thermom. sur les mal. du syst. nerv. 1872.
*•) Bullet, de la Soc. anat. Ferner 1878.
460 RosenthaL
anatomische Beweisführung stützt sich einerseits auf den histo-
genetischen Nachweis, dass die Pyramidenbahn keinerlei Verbin-
dungen mit den Grosshirnganglien eingehe; andererseits auf das
Fehlen von secundärer, absteigender Degeneration bei Herden, die
sich auf den Schwanz- oder Linsenkern beschränken. Audi die
neueren, genaueren Thierversuche haben, wie bald gezeigt werden
soll, die motorische Unerregbarkeit des Streifenhügelsystems direct
erwiesen.
Während die Grosshirnganglien 4 ihrer lange innegehabten
Autorität entkleidet wurden, gewann die motorische Dignität
der inneren Kapsel um so sicherere Grundlagen. Erst in neuester
Zeit wurden die funcüonellen Beziehungen der einzelnen Abtbei-
lungen dieses Marklagers präciser erfasst, welches nach Bitot1)
an manchen Querschnitten die Höhe von 20 — 25 Mm. und eise
Breite von 8 Mm. erreicht. Um die topographische Begrenzung der
unterschiedlichen Kapselregionen in klinisch-anatomischer Beziehung
haben sich insbesondere Charcot und seine Schule verdient
gemacht.
Wie bereits in der ersten Abtheilung (anatomischer Theil) an-
geführt wurde, fand Charcot8), dass gewisse auf das vordere
Kapselsegment beschränkte Affectionen sich als schmaler grauer
Streifen auf die innere Partie des Hirnschenkelfusses fortsetzen, die
mittlere Partie jedoch frei lassen. Diese für sich allein degeneriren-
den centrifugalen Fasern sind jedoch nicht über die Brücke
und den Bulbus medullae zu verfolgen. Bald hierauf wurden weitere
einschlägige sieben Beobachtungen aus Charcot's Abtheilung von
Brissaud3) veröffentlicht, die zur Klärung der strittigen Be-
ziehungen wesentlich beitragen.
Im ersten Beobachtungsfalle (chronische Epilepsie mit Delirium
und impulsiven Anfällen, doch ohne jede Lähmungserscheinung)
fand sich an der Stelle des Streifenhügelkopfes eine Cyste vor;
blos die vorderen Kapsel- und inneren Hirnschenkelfussbündel waren
degenerirt. Im zweiten Falle, der eine 65jährige Frau von kindischem,
willenlosem Wesen bei intacter Mobilität betraf, war in der rechten
') Arch. de Neurologie, 1881.
*) Progres me'dical. Septembre 1879.
*) Progres me'dical. Nr. 40, 41. 1879.
Zar Kcnntniss der notoriachtn HirafuaciHwn. 4dl
Grosshirnhemisphäre ein apoplek&cher Heni an Stelle der unteren
und inneren Glieder des Linsenkernes : in der linken Hemisphäre
war fest der ganze Linsenkern (bis auf den hinteren Theü) durch
einen Erweichungsherd enucleirt, die innere Kapsel dabeihat im
vorderen Segment bis in den Nudeus eaudatus erreicht; die Er*
weichung setzte sich auch auf die inneren Pedunculushüudel fort,
ohne die mittleren zn erreichen, die Rindenwindungen allenthalben
normal.
In den Beobachtungsfällen 4, 5 und 6, war die Hemiplegie
geschwunden und blieben Mos Gesichtsparesen, Zungeulähunmg oder
Aphasie zurück. In diesen Fällen war die stumpfwinklige Vereinigung
des vorderen und hinteren Kapselsegmentes (das Kapselknie von
Flechsig) Sitz der Erweichung, die auch auf das innere Segment
des Fusses des Hirnschenkels übergriff; die anstossendon Pyrmiideu-
bündel blieben, wie Querschnitte zeigten, versehout.
Die ersterwähnten Fälle bestätigen demnach glaiebfalln, diu**
Entartung des Streifenhügels und selbst beiderseitige Zerstörungen
des Linsenkernes die Mobilität nicht schädigen, insoluuge die
Pyramidenregion in der Capsula interna und im HirnsohenkulhiHse
sich unversehrt erhalten. In den letz tau geführten Fällen wareu die
durch vorübergehende Störungen in den nachbarlichen Pyramiden!»
bündeln bedingten anfänglichen Hemiplegien bald gewichen, und
hinterliessen blos Lähmungen dos Gesichten und der Zunge,
Aus der Aussage obiger Thatsachen geht somit tiinhtdlig hm -
vor, dass in denBündeln des vorderen Bezirke* de* Kapt>el,
sowie in deren Fortsetzung in den inneren liefcirk de&
Hirnschenkelfusses, die centrifugaJe Uahu von Hnnuarveu
enthalten sei, welche in den Nervenkernen endigt, ohne die J'jra-
miden zn erreichen. Dieser ganze Bezirk kann für sich allein, ohne
Theilnahme der grenznachbarlichen medialeu ltegiou, duivli vveKhe
die Pyramidenbahn passirt, entarten. Ka fehlt sodunu die ab*
steigende, seeundäre Degeneration des Vordersei teutftraugütf. Dein
entsprechend werden bei Lebzeiten keine Hemiplegien zu findet* sein.
Erst wenn die den beiden Vorderdritteln des hinteren
Kapselsegmentes entsprechenden PyramidenbüudoJ, so-
wie die zugehörige mediane Kegion des JiJj'uscbeuMfijsäus erkrankt;
oder wenn der früher geschilderte tintartungszug (von dem
vorderen Kapsel- nach dem inneren lümschenkeltsegment) sich auch
462 Rosenthal.
auf die anliegenden Pyramidenbündel erstreckt (bei totaler
Obliteration der Art. f. Sylvii), dann haben selbst wenig umfäng-
liche Läsionen stets absteigende Degeneration der entsprechenden
Pyramide zur Folge. Dann werden auch im Leben die schwereren
Erscheinungen der Hemiplegie nicht fehlen.
Auch in der jüngsten Arbeit von Flechsig über die Leitungs-
bahnen im Orosshirne des Menschen '), wird eine Beobachtung über
traumatische Encephalitis des vorderen Stirnlappens angeführt, bei
welcher die Entartung durch den vorderen Theil der inneren Kapsel
und die inneren Bündel des Hirnschenkelfusses, entlang der Sub-
stantia Soemeringii, bis in die Brücke zu verfolgen war, wo sie als-
bald verschwand. Die Grosshirnganglien wurden völlig intact be-
funden.
Bereits früher war es Pitres*) bei einer Beobachtung (seit
der Kindheit bestehende partielle Epilepsie, mit linksseitiger Hemi-
plegie und Contractur) nicht entgangen, dass die umschriebene
Atrophie der entsprechenden vorderen Central win düng, des Fusses
der Stirnwindungen und des Paracentrallappens, sich auch auf
die Capsula int., den rechten Pedunculus, Pons, und als absteigende
Sklerose auf den vorderen Pyramiden- und hinteren Seitenstrang-
antheil verbreitet. Die Grosshirnganglien waren unversehrt. In drei
anderen Fällen von Erkrankung des motorischen Gebietes war zwei-
mal dor Seitenstrang, einmal auch der Vorderstrang entartet.
Die Hemisphärenganglien erwiesen sich in allen drei Fällen als
normal.
Es lässt sich unschwer darthun, dass die in der neuesten
Literatur, wenn auch nur spärlich vorfindlichen isolirten Läsionen
der inneren Kapsel den oben erörterten gesetzmässigen Beziehungen
gehorchen. Im Falle von Kaymond8) (aus Charcot's Abtheilung),
choreiforme Bewegungen bei einer 72jährigen Frau, mit späterer
linksseitiger Gesichts- und Gliedmassenlähmung bei erhaltener
Sensibilität, fand sich Thrombose eines Astes der rechten Art.
f. Sylvii; in der rechten Hemisphäre eine scharf begrenzte, aus-
schliesslich die Substanz der inneren Kapsel einnehmende Läsion,
l) Arch. f. Anat. u. Physiol. I. Heft 1881. pag. 12—76.
») Progrcs m^dic. 17. Fevrier 1877.
*) IStude anatomique et clinique sur Y he'michore'e , Y he'mianesthe'sie,
etc. Paris 1876.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 463
oberhalb und nach aussen vom Nucleus caudatus, nahe der Ver-
einigung des Hinterdrittels mit den zwei vorderen Dritteln. Im
Gehirne sonst nichts Abnormes. Der Herd war sicherlich in der
Pyramidenregion der Kapsel gelegen, ohne den hinteren Abschnitt
derselben zu lädiren. Die von Nothnagel1) angeführten zwei
eigenen symptomlosen Fälle von Kapselläsion sind aus der Klein-
heit der Defecte (von 2—3 Mm. Ausdehnung) erklärlich. Wie
Charcot8) angibt, führen erst Kapselaffectionen von mindestens
einem halben Cm. im Durchmesser zu secundären Degenerationen.
Auch der von mancher Seite gegen die motorische Bedeutung
der Capsula interna verwerthete Fall Honegger's8) erscheint bei
richtiger Beleuchtung ganz anders. Der nach Gelenksrheumatismus
unter heftigem Kopfschmerz, Kurzathmigkeit, Herzklopfen, bei Ab-
gang jeglicher Lähmung verstorbene Kranke lieferte nachfolgenden
Sectionsbefund. Nebst Atherose, Herzhypertrophie und Nephritis
fand sich der linke Streifenhügel in der Mitte markgross deprimirt,
ein linsengrosser Erweichungsherd im oberen Theile des äusseren
Linsenkerngliedes, und der inneren Sehhügelfläche. Die Erweichung
umfasste den ganzen Querschnitt des Schweifkernes bis dicht unter
das Ependym, den oberen Theil des Linsenkernes, und den da-
zwischen liegenden Theil der inneren Kapsel, die unterste Partie
der letzteren war frei. Im sorgfältig untersuchten Bückenmark
keinerlei Veränderung. An Querschnitten der inneren Kapsel Hessen
sich mikroskopisch fast allenthalben degenerirende Fasern nach-
weisen.
Wenn wir uns in Ermanglung einer aufklärenden Zeichnung
an die voranstehende autoptische Schilderung des Gebietes der
Läsion halten, so ergibt sich, dass die Pyramidenregion nicht in
den Bereich der Herde fiel, da letztere mehr nach vornehin, den
Baum zwischen dem Schwanzkerne und der inneren, vorderen Ober-
fläche des Linsenkernes einnahmen. Sie umfassten daher das vordere
Segment der Capsula interna und das Knie derselben, somit jene
Faserzüge, von welchen oben dargethan wurde, dass sie aus dem
') Topische Diagnost. der Hirnkrankheiten, 1879. p. 272.
*) Archiv f. klin. Med. 27 Bd. 1880.
•) Ueber Localis, der Hirn- und Rücke nmarkskrankh. 1881. H. Abth.
pag. 54.
Med. Jahrbücher. 1882. 30
464 Rosenthal.
vorderen Kapselbezirke stammend, nach einwärts von der Pyramiden-
bahn liegen und mit derselben nicht zusammen hängen, indem sie
schon früher in der Brücke aufhören.
Hieraus erklärt sich auch einfach, dass die sorgfältige Unter-
suchung des Kückenmarkes keine secundären Veränderungen auf-
deckt, und dass im Leben keine motorischen Lähmungen bestanden.
Die eben citirte Beobachtung von Honegger dient daher als wei-
tere Stütze für den obigen Nachweis, dass Läsionen des vorderen
Kapselbezirkes und seiner Fortsetzungen keine Hemiplegien im
Gefolge haben, sowie dass der Schwanz- und Linsenkern sich
motorisch indifferent verhalten.
Durch die Begründung obiger Thatsachen wird auch jene fast
allenthalben adoptirte Theorie hinfällig, die sich in der Annahme
einer Art von functioneller Ergänzung gefällt. Die häufig zo
beobachtende transitorische Hemiplegie bei umschriebener Läsion
der Grosshirnganglien verleitete nämlich zur Annahme, dass für die
ausgefallenen Partien andere vicarirend eintreten. Je nach Bedarf
wurde etwa bei einem Linsenkemherde bald der gleichseitige
Schwanzkern, bald der entgegengesetzte Linsenkern mit der Sup-
plirung betraut. Nach Hughlings- Jackson1) soll sogar jede Par-
zelle des Streifenhügels im Kleinen den ganzen Streifenhügel ver-
treten können. Bei der Annahme einer kreuzweisen Substitution
musste die Voraussetzung herhalten, dass beide Körperhälften in
jeder Hemisphäre vertreten seien, die gleichseitige jedoch in ge-
ringerem Masse als die gekreuzte.
Die Anschauung über die gemeinschaftliche Vertretung in
einer Hemisphäre stützte sich auf die Beobachtung gleichzeitiger
Innervation des Rectus int. der einen, und des Rectus ext. der an-
deren Seite beim Seitenblick; auf die gleichzeitige Innervation beider
Lippen, der Kau- und Zungenmuskeln u. dgl. Minder gezwungen, und
durch die Beobachtung physiologischer und pathologischer Bewegungs-
vorgänge, mehr berechtiget erscheint mir die Annahme, dass für
gewisse symmetrische Muskelthätigkeiten gemeinsame Coordinations-
centren in beiden Hemisphären vorhanden seien. Eine einseitige
Läsion derselben würde sodann mehr oder weniger erhebliche Be-
einträchtigung der Coordination, eine Art von Ataxie zur Folge
haben.
*) Rev. mens. 1879, pag. 63.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 465
Dem functionellen Eintreten des einen Hirntheiles, des einen
Hirnganglion für das andere widersprechen zahlreiche Beobachtungen
und Erfahrungen. Sowohl Reizungs-, als auch Destructions-Vorgänge
in der einen Hirnhälfte haben blos an der gekreuzten Körperseite
ihr entsprechendes Spiegelbild. Bei einseitiger Atrophie von Hirn-
gebilden ist während des ganzen späteren Lebens keine günstige
Beeinflussung der wechselständigen Lähmung seitens der gesunden
Hemisphäre zu beobachten. Der durch hochgradige Läsion der
Broca'schen Windung bedingten Aphasie und dem rudimentären
Sprachvermögen gewährt die intacte Windung des anderen Hirn-
lappens keinerlei wirksame Hilfe. Gegen die functionelle Ergänzung
spricht ferner das Fehlen von Lähmung, beziehungsweise von
dauernden Symptomen bei bilateraler Zerstörung des Linsenkernes,
bei gleichzeitigen Herden im Linsen- und Schwanzkerne. Und da
nach Obigem der Streifenhügel und Linsenkern auf die Willkür-
bewegungen der Gliedmassen nicht von Einfluss sind, letzterer viel-
mehr der Capsula interna zukommt, so wird es auch hier erklärlich,
dass bei Läsion einer bestimmten Kapselregion dauernde Hemiplegie
und Contractur erfolgen, ohne dass die gesunde Hemisphäre und
innere Kapsel mit ihren unversehrten bulbospinalen Verbindungen
irgendwie supplirend eingreifen.
Das Zurückweichen der Lähmungssymptome ist nach den oben
erbrachten Beweisen gegen den motorischen Charakter der Gross-
hirnganglien, zu Gunsten der Capsula interna leicht zu commen-
tiren. Die innere Kapsel stellt gleichsam ein zwischen Sehhügel,
sowie zwischen Schwanz- und Linsenkern eingekeiltes Marklager
dar. Jede pathologische Invasion von Seite der genannten Nachbar-
gebilde bedroht auch die Integrität der Kapselregionen. Insbesondere
werden die von der mittleren Sehhügelzone, sowie die von dem
vorderen Schwanzkerntheil und den inneren Gliedern des Linsen-
kernes andringenden Blutergüsse öfter die Pyramidenregion der Kapsel
comprimiren, und durch seröse Durchtränkung Oedem, Ischämie,
gekreuzte Hemiplegie heraufbeschwören. Durch die Resorption wer-
den zumeist bald die Folgezustände der Compression wieder aus-
geglichen, die nicht tiefer lädirte Pyramidenfaserung der Kapsel er-
holt sich rasch, die Lähmung weicht zurück. Nur Zerstörung der
Pyramidenzone hat Lähmung, Contractur und secundäre Degeneration
zur Folge. Bei den auf die vordere Kapselpartie beschränkten Apo-
30*
466 Kosenthai.
plexien oder Erweichungen, welche die Pyramidenregion nicht er-
reichen, kommt es auch nicht, wie die oben citirten Fälle von
Brissaud bezeugen, zur Lähmung und Degeneration.
Es erübriget uns noch, zur Vervollständigung der Betrachtungen
über Kapsellähmung Einiges über das letzte (hintere) Drittel
dos hinteren Kapselsegmentes anzufügen. Bekanntlich ist
Türck1) der Entdecker der cerebralen Hemianästhesle bei
Läsionen des hinteren Kapselabschnittes, sowie der anstossenden
Sehhügel-, Linsenkern- und Stabkranzfaserung. Ich2) bestätigte die
bishin wenig berücksichtigten Befunde Türck's, dehnte sie auch
auf die unvollständigen Anästhesien aus, die öfter von Capillar-
apoplexie und Oedem der genannten Region herrühren, und wies
klinisch nach, dass sensible Störungen zu den fast ständigen Be-
gleitern der Hemiplegie zählen. Weiterhin war es Charcot, der
die genauere Umgrenzung (hintere Kapselregion und angrenzender
Fusstheil des Stabkranzes) vornahm. Die experimentelle Begründung
wurde nachträglich von Veyssiere3) geliefert.
Wie zuerst Meynert hervorhob und neuerdings Flechsig
mit geringer Abänderung bestätigt, ist die Hemianästhesie durch
Läsion der die hinterste Kapselregion durchsetzenden Hanben-
strahlung, einer Fortsetzung der sensiblen Rückenmarksbahnen,
bedingt. Anliegend müssen sich auch die Leitungen der meist
gleichzeitig afficirten Sinnesorgane befinden. Nach den schönen
Beobachtungen von Nothnagel4), der an den gelähmten Theilen
Temperaturerhöhung, Röthung, Oedem, nebst anderen Erscheinungen
wie bei Durchschneidung des Sympathicus vorfand, sind die intra-
cerebralen vasomotorischen Bahnen gleichfalls im hinteren Theile
der inneren Kapsel gelegen, welcher bei mehreren seiner Fälle
geschädigt war.
Obige Schilderungen der umschriebenen Läsionen im Bereiche
der Grosshirnganglien, sowie der pathologischen Differenzirung der
Markbündel der Capsula interna liefern ebenso viele Belege dafür,
dass hier die klinisch-anatomische Beobachtung autonom und be-
') Sitzungsberichte der kais. Akademie der Wissenschaften 1859, 36 Bd.
2) Wochenbl. d. Wissen. Gesellsch. d. Aerzte, Nr. 15 u. 45, 1870.
*) Arch. de physiol. 1874, pag. 288.
*) Virch. Arch. 68. Bd. u. Top. Diagn. d. Hirnkrankh. 1879. pag. 323-330.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 467
weiskräftig ist. In neuester Zeit wurde den klinischen Errungen-
schaften auch von Seite des Experimentes eine werthvolle Unter-
stützung zu Theil. So ergaben die Thierversuche von Carville
undDuret1), dass bei elektrischer Reizung eines corticalen Pfoten-
centrums (nach Ferrier) an der I. Stirnwindung, die entsprechen-
den Zuckungen an' der anderen Körperseite unverändert zu erzielen
sind, wenn auch mittlerweile mittelst eines Veyssiere'schen Trocarts
(mit gedeckter, verschiebbarer Klinge) vom Balken aus in die
Seitenventrikel eingedrungen und der Streifenhügel zerstört
wurde. Nebst letzterer Läsion ergab die Autopsie ein Erhalten-
sein der inneren Kapsel (3. Versuch).
Fernere Versuche ergaben, dass die Durchtrennung der Capsula
interna oberhalb der Ganglien, beziehungsweise oberhalb des
Schwanzkernes keine deutliche Hemiplegie, sondern blos vereinzelte
Paresen erzeuge, offenbar weil nur die Stabkranzfaseruug getroffen
wurde (17. Versuch); fiel jedoch der Schnitt unterhalb des ge-
schwänzten Kernes in die beiden Vorderdrittel der inneren
Kapsel, so stellte sich sofort Hemiplegie ein; doch konnten weder
durch die faradische Reizung des Rindencentrums der Pfote, noch
durch diejenige des Streifenhügels die entsprechenden Contractionen
mehr ausgelöst werden (18. Versuch). Letztere blieben jedoch nicht
deshalb aus, weil die strio-motorische Faserung vernichtet war,
wie Dur et meint, welcher der bisherigen Anschauung noch huldi-
gend, bei Reizung des gestreiften Körpers contralaterale Zuckungen
erzielte. Es kam vielmehr bei letzterem Experimente darum nicht
zu Contractionen, weil meines Erachtens durch die gesetzte Laesio
continui kein Uebertritt. vom Stromschleifen in die innere Kapsel
mehr erfolgen konnte.
Die Richtigkeit dieser Commeutirung wird auch durch die
sorgfaltigen neuesten Versuche von Franck und Pitres2) be-
stätigt. Bei graphischer Darstellung der Reizungen an der Hirnrinde,
dem Centrum ovale, an der inneren Kapsel, wurden im letzteren
Falle, der höchsten Erregbarkeit entsprechend, die stärksten teta-
nischen Zuckungen gewonnen. Beim Kapseltetanus stimmt die Zahl
von Zuckungen nicht mit der Zahl der Reize überein; auch zeigte
sich hiebei nicht der epileptische Charakter wie bei der Reizung
*) Archives de physiol. 1878.
*) Travaux du laboratoire de M. Marey. t. IV. 1878—79.
468 Rosenthal.
der Rinde. Der Streifenhügel und Linsenkern erwiesen
sieb bei umsichtiger Beizung als unerregbar. Bei Reizung
mittelst feiner, nur 2 bis 4 Mm. von einander entfernter Elek-
trodenspitzen dicht an der Kapsel, machten sich die tetanischen
Zuckungen derselben bemerklich; sie kamen jedoch nicht zum
Vorschein, wenn man zuvor mit Schwämmchen die strom-
leitende Flüssigkeit abtupfte. Ebenso blieben sie aus, wenn
man mit den Stromgebern nach den Ganglien retirirte; die charakte-
ristischen Zuckungen stellten sich aber sofort wieder ein, wenji
man sich der Grenzscheide der inneren Kapsel näherte.
C. Bestätigende Beiträge seitens der Beobachtung über
Ventrikelapoplexie.
Das Gewicht der oben erörterten Befunde über den alleinigen,
motorisch massgebenden Einfluss der inneren Kapsel wird noch
durch anderweitige klinische und experimentelle Beobachtungen
verstärkt. In erster Beziehung liefern die begleitenden Erscheinungen
der V entr i cularblu tung bezeichnende Momente. Seitdem W epf er1)
zuerst den Bluterguss als die Ursache der Apoplexie erkannte, wurden
von Boerhaave2) und Morgagni3) Durchbrüche der Extravasate
nach den Ventrikeln, nach der Convexität beobachtet, und von
letzterem Autor die hiebei auftretenden Convulsionen von Reizung
der Meningen abgeleitet. Im Beginn dieses Jahrhunderts haben
Rochoux4) und Rostan'') die primäre (entzündliche), sowie die
seeundäre Erweichung (am Blutherde) als Ursachen der cerebralen
Krämpfe bezeichnet, an welchen nach Lallemand6) die Entzündung
der Hirnsubstanz oder deren Reizung durch meningitische Vorgänge
Antheil haben.
Weiterhin wurde von Abercrombie ;) und Andral8) nebst
der Entzündung, der Reiz des ausgetretenen Blutes auf das Nerven-
]) Historiae apoplecticorum. Amstelodami. 1724.
•) Praelect. acad. de morb. nerv. 1762.
3) loc. cit. tom. I. epist. II. Art. 19.
*) Recherch. sur Fapoplexie, Paris 1814.
5) Recherch. sur le ramollissem. du cerveau, 1820.
6) Recherch. anat. palh. sur Tence'phale, 1824.
7) Path. and pract. research. on diseases of the brain, Edinb. 1827.
•) Clinique med. t. V. p. 366, 1834.
Zur Zenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 469
gewebe in Betracht gezogen. Erst Boudet1) sprach mit Bestimmtheit
aus, dass durchbrechende Gehirnblutungen auch ohne Intervention
von Entzündung tonische Krämpfe einzelner, oder der halbseitigen
Gliedmassen erzeugen können. Zehn Jahre später gab Durand-
Fardel*) auf Grund gesammelter fremder, sowie eigener Beob-
achtungen an, dass rasch an den von Lähmung befallenen Extremi-
täten Starre eintritt, wenn die Wände des Seiten Ventrikels vom
Bluterguss zerstört werden. Doch führte er selbst Fälle an, bei
welchen der Durchbruch von keiner Muskelstarre begleitet war,
oder wo letztere ohne hämorrhagischen Durchbruch erfolgte. Rom-
berg3) läugnete jeden Zusammenhang der fraglichen Erscheinungen.
Von neueren Autoren berichten Hirtz*) über das Vorkommen von
Convulsionen im Allgemeinen bei Erguss in die Ventrikel unter
77 Fällen 53mal, Cossy5) unter 156 Beobachtungen 76mal.
Schliesslich sei noch erwähnt, dass auch Charcot6) und Noth-
nagel') bei Ventricularergüssen primäre Contracturen beobachteten.
Eine Deutung sei jedoch hiefur nicht zu geben.
Ungleich charakteristischer als die bei verschiedenartigen
Apoplexien vorkommenden Convulsionen, ist die bei Durchbruch
in die Seitenventrikol auftretende tetanische Starre. Die-
selbe kann einzelne Extremitäten, oder die der einen Körperhälfte, so-
wie auch die entsprechenden Nacken- und Rumpfmuskeln überziehen.
Bei Ueberfluthung beider Seitenventrikel erscheint doppelseitige
Starre. Bei intensiver Ausbildung halbseitiger Starre an den Glied-
massen ist häufig Beugecontractur der oberen Extremität (in den
Schulter-, Ellbogen-, Hand- und Fingergelenken), und Streckcontractur
der unteren Extremität vorhanden. Bei indirecten Ventrikeler-
güssen, wenn die Hämorrhagie von äusseren Gebilden hereindringt,
kommt die Contractur an den erlahmenden Gliedmassen allmälig zu
Stande. Bei directen intraventriculären Ergüssen kann die
*) Arch. gen<Sr. Juillet T. IL 4. sene, 1834.
2) De la contracture dans l'h&norrh. c£r£br. Arch. gön£r. 1843.
3) Lehrb. d. Nervenkrankheiten, 1857, pag. 948.
*) Des convulsions, These. Strassbourg 1867.
5) Gaz. meU de Paris, Nr. 9. 1879.
°) Ueber Localisation d. Gehirnkrankh. 1878, pag. 103.
7) Ziemss. Handb. d. Path. n. Ther. Bd. XI, p. 127. 1878.
470 Rosenthal.
touische Starre, ohne merkliche Lähmung plötzlich, stürmisch
eintreten.
Die zumeist nach wenigen Stunden sich entwickelnde primäre
Contractur ist von der im Laufe der weiteren entzündlichen Vor-
gänge entstehenden secundären, oder erst nach Wochen entstehenden
tardiven Contractur (Charcot) leicht zu unterscheiden. Bisweilen
kann sich die halbseitige Starre verlieren, nach einigen Tagen je-
doch wiederkehren, und unter Erlöschen des Bewusstseins und Er-
scheinungen von acutem Lungenödem rasch zum Tod* fuhren. Eine
nachträgliche Verstärkung der Blutung ist sodann an der rapiden
Lähmung der medullären Centren schuld. Das Ableben erfolgt in
den meisten Fällen nach wenigen Stunden oder innerhalb der ersten
2 — 3 Tage. In einzelnen Fällen, wie solche noch weiterhin mitge-
theilt werden, kann das lethale Ende erst im Laufe der zweiten
Woche (vom Beginne der Durchbruchssymptome) eintreten. In
Durand- Fardel's *) Casuistik von 139 rasch tödtlichen Apo-
plexien war 66mal Durchbruch in die Ventrikel, 31mal an
die Hirnoberfläche, und llmal nach beiden Sichtungen zu constatiren.
Was die Quelle der Ventrikelapoplexien betrifft, so
war es bereits den älteren Aerzten bekannt, dass sowohl Gefäss-
berstungen im Boreiche der Grosshirnganglien, als auch in den
Ventrikelwänden eiue Inundation der Hirnhöhlen herbeiführen können.
Nach den neueren Studien Duret's*) über Vascularisation des
Hirnes sind es die Verzweigungen der Arteriae lenticulo - striatae
(nach aussen und vorne), der Art. lenticulo-opticae (für die mittlere
Kegion), der Art. opticae posteriores (nach hinten), welche zu
Ventricularblutungen zumeist Anlass geben, ebenso die Art. optic.
internao, welche dem Boden des dritten Ventrikels angehören. Die
im Balkengewölbe eingebetteten Zweigchen der Art. corporis callosi,
sowie die in der unteren Ventrikelwand verlaufenden Arterien des
Plex. choroideus pflegen durch Berstung nur zu seltenen und irre-
levanten Blutungen zu führen. Beobachtungen von Rokitansky3)
und Charcot4) zufolge können in allerdings seltenen Fällen selbst
Blutungen in die Ventrikel günstig ablaufen.
*) 1. c. pag. 278.
2) Archives de physiol. 1874.
■) Lehrb. d. path. Anat. 3. Aufl. Bd. II. 1856.
*) Lo9ons sur les malad, des vieillards, 1867.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 471
Der Durchbrach in einen Ventrikel ist, wie wiederholte Beob-
achtungen längerer Krankheitsdauer lehren, für das Leben minder
rasch vernichtend, als die nach Durchriss des Septum pellucidum
erfolgende Ueberfluthung auch der anderen Hirnkammer. Von hier
aus kann die Hämorrhagie durch das Monroe'sche Loch in die
dritte, vermittelst der Sylvi'schen Leitung in die vierte Hirn-
kammer gelangen, und wie in einem später zu schildernden Falle,
tief in das Kückenmark herabrieseln. In entgegengesetzter Richtung
kann der Blutherd nach Zertrümmerung der Grosshirnganglien,
Vormauer etc. bis in die Centralwindungen hineinragen, oder mehr
oder weniger abseits die Convexität durchbrechen. Ebenso viele
Eruptionswege, die sich bisweilen durch gewisse, bald näher anzu-
führende Eigenthümlichkeiten kenntlich machen.
Die bei durchbrechenden Hämorrhagien auftretende Muskel-
starre wurde als prägnantes Merkmal bereits oben in den Kreis
der Erörterung gezogen. Ehe wir daran gehen, das causale Ver-
hältniss dieser motorischen Reizerscheinung einer erneuerten Be-
trachtung zu unterziehen, möge es noch gestattet sein, einige
neuere klinische und experimentelle Beobachtungen über das unter-
schiedliche Verhalten der Ventrikelapoplexien voran zu schicken.
4. Beobachtung. Erguss in den Seitenventrikel ohne
jede motorische Beeinträchtigung.
Der von mir im hiesigen allgemeinen Krankenhause noch im
Jahre 1867 beobachtete, doch erst jetzt dem Verständnisse zugäng-
lichere, ältere Fall betraf einen 36jährigen Mann, welcher nach län-
gerem Arbeiten in der Julisonne bewusstlos zusammenstürzte. Bei
der bald darauf erfolgten Spitalsaufuahme war Pat. wieder bei Be-
wusstsein, konnte gut sprechen und seine Gliedmassen bewegen,
nur klagte er über schweren Kopf und hochgradige Mattigkeit,
Temperatur 38*2, Puls 80. In den nachfolgenden Tagen trat Som-
nolenz, am 8. Tage der Tod ein, ohne jegliches Zeichen von Krampf
oder Lähmung; die terminale Temperatur betrug 39*8, der
Puls 104.
Autopsie. Hirnsubstanz weicher, blutreicher, am Kopfe des
rechten Streifenhügels ein mandelgrosses Extravasat, der Kopf zum
Theile vom Schweife abgetrennt; Ruptur nach vorne vom Kopfe
in den Seitenventrikel, dessen vordere Fläche von lockeren
472 Rosenthal.
Blutgerinnselu eingenommen. Die Capsula interna, sowie der
Linsenkern unversehrt, ebenso das übrige Gehirn. Lungen und
Herz von normaler Beschaffenheit.
Während in diesem Falle offenbar der durch Insolation er-
höhte Hirndruck die Berstung einer kleineren striären Arterie,
und Aussickern von Blut in den Ventrikel bewirkte, war in der
nachfolgenden, neueren Beobachtung von Sorel 1) keinerlei Krank-
heitsursache nachzuweisen. Der betreffende Pat., ein Mann von
31 Jahren, wurde von einem apoplektiformen Anfalle überrascht,
doch stellte sich das Bewusstsein bald wieder her,, und blieben blos
stärkerer Kopf- und Bückenschmerz zurück. Am nächsten Tage
verstarb der Kranke, ohne irgend welche spastische oder paralytische
Erscheinungen dargeboten zu haben. Temperatur 38*5.
Sectio n. Hyperämie der Meningen besonders am Stirnlappen.
Hämorrhagie nach hinten vom Chiasma, im Niveau der Art. com-
municantes posteriores, durch Zerreissung des Bodens den mittleren
Ventrikel erreichend, im Niveau des Foramen Monroi sich ab-
gabelnd, und mittelst zweier cylindrischer Verlängerungen die Seiten-
ventrikel erfüllend. Die Plexus choroides unversehrt, die Blutklumpen
endigen in der Höhe der sphenoidalen Verlängerungen der Ventrikel.
Die Hirnsubstanz allenthalben erhalten, blos das Tuber cinereum
zerstört. Das Herz normal.
Was dieser Beobachtung einen besonderen Werth verleiht,
ist der Umstand, dass trotz Erfülltsein der drei Ventrikel von
Blut, die Hirnsubstanz intact blieb, bis auf den grauen Höcker,
dessen Zerstörung der Hämorrhagie den Durchgang gestattete.
Selbst die benachbarten Gebilde wiesen keine Compression auf.
Ob etwa Hitze, Alkholismus oder Excesse den Eintritt der Hirn-
blutung verschuldeten, war nicht mit Sicherheit zu eruiren.
Als Gegenstück zu den obigen negativen klinischen Befunden
möge ein im hiesigen k. k. allgemeinen Krankenhause (Abtheilung
des H. Primär. Scholz) beobachteter neuerer Fall von Ventrikel-
blutung folgen.
5. Beobachtung. Linksseitige Hemiplegie, später
plötzliche rechtsseitige Starre, Cheyne - Stokes'sches
Athmen, Körpertemperatur von 48° C. Nebst älteren
') Revue mensuelle, Nr. 7, 1880. pag. 551—553.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 473
Herden frische Apoplexie mit Ruptur der Capsula int.
und Durchbruch in die Seitenkammer. Bluterguss in
alle Hirnhöhlen , an die Basis und in den Rückgrats-
kanal.
Ein am 31. August 1879 aufgenommener 52jähr. Arbeitergab
an, vor zwei Monaten nach bald vorübergehender Bewusstlosigkeit,
eine Lähmung der linken Körperseite wahrgenommen zu haben. Die
Untersuchung ergab linksseitige Pacialisparese und Hemiplegie, der
im Ellbogen gebeugte linke Arm kann nur wenig activ gestreckt,
ebensowenig die Hand im Carpus erhoben, ab- oder adducirt werden.
Bei Prüfung der Sensibilität muss die secundäre Spirale des
Schlittenapparates um 40 Mm. gegen die primäre verschoben werden,
bis Empfindung und Reflex, wie am gesunden Arme ausgelöst
werden können (incömplete Hemianästhesie). Das linke Bein ist in
seinen Bewegungen matt, wird beim Gehen stark nachgeschleppt,
die Empfindung daselbst besser. Intelligenz und Sprache sind nicht
merklich alterirt. Die Radialarterie fühlt sich rigid an.
Im Laufe der nächsten zwei Monate war auf Gebrauch von
Jodkalium und zeitweiliger Faradisation eine merkliche Aufbesserung
der Mobilität erweislich, als Pat. am 10. November plötzlich, kurz
nach dem Frühstück unter zuckenden Bewegungen der Arme un-
wohl wurde, und nach Angabe .der Bettnachbaren ausrief: jetzt ist
es gar mit mir. Hierauf trat Verlust des Bewusstseins und der
Sprache ein : Pat. wurde sehr blass, die Respiration mehr und
mehr unregelmässig und stertorös, die Pupillen enge. An dem
paralytischen linken Arme waren zeitweilig Zuckungen
bemerkbar. An der rechten Seite kam es nach flüchtigen
Lähmungserscheinungen, zu Beugecontractur der oberen und
Streckcontractur der unteren Extremität; die Reflexerreg-
barkeit war erloschen.
Es stellte sich bald Cheyne-Stokes'sches Athmen ein, mit
klonischen Zwerchfellskrämpfen in der Athempause und Wieder-
beginn mit Exspiration, die Pausen währten durch 8 — 12 Secunden.
Der Puls war um 11 Uhr Vormittags von 112 Schlägen. Die
Temperatur der rechten Axilla betrug 41*5° C, war bis 1 Uhr
Nachmittags stetig auf 43° gestiegen, der Puls auf 120. Letztere
Temperaturerhöhung hielt bis zu dem nach 2 Uhr erfolgten Ab-
leben an. Eine halbe Stunde post mortem war die Temperatur
474 Rosenthal.
noch 42*8, nach 3 Stunden 39*4. Angesichts obiger Erscheinungen
wurde von mir die Diagnose auf Durchbruch in die Ventrikel und
nach der Basis gestellt.
Autopsie. Ein nussgrosser älterer Blutherd in der rechten
Grosshirnhemisphäre, die äussere Fläche des Thalamus, den grössten
Theil des Corpus striatum und die zwei inneren Linsenkernflächen
einnehmend. Eine umfängliche frische Blutung an Stelle des linken
Sehhügels und Linsenkernes mit Zertrümmerung derselben, Zer-
reissung der Capsula interna und Durchbruch in die linke
Seitenkammer. Blut in allen Hirnhöhlen, in den Meningen an der
Basis, sowie auch zwischen Dura und Arachnoidea im Rücken-
markskauale bis nach unten. Ueberdies chronische Endarteriitis,
Bright'sche Schrumpfniere und leichte Hypertrophie des linken
Ventrikels.
Im letzten Falle wurde ein Mann, der aus den schweren
Nöthen des Daseins eine frühzeitige Senescenz und Gefassatherose
davontrug, von linksseitiger Hemiplegie befallen. Zehn Wochen
später erfolgte nach trügerischer Besserung eine neue Hämorrhagie.
Der Kranke hat kaum noch so viel Zeit, um seiner Ahnung eines
jähen Endes Ausdruck zu geben, und schon erlischt das Bewusstsein,
kommt es zu Leichenblässe des Gesichts, zu Zuckungen des ge-
lähmten linken Armes, zu tetanischer Starre der rechtsseitigen
Gliedmassen. Nach unregelmässigem, stertorösem Athmen zeigt sich
das Cheyne-Stokes'sche Phänomen, und steigt die Axillartemperatur
bis zur ungewöhnlichen Höhe von 43° C. an, auf welcher sie sich
bis zu dem nach einer Stunde eintretenden Tode behauptet.
Die Diagnose des Durchbruches in die Ventrikel und
nach der Hirnbasis stützte sich auf eine Reihe von Erscheinungen.
Die unter apoplektischen Symptomen auftretenden kurzen Zuckungen
des linken hemiparetischen Armes deutoten auf eine durch ein-
setzende Blutung bewirkte Compression der motorischen Leitung;
die unmittelbar darauf erfolgende tonische Starre der rechteu
Körperseite, mit Beugecontractur der oberen und Streckcontractur
der unteren Extremität auf Durchbruch des Ventrikels. Die sich
anschliessenden Phänomene der klonischen Zwerchfellkrämpfe in
der Athempause, sowie die Cheyne-Stokes'sche Respiration sprachen
dafür, dass die Blutung das verlängerte Mark erreichte; die finale
Axillartemporatur von ,43° C. für Läsion des Halsmarkes und
Zar Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 475
Steigerung der Wärmeproduction durch Lähmung der centralen
Wärmemoderatoren (nach Beobachtungen von Brodie1), Billroth8),
Quincke8), Tscheschichin*), Teale5) u. A.).
Gegen die Annahme einer vom Pons ausgehenden grösseren
Blutung liessen sich geltend machen: das Fehlen von allgemeinen
epileptiformen Krämpfen (Heizung des im Pons gelegenen Noth-
nag ersehen Krampfcentrums); der Mangel an paraplektiformen
oder alternirenden Lähmimgen, an multipler Paralyse der Hirn-
nerven (Facialis, Hypoglossus, Oculomotoriuszweige), sowie die
obenerwähnten Erscheinungen von vorübergehenden klonischen
Krämpfen an der paretischen, und von dauerndem tonischen Krämpfe
der Gliedmassen an der anderen Körperhälfte.
Die in unserem obigen 5. Falle beobachtete Symptomenfolgß
machte die Ventricularblutung der Diagnose zugänglich. Letztere
erfreut sich allerdings nicht sehr häufig einer ähnlichen, günstigen
Confluenz von Erscheinungen. Nach Nothnagel6) wird ein Ventrikel-
durchbruch anzunehmen sein, wenn bei einem apoplektischen Insult
der Kranke nach einigen Stunden erwacht, das gewöhnliche Bild
der Streifenhügelblutung darbietet, doch kurz darauf in neues tiefes
Coma verfällt, in welchem leichte, allgemeine convulsivische Stösse
eintreten.
Diesen zutreffenden Bemerkungen gestatte ich mir noch, auf
Grund hierortiger Beobachtungen Einiges hinzuzufügen. Wenn im
Verlaufe einer Hirnapoplexie eine tetanische Starre mit den obigen
Merkmalen an beiden Körperhälften in die Erscheinung tritt, so
spricht dies viel eher für Einbruch in einen Ventrikel und Ueber-
schwemmimg auch des anderen, als für die Annahme von zwei
Blutherden. Wenn eine mit Hemianästhesie combinirte Hemiplegie
apoplektiform von halbseitiger Muskelstarre überzogen wird, so deutet
dies auf eine von der Sehhügelgegend ausgehende, durch das hintere
') Med. chir. Transact, 1837, pag. 416.
■) Beob. Studien über Wundfieber, 1862, pag. 158.
■) Reich, und Dubois Archiv, 1869, pag. 174 und 521.
*) Ebendaselbst 1866, pag. 170.
*) Lancet, March 1875. pag. 340. Ein höchst seltener Fall von Rücken-
markstrauma, mit einer Temperatur von 50° C. (= 122° F.) und Ausgang
in Heilung.
•) loc. cit. 1879. pag. 516.
476 Rosenthal.
Kapselsegment nach vorne, in die angrenzenden Theile des Schwanz-
und Linsenkernes reichende Blutung, die in einen seitlichen Ventrikel
durchbrach. Doch kann man sich hiebei nicht in diagnostischer Sicher-
heit wiegen, da, obgleich nur in selteneren Fällen, auch bei nicht
perforirenden Hämorrhagien halbseitige Muskelstarre zu beobachten
ist, wobei allerdings bisweilen das im Hemisphärenmarke sich aus-
breitende Extravasat eine seitliche Verengerung oder Zerrung des
Ventrikels, beziehungsweise der motorisch massgebenden Pyramiden-
faserung, bewirken mag. Letztere verläuft, wie Flechsig angibt,
nach ihrem Austritt aus der inneren Kapsel nach auswärts, wobei
sie um die Wand des Ventrikels zieht.
Andererseits können, wie obige Beispiele lehren, Blutergüsse
in die Ventrikel erfolgen, ohne jegliche motorische Beizerscheinung.
In meiner (4.) Beobachtung kam der Biss in den Seitenventrikel
seitlich vom Streifenhügelkopfe zu Stande, und befanden sich Mos
in der vorderen Fläche der Hirnhöhle lockere Goagula. Im Falle
von Sorel waren die mittlere, sowie die seitlichen Kammern von
Blut inundirt. Bei beiden Kranken waren apoplektifortne Zufälle,
doch keine Muskelstarre aufgetreten, weil erwiesener Massen
die Capsula interna vom Extravasate verschont blieb. In
meinem 5. Falle stellte sich sofort, bei Eintritt der neuen Hämor-
rhagie tetanische Starre der halben Körperseite ein; hier war
der Blutherd nach Zerreissung der inneren Kapsel in
den Seitenventrikel eingebrochen.
Bei der im vorigen Abschnitt dargethanen motorischen Indif-
ferenz des Schwanz- und Linsenkernes ist es demnach die Pyra-
midengegend der Capsula interna, deren Läsion durch
Ventrikelergüsse Reizung der motorischen Faserung, teta-
nische Muskelstarre hervorruft. Diese Starre, mit dem vor-
herrschenden Typus der Beugung an den oberen und der Streckung
an den unteren Extremitäten, lässt sich in gleicher, acuter Weise,
wie schon Fouquier1) angab, an Hemiplegischen auch künstlich
temporär erzeugen, wenn man denselben Nux vomica oder Strychnin
verabreicht. Aus der abnorm erhöhten Erregbarkeit der Pyramidenfa-
serung und ihrer Verbindungen mit den motorischen Vorderhornzellen
ist es auch zu erklären, dass bei Nachlass der acuten hemiplegischen
') Bayle, Bibl. de la therap. 1830, t. II. pag. Ml.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 477
Muskelstarre, dieselbe durch Zerrung oder passive Bewegung wieder
hervorgerufen werden kann. Als chronische Form hat sich zumeist
die Contractur in ähnlicher Weise bei veralteten Hemiplegien, als
Flexion mit Pronation der Brust-, und Extension oder Klumppferde-
fussstellung der Beckenglieder in Permanenz erklärt (Charcot).
Auch bei der spasmodischen Hemiplegie des Eindesalters von Heine
ist nach Cotard1) und Bourneville8) genau dieselbe Contractur-
form zu finden, als deren anatomisches Substrat partielle Hirnatrophie
und die bekannten secundären, absteigenden Degenerationen sich
nachweisen lassen.
Auch andere pathologische Processe im Bereiche der Hirn-
ventrikel liefern weitere Bestätigungen dafür, dass es von der
Natur, von der Ausdehnung, von den Angriifspunkten der Ventrikel-
affection abhänge, ob die motorische Leitung verschont bleibe, oder
zu Schaden komme. In ersterer Beziehung verdient ein jüugst auf
der chirurgischen Klinik von Polaillon beobachteter, von Ozenne*)
mitgetheilter Fall von Melanosarkom des linken Seitenven-
trikels eine nähere Würdigimg.
Eine 27jährige Gewohnheitstrinkerin, mit nussgrosser Neu-
bildung (Melanosarkom) am 1. Metatarsusknochen des rechten
Fusses und mit Drüsenschwellung behaftet, bot bei der Spitalsauf-
nahme einen comatösen Zustand, der sich jedoch bald verlor. Die
Kranke war von beschränktem Verstände und apbasiscb, und starb
nach 14 Tagen, ohne jede nachweisliche sensible oder motorische
Störung, unter Erscheinungen von Sopor.
Autopsie. In beiden Grosshirnhemisphäreu zerstreute Steck-
nadelkopf- bis perigrosse schwärzliche Knötchen. Der rechte seit-
liche, mittlere und 4. Ventrikel intact. Der linke Seitenventrikel
sehr ausgedehnt, und vom frontalen Hörne bis zum spheuoidalen
von einem kleinhuhneigrossen, weichen, schwärzlichen, blutklumpen-
ähnlichen Tumor eingenommen, der leicht einzudrücken ist und
hiebei einen schwarzen Saft entleert (Melauosarkom), Die Wände
des Ventrikels erscheinen nicht alterirt, nirgends eine Spur von
Entzündung oder Riss. Auch in beiden Kleinhirnlappen fluduii sich
') Sur l'atrophie partielle da cerveau, 18GS.
') Progres mtfdical, 16. Avril 1879.
') Progrte mälical, Hr. 41, 10*0.
478 Rosenthal.
zahlreiche Knötchen von obiger Beschaffenheit; Bulbus und Pons
von normalem Ansehen.
In diesem Falle hatte der den linken Seitenventrikel ausfüllende,
fast eigrosse Tumor, bei seiner halbflüssigen Consistenz und lang-
samen Entwicklung weder zu Krampf, noch zu Paralyse im
Leben Anlass gegeben, da nirgends eine Läsion der umgebenden
Gebilde zu entdecken war, und nur die Broca'sche Windung ge-
drückt erschien. Der Tumor verhielt sich ebenso harmlos, wie das
Extravasat im Falle von Sorel und in meiner 4. Beobachtung.
Dagegen sind Entartungsvorgänge im Bereiche der Ventrikel in
der Regel von schweren Folgezuständen begleitet. Durch Uebergreifen
der Läsion auf die Pyramidenfaserung der Capsula interna kommen
convulsiva oder paralytische Krankheitsformen zu Stande, mit jenen
secundären Veränderungen bestimmter Leitungsbahnen, wie sie bei
destructiven Hirnleiden der motorischen Sphäre stets anzutreffen
sind. So bei Hydrops ventriculi entzündlichen Ursprunges, mit
Erweiterung der Hirnhöhlen und Verdickung des Ependyms; bei
chronischem Hydrocephalus (F. Schultze *) mit zeitweiligem Tremor,
Muskelspannungen imd Contracturbildung im Leben, wo offenbar die
absteigende Degeneration von der zwischen den abgeplatteten Gan-
glien veränderten Pyramidenregion der Kapsel ausging.
Wie aus der vortrefflichen Monographie von Kundrat2) zu
ersehen ist, sind bei der Porencephalie ähnliche Verhältnisse
vorherrschend. Die Hydrocephalie ist auch eine Begleiterin der
porencephalischen Defectbildungen, und im dilatirten Seitenventrikel
werden nach Kund rat in Folge von Circulationsstörungen im Be-
reiche der Basalarterien, die Ganglien in die Erweichung und den
schliesslichen Schwund (der Porencephalie) einbezogen. In derartigen
Fällen sind auch Zerstörungen der inneren Kapsel in ihren beiden
Vorderdritteln erweislich. (Fall 24 und 37). Besonders bei der
letzteren, eigenen Beobachtung war nebst den rudimentären Gan-
glien, die innere Kapsel bis auf den hintersten Antheil destruirt;
dem entsprechend der Hirnschenkelfuss, die Brücke und Pyramide
atrophisch, und secundäre absteigende Entartung mikroskopisch zu
verfolgen. Der Entartungskeil im Halsmarke reichte bis an das
') Centralblatt f. med. Wissensch. Nr. 10, 1876.
*) Die Porencephalie, eine anatomische Studie, Graz 1882.
Zur Kenntniss der motorischen Hirnfunctionen. 479
Hinterhorn, und ganz nahe an die Oberfläche. Intra vitam waren
bei den betreffenden Kranken Convulsionen, Hemiplegien und Con-
traeturen vorhanden.
Mit den ausführlicher geschilderten klinischen Beobachtungen
befinden sich auch die neuesten Experimente an den Hirn-
ventrikeln in bestem Einklänge. Bei den oben erörterten Versuchen
von Carville und Duret1) hatte es sich wiederholt ereignet,
dass bei Zerstörung des geschwänzten Kernes sich Blut in den
Ventrikel ergoss, und Starre der Pfoten an der entgegengesetzten
Körperseite erzeugte. In einer später von Cossy2) angestellten
Eeihe von Experimenten wurden durch das Corpus callosum Injec-
tionen von salpetersaurer Silberoxydlösung in die Seitenventrikel
gemacht. Nach kürzerem oder längerem Zeiträume (von 4 — 14
Tagen) zeigten sich bei den Versuchstieren, in Folge von entzünd-
licher Beizung des Ependymes, apoplektiforme Erscheinungen (Ab-
geschlagenheit, Stumpfsinn, Coma), doch in der Begel keine, oder
nur vereinzelte Zuckungen. Erst nachdem unter starkem Druck,
oder ungestüm grössere Flüssigkeitsmengen eingespritzt wurden,
stellten sich rasch Convulsionen und tetanische Muskelstarre ein.
Letztere Erscheinungen, waren jedoch nicht, wie Cossy angibt,
Folge von Compression der angrenzenden opto-striären Centren,
sondern nach Obigem vielmehr durch Einwirkung auf die Capsula
interna bedingt.
Zieht man die Summe aus den oben erörterten klinischen
und experimentellen Beobachtungen, so ergibt sich, dass eine irrita-
tive Läsion der Pyramidenfaserung und ihrer Zellenverbindungen bei
plötzlich und vehement einsetzenden Blutungen, von den verschie-
denen Höhenstationen dieser Bahn: Hirnrinde, Centrum ovale, innere
Kapsel wechselständigen tonischen Muskelkrampf auslösen könne.
Letzterer kann demnach, obgleich seltener, auch ohne Durchbruch
zu Stande kommen. Die jedenfalls mächtigere Läsion, welche
Durchbruch nach der Convexität oder nach der Ventrikelhöhle be-
wirkt, wird um so eher und nachhaltiger Starre erzeugen. Bei
langsamer, beziehungsweise unter geringerem Druck erfolgender
Blutung in den Seitenventrikel kann, wie obige Beobachtungen
darthun, und die Experimente von Cossy bestätigen, die Pyramiden-
*) loc. citat. p. 471, Exper. 24.
*) fitude exper. et clin. sur les ventric. lateraux 1879.
Med. Jahrbücher. 1882. 31
480 Rosenthal. Z. Kenntn. d. mot. Hirnfnnct.
faserung der Capsula interna verschont bleiben; es wird dann die
intracranielle Drucksteigerung apoplektiforme Erscheinungen, doch
keine Zuckungen, keine Muskelstarre bewirken.
Dass die irritative Läsion der bezüglichen Gebilde, und nicht
deren völlige Durchtrennung die Muskelstarre unterhält, ist durch
das Experiment erweislich. Einem mittelgrossen Hunde wurde be-
hufs Prüfung gewisser sensibler und reflectorischer Erregungen, das
Bückenmark hoch oben am Brusttheile quer durchschnitten und
künstliche Bespiration unterhalten; die hinteren Pfoten des Thieres
erwiesen sich als gelähmt, die vorderen von tonischem Krämpfe
ergriffen. Jede mechanische oder elektrische Beizung von Muskeln
oder Nerven halte Steigerung der Extensionsstarre zur Folge.
Eine Anzahl von schwerwiegenden klinisch-anatomischen und
experimentellen Befunden gibt somit gleichlautende Zeugenschaft
dahin ab, dass die bisherige Doctrin über die motorische Bedeutung
des Streifenhügelsystems nicht mehr haltbar sei; gibt vielmehr zu
Gunsten des motorisch massgebenden Einflusses der Capsula interna
den Ausschlag. Doch soll damit nicht gesagt sein, dass das Streifen-
hügelsystem in gar keiner Beziehung zur Mobilität stehe. Sicherlich
wird demselben nicht das imperative Mandat des Willens übertragen,
doch mag es im Sinne von Magendie auf die Coordination der
Bewegungen von Einfluss sein. Nach Dur et büssen Thiere, welchen
das Corpus striatum durchtrennt wurde, die Bewegungsprogression
ein. Ferneren genaueren Beobachtungen am Menschen bleibt es
vorbehalten, hierüber näheren Aufschluss zu liefern.
Auf ein briefliches Kesume meiner obigen Beobachtungen, das
ich im Sommer 1881 an Charcot einsendete, erhielt ich von
Letzterem ein (vom 3. Septemb. desselben Jahres datirtes) Schreiben,
aus welchem ich blos nachfolgende Bemerkungen mitzutheilen mir
erlaube. „Je suis tout dispose ä croire comme vous, que la lfeion
des corps opto-stries ne produit Themiplegie qu' en tant, que cette
lesion interesse directement ou par compression le faisceau pyramidal
de la capsule interne. II y a longtemps, que je ne me suis plus
occupe de la question. Je la reprendrai ä la premifere occasion,
puisqu'elle vous interesse". Mit diesem autoritativen Gutachten von
Charcot und in der angenehmen Erwartung weiterer, bereichern-
der Beiträge möge die gegenwärtige Erörterung ihren vorläufigen
Abschluss finden.
xxn.
Fibrom des Siebbeines mit „pneumatischen
Räumen".
Vom
Docenten Dr. Ottokar Chiari.
Am dar Proaectnr de« Docenten Dr. Hans Chiari.
Demonstrirt in dem Wiener med. Doctoren-Colleg. am 22. Mai 1882.
Hiezu Tafel Xn.
(Am 1. Juni 1882 von der Bedaction übernommen.)
Das Siebbein wird selten, wenigstens im Vergleiche zu den
anderen Gesichts- und Schädelknochen, der primäre Sitz von Neu-
bildungen. Natürlich muss man dabei absehen von den sogenannten
Schleimpolypen der Nasenhöhle, die ja nach ZuckerkandlV) Un-
tersuchungen am häufigsten von der Umgebung des Hiatus semilu-
naris und der mittleren Nasenmuschel ausgehen, weil man diese
Gebilde übereinstimmend zu den Hypertrophien der Schleimhaut
rechnet. Neubildungen im engeren Sinne des Wortes, welche primär
das Siebbein ergreifen, sind gewiss selten. In der Literatur sind nur
Exostosen und Fibrome verzeichnet. Förster 8) erwähnt, dass
erstere des öftern von dem Siebbeine ausgehen.
Maisonneuve8) exstirpirte eine enorme Elfenbein -Exostose
des Os ethmoideum bei einem 17jährigen Manne.
*) Anatomie der Nasenhöhle und ihrer pncumat. Anhänge. Wien 1882.
*) Specielle pathol. Anat. 2. 1863. p. 947.
*) Gurlt, Bericht über die Leistungen etc. von 1863—1865. Langen-
beck's Archiv Vm. p. 416.
31*
482 Chiari.
Lego uest1) entfernte eine ebensolche aus der linken Nasen-
höhle; man konnte dabei das Siebbein mit Wahrscheinlichkeit als
Ausgangspunkt annehmen.
Bei den Fibromen wird nur selten das Siebbein als Ursprungs-
ort direct bezeichnet. Wenigstens lehrt das eine kurze Uebersicht
über die Angaben der Autoren in dieser Beziehung.
Nach Cruveilhier8), Nelaton und anderen ist der häufigste
Ausgangspunkt für die hier in Betracht kommenden fibrösen Nasen-
und Nasenrachenpolypen die untere Fläche des Os tribasilare und
des Keilbeinkörpers, der obere Theil der Fossa pterygoidea und
der innere Flügel des Processus pterygoideus. Michaux (ibidem)
fuhrt auch noch die Nasenhöhlenwand der Choanen an. Des Sieb-
beins geschieht keine Erwähnung.
Virchow8), Lücke4), Billroth5), B. Mai er6), König7)
führen hauptsächlich als Ursprungsorte die untere Fläche des Ba-
silar- und Keilbeines an. Rokitansky8), Birch-Hirschfeld9)
und besonders Förster10) erwähnen auch die Knochen der Nasen-
höhle als primär von den Fibromen ergriffen. Keiner führt aber
an, dass das Siebbein ausschliesslich oder vorzugsweise der Sitz einer
solchen Neubildung gewesen sei. Störk11) beschreibt zwei Fälle
von fibrösen Polypen, die von der mittleren Muschel ausgingen.
Endlich muss ich erwähnen, dass Schrötter 12) mehrere fibröse
Polypen sah, welche von der Umrandung der Choanen entsprangen.
Man muss daher sagen, dass die fibrösen Nasenrachenpolypen meist
von der unteren Fläche des Basilarbeines, des Keilbeines und von
der Choanal Umwandlung ausgehen; seltener entspringen sie von dem
Siebbeine. Es scheint also nach dem Gesagten das Siebbein sehr
10
11
13
Ibidem.
Schmidt's Jahrbücher Bd. 134. p. 312.
Krankhafte Geschwülste Bd. I. p. 355.
Pitha-Billroth, Handbuch IL Bd. 1. Abth. p. 142. 1869.
Allgem. Chirurg. Pathol. u. Ther. 1882. p. 805.
Lehrb. d. allgem. pathol. Anatomie 1871. p. 255.
Lehrb. d. speciellen Chirurgie I. Bd. 1875. p. 223.
Lehrb. d. path. Anat. III. Bd. p. 3 u. 123. 1861.
Ibidem p. 660.
Handb. d. path. Anat. 1863. p. 332 u. p. 62.
Klinik der Krankheiten des Kehlkopfes etc. 1880. p. 101.
Lary ngolog. Mittheilungen. Wien 1875.
Fibrom des Siobbeines. 483
selten der Ausgangspunkt für Goschwülste zu sein; doshalb glaube
ich folgende Beobachtung mittheilen zu sollen. In dem Berichte
der k. k. Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien vom Jahre 1880
pag. 461 wird ein Fibrom des Siebbeines kurz beschrieben:
„Bei einem 17jährigen Manne erschien die obere und hintere
Partie der rechten Siebbeinhälfte in einen umfängliche, pneumatische
Bäume in sich enthaltenden fibrösen Tumor umgewandelt, welcher
das Septum narium sehr bedeutend nach links verdrängt hatte, fast
die ganze Nasenhöhle oecupirte und einen polypenartigen, soliden,
gleichfalls aus fibrösem Gewebe bestehenden Fortsatz durch das
Foramen sphenopalatinum dextrum in dio Fossa sphenomaxillaris
dextra entsendet hatte". Dieser Tumor fiel damals schon wegen
seines Ausgangspunktes und der in ihm enthaltenen Cavitäten auf
und wurde zur genaueren Untersuchung und Beschreibung bestimmt.
Ich theile nun im Folgenden das Wissenswortho darüber mit:
Am 15. Juni 1880 kam auf die chirurgische Abthoilung des
Herrn Primär Docent Dr. Englisch im Rudolfsspital in Wien der
17jährige Taglöhner Franz Czurda, von dessen Krankengeschichte,
die ich der Güte des genannten Herren Primarius verdanke, ich
nur das Wichtigste erwähnen will.
Der früher stets gesunde Bursche bemerkte 4 Jahre vor sei-
ner Spitalsaufnahme eine Schwellung in der rechten Schläfegegend,
die sich allmälig bis hinter das Ohr ausdehnte. Es stellte sich
Thränenträufeln, dann Exophthalmus und völlige Amaurose rechts
ein. Die Nase wurde nach links verschoben, verstopft, und traten
bei häufiger Epistaxis sich immer mehr steigernde Athombeschwer-
den und Behinderung des Sprechens und Schlingens auf. Es handelte
sich, wie man bei der Spitalsauftiahme constatiron konnte, um eine
Neubildung der rechten Gesichtshälfte, der Nasen- und KacheuhOhle.
Der Kranke, der schon sehr herabgekomraen war, erlag einem Ver-
jauchungsprocesse um den Tumor herum mit Eitersenkung bis zur
Clavicula und einer daraus resultirenden Pyämio mit motastatisehen
Abscessen in den Lungen am 3. Juli.
Der am 6. Juli vom Prosector Dr. II. Cliiari aufgenommene
Obductionsbefund ergab folgende Verhältnisse:
Der Körper klein, schwächlich gebaut, sehr mager und blass.
Die linke Pupille enge, die rechte weit, der rechte Bulbus vorge-
trieben, die Gegend des rechten Jochbeines stark vorgewölbt, über-
484 Chiari.
haupt die rechte Gesichtshälfte voluminöser als die linke; um die
Nasenhöhle und Mundöffnung angetrocknetes Blut. Der Hals dünn,
in der Regio supraclavic. dextra eine halb handtellergrosse Ulce-
ration mit unterminirten und schlaffen Rändern. Thorax flach, Unter-
leib sehr wenig ausgedehnt.
Die weichen Schädeldecken Mass, an der äusseren Fläche des
Schädeldaches um die Tubera herum blutreiches, bereits hartes
Osteophyt; harte Hirnhaut wenig gespannt, die inneren Meningen
zart, gleich dem Gehirne blass. Im mittleren Gliede des linken
Linsenkernes ein bohnengrosser Abscess mit nicht scharfer Begren-
zung gegen die Nachbarschaft. Der rechte Sehnerv dünner als der
linke und grau verfärbt. Die Gegend der Sella turcica, ferner das
Siebbein gegen die Schädelhöhle convex, weich, mit dem Pinger
eindrückbar. In der Luftröhre serös schleimige Flüssigkeit und Blut-
coagula; die Schilddrüse klein. Beide Lungen zum grössten Theile
angewachsen; in dem unteren Abschnitte der linken Pleurahöhle
100 C. Ctm. eiterig jauchigen Exsudates angesammelt. In beiden
Lungen, namentlich aber rechts, bis hühnereigrosse Herde eiterig
jauchigen Zerfalles des Lungengewebes. In diesen Herden auch
frisch extra vasirtes Blut. Das Herz klein, die Unterleibsorgane blass,
im Magen reichliches Blut.
Die Präparation des Schädels ergibt in der Fossa spheno-
maxillaris dextra einen aus zwei groben lappigen Abschnitten be-
stehenden, im ganzen orangegrossen Tumor, der gegen die Nach-
barschaft gut abgegrenzt ist und mittelst eines die Fossa spheno-
palatina und eine Usurlücke im hintersten Antheile des rechten
Oberkiefers einnehmenden, 3 Ctm. dicken Stieles am Schädel fixirt
ist. Der Tumor selbst ist von weisslicher Farbe, derber Consistenz
und faseriger Structur und drängt den M. tempor. und den Joch-
bogen sammt Masseter nach rechts. Der Muse, temporalis, ferner
das Zellgewebe um den Tumor und das Periost an der vorderen
Hälfte der Schläfenbein-Schuppe, sowie der äusseren Fläche der
oberen Partie des grossen Keilbeinflügels eiterig jauchig infiltrirt.
Von da erstreckt sich die Eiterung in Fistelgängen bis zu dem früher
angegebenen ulcerösen Substanzverluste in der Begio supra-clavicu-
laris dextra. Auf dem sagittalen Medianschnitte des Schädels v. Tafel
V, Fig. 1 zeigt sich, dass die Nasenhöhle fast vollständig oecupirt ist
durch eine im Ganzen gleichfalls orangegrosse Geschwulst, welche
Fibrom des Siebbeines. 48J>
mit dem beschriebenen äusseren Tumor durch obigem Stiel zu-
sammenhängt. Diese Geschwulst substituirt die rechtsseitige Partie
des Siebbeines, hat die Nasenscheidewand bis zur Berührung der
lateralen Wand nach links verdrängt und besteht aus mit Schleim-
haut ausgekleideten Cavitäten und derben, zum Theil Knochon-
stückchen in sich enthaltenden Septis dazwischen.
Sie geht von dem hinteren oberen Abschnitte der mittleren
und der ganzen oberen rechten Muschel aus und hat auch dio
vordere Wand der Siebbeinhöhle einbezogen. Die Geschwulst
protuberirt auch hauptsächlich im Bereiche der hintoron Hill Hit
der Lamina cribrosa des Siebbeins und der vorderen der Sella
turcica in die Schädelhöhlo. Durch diese Protuboranz ist das
Poramen opticum dextrum verengt und der Sehnerv comprimirt.
Am Clivus ist keine besondere Veränderung zu sehen. Dio rechte
Orbita ist durch Vorwölbung ihrer medialen Wand verkleinert und
in Folge dessen der rechte Bulbus hervorgedrängt. Der Thränon-
nasengang derselben Seite ist bis zur Undurchgängigkoit durch die
Ausbuchtung des Processus frontalis maxillae comprimirt. Die rechte
untere Nasenmuschel hochgradig atrophirt und auch abgebogen.
Nach links zu wird, wie schon oben erwähnt, das Hopturn narium
hochgradig ausgebaucht und ist der Tumor mit demselben wenigstens
in seiner hinteren Hälfte völlig verwachsen. Die Nasonmuscheln der
linken Seite und die linken Siebbeinzellen (wie deren Prftparation von
der linken Orbita aus ergibt) sind sehr stark comprimirt und atrophirt;
die linke Keilbeinhöhle erscheint dagegen in den Tumor einbezogen.
Was nun die oben beschriebenen Cavitäten de» NuseriturriorH
anbelangt, so konnte man constatiren, dass dieselben mit dem <'a-
vum der rechten Nasenbälfte durch mehrere urtuHorH OefrriiifijMfi
ce communicirten; ferner waren sie mit Schleimhaut ausgekleidet,
welche in den oberen Hohlräumen blass, in den unteren injicjrt
und zum Theile mit croupösem Exsudate belebt war, aber liberall
Flimmerepithel aufsitzen hatte. Da außerdem in ihnen Luft mithalten
war, so unterlag es wohl keinem Zweifel, t\nm man w mit aim-
gedehnten Siebbeinzellen zu tbun hatte. Kirie vorläufig« UMhloi/lu'hn
Untersuchung sowohl dea Xa*6ii- ala auch *\m Amwrtin Tumor u
ergab eine fibromarttee Textur.
Die Sectionsdiagnoa* lautete:
Fibroma os»w ethm'/idali* *t fwa* '•-\t\it',uom,,v'i\l>ith: lUitltM
486 Chiari.
Inflammatio crouposa partis membranae mucosae narium. Periostitis
ad squamam ossis temporalis dextri et ad os spbenoidale snbsequente
Pyaemia cum abscessibus metastaticis pulmonum et cerebri.
Die genauere histologische Untersuchung nahm ich im Man
dieses Jahres vor, nachdem das ganze Präparat beinahe 2 Jahre in
Alkohol conservirt war.
Es wurden behufs Untersuchung kleine Stücke sowohl der
Wände der Cavitäten des Nasentumors, als auch der lappigen
Theile in der Fossa sphenomaxillaris in absolutem Alkohol ge-
härtet, so weit es eben nach der langen Conservirung noch möglich
war. Die Färbung gelang mit Boraxcarmin sehr gut, bis auf die
Partien der Geschwulst, die nahe dem Jaucheherde lagen.
Die Schnitte aus dem äusseren Tumor, der von den um-
liegenden Weichtheilen frei präparirt worden war, zeigten an der
äusseren Oberfläche desselben eine ziemlich dicke, bindegewebige
Schichte, unmittelbar in das darunter liegende Gewebe übergehend.
Dieses selbst präsentirt sich grösstenteils als bestehend aus stark
geschwungenen langen, zu Bündeln geordneten Bindegewebsfasern,
welche nur spärliche Bund- und Spindelzellen zwischen sich ent-
halten. Ausserdem zeigt es eine grosse Menge von sinuösen, un-
regelmässig begrenzten und vielfach mit einander communicirenden
spaltförmigen Hohlräumen, welche ohne deutliche Endothelbeklei-
dung zunächst von einer dünnen, zartfaserigen, zahlreiche Kundzellen
enthaltenden Schichte umgeben sind. An diese Schichte schliesst
sich das obige Fasergewebe an. Diese Hohlräume enthalten nirgends
rothe Blutkörperchen, sind überhaupt meist leer und weisen als
Inhalt höchstens etwas feinkörnige Substanz mit einzelnen Lymph-
körperchen auf.
Beinahe eben dasselbe Verhalten bot die Masse des Nasen-
tumors, nur wurde es durch das Vorhandensein der durch Aus-
dehnung der Siebbeinzellen entstandenen oft nussgrossen Cavitäten
modificirt. Legte man nämlich einen Durchschnitt durch ein zwei
dieser Cavitäten trennendes Septum an, so war die Oberfläche
beiderseits mit Schleimhaut versehen, auf welcher man in frischem
Zustande überall Flimmerepithel nachweisen konnte. An dem lange
conservirten Präparate war es schon überall verloren gegangen.
Darunter folgte wieder gleich dieselbe Bindegewebsfaser-
Schichte mit denselben eingelagerten mikroskopischen Hohlräumen,
Fibrom des Siebbcincs. 487
die beinahe die ganze Tumonnasse durchsetzten. Nur die nächste
Umgebung dieser Hohlräume war etwas anders gestaltet und zwar
verschieden an verschiedenen Stellen. Hie und da fand man un-
mittelbar das Lumen umlagernd eine enorme Menge von dicht-
gedrängten Rundzellen mit sehr grossen intensiv rothgefarbten
Kernen und fast ohne Protoplasma. Das nächst anstossende Gewebe
zeigte ganz feine, kurze, leicht geschwungene, spärliche Fasern und
dazwischen zahlreiche Rund-, Spindel- oder Sternzellen.
An anderen Stellen wurden die Hohlräume direct von dem letzt-
beschriebenen Gewebe begrenzt, und an vielen Orten endlich un-
mittelbar von einem zwar noch feinfaserigen, aber dichten Binde-
gewebe mit spärlichen Rund- und Spindelzellen umschlossen. Die
weitere Umgebung bildete an allen Stellen das früher schon er-
wähnte mehr derbfaserige Bindegewebe.
Die vielfache Communication der unregelmässigen, sinuösen nie
rothe Blutkörperchen enthaltenden Räume, die Unmöglichkeit eine
eigene Wandung an ihnen zu finden, so dass sie unmittelbar in
das Gewebe eingegraben waren, musste wohl die Annahme nahe
legen, dass es sich um ectasirte Lymphräume handle, obwohl es
sich nicht ausschliessen lässt, dass man vielleicht nur ausgedehnte
Bindegewebsmaschenräume vor sich hatte. Uebrigens ist es ja An-
sicht einiger Anatomen, dass die Anfänge des Lymphgefässsystemes
in den Bindegewebsmaschonräumen zu suchen seien.
Als Ursache der Erweiterung dieser Hohlräume dürfte wohl
der Druck der wachsenden Geschwulst auf die abführenden Lymph-
gefässe anzunehmen sein. Die Lymphe blieb dann sammt ihren
Zellen im Tumor zurück und liegt in Bezug auf die oben be-
schriebenen Bilder in der nächsten Umgebung der Hohlräume der
Gedanke nahe, dass vielleicht von der zurückgestauten Lymphe ein
weiteres Wachsthum der Geschwulst ausging.
Was nun die Blutgefässe des Tumors anbelangte, so konnten
entsprechend der Blutleere des frischen Tumors und seiner weissen
Farbe nur wenige solche gefunden werden und unter diesen fast
keine Capillaren. Die grösseren Gefässe zeichneten sich durch enorme
Verdickung der Iütima aus, an welche sich manchmal durch eine
mehr durchscheinende Schichte (die Membrana fenestrata ?) ge-
trennt ein concentrisch angelagertes, aus langen Spindelzellen und
strammen Fasern gebildetes Gewebe anschloss (media). An Stelle
490 Chiari.
Ihre Wand bestand aus Tumormasse und enthielt nur wenige
Knochentheilchen, offenbar die Ueberreste der knöchernen Septa,
welcho durch die wachsende Neubildung theils auseinandergedrängt,
thoils resorbirt wurden. Für gewöhnlich pflegt eine die Wand einer
Höhle einnehmende nicht papilläre Neubildung das Gavum zu ver-
engern, weil sie eben die Wand verdickt. Das fand hier nicht statt
Trotz der Vordickung der Wand waren die Cavitäten des Siebbeins
bedeutend vergrössert.
Man musste nun zunächst daran denken, dass zurückgehaltenes
Secret die Ausdehnung bewirkt habe. Aber auch dieser Erklärungsgmnd
war hier nicht stichhaltig, weil die Cavitäten nur Luft enthielten
und ihre Communicationsöffnungen mit der Nasenhöhle ganz frei
waren.
Es blieb mithin als veranlassendes Moment nur der Druck
des Exspirations-Luftstromes über. Bei normaler knöcherner Be-
schaffenheit der Wandungen der Siebbeinzellen kann derselbe kerne
Erweiterung der Hohlräume herbeiführen. Sind aber die Wände
durch Infiltration einer Neubildung ihres starren Charakters be-
raubt, so kann der so oft wiederholte Druck der Athmungsluft all-
mälig eine Dilatation veranlassen.
Braune und Classen *) haben die Luftdruckschwankungen
in der Nase und deren Nebenhöhlen experimentell theils am Leben-
den theils am Cadaver geprüft und gefunden, dass an einem in
ein Nasenloch luftdicht eingefügten Manometer, sich 60 — 80 Mm.
Hg Niveaudifferenzen zeigten. Diese Grenzen wurden wohl nur
erreicht, wenn beide Nasenöffnungen und der Mund geschlossen
blieben und die Respirationen sehr energisch ausgeführt wurden.
Wurden diese Bedingungen nicht erfüllt, so fielen die Schwankun-
gen viel geringer aus, doch liess sich immer deutlich nachweisen,
dass bei der Inspiration der Druck in der Nasenhöhle sank und
bei der Exspiration anstieg.
Von den Nebenhöhlen wurde nur die Oberkieferhöhle geprüft.
Auch in derselben fanden sich ganz analoge nur etwas hinter denen
in der Nasenhöhle zurückbleibende Drucksch wankungen; Braune
und C lassen führten in das Nasenloch eines Cadavers und in die
1) Die Nebenhöhlen der menschlichen Nase in ihrer Bedeutung für den
Mechanismus des Riechens. Zeitschr. f. Anat. Bd. II. Leipzig 1877.
Fibrom des Siebbeines. 491
Oberkieferhöhle Wassermanometer ein und Hessen von einem ge-
sunden Menschen in eine mit der Trachea verbundene Bohre in-
und exspiriren. Sie fanden da bei geschlossenem Munde und einer
offenen Nasenhöhle bei massigem Athmen in der Nase 10 Mm., in
der Oberkieferhöhle 8 Mm. Wasserniveaudifferenzen. Bei tiefem,
lange dauerndem Inspirium 20 — 40 Mm. und bei möglichst schnellem
starken Ansaugen in der Nase — 200, in der Kieferhöhle — 190 Mm.
Wasserniveaudifferenz. Ich begnüge mich darauf hinzuweisen und
verweise bezüglich der Details auf die citirte Arbeit. Es ist nun
anzunehmen, dass auch in den Siebbeinzellen ähnliche Druckschwan-
kungen stattfinden, da sie ebenfalls mit der Nasenhöhle commu-
niciren.
Zuckerkandl 1. c. p. 179 erwähnt die Möglichkeit des Zu-
standekommens von Orbitalemphysem von den Siebbeinzellen aus
bei sonst normalen anatomischen Verhältnissen und führt eine be-
treffende Aeusserung E. B e r li n' s in dem Graefe-Saemisch'schen Hand-
buche an. Es heisst da unter anderen: „Die Luft wird durch eine
meist sehr gewaltsame Exspiration aus einer benachbarten Höhle
in die Augenhöhle hineingetrieben". Zu diesen benachbarten Höhlen
gehören doch vor Allem die Siebbeinzellen, welche nur dieLamina
papyracea von der Orbita trennt. Ich führe diese Aeusserung an,
weil sie zeigt, dass man auch hier bedeutende Drucksteigerungen
in den Siebbeinzellen durch heftige Exspirationen annimmt. Man
muss sich also die Erweiterung der Siebbeinzellen in unserem Falle
in folgender Weise vorstellen: So lange die Choanen frei waren,
• musste jeder Exspirations-Luftstrom, besonders jeder forcirte, wie
beim Husten, Niesen, Schnauben etc. in die mit erweichten Wan-
dungen versehenen Siebbeinzellen eindringen und sie allmälig er-
weitern. Natürlich konnte das nur allmälig stattfinden, weil ja
* die Druckdifferenzen gewöhnlich nur wenige Mm. Hg betrugen.
Wenn man aber bedenkt, dass der Tumor in der Nase gewiss
einige Jahre bestand, bis die rechte Nasenseite für Luft undurch-
e gängig wurde, ist es begreiflich, dass die Erweiterung der Siebbein-
I seilen, wenn auch nur sehr langsam fortschreitend, einen solchen
f Grad erreichte.
p
-♦— <x>— •-
Erklärung der von Herrn Teuohmann gezeichneten Figur auf
Tafel XII.
Rechte Hälfte des sagittal durchschnittenen Schädels Ton innen ge-
sehen. (Nat. Grösse.)
a — Cavitäten.
b — Durchschnittsflächen der die Cavitäten trennenden Septa.
e — Communicationsöffnungen mit der Nasenhöhle.
*0*-
C. Ceberreater'sche BucMrackerei (M. Balzer) in Wien.
xxin.
Zur Mechanik des unteren Sprunggelenkes
des Menschen.
Von Prof. E. Albert in Wien.
(Hiezu Tafel XX.)
(Am 10. Mai 1#82 von der Redaction übernommen.)
Als unteres Sprunggelenk bezeichnen viele Anatomen jenen
Gelenkscomplex, der hinten aus der Articulatio talo-calcanea, vorne
aus der Articulatio talo-navicularis besteht.
Wenn das Sprungbein feststeht, so kann das Navicularo in
dem vorderen, der Calcaneus in dem hinteren der beiden Golouko
Bewegungen ausfuhren. Wenn aber mit Ausnahme dos Talus das
übrige Fussskelet feststehend gedacht wird, so kann dor Talus
selbstverständlich nur in beiden Gelenken zugleich sich bewogen.
Es soll hier nur an den zweiten Fall gedacht weiden, und
zwar unter der Einschränkung, dass die Bewegungen, dio der Talus-
kopf dem Naviculare gegenüber ausführt, nicht berücksichtigt wer-
den; es soll sich also nur um die Articulatio talo-calcanoa handeln.
Im Jahrgange 1879 der Berichto des naturwissonschaftlich-
medicinischen Vereines in Innsbruck habe ich in oinom kurzen
Aufsatze, betitelt: „Zur Mechanik dor menschlichen Sprungboin-
gelenke" die Kesultate einiger Messungen mitgothoilt, welche ich
über die Excursionsgrösse sowohl dieses Gelonkes, wie auch des
oberen Sprunggelenkes angestellt hatte. Es zeigte sich, dass die-
selbe, entsprechend den häufigen Abweichungen im Baue Jones Ge-
lenkes, ziemlich abweichende Werthe aufweist.
Diesmal will ich vor Allem die Methode entwickeln, wio sich
Med. Jahrbücher. 1882. 89
494 Albart
die Componenten jener Muskelkräfte ermitteln lassen, welche an
dem erwähnten Gelenke angreifen.
Es liegt hier folgendes Problem vor. Wenn man den Unter-
schenkel im oberen Sprunggelenke auslöst, den Puss auf die Sohlen-
fläche aufstellt, und nun den Talus hin und herbewegt, so findet
man, dass die Bewegungen um eine von hinten, unten, lateralwärts
— nach vorne, oben, medialwärts gelegene Axe vor sich gehen.
Das heisst mit anderen Worten: wenn der Fuss in diesem Gelenke
bewegt wird, so entsteht eine Bewegung zwischen Pronation und
Supination, zugleich eine zwischen Adduction und Abdnctäoh, und
gleichzeitig eine zwischen Plantar- und Dorsalflexion. Dabei wird
unter Abduction und Adduction die Flächenbewegung, unter Pro-
nation und Supination die Bftnderbewegung des Fasses verstanden
(C. Langer). Die Lage jener Axe, um welche diese complicirte
Bewegung stattfindet, haben Henke und G. Langer empirisch
bestimmt; ihre Angaben weichen unter einander ab, stehen aber
mit meinen Beobachtungen nicht im vollen Einklänge, was ja ans
der angedeuteten Verschiedenheit dieses Gelenkes in - Bau und
Function begreiflich ist. Dieser Verschiedenheit ungeachtet kann
die Untersuchung wohl vorgenommen, aber .strenge genommen nur
auf den jeweilig untersuchten Fall bezogen werden. Unter dieser
Verwahrung steht also die Sache so, dass es sich um die Be-
wegung eines starren Körpers um eine im Räume feststehende
Axe handelt. Auf diesen Körper wirken nun verschieden gerich-
tete Kräfte — alle die Muskeln, deren Sehnen über das Gelenk
ziehen. Obwohl sich kein einziger Muskel am Sprungbein selbst
ansetzt, so wirken einzelne dennoch direct auf dieses Gelenk. Jene
Muskeln nämlich, die sich in der Achillessehne vereinigen, bewegen
das Gelenk direct, indem sie an dem einen der beiden Gelenkskörper,
am Fersenbein, angreifen; die anderen Muskeln beeinflussen das
Gelenk indirect, indem sie zwar an entfernteren und beweglichen
Skeletpunkten angreifen, aber nach erfolgter Feststellung dieser
letzteren immerhin im Stande sein können, auch das erwähnte
Gelenk zu bewegen oder wenigstens durch einen hervorgebrachten
Druck zu beeinflussen. Die Söhnen dieser Muskeln haben/ indem
sie über das Gelenk ziehen, eine so regelmässige und einfache Ge-
stalt, dass sie sich leicht durch eine neutrale Linie substituiren
lassen, welche ihre Zugrichtung versinnlicht.
Zur Mechanik des Sprunggelenkes. 495
Man kann nun folgende Analyse der Verhältnisse anstellen.
Sobald die Sehne einer der das Gelenk bewegenden Muskeln durch
eine Gerade substituirt werden kann, deren räumliche Lage der
Bichtung entspricht, in welcher der zugehörige Muskel auf das Ge-
lenk wirkt, so handelt es sich nur noch darum, auch die Grösse
der Kraft, mit welcher der Muskel einsetzt, zu kennen, um auf jener
Geraden eine Strecke abzumessen, doren Länge die Kraftgrösso
versinnlicht; alsdann hätte man die Muskelkraft durch eine gerad-
linige räumliche Strecke substituirt.
Aber gerade dieser Punkt bietet die grösste Schwierigkeit.
Denn jeder einzelne Muskel kann mit ausserordentlich verschiedenen
Kraftgrössen einsetzen. Zwischen seiner minimalen und seiner maxi-
malen Leistung liegt eine ungeheure Boiho von äusserst fein abge-
stuften Werthen. Zu dem sind uns die Grenz werthe dieser Keihe
auch nicht bekannt.
Man kann indessen eine Annahme machen, welche das Pro-
blem in einer Bichtung vereinfacht. Man nimmt an, jeder Muskel
setze mit der Krafteinheit ein. Alsdann wird dio Frage so stehen,
dass man vorderhand nur dio Bichtung der Kraft berücksichtigt.
Eine solche Fragestellung befriedigt allerdings nur theilweise, aber
die Beantwortung hat doch einigen Vortheil, weil sie uns Aufschluss
gibt, ob der betreffende Muskel Pronator oder Supinator, Abductor
oder Adductor u. s. w. des Gelenkes ist und wie das Verhältnis«
seiner adduetorischen zu seiner pronatorischen Wirkung u. s. w. ist.
Engt man sich das Thema auf diese Weise ein, so lässt sich
Folgendes entwickeln.
Man denkt sich auf jener räumlichen Geraden, welche die
Bichtung einer bestimmton Sehne und zwar dort, wo diese über
das Gelenk zieht, vorstellt, eine Streckeneinheit aufgetragen und
untersucht nun die Projectionen dieser Strecke auf die drei Ebenen
eines räumlichen Coordinatensystems.
Dieses System ist gegeben durch die Horizontal-, die Frontal-
und die Sagittalebene. Die Projection auf dio Horizontalebene stellt
jene Componente vor, welche wirksam ist bei den Bewegungen um
die Yerticalaxe. Die Projection auf die Frontalebene stellt jene
Componente vor, welche bei den Bewegungen um die Sagittalaie
wirksam ist. Die Projection auf die Sagittalebene, endlich stellt
31*
4% Albert.
jene Componento vor, mit welcher die Kraft bei Bewegungen um
die Frontalaxo einsetzt.
Auf diese Art vereinfacht man sich die Sache so, dass aus
einem räumlichen Problem ein Problem der ebenen Geometrie wird,
und zwar ein solches, zu dessen Lösung man nichts weiter braucht,
als die Kenntniss vom Parallelogramm der Kräfte.
Um den Vortheil einer solchen Vereinfachung zu zeigen, wol-
lon wir uns eines Beispieles bedienen. Der M. sternocleidomastoideus
verläuft von medialwärts, vorne und unten nach lateralwärts, hinten
und oben. Er bringt also Bewegungen hervor, die sich in Partial-
bowegungen um drei auf einander senkrechte Axen auflösen fassen.
Er dreht den Kopf um eine Verticalaxe (den Zahn des Epistropheus)
zwischen medialwärts und lateralwärts (Drehbewegungen) ; er be-
wegt den Kopf um eine Frontalaxe zwischen vorne und hinten
(Nickbewegung) und er bewegt den Kopf zwischen rechts und
links (Neigebewegungen).
Wie sich die einzelnen Componenten dieser Partialbewegungen
zu einander verhalten, das wird aus Folgendem erhellen. Man legt
eino anatomische Tafel vor sich, in welcher die Ansichtd.es Körpers
von vorne abgebildet ist. Diese Tafel repräsentirt die Projection
des Kopfnickers auf die Frontalebene. Auf dieser Tafel lässt sich
der Kopfnicker durch eine von medialwärts unten nach lateral-
wärts oben ziehende Gerade substituiren; die Kichtung der Kraft
ist also eine diagonale und lässt sich sofort in zwei auf einander
senkrechte Componenten — eine verticale und eine horizontale —
nach dem Parallelogramm der Kräfte zerlegen.
Die verticale Componente ist es nun, die eine Bewegung her-
vorbringt, indem sie den Kopf herabzieht. Nun lege man eine ana-
tomische Tafel vor sich hin, welche die Ansicht des Körpers von
der Seite her bietet (Sagittalprojection). Da lässt sich der Kopf-
nicker durch eine Gerade substituiren, welche von vorne unten nach
hinten oben läuft; diese diagonale Gerade zerlegt man wiederum in
zwei Componenten, in eine horizontale und in eine verticale; nur
die letztere tritt wiederum in factischen Bewegungen auf, indem
sie den Kopf streckt. Endlich denke man sich den Kopfnicker in
einer Ansicht von oben abgebildet; da Hesse er sich durch eine
Gerade substituiren, die von vorne medialwärts nach hinten lateral-
Zur Mechanik des Sprunggelenkes. 497
wärts zieht; diese diagonale Gerade zerlegt man in zwei Compo-
nenten, eine frontale und eine sagittale; nur die letztere wird bei
Bewegungen wirksam, indem sie den Kopf nach der entgegenge-
setzten Seite dreht.
Wenn man nun am unteren Sprunggelenk jede darüber zie-
hende Sehne durch eine Nadel markirt, die in die Richtung der
Sehne eingestochen ist und das Präparat in der sagittalen, fronta-
len und horizontalen Ansicht photographirt, so hat man in ganz
analoger Weise die Richtung der Kraft in ihren Projectionen auf
die drei Coordinatenebenen erhalten, und kann die Zerlegung in
einer analogen Weise vornehmen. Nach dem Satze
cos2« -|- cos2jS -f- cos2y = 1
braucht man indess die dritte Protection nicht, indem man y berech-
net. Das wäre eine Behandlung des Themas, die sich für den Ele-
mentarunterricht ganz gut eignen würde.
Schöner lässt sich das Problem in folgender Weise behan-
deln. Man stellt die Frage nach dem Drehungsmoment der einzel-
nen Kräfte, die den starren Körper, den Talus, um eine feste Axe
bewegen.
Bei einem solchen Problem wählt man die Drehungsaxe zur
Z-Axe eines räumlichen rechtwinkligen Coordinatensystems. Nun
projiciren sich die wirkenden Kräfte sämmtlich auf der XY-Ebene;
die Drehaxe selbst projicirt sich im Durchschnittspunkte der X und
T. Das Drehungsmoment erscheint nun als Produkt der durch eine
Strecke auf jeder einzelnen Kraftrichtung versinnlichten Kraftgrösse,
multiplicirt mit dem Abstände der Kraftrichtung von dem Dreh-
punkte, resp. der Projection der Drehaxe im Ursprungspunkt des
XY -Systems. Für den zuvor angenommenen Fall, dass jeder ein-
zelne Muskel mit der Krafteinheit einsetzt, wird der zweite Factor
des Produktes jedesmal = 1, das Drehungsmoment wird also pro-
portional dem ersten Factor, d. i. der auf die Richtung der Kraft
vom Drehpunkte aus gefällten Senkrechten.
Man braucht also das betreffende Präparat, an welchem einer-
seits die Drehaxe, andererseits die Richtungen der Muskelkräfte
durch gerade Nadeln markirt sind, so aufzustellen, dass die Dreh-
axe in die Axe des Linsensystems einer Camera obscura fällt. Auf
4M A.I%«fc Ifef Mechanik des Sprunggelenkes.
dar — rar Are dar Li— an senkrecht stehenden — Glastafel pro-
jkfan ach die Biohttmgeu der Muskelkräfte, als Pvojectiouen auf
die XY-Ebene; die Draha ■..■ projieirt sich als Punkt; mau braucht
nun nur von diesem Punk aus auf jede der einzelnen Kiaftricli-
tongen eilte Senkrechte su lallen, und die Länge dieser Senkrechten
ist der erste Factor in jenem Produkte, das als Drehungsmonient
beieichnet wird.
Die' beiliegende Tafel seigt das Resultat einer solchen Messung.
Endlich kann man die Sache auch im Wege der Bechnung
erledigen. Hat man die durch gerade 'Nadeln vereinnliehten Rich-
tungen der einzelnen Muskelkräfte und der Drehaie in wenigstens
zwei Projectioueu photograpbirt und dabei den Ursprongspankt des
Coordinatonsystems markirt, so kann man. für die Drehaxe sowohl
als auch für jede Muskelkraft die Gleichungen finden, indem man in
y = Bx + b |
i=Ci + c I
die Tangenten der Neigungswinkel (B und G) and die Abschnitte
auf den Aren (b und c) aus der Messung au der Photograptii
findet.
1. JlklbOChBT 1882.
unteren Sprunggclrnk«».
I
XXIV.
Ueta eine angeborene Coalition des Os luna-
tum und Os tripetrum carpi.
Von
Dr. M. Holl
Supplent der Anatomie in Innsbruck.
(Am 7. Juni 1882 von der Redaction übernommen.)
Die normale Zahl der Hand- und Fusswurzelknochen kann
vermehrt oder vermindert sein. Die Vermehrung tritt auf, entweder
dadurch, wie es meistens angetroffen wird, dass der eine oder an-
dere Knochen in Theilstücke zerfallen ist, wie dies die Beob-
achtungen von Flesch1), Gruber2) und Friedlowsky 3) lehren,
oder dass, wie es aber seltener zu beobachten ist, kleine selbststän-
dige Knöchelchen in die Keihen der Knochen eintreten (Gruber,
Friedlowsky). Die Verminderung tritt ein durch Defectbildung,
oder aber auch durch Coalition zweier oder mehrerer benachbarter
Knochen und diese Coalition kann nun wieder angeboren oder er-
worbea sein, durch physiologische oder pathologische Processe hervor-
gebracht sein. Dergleichen Beobachtungen wurden, soweit sie das
Fussskelet betreffen, von Zuckerkandl*) und mir5) mitgetheilt.
') Varietätenbeobachtungen aus dem Präparirsaale zu Würzburg. Ver-
handlungen der pbys.-med. GescUsch.
*) Verschiedene Aufsätze in Virchow's Archiv und Petersburger Aka-
demieschriften.
*) Ueber Vermehrung der Handwurzelknochen durch ein Os carpale in-
termedium und secundäre Fusswurzelknochen. Akad. d. Wissensch. LXI. Bd.
1870. Wien.
*) ^Qener med. Ztg. 1877 und Wiener med. Jahrb.
*) Beiträge zur chir. Osteologie des Fusses. Langenbeck's Arch. XXV.
Band und „Zur Aetiologie des angeb. Plattfusscs" ebenda.
600 . Holl.
«
Es ist einleuchtend, dass die Verminderung der Zahl der Hand-
und Fasswurzelknochen nicht nur ein anatomisches Interesse, son-
dern auch das des praktischen Arztes beanspruchen kann, weil ja
durch solche Abnormitäten die physiologischen Functionen der Hände
und Füsse Veränderungen erfahren, andererseits aber auch bei chir-
urgischen Eingriffen eine Modification derselben Platz greifen muss.
Namentlich die Coalition einzelner Fusswurzelknochen ist von
eminenter Bedeutung, weil, wenn dieselbe z. B. das Kahnbein und
das Schiffbein betrifft, die Enucleation des Passes im Chopart'-
schen Gelenke mittelst des Messers unausführbar ist, . und f&r die
Durchtrennung der Knochen zur Säge geschritten werden muss,
ebenso als die Operation nach Lignerolles, die Enucleation im
Gelenke zwischen Talus und Calcaneus mit Erhaltung des letzteren
mittelst des Messers unausführbar ist, wenn Talus und- Calcaneus
knöchern coalirt sind. Solche Coalitionen wurden von Zuckerkandl
und mir beschrieben.
Wie physiologisch wichtig solche angeborne Coalitionen zwischen
Calcaneus und Scaphoideum sind, geht daraus hervor, dass wie ich
in Langenbeck's Archiv „über die Aetiologie des angsbornen
Plattfusses" nachgewiesen habe, eine angeborne Coalition zwischen
diesen beiden Knochen stets einen Plattfuss hervorbringt, dass also
die Prognose für die angebornen Plattfüsse ziemlich ungünstig zu
stellen ist, da dieselben als solche in der Entwicklung angelegt
wurden.
Wenn die Coalition zwischen einzelnen Fusswurzelknochen
ein erhöhtes Interesse zu erregen vermag, da diese Bildungsabwei-
chung die Gangart des betreffenden Individuums modificirt und die
Füsse ein grosses Feld für chirurgische Eingriffe darstellen, so
können wir dasselbe im gleichen Masse nicht behaupten von der
Coalition einzelner Handwurzelknochen, da ja einerseits das Messer
des Chirurgen nicht besonders häufig die Gelenke zwischen den
einzelnen Handwurzelknochen aufsucht. Wohl aber können die phy-
siologischen Functionen der Hand Einbusse erleiden, wenn die Coa-
lition zwischen Knochen der 1. und 2. Handwurzelreihe auftritt,
indem ja die Articulatio intercarpea bei den Eadial- und Ulnarflexio-
nen der Hand, eine Bolle zu spielen berufen ist, wie dies die Unter-
suchungen Langor's ergeben haben; es kann sohin die Arbeits-
tuchtigkeit einer Hand dadurch herabgesetzt sein«
Ueber eine angeb. Coalition. 501
Ist die Coalition zwischen zwei Handwurzelknochen derselben
Eoihe vorhanden, so wird der Effect kein besonderer sein, da ja die
einzelnen Ligamenta intercarpea Knochen an Knochen inftig binden
und die freie Bewegung beeinträchtigen, wohl nicht der Art, dass
die Bewegungen der Knochen vollkommen gehemmt sind; und so
wird also eine solche Coalition die möglichen geringen Bewegun-
gen aufheben. Dass, dies im Auge behaltend, die „Gelenkigkeit"
der Hand nicht besonders irritirt werde, geht aus dem Bewegungs-
mechanismus der betreffenden Gelenke hervor.
So viel ich weiss, sind angeborne . Coalitionen zweier Hand-
wurzelknochen in der Literatur noch nicht verzeichnet und nach-
folgender Fall ist daher der Erwähnung werth.
Die Skelete der rechten und linken Hand eines 26jährigen
Schusters aus Kärnthen zeigen, dass die Handwurzelknochon rechts
und links, wenn man von dem Os pisiforme, einem Sesambeine des
M. ulnaris internus absieht, nur aus 6 Stücken bestehen. Die Ver-
minderung ist aufgetreten durch eine Coalition zwischen dem Os
lunatum und Os triquetrum an der Stelle, wo sich die Gelenk-
flächen zusehen. Es bilden beide genannte Knochen einen einzi-
gen, welcher an der unteren Fläche einen tiefen Sulcus aufweist
als Andeutung des Bestandes aus zwei Knochen. Wenn man
sich die genannten Knochen einer normalen Handwurzel an den
sich zusehenden Gelenksflächen zusammengelöthet denkt, so hat
man das genaue Bild des vorliegenden Falles. Die gelenkigen Ver-
bindungen des einen Knochens mit den benachbarten kommen in
derselben Weise zu Stande, als wenn die beiden Knochen die Coa-
lition nicht eingegangen wären.
Da sich nirgends Residuen eines stattgefundenen Entzündungs-
processes vorfinden, so kann man (aber auch per analogiam) fest-
stellen, dass die Coalition eine angeborene ist. Welche geringe
Consequenzen eine derartige Coalition im Gefolge hat, ist früher
erörtert worden, und sie ist hauptsächlich durch die anatomische
Karität der Beachtung werth.
Erhöhtes Interesse gewinnt vorliegender Fall, wenn man ihn
in Beziehung zu anderen ähnlichen bringt. Bei Betrachtung des
Carpus und Tarsus ergibt sich, dass das Scaphoideum und Lunatum
der Hand, beide zusammengenommen dem Talus, und das Os
triquetrum dem Calcaneus homolog sind.
502 Holl.
Es sind angeborne Coalitionen zwischen Talus und Calcaneus
bereits mehrmals von Zucker kandl und mir angetroffen worden;
man kann sagen, dass die angeborne Coalition des Os lunatum mit
dem Os triquetrum der Hand ihr Homologon findet in einer an-
gebornen Coalition zwischen Talus und Calcaneus.
Die Ursache der Coalition ist entschieden in entwicklungsge-
schichtlichen Vorgängen zu suchen. Es haben sich die Anlagen vom
Mondbeine und dem dreieckigen Beine aus der ursprünglichen zu-
sammenhängenden Blastemmasse nicht differenzirt. Kölliker1)
schildert die Entwicklung des Extremitätenskelets und der Gelenke
in folgender Weise:
„Nach meinen Erfahrungen beim Menschen und vor Allem
beim Kaninchen, bei dem ich die Extremitätenanlagen von dem ersten
Stadium an geprüft habe, entsteht das ganze Extremitätensielet
als eine von Anfang an zusammenhängende Blastemmasse, in der
vom Rumpfe gegen die Peripherie zu, Knorpel um Knorpel, Ge-
lenkanlage nach Gelenkanlage deutlich wird und sich differenzirt,
so dass jeder Knorpel vom ersten Anfange an selbstständig und
ohne Zusammenhang mit dem Nachbarknochen sich anlegt, zugleich
aber auch von seinem weiteren Entstehen an mit seinen Nachbarn
durch die gleichzeitig mit ihnen deutlich werdende Gelenklage ver-
einigt ist". Ferner sagt er S. 493: „Alle Theile des Skelets sind
ursprünglich durch Syndesmosis verbunden, wenn man einen
Zustand so nennen darf, in welchem weiche, noch indifferente
Zellenmassen die Bindeglieder darstellen. Diese Zellenmassen sind,
wie schon angegeben, gleich bei der ersten Anlage des Extremitä-
tenskelets gegeben und anfanglich von den Elementen nicht zu
unterscheiden, die die Knorpel liefern. Sowie aber dann diese Hart-
gebilde deutlich zu werden beginnen, fangen auch die Zwischenge-
bilde an einen bestimmten Charakter anzunehmen".
Nach diesen Angaben hätte man anzunehmen, dass jene in-
differenten Zellenmassen, welche die Bindeglieder zwischen den
Knorpelanlagen des Os lunatum und Os triquetrum bilden und von
Kölliker Syndesmosis genannt werden, sich nicht differenzirten.
' ') Entwicklungsgeschichte. Leipzig 1879. S. 491.
XXV.
Zur Lehre über die Transposition der aus dem
Herzen tretenden arteriellen Gefässstämme.
Von •
Dr. H. Holl
Supplent der Anatomie in Innsbruck.
Hiezu 4 Holzschnitte und Tafel XIII Fig. 4.
(Am 7. Juni 1882 von der Redaction übernommen.)
Die Ursachen der angebornen Bildungsfehler des Herzens er-
fuhren wohl erst durch das Erscheinen des Werkes von Rokitansky
„lieber die Defecte der Scheidewände des Herzens" (Wien 1875)
begründete Erklärungen; vorher bauten sich die letzteren im Gros-
sen und Ganzen (wenige ausgenommen) auf den schwankenden
Grundpfeilern von Hypothesen auf, und so kam es, dass die eine
Lehre bald die andere verdrängte. Die sich der Beobachtimg dar-
bietenden Fälle von Bildungsanomalien müssen von nun an stets
mit Zugrundelegung der Rokitansky'schen Resultate untersucht
werden, indem dieser Autor nicht nur auf viele neue Details für
die Untersuchung aufmerksam machte, welche man früher nicht
gekannt hatte, sondern auch aus dem Grunde, damit die neu ge-
gebenen Ansichten ihre eventuelle Bestätigung finden. Man kann
sagen, die Anschauungen über die Defecte im Septum ventriculo-
rum cordis waren früher höchst mangelhafte.
Die genaue anatomische Kenntniss des Septum ventriculorum
cordis und die Entwicklungsgeschichte desselben sind es, welche im
Stande sind, die häufigsten Bildungsfehler des Herzens zu erklären.
Dieselben vermögen die Defecte der Scheidewände des Herzens, ihr
Zusammentreffen mit anderen Anomalien, die Transposition der
;ius dem Herzen tretenden arteriöse» (infässstiimiiie, ohne Vorhan-
densein eines Dofectos im Septum ventr. richtig zu deuten.
Gerade ftir die EuUtchung der letztgenannten Bildungsabweicbaug:
hatte man vor Rokitansky koiuo oder wenn auch, nur eine un-
gonugendo Erklärung gehabt und da Rokitansky selbst sagt, dass
für seine Ansicht über dio Entstehung der Transpositionen nacli-
HtMrfi Beftiude selten vorkommen und dio vorgekommenen in
Richtung seiner Anschauung nicht berücksichtigt worden sind (und
meines Wissens in der Art bis jetzt nichts publicirt worden ist), so
glaube ich verdient df indlung Beachtung, indem sie
sich mit der Untersuchung eines , is beschäftigt, dessen arteriöse
Gefässatämme tran.snonirt sind, ii ngehörigen Ventrikeln stecken
und dabei keiu Defect des Septur*1 rotr. nachzuweisen ist; um so
mehr verdient sie Beachtung, ritansky selbst nicht in der
Lage war, einen solchen Befund angeiien zu können, welcher seine
genial exponirte Theorie der Trai osition in letzterer Hinsicht
hätte beweisen und gleichsam verw, ichen können. Bei der Unter-
suchung desselben leiteten mich die Kokitansky'schen Lehren
uud ich erwähne gleich im vorhinein, dass dieselben ihre volle Be-
stätigung linden.
Dar Befund des Herzens betrifft ein 71 Tage altes Kind, wel-
ches ich im vergangenen Jahre auf Veranlassung meines Collegen
Dr. Ferdinand Fruhwald, im St. Anna-Kinderspitale obducirte.
Es sei mir gestattet, gleich an dieser Stelle Herrn Dr. F. Früh-
wald den besten Dank für die Ueberlassung des Falles zur Unter-
suchung abzustatten.
Das Kind soll von Geburt an „blau" gewesen sein und stand
wegen Bronchialkatarrh und Gehirn convulsionen in Behandlung und
war mit der Diagnose „Cyanosis adnata" im Kranken-Protokolle
eingetragen. Der Sectionsbefund ergab: Hautdecken bläulich, sicht-
bare Schleimhäute hyperämisch, dunkel. Hyperaemia cerebri et pul-
monum, Catarrhus bronchialis, intestinalis.
Das Herz gross, Spitze stumpf und sehr breit; die freiliegende
Wurzel der Aorta aus dem rechten Herzen entspringend, die A.
pulmonales hinten und links von derselben aus dem linken Ventri-
kel. Das breite Herz misst von seiner Basis bis zur verbreiterten
Spitze 75 Mm., die grösste Breite 60 Mm. Das Fleisch des rechten
Ventrikels nahezu eben so dick als das des linken. Die, Höhlen
Transposition der ärtcr. Gcf&ssstämme. 505
gleich geräumig. Foramen ovale und Ductus Botalli offen. Dor
innere Befund des Herzens normal mit der Ausnahme, dass aus
der rechten Kammer die Aorta, aus der linken die Pulmonalis ent-
springt. Die Aorta, welche eine vordere, rechte und linke Klappe
zeigt, geht, vor der Pulmonalis situirt, über deren linken Ast in
das Unke Mediastinum. Die Coronararterien ramificiren sich normal.
Die Pulmonalis zeigt eine hintere, rechte und linke Klappe. Das
Septum ventriculorum weist an keiner Stelle einen Defect.auf; es
verhält sich zu den arteriösen Ostien in derselben Weise, als wonn
die grossen Arterienstämme aus den gehörigen Ventrikeln entsprin-
gen würden.
Es entsteht nun die Frage, auf welche Weise es zur Trans-
position der Aorta und Arteria pulmonalis gekommen ist.
Die Ursache der Transpositionen wird nahezu von allen Autoren
auf Vorgänge in den ersten Entwicklungsphasen zurückgeführt, das
Zustandekommen auf die verschiedenartigste Weise erklärt. Durch-
blickt man die Reihe der gegebenen Ansichten, so kommt man
wohl zu dem Schlüsse, dass ein intensiveres Studium der Ursachen
der Transpositionen erst bei Eokitansky in der oben citirten
Arbeit angetroffen wird. Es ist nothwendig, vor dem Gange der
Untersuchung etwas näher auf die Anschauungen dieses Autors
einzugehen.
Nach Eokitansky (S. 81) versteht man unter Jransposition
gemeinhin jene Anomalie, bei der die artoriöson Gefässstämmo aus
den ungehörigen Ventrikeln entspringen. Es kann dies bei normalor
Stellung der arteriösen Gefässstämme der Fall sein, gemeinhin aber
ist diese anormal. — Es kommt jedoch auch das Gogoutlioil, näm-
lich anomale Stellung der Gefässstämme und Einpflanzung dersel-
ben in die gehörigen Ventrikel vor. Das muss augenscheinlich von
der Anlage dos Septum ventriculorum abhängen. Da sich die An-
lage des Septum ventr. nach der Anlage des Septum trunci richtet,
so ist ein Verständniss der Transpositionen nur auf Grund der An-
nahme von Anomalien der Anlage dieser letztoren möglich. Und
diese Annahme stimmt so sehr zu den Thatsachen, dass über ihre
Berechtigung kaum zu zweifeln ist.
Des weiteren Verständnisses wegen ist es nun Erforderniss,
die Anatomie der normalen Septa und ihre Entwicklungsgeschichte
nach den Lehren desselben Autors zu skizzircn.
506 Boll.
Auf einem Qaeredu» durch ein normales Herz findet man,
disa das Septum Tentr., wie es auch die Abbildung des mit ober-
wibntar Anomalie behaftet» Herzens (Taf. XIII Fig. 1) lehrt, von
dem Sebnenringfl nriaehen den beiden venösen Ostien hinten (h)
entspringend, gerade nach vorne zieht, an die rechte Wand der
Aorta (hier Pulmonale P) tritt, sieb zur Pars inemhranacea septi
(m) gestaltet, welche zwischen der hinteren und rechten Aortaklapfie
(hier PulmonaUdappe A nji.j ;■) postirt ist, dann wieder fleischig
werdend, am den- rechten Umfang der Aorta (hier Pulmonale P)
so weit herumgeht, dasa die grössere vordere Hälfte der rechte»
Aortaklappe (hier rechte Pulmonalt läppe r) und die anstoßend« ■
fordere Hälfte der linken Klappe (!) in seinen Bereich fallen, sodass
die Aorta (hier Pulmonale !•) an dieser Stelle im Septimitteisclio
steckt, wahrend der Beet des Umfanges der Aorta (hier Pulmonal)
also der Bereich der kleineren, hinteren Hallte der rechten, die
ganze hintere, and die hintere Häute der linken Klappe Hos im
Faserringe steckt, welcher rechts die Pars inembranacea septi ab-
. gibt» Das Septum ventr. zerlallt in einen hinteren Theil (hinteres
Septum h) und einen die Aorta (hier Pulmonaiis P) rechts um-
fassenden, forne zwischen die beiden arterifcaH UolUssostieu eintre-
tenden vorderen Theil (vorderes Soptum a), zwischen denen sich
die Pars membranaeoa {*») befindet. Die vordere Portion des vor-
deren Soptiyn fleisch es stellt den Conus arteriosus dexter her. Die
Lungenarterie (hier Aorta A) lagert vor der Wurzel der Aorta (hier
Pulmonaiis P) in schräger Richtung nach links und aufwärts.
Flg. 1.
Das Verhältniss der Ostien bei normalem Stande der Aorta
Kirni Septum ventricul. ergibt beistehende schematische Figur 1 «
(Copie nach Rokitansky)-, Gefässostiou und Septum bei der An-
sicht von oben. A Aorta, P Pulmonaiis, s Sept. vontr. der rundliche
Transposition der arter. Gef&ssstämme. 507
Knoten der Ausgangspunkt, dor spindelförmige die Pars meinbranacea
septi. Die Aorta und Pulmonalis sind hervorgegangen durch die
Theilung eines früher gemeinsamen Eohres, des Truncus arteriosus
communis, welcher mittelst des " Septum trunci in einen vorderen
linken (Pulmonalis) und hinteren rechten (Aorta) getheilt wird.
Fig. 1 ß. Die Scheidung des Truncus arteriosus communis in eine
Arteria pulmonalis und Aorta geht nach Eokitansky in folgender
Weise vor sich (1. c. S. 74): „Im Beginne des 5. Brütetages erhebt
sich 'von der inneren Fläche des Truncus arteriosus communis links
und etwas hinten, oberhalb des Ansatzpunktes des vorderen Schen-
kels des Septum ventr. ein leistenartiger Wulst, welcher nach rechts
und etwas nach vorne hin wächst, so dass der Truncus — im Ge-
gensätze zu Lind e's Angaben — in einen vorderen etwas links
und einen hinteren etwas rechts stehenden Antheil, die Art.
pulmonalis und die Aorta gesondert wird. Dieser leistenartige
Wulst wächst übrigens nicht geradlinig in der angegebenen Eich-
tung durch das Lumen des Truncus, sondern so, dass das Septum
trunci eine hintere, der Aorta zugekehrte Concavität und eine vor-
dere, dor Arteria pulmonalis zugekehrte Convexität zeigt, und somit
das Lumen dor Art. pulmonalis nach beistehendem Schema (Fig. 2
Copie nach Eokitansky) auf dem Querschnitt muldenförmig er-
scheint".
Wir finden nun, bezugnehmend auf die Fig. FlS- 2-
1 <*, dass das Septum vontric. sich normalitor in
der Weise bildet, dass dasselbe dem Septum dos
Truncus arteriosus folgend, den hinteren Gefäss-
stamm (Aorta) vorne umfasst, sodann um ihn rechts
herumgeht.
Eokitansky nimmt an, dass, soferne das normale Verhältniss
aus einem Vorgange rosultirt, bei dem das Septum trunci hinten
links am Truncus (Fig. 2) auftritt und denselben, von hier aus mit
seiner Concavität nach hinten gewendet, in eine hintere und rechts
stehende Aorta und eine vorne und links stehende Lungenarterie
scheidet, so müssen sich, sobald das Septum trunci von einer
anderen Stelle desselben ausgeht und denselben mit entsprechender
Haltung in einer anderen Eichtung durchsetzt, Anomalien in der
Stellung der Gefässstämme ergeben.
508 Holl.
Kokitansky (L c. S. 582) sagt nun: „Hiemit ist es jedoch
keineswegs nothwendig, eine anomale Einmündung der Gefässstämme
(Transposition im engeren Sinne) gegeben, ja es wird sich zeigen,
dass bei derselben Stellung der Oefässstämme diese einmal in die
gehörigen Ventrikel münden, das anderemal aber transponirt sind.
Die Transpositionen müssen demnach von einem umfassenderen ge-
netischen Standpunkte aus in Betracht gezogen werden, wenn man
zu einem klaren Verständniss derselben überhaupt gelangen und im
Besonderen erforschen und einsehen will, wie eine anomale, z. B.
eine der normalen geradezu entgegengesetzte Stellung (Transposition)
der Gefässstämme in Beziehung auf die Ventrikel durch das Sep-
tum ventr. ausgeglichen oder corrigirt wird".
An gleicher Stelle sucht nun derselbe Autor die Entstehung
der anomalen Stellung der arteriellen Gefässstämme zu erläutern,
indem er sagt, dass man wohl annehmen dürfe, dass das Septum
trunci einmal zwar an der gewöhnlichen Stelle im Truncus auftrete,
von da aus aber anomaler Weise denselben mit seiner Concavi-
tät nach vorne gewendet so durchsetze, dass eine vordere linke
Aorta und eine hintere rechte Lungenarterie angelegt wird (Fig. Sß
ß
Copie nach Kokitansky). Die Norm (Fig. 1) und die ebengedachte
Anomalie (Fig. 3) geben in der That die Grundformen ab, aus denen
sich sämmtliche anomale Stellungen der arteriösen Gefässstämme
mit gehöriger und ungehöriger (transponirter) Einmündung ablei-
ten Hessen.
Wenn nun der Ausgangspunkt des Septum trunci sich ver-
schiebt (Fig. 1/3), an dessen linkem Umfange immer mehr und mehr
nach vorne rückt, so kommt endlich eine Transposition der Arterien-
stämme zu Stande, welche aber, da das Septum ventr. entsprechend
dem Ausgangspunkte des Septum trunci sich in gleicher Weise
Tr ansposition der arter. Gefassstämme. 509
anlegt, durch dasselbe corrigirt wird, so dass die Arterienstämme
aus den gehörigen Ventrikeln entspringen.
Wenn jedoch der Theilungsvorgang des Truncus arteriosus
comm. in der Weise auftritt, dass das Septum trunci zwar an der
gewöhnlichen Stelle auftritt, dasselbe ihn aber anomaler Weise mit
seiner Concavität nach vorne (Fig. 3 ß Copie nach Eokitansky)
gewendet durchsetzt, so ergibt sich, die Entwicklung des Septum
ventr. (Fig. 3 a*) anlangend, welches stets der Entwicklung des
Septum trunci folgt, das Verhältuiss der arteriellen Gefassstämme
in der Art, wie es Fig. 4 cc zeigt, dass die durch das Septum trunci
schon anomal gestellten transponirten Arterien auch aus den unge-
hörigen Ventrikeln entspringen.
Die primäre Stellung und Anlage des Septum trunci ist hier
sonach die Ursache für diese Art der Transposition (Fig. 3 «) der
arteriösen Gefassstämme mit gleichzeitiger Einpflanzung in die un-
gehörigen Ventrikel.
Fig. 4.
ß
Jedoch, wie die Stellung der arteriösen Gefassstämme sich än-
dern wird, wenn der Ausgangspunkt des Septum trurJci verlegt wird,
wie früher erwähnt wurde, so finden wir auch jetzt bei Fig. 3 ß,
wo das Septum trunci seine Concavität nach vorne kehrt und eine
varne und links situirte Aorta und eine hinten und rechts postirte
Pulmonalis erzeugt wurde, dass wenn der Ausgangspunkt des Sep-
tum trunci sich verlegt, z. B. nach vorne rückt (Fig. 4 ß Copie
nach Rokitansky), dass die Stellung der beiden arteriösen Gefass-
stämme eine andere geworden ist; wir haben eine vorne und rechts
stehende Aorta und eine links und hinten situirte Pulmonalis.
Dem oben Erwähnten zufolge stecken die Arterien in den un-
gehörigen Ventrikeln (Fig. 4 «) und da aber das Septum ventr. der
Med. Jahrbücher. 1882. 33
510
Kntwirklung des Btptun tnud Mut, so resultirt notwendigerweise
diejenige Stellung der (Wien, welche die arteriösen Gefäbsstämmc
irijrmi Wir S . 1 1 1 , ■ r l eo beispielsweise einen Fall vor uns, wo die
vorn« und rechts zu der Altana pulmonalis stehende Aorta aus
dem rechten Ventrikel entspringt, während die Pulmonalis im lin-
ken Ventrikel wurzelt; also Transposition und Einpflanzung in die
ungehörigen Ventrikel.
Rokitansky hat in genialster Weise zwei Reihen von Sche-
men dargestellt, welche alle mögliehen Arten der Transposition eo
umfassen, die eine Reihe der Trans Positionen mit Einpflanzung der
arteriösen Stämme in die gehörigen, die andere mit Einpflanzung in
die ungehörigen Ventrikel.
Es ist nun von Belaug diese Theorie der Transpositionen, die
gegebenen möglichen Schemen durch nachweisende Befunde erhärten
zu können, um so mehr als Rokitansky selbst sagt, dass nach-
weisende Befunde selten vorkommen und die vorgekommenen in
dieser Richtung nicht beachtet worden sind. So konnte Rokitansky
nur eine Form-der einen Schemenreihe durch zwei Präparate nach-
weisen; dies gilt für die Transposition ohne Vorhandensein
eines Defectes im Septura ventriculorum; die arteriösen G efässstämme
waren transponirt, Aorta vome links, Pulmonalis hinten rechts,
wurzelten aber in den gehörigen Ventrikeln.
Um so interessanter wird der Befund des vor mir liegenden
Herzens, welches ohne Defeet im Septum ventriculorum cordia das
3. Glied der Schemonreihe B (Rokitansky S. 85) gleichsam ver-
wirklicht, ein Bild jener Reihe, wo die transponirten Gefasse in
den ungehörigen Ventrikeln stecken, für welche ganze Reihe Ro-
kitansky keinen nachweisenden Befund anzuführen in der Lage ist.
Betrachten wir nun die Verhältnisse des anomalen Herzens,
wie sie uns die Abbildung (Taf. XIII. Fig. 1) zeigt, in Beziehung
auf die Rokitansky'sche Theorie, so kommen wir zu folgendem
Resultate. Wir sehen auf einem Querschnitte durch das Herz, dass
die Aorta vorne rechts, die Arteria pulmonalis hinten links postirt
sind, in gleicher Weise, wie dies die schematische Figur 4 ß uns
lehrt. Die Arteria pulmonalis steckt in dem Unken Ventrikel, wäh-
rend die Aorta in dem rechten wurzelt; die Anordnung des Septum
ventr. verhält sich in ganz gleicher Weise, wie ein normales Sep-
tum ventr., dessen Anordnung früher des näheren skizzirt wurde,
Transposition der arter. Gefassstämme. 511
nur mit dem Unterschiede, dass die Pulmonalis die Stelle der
Aorta einnimmt. Das Septum ventr. umgreift, wie dies stets der
Fall ist, den hinteren Gefassstamm (hier die A. Pulmonalis) und
die beiden arteriösen Ostien in ihrem Verhalten zum Septum
ventricul. veranschaulicht uns die schematische Fig. 4 «. Bei Be-
trachtung der Fig. 4 <* und ß finden wir, dass sie übereinstimmt mit
dem 3. Bilde der Schemenreihe B (Rokitansky), welches in Wor-
ten lautet: Transposition der arteriösen Gefassstämme mit Einpflan-
zung in die ungehörigen Ventrikel ohne Vorhandensein eines De-
fectes im Septum ventr. Hervorgegangen ist dieses Bild gleichsam
aus dem Grundschema Fig. 3 « und ß, indem die Einpflanzung des
anomal gestellten Septum trunci (Fig. 3 ß Concavität nach vorne)
weiter nach vorne rückte (Fig. 4 ß) und mit ihm die Stellung des
Septum ventr. sich änderte.
Gehen wir an die Erklärung des Befundes, so müssen wir die
Ursache mit Rokitansky entschieden in der anomalen Anlage des
Septum trunci suchen. Das Septum trunci wurde gleichsam verkehrt
angelegt in der Weise, dass es seine Concavität statt nach hinten
nach vorne kehrte, so dass der Truncus communis in eine vordere
Aorta und eine hintere A. pulmonalis verlegt wurde; gleichzeitig
war aber der Ausgangspunkt des Septum trunci nicht an die nor-
male Stelle links hinten (Fig. 3 ß der rundliche Knoten) verlegt,
sondern wurde weiter nach vorne postirt (Fig. 4/3 rundlicher Kno-
ten), so dass die Aorta rechts vorne, die A. pulmonalis links
hinten zu stehen kommt. Die Einpflanzung der arteriösen Stämme
in die ungehörigen Ventrikel rührt daber, dass das Septum ventri-
culorum (Fig. 4 «) in der Anlage der weiteren Entwicklung des
anomal gestellten Septum trunci folgte. Und in der That, der Be-
fund des Herzens (Taf. XIII. Fig. 1 ) bestätigt die Annahme vollends,
indem Stellung der Gefassstämme, Verhalten des Septum ventricu-
lorum mit denselben in voller Uebereinstimmung sind.
Und so hätten wir eine Art der Transposition, die Rokitansky
in so genialer Weise theoretisch darlegte, verwirklicht.
33
Erklärung der Abbildung auf Tafel XHT FI& 1
AkorU,
(, r, * Bake, rechte, vordere Klappe der Aorta,
t, *, t Ulke, hintere, nahte KUppe der A. p
p hinten Abtheilung,
a Tordere AbtheQimgi
m Pen membruica* dee Septem ventrionlornm, .
L linket Oftram venoeam,
JB rechtei Üitinm Yenofton.
XXVI.
Beitrag zu den Abnormitäten der arteriellen
(Masse.
Von
Dr. M. Holl
Supplent der Anatomie in Innsbruck.
Hiezu Tafel XIII. Figur 2.
(Am 7. Juni 1882 von der Redaction übernommen.)
Da meines Wissens solche anomale Verhältnisse der Arterien,
deren Beschreibung hier folgt, in der Literatur noch nicht verzeich-
net sind, so ist die Erörterung derselben in dieser Hinsicht von
Interesse; aber auch andererseits ist die Eenntniss derselben, na-
mentlich des zuerst zu erwähnenden Falles für den Chirurgen von
Bedeutung. .
1. Abnormes Verhalten der Schlagadern an der hinteren
Seite des Unterschenkels.
An einer linken unteren Extremität eines männlichen erwach-
senen Individuums, dessen Arterien injicirt wurden, fand sich fol-
gende Anomalie vor:
Nachdem die Arteria poplitea (Fig. 2) die vordere Schienbein-
schlagader entsendet hat, theilt sie sich nach Abgabe einzelner Er-
nährungszweige in die Ursprungsköpfe des Triceps surae und der
Art. nutritia tibiae in zwei Zweige, wovon der eine lateral gelegene
die Art. peronea (Fig. 2 P), der andere medial situirte die Art.
tibialis postica (Fig. 2 T) darstellt. Das Kaliber der Wadenbein-
schlagader übertrifft jenes der Art. tibialis postica und erstere er-
scheint wie gewöhnlich als die eigentliche Fortsetzung der Kni*»
kehlenschlagader.
614 Holl
Die hintere Schienheinschlagader behalt ihre gewöhnliche Ter-
laufsrichluug bei. Die Artoria peronea liegt mit ihrem ersten Seg-
mente auf dem Ursprünge des Musculus tibialis posticus auf; das
iweito Segment im Caualis musculo-peroneus (Hyrtl '), und gibt
etwas unter der Mitte des Unterschenkels eine Arterie ab, welche
zwischen dem Muskeineische des Fleior liallucis longus und der
Fibula eindringt, dem Muskel ernährende Zweige gewährt, sich
dann um das Wadeubein herumwindet und sich auf die vordere Fläche
des Ligamentum iutemsseuni lagert, um in der Nähe des Sprung-
gelenkes ihre Endrainiticaticmei ihau (auf der Abbildung nicht
zu sehen). Dieser Ast würde jenem Sweige der Art.. peronea ent-
sprechen, welchen die Autoren als rteria peronea perforans be-
zeichnen.
Das dritte und vierte Segment (Henleä) der Art. peronea
existirt au der gewöhnlichen Stelle eigentlich nicht, da die Arteria
peronea an der Verbindungsstelle des mittleren Viertels des Unter-
schenkels mit seinem unteren Viertel in die Arteria tibialis postica
inosculirt, so dass daraus ein eii er arterieller Gefässstamm
(Fig. 2 o) entsteht, welcher die e der Summe beider Gefasse
besitzt, aber nur circa 1 Centimeter .ing ist, da derselbe sich als-
bald in zwei nebeneinander liegende Stämme tbeilt-, welche parallel
am lateralen Bande des M. fleior digitorum commun. -gegen das
Sprunggelenk ziehen (wovon der innere Stamm, Fig. 2 P, dem
Kaliber nach als die Fortsetzung der Art. peronea, der Süssere
als die Fortsetzung der Art. tibialis postica, Fig. 2 T, erscheint),
um sich vor dem Sustentaculum tali wieder zu vereinigen, worauf
sofort die Theilung in eine Arteria plantaris interna und externa
vorgenommen wird, in der Weise, dass wieder dem Kaliber nach
zu urtheileu, die Art. plantaris externa (Fig. 2c) als die Fortsetzung
der A. peronea, die A. plantaris int. (Fig. 2 i) als die Fortsetzung
der Art. tibialis postica erscheint. Die Plantararterien ramificiren
sich nun in der Fusssohle in der gewohnten Weise.
Wir haben also eine doppelte Inselbildung vor uns and der
Werth in Beziehung auf praktische Verhältnisse besteht darin, dass
am unteren Viertel des Unterschenkels neben einander gleichsam
') J. Hyrtl, Ober normale and abnorme Verhältnisse der Schlagaden
des Unterschenkels. Wien 1864.
') Henle, Qe&ssiehre. Braanschweig;.
Abnormitäten der arteriellen Gefässe. 515
zwei Arteriae tibiales posticae angetroffen werden, wovon die innere,
wie schon erwähnt wurde, sich als die Fortsetzung der Art. peronea,
die äussere als die Fortsetzung der Art. tibialis postica repräsen-
tirt, welche auch in diese Region jene Zweige entsendet, die nor-
maliter hier die Art. tibialis postica abgibt, einschliesslich der Art.
calcaneae laterales, die sonst gewöhnlich Zweige der Arteria pero-
nea sind.
Man kann den vorliegenden Fall von Anomalie nicht in der
Weise auffassen, dass man sagt, die Arteria peronea inosculire in der
Höhe der oberen Grenze des unteren Viertels des Unterschenkels
einfach in die Art. tibialis postica, dann theile sich die letztere,
um als verdoppelte Arterie zum Sprunggelenke zu laufen, daselbst
durch Ineinanderfliessen der Stämme wieder einfach werdend, end-
lich in die beiden Plantararterien zu zerfallen.
Diese Ansicht lässt das Verhältniss der Kaliber der Gefitss-
stftmme nicht zu, sondern es ist der vorliegende Fall in der Rich-
tung aufzunehmen, dass die Arteria peronea an oberwähnter Stelle
die Verlaufsrichtung der Art. tibialis postica kreuzt, daselbst an der
Kreuzungsstelle anastomosirt, dann weiterhin an Stelle der norma-
len Art. tibialis postica zu liegen kommt, um dann am Rande des
hinteren Sprungbeingelenkes gegenüber in die Art. plant, ext. und
int. zu zerfallen, nachdem sie die eigentliche Art. tibialis postica,
die abnorm situirt ist, und aussen längs der zu einer inneren Art.
tibialis postica gewordenen Art. peronea herabläuft, wieder aufge-
nommen hat.
Wie oben erwähnt wurde, ist diese Anomalie für praktische
Verhältnisse von besonderer Bedeutung, weil eine Unterbindung der
Art. tibialis postica oberhalb des Malleolus internus vollständig
fruchtlos gewesen wäre, um eventuell die Blutzufuhr zu den Plan-
tararterien zu vereiteln, weil gleichsam collateral neben ihr eine
zweite Arterie verläuft, welche unterhalb der Unterbindungsstelle in
sie inosculirt. Ferner hätte der Chirurg eigentlich die Art. peronea
in die Ligatur genommen , da diese an der Verlaufsstelle der Art.
tibialis postica sich vorfindet, während die eigentliche Art. tibialis
postica etwas auswärts neben derselben herabläuft, wie dies schon
erwähnt wurde.
In der Literatur sind wohl ähnliche Anomalien dieser Arterien
verzeichnet, jedoch stimmt keine der bekannten mit dem vorliegenden
516 HolL
Falle vollkommen über ein: Am Ähnlichsten verhalt sich die Angabe
Henle's f): „Wenn die Art. labialis postica schwach entwickelt ist,
so kann sie durch eine stärkere Art. peronea ersetzt werden (17
Mal in 208 Fällen, Quain), welche am unteren Ende des Unter-
schenkels vor der Sehne des M. fleior digitonun pedis longos sieh
fast rechtwinklig medianwftrts zum Malleolus medialis wendet, öfters
das Ende der schwachen Art tibialis postica au&immt, und dann
die Aeste für die Plantarseite des Fusses und der Zehe abgibt An
derselben Stelle entsendet sie einen Ast, welcher mit der Art po-
roneae selbst hinter der Articulatio talocruralis durch eine quere
Anastomose sich verbindet (Inselbildung). Sie kann auch, anstatt
rechtwinklig umzubiegen, der Richtung der Sehne des M. fleior
hallucis longus folgen" (Hyrtl 1. c. 3mal unter 8 Fällen tod
Varietäten).
Einen ähnlichen, jedoch nicht ganz gleichen Fall finde ich
bei Grub er*) erwähnt, wo an der linken Extremität eines Manna
sich die Art. poplitea hoch oben in die Art tibialis postica und ifi
einen Truncus communis Ar die Art peronea und die Art tibialis
antica theilte und dann die Art. tibialis postica als Art plantaris
interna, die Art. peronea als Art plantaris externa endigte. Zwi-
schen der Art. tibialis postica und Art. peronea, bevor sie sich in
die Plantararterien umwandeln, existirt eine quere Anastomose.
2. Arteria circumflexa huraeri anterior accessoria.
An einer rechten oberen Extremität eines männlichen erwach-
senen Individuums entsendet die Art. axillaris ausser den zwei sich
im Grossen und Ganzen normal verhaltenden Art. circumflexae hm
noch eine dritte ab, welche ihrer Lage nach eine Art. circumfleia
hum. ant. inferior ist. Dieselbe entspringt ein halbes Centimeter
unterhalb der Art. circumflexa hum. ant., hat die Stärke einer
schwachen Radialarterie und versorgt allein die Clavicularportion
des Deltamuskels und anostomosirt durch einen Zweig mit der Art.
circumflexa post an der inneren Fläche des genannten Muskels.
Aus dieser Anastomose entspringt ein mit dem Ram. deltoideus
der Art. thoracica acromialis anastomosirender Zweig, Die Arteria
*)La 3ii.
*) Virehow's Arch. 74. Bd. Berlin 1818. S. 438.
■pi^dli. Jahrttijphfi'.Jahrö. Jf
, Angebotflt Goal dts Ge law. etcuTnnspca.äersiisd hr.i's. w-rnAr. «W.-i.r.iT-.-sjs . M'&.KV^Äw»'
Abnormitäten der arteriellen Gefässe. 517
circumflexa post. besitzt hinsichtlich ihres Kalibers die gewöhnliche
Stärke, speist die Mm. teres minor, Anconeus longus, das Ende des
M. latissimus dorsi, hauptsächlich aber die Spinal- und Acromial-
portion des Deltamuskels.
Bei einer eventuellen Resectio humeri, mittelst des Langen-
b eck 'sehen Längsschnittes, wo der Deltamuskel beiläufig zwischen
seiner Clavicular- und Acromialportion durchtrennt wird, hätte man
in diesem Falle nach Durchschneidung des Muskels eine beträcht-
liche Blutung haben können, weil diese accessorische Art. circum-
flexa humeri ant. durchtrennt worden wäre, welche nicht nur direct
aus der ^xillararterie, sondern auch indirect durch die bedeutende
Anastomose mit der Art. circumflexa hum. int. ihr Blut erhält.
Man hätte an der inneren Fläche beider Wundränder des Delta-
muskels Ligaturen anlegen müssen; während gewöhnlicher Weise
bei Durchschneidung des Deltamuskels entweder keine Blutung
auftritt oder diese bald von selbst aufhört, indem blos die feinen
terminalen Zweige der Art. circumflexa int. durchschnitten werden
und sohin eine Ligatur nicht nothwendig ist. Gesetzt auch, dass
die Blutung stärker wäre, so genügt wohl eine Ligatur am hinteren
Wundrande der Muskeln.
Erklärung der Abbildung.
K Arteria poplitea.
P Arteria peronea.
T Arteria tibialis postica.
A und Ax Kreuzung dieser Gefässe und Anastom osenbildung.
e Arteria plantaris externa.
t Arteria plantaris interna.
•40fr«
xxvn.
Untersuchungen über das elektrische Lei-
tungsvermögen der menschlichen Haut.
Ausgeführt in dem Institute für allgemeine und experimentelle
Pathologie in Wien
von
Dr. Gustav Gärtner
Secundtrtrzt im k. k. allgemeinen Krtnkenhtuse.
(Am 28. Juni 1882 von der Redaction übernommen.)
Resultate.
1. Der Leitungswiderstand der menschlichen Haut ist im Momente
des Stromeintritteis ausserordentlich gross.
2. Durch Stromwirkung wird derselbe bis auf Vso seiner früheren
Grösse herabgesetzt.
3. Die Grösse* der Widerstandsabnahme ist abhängig von der In-
tensität des angewandten Stromes und von der Schliessungsdauer
desselben.
4. Das Schliessen oder Oeffnen des Stromes hat an und für sich
keinen Einfluss auf den Widerstand.
5. Die Versuche gelingen an der Leiche genau so, wie am Lebenden.
6. An einem von Epidermis befreiten Leichentheile lässt sich durch
Stromwirkung keine Widerstandsabnahme erzeugen.
7. Dagegen gelingt dies an der isolirten Epidermis selbst. Der Sitz
der Widerstands Verminderung ist also die Epidermis.
8. Der elektrische Strom erwärmt merklich die Haut bei seinem
Durchtritte durch dieselbe.
520 Gärtner.
Historisches.
Wenn man am Menschen vom Nerven oder vom Muskel ans,
vermittelst des elektrischen Stromes Zuckungen auslöst, so erfährt
man, dass bei Beginn des Versuches starke Ströme nothwendig
sind, dass aber, sofern nur die Elektroden unverrückt an ihrem
Platze bleiben, bei rasch wiederholter Beizung und gleichbleibender
Elementzahl der Reizeffect wächst
Liegt z. B. die Kathode am Nerven, so tritt an Stelle der
zuerst erschienenen kleinsten Schliessungszuckung eine grossere und
später sogar eine tetanische Contraction. Ganz analoge Verhältnisse
findet man bei Untersuchung der sensiblen Nerven und der höheren
Sinnesnerven wieder. Der Reizeffect wird mit Wiederholung des
Reizes grösser und erreicht erst nach mehrmaliger Schliessung,
oder länger dauernder Einwirkung des Stromes ein Maximum.
Diese Beobachtung ist, sofern sie die sensiblen Nerven be-
trifft, fast so alt als die Kenntniss der galvanischen Erscheinungen
überhaupt. Volta fand schon, dass der von seiner „Säule" gelie-
ferte Strom ein beständiges und zunehmendes Brennen auf der Haut
erzeuge und A. v. Humboldt ') hat auch der Erste die Vermin
thung ausgesprochen, dass die Einwirkung des elektrischen Stromes
die Erregbarkeit der Organe für denselben erhöhe.
R. Remak2) hat sich mit diesen Verhältnissen eingehend
beschäftigt. Er hat zuerst bei seinen Untersuchungen am Menschen
ein Galvanoskop in den Stromkreis eingestellt, um Schwankungen
der Stromintensität oder Veränderungen im Leitungswiderstande
beobachten und messen zu können.
Remak fand nun
1. Dass der Widerstand menschlicher Theile, der bei elektro-
therapeutischen Massnahmen in den Stromkreis eingeschaltet wird,
je nach Wahl der Individuen und der Applicationsstellen zwischen
15 und 100 Meilen Telegraphendraht schwanke.
2. Dass derselbe fast ausschliesslich von der Dicke, Durch-
feuchtung und sonstiger Eigenthümlichkeit der Epidermis abhän-
gig sei; dass namentlich auch die Zahl der Schweissdrüsen und
') A. v. Humboldt, Versuch über die gereizten Muskel- und Nerven-
fasern. 1797.
*) R. Bemak, Galvanotherapie d. Nerven- u. Mnskelkrankheiten. 1859.
Leitungsvermögen der menschL Haut. 521
Haarbälge an der betreffenden Stelle in Betracht komme, dass bei
einigermaßen trockener Epidermis der Widerstand der gesammten
übrigen feuchten Theile dem gegenüber verschwindend klein sei.
3. Dass die Nadel des Galvanoskops den höchsten Stand nicht
unmittelbar bei der Schliessung des Stromes einnehme, sondern
denselben erst all mal ig erreiche, bei dicker, trockener und haarloser
Oberhaut zuweilen erst nach mehreren Minuten.
Das mag nicht blos daher rühren, meint R., dass die Flüssig-
keit der feuchten Stromgeber mit vielen Punkten der tieferen feuch-
ten Theile des Körpers sich in Verbindung setzt, sondern auch
dadurch bedingt sein, dass der Strom die Oberhaut selbst auf-
lockert. An einer anderen Stelle *) spricht E. von der stetigen W.-
Abnahme, die in Folge der in der Haut bewirkten Elektrolyse oder
auf anderem Wege entstanden sei.
Die von E. Eemak entdeckte Veränderung im Leitungswi-
derstande fällt besonders in die Wagschale, wenn es sich um den
Nachweis von Erregbarkeitsveränderungen am Nerven des lebenden
Menschen handelt, denn eine Abnahme des W. täuscht leicht eine
erhöhte Anspruchsfahigkeit vor und eine scheinbar geringere Reiz-
barkeit kann in hohem Widerstände ihre Erklärung finden.
Das Vernachlässigen dieser Fehlerquelle macht eine ganze
Beihe älterer elektrischer Untersuchungen werthlos und es ist wirk-
lich zu verwundern, wie ein Autor2) in der letzten Zeit noch die
so schwierige Frage von den Veränderungen der Erregbarkeit am
Menschen lösen wollte, ohne die W.-Veränderungen zu berück-
sichtigen, die ja, wie wir sehen werden, vor Publication seiner
Arbeit Gegenstand zahlreicher Studien waren und durch vielfache
Versuche erwiesen worden sind.
Bei Sichtung der einschlägigen Literatur begegnen wir zuerst
einer Arbeit Munk's3). Gestützt auf seine Untersuchungen über
die kataphorischen Wirkungen des Stromes*) machte M. den Ver-
such, Lösungen verschiedener Substanzen (Jodkalium, Strychnin,
Chinin) vermittelst des galvanischen Stromes durch die unversehrte
') L c. p. 93.
*) Schiel, Zur Elektrotherapie. D. Archiv f. klin. Med. Bd. XXVII.
*) Munk, über die galvan. Einführung differenter Flüssigkeiten in den
menschlichen lebenden Organismus. Arch. f. Anat. u. Physiol. 1873.
*) Munk, die kataphorischen Wirkungen des elektrischen Stromes, ibid.
ul hindurch in den eigenen oder in einen Thierkfirper einzn-
nnngen. 3 Versuche gelungen thal sachlich; während derselben
tk 1 ich die Widerstandsabnabme in der Haut. Er hatte
in iu den Stromkreis eingeschaltet, und die Strominten-
'.u jwginn und im Verlauf des Versuches als der Erste wirk-
1 pmesseil und t'.nni dieselbe am Schlüsse der Durchleitirag
b- aal grösser als zu Anfang derselben. M. widerlegt die Hypo-
these, die die W .-Abnahme auf Elektrolyse in der Haut zurück-
führt und macht auf die Bedeutung der kataphoiischen (flüssig-
keitfortffihreuden) F:-
resp. ein mit Haut
schaltuug zwischen zwei
Bezug auf Widerstandsvorändi
scblecht leitenden Flüssigkeit getr
fand Munk eine W.-Abnabn
abnimmt, um bei Strom wen
Geschwindigkeit der Ab
erzeugt durch For en 1
Poren des Thones (oder <
habe die Kicbtung vom posi
Itromes aufmerksam. Die Haut
ertheil verhalte sich bei Ein-
sung getränkte Elektroden in
licht anders, als ein mit einer
tes Thonstück; hier wie dort
ren Geschwindigkeit allmälig
eder zu wachsen (scilicet die
Sinken des Widerstandes werde
r leitenden Salzlösimg in die
ia). Dieser Flüssigkeitsstrom
zum negativen Pole, so dass un-
ter der Anode allein, die Lösimg eiinlriuire.
Eingehend hat sich femer mit dieser Frage Erb1) beschäf-
tigt. Er legt bei Erzeugung der W. -Abnahme das Hauptgewicht
auf „Unterbrechungen oder gar Wendungen" des Stromes und
sucht den Sitz der Veränderung in allen Schichten des eingeschal-
teten Körpertheiles {„Haut, Epidermis, Korpergewebe"); als Ursa-
chen der Abnahme werden angeführt*) „zunehmende Stromwirkun-
gen, bessere Durchfeuchtung, grösserer Blutreicbthum der Haut
u. s. w." Erb schaltet, „um den Leitungswiderstand zu bestim-
men", stets ein Galvanometer in den Stromkreis ein und notirt
die Ausschläge bei Anwendung von 10, 12 und 16 Elementen. Die
so ermittelten Zahlen, tabellarisch zusammengestellt, zeigen aller-
dings ganz anschaulich, dass der W. bei Durchleitung des Stromes
*) Erb im Archiv für Psychiatrie Band IV. 1874 „Zur Lehre von der
Tetanie" etc.
*) Erb, Elektrotherapie in Ziemsscn's Handbuch der allgem. Therapie
III. Bd. 1. Hälfte S. 58.
Leitungsvei mögen der menEchl. Haut. 523
sehr bedeutend abnimmt; sie sind aber nicht genügend, wenn es
sich um Ermittlung der Grösse der Abnahme, der Abhängigkeit
derselben von der Stromstärke, Stromesdauer, von Oeffhungen und
Wendungen des Stromes handelt, denn die Empfindlichkeit seines
Galvanometers ist unbekannt und (wie Erb selbst anführt) wech-
selnd. Zudem kann die Stromintensität nie im Momente der Schlies-
sung, sondern erst eine geraume Zeit später, wenn die Nadel zur
Buhe gekommen, bestimmt werden, und dieser Umstand allein
lässt die Methode Erb's, die ihrer Einfachheit wegen in der ge-
wöhnlichen elektrodiagnostischen und elektrotherapeutischen Praxis
immerhin Anwendung finden mag, zu genaueren Untersuchungen
ungeeignet erscheinen.
Eine sonst mit grosser Sorgfalt ausgeführte Untersuchung
E. Remak's !), die ziemlich allgemein als endgiltige Entscheidung
der Frage über die Erregbarkeitsveränderungen durch Stromwirkung
(Elektrotonus) am Menschen angesehen wird, und bei der die
durch Widerstandsänderungen bedingten Intensitätsschwanklingen
compensirt wurden, leidet an diesem Mangel der Erb'schen Methode.
Ich will es versuchen an der Hand der Kemak\schen Daten zu
zeigen, zu welchen Täuschungen man gelangt, wenn man diesen
Verhältnissen nicht vollkommen Rechnung trägt. Es handelt sich
in der Arbeit Remak's um den Nachweis, dass das Durchleiten
eines elektrischen Stromes eine Veränderung in der Erregbarkeit
der motorischen Nerven erzeugt, welche auch nach Unterbrechung
des erregenden Stromes persistirt, ein Nachweis der oft versucht
wurde und niemals völlig gelang.
Als Eeagens für die Erregbarkeit dient die Schliessung (oder
auch Oeffnung) eines galvanischen Stromes, dessen Intensität durch
ein in den Stromkreis eingeschaltetes Galvanometer3) bestimmt
werden kann.
Wenn also z. B. die erste Kathoden - Schliessungs - Zuckung
bei einem Strome, der die Nadel um 14*5° ablenkt, eintritt, und
nach 7 Minuten lang dauernder Durchleitung eines Stromes von
f) E. Remak, Modificirende Wirkungen galvanischer Ströme auf die
Erregbarkeit motor. Nerven. Deutsch. Archiv f. klin. Medicin. Bd. XVm. 1876.
*) R. verwendet ein von Hirschmann nach Erb 's Angaben constrnirtes
Galvanometer mit abstufbarer Empfindlichkeit.
$M OArlnrr.
frlekhtt Iatenaitit ad n die Schliessung eines Stromes von 12'
Nadelablenkung K. S. Z. -int, dann ist die Erregbarkeit erhöht.
DI« Tarsteoendai Ziffern sind der Tabelle V. S. 294 der
Banwk'aehan Abhandln!: entnommen und icb will mich in meiner
Kritik Hdi weiter an dioseu Versuch halten, der wohl im Sitiuo
Ramak's ala einer der „reinsten' anzusehen ist.
Die Elektroden iri.n' en um 9 U. 56 M. (Kathode am N. ulnaris,
Anode im Stemum) Mfgoactet. Don Strom liefern 25 Elemente. Ein
Kurbelrheostai in Netenschliossuug dient als Mittel die Stromin-
tenaitlt absaandera, retncctive bei W.-AeikKungen durch Compensa-
tio» eonatant ia erht h< ■ Um 10 U. 4 M. erfolgt bei Rheosfeit-
stellaog 970 die erste K. S. Z. Stromintensität = ?, d. h. nicht zu
bestimmen, denn die Nadel gcräth in Schwingung. Romak lSBSt
daher den Strom geschlossen bis die Nadel zur Ruhe gelangt, was
um 10 U. 6 Mn also 2 Minuten nach der Zuckung erfolgt und
liest nun am Oalranometer eine Ablenkung von 14-5° ab. Der
Strom wird jetst bü 10 U. 15 M., also durch weitere 9 M. con-
stant erbalten (es geschieht dies durch Veränderung am Rhoostaten,
der deshalb um 10 U. 11 M. auf 760 gestellt werden muss). Cm
10 ü. 15 M. erneuerte Prüfung der Erregbarkeit K. fl. & bei W
und Intensität = P
10 IT. 15 M. 30 S. bei derselben Rheostatstellung. Aus-
schlag 12°. Die Modifikation der Erregbarkeit betragt also in
Galvanometergraden ausgedrückt 2*5°.
Remak war sich nun dessen wohl bewusst, dass seiner
Methode ein Fehler anhafte und spricht dies ') auch klar aus ; er
sagt nämlich : „Ein Uebelstand war, dass immer der Nadelstillstand
erst abgewartet werden musste, in welchem meist 15 — 30 Secunden
betragenden Zeiträume*) die Widerstände und die Stromstärke sich
ja wieder verändert haben konnten. Indessen sind die dadurch be-
dingten Fehler der Resultate nur gering und gleichen sich durch
die grosse Zahl der unter verschiedenen Bedingungen angestellten
Versuche aus". Die Zulässigkeit dieser letzteren Annahme muss
icb auf. das Entschiedenste bestreiten, denn
') 1. c. S. 89«. "
*) im oben citirten Versuche beträgt, dieser Zeitraum indcsa, wie er-
wähnt, 8 Minuten.
Leitungsvcrraögen der mensclil. Hant. 525
1. hatte Bemak gar keinen Anhaltspunkt, um sich über die
Grösse des erwähnten Fehlers eine Vorstellung bilden zu können;
er durfte daher auch nicht sagen die Fehler seien gering. Ich
werde später zeigen, dass die Fehler sehr gross waren, dass ein
Strom wie ihn ßemak anwandte, schon in lOSecunden, geschweige
in 2 Minuten den Widerstand der Epidermis, (respective den ganzen
ausserwesentlichen Widerstand) auf die Hälfte und darunter herab-
setzt, und dass also an Stelle der „?" in seiner Tabelle unter
keiner Bedingung die darunter stehenden 15 — 120 See. später er-
mittelten Zahlen (Ausschläge) gesetzt werden durften, und dass der
Stromintensität zur Zeit der Zuckung stets ein wesentlich kleinerer,
doch nach Beinak's Methode nicht näher zu bestimmender Nadel-
ausschlag entsprach, so dass auch noch die grösste beobachtete
scheinbare Differenz der Erregbarkeit 1) ganz entschieden als inner-
halb der Fehlergrenzen liegend, angesehen werden muss ;
2. findet sich der besprochene Fehler ausnahmslos in allen
Versuchen, raubt einem jedem einzelnen derselben alle Beweiskraft
und kann daher eine „Ausgleichung durch die grosse Zahl der
Versuche" nicht zugestanden werden.
E. Bemak hat auch selbst, und zwar nach Erb's Methode
Widerstandsuntersuchungen gemacht; deren Besultate stimmen sehr
gut mit denen Munk's und Erb's überein. Die Ursache der
Widerstandsabnahme sucht B. in den physiologischen Einwirkungen
des galvanischen Stromes auf die glatte Musculatur der Gefässe,
namentlich der Haut. Dadurch werden, sagt B.a), dem alkalischen
Blute und den Gewebsflüssigkeiten weitere Kanäle eröffnet, so dass
in denselben auch namentlich um die Haarbälge und Schweissdrüsen,
diesen Eintrittsbahnen des Stromes bei unverletzter Haut, mehr
Flüssigkeit circulirt, wovon die Erhöhung der Leitungsfähigkeit eine
nothwendige Folge ist. Dagegen will Bemak den Einfluss der
kataphorischen Eigenschaft des Stromes nicht gelten lassen, weil
er die Widerstandsabnahme auch dann sah, wenn er den Schwamm-
überzug seiner Elektroden mit lauwarmem Wasser anfeuchtete; wo
an ein „Ersetzen der schlechter leitenden Binnen flüssigkeit durch
*) 6*5# p. 300.
*) L c. p. 290,
Med. Jahrbücher. 1882.
24
526 Gärtner.
eino besser leitondo Aussenflüssigkeit", wie es Munk vorschwebte,
fftglich nicht gedacht werden konnte.
Ich werde später, bei Besprechung der eigenen Versuche, auf
diesen Gegenstand noch zurückkommen.
Es erübrigt mir nur noch Weniges über absolute Widerstands-
bestimmungen am Menschen hinzuzufügen.
Lenz und Ptschelnikoff *) haben im Jahre 1842 den Wi-
derstand des menschlichen Körpers gemessen und fanden denselben
gleich dem W. eines 40.000 bis 300.000 (russischer) Fuss langen
und 1 Mm. dicken Eupfordrahtes. Den grössten Widerstand fanden
sie, wenn die untersuchte Person in die mit Säure gefüllten Zulei-
tungsgefasso blos je einen Finger der rechten und linken Hand
tauchte, der Widerstand wurde immer geringer, wenn 2, 3, 4 Finger
am geringsten, wenn die ganzen Hände als Stromeintritts- respective
Stromaustrittsstellen benützt wurden2).
Runge3) hat gezeigt, dass der grosse Widerstand bei Ein-
schaltung menschlicher Theile fast ausschliesslich in der Epidermis
seinen Sitz habe, dass der Widerstand aller übrigen Gewebe dem
gegenüber verschwindond klein sei und dass daher die Strominten-
sität bei unveränderter Stromquelle von dem Querschnitt der im
Stromkreise befindlichen Epidermis respective der Grösse der Elek-
troden abhänge. Diese wichtige Thatsache, die bei Application
elektrischer Ströme zu therapeutischen Zwecken stets berücksichtigt
werden sollte und deren Bedeutung in dem Handbuche Erb's mit
Recht betont und ausführlich geschildert wird, scheint von M. Ro-
senthal nicht anerkannt worden zu sein, da er bei Besprechung
seiner eigenen Widerstandsmessungen *) nicht angibt, wie gross die
verwendeten Elektroden waren, und die gefundenen Unterschiede
auf verschiedene Anordnung der Muskolmassen, Fascien u. dergl.
zurückführt. Da zudem Rosenthal auch über die Intensität der
angewandten Ströme und über die Dauer der Stromschliessungen
*) Lenz, Poggendorff. Annalen 1842.
z) Eigenthümlicher Weise führt Lenz das Verhalten auf die grossere
oder geringere Menge von Nerven zurück, welche mit dem Strome in Berüh-
rung kommen.
*) Runge, Elektrotonus am Lebenden, Archiv f. klin. Mediän Bd. 7.
4] M. Iiosenthal, Elektrotherapie» Wien 1873, Seite 97.
Leitungsvermögen der menschl. Haut. 527
keine Angaben macht, so sind die Eesultate seiner Messungen
höchstens für ihn selbst von einigem Werth.
Drosdoff *) hat die Dicke der Hornschichte der Epidermis
an verschiedenen Körperstellen gemessen und die gefundenen Zahlen,
mit den nach Erb'scher Methode ermittelten Widerständen (Nadel-
ausschlägen) verglichen und fand, dass der Widerstand von der
Dicke der Hornschichte unabhängig sei.
Zuletzt fand die grosse Bedeutung der Widerstandsverhält-
nisse ihre Würdigung in einer Arbeit von Tschiriew und A. de
Watteville2) über die elektrische Erregbarkeit der Haut. In rich-
tiger Erkenntniss der Thatsachen stellen die Autoren den Grundsatz
auf, dass bei jeder Widerstandsmessung alle Details des Versuches
genau zu verzeichnen seien. Sie fanden den Widerstand des Vorder-
armes wechselnd zwischen 40.000 und 2000 Ohm 8) je nach Grösse,
Gestalt, Befeuchtung der Elektroden, je nach dem Druck dersolben
auf die Haut, je nach Stärke des angewandten Stromes und nach
Beschaffenheit und Feuchtigkeit der Haut. In einem Versuche
fanden T. und W. eine Widerstandsabnahme von 10.000 auf 3000
Ohm, nachdem die Elektroden an der Haut gerieben und ein starker
Strom durchgeleitet worden war. Nur eines vermisse ich in der
sonst tadellosen Untersuchung, die Angabe der Methode, nach
welcher gemessen wurde. Diese Angabe wäre, wie sich aus dem Vor-
hergehenden ergibt, und wie später noch auseinandergesetzt werden
soll, sehr wichtig und würde gewiss dazu beitragen, um die, wenn
auch geringen Differenzen zwischen den Ergebnissen der Messungen
von T. und W. und meinen eigenen Messungen in ihren Ursachen
aufzuklären.
Methode der eigenen Untersuchungen.
Ich habe mich bei W. Bestimmungen stets der Wheat-
stone'schen Methode bedient. Die bekannten Vorzüge derselben
vor anderen Methoden, in erster Linie die Unabhängigkeit von der
') Drosdt>ff, De la mensuration de Tepiderme etc. Archives de phy-
siolog. norm et path. 1879.
*) On the electrica! excitability of the skin. Brain 1879, pag 162—180.
*) 1 Siemens Einheit ist gleich 097 Ohm.
34*
528 Gärtner.
Constanz der Masskette, forner der Umstand, dass der Strom stets
nur itir einen Augenblick geschlossen werden muss, während sonst
eiu länger dauerndes Durchleiten nothwendig wird '), haben mich
dazu bestimmt.
Von den verschiedenen Unterarten der Methode musste ich
natürlich zu derjenigen greifen, wo der zu messende Widerstand
und ein zweiter bekannter, doch unveränderlicher Widerstand den
einen Zwoig der getheilten Strombahn bilden, während das Ver-
hältuiss der W. in den beiden Abschnitten des anderen Zweiges
nach Belieben variirt werden kann8). Gewöhnlich wird ein Du-
Bois'scher Kheochord zu diesem Behufe verwendet, dessen Steg das
eine Ende der „Brücke* bildet. Ich habe mich zu gleichem Zwecke
eines modificirten Stöpselrheostaten bedient (angefertigt nach meinen
Angaben von der Firma Meyer und Wolf in Wien). Dieses Instru-
ment entspricht vollkommen einem Siemens'schen Stöpselrheostaten,
nur sind die massiven Metallstücke, die an der Kopfplatte des
Apparates befindlich, je zwei angrenzende Widerstandsrollen ver-
binden, in ihrer Mitte mit je einer Bohrung versehen, welche zur
Aufnahme eines mit einer Polklemme versehenen Stöpsels, des
Brückenstöpsels dient. Der Brückenstöpsel vertritt die Stelle des
Steges am Bheochord. Die Widerstandsrollen habe ich in folgender
Keihenfolge zusammenstellen lassen :
1, 2, 2, 5, 10, 10, 20, 50, 100, 100, 200, 500, 1000, 1000,
2000, 1000, 100, 10, was den Vortheil bietet, dass es nie noth-
wendig wird während der Arbeit den Eheostaten umzuschalten,
mag nun der zu messende W. grösser oder kleiner sein als der
Vergleichswiderstand. Gegenüber dem Reochord hat die von mir
angewandte Anordnung den Vorzug, dass in dem einen Zweige der
getheilten Bahn sich ein W. befindet, dessen Grösse nach Belieben
variirt werden kann. Man kann nun allerdings nicht immer diesen
Widerstand ungefähr gleich machen , dem Widerstände in der
anderen Zweigbahn, man kann ihn aber immer gross genug machen
(bis ca. 5000 S. E.) als dass er dem anderen Widerstände gegen-
1) bis zum Stillstande der Boussolennadel.
*) Die andere Abart erfordert einen Rheostaten, dessen ganzer Wider-
stand so gross ist, als der W. des zu messenden Körpers. Rheostaten mit einem
so grossen W. als ich benöthigt hätte, werden meines Wissens gar nicht
gebaut.
Leitungsvermögen der menschl. Haut. 529
über nicht verschwindend klein sei, wie der kaum einige S. E. be-
tragende Widerstand des Eheochords. Dadurch gewinnt die Anord-
nung sehr wesentlich an Empfindlichkeit *). Ein weiterer Vorzug
ist wohl der, dass die Rechnung sich sehr einfach gestaltet, wenn
der W. rechts oder links vom Brückenstöpsel gleich gemacht wird
10, oder 100, oder 1000 S. E.
Ich will gleich hier bemerken, dass Controlbestimmungen
einerseits mit meiner Anordnung, andererseits mit einer grossen
Siemens'schen Brücke ausgeführt, ganz übereinstimmende Resultate
ergaben.
Die Versuchsanordnung wird durch die beigegebene halb-
schematische Figur versinnlicht.
ab ist die Kopfplatte des Rheostaten. (Die Glieder des-
selben sind in Wirklichkeit in zwei Reihen geordnet, die an einem
Ende durch ein massives Messingstück verbunden sind) ich habe
alle in einer Linie gezeichnet, um die Analogie mit dem Rheochord
augenfälliger zu machen.
ii sind die Bohrungen, die zur Aufnahme des Brücken-
stöpsels s geeignet sind.
B ist die Masskette, deren Zusammensetzung bei einem jeden
einzelnen Versuche angegeben ist; F ein in den ungeteilten Theil
der Strombahn eingeschalteter Schlüssel ; R ist der Vergleichs-
widerstand 2) ; W eine Wippe (mit ausgehobenem Kreuze), die es
ermöglicht die Elektroden 22, E' bald in den Kreis der Wheat-
stone'schen Vorrichtung einzuschalten, bald auszuschalten und mit
den Polen einer zweite Kette (ich verwendete hiezu eine Stöhrer'sche
Tauchbatterie von 24 Elementen) zu verbinden. In die Brücke ist
die stromanzeigende Vorrichtung, in der grossen Mehrzahl der Ver-
suche eine Hermann'sche Spiegelboussole, in einigen wenigen, wo
eine starke Masskette in Verwendung kam, ein empfindliches Hori-
zontalgalvanometer.
Vor den Elektroden war ein Stromwender eingeschaltet (der-
selbe ist in der Tafel nicht gezeichnet), und jede Widerstands-
bestimmung wurde bei beiden Stellungen des Commutators vor-
') Nur die grossen und sehr theueren, drei Rheostaten enthaltenden
Brückenapparate sind mit einer ähnlichen Einrichtung versehen.
*) In unserem Falle eine DrathroUe mit 4200 S. E. Widerstand.
Leitungsvermögen der men&chl. Haut. 531
genommen, um die durch Polarisation an den Elektroden allenfalls
erzeugten Fehler in Rechnung bringen zu können. Das arithme-
tische Mittel beider Bestimmungen wurde als wahrer Werth des
W. angenommen.
Ich habe es anfangs versucht, die in der Elektrotherapie und
Elektrodiagnostik üblichen Messing-Elektroden zu verwenden, habe
mich aber bald überzeugt, dass die Polarisirbarkeit derselben ein
Arbeiten mit empfindlichen Vorrichtungen gar nicht zulässt. Ich
musste deshalb zu unpolarisirbaren Elektroden greifen. Solche Elek-
troden sind von Hitzig construirt worden, und wurden bei elek-
trischen Untersuchungen nicht selten gebraucht (so von Ziemssen,
E. Remak).
Abgesehen von der Complicirtheit und dem diesen Elektroden
sonst anhaftenden Nachtheile, dass sich das Amalgam , welches die
Innenfläche einer ziemlich langen und engen Röhre auskleidet, nur
schwer erneuern lässt, war es vorzüglich ein Umstand, der mich
veranlasst hat, mich ihrer nicht zu bedienen.
Nach Untersuchungen Munk's1) wird der Widerstand eines
Thoncy linders, oder auch anderen porösen Körpers, der mit NaCl-
Lösung getränkt ist und der vermittelst zweier mit Zinkvitriol-
Lösung gefüllter Zuleitungsgefässe in den Stromkreis einge-
schaltet ist, durch den Strom um ein Bedeutendes herab-
gesetzt. An den Hitzig'schen Elektroden finden wir eine ganz
analoge Anordnung; es wird auch unzweifelhaft der W. der-
selben durch den Strom fortwährend verändert, und dies hätte
in sehr ungünstiger Weise die Genauigkeit meiner Messungen
beeinflussen müssen. Die unpolarisirbaren Elektroden, welche ich
selbst coiistruirte, entsprachen hingegen allen an sie gestellten An-
forderungen und besitzen nebenbei den Vorzug besonderer Einfach-
heit; sie bestehen aus Zinkcylindern von ca. 15 Mm. Höhe. Die
untere plane Fläche, welche einen Durchmesser von 40 Mm. hat,
wird amalgamirt, die ganze übrige Oberfläche mit Schellack über-
zogen. In die Mitte der zweiten planen Fläche wird eine gewöhnliche
kurze Elektrodenhandhabe eingeschraubt. Auf dio amalgamirte Fläche
kommt eine Lage feinen Badeschwammes, darüber Leinwand, die
*) Ueber die kataphor. Wirkungen des elektr. Stromes.
582 Gärtner.
mittelst Fadens, oder eines Gummiringes, der in Haar Wächten
Rinne der Mantelfläche Halt findet, bofeetigt wird. '■ *
Tor dem Gebnoche wird die Elektrode in warmer ZlrikvitrioF
Lösung gotrankt. Das Amalgam ist häufig zu erneuern, was ja, da
die n ▼erquickende Flache plan ist, in wanigen Augenblicken ge-
acbehen kann. -' ;';■:•■■■:■< .; • ■■ ■ ■■•■-
Diese Elektro^ n erwiesen sich für Ströme vou kleinerer und
mittlerer Intensität ganz unpolarisirbar, für sehr starke Ströme gibt
es überhaupt keine unpolarisirbaren Vorrichtungen, doch war auch
hier der Polarieatio: ti m von äusserst geringer Intensität uud
kurzer Dauer.
Es bleibt nun noch übrig zu erwähnen, dass selbst bei lang-
dauemder Durchleit ■ .. stärkster Ströme (24 Stöhrer), die Haut
anter den Elektroden niemals irgend wie Schaden gelitten hat ; es
kam niemals zu Verätzungen oder zu Blasenbildung, souderu Mos
rar vorübergehenden Röthung und Quaddel büdung, wie bei ande-
ren, mit Kochsalzlösung befeuchteten Elektroden.
Auch die Schmi'i'/lnU'tigkiit der Application, die wieE. Kemak1)
richtig bemerkt, nur von Reizung der sensiblen Hautnerven-Endi-
gungen herrühren kann uud mit der Polarisation nichts zu tbun
hat, war nicht grösser als bei anderen Elektroden. Für den bioss-
liegenden Nerven oder Muskel ist die concentrirte Zinkvitriollösung
n Aetzmittel ; für die mit iutacter Epidermis versehene Haut ist
eselbe Lösung vollkommen indifferent.
Bei einzelnen Versuchen habe ich zwischen Elektroden und
die Haut Diaphragmen aus dünnem Kautschuck gelegt, in welche
ich quadratische Fenster geschnitten hatte; es konnte auf diese
Weise der Querschnitt der im Stromkreise befindlichen Epidermis
aufs genaueste ermittelt werden.
Die Elektroden selbst wurden durch passende Stative gehalten,
und durch den Zug eines elastischen Kautschuckschlauches an die
Haut fest und gleichmässig angedrückt.
Um von Muskelzuckungen und den dabei unvermeidlichen
Verrückungen der Stromgeber an der Haut gesichert zu sein, ver-
mied ich es absichtlich die Elektroden auf sogenannte motorische
') 1. c. pag. 304.
Leitungsvermögcn der menschl. Haut.
533
Punkte aufzusetzen ; ich wählte als ApplicatioDsstellen mit Vorliehe
die Volar- und Dorsalfläche des Vorderarmes oder auch die Hand
an deren dicken Epidermislagen die gesuchten Widerstandsver-
änderungen besonders schön nachweisbar sind. Doch habe ich auch
Versuche an anderen Körperstellen, wie z. B. an den Schläfen
gemacht.
I. Versuch.
Der eigene linke Arm wird um 11 Uhr 25 Min. zwischen die
Elektroden eingespannt. Applicationsstellen ca. 10 Ctm. vom Hand-
gelenke entfernt, die eine Elektrode an der Beuge, die andere an
der Streckseite des Armes. Die Masskette besteht aus 3 Siemens
Elementen.
Zeit
Widerstand !)
in S. E.
Anmerkung
lii»38
11 43
11 44
11 48
260,000
9,800
15,500
durch Umlegen der Wippe wird ein Strom von
15 Elerrf. Stöhrer 1 Minute lang durchgeleitet
Versuche, wie der vorliegende, habe ich in grosser Zahl aus-
geführt. Ich gestehe es, dass ich anfangs von den Ergebnissen mei-
ner Messungen, die so wenig mit denen Anderer stimmten, über-
rascht war, ja dass ich eifrig nach einem Fehler der Methode
suchte. Sollte nicht doch die Polarisation *), die bei so schwacher
*) In dieser wie in den folgenden Tahellen ist bei Berechnung des W.
Ton dem gefundenen Werthe der W. der Elektroden bereits in Abzug gebracht
worden. Eine jede Bestimmung wurde, wie Eingangs erwähnt, bei beiden
Stellungen des Commutators ausgeführt. In unserem Falle stimmten die beiden
gefundenen Zahlen entweder vollkommen tiberein (so die für den ersten gros-
sen Widerstand) oder standen einander so nahe, dass das arithmetische Mittel
derselben als der wahre Werth des W. angesehen werden darf.
*) Es kommt hiebei nur die Polariaation an den Elektroden in An-
betracht.
SU Gärtner.
Ma&ikutte, wie ich sie anwandte, schwerer ins Gewicht fallen müsste,
als bei Anwendung starker Ströme, und eine W.-Erhöhung vortäu-
schen wilrde, im Spiele sein? Die eigens hierauf gerichtete Untersu-
chung ergab ein negatives, also befriedigendes Resultat. Der Magnet
kehrte auf den Nullpunkt zurück (resp. verblieb auf demselben),
selbst dann, wenn die Masskette nach längerem Geschlossensein
geöflhot wurde, und sie verblieb weiter auf dem Nullpunkte, wenn
nun dem Commutator die zweite Stellung gegeben wurde.
Eine einfache Ueberlegung lehrt weiter, dass nach Durchlei-
tung des starken Stromes durch die Elektroden; die Polarisation
jedenfalls bedeutender sein müsste und bei der hierauf erfolgenden
Widerstandsbestimmung, wenigstens bei einer Stellung des Strom-
wenders einen ähnlich grossen, oder eigentlich noch grösseren
Widerstand vortäuschen müsste, als der war, welcher vor Durch-
leitung des Stromes gefunden wurde.
Allein in Wirklichkeit variirten die Widerstandswerthe bei
verschiedener Stellung des Commutators auch nach Stromdurchlei-
tung nur unbedeutend und nur insoferne als der später gefundene
grösser erschien, als der zuerst bestimmte, was in ganz anderen
Verhältnissen (die wir später genauer kennen lernen werden) seine
Erklärung findet und von der Polarisation nicht abgeleitet werden
kann. Ich prüfte ferner die Empfindlichkeit meiner Vorrichtungen
indem ich die ermittelte richtige Rheostatstellung in der einen und
in der anderen Richtung veränderte und die Nadel beobachtete;
auch das Resultat dieser Prüfung war vollkommen zufriedenstel-
lend, denn Veränderungen am Rheostaten, die schon deutliche Nadel-
ablenkungen bewirkten, entsprachen im ungünstigsten Falle ') Wider-
standsgrössen, die von den gefundenen um Vj2% abwichen. Der
grösste mögliche Fehler kann demnach das Resultat der Messung
höchstens um diesen Betrag grösser oder kleiner erscheinen lassen.
Nur in einer anderen Richtung ist der Versuch nicht ganz genau.
Die Widerstandsbestimmung nach Durchleitung des Stromes
erfordert zu ihrer Vollendung eine gewisse Zeit, da man nicht
') Bei sehr grossem Widerstände der Epidermis, also meist zu Beginn
des Versuches, wo auf einer Seite des Brückenstöpsels sieb ein, bis 30mal
grösserer Widerstand befand, als auf der anderen.
Leitungsvermögen der menschl. Haut. 535
sofort die richtige Stellung am Rheostaten findet. Während dieses
Zeitraumes, der bei diesem und auch bei anderen ähnlichen Versu-
chen im Durchschnitte 30" betragen hatte, ist unzweifelhaft der
W. schon wieder angewachsen und es entspricht der für W. um
11 Uhr 44 Min. ') gefundene Werth von 9800 S. E. nicht mehr
dem Widerstände unmittelbar nach Oeffnung der modificirenden
Kette.
Aus dem folgenden Versuche, dem dieser Fehler nicht anhaf-
tet, werden wir die Minima des W., die durch einen Strom von
bestimmter Intensität zu erzielen sind, kennen lernen; in dem vor-
liegenden Versuche entspricht der Werth von 9800 S. E. diesem
Minimum nicht, dazu hätte es, abgesehen von dem erwähnten Fehler,
einer länger dauernden Stromdurchleitung bedurft. Dagegen haben
wir aus dem Experimente gelernt, dass der Widerstand der wohl-
durchfeuchteten Epidermis für sehr schwache Ströme ein unge-
mein grosser ist, viel grösser als alle bisherigen Messungen ahnen
liessen und dass ein kräftiger Strom von nur 1 Minute Dauer die-
sen Widerstand auf einen geringen Bruchtheil seiner früheren Grösse
herabsetzt. Wir ersehen ferner aus der Tabelle, dass schon nach
Ablauf von 4 Minuten der Widerstand wieder ganz wesentlich ge-
wachsen ist.
II. Versuch.
Der eigene linke Arm wird um 11 Uhr 20 Min. in genau
derselben Weise, wie im Versuche I. zwischen den Elektroden be-
festigt. Als stromanzeigende Vorrichtung in der Brücke dient ein
kleines Horizontalgalvanometer mit ca. 100 multiplicirenden Win-
dungen; als Masskette eine wechselnde Anzahl von Stöhrer'schen
Elementen. Die Masskette wurde um 11 Uhr 30 Min. geschlossen
und blieb während des Versuches geschlossen; nur während einer
bestimmten kurzen Zeit war dieselbe, wie aus der Tabelle ersicht-
lich ist, geöffnet.
') Tabelle pag. 533.
536
Gärtner.
Zeit
Zahl der
Elemente
der Mass-
kette
Widerstand
Anmerkung
11* 35'
5
52,000
11 35 30"
5
45,700
il 37
10
14,500
11 37 30
10
12,670
il 39
15
8,120
11 39 30
15
6,210
11 43
20
5,200
il 44
20
4,920
li 47
20
4,750
11 48
5
9,180
11 48 30
5
9,180
11 49
5
9,180
11 51bisll 53
—
—
11 53
5
13,900
commutirt
commutirt
commutirt
commutirt
in einer Minute 20mal commutirt
commutirt
die Kette bleibt geöflhet
Es fällt vielleicht auf, dass der zuerst gefundene Widerstand
viel kleiner erscheint, als im früheren Versuche, obwohl dieselben
Hautstellen zur Messung verwondet wurden. Die bedeutend grössere
elektromotorische Kraft der Masskette im Versuche II (5 Stöhrer
Elemente) gegenüber der Kette im Versuche I (3 Siemens Halske
El.) erklärt indess dies Verhalten zur Genüge. Zahlreiche Erfah-
rungen haben mich gelehrt, dass der Strom von 3 Siemens El. bei
2000 S. E. in Nebenschliessung keinen durch Messung nachweis-
baren Einfluss auf den Widerstand ausübt, dass hingegen schon
5 El. Siemens, in noch höherem Grade natürlich die mit grösserer
elektromotorischer Kraft ausgestattete Zink-Kohlekette von gleicher
Elementenzahl, als Masskette verwendet, den Widerstand herab-
setzen. Andererseits musste ich im Versuche II wegen geringerer
Empfindlichkeit des Galvanometers, gleich zu Beginn zu etwas
Leitungsvermögen der menschl. Haut.
537
stärkerer und nicht mehr indifferenter Kette greifen. Versuch I
und II ergänzen sich eben gegenseitig; aus dem ersteren haben
wir den grossen Anfangswiderstand kennen gelernt, aus dem letz-
teren ersehen wir, bis zu welchem Grade die Leitungsfähigkeit der
Haut durch Stromwirkung erhöht worden kann. Wir sehen da zu-
nächst, dass mit zunehmender Elementenzahl der W. in rascher
Progression wächst, so zwar, dass er bei Anwendung von 20 Ele-
menten genau den zehnten Theil seiner Grösse bei 5 Elementen
beträgt. Wir finden ferner die aus Munk's, Erb's, E. Kemak's
Untersuchungen bekannte Widerstandsabnahme nach Stromwendung,
auch bei diesem Versuche regelmässig wieder und gewinnen Anhalts-
punkte zur Beurtheiluug der Grösse und Bedeutung derselben.
Der nach einmaligem Commutiren beobachtete Widerstand,
konnte durch rasche Wiederholung der Stromwendung noch etwas
herabgesetzt werden.
Wurde die Kette, ohne unterbrochen zu werden, von 20 Ele-
menten auf 5 Elemente abgeschwächt, so stieg auch wieder der W.
doch nur bis zu einer bestimmten Höhe, die weit zurückblieb hinter
der Höhe des Widerstandes, die im Beginne des Versuches bei
gleicher Zusammensetzung der Kette gemessen wurde. Ein weiteres
Anwachsen des W. wurde erst nach Oeffnung des Stromes con-
statirt.
III. Versuch.
Zeit
Zahl der
Elemente
der Mass-
kette
Widerstand
Anmerkung
11* 37
11 41
11 42
11 43
11 45
11 46
ii 47
3 Siem.
52,000
5 »
45,700
5 »
16,100
5 »
24,500
5 »
8,500
durch Umlegen der Wippe wird ein Strom
von 4 El. Stob r er 1 Min. lang durchgeleit.
Strom von 4 El. 1 Min. lang durchgeleitet
688 GSrtncr.
Di« Elektroden waren an den .Schläfern befestigt. Zwischen der
nrklc gilt befeuchteten Kaut und der Elektrode befindet sieh jeder-
ssfts ein Diaphragma von 4Q Ctm. Oeffoung. Die übrige Versuchs-
■llllllWUl" genau wie im Versuche I. Im Rheostaten 2100 bis
3*00 & K. Widerstand.
Die zarte Haut der Schlafen scheint von vorneherein dem
Strome geringeren Widerstand entgegenzusetzen als die Haut des
Armes and schon hei Strömen von geringer Spannung (4 El. Stöhrer)
traten Veränderungen im Widerstände auf, die am Arme in der
gleichen Grösse erst hei viel stärkere!) Strömen in die Erscheinung
treten. Dass auch hier der kleinste beobachtete Widerstand nicht
als Minimum für die betreffende Stelle anzusehen ist, ergibt sich
nach dem auf S. 035 Vorgebrachten von selbst.
IT. Terraen. _
. Die Elektroden werde« «m 10 Uhr 10 Min. an meinem Un-
ken Vorderarme 6 Ctm. tfter dem Haüdgelonfc« befestigt. Matt*
kette «= 3 Siemens El. Vergaoksanordinimg wie im Versuche!. '
Es wurde in diesem Versuche die Abhängigkeit der Wider-
standsabnahme von der Schliessungsdauer des modificirenden Stro-
mes ermittelt. Die Zahlen bedürfen kaum eines Commentars; nur
auf zwei Funkte möchte ich aufmerksam machen:
1. dass ein Strom von massiger Spannung in 30 Secunden
den Leitungswiderstand auf ein Viertheil seiner früheren Grösse
herabgedrückt hat ');
2. dass die blosse Schliessung und Oeffnung eines Stromes
(bei sehr kurzer einen kleinen Bruchtheil einer Secuude betragenden
Stromesdauer) keine durch Messung nachweisbare Veränderung im
Widerstände erzeugt hat, was der auf S. 522 citirten Angabe
Erb's widerspricht.
') Damit ist der gegen eine Behauptung Remak'a auf Seite 5S5 ange-
tretene Beweis erbracht.
Leitungsvermögen der menschl. Haut.
539
Zeit
Widerstand
Anmerkung
iOh 12'
113,700
40 15
113,700
10 16
10 16
113,700
Kette von 12 El. Stöhrer wird geschlossen
und sofort wieder geöffnet
10 19
10 19
30"
52,000
Kette von 12 El. Stöhrer 5 Secunden lang
geschlossen
10 21
78,000
10 22
10 22
30
38,000
Kette von 12 El. Stöhrer 10 Secunden lang
geschlossen
10 24
65,500
10 25
10 25
30
24,900
Kette von 12 El. Stöhrer 30 Secunden lang
geschlossen
10 27
52,000
10 35
10 35
30
10,900
Kette von 12 El. Stöhrer 60 Secunden lang
geschlossen
V. Versuch.
Die Elektroden an meinem linken Vorderarm 5 Ctm. über dem
Handgelenke befestigt. Masskette besteht aus 3 Siemens El. An
Stelle der modificirenden Batterie ist die secundäre Spirale eines
Du Bois'schen Schlittenapparates eingeschaltet — alles übrige wie
im Versuche I.
Auch der Inductionsstrom erhöht (wie auch Brückner ge-
zeigt hat) die Leitungsfähigkeit der Haut, doch in ungleich gerin-
gerem Grade als der constante Strom. Ein constanter Strom, der
noch gar nicht gefühlt wird und der auch nicht kräftig genug ist,
um auf motorische Punkte applicirt, Zuckungen auszulösen, über-
trifft in dieser Richtung den stärksten erträglichen Inductionsstrom^
840
<Hrt»*r.
• :• !»•"*. i
ttor toä Herren und lom Mll8l^Mwff''4fe'i]|^i9^itM',
Contraotionen erzeugt.
'^■•m^f ;h
44* 9*
14 4t
44 43
44 45
44 46
44 47
Widerstand
406,500
79,000
96,600
52,000
Anmerkung
Durch Umlegen der Wip je wenden die Elektro-
den in den Kre» der lÄductwns-Spifale ein-
geschaltet, BoUenabstand *■ 50 Um Dauer
der Einwirkung — I Minute
. •».
Inductionastrom bei ganz aufgeschobener Bolle
4' lang durehgeleitet
TL Versuch.
San Leichenarm wird zwischen den Elektroden befestigt, so
dass die eine der Mitte der Beiige, die andere der Mitte der Streck-
seite des Vorderarms anliegt Masskette besteht aas 3 Siem. Elem.
Versuchsanordnimg wie im Versuche I.
Anmerkung
Hh iv
11 47
11 20
11 21
11 25
11 29
11 34
83,000
79,000
13,300
15,500
27,500
30,000
1 Minute lang ein Strom von 21 El. Stöhrer
durchgeleitet
Vn. Versuch.
Die Hand einer Leiche wird durch Einwickeln in nasse Tücher
an ihrer Oberfläche grundlich durchfeuchtet; eine Stunde später
Lcitungsvennögen der menscbl. Haut.
541
(10 Uhr 45 Min.) zwischen den Elektroden befestigt, so dass die
eine derselben der Mitte der Vola, die andere der Mitte des Hand-
rückens aufliegt. Masskette 3 Siemens.
z<
3it
i{]
\x 2<
11
9
11
15
lj
17
11
18
11
25
Widerstand
Anmerkung
58,600
63,000
66,300
9,000
12,400
Strom von 20 Eiern. Stöhrer 1 Minute lang
durchgeleitet
Bei Durchsicht der Literatur konnte ich nicht finden, dass
ähnliche Versuche an Leichen ausgeführt worden seien; und doch
erscheinen dieselben, besonders für die Beantwortung der Frage nach
den Ursachen der Widerstandsabnahme, in hohem Grade wichtig und
beweisend. Wie ich in der Einleitung zu der vorliegenden Abhand-
lung gezeigt habe, hat die grosse Mehrzahl der Autoron sich dahin
ausgesprochen, dass es die Hyperämie, die vermehrte Zufuhr alka-
lischen, gut leitenden Blutos zur Haut und die Anfüllung der
Schweissdrüsen mit Socret seien, welche unter der Einwirkung des
Stromes die Loitungsfähigkeit steigern. Es ist selbstverständlich,
dass mit dem Nachweise eines gleichen Vorhaltens des Widerstandes
von Leichentheilen die erwähnte Hypothese in Nichts zusammen-
fällt, und dieser Nachweis ist, hoffe ich, durch die vorliegenden
und einige folgenden Versuche vollkommon erbracht.
VIII. Versuch.
Die Hand einer Leiche wird durch Eintauchen in siedendes
Wasser verbrüht und die Epidermis derselben abgelöst. Hierauf
werden die Elektroden, die eine volar, die andere dorsal an der-
selben befestigt. Masskette 3 Siemens. Diaphragma von 4Q Ctm.
Oeffhung unter jeder Elektrode.
Med. Jahrbacher. 1882.
35
Ztit
10* w
11 10
11 11
II 11
11 IS 30"
1,9»
1,500
1,8»
1,670
dorehgeleiUt
eamnratiit
Nach Entfernung der Epidermis Hast sieh also der Wider-
stand durch Stromwirkung nicht weiter verändern; das Mittel der
zwei Bestimmungen vor Durchleitung gleicht vollkommen dam
Mittel der zwei unmittelbar nach Durchleitung gemessenen Wider-
standswerthe.
Es folgt schon aas diesem Versuche in- Zusammenhalt mit
allen früheren, dass der Sitz der Wideretandstadenragea aus-
schliesslich in der Epidermis zu Sachen sei. Durch den nach-
folgenden Versuch gelang es diesen Beweis zu vervollständigen.
IX. Versuch.
Die dicke Epidermislage, welche beim Versuche VIII von der
Volarfläche der Hand {es war die schwielige Hand eines Arbeiters)
in einem Stücke abgelöst wurde, wird unter Zuhilfenahme dersel-
ben Diaphragmen wie im vorhergehenden Experimente, zwischen
den Elektroden befestigt. Uebrige Versuchsanordnung genau wie
im Versuch VIII.
Zeit
Widerstand
HM5
183,000
11 48
-
11 49
52.500
Strom Ton 31 Elem. SMhr«
durchgeleitet
Leitnngsvermögen der menschl. Haut. 543
Der Widerstand der abgelösten Epidermis hat nach Strom-
durchleitung um mehr als die Hälfte *) des ursprünglichen Werthes
abgenommen.
Es erübrigt nun noch auf die Ursachen der Widerstandsver-
änderungen in der Epidermis des lebenden Menschen einzugehen.
Diese Ursachen können verschiedener Art sein. Von den Autoren
werden mit wenigen Ausnahmen (Munk, Tschirieff und de Watte-
ville) die physiologischen Vorgänge, welche bei Einleitung des
Stromes in der Haut angeregt werden, in erster Linie also die
Hyperämie der Haut unter den Elektroden, ferner die Anfüllung
der Schweissdrüsengänge mit Secret zur Erklärung der L. W.-Ab-
nahme herangezogen; einige sehen in diesen Vorgängen die einzige
Quelle der W.- Veränderung (E. Eemak), andere lassen ausser
diesen „physiologischen Ursachen" auch die in Folgendem zu be-
sprechenden physikalischen gelton, so Erb8), der indess von allen
Erklärungsversuchen nicht vollkommen befriedigt ist.
Die physikalische Veränderung, welche eine W.- Abnahme
bedingen können, sind :
1. die kataphorischen Wirkungen,
2. die Erhöhung der Temperatur in der durchflossenen Haut.
Die Bedingungen zur Entstehung der sogenannten „positiven
Polarisation", sind in allen hier in Betracht kommenden Versuchen
nicht vorhanden. Die Polarisation ist immer die normale, negative,
welche den polarisirenden Strom schwächt und immer nur eine W.-
Vermehrung nie eine Verminderung vorzutäuschen vermag.
Das Befeuchten der Hautoberfläche allein, besonders mit
warmen Salzlösungen erhöht, wie allgemein bekannt, ebenfalls die
Leitungsfähigkeit der Haut; zahlreiche eigene Versuche und ebenso
die Angaben der Autoren (so Ziemsse n's 3), der stundenlang vor
*) Dennoch entsprach der Versuch, nicht ganz meinen Erwartungen:
ich habe mir die Abnahme viel bedeutender — so gross etwa, wie sie an
der ganzen Hand beobachtet wurde, vorgestellt. Es ist wahrscheinlich die
durch das Eintauchen in siedendes Wasser erzeugte Coagulation von Eiweiss-
körpern oder sonstige chemische Veränderung der Epidermis, die Ursache des
verschiedenen physikalischen Verhaltens derselben.
*} ErVs Handbuch der Elektrotherapie pag. 53.
a) Ziemssen, Elektrotherapie S. 114-115.
35*
)
Beginn der elektr, Untersuchung feuchte Umschläge auf die be-
tpttfendeo Stellen applicirte, und dann noch imruor eine — Erhö-
hung der Erregbarkeit, je nach Dauer und Intensität des angewende-
ten Stromes eonstatiron konnte, lassen darüber keinen Zweifel zu,
dass die nach Durch Strömung auftretende Erhöhung der Lei tun gs-
fähigkeii, wirklich eine Folge dieser Durcbströmung und nicht
eine Folge der mit der Zeit und unabhängig vom Strome eintre-
tenden besseren Durch feudi tung sei. Besonders lehrreich war es
mir zu sehen, dass ein Leichenarm, der mehrere Stunden lang in
Wasser gelogen war noch immer einen sehr hohen L. W. besass,
(am Vonlerarm ca. 50.000 S. E.) welcher Widerstand nach Durch-
loituug eiues Stromes sehr rasch in gewöhnlicher Weise absank.
Ich will es mm versuchen, die aufgezählten möglichen Ursachen
der Reibe nach zu analysiren und ihre wahre Bedeutung auf Grund
der oigeuen Versuche möglichst festzustellen.
Bei Besprechung der ersten au der Leiche ausgeführten Ver-
suche ') habe ich bereits erwähnt, dass die Ergebnisse dieser Messun-
gen unvereinbar sind mit der Annahme der Autoren, dass es vor-
zugsweise die physiologisch oi> Wirkungen des Stromes seien, die
den L. W. herabsetzen, da in cadavere die Abnahme des L. W. so
wie in vivo erfolgt und in beiden Fällen die gleiche Abhängigkeit
von der Stromesdauer und Intensität, ferner von den Stromwendun-
gen zeigt. Es wäre gewiss absurd für die gleiche Erscheinung zwei
Quellen annehmen zu wollen; die eine in der Haut des lebenden
Menseben, die andere nach Wegfall der ersten das gleiche Resultat
liefernd in der Leichenhaut.
Zudem ist diejenige Gewebsschichte, wolche Sitz des grossen
Widerstandes ist, völlig gefässlos und die Erweiterung der Blut-
gefässe könnte allenfalls direct den Widerstand des Corion ver-
kleinern, dieser aber ist an und für sich gegenüber dem L.W. der
Epidermis so klein, dass seine Schwankungen für uns nicht weiter
in Betracht kommen.
Die grösste Bedeutung kommt unzweifelhaft der von Munk
am Menseben erwiesenen kataphoriseben Wirkung des Stromes*)
') Vide pag. 5*1.
') H. Munt, über die galvan. Einführung von Flüssigkeit i. d. menschl.
leb. Organismus. Arch. für Anal, und l'hysiolog. 1873.
Leitungsvermögen der menschl. Haut. 545
zu, der Eigenschaft desselben in einem porösen Körper Flüssigkeit
in der Eichtung von der Anode zur Kathode fortzubewegen. Es
gelangt so unter der Anode die zum Befeuchten der Stromgeber
verwendete Flüssigkeit (in unserem Falle Zinkvitriollösung) in die
Epidermis und es ist leicht begreiflich, dass dadurch die Leitungs-
fahigkeit derselben um ein Vielfaches erhöht werden kann. Doch
auch unter der Kathode wird, wie ich mich überzeugt habe, der L. W.
durch Stromwirkung verkleinert, durch Eindringen von Gewebs-
flüssigkeit aus den tieferen Schichten in die Oberhaut, also wieder
in der Richtung von der positiven zur negativen Electrode. Da
diese Flüssigkeit woniger gut leitet als Zinkvitriollösung war zu
erwarten, dass die Widerstandsabnahme unter der Kathode ceteris
paribus geringer ausfallen müsse als unter der Anode und diese
Erwartung wurde durch den Versuch bestätigt. Derselbe wurde in
der Weise ausgeführt, dass die eine der unpolarisirbaren Elektroden
auf dem Dorsum einer Leichenhand befestigt wurde, nachdem daselbst
zuvor die Haut entfernt worden war, während die andere auf die intacte
Haut der Vola applicirt wurde. Es wurde der Widerstand gemessen, ein
Strom durchgeleitet und wieder gemessen. Die Widerstandsabnahme
war stets grösser, wenn die der volaren Haut anliegende Electrode
die Anode war, kleiner wenn es die Kathode war.
Die kataphorischen Wirkungen erklären uns ferner ganz unge-
zwungen (wie Munk gezeigt hat) die Abhängigkeit des L. W. von
der Stromesdauer und Intensität und die Wirkung der Stromwen-
dungen, wo beide Applicationsstellen nach einander unter den be-
sonders wirksamen Einfluss der Anode gesetzt werden.
Das durch den Strom in die Epidermis eingeführte Wasser
veranlasst wahrscheinlich ein Aufquellen der verhornten Zellen und
Umwandlung ihrer im normalen Zustande schlecht leitenden Substanz
in eine besser leitende. Durch das Befeuchten der Haut, oder durch
Umschläge, die man auf dieselbe applicirt, wird dieselbe Veränderung
in den ganz oberflächlichen Schichten erzeugt, doch bleibt, selbst wenn
man l#ige Kalilauge oder Aetzammoniaklösung zum Anfeuchten
verwendet, in der Tiefe eine schlecht leitende Schichte, die den
Gesammtwiderstand noch immer gross erscheinen lässt. Der L. W.
der Haut wird durch Befeuchten, ganz besonders bei Anwendung
der obengenannten Alkalien wesentlich herabgesetzt, das nachtrug-
eu eines starken BtronuG bleibt aber noch wirksam,
en folgenden Versuchen ergibt.
X. Versuch.
Le jeuarni wird um 10 Uhr 18 Min. zwischen denEIelc-
t. Applkationsstul Il'ü 5 Cttn. über dem Handgelenke.
e u 1. Sieineiis.
Zeit
10 1» SÖ-
lO 38
10 39
10 44
10 «6
Mein linker Arm 10 Ctm. Hüter dem Ellbogengelenke zwi-
schen den Elektroden befestigt. Masskette 3 Siemens Elemente.
Zeit
Die Applicationsstellen werden mit 1 % Kali-
lauge befeuchtet
1* 48'
1 SO
1 53
1 55
1 56
Ich habe überhaupt nur ein Agens kennen gelernt, das den
Widerstand der Epidermis in so hohem Grade herabzusetzen ver-
mag, wie der elektrische Strom und das ist die Fäulnis». Dar
L. W. eines Leichehtheiles, der bereits anfangt seine Farbe zu
Lei tungs vermögen der menschl. Haut. 547
verändern ist immer relativ sehr klein (am Vorderarme in der
Nähe des Ellbogengelenkes fand ich einen L. W. von 1960 S. E.)
und kann durch Stromwirkung nicht weiter herabgesetzt werden.
Eine Erscheinung bedarf noch einer Erörterung; es ist dies
das langsame Wiederansteigen des L. W. nach Oeffnung des Stro-
mes, welches auch in der Leiche, wenn auch weniger rasch und
intensiv als am Lebenden, doch ebenso constant wie dort, beob-
achtet wird. Dass ein solcher Vorgang im lebenden Gewebe statt
hat ist leicht verständlich ; die eingedrungene Flüssigkeit kann durch
den Lymphstrom oder überhaupt durch die Lebensthätigkeit der
Gewebe entfernt werden. In der Leiche ist ein derartiger Vorgang
nicht möglich und da bei un verrückt anliegenden Elektroden auch
eine Verdunstung der in der Haut befindlichen Flüssigkeit nicht
wahrscheinlich ist, so kann man wohl vermuthen, dass die hygro-
skopische Umgebung der durchfeuchteten Stelle einen grossen Theil
der dort angesammelten Flüssigkeit absaugt und auf eine weitere
Strecke gleichmässig vertheilt, so etwa wie Filtrirpapier einen
Flüssigkeitstropfen aufsaugt und vertheilt.
Als letzte mögliche Ursache der W.-Abnahme ist die Erwär-
mung der Epidermis in Betracht zu ziehen.
In Leitern zweiter Ordnung nimmt mit zunehmender Tempe-
ratur der L. W. ab. Andererseits bewirkt der elektrische Strom
eine Erwärmung der Leitung. Die Erwärmung ist in jenem Ab-
schnitte der Strombahn am intensivsten, wo der grösste Wider-
stand herscht. Bei Einschaltung des menschlichen Körpers muss
demnach, wenn überhaupt erhebliche Wärmeentwicklung statt hat,
dieselbe in der Epidermis am intensivsten sein.
In der Literatur fand ich zwei diesbezügliche Angaben.
Bunge1) äussert sich: „Ganz unbegreiflich muss es scheinen, wie
man bei Application der gewöhnlichen feuchten Elektroden hat von
thermischen Wirkungen der grossen Elemente sprechen wollen . .
. . . als ob bei Leitern zweiter Classe und Elektrolyten inner-
halb der relativ schwachen Ströme, welche wir therapeutisch ver-
wenden, von irgend welchen thermischen Wirkungen jemals die Rede
sein könnte".
*) Elektrotonus am Lebenden. — Arch. f. klin. Medicin. Bd. VIL
548 «*ti,
Ziemssen') blt flB trofadem für nötbig befunden die Sachs
experimentell xu prüfen. Du J. ■ . tu dieser Versuche war eiu
negatives; es konnte mittelst eines Geissler' sehen Thermometers
weder unter der Kathode noch unter der Anode eine Temperatur-
erhöhung constatirt werden. Bei gleicher Vei-suchsanordnung konnte
such ich eine Erwärmung nicht nachweisen, doch gelang dies so-
fort ala ich die Versuehsbedinguugeu nh&nderte.
Man vergegenwärtige sieh die Verhältnis». Das 'Quecksilber-
geftsa des Thermometers wird umgeben einerseits "von der mit
dünnem feuchtem Uebermge versehenen Metallelektrode — anderer-
seits von einem Abschnitte der Oberhaut, der aber durch das Glas
des Instrumentes von der Elektrode isolirt fei Es berührt somit
das Thermometer nirgends vom Strome durc.hfloasoue Epidermis und
es ist sehr gut denkbar, dass der Strom eine Erwärmung der vou
ihm getroffenen Epidermis zur Folge hat, und dass trotzdem das
Quecksilber im Thermometer seinen Stand nicht ändere.
Der eine Versuch wurde in der Weise ausgeführt, dass das
Quecksübergefass des Thermometers mit einer einfachen Lage
feuchten Filtrirpapiers umgeben, so zwischen die Haut des Hand-
rückens und einen Stromgeber eingefugt wurde, dass das feuchte
Papier die einzige Leitungsbahn darstellte, indem die Elektrode
selbst die Haut unmittelbar gar nicht berührte. Die mit 20 El.
Stöhrer erzielte Stromintensität war entsprechend der kleineu in
Contract befindlichen Epidermisfläche, dann in Folge des grossen
Widerstandes der Haut der Vola, wo die Anode befestigt war, eine
sehr kleine. Au dem eingeschalteten nach absolutem Masse gradu-
irten Galvauometer, wurde ein Ausschlag entsprechend V/k Milh-
webor abgelesen. Die Temperatur stieg während der 5 Minuten
wahrenden Stromesdauer von 27'5° C. auf 28-2 und sank nach
Oeffmmg des Stromes im Verlaufe vou 3 Minuten auf 27'7 ah.
Viel prägnanter war der Erfolg iu dem folgenden Versuche.
Ein Leichenarm, der die Nacht über bei sehr niederer Aussen-
temperatur (der Versuch wurde am 14. Februar ausgeführt) vor
dem Fenster gelegen hatte, wird zwischen zwei in Stativen einge-
spannten, gewöhnlichen Plattenelektroden befestigt. Zwischen die
dorsal gelegene Anode und die Haut wird ein in */« ° getheiltes,
l) Ekktrotherapio S. 50.
Leitungsvermögen der menschl. Haut.
549
mit dünnem cylindrischem Gefässe versehenes Thermometer ein-
geschoben. Die Zimmertemperatur betrug 147 ° C. und blieb wäh-
rend des Versuches unverändert.
Zeit
Temperatur
nach Celsius
Anmerkung
101» 5*
10 10
10 10
10 28
10 29
10 32
8*7°
8*7°
14-9
.00
12*7
. n o
Strom von 20 Eiern. Stöhrer geschlossen
Die Kette geöffnet
Die gemessene Temperatursteigerung beträgt hier 6*2° C. In
Wirklichkeit muss sie, wie sich aus dem Vorhergehenden ergibt,
viel grösser sein.
Warum der Versuch an der abgekühlten Hand gelingt, wäh-
rend er in dieser Modification an der 37° warmen Hand kein deut-
liches Eesultat liefert, dass wage ich nicht zu erklären. Da er in
der anderen Modification gelungen ist, so erscheint dies auch gar
nicht nothwendig, und dies um so weniger als auch sonst die Er-
wärmung der Elektrolyten beim Stromdurchtritt eine wohlconsta-
tirte Thatsache ist. Bunsen1) empfiehlt ausdrücklich das Gefäss,
in welchem auf elektrolytischem Wege Knallgas erzeugt wird,
künstlich abzukühlen, „um eine zu grosse Erhitzung der Zersetzungs-
flüssigkeiten und der Poldrähte zu verhindern".
Wie gross die Erwärmung am Menschen ausfallt und ob sie
bei Erzeugung der Widerstandsabnahme in Betracht kommt, lässt
sich nach unseren bisherigen Kenntnissen nicht entscheiden.
') Gasometrische Methoden 1857. S. 69.
XXVHI.
lieber die Rotationsbewegungen im Knie-
gelenke.
Von
Dr. Cajetan Freiherrn y. Horoch
Operationszögling an der Klinik Prof. Albert.
(Mit einem Holzschnitte.)
(Von der Kedaction am 2. September 1882 übernommen.)
Der Mechanismus dos Kniegelenkes hat schon seit langer Zeit
den Gegenstand zahlreicher und umfänglicher Untersuchungen ge-
bildet. Die räumliche Grösse dieses Gelenkes, seine leicht zugängliche
Lage, seine functionelle Wichtigkeit sowie die vielen pathologi-
schen Veränderungen denen es unterliegt, verliehen dem Gegenstande
seit jeher ein besonderes Interesse; Anatomen und Chirurgen haben
ihm immer aufs neue ihre Aufmerksamkeit gewidmet.
Die merkwürdige Art und Weise, wie hier Eotations- und
Streckbewegung combinirt auftreten, andererseits wieder jede für
sich unabhängig ausgeführt werden kann, hat schon die Brüder
Weber im Jahre 1836 („Mechanik der menschlichen Gehwerk-
zeuge") eingehend beschäftigt und diese ausgezeichneten Forscher
fassten den bei der combinirten Bewegung sich einstellenden Rota-
tionswinkel als eine Function des Streckwinkels auf.
Nach demselben Gesichtspunkte unternahm auch H. Meyer
einige Messungen an Kniegelenken nach einer anderen Methode;
allein seine Angaben entbehren der wünschenswerten Vollständig-
keit, da sie als das Resultat einer viel zu geringen Versuchsreihe
sich darstellen.
Eine bei weitem vollständigere und umfangreichere, weil auf
einer grossen Anzahl von Experimenten beruhende Darstellung lio-
553 Hot och.
ferU Prof. Albert in seiner Abhandlung: „zur Mechanik des Knie-
gelenkes* (Separat-Abdruck ans den Berichten des natunrisstn-
schafÜich-mediciniBohen Vereines in Innsbruck, VllL Jahrgang,
1. Haft, pag. 41, 1878).
Ich war nun bestrebt, diesen Gegenstand von einem anderen
Gesichtspunkte ans einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen.
Bei jeder Arbeit, die sich mit der Mechanik des Kniegelenke*
beschäftigt, ist es von der grössten Wichtigkeit, vor Allem darnach
iu fragen, in welcher Weine der Umfang der Drehbewegung von
der Integrität jenes complieirteu Bandapparates abhängt, der gerade
am Kniegelenke in so imposanter Weise angebracht ist.
Behufs Beantwortung dieser Frage habe ich vorerst am unver-
letzten Kniegelenke meine Messungen angestellt, sodann nacheinander
jedes Ligament einzeln durchschnitten und so den Umfang der
Drehbewegung nach Ausfall der Function des betreffenden Bandes
ermittelt und schliesslich au Kniegelenken mit mehrfach durch-
schnittenen Bändern die (inVe des RotaÜonewinkelfl gemessen.
Bei Vornahme der Messungen habe ich mich derselben Tor-
richtungen bedient, welche Professor Albert angegeben hat und da
die Beschreibung derselben nur einem kleineu Leserkreise bekannt
sein durfte, erlaube ich mir hier den Wortlaut derselben aus der
oben erwähnten Abhandlung zu citiren:
„„Man denke sich eine Ebene, die durch den Mittelpunkt des
Femurkopfes und die Femoralansätze der Seitenbänder des Kniege-
lenkes geht-, ich nannte diese Ebene in meinem Aufsatze „Zur
Mechanik des Hüftgelenkes" (Med. Jahrbücher 1876, 2. Heft) die
Pemurebene und habe dort angegeben, wie man diese legen kann.
Man denke sich ferner auch durch die Tibia eine Ebene gelegt und
zwar so, dass sie in vollkommener Streckung dos Kniegelenkes mit
der Femurebene zusammenfällt; ich kann eine solche an der Tibia
durch eine an die letztere fest angebrachte Glastafel markiren;
gleiches geschieht mit der Femurebene am Oberschenkelknochen.
Wenn nun das Kniegelenk in verschiedene Stellungen gebracht wird,
so bilden die zwei Ebenen verschiedene Winkel. Gäbe es im Knie-
gelenke nur Beugung und Streckung, so müssten sich die beiden
Ebenen immer in einer frontal gelegenen Geraden schneiden und
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 553
ihr Neigungswinkel wäre eben der Beugewinkel selbst *). Es ist aber
bekannt, dass die beiden Ebenen sich in verschiedenen Beugelagen
des Gelenkes zugleich so stellen, dass ihre Durchschnittslinie nicht
frontal liegt, sondern aus der Frontalebene heraustritt. Der
Winkel, den hiebei die Unterschenkelebene mit der Frontalebene
bildet, heisst der Eotationswinkel. Endlich geht noch eine dritte
Bewegung vor sich. Der Unterschenkel verändert nämlich seine Lage
auch so, dass irgend ein in der Unterschenkelebene selbst gelegener
Punkt sich in dieser selben Ebene bewegt; die Durchschnittslinie der
Fomurebene und der Unterschenkelebene bewegt sich dabei in der
Unterschenkelebene selbst und der Winkel, der dabei zurückgelegt
wird, ist der sogenannte SeitenwinkeL
Auf diese Art ist das Problem in genügender Schärfe hinge-
stellt; es lässt sich übrigens in einer noch leichter vorstellbaren
Weise folgendermassen formuliren.
Man denke sich bei einem aufrecht stehenden und von vorne
betrachteten Menschen durch das linke Femur die quere Knieaxe
gezogen; dazu eine parallele Gerade quer durch die Tibia. Wenn
der Mensch sein Bein erhebt, so dass das Kniegelenk rechtwinklig
gebeugt wird, so liegen die beiden Geraden nun nicht mehr in einer
Ebene; auf dem Horizont projicirt sich ein Winkel, den sie bilden,
und das ist der Eotationswinkel. Nebstdem projicirt sich auch auf
der Frontalebene ein Winkel, d. i. der Soitenwinkel.
Es handelt sich darum, zu finden, in welcher Abhängigkeit
beide Winkel von dem Beugewinkel stehen.
Praktisch lässt sich das Problem auf mancherlei Art lösen.
Ich habe mir einen Tisch construirt, dessen Platte nach vorne zu
weit ausläuft, aber eine Strecke vor dem freien Ende in zwei mittelst
Charniers gelenkig verbundene Theile gegliedert ist. Die Axe des
Charniers verläuft parallel zur Tischkante. Eine Stellvorrichtung
erlaubt es, das vordere bewegliche Glied der Platte in allen Winkel-
stellungen, die das Charnior zulässt, festzustellen. Während die
Tischplatte horizontal steht (unter Controlle der Wasserwage ein-
gestellt), kann also das bewegliche Glied derselben horizontal, oder
') Hiebei wird nur die Voraussetzung gemacht, dass im Hüftgelenke
ein solcher Grad der Pronation vorausgeschickt und constant erhalten wird,
dass die Femurebene in der Frontalebene liegt.
BM lloroch-
tenkxecht nach unten, oder seukrocht nach oben und in allen
Z«iMb«utellBll(;in festgestellt werden. Die Platte ändert ihr«
•8t*llnng übt in B|Hlg auf den Horizont-, den Winkel, den sie
jedesmal mit der» Horizont bildet, lese ich an einem Transporteur
ab, der AB der schmalen Seitenfläche derselben fest angebracht ist,
und in dessen Centrum ein auf einer feinen eingestochenen Nadel
-frei aufgehängter und beschwerter Faden herunterhängt. Direet lese
ich also nur die Veränderung des Winkels zur Verticalen, woraus
äch die Stellung zur Horizontalen sofort ergibt. Ich kann somit die
bewegliche Platt > auf joden Neigungswinkel zum Horizont einstellen.
Hau denk» sich nun den Oberschenkel auf die bewegliche Platte es
angenagelt, dass die Feinurebene mit der Ebene der Platte parallel
steht. Nun strecke ich das Kniegelenk ad maiimum und bringe in
dieser Lage die Untorschonkelebene an, d. h. ich befestige an
der Tibia eine Platte unverrückbar so, dass deren Ebene mit der
Femnrebene zusammenfällt, uud somit dor beweglichon Tischplatte
parallel ist. La& ich die Tischplatte senkrecht herab, so steht die
Femnrebene senkrecht zum Horizont. Dränge ich den Uuterschenkel
dabei in die au Streckung, so fällt die Unterschenkel eben«
natürlich in die Femnrebene, denn in dieser Lage sind beide eigentlich
eine und dieselbe Ebene. Unterlasse ich jedoch das Andrängen, so
geht die TJntersclienkelebene durchaus nicht von selbst in eine
senkrechte Lage zum Horizont. Um dies zu begreifen, beherzige
man, dass der Unterschenkel sich dann wie ein aufgehängter Körper
verhält. Wenn ich an einem Körper in einer bestimmten Lage des-
selben eine zum Horizonte senkrechte Ebene anbringe, und den
Körper dann frei aufhänge, so kann es Zufall sein, wenn die Ebene
nun wieder senkrecht zum Horizont steht; denn beim freien Auf-
hängen braucht ja nur die Bedingung erfüllt zu werden, dass eine
durch den Aufbängepunkt und den Schwerpunkt gezogene Gerade
den Mittelpunkt der Erde trifft. Der im Kniegelenke beweglich
angebrachte Unterschenkel der Leiche folgt auch den Bedingungen
der Schwere und erfüllt sie; aber die an ihm in einer anderen be-
stimmten Stellung angebrachte senkrechte Ebene braucht dabei nicht
wieder senkrecht zu fallen. Nur wenu ich die Streckung ad maximum
erzeuge, während die Femurebeno senkrecht steht, ist auch die
Unterschenkelehene senkrecht zum Horizont gestellt. Bewege ich
nun die Tischplatte in verschiedene Lagen zum Horizont, so wird
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 555
der hiebei frei hängende Unterschenkel wiederum nur den Gesetzen
der Schwere folgen. Will ich also, dass der Neigungswinkel der
Tischplatte gegen den Horizont den Beugewinkel des Gelenkes aus-
drückt, so muss ich jedesmal den Unterschenkel so äquilibriren,
dass die Unterschenkelebene senkrecht zum Horizont fällt. Dann hat
die Unterschenkelebene immer dieselbe Stellung zum Horizont und
die Pemurebene ist es, welche die ihrige verändert. Die Aequilibrirung
wird durch ein Laufgewicht besorgt, welches sich an einer sagittal
durch die Tibia durchgesteckten Stange bewegt.
Ich kann somit bei dieser Herrichtung von der äussersten
Streckung des Gelenkes, als der Ausgangslage der Messung, durch
die Verstellung der Tischplatte alle Beugestellungen des Gelenkes
nach einander erzeugen. Ich habe mich darauf beschränkt, in der
Beugung jedesmal um 10° vorzurücken und dabei den Rotations-
winkel und den Seitenwinkel zu messen.
Dies geschieht auf folgende Art. In der Ausgangslage wird
durch die zwei Punkte, wo sich die Seitenbänder am Femur inseriren,
durch eine vorher angelegte, beide Punkte verbindende Bohrung
eine Stricknadel oder ein anderes gerados Stäbchen durchgesteckt,
welches die Richtung der queren Knieaxe repräsentirt und besonders
mit dem einen Ende etwa 20 Centimeter frei herausragt. Durch eine
parallele Bohrung, die die Tibia quer durchsetzt, geht ein zweites
gleiches Stäbchen. In der Ausgangslage (äusserste Streckimg) gehen
also beide Stäbchen parallel und liegen in der Fomurebene. Wenn
ich nun in die verschiedenen Beugestellungon übergehe, so behält
das Stäbchen am Femur immer eine Lage, die zu der ersten parallel
ist; das Stäbchen an der Tibia aber wird seine Lage vorändern. Die
auf den Horizont fallende Projection beider Stäbchen bildet den
ßotationswinkel, die auf die Frontalfläche fallende- Projection den
Seitenwinkel. Wenn ich eine Camera obscura so einstelle, dass die
Ebene ihrer Glasplatte zu der Femurebene in der Ausgangslage
parallel steht, so wird sich der Seiten winkel direct projiciren; ich
brauche nur die zwei Schattenlinien mit dem Bleistift zu markiren
und den Winkel zu messen. Um aber den Rotationswinkel zu er-
halten, d. h. um die horizontale Projection beider Stäbchen in eine
Camera zu werfen, stelle ich über dem Tische einen grossen Plan-
spiegel auf, der gegen den Horizont um 45° geneigt ist und lasse die
Strahlen vom Spiegel auf die Glasplatte der Camera reflectiren,
556 Hoi-och.
; dem Bleistift den Verlauf der heilten Sdiattonlinien
und messe dun den "Winkel an iler Glasplatte ab.
Dt es sieh dumn bandelt, den jeweiligen Umfang der Rotation
bei den Tsrochiedenen Reugegraden zu erheb™, so genügt es nicht,
jenen Botatäonswinkel n messen, der sich bei der frei herabhäugen-
den Lage des UnterecJienkels von selbst einstellt. Man muss viel-
mehr hingehen nnd die entstandene Rotation ad maximum ver-
mehren. Selbstverstai darf dabei die senkrechte Lage der
Unterschenkelebene mm Horizont nicht verändert worden; es mnss
also nach geschehener Masini alrotation visirt werden, ob die Ünter-
Bchenkelebene eenkreebt steht, und in dieser Stelhuig wird der
Unterschenkel wahrend der Ablesung der Winkel fixirt"".
Bevor ich nun daran gehe, die Details meiner Arbeit rnitzu-
theilen, sei es mir gestattet einige Bemerkungen allgemeiner Natur
vorauszuschicken. Es ist vor Allem sehr merkwürdig, wie verschieden
rieh die Kniegelenke verschiedener Individuen im Detail der Be-
wegungsform verhalten.
Ich habe Kniegelenke von Individuen im Alter von 10 bis zu
65 Jahren untersucht und unter all den Hundert unverletzten Ge-
lenken, die ich gemessen, werden sich kaum zwei finden, die, was
die Winkelgrösse anbelangt, sich gleich verhalten würden. Ick
machte weiter dio Beobachtung, dass die Gelenke jüngerer Indivi-
duen bedeutend grössere Rotationswinkel zoigen, als solche von
alten Leuten, eine Thatsache, die ich mir nur durch die grössere
Dehnbarkeit und Elasticität des jugendlichen Bandapparates erklären
kann. (Tabelle I [Anhang] enthält die diesfälligen Ergebnisse der
Messungen, die ich an Kniegelenken von vier zehnjährigen Knaben,
sowie an vier Individuen im Alter von je 20, 40, 50 und 60 Jahren
vorgenommen habe.) Aber nicht nur die Kniegelenke verschiedener
Individuen weisen bezüglich der Winkelgrösse solche Differenzen
auf, auch vergleichende Messungen an beiden Kniegelenken eines
und desselben Individuums ergeben diesfalls bedeutende Unter-
schiede, wie dies Tabelle n des Genauen erweist.
Im Verlaufe meiner Untersuchungen fiel mir weiter auf, dass
das rechte Kniegelenk im Vergleiche zum linken grössere Rota-
tionswinkel ergibt (Tabelle U). Ich führte die Rotationsbewegungen
nach aussen und innen von einer Mittellage aus, die das Gelenk
vermöge seiner natürlichen Befestigungen einnimmt und benütete
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 557
nur die Vorsicht, dass der Unterschenkel mittelst eines mit dem-
selben parallelen Lothes stets senkrecht zum Horizonte eingestellt
wurde.
Diese Stellung des Unterschenkels musste je nach dem Zeuge-
winkel der Tischplatte corrigirt werden, und von jener Mittellage
aus drehte mir ein Gehilfe den Unterschenkel ad maximum nach
innen und ebenso nach aussen. Diese Winkelwerthe nach aussen und
innen zusammengenommen repräsentiren das Maximum der Drehung,
welche das Knie in einer bestimmten Beugung um seine verticale
Axe auszuführen im Stande ist. Die Messungen sind von der
äussersten Streckung bis zu einer Beugung von 40 Grad vorge-
nommen worden und zwar in der Weise, dass jedesmal vorerst zehn
unverletzte Gelenke gemessen und hernach dieselben Gelenke nach
Durchschneidüng der einzelnen Ligamente von neuem verwendet
wurden.
Nach demselben Modus sind auch meine Tabellen angeordnet,
so zwar, dass zuerst die Messungsergebnisse der unverletzten Ge-
lenke verzeichnet sind und unmittelbar daran sich jene der durch-
schnittenen Gelenke reihen. Zugleich sind sowohl die Mittelzahlen
als auch die gesammten Eotationswerthe beider Gruppen ersichtlich
gemacht; die Tabellen folgen im Anhange.
I. Unverletztes Gelenk.
(Tabelle in.)
Uebersieht man die Mittelzahlen der Messungsergebnisse der
100 unverletzten Gelenke, so merkt man genau, wie der Rotations-
winkel von 170 Grad angefangen, allmälig zunimmt. Der äussere
Winkel schwankt bis zu 120 Grad zwischen 17'3° und 21'4°; von
120° bis 40° geht er um 5#1° wieder zurück, so dass das Minimum
der Aussenrotation bei 40° Flexion erreicht wird. Der innere Winkel
wächst beständig ohne auffällige Differenz, das Minimum befindet
sich bei 140° Flexion und beträgt 10-r>°, während das Maximum bei
40° mit 24*5° erreicht wird; beide differiren sonach um 14°. Im
Allgemeinen bemerkt man, dass bei der Zunahme der Beugungs-
grade die Botation nach innen durchschnittlich um 1° sich ver-
mehrt. An der gesammten Botation betheiligt sich die Drehbarkeit
sowohl nach aussen als nach innen in ziemlich gleichmässiger Weise
Med. Jahrbücher. 1882. 36
568 Horoch.
und dies bit mit dem TJaterseniede, dssa dio Ausson-Rotation mit
höheren Winkelwerthen beginnt und Schwankungen einestheils zwi-
schen 21*4* und 17*3* anderem zwischeu 21'4" und 16-3° unter-
liegt, wahrend die InnenrotatioE mit 10-5" beginnend, allmälig bis
auf 84*4* ansteigt Die geeam ■: Rotation erreicht allmälig an-
steigend ihr Marimnm bei 60* Beugung mit 41-9°; bei 40" Flexion
ist eine Abnahme von 1* bemerkhar. Der äussere Winkel bleibt bis
m 90* Beugung immer grösser als der innere, bei der Flexion von
90* kehrt sich das Yerhaltniss Um und übertrifft der innere Winkel
den äusseren um 1*, bis er slli . zunehmend, bei 40° Beugung
24*5*, ab» um 8*2* mehr betragt als der letztere.
DL Einlache Dnrehsehneldnng der Oelenke.
(Tifcdle IV.)
A. Ligamentnm intornum.
An und für sich betrachtet und aicht mit den correlaten
Werthen am unverletzten Gelenke verglichen, nehmen nach Durch-
scbneidnng dieses Ligameutes die Wertlie der Rotation nach aussen
von 170* bis 110* continuirlicb zu, bei 100' nehmen sie ab und
fallen allmälig, um hei 40* Flexion 17-6° zu erreichen. Die Rotation
nach innen nimmt von 170' bis 40" Flexion allmälig, im Ganzen
nm 15° zu. Dem entsprechend steigen auch die Werthe der Ge-
sammtrotation von 160° bis 90' Beugung continuirlich von 364*
bis zu einem Maximum von 54-2°, also um 17'8J, dann fallen sie
bis zu 40° Flexion auf 499°, also um 4'3*. Verglichen mit den aus
den Messungen an unverletzten Gelenken gewonnenen Resultaten
ergeben sieb folgende Veränderungen:
Das Maximum der äusseren ltotation wird bei beiden bei 110°
Flexion erreicht. Die beiden Minima fallen auf die Grenzen der
Flexionsweite, finden sieb also bei 170" und 40* nur mit dem
Unterschiede, dass das Minimum der Aussendrehung am Gelenke
mit durchschnittenen Ligam. int. bei 170° Flexion um ö'O0, bei 40°
Beugung wieder um 3-1" grösser ist als am unverletzten Gelenke.
Das Maximum hat am durchschnittenen Gelenke bei HO" um 8'7°
zugenommen. Das "Minimum und Maximum der Innenrotation fällt
in beiden Gelenken mit der Anfangs- (160°) und Schlussflexion
(40°) zusammen. Auch die absoluten Werthe können kaum diiferent
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 559
genannt werden, ja das Maximum von 32-3°, das am durchschnit-
tenen Gelenke erreicht wird, muss dem reciproken Werthe am
intacten Gelenke als gleich bezeichnet werden, da die Differenz von
0*3° innerhalb der Messungsgrenzen gelegen ist.
Der Unterschied zwischen beiden Gelenken in der Gesamriit-
rotation besteht darin, dass das Maximum nach Durchschneidimg
des Ligam. int. nicht mehr auf 40° Flexion, sondern schon auf 90°
fifllt, um dann wieder abzufallen. Es ergibt sich somit aus dem
Gesagten, dass die Durchschneidung des Lig. int. auf die Innen-
rotation einen Einfluss nicht auszuüben vermag; dagegen nimmt die
Aussenrotation durchgehends zu (bei 150° Flexion um 4*7°, bei 80°
Beugung um 9'3°); am ergiebigsten erweist sich daher ihr Einfluss
auf die Aussenrotation bei den Mittelstellungen von 120D bis 80°
Flexion und selbstredend muss demnach auch die Gesammt-Kotation
um dieselben Werthe zugenommen haben.
B. Ligamentum externum longum.
(Tabelle V.)
Nach Durchschneidimg des Lig. ext. long, -wird das Maximum
der Aussenrotation bei 120° Flexion mit 19-1° erreicht. Das eine
Minimum befindet sich bei 160° Flexion, das andere bei 40° und
beträgt ihre Differenz gegen das Maximum T90 in dem einen, 6*5°
in dem anderen Falle.
Die Zunahme der Werthe der Innenrotation hält gleichen
Schritt mit der Zunahme der Beugung und zwar beträgt die Diffe-
renz von 170° — 40° Flexion 16'7° bei einem Minimum von 12*1°.
Das Maximum der Gesammtrotation wurde bei 60° Flexion mit
46° erreicht, die Minima, an den Grenzen der Excursionsweite ge-
legen, differiren demnach um 16° und 4-6°.
Vergleichen mit den Messungen der entsprechenden unver-
letzten Gelenke und abgesehen von dem etwas abweichenden Werthe
bei 140° Flexion, erwies sich der Einfluss der Durchschneidung auf
die Aussenrotation als sehr gering, da sowohl die Anfangs- und
Schlusswerthe als die Zahlen bei den einzelnen Flexionsgraden um
wenige Zehntheile von einander abweichen; nur bei 140° und 40°
Flexion beträgt die Differenz 2°, ein Unterschied, der wohl als
irrelevant angesehen werden kann. Die Ko;tation nach innen hat in
der Strecksphäre kaum merklich zugenommen; mit der Grösse der
36*
560 Horoeb.
Itaioii ateigt auch sie an, betragt aber auch 4a, wo sie den
höchsten Werüi erreicht, (ton 809 Ina 40*) um 3* Wb 4-5* mehr
ab die Innenrotation am unverletzten Gelenke.
Ebenso verhält sieh auch die Gesammtrotatton, deren Maximum
hier wie dort bei einer Flexion von 60# erreicht wird; die Maiima
differiren um etwas mehr als 8#. Die Durchschneidung des lag. ext
long, übt sonach auf die Aussenrotation fast gar keinen, auf die
Innenrotation einen nur sehr geringen, beiifahe unmerklichen Einfluss
bei Strecklagen, einen bedeutenderen Einfiuss dagegen, und dies im
Sinne der Zunahme, in den Beugelagen des Gelenkes aus.
In demselben Verhältnisse gestaltet Sieh auch die Zunahme
der Gesammtrotation.
C. Ligamentum externum breve. .
(Tabelle VI.)
Das Maximum der Werthe der Aussenrotation nach Durch-
schneidung des Lig. extern, brev. liegt bei einer Flexion von 140*,
von da ab werden dieselben continuiriich bis zu 40* herab kleiner.
Das Plus im Vergleiche zum Werthe der Aussenrotation bei 170*
beträgt 49, die Differenz zwischen 40* und 140* Flexion 9*1#. Die
Innenrotation steigt mit Ausnahme zweier Stellen bei 160° und
140°, wo eine Steigerung nicht constatirt werden kann, continuirlich
von 9*3° bis 23 8°, also um 14'5°. Die Gesammtrotation nimmt
ebenfalls von 35'5° bis 46°, also um 9*5° zu, nur bei der Schluss-
beugung fallt sie um 1'2° gegen die vorhergehende ab. Der Ver-
gleich mit dem unverletzten Gelenke zeigt eine bedeutende Zunahme
der Eotationswinkel nach aussen, besonders in den Strecklagen des
Gelenkes und zwar um 5° bis 9*5°. Von 1209 Flexion an ist die
Zunahme wohl geringer, fällt aber nur zweimal unter 1#5°. Die
Maxima liegen ungefähr in denselben Beugelagen und sind um 5*1°
different.
Die Zunahme der Kotation nach innen ist bei weitem undeut-
licher, sie ist einerseits geringer und andererseits sehr schwankend, in
der Hälfte der Lagen beträgt sie nur einige Zehntheile in den
übrigen übersteigt sie zweimal 2°. Die Maxima liegen in den ter-
minalen Schlusslagen um 3° auseinander.
Die gesammte Rotation hat sohin entschieden zugenommen,
und dies am meisten in den Strecklagen der Gelenke (um 4° bis
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 561
10* 1°); am wenigsten in den Mittellagen (um circa 2°), etwas mehr
wieder in den äussersten Beugelagen (um 4*5°). Die Durchschneidung
des Ligament, extern, brev. vermehrt demnach sowohl die Eotation
nach aussen als jene nach innen, erstere jedoch in einem unver-
hältnissmässig höheren Grade, wiewohl nur in einer der Streckung
näheren Lage. Die Gesammtrotation nimmt unter ihrem Einflüsse
in den Grenzlagen entschieden zu.
D. Ligamentum internum et ligamenta externa.
(Tabelle VEL)
Nach Durchschneidung des Lig. intern, und der beiden Lig.
externa wird das Maximum der Aussenrotation bei einer Beugung
von 100° mit 28*1° erzielt. Die Minima liegen an den Grenzen der
Excursionsweite und differiren um 6° und 8*5° gegen die Maximal-
ziffer der Aussenrotation. Auffallend ist der rapide Abfall um 3° in
den beiden letzten Beugelagen. Das Maximum der Innenrotation
liegt bei 80° Flexion, ergibt also ein Plus von 16° gegen das An-
fangsminimum. Die Abnahme gegen die Schlussbeugung ist eine
allmälige, nur wenige Zehntheile betragende; nur bei 50° Flexion
tritt plötzlich ein Abfall um 3*4° auf. Die Gesammtrotation erreicht
bei 80° Beugung ihren Höhepunkt mit 58-3°, die Minima an den
Grenzlagen differiren um 21/3° und 8*8°. Die Aussenrotation nimmt
unter dem Einflüsse der durchschnittenen Ligamente im beträcht-
lichen Masse zu und dies am stärksten in den Mittellagen (um 8*9°
bis 11°); geringer ist die Zunahme in den Grenzlagen sowohl gegen
die Beugung als gegen die Streckung hin (4*5° bis 7*5°). Die Maxima
liegen ungefähr in denselben Mittellagen und differiren um 9°. Die
Innenrotation nimmt in den Strecklagen durchschnittlich um 4° bis
6° zu, doch ist die Vergrösserung der Winkelwerthe ziemlich be-
deutend (2-5° bis 5°); die höchsten Zahlen werden so ziemlich in
denselben Lagen erreicht, und differiren um 4°.
Selbstverständlich hält auch die Zunahme der Gesammtrotation
hiemit gleichen Schritt. Sie ist sehr bedeutend in den Beugelagen
(9-8° bis 17-5°), geringer in den Strecklagen (7*5° bis 9'5°). Die
Durchschneidung des Lig. intern., sowie beider Ligamenta externa
vermehrt demnach die Aussen-, Innen- und Gesammtrotation und
zwar vorzüglich in den Mittellagen.
56S Horoch.
E. Ligamentum eruciutum anticum.
(Tabelle VIII.)
Das Maximum der Rotation wird nach Durchschneidung des
Lig. am ant bei 120" Flexion mit 20° erreicht; das Plus gegen
das Huiimum bot der höchsten Streckung ergibt sich mit 2"5", jenes
bei der äusserst Beugung mit 5'4°. Die WertUe der Innenrotation
steigen continui um 2-3" von einer Grenzlage zur anderen. Die
GesammtrotaÜoi nimmt, abgesehen vod zwei Schwankungen, um
nur wenige Zehntheile von der ftwerstet] Streckung bis zur letzten
Beugelage, im Ganzen um 20'4" zu. Bringt man diese Resultate mit
den an den unverletzten Gelenken gewonnenen Zahlen in Parallele,
80 zeigen beide inseferne eine ziemliche Congruenz, als einerseits
die Anfangs- un-1 .Sililusswortho der A ussonrotation, andererseits die
HQhe der Marin — in beiden Fällen belinden sich dieselben bei
120* Flexion — sich gleich verhalten. Dasselbe kann man bezüglich
der Rotation nach innen und in Folge dessen auch bezüglich der
Gesammtrotatioii constatiron. Demnach übt die Durchschneidung
des Lig. cruciat. ant. keinen nur irgendwie neunenswerthen Eiufluss
auf die Rotation aus.
P. Ligamentum cruciatum posticum.
(Tabelle H.)
Das Drehungsmaximum nach aussen liegt bei 140° Flexion,
es hat gegen das Minimum in der äussersten Strecklage um 44'
zugenommen und fallt gegeu das Beugeminimum um 6*4° ab. Die
Schwankungen innerhalb der Excursionsweite von 160" bis 70*
Flexion bewegen sich, die Maximalziffer ausgenommen, innerhalb
sehr enger Grenzen.
Wie in der Mehrzahl der Fälle steigt auch hier der Winkel-
werth der Innenrotation allmalig mit zunehmender Beugung an,
und differireu die Wertbe an den zwei äussersten Lagen um 19'7'-
Die Gesammtrotatiou hat ihr Maximum bei 80° Flexion erreicht
und bewegt sich innerhalb der ziemlich weiten Grenzen von 204*
bis 41-2°.
Einen Einfluss der Durchschneidung dieses Ligamentes auf
die Aussenrotation könnte man höchstens in dem um 1° höheren
Maximum erblicken, sonst sind die Differenzen unerheblich. Die
Aenderung der Werthe der Innenrotation manifestirt sich — wenn
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 563
wir die Unterschiede um einige Zehntheile in den Lagen von 120°
bis 80° Flexion übersehen, — darin, dass in den Strecklagen eine
Abnahme derselben bis um 4*5° erfolgt, in den Beugelagen dagegen
eine Zunahme um 1° bis 3° stattfindet. Die Maxima liegen in beiden
Eeihen bei 40° und differiren um 1-5°.
Was nun die Gesammtrotation anbelangt, so lässt sich der
Einfluss, den die Durchschneidung des Ligamentum cruc. post. auf
dieselbe ausübt, wegen der vielfachen, geringfügigen Schwankungen
kaum in einen allgemeinen Satz zusammenfassen, nur die Abnahme
derselben in den fünf ersten Strecklagen und ihre Zunahme um 4°
in den Flexionslagen von 80° — 60° könnte allenfalls auf eine be-
sondere Erwähnung Anspruch erheben.
G. Beide Ligamenta cruciata.
(Tabelle X.)
Die beinahe gleichen Minima der Aussenrotation an der An-
fangs- und Schlusslage sind um 6'50 vom Maximum derselben ent-
fernt, welches von beiden Grenzlagen aus allmälig ansteigend, auf
die rechtwinklige Beugung fallt.
Die Innenrotation weist ausnahmsweise zwei Maxima auf, von
denen sich das eine bei 120° Flexion mit 19-9° das andere bei 40°
Beugung mit 23*4° befindet.
Das Minimum zwischen diesen beiden Maximalwerten mit
14"9° liegt bei 100° Flexion und differirt um 5° nach der einen,
um 8"5° nach der anderen Kichtung.
Die Gesammtzunahme der Innenrotation von einer Grenzlage
zur anderen beträgt 12#5°.
Auch für die Gesammtrotation, deren regelmässiger Anstieg
durch zwei unvermittelte Abfälle unterbrochen wird, ergeben sich
zwei Maxima; das eine bei 120°, das andere bei 70° Flexion gelegen;
an letzterer Stelle wird der absolute höchste Werth für die Ge-
sammtrotation erreicht, der gegen die Schlussbeugung hin sich
wieder um 3*3° verringert. Die Minima an den Grenzlagen diflferiren
um 15#9° und 3*3° von dem höchst erreichten Maximum.
Ein Vergleich mit den Werthen der Aussenrotation an den
unverletzten Gelenken ergibt, dass in beiden Eeihen die Anfangs-
und Endwerthe sich ziemlich gleich verhalten; nur in den Mittellagen
564 Koro eh.
■teilt sich eine geringe Zunahme zu Gunsten des unverletzten Ge-
lenkes um circa 2° heraus.
Was die Inncnrotation anbelangt, so gestatten die vielen
Schwankungen und der unregelmäßige Wechsel zwischen Zu- und
Abnahme der Wertho es nicht, hier eine allgemeine Fassung zu for-
muliren.
Um nun nicht jede einzelne Ziffer besonders hervorheben zu
müssen, habe ich eine Curve angefertigt, in welcher sowohl die
Schwan klingen der Innen- als jene der Gesammtrotation graphisch
dargestellt sind (S, 565).
H. Ligamentum patellare,
(Tabelle XI.)
Die Durchschneidung des Lig. patellare wurde subcutan mittelst
des Tenotoms ausgeführt. Die Messungen, bei denen die ganze untere
Extremität sammt dem Becken fungirte — auch Musculatur und
Haut blieben hierbei intact — ergaben keine nennenswerten Differen-
zen gegenüber den analogen Wertheu am unverletzten Gelenke; nur in
der Aussen- und liesammtrotatkni geigte sich bei den Mittellagen eine
geringe Zunahme um 1" — 2", so dass iui Allgemeinen von einem
Einfluss des Lig. pat. auf die Drehbewegung im Kniegelenke nicht
gesprochen werden kann.
III. Comblnfrte Durchsehneidung der Bänder.
A. Ligamentum internum et cruciatum posticum.
(Tabelle XII.)
Nach Durchschneidiing der obengenannten Ligamente ergibt
sich für die Rotation nach aussen das Maximum bei 130° Flexion
mit 30-4°, zeigt also gegen das Anfangsminimum einen Aufstieg um
6'6° und übertrifft das Maximum an der Schlussbeugung (23-8*)
um 15'6. Die Werthe für die Innenrotation steigen, abgesehen von
den minimen Differenzen in den Lagen von 70* bis 40", wie wir
dies bislang fast durchgeheuds beobachten konnten, continuirlich
von der einen extremen Lage bis zur anderen und zwar im Ganzen
um 1770 an; die Gesammtrotation ergibt in den Lagen von 170*
bis 70" eine stetige Zunahme in toto um 15"1°; von dieser letzten
bis zur Schlusslage sinkt der Werth im Ganzen um 6'4n. Der Ver-
gleich der Aussenrotationswertbe vor und nach Verletzung der Ge-
566 Horoch.
lenke bietet ähnliche, wenn auch im letzten Falle um ungefähr 7°
höhere Verhältnisszahlen dar.
Die Kotationsmaxima liegen um nahezu 10° auseinander. Die
Werthe der Innenrotation haben um 3° bis 6° zugenommen. Die
Maximen differiren um 3° und liegen so ziemlich in den gleichen
Lagen.
Die Maxima der Gesammtrotation befinden sich gleichfalls an
derselben Beugelage bei 70° und differiren um 12*4° von einander.
Die combinirte Durchschneidung des Ligamentum cruc. posi
und des Ligamentum lat. internum bedingt sonach eine entschiedene
Zunahme der Rotationswerthe nach beiden Richtungen hin mit Bei-
behaltung desselben Typus in der Zu- und Abnahme, wie er am
unverletzten Gelenke statt hat.
B. Ligamentum laterale int. et Ligam. cruciatum anticum.
(Tabelle XIII.)
Das Maximum der Aussenrotation liegt nahe der Mittellage
bei 100° Flexion, die ziemlich gleichen Minima liegen genau an den
Grenzlagen ; der An- und Abstieg der Werthe beträgt nahezu 10°,
Das Maximum für die Innenrotation befindet sich bei 120°, die
Minima an den extremen Lagen betragen 11-4° nach oben, 19*2°
nach unten und differiren um 9° und 1*2° von der Maximal-Ziffer,
von der nach abwärts sich die Werthe auf ziemlich gleicher Höhe
erhalten.
Die Gesammtrotation erreicht ihr Maximum bei 110°, die
beiden Minima liegen an den extremen Lagen, sind aber nicht gleich,
wie dies bei der Aussenrotation der Fall ist, sondern differiren um
circa 8*2°. Im Ganzen nimmt die Gesammtrotation um 17*6° zu.
Ein Vergleich mit dem unverletzten Gelenke ergibt für die Aussen-
rotation rücksichtlich der Maxima (bei 120° und 100°) eine Diffe-
renz von 12'5° zu Gunsten des unverletzten Gelenkes, für die
Innenrotation (die Maxima bei 70° und 120°) lässt sich ein auf-
fallender Unterschied nicht feststellen.
Was endlich die Gesammtrotation anbelangt, so differiren die
ziemlich weit gegen einander verschobenen Maxima (bei 50° und
110°) um 14-7°.
Die combinirte Durchschneidung des Lig. lat. int. und cruc.
ant. hat die Rotationswerthe wesentlich erhöht; dabei gewinnt vor-
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 567
nehmlich die Aussenrotation, während die Innenrotation eine nam-
hafte Veränderung nicht erleidet.
G.Ligamenta lateralia externa et Lig. cruciatum anticum.
(Tabelle XIV.)
Die Schwankungen der.Werthe der Aussenrotation bewegen
sich in den engen Grenzen von 3°, von der niedrigsten bis zur
höchsten Ziffer, die mit 26*5° bei 130° Flexion erreicht wird.
Annähernd dieselben Zifferwerthe werden auch in den Lagen zwischen
150° und 120° erzielt.
Die Innenrotation nimmt bis zu 60° Flexion continuirlich, im
Ganzen um 15° zu, um dann um ein Geringes abzufallen; die
Gesammtrotation folgt dem gleichen Beispiele, ihr Maximum mit
53-5° liegt ebenfalls bei 60° Flexion.
Im Vergleiche mit dem unverletzten Gelenke hat die Aussen-
rotation in den Schlusslagen um mehr als 7°, also um eine viel
höhere Ziffer als dies in den Mittellagen der Fall ist, zugenommen.
Desgleichen zeigt auch die Innenrotation eine entschiedene
Tendenz zur Werthzunahme, die Maxima liegen an den identischen
Stellen, ihre Differenz beträgt 9°.
Die Gesammtrotation hat in Folge dessen ebenfalls zuge-
nommen. Man kann demnach bei Durchschneidung der oben ange-
führten Ligamente eine Zunahme der Gesammtrotation constatiren,
an welch ersterer die Innenrotation mit einem viel höheren An-
theile participirt als die Aussenrotation.
D. Ligamenta lateralia externa etLig. cruciatum posticum.
(TabeUe XV.)
. Das Maximum der Aussenrotation mit 37*2° liegt bei 120°
Flexion. Die Minima an den Schlusslagen differiren einerseits um
nahezu 10° und andererseits um 12°. Die Innenrotation erreicht ihr
Maximum bei 60° Flexion und ist das Minimum an der äussersten
Strecklage um die beträchtliche Zahl von 21° geringer gegenüber
dem Maximum.
Auch die Gesammtrotation erreicht ihren Höhepunkt nahezu
in derselben Lage wie die Innenrotation und beziffert sich die Diffe-
renz des Anfangsminimum gegen denselben auf 23*5°.
Der Vergleich mit dem unverletzten Gelenke ergibt bezüglich
der Aussenrotation eine Differenz der Maxima um 12*2° ; die Innen-
568 Horoch.
rotation nimmt mit Zunahme der Beugung um immer grössere
Werthe zu, die anfangs wohl unbedeutend, in den späteren Lagen
die analogen Werthe am unverletzten Gelenke um 7 — 8° über-
treffen.
Die Gesammtrotation erreicht bei 110° Flexion ihren Höhe-
punkt mit 57*4°, weist also ein Plus von 20° gegenüber der Maximal-
ziffer am intacten Gelenke auf; in der Anfangs- und Schlusslage
sind die Unterschiede geringer und betragen 12° in der äussersten
Streck-, 14° in der letzten Beugelage.
Wir können sohin den Einfluss der Durchschneidung der Lig.
externa und des Lig. cruciatum post. dahin resumiren, dass sich an
der sehr beträchtlichen Zunahme der Gesammtrotation die Aussen-
und Innenrotationen mit sehr ungleichen Werthen betheiligen, mit
Werthen, die in den Anfangslagen um 8° — 17° auseinander liegen,
um sich erst in den fünf letzten Lagen annähernd gleich zu ver-
halten.
E. Alle Ligamenta durchgeschnitten.
(Tabelle XVI.)
Ein Blick auf die Tabelle zeigt uns das Maximum der Aussen-
rotation bei 110° Flexion, die beiden Minima sind nahezu gleich
und entsprechen den Flexionslagen von 160° und 40°, die Differenz
beträgt sonach 17-5° (25'4° und 257° gegen 42'9°).
Die Werthe der Innenrotation sind äusserst schwankend; das
Maximum liegt bei 70°, beträgt 36-3° und übertrifft das bei 170°
gelegene Minimum um 136°. Für die Gesammtrotation macht sich
der Einfluss der schwankenden Werthe der Innenrotation in deut-
licher Weise geltend ; sie nimmt im Allgemeinen von 170° bis 90°
Flexion, an welch' letzterer Stelle sich das Maximum befindet, um
25-8° zu und fällt an der äussersten Beugelage um 17'4° ab.
Gegenüber dem unverletzten Gelenke nimmt die Aussenrotation
um sehr beträchtliche Werthe zu. Die Maxima beider Eeihen, in
derselben Flexionslage gelegen, differiren um 23-3°; die Minima
weisen einen Unterschied von 131° und 7'9° nach beiden Seiten
hin auf.
In gleicher Weise hat auch die Innenrotation eine sehr be-
deutende Ausdehnung erfahren. Die Maxima in beiden Gruppen
finden wir an derselben Flexionsstelle mit einer Differenz von 18*1,
während die Minima um 97° und 14"3° von einander abstehen.
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 5(J9
Die Summe der Aussen- und Innenrotation ergibt als Gesammt-
rotation Zahlenwerthe, welche die analogen Ziffern der Werthreihe
des unverletzten Gelenkes fast um das Doppelte übertreffen. Die
Maxima haben sich von 50° auf 90° Flexion verschoben, die Diffe-
renz derselben beträgt 37*8°, während die respectiven Minima um
23° imd 22*4° auseinander liegen.
Die Schlussfolgerung ergibt sich aus dem oben Gesagten von
selbst.
Es erübrigt uns schliesslich noch die Resultate der einfachen
und combinirten Durchschneidung der Gelenke mit einander in
Zusammenhang zu bringen und aus demselben unsere Schlüsse zu
ziehen.
I. Halten wir die einfache Durchschneidung des Ligamentum
internum mit der combinirten Durchschneidung desselbeu, das eine
Mal mit dem Lig. cruc. ant., das andere Mal mit dem Lig. cruc.
post. zusammen, so tritt als Effect der letzteren eine Zunahme der
Innenrotation klar zu Tage. Da die Durchschneidung des Lig. inter-
num keinen Einfluss auf die Innenrotation auszuüben vermochte,
so ist es ersichtlich, dass die jetzt constatirte Verwehrung derselben
nur die Folge der Durchschneidung der Lig. cruciata sein kann,
welche demnach am unversehrten Gelenke entschieden die Innen-
rotation hemmen.
Aus dem Umstände, dass die Aussenrotation nach Durch-
schneidung dieser droi Bänder um 8V80 und circa 10° und endlich
wenigstens in den Mittellagen um 10° bis 14° zugenommen hat,
lässt sich auch eine hemmende Wirkung des lig. int. in Rücksicht
auf die Aussenrotation schliessen. Aus der Zunahme der Innenrota-
tion nach der Durchschneidung der lig. cruciata muss auch ein
hemmender Einfluss dieser Bänder auf die Aussenrotation gefolgert
werden ; doch tritt derselbe erst nach gleichzeitiger Durchschneidung
eines oder des anderen Seitenbandes klar zu Tage.
II. Ligamentum laterale externum longum et breve,
beide Lig. externa, Ligamentum cruc. ant. und Lig. cruc.
post. Aus dem Umstände, dass die Durchschneidung des Lig. extern,
long, auf die Aussenrotation fast gar keinen, auf die Innenrotation
einen massigen Einfluss im Sinne der Zunahme in den Beugelagen
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r die leicht hemmende Wirkung jenes Ligamenta
rror; dagegen zeigt die Zunahme der
Aiiianmotetiim nach. Danlaohnaidang des Lig. breve höhere Wertbe
ab die* bei dar !■— MfaMon der Fall ist, so dass dasselbe in
ante Lade die Aoseeftrotation «kd nur im geringeren Grade jene
nach innen hemmt.
Die Dareneehneidnng dieser neiden Bänder, lässt eine Zunahme
ttr beide Drehungen ersebüeesen, wobei aber immerhin jene nach
anasen, troti der nach Durchsehi 1 i ;;_ beider äusseren Seiten-
binder beobachteten Zunahmen der Iuneurotation, die beträchtlichere
bleiben durfte. Durch die glekeaeitige Durchschneidung des Lig.
cruc. ant. wird dieses Yerbiltniss umgekehrt, da die Innenrotatäon
an der Zunahme der Genmmmtr-.ii mit grösseren Wertben
parücipirt, als die Anssenrotation. Folglich dürfte das Lig. cmc
ant bei gleichzeitiger Durchschne der Lig. externa eine Er-
weiterung der Gesammtrotation in der Richtung nach innen be-
dingen; eine Umkehrung dieses Satzes dabin, dass das Lig. cmc
ant. an der Hemmung der Botatic nach innen sich betheiligt, ist
wohl nicht gestattet, da die iwlirte Durcbschneiduiig desselben kei-
nen Emfluss auf die Drehbewegimg auszuüben vermochte. Fügt man
zur Durchschneidung der beiden Seitenligamente noch jene des Lig.
cruc. post. hinzu, so ändern sich die Verhältnisse nur insofern, als
die Innenrotation zwar gleichsinnig, jedoch um grössere Werthe an-
steigt; sie wachst mit der Zunahme der Beugimg am nahezu
doppelt so viel, als bei alleiniger Durchschneidung des Lig. eitern,
longum.
Es erweitert folglich die Durchschneidung des Lig. cruc. ant
hei gleichzeitiger Durchschneidung des Seitenbandes die Innen-
rotation, ohne dass wir eine hemmende Wirkung des ersteren beim
unverletzten Gelenke für dieselbe annehmen dürfen, da die alleinige
Durchschneidung des Lig. cruc. post. nicht nur keine constante Zu-
nahme, sondern stellenweise eine Abnahme speciell der InnenrotatJon
bedingte.
m. Ligamentum cruciatum ant., Lig. later. int., Lig.
lat. externa. Nachdem die Durchschneidung des Lig. cruc. ant
keinen nennenswerthen Einfluss auf die Rotation auszuüben ver-
mochte, die Durchschneidung des Lig. lat. int. hingegen sowohl nach
aussen, als nach innen die Rotationswerthe erhöht — jene um 10' bis
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 571
14° in den Mittellagen, um nur 5 bis 7° in den Schlusslagen, diese
um 2 bis 4° in den Mittellagen — nachdem endlich die Durch-
schneidung des Lig. lat. extern, eine beträchtliche Zunahme der
Drehimg nach beiden Sichtungen hin bedingt, so muss die Zunahme
der Drehung bei der oben angegebenen Combination ausschliesslich
auf Kechnung der beiden Seitenligamente gesetzt werden, und zwar
muss die Zunahme der Innenrotation bei der Combination des Lig.
lat. int. und des Lig. cruc. ant. auf die gemeinsame Wirkung beider
basirt sein, weil die alleinige Durchtrennung eines dieser Bänder
sich als wirkungslos für die Innenrotation erwies.
Die Zunahme der Aussenrotation ist wesentlich eine Folge
der Durchschneidung des Lig. int., da dieselbe sowohl allein für sich,
als in Combination mit der Durchschneidung des cruc. ant. aus-
geführt, in beiden Fällen die Aussenrotation um ein Beträchtliches
ansteigen lässt.
Was die Lig. externa anbelangt, so wissen wir, dass die Durch-
schneidung des Lig. long, fast keinen Einfluss auf die Aussenrotation,
jene des Lig. brev. einen nur unbedeutenden und schwankenden auf
die Innenrotation ausübt, dass weiter die Zunahme der Innenrotatiön
nach Durchschneidung des Lig. extern, long, blos 3° bis 4*5° be-
trägt, jedoch unter Einfluss des Lig. cruc. ant. und Lig. extern, brev.
auf 8° bis 11° ansteigt. Die Durchschneidung des Lig. brev. allein
vermehrt die Aussenrotation um 5*8° bis 9*5° und nach Combination
mit der Durchschneidung des Lig. extern, long, et cruc. ant. steigt
dieselbe um mehr als 7° an.
Es muss demnach die Zunahme der Aussenrotation einestheils
auf Kechnung des durchschnittenen Lig. cruc. ant., zum anderen
Theile des durchtrennten Lig. brev. gesetzt werden ; die Zunahme
der Innenrotation wird durch die Durchtrennung des Lig. long, be-
dingt. Es ist jedoch dieser Effect, den die Durchschneidung des Lig.
cruc. ant. auf beide Kotationen ausübt, unbedingt an die gleich-
zeitige Durch trennung der beiden Seitenbänder geknüpft, weil jene
des cruc. ant. allein für beide Rotationen vollkommen belanglos ist.
IV. Ligamentum cruciatum posticum, Ligamentum
laterale internum, Ligamenta lateralia externa. Die alleinige
Durchschneidung des Lig. cruciat. post. beeinflusst kaum die Aussen-
rotation. Durch die gleichzeitige Durchschneidung des Lig. lat. in-
ternum wird eine Zunahme der Aussenrotation um durchschnittlich
572 Horoch.
7°, durch jene des Lig. lat. extern, eine solche um durchschnittlich
9° bedingt. Es folgt daraus einerseits der mangelnde Einfluss des
Lig. cruc. post. auf die Aussenrotation, andererseits wird die Wirkung
des Lig. intern, et extern, zur Evidenz dargethan. Die Innenrotation
nahm durch die Durchschneidung des Lig. cruc. post. in den Streck-
lagen ab, in den Beugelagen hingegen in geringem Grade zu; dieser
Typus seh windet nach Durchschneidung des Lig. lat. extern, voll-
ständig, indem jetzt sowohl in den Streck- als in den Beugelagen
eine Zunahme der Innenrotation beobachtet werden kann. Durch die
Durchschneidung des Lig. lat. intern, nimmt die Innenrotation eben-
falls zu.
Wir können sohin den Einfluss des Lig. cruc. post. dahin
präcisiren, dass es eine grössere Ausdehnung der Innenrotation in
den Strecklagen bedingt, dieselbe aber in den Beugelagen in ge-
ringem Masse hemmt. Die Aussenrotation wird durch dasselbe fast
gar nicht tangirt. Die sehr beträchtliche Zunahme beider Drehungen
nach Durchtrennung der Seitenbänder bestätigt abermals die hem-
mende Wirkung dieser Ligamente.
V. Ligamentum cruciatum anticum et posticum, beide
Ligamenta cruciata. Die Durchtrennung beider Lig. cruciata
ergibt dasselbe Kesultat, das wir nach Durchschneidung jedes der-
selben einzeln für sich erhalten haben: die Aussenrotation bleibt
unverändert; die Innenrotation, welche durch die Durchschneidung
des Lig. cruc. ant. kaum berührt, durch die des Lig. cruc. post.
nur zu unregelmässigen Schwankungen gebracht werden konnte,
folgt dem gleichen Typus.
VI. Ligamantum laterale internum, Ligamentum late-
rale externum longum, ligamentum laterale externum
breve, und beide Ligamenta lateralia. Die Aussenrotation
wird durch die Durchschneidung des Lig. intern, entschieden ver-
mehrt, durch jene des Lig. lat. ext. long, hingegen gar nicht beein-
flusst, während die Durchschneidimg des Lig. lat. ext. breve dieselbe
bedeutend und fast in gleichem Masse wie jene des Lig. lat. int.
erweitert. Durch die Durchschneidung des Aussen- und Innen-
ligamentes wird die Aussenrotation um Werthe vergrössert, die
durch keine der isolirten Durchschneidungen erreicht wurden. Der
Einfluss der Durchschneidung des Lig. int. auf die Innenrotation ist
gleich Null, jener des Lig. ext. long, in den Strecklagen unbe-
Rotationsbewegungen im Kniegelenke. 573
deutend, in den Beugelagen massig gross (3°, 4° und 5°), jener des
Lig. breve um Einiges geringer. Die Wirkung der Durchschneidung
beider Seitenbänder lässt sich gewissermassen als die Summe der
Einzelnwirkungen der Aussenbänder betrachten, indem diese eine
zwischen 2*5° bis 6° schwankende Zunahme zeigen.
VII. Beide Ligamenta cruciata, beide Ligamenta la-
teralia, alle Ligamente. Die Durchschneidung beider Lig. cruc.
lässt die Aussenrotation unbeeinflusst, die der Lateralia vermehrt
sie um 4° bis 10°, jene sämmtlicher Ligamente endlich lässt sie um
13° bis 23° anwachsen. Es wiederholt sich somit auch hier, dass
den Hauptantheil an der Erweiterung der Aussenrotation die Seiten-
ligamente haben, dass jedoch durch die gleichzeitige Durchtrennuug
des Lig. cruc. eine weitere Erhöhung der Werthe erzielt wird. Die
Schwankungen in der Zunahme der Innenrotation nach Durch-
schneidung der Lig. cruc. sind bei nachfolgender Durchtrennung der
Lig. later. völlig geschwunden und es werden andererseits die nach
der Durchschneidung der Lig. later. erhaltenen Werthe (2'ö°) durch
die combinirte Durchtrennung der Lig. cruc. um 9° bis 18° erhöht,
so dass auch für die Innenrotation die gemeinsame Wirkung dieser
Bänder als wesentlich sich ergibt.
Zum Schlüsse fühle ich mich lebhaft verpflichtet, meinem
hochverehrten Lehrer und Vorstande, Herrn Prof. Albert, sowie
Herrn Assistenten Dr. Maydl für die mir in so freundlicher und
liebenswürdiger Weise gewährte Unterstützung meinen innigsten
Dank auszusprechen.
Med. Jahrbücher. 1882.
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XXIX.
Mikroskopische Untersuchung der secundären
Degeneration des Rückenmarkes.
Von
W. Xusmin
Privat-Docent für Chirurgie in Moskau.
Aus dem Institute für experimentelle Pathologie in Wien.
(Hiezu eine lithographirte Tafel.)
(Am 3. August i882 von der Redaction übernommen.)
Einleitung.
In den Med. Jahrbüchern 1882, Heft IL habe ich in Kürze
die Resultate einer experimentellen Arbeit über die Leitungsbahnen
im Rückenmarke des Hundes veröffentlicht. In der vorliegenden
Mittheilung beabsichtige ich, auf die durch die Rückenmarksdurch-
schneidung bedingten pathologisch-anatomischen Veränderungen und
hauptsächlich auf die Frage über die secundäre Degeneration des
Rückenmarkes näher einzugehen.
Zugleich stelle ich es mir zur Aufgabe, die Resultate, die ich
auf experimentellem Wege erzielt habe, auch auf Grundlage von
histologischen Untersuchungen näher zu beleuchten.
Bevor ich aber an die Besprechung meines Themas gehe, will
ich einige historische Bemerkungen vorausschicken.
Die Genesis, die Topographie sowie die Histologie der Dege-
neration des Rückenmarkes sind von zahlreichen Forschern studirt
worden, doch ist man bis jetzt zu einem definitiven Urtheil über
diese Angelegenheiten nicht gekommen.
Türck1), der Entdecker der fortschreitenden Degeneration,
') Sitzungsberichte der kais. Akad. d. Wissensch. zu Wien. 1851. Bd.
VI. Heft 3.
38*
na
behauptete, dass sie innerhalb der Nervenbahnen nach bestimmten,
später miUutheüenden Gesetzen sich aasbreite, and zwar längs
Jener Nerveniuge, welche durch das Trauma ausser Function gesetzt
worden sind. Doch hat Türck am Schlüsse einer späteren Abhand-
lung ') Ober diesen Gegenstand «einen Zweifel nicht verhehlt, ob
nicht auch bei der Degeneration andere Momento im Spiele seien.
WeBtpbal*) nimmt auf Grundlage Minischer and experimen-
teller Untersuchungen an, dase sich der entzündliche Process längs
dem die einzelnen Nervenröhren und Nervengruppen umspinnenden
Bindegewebe, vielleicht auch lange der Blutgefässe fortpflanze.
Bierauf theüte Vulpian *) mit, dass das Fortschreiten der
secundären Veränderungen an den Nerven keine nachweisbare Ge-
setzmassigkeit zeige. Als Grund der Degeneration nimmt Vulpian
einen Beiz an, der sich von dem primären Erkrankungsberde den
Nervenfasern entlang ausbreite.
Bouchard*) und Erb*) definirten das Wesen der degene-
rativen Veränderungen als Atrophie der verletzten Nerven. Die
Atrophie werde dadurch bedingt, dass die Nerven von ihren Er-
nährungscentren durch das Trauma abgetrennt werden.
Schliesslich sollen Obersteiner*) zufolge die secundaren Er-
krankungen längs der Lyropbgefasse ihren Weg nehmen.
In der Literatur über die Histologie der Degeneration des
Rückenmarkes liegen auch nur einige spärliche Angaben vor.
Törck1), der sich bei diesen Untersuchungen nur schwacher
Vergrößerungen bediente, sagt aus, dass das Wesen der Degeneration
in einer Bildung von Fettköruchenzellen bestehe, welche bald zwi-
schen den Nervenfasern eingelagert sind, bald die Stelle derselben
einnehmen. Diese Fettkörnchenzellen sind nicht immer reichlich
vorhanden, in Fällen alter Degeneration scheinen sie sogar zu ver-
') Sitzb. d. k. Akad. d. Wiss. zu Wien. 18S3. Bd. XI. Heft i.
') lieber ein eigentümliches Verhalten seeundärer Degeneration des
Rückenmarkes. Arch. f. Psychiatrie n. Nervenkrankh. Bd. IL 1870
■) Arch. de Phjsiol. pathol. et norm. 1869 T. II. und 1870 T. IEL
') Archives geniales de mödecine 1866. Vol. I., II. Des degenöiations
secondaires de la moelle epiniere.
*) Lehrbuch der Rttckenmarkskraukheiten.
') Stricker, Med. Jahrbücher 1871. p. 531.
') 1. c.
Degeneration des Kückenmarkes. 593
seh winden. Nähere Angaben über die Umbildung der histologischen
Elemente sind bei Türck nicht zu finden.
Auch Vulpian1) und Bouchard8) gebrauchten bei ihren
Untersuchungen nur schwache Linsen und gaben keine Beschreibung
der histologischen Veränderungen bei der Degeneration an.
Barth*) hat gegen Türck's Angaben Einwände erhoben. Er
zeigte, dass die degenerirte Partie des Kückenmarkes sich intensiver
mit Carmin tingire und schloss daraus, dass die Degeneration nicht
einer fettigen Metamorphose gleichgestellt werden könne. Er berief
sich des Weiteren auf die Löslichkeit der Körnchen in Kalilauge.
Auf Grund dessen hatte er angenommen, dass man es bei der De-
generation mit keinen Fetttröpfchen, sondern mit „Eiweissmolectt-
lentt zu thun habe.
Singer 4) behandelt die histologischen Veränderungen nur
beiläufig und stellt die Vermuthung auf, dass die Degeneration
durch fettigen Zerfall der Markscheide eingeleitet werde.
Ho inen5) hingegen vertritt die Meinung, dass die Degenera-
tion nicht in der Markscheide, sondern in den Axeucylindern ihren
Anfang nehme.
Schiefferdecker6) gibt an, dass in späteren Stadien (in der
8. Woche oder später) Veränderungen im Bindegewebe auftreten,
gesteht aber selbst ein, sich mit dem histologischen Wesen der
Degeneration nicht weiter beschäftigt zu haben.
Leyden7) nimmt an, dass der Degenerationsprocess in der
Regel als eine (degenerative) Atrophie der Nerven zu betrachten sei,
wobei das Zwischengewebe keinen merklichen Antlieil nimmt. Die
Degeneration sei daher von den eigentlich sklerotischen Processen
verschieden.
') 1. c.
») 1. c
•) Ueber secundäre Degeneration des Rückenmarkes. Archiv iur Heilk.
1869. S. 433.
4) Sitzungsberichte d. kais. Akad. d. Wissensch. zu Wien. LXXXIV. III.
Abth. Jahrg. 1881.
») Virch. Arch. 188«. Bd. 88, H. \.
•) Virch. Arch. Bd. 67, 1876.
T) Klinik der Bückenniarkskraakh. 908.
Die Topographie der Degeneration.
Schot Morgagni hat üach laug dauern «1™ Hemiplegien eine
merkliche Atrophie und Volumsahnahme des CrOfl cerebri, des Vom
od der Mmlulla oblougata gefunden. Später hat Rokitansky
dieselbe Beobachtung gemacht und daran die Bemerkung geknüpft,
tat dto Atrophie und die Verkleinerung der degenerirteu Organe
mr keine sehr häutig vorkommende, aber doch unzweifelhafte
Thttsache sei.
Ludwig Türck ') gebührt das Vordienst, umfassendere Mit-
flwflimg Öbor die Topographie dor Degeneration gegeben zu hahen.
Seine Ansahen weichen trotz seiner unvollkommenen Methode2)
nur wenig von denen der neueren Beobachter ah. Bei der Wichtig-
keit der Ton ihm gewonnenen Resultate erlaube ich mir die Haupt-
sätze seiner Arheit ausführlich zu besprechen. Türck benutzte die
pathologischen Veränderungen (Kornebenzellönbildung), welche sieb
im Ruckenmarko seeundär nach gewissen primären, Monate alten
Krankhoib ! : ' : im Gehirn tmd Rückenmarke entwickeln zur Eru-
inmg der Richtung, in welcher die einzelnen Rückenmarkssträuge
leiten, und hat dabei folgende Bahnen im Rückenmarke festgestellt:
1. Eine centrifugal leitende Bahn, welche von den Grosshiru-
schenkeln nach abwärts steigt, durch die Pjramidenkreuzung auf
die entgegengesetzte Seite übertritt, auf welcher sie als hintere
Hälfte des Seiteustranges bis in die Nähe des untersten Endes des
Rückenmarkes nach abwärts läuft. Türck nennt sie Pyramiden-
Seitenstrangbahn.
2. Eine centrifugal leitende Bahn, gleichfalls von dem Gross-
hirnschenkel ausgehend, welche sich jedoch nicht wie die vorige
im verlängerten Marke kreuzt, sondern auf derselben Seite des
Rückenmarkes als innerer Abschnitt des Vorderstranges nach ab-
wärts läuft.
Die seeundäre Erkrankung dieser Bahn endet etwas höher
oben, als die der Pyramiden-Seitenstrangbahn. Türck nennt diese
Bahn Hülsenvorderstrangbahn.
') 1. c.
') Er entnahm von der Oberfläche von Querschnitten mit der Schere
kleine Geweb>ückchen nnd untersuchte sie auf FettkörncheiweUen bei schwa-
chen Veigrösserungen.
Degeneration des Rückenmarkes. 595
Die beiden eben genannten Bahnen fanden sich bei apoplekti-
schen und encephalitischen Herden nach abwärts von der erkrank-
ten Stelle degenerirt. Türck nimmt daher an, dass sie centrifagale
Impulse leiten.
3. Eine centripetal leitende Bahn im inneren Abschnitte der
Hinterstränge, welche sich in die zarten Stränge fortsetzt und am
Boden des vierten Ventrikels zu endigen scheint.
4. Eine zweite centripetal leitende Bahn in der hinteren Hälfte
der Seitenstränge, in welchem Abschnitte des Kückenmarkes auch
die sub 1. genannte Pyramiden - Seitenstrangbahn verläuft. Beide
Bahnen divergiren erst im verlängerten Marke, in welchem die
centripetale, sich immer mehr nach rückwärts wendend, bis zu den
Corp. restiformibus aufsteigt, während die centrifugale den früher
erwähnten Verlauf nimmt. Die beiden zuletzt genannten Stränge
zeigten sich bei Affectionen des Kückenmarkes von der erkrankten
Stelle nach aufwärts degenerirt. Türck nimmt daher an, dass die
beiden zuletzt erwähnten Bahnen Impulse in centripetaler Richtung
leiten. Die übrigen Nervenstränge des Rückenmarkes seien von den
bisher abgehandelten getrennt zu betrachten. Insbesondere erwähut
Türck, dass durch jene Bahnen, welche an der Degeneration sich
nicht betheiligen, keine von den unteren Extremitäten oder vom
unteren Abschnitte des Rumpfes ausgehende centripetale Nerven-
strömung geleitet wird. Die graue Substanz wird nach Türck
von secundärer Körnchenzellenbildung nicht befallen.
Im Jahre 1853 erschien eine zweite Arbeit von Türck1), in
welcher er den früheren Angaben theilweise widerspricht, indem er
die Seitenstränge diesmal bald in toto, bald nur verschiedene
Theile derselben erkrankt fand. Er hebt hier auch hervor, dass die
Hinterstränge unter der Compressionsstelle nie erkrankt waren,
sondern nur die Vorder- und Seitenstränge.
Im Jahre 1866 hat Bouchard2) eine Arbeit über Degenera-
tion des Gehirnes und Rückenmarkes kranker Menschen veröffent-
licht. Er unterscheidet zwei Bündel von centrifugal leitenden Fa-
sern: „faisceau eneephalique direct ou interne und faisceau
encäphalique croise ou externe". Da Bouchard außerdem
degenerirte Fasern in den Vorderseitensträngou Rofuudtui hat* trimmt
*) Sitzungsbericht d. k. Akad. d. Wis». iu Wien, ISfcL IM, XL IL L
*)Lc
596 Kusrain.
er noch ein selbstständiges centrifugal leitendes Bündel an —
fibres commissurales longues — , welches aus den höheren
Partien des Bückenmarkes entspringt und in den hinteren, äusseren
Theilen des Seitenstranges verläuft. Ueberdies nimmt Bouchard
noch eine vierte Art des Faserverlaufes — fibres commissurales
courtes — an, welche sich zerstreut in den gesammten Vordersei-
tensträngen finden.
Ferner unterscheidet er, wie Türck, zwei Bündel von bis
zum Gehirne aufsteigenden Fasern: das eine in den hinteren Thei-
len der Seitenstränge und das andere in den Hintersträngen.
Im Jahre 1869 hat Barth *) eine Arbeit über die Degenera-
tion des menschlichen Gehirnes und Bückenmarkes publicirt. Er
fand die degenerativen Veränderungen in denselben Fasern, wie es
Türck angegeben hat. In den centrifugal leitenden Vorder- und
centripetal leitenden Seitenstr angbahnen hat Barth keine Degene-
ration beobachtet.
Philippeaux und Vulpian*) haben später zwei Arbeiten
über die künstliche Erzeugung secundärer Degeneration durch Ver-
letzungen des Gehirnes und Bückenmarkes an Hunden, Tauben,
Kaninchen und Meerschweinchen geliefert, ohne jedoch zu einem
positiven Resultate gelangt zu sein.
Ein Jahr später veröffentlichte Westphal zwei Arbeiten. In
der einen 8) wurde ein Fall von Compression des Bückenmarkes
durch einen Tumor und ein Fall von Compression nach einem
Wirbelbruch mitgetheilt. In beiden Fällen fand er ausgedehnte
secundäre Degeneration in der weissen Substanz, die indessen mit
Ausnahme weniger Befunde, welche mit den bisher angeführten
übereinstimmen, eine Menge ganz unregelmässig auftretender De-
generationsprocesse erkennen liess.
In der anderen Untersuchung4) hat Westphal später durch
umschriebene Verletzungen des Bückenmarkes mit einem Drillbohrer
') Ueber secundäre Degeneration des Bückenmarkes. Archiv für Heilt
1869, S. 433.
■) Arch. de Physiol. pathol. et norm. 1869 T. II., 1870 T. HI.
') Ueber ein eigentümliches Verhalten secundärer Degeneration. Arch.
für Psychiatrie u. Nervenkrankh. Bd. II. 1870.
4) Ueber künstlich erzengte secundäre Degeneration einzelner Bücken-
markstrange. Arch. f. Psych, u. Nerrenkrankh. Bd. EL 1870.
Degeneration des Rückenmarkes. 597
secundäre Degeneration am Rückenmarke hervorgerufen. Die Ver-
letzung betraf im ersten Versuche vorzugsweise den liukeu Hiuter-
sträng und die linke graue Substanz. Die secundäre Degeneration
erstreckte sich (abgesehen von einer geringen Veränderung des
linken Vorderstranges) ausschliesslich auf den liukeu Hiuterstrang,
und zwar vorwiegend nach aufwärts, aber auch nach abwärts
von der Verletzungsstelle.
Im zweiten Versuche wurde der rechte Hintorstraug, die
rechte graue Substanz und der innere Theil der Vordersträuge, be-
sonders des rechten verletzt. Die Degeneration erstreckte sich
vorzugsweise im rechten Hinterstrange nach aufwärts; in den Vor-
dersträngen nur eine kurze Strecke weit. Nach abwärts war das
Verhalten ein umgekehrtes: die Affection der Hintersträuge hörte
bald auf, die der Vorderstränge liess sich weiter nach abwärts
verfolgen, allerdings aber nur in einem geringeren Grade.
Im Jahre 1870 erstattete Vulpian1), der bis dahin das Auf-
treten der Degeneration geläugnet hatte, veranlasst durch die von
Westphal erschienene Arbeit einen Bericht, in dem das constante
Vorkommen der secundären Degeneration nach Verletzungen des
Bückenmarkes bei Hunden, Kaninchen und Meerschweinchen zuge-
geben wurde. Es zeigte sich jedoch (in der räumlichen Ausdehnung)
bei den verschiedenen Thieren ein verschiedenes Verhalten.
Eichhorst und Naunyn 2) geben in ihrer Arbeit über Re-
generation ausdrücklich an, sie hätten in keinem Falle einen De-
generationsprocess beobachtet.
In neuerer Zeit hat Schiefferdecker 3) die gesetzmässige
Ausbreitung der secundären Degeneration im Sinne Türck's an
Hunden beschrieben. Nach seiner Angabe sollen an sechs ver-
schiedenen Stellen der weissen Substanz die secundären Verände-
rungen eintreten:
1. Dicht über dem Schnitte sind die hinteren Stränge total
degenerirt. Diese Degeneration beschränkt sich in einiger Höhe über
dem Schnitte auf eine im Querschnitte dreieckige, zu beiden Seiten
des Septum medianum gelegene Stelle und lässt sich unter allmä-
liger Abnahme bis zur Rautengrube verfolgen.
') Arch. de Phys. path. et norm. 1870 T. III.
') Arch. f. experim. PathoL u. Pharmakologie Bd. IL 1874.
•)Lc*
598 Kusrain.
2. Eine schmale, bandförmige, ander hinteren Peripherie
der Seitenstränge gelegene Zone, welche nach vorne bis zur Mitte,
des Seitenstranges reicht.
Absteigend degenerirt fand Schiefferdecker:
1. Faserzüge, welche die ganze Peripherie der Vorderstränge
einnehmen. Schiefferdecker hält dieselben für Analoga der Türck'-
schen Hülsenvorderstrangbahnen.
2. Zerstreute Fasern in den Vordersträngen.
3. Zerstreute Fasern in den Seitensträngen.
4. Eine Anzahl von Fasern in den Seitensträngen, die Schief-
ferdecker für Analoga der Türck'schen Pyramiden- Seitenstrang-
bahn erklärt.
Ausserdem unterscheidet Schiefferdecker eine sogenannte
traumatische Degeneration, welche er, ohne sie histologisch näher
studirt zu haben, auf die Verletzung des Bückenmarkes zurück-
führt. Diese reicht von der Verletzungsstelle aus eine kurze Strecke
nach aufwärts und abwärts und begreift den ganzen Querschnitt
des Bückenmarkes, mit Ausnahme der Hinterstränge (im unteren
Abschnitte).
Gleichzeitig mit der Arbeit von Schiefferdecker erschien die
Arbeit von Paul Flechsig1), in welcher gezeigt wurde, dass die
Fasersysteme im Bückenmarke während der Entwickelung nicht
gleichzeitig ihre Myelinhüllen erhalten. Es bekommen diejenigen
Fasern die Markscheiden am spätesten, welche den längsten Ver-
lauf haben. Er ermittelte auf diese Weise folgende Systeme der
Längsbahnen :
1. Im Vorderstrang liegen der vorderen Längsspalte zunächst:
a) die Pyramidenbahnen, nach aussen davon
b) die Vorderstranggrundbündel.
2. Im Hinterstrange unterscheidet er:
c) die Goll'schen Stränge und
d) die Burdach'schen Keilstränge.
3. In den Seitensträngen liegen
e) die vorderen und
f) die seitlichen gemischten Seitens trangbahnen,
*) Die Leitungsbahnen im Gehirn und Ruckenmarke des Menschen auf
Grand entwicklungsgeschichtlicher Untersuchungen. Leipzig 1876.
Degeneration des Rückenmarkes. 599
g) die Pyramidenbahnen des Seitenstranges und
h) die Kleinhirn-Seitenstrangbahnen.
In der allerneuesten Zeit sind noch zwei Arbeiten erschienen,
von denen die eine von Singer '), welcher an Hunden Versuche
angestellt hat, die andere von Homen8), welcher das menschliche
Rückenmark untersucht hat.
Das Resume der Untersuchungen Sing er' s stimmt in Bezug
auf die traumatische Degeneration mit den Angaben S chief f er-
deck er's ganz überein. Singer hat keine eingehendere histolo-
gische Untersuchungen ausgeführt.
Ueber die absteigende Degeneration hingegen, spricht er sich
abweichend von Schiefferdecker und Türck aus und zwar in
dem Sinne, dass unterhalb des Querschnittes nur weniges sich beob-
achten lässt, was den Angaben der genannten Autoren entspre-
chen würde. Schiefferdecker nämlich hält, wie ich schon mit-
getheilt habe, die degenerirten Fasern der Vorderstränge für gleich-
wertig der HülsenvorderstrangbahnTürck's, und die dicken degene-
rirten Fasern des hinteren Theiles der Seitenstränge für gleich werth ig
der Pyramidenstrangbahn.
Schiefferdecker stellt diese Fasersysteme den übrigen Nerven-
fasern der Vorderseitenstränge gegenüber.
Diese Sonderung ist aber nach Singer's Untersuchungen
durchaus nicht scharf durchgeführt.
Singer fand nach abwärts in den Vorder- und Seiten-
strängen zerstreute Fasern, die zu Folge ihrer Vertheilung mit
der Pyramidenseitenstrangbahn nichts zu thun haben.
In Betreff der Topographie der Degeneration über dem Schnitte
gibt Singer an, dass dicht über der Narbe die Hinterstränge total
degeneriren. Fernes bemerkt Singer, dass in den Seitensträngen
die deutlich abgegrenzten Fasern der Kleinhirnseitenstrangbahn der
Degeneration anheimfallen.
Weiter oben erfolgt eine rasche Abnahme der Degeneration
in den Hintersträngen, so dass sich an Querschnitten nur das be-
kannte Dreieck bis in die Medulla oblongata verfolgen lässt.
In der Seitenstrangbahn handelt es sich nicht um ein voll-
ständig abgeschlossenes Fasersystem. Die Degenerationszono beginnt
f)l. c
am «Jim «null polt, im hmteruu Drittel, wird an der Peripherie
der hinteren Partie „compact* und erlaubt nach der Insertion des
g. deiiticul, ihre grösnte Mächtigkeit. Nach vorn zu verbreiten
•\i die degenerirten Fasern über den ganzen Seitenstrang. Beim
ibnrgang in das Halsrnark schwinden die degenerirten Fa3eru im
unereu Theil der .Seiten stränge ; die degenerirteu Fasern der Klein-
rnseitt-nstrangbahn lassen sieh hingegen bis in die Corpora resti-
jrmia verfolgen. Die Degeneration tritt nicht gleichzeitig an allen
jtellen auf.
Singer untersuchte auch die absteigende Degeneration nach
Zerstörung der motorischen Rinilencentra. Er fand schon 14 Tage
nach der Operation, am deutlichsten aber 6 Wochen nach derselben,
im Gebiete der Hiuterseiteiistraugliabii eine elliptische, gelb ge-
färbte, degenerirte Stelle, welche dem Faseracomples der Pyramiden-
seitenstraugbahn des Menschen entsprach. Singer sagt jedoch, „so
klar und deutlich bei dieser Degeneration nun der makroskopische
Befund war, um so schwieriger gestaltete sich der mikroskopische* .
Ich will gleich hier erwähnen, dass vor Siugor sich Bins-
vanger ') mit demselben Thema beschäftigt und keine abstei-
ude Degeneration nach Zerstörung der Centra beobachtet hat.
oinger erklärt diesen Misserfolg damit, dass Binswanger in
seinen Versuchen eine nicht genügende Partie der Gehirnrinde
entfernt und dass er die Thiere zu lange am Leben gelassen bat,
so dass alle Spuren der Degeneration verschwunden waren.
In demselben Jahre fast gleichzeitig mit Singer's Unter-
suchungen erschien eine Arbeit von Dr. E. A. Hörnen über die
secundäre Degeneration beim Menschen. Homen theilt mit, dass die
secundäre Degeneration längs der von Flechsig angegebenen
Bahnen fortzuschreiten scheine. Neues gibt Homen insoferae an,
dass bei der absteigenden Degeneration die Schleifenschicht des
Pons und der Medulla oblongata mitafficirt ist.
Aus dem Vorhergehenden ist zu ersehen, dass die Frage über
die secundäre Degeneration weder vom genetischen noch vom histo-
logischen, noch auch vom Standpunkte der Topographie einheitlich
beantwortet ist.
Ich bin nun in der Lage Einiges zur Klärung dieser Frage
'} Aren, für Psychiatrie, IL Bd. p. 315.
Degeneration des Kückenmarkes. 601
beizutragen. Ich werde hier nur die secundäre Degeneration ein-
gehend besprechen. Von den traumatischen Veränderungen werde
ich nur so viel behandeln, als es zum besseren Verständniss der
Degeneration nothwendig ist.
Die Methode, deren ich mich bediente, war die folgende: Ich
legte das Rückenmark in toto auf 2 Tage in Müller'sche Flüssig-
keit, schnitt es hierauf in V/2 Ctm. lange Stücke, legte diese
Stücke wieder in die Flüssigkeit ein und Hess sie hier etwa 2 — 3
Wochen. Hierauf brachte ich die Stückchen auf 1 — 2 Tage in ge-
wöhnlichen Alkohol. Die Behandlung des Rückenmarkes mit abso-
lutem Alkohol oder das längere Liegenlassen im schwachen Alkohol
habe ich deshalb vermieden, damit nicht das etwaige Auftreten von
Fett in den degenerirten Partien unkenntlich werde. Die in der an-
gegebenen Weise gehärteten Präparate wurden, wie folgt gefärbt:
Ich liess sie 24 Stunden in neutraler Carminlösung, hierauf
nach Waschung i/z — s/lk Stunden in Alkohol, einige Minuten in
Nelkenöl und conservirte sie in Damarlack. In einigen Fällen habe
ich auch die Henle'sche combinirte Palladiumchlorid-Carminfärbung
angewendet1). Unter allen diesen Färbungsmethoden bewährte sich
die Färbung mit neutralem Carmin am besten.
Um die Entstehung und Verbreitung der Fettkörnchen genauer
zu studieren, habe ich auch kleine, frische Rückenmarksstückchen
in 0*5#igeUeberosmiumsäure auf 3— 4 Tage gelegt, mit dem Mikro-
tom geschnitten, die erhaltenen Schnitte in Ammoniak getaucht
und im Glycerin mikroskopirt.
Untersuchung.
A. Traumatische Veränderungen.
Makroskopisch liess sich an dem traumatischen Herde con-
statiren, dass die Stümpfe nach 2 — 3 Wochen an der Trennungs-
stelle durch eine Narbe verwachsen waren, die mit den Meningen
und dem Periost im Zusammenhange stand.
*) Es wurden die Schnitte auf 2— 5 Minuten in eine Palladium -Chlorid-
lösung (1 : 1000) gelegt und nach kurzer Waschung im Wasser auf 2—3
Minuten in eine Lösung von carminsaurem Ammoniak gebracht. Darauf
wurden die Präparate wieder gewaschen, in Alkohol gelegt, in Nelkenöl
transparent gemacht und in Damarlack eingebettet.
<Mft Icmla
Bei jartMtai DarctedneidaDg« bemeririe um Mdb Los-
priftrinmg des die Wunde snrfUknden Bindegewebes, die mit
der Ffs in engem Zinwmmflnhnngfi stand, ein Klaffen 4er Schnitt-
stelle. Dies war sowohl bei der Durchscfcneidinig dar Settenetarfoge
als auch bei der Durchschneidung der Vorder- und Hinterstr&nge
der Fall. Die Rftckenmaitast&mpfe, besonders der centrale Stampf
wagten sieh in den ersten Stadien etwas gewulstet, in späteren
aber nach 4 — 5 Monaten nicht selten verdünnt Nach Durdisehnei-
dung des Rückenmarkes Ms auf die SeitenstrÄnge habe ich manch-
mal an der Wandstelle eine cystoide Höhle gefunden.
Bei partiellen Durchschneidungen Hess ach ztt dieser Zeit
constatiren, dass der eberhalb der Verletzung liegende Theü der
Araehnoidealhöhle über die Läsionsstelle hinweg mit dem unterhalb
derselben liegenden Theüe communicirte.
Die makroskopische Besichtigung der tingirten Querschnitte
in der Höhe der Narbe Hess nicht mehr das normale Bild des
Bückenmarkes erkennen. Die Pia war ausserordentlich stark ver-
dickt und dunkler gefärbt, als die übrigen Partien des Rücken-
markes. Die graue Substanz mit ihren Körnern war verjüngt und
hatte ihre normale Zeichnung verloren. Erst in einiger Entfernung,
etwa von 1 Ctm., stellten sich die normalen Formen wieder ein.
Je weiter ich von dem Schnitte nach oben fortschritt , um so mehr
näherte sich das Bild der Norm.
Die mikroskopische Untersuchung lehrte, dass die der Ope-
rationsstelle entnommenen Präparate stellenweise von capillaren
Blutextra vasaten durchsetzt waren. Die zahlreichen Capillaren der
grauen Substanz, sowie die spärlichen Gefasse in der weissen Substanz
waren dilatirt und strotzend mit Blutkörperchen gefüllt. Die auf-
fallendsten Veränderungen waren an den Nervenfasern, an der
Neuroglia und den Ganglienzellen zu beobachten.
In Präparaten von Thieren, die zwei Wochen und darüber
nach der Operation am Leben gelassen wurden, fallen vor Allem
die mächtig geschwellten Axencylinder auf, welche an den tingirten
Präparaten von einem ungefärbten Hinge umgeben sind.
Die Form des Axencylinders ist an Querschnitten grössten-
teils rund, zuweilen aber eingebuchtet, so dass sie ein mehr halb-
mondförmiges Aussehen darbietet.
Degeneration des Rückenmarkes. 603
Die Axencylinder waren entweder homogen und dann intensiv
roth gefärbt, oder körnig und dann nur fleckig oder gar nicht ge-
färbt. Andere enthielten Kerne theils mit, tbeils ohne Protoplasma
oder sie zeigten helle Stellen, die an Vacuolen erinnerten.
Bei genauerer Untersuchung der sie umgebenden hellen Ringe,
welche ihrer Lage zu Folge einem Reste der Markscheide ent-
sprechen, konnte ich die normalen, concentri .sehen Streuungen der
Markscheide nicht mehr wahrnehmen, wohl aber einige, zuweilen
netzförmig angeordnete Fädchen, so wie spärliche, ungefärbte
Körnchen.
An Längsschnitten sieht man die wiederholt beschriebenen
spindelförmigen Anschwellungen und kolbige Auftreibungen der
Axencylinder, welche stellenweise eine körnige Zeichnung zu er-
kennen geben.
Die Schwellung der Axencylinder an der Operationsteil «
konnte ich auch an Thieren, die selbst zwei Monate und darüber
nach der Operation gelebt haben, constatiren.
Die Neuroglia sowohl der weissen, wie der grauen 8ub*tanz
war in der Regel gewuchert. Die Gliazellen waren vergrößert, ihre
Fortsätze verdickt, deutlich miteinander anastomottirond, die Kerne
der Glia vermehrt. An einigen Stellen war die Wucherung d«r Glia
in der weissen Substanz so mächtig, dann von Nervenfasern nU'hi*
oder nur vereinzelte geschwellte Axencylinder zu nahm war«n '),
In späteren Stadien gewann die Glia ''in fibrillär«* Au**«b«n
und zwar oft in einem so hohen Grade, da** man im Narbeng^biel«
kaum einen Unterschied zwischen weiter und grauer Kub»Unz
machen konnte. Die Cefa.*» Wandungen waren verdickt I>ie Ganglien-
zellen und ihre Ausläufer waren meiat v«r*cbwurjd«n/ oder dl«
Zellen erschienen in Form von unregelmäßigen , wie Mwwiyi
aussehenden Gebilden. An einten von ihnen könnt* mnn *«b«n,
dass sie meist durch Bncbtenbildung, zuweilen atwh duwh Vivwtlm*
bildung zerklüftet waren. Di« Zahl der Utvhtxn und Vaiwlftfi er-
schien oft so grcfcg, d&& von einigen Gangli^nz^ll'fn nur Hjruren von
schwach gefärbtem Pr<44f»la»ma übrig geblieben wzrw,
In den Backten und Xv&Am \*tonAün *w\% %Udl*nwfri**
runde Zellen mit sp&rlitt&m Vr<A/>pbxm* <Axt U*\* Kwnti, in *iui-
604 K n s m in-
gen Ausbuchtungen schwach von Carolin gefärbte Körnchengruppen.
Ausläufer und Kerne waren an derart beschaffenen Zellen nicht
wahrnehmbar. Die vorderen und hinteren Nervenwurzeln schienen
längs ihres Verlaufes im Bückenmarke in der weissen Substanz
stellenweise verdickt, stellenweise dünner und in ihrer Continuität
durch Lücken unterbrochen.
Sowohl die Veränderung in der grauen, wie in der weissen
Substanz erstreckte sich in der ganzen Ausdehnung des Querschnittes
und 1 Ctm. nach oben und unten von der Operationsstelle.
Ueber diese Entfernung hinaus konnte man sehen, dass die
Area der grauen Substanz auffallig eingeengt war. Die Vorder- und
Hinterhörner erschienen hier schlanker, ja zuweilen derart verdünnt,
dass sie nur mit Mühe zu verfolgen waren. Die Ganglienzellen
im Vorderstrang waren zwar als deutlich verzweigte Gebilde zu
erkennen, aber sie waren klein und von grossen, pericellulären
Bäumen umgeben. Die wie angenagt aussehenden Ganglienzellen
enthielten Kerne von normalem Aussehen. In jenen Zellen aber,
deren Leib zum Theile geschwunden war, erschienen die Kerne
vermehrt.
In der weissen Substanz konnte ich mehrere Nervenfasern
mit geschwellten Axencylindern erblicken, welche unregelmässig um
die graue Substanz herum und in der Peripherie zerstreut waren.
Die Gliazellen waren überall verdickt, vermehrt, ihre Ausläufer
geschwellt, die Gliakerne vergrössert und an Zahl vermehrt. Diese
Veränderung der Neuroglia war sowohl in der grauen, wie in der
weissen Substanz durch die ganze Ausdehnung des Querschnittes zu
constatiren.
Noch weiter von der Durchschnittsstelle (z. B. 5—6 Ctm.)
konnte man nur mehr hie und da einen geschwellten Axencylinder
sehen. In dieser Höhe beginnen jene Veränderungen, welche von den
Pathologen als Degenerationsvorgänge aufgefasst werden, und welche
ich nun des Genaueren besprechen will.
B. Degeneration.
An Präparaten des Bückenmarkes von Thieren, die in der
Gegend des zwölften Brustwirbels operirt worden waren, sehen wir,
nach Behandlung mit Müll er' seh er Flüssigkeit makroskopisch, dass
die degenerirten Stellen oberhalb des Durchschnittes heller gelb
Degeneration des Bückenmarkes. 605
gefärbt sind, als die normalen Partien. Dies lichtere Gelb erscheint
am deutlichsten ausgesprochen an den hinteren Strängen und einer
peripherischen Zone der Seitenstränge, Avelche sich nach vorne zu
verschmälert und bis an die Grenze der Vorderstränge reicht. Der
gelbe Farbenton der hinteren Stränge erstreckt sich von der Durch-
schnittsstelle 5 Ctm. und sogar weiter nach oben und reicht fast
durch die ganze Quere der Hinterstränge. Von da ab begrenzt
sich die lichtgelb gefärbte Partie auf das sogenannte Goll'sche
Dreieck und lässt sich noch an der Med. oblong, nachweisen. Nach
unten hingegen reichte die gelbe Färbung auf eine Entfernung von
1 bis 2 Ctm. und ging allmälig in den normalen dunkelgelben
Farbenton der übrigen Partien über.
Ueber die Zone an den Seitensträngen konnte ich bei makro-
skopischer Besichtigung nur so viel eruiren, dass sie nach oben bis
zur Medulla oblongata als ein schmaler Streifen sich erstreckt.
Nach abwärts verschmälert sich die Zone immer mehr und mehr,
bis sie sich dem unbewaffneten Auge vollständig entzieht.
Lässt man so gefärbte Präparate längere Zeit in absolutem Alko-
hol, dann verlieren sie diesen gelben Farbenton. An Präparaten von
Thieren, die schon 13 Tage nach der Operation getödtet wurden, sah
man diese Verhältnisse schon in der besagten Zeit deutlich und
in der erwähnten Ausdehnung ausgeprägt. An mit neutraler Carmin-
lösung gefärbten Schnitten waren die degenerirten Stellen auffallend
dunkel tingirt, besonders an den Goll'schen Strängen und den
Fasciculi graciles.
Die mikroskopische Untersuchung der degenerirten Stellen lehrt
Folgendes:
Die Degeneration erscheint ausgedehnter, als es die makro-
skopische Untersuchung des mit Müller'scher Flüssigkeit gefärbten
Bückenmarkes ergab. Die Beobachtungen jener Autoren, welche die
Degeneration an Präparaten, die in Chromsalzlösungen gelegen hatten,
makroskopisch studirten, sind somit als ungenau anzusehen. Das-
selbe gilt auch von den Angaben jener Forscher, welche mit Carmin
gefärbte Präparate makroskopisch untersucht haben. Die Intensität
der Carminfarbung hängt, wie ich schon hier bemerken will, nur von
der Intensität der Glia- Wucherung ab *). Die Intensität der Carmin-
!) Der Meinung Bart h's, dass die tiefere Carminfarbung der erkrankten
Med. Jahrbttcher. 1882. 39
606 Knsmiii.
f ärbung erlaubt daher nur einen Bückschluss auf die Ausdehnung
der Glia- Wucherung, keineswegs aber auf die Ausdehnung der De-
generation.
Da, wie ich später zeigen werde, bei der Degeneration die
Wucherung der Neuroglia in den verschiedenen Stadien sich ver-
schieden verhält, so muss auch dem entsprechend die Intensität der
Färbung variiren.
1. Degeneration der weissen Substanz in frühen Stadien.
Schon an Präparaten, die zwei Wochen nach der Operation
angefertigt wurden, waren sowohl die Nervenfasern, als auch die
Neuroglia an der Degenerationsstelle deutlich verändert.
In BetreiF der Veränderungen der Nervenfasern habe ich Fol-
gendes mitzutheilen :
Eine Gruppe von Axencylindern erscheint massig geschwellt und
intensiv roth gefärbt, eine andere roth gefärbt aber granulirt. Andere
Nervenfasern zeigen unbedeutende Schwellung der Axencylinder, und
in diesen nur einzelne rothgefärbte Körner. Ferner gibt es Axen-
cylinder, welche körnig aussehen, aber vollständig ungefärbt sind.
Bndlich kommen Nervenfasern vor, deren Axencylinder nicht mehr
zu sehen sind, an deren Stelle aber ein Haufen von zerstreut oder
dicht an einander liegenden Körnchen gefunden wird (s. Fig. 1).
Zwischen den degenerirten Nervenfasern kommen solche von nor-
malem Aussehen vor. Die Gliazellen traten zu dieser- Zeit schon
deutlich hervor, ihre Fortsätze waren verdickt. Ausser diesen Er-
scheinungen boten einige Präparate ein eigentümliches Aussehen
dar. Es zeigten sich von Stelle zu Stelle in der weissen Substanz
bald kleinere, bald grössere Lücken. Es kann keinem Zweifel
unterliegen, dass die Lücken den Querschnitten veränderter Ner-
venfasern entsprechen. Es erhellt dies einerseits aus dem Um-
stände, dass die Lücken sich bei der Handhabung der Stellschraube
als Hohlcylinder präsentiren, andererseits aber enthielten die Lücken
noch Beste der Markscheide. Ferner waren in den Cavitäten bald
Querschnitte geschwellter Axencylinder zu sehen, bald enthielten sie
kleine, zahlreiche Körnchen.
Stellen durch das Auftreten von leicht tingirbaren „Eiweissnioleculen" be-
dingt sei, kann ich nicht beistimmen, weil ich nie in die Lage kam, die
Anwesenheit solcher Körnchen zu constatiren.
Degeneration des Rückenmarkes. 607
Stellenweise boten die Lücken das Aussehen, wie wenn sie
durch Confluenz benachbarter Bäume entstanden wären 1). Man sah
dann grössere Hohlräume von bald mehr oder weniger vollstän-
digen Scheidewänden durchzogen.
Bei genauerer Untersuchung konnte man constatiren, dass die
Veränderungen der Nervenfasern von den Axencylindern ausgehen.
Es folgt dies aus Untersuchung von Präparaten, in welchen die
Axencylinder gänzlich in Körner zerfallen waren, während von der
Markscheide noch deutlich sichtbare Beste, ja stellenweise noch eine
concentrische Schichtung beobachtet werden konnte.
An den Nervenfasern der Hinterstränge waren die Charaktere
der Veränderungen dieselben wie im Vorder- und Seitenstrange.
Die Axencylinder waren gleichfalls stellenweise vergrössert, in
Carmin schwer zu färben, einige total in Körnchen zerfallen, oder
ganz geschwunden. Die Gliazellen erschienen deutlich vermehrt,
verdickt, die freien Kerne vermehrt. Die Gefasse zeigten, wenn der
Process nicht sehr alt war, an der Degenerationsstelle keine be-
sonderen Veränderungen.
Aus dem Gesagten geht entgegen den Angaben Türck's her-
vor, dass schon nach zwei Wochen sowohl die Neuroglia, als auch
die Nervenfasern an dem Degenerationsprocess gleichzeitig partici-
piren. Als Charakteristisches für die Gliawucherung führe ich be-
sonders an, dass dieselbe in den früheren Stadien immer nur um
erkrankte Nervenfasern herum auftritt. Daraus geht hervor, dass
die Veränderungen der Neuroglia nicht primär, sondern im Zusam-
menhange mit der Erkrankung der Nervenfasern auftreten.
Da man in der Begel in der Umgebung gering veränderte
Axencylinder und die Glia schon geschwellt findet, muss des Weite-
ren angenommen werden, dass die Erkrankung der Axencylinder und
die der benachbarten Glia in der Zeit nicht weit auseinander fallen.
Die graue Substanz liess in diesem Stadium keine deutlichen Merk-
male einer degenerativen Veränderung erkennen.
Um mir einen Aufschluss zu verschaffen, ob die secundären
Veränderungen im Eückenmarke mit einer fettigen Degeneration
der Axencylinder einhergehen, behandelte ich frische Präparate nach
*) Namentlich war dies der Fall nach Hemisection im Lenden- und
Halsmarke bei einem und demselben Thiere.
39*
eg»ben«m Weise mit Uebcrosmiumsäure. Es zeigte
i die Körnchen, in welche die A sencylinder. zerfallen,
urfturo dunkelbraun färben. Es ist somit anzunehmen,
icylinder lettig dugonorireu. In der Glia selbst kommt
e Degeneration vor,
wrdem üuss sich constatiren, dass der Axencylinder in
Jtattreaction zeigt, und dass um ihn herum die Mark-
miu zuweilen eine aus gefärbten und ungefärbten Lagen be-
lende Schichtung erkennen Iftsat. In späteren Stadien ist auch
Markscheide »*** mnhr *n pnhnn Es entbalteu dann die an
He der Norveuiaau« icken eine von Osmium ge-
nwärzte Masse.
Die Angabe der Autoren, dass ugs der Gefässe Anhäufungen
Fettkörneben und Fettkörneheuz slleu zu finden sind, konnte
auch an Ojruiuniprä paraten nicht constatiren. Die Angaben über
Vorkommen von Fettkörneben in der grauen Substanz kann
i gleichfalls nicht bestätigen.
ntersuchnug des Kückenmarkes in späteren Stadien
der Degeneration.
Untersucht man das Bückenmark von Thieren, welche 3 Mo-
nate nach der Operation gelebt haben, so zeigt es sieh, dass viele
Nervenfasern geschwunden sind, wahrend andere in den früher be-
schriebenen Stadien des körnigen Zerfalles sich befinden.
Die Neuroglia hingegen zeigt eine bedeutende Wucherung. Die
Lücken an Stellen der Nervenfasern erschienen kleiner, stellenweise
ganz verwischt. Die mehr oder weniger normal aussehenden Ner-
venfasern stehen viel weiter auseinander, als in der Norm. Die
Wucherung des Bindegewebes gewinnt mit dem Alter der Degene-
ration immer mehr an Ausdehnung und ergreift endlich noch jene
Theile der weissen Substanz, welche in den jüngeren Stadien der
Degeneration unverändert angetroffen werden.
Auf Kückenmarks -Querschnitten von Hunden, die 4 Monate
nach der Operation gelebt haben, konnte man sehen, dass die
Glia durch die ganze Quere der weissen Substanz, besonders stark
aber an der Peripherie gewuchert ist. An jenen Stellen, an wel-
chen die Degeneration an normale weisse Substanz grenzte, hatten
Degeneration des Rückenmarkes. 609
viele der zwischen dem gewucherten Bindegewebe eingeschlossenen
Nervenfasern ihr normales mikroskopisches Bild nicht eingebüsst;
nur einige zeigten eine geringe Schwellung der Axencylinder und
körnigen Zerfall, an welchem die Markscheiden mehr oder weniger
participirten. In jenen Fällen, in welchen die Gliawucherung grös-
sere Dimensionen angenommen hatte, zeigten sich auch die Gefass-
wandungen stark verdickt. Diese Verdickung betraf hauptsächlich
die Adventitia. Der Centralkanal war in einigen Fällen vergrössert.
Bei genauer mikroskopischer Untersuchung mit starken Ver-
grösserungen stellte sich das gewucherte Bindegewebe in Form von
feinen, quer oder schief durchschnittenen Fibrillen dar.
Die Ganglienzellen der grauen Substanz waren zumeist von
normalem Aussehen, aber mit einem dicken Bingo von Glia um-
geben. In den Vorderhörnern waren die Ganglienzellen an Zahl ver-
ringert. Einige derselben zeigten randständige Einbuchtungen und
Vacuolen in ihrem Körper. Diese Veränderungen waren besonders
bei der absteigenden Degeneration in den Vorderhörnern des Brust-
markes ausgeprägt. Es waren dies Degenerationen, welche nach
Durchschneidung der Vorder- und Hinterstränge und der grauen
Substanz im Halsmarke aufgetreten waren.
Topographie1) der aufsteigenden Degeneration nach to-
taler Durchschneidung des Lendenraarkes.
Ich habe schon oben erwähnt, dass die aufsteigende Degenera-
tion bei der makroskopischen Besichtigung sich auf die GolFschen
Stränge und eine schmale Zone an der hinteren Peripherie der
Seitenstränge erstreckt. Auf Grundlage von mikroskopischen Unter-
suchungen habe ich hinzuzufügen, dass die Degeneration ein wei-
teres Gebiet ergreift, als die Untersuchung mit unbewaffneten
Augen lehrt. Es gilt dies namentlich in Betreff der Zone an der
äusseren Peripherie der Seitenstränge. Es ergibt sich bei der mi-
kroskopischen Untersuchung von Schnitten aus dem Brustmarke,
dass nahezu die ganze äussere Hälfte der Seitenstränge degenerirt
ist. Die Degenerationsstelle beginnt des Genaueren — wie Fig. II
*) Die für das Studium der Topographie geeignetsten Präparate sind
solche, welche 2—5 Wochen nach der Operation angefertigt worden sind.
610
lehrt *— in der Aussenseile «l«r hinteren Hörner der grauen Sub-
4m, liebt lln ■ des Bnaann Händen der hinteren Wurzeln, ge-
tnnt TOB dt tu Britta und rückt nach vorne bis an die voi
t nein heran.
Die innere Umgrenzung dieses Terrains ist keine scharfe, na-
mentlich nach Tone tiinl innen verliert sich die erkrankte Partie
Buccessive in du gesunde Gewebe. Das Gebiet an der Grenze
der grauen SnbsUai und die Vorderstränge selbst enthalten keine
Anzeichen Ten Degeneration.
In den hinteren und äusseren Partien der degeuerirteu Zone
erweisen Bich mehr Nervenfasern degenerirt, als in dem nach vorne
gelegenen Tbeile. Im Halsmarke gestalten sich die Verhältnisse in
ähnlicher Weise, nur erscheint die Degenerationszoue an den Sei-
tenstrangen nicht so breit, wie im Rückenmarke (Fig. III). Ferner
kommen nur einzelne degenerirte Fasern in den vorderen Partien
der Zone Tor. In den unteren Partien der Medulla oblongata Hess
sich die Degeneration an den Fiuiiculi graciles und mehr nach hin-
ten an den Corp. restiformia sowohl in den Nervenfasern, als auch
in der Glia deutlich and ziemlich ausgebreitet nachweisen.
Alle Forscher geben an, ilass die aufsteigende Degeneration
sich bis an die Medulla oblongata verfolgen lässt. Meine Unter-
suchungen lehrten, dass diese Angaben unvollständig sind. Indem
ich aufsteigend weitere Schnitte bis zum Pons Varoli anfertigte,
konnte ich constatiren , dass die Degeneration des bekannten Drei-
ecks der Fimiculi graciles sich allmälig am Boden des 4. Ventri-
kels der Sichtbarkeit entzieht.
Die Corp. restiformia enthielten zahlreiche degdherirte Nerven-
fasern, welche an der Peripherie dichter gedrängt waren. An Quer-
schnitten unterhalb der Olive waten gleichfalls deutliche Merkmale
von Degeneration im medialen und lateralen Keilstrange zu beob-
achten. Doch war das Gebiet der Degeneration im medialen Keil-
tsrange auf ein Minimum redticitt.
Die Degeneration erstreckte sich aber noch weiter hinauf bis
zum Pons Varoli. In der Höbe der Olivenmitte zeigte der Quer-
schnitt nichts mehr von dem erwähnten Dreieck, wohl aber Dege-
neration an den Corp. restiformia. An der Stelle des Dreiecks waren
jetzt die unveränderten grauen Nuclei des Nervus hypoglossus
wahrzunehmen.
Degeneration des Rückenmarkes. 611
Auf Querschnitten durch den Pons konnte ich beiderseits deut-
lich degenerirte Nervenfasern nachweisen. Die degenerirten Fasern
liegen in den Nervenbündeln d§r weissen Substanz und zwar in den
unteren Partien des Pons Varoli.
Die Zahl der erkrankten Fasern in den einzelnen Bündeln
schwankt in weiten Grenzen. Um die degenerirten Fasern fand ich
Wucherung der Glia, die aber im Vergleich mit der Gliawuche-
rung im Kückenmarke spärlicher entwickelt war. Die degenerirten
Nervenfasern fanden sich in einiger Entfernung von der unteren
Peripherie und ziemlich weit nach aussen von der Eaphe vor. Man
konnte sie z. B. unmittelbar nach innen von der Wurzel des Nerv,
abducens im oberen Brückenfaserstrange constant beobachten. Die
degenerirten Fasern verlaufen durch die ganze Länge des Pons
Varoli und übergehen in die unteren Partien des Hirnschenkels,
und zwar in den Fuss desselben. Auch hier liegen sie nicht unmit-
telbar an der Peripherie, sondern in einiger Entfernung von der-
selben, fast bis an die graue Substanz reichend. Man hat es hier
zumeist mit zerstreut liegenden degenerirten Fasern zu thun.
An der Uebergangsstelle der Brücke in die Hirnschenkel be-
obachtete ich gleichfalls beiderseits degenerirte Nervenfasern, die
ihrem Verlauf und ihrer Localisation zufolge als eine Fortsetzung
der degenerirten Fasern der Brücke anzusehen sind.
Ferner habe ich meine weitere Aufmerksamkeit der Unter-
suchung der Thalami optici und der Capsula interna zugewendet.
Ich konnte constatiren, dass die degenerirten Nervenfasern in dem
optico-lenticulären Theil der Capsula int. unzweifelhaft zu verfolgen
sind. In der grauen Substanz der Thalami optici konnte ich keine
degenerativen Vorgänge erblicken, wohl aber auf Querschnitten der
weissen Substanz, so wie auch in den an die graue Substanz gren-
zenden Partien derselben.
Die degenerirten Fasern stellten sich in der Capsula interna
und im Thalamus opticus als vereinzelt degenerirte Nervenfasern dar.
Stellenweise zeigten die Gliazellen eine unbedeutende Wucherung.
Diese Versuche geben also einen neuen Beleg dafür, dass
sowohl die Seiten- wie die Hinterstränge lange centripetal leitende
Bahnen besitzen.
612 Kusmin.
Topographie der absteigenden Degeneration nach totaler
Durchschneidung des Lendenmarkes.
An der absteigenden Degeneration nehmen, wenn die Thiere
2 — 5 Wochen die Operation überlebt haben, die Vorder-, so wie
auch die Seitenstränge Theil. Während aber die Degeneration der
Seitenstränge bis an den Conus medullaris vorrückt, wird die De-
generation der Vordersti änge, von der Lendenmarkanschwellung an-
gefangen, immer unscheinbarer und ist nahe an dem Conus selbst
nicht mehr nachzuweisen.
Auch die absteigende Degeneration ergreift von den Seiten-
strängen nur die äusseren Hälften und confluiit noch vorne mit
den degenerirten Vordersträngen. Die degenerirten Fasein verbrei-
teten sich durch die ganze Ausdehnung der peripheren Hälfte der
Seiten- und Vorderstränge. Zwischen den degenerirten Fasern kom-
men auch hier viele normale Nervenfasern vor. Näher an der
grauen Substanz verhielten sich die Nervenfasern überall normal.
Das normale Gewebe präsentirte sich sowohl in den Vorder- als
in den Seitensträngen als eine breite, an der grauen Substanz an-
liegende Zone.
In der von den Autoren als Pyramiden -Seitenstrang bezeich-
neten Gruppe von Fasern habe ich nur vereinzelte Nervenfasern
degenerirt gefunden.
Diese Versuche ergeben gleichfalls eine Bestätigung der durch
das Experiment gewonnenen Thatsache, dass in den Seiten- und
Vordersträngen lange centrifugal leitende Bahnen verlaufen.
Absteigende Degeneration uach Zerstörung der motori-
schen Rindencentren.
Prof. Stricker hat in seinen Vorlesungen einem Hunde zu-
erst auf der rechten Seite, zwei Wochen später auf der anderen
Seite die motorischen Rindencentra entfernt. Das Thier starb 7 Wo-
chen nach der Operation.
Ich benützte die Gelegenheit, das Rückenmark dieses Hundes
zu untersuchen. Es stellte sich nun heraus, dass absteigende Dege-
neration durch die ganze Länge des Rückenmarkes deutlich ausge-
prägt war. Das degenerirte Gebiet befand sich analog den früheren
Fällen im Vorder- und Seitenstrange. Ein Unterschied war nur in
Degeneration des Rückenmarkes. 613
soferne zu constatireu, als die Zahl der degenerirten Nervenfasern
im Vergleich zu den früheren Fällen viel geringer war. Die Glia-
wucherung war auch deutlich ausgeprägt.
Topographie der auf- und absteigenden Degeneration
nach partieller Durchschueidung des Kückenmarkes.
Bei der partiellen Durchschneidung des Hals- oder Lenden-
markes, bei welcher der Schnitt die Vorder-, Hinterstränge und
die graue Substanz traf, konnte man nach 5—6 Wochen auf- und
absteigende Degeneration constatiren. Die aufsteigende war bis in
die Funiculi graciles, die absteigende aber bis in die Lendenschwel-
lung und tiefer hinab zu verfolgen. In der Lendenschwellung selbst
konnte ich nur mehr einzelne degenerirte Fasern beobachten. Diese
Versuche beweisen also, dass die Vorder- und Seitenstränge selbst-
ständige lange Bahnen besitzen.
Um die Topographie der Degeneration noch genauer zu stu-
diren, habe ich folgendes Experiment angestellt. Ich habe in der
Gegend des 6. Halswirbels eine rechtsseitige Hemisection gemacht.
Die Wunde heilte per primam und nach 5 Wochen habe ich eine
zweite Hemisection auf derselben Seite im Lendenmarke ausgeführt
und Hess den Hund 372 Wochen am Leben. Ich habe dieses Ex-
periment zu dem Zwecke ausgeführt, um in einer Partie des Kücken-
markes gleichzeitig auf- und absteigende Degeneration zu erzeugen.
Die Degeneration erstreckte sich in dem zwischen den beiden
Schnitten liegenden Gebiete als eine breite Zone längs des Sulcus
anterior im rechten Vorderstrange, zog von hier längs des äusseren
Bandes in den Seitenstrang hinein, wo sie sich über die ganze
äussere Hälfte des Seitenstranges ausdehnte. Ausserdem erschien
der rechte Hinterstrang in der bekannten dreieckigen Form dege-
nerirt. Es zeigte somit in diesem Falle das degenerirte Gebiet eine
solche Ausdehnung, wie sie nur durch das gleichzeitige Auftreten
einer absteigenden oder aufsteigenden Degeneration erklärt wer-
den kann.
Die mikroskopische Untersuchung der erkrankten Stellen
lehrte, dass fast alle Nervenfasern der peripheren Hälfte des Sei-
tenstranges degenerirt waren. In der Nähe der grauen Substanz
waren die Nervenfasern normal. Die unverletzte Seite bot normale
614 K us min.
Verhältnisse dar, nur in der äusseren Hälfte des Seitenstranges
zeigten sich hie und da sehr vereinzelt ') degenerirte Nervenfasern.
Eine scharf begrenzte Degenerationszone, welche der Pyramiden-,
Vorder- und Seitenstrangbahn der Autoren entsprechen würde, konnte
ich auch bei der Untersuchung dieses Präparates nicht nachweisen.
Nach einseitiger Hemisection habe ich gleichfalls ab- und
aufsteigende Degeneration beobachtet. Topographisch verhielt sich
dieselbe in ähnlicher Weise, wie die nach totaler Durchschneidung,
es war aber die Degeneration hier nur auf der Seite der Operation
vorhanden.
Topographie der Degeneration in späteren Stadien.
Wenn die Thiere 4—5 Monate die Operation überlebt haben,
dann erscheinen die degenerirten Partien ausgebreiteter. Die mi-
kroskopische Untersuchung lehrte, dass dies durch Wucherung der
Glia und Degeneration einzelner Nervenfasern bedingt wird. Obwohl
in solchen Fällen die Glia mächtig entwickelt erschien, so war die
Function der von der Glia eingeschlossenen Nerven nicht wesentlich
beeinträchtigt. Es folgt dies aus folgendem Versuche:
Es wurde Hunden das Rückenmark, die Vorderstränge oder
die Seitenstränge ausgenommen, ganz durchschnitten. Nachdem die
Thiere 6 Monate gelebt hatten, fand sich die Glia auf dem ganzen
Querschnitte der Vorderstränge gewuchert. Gleichwohl zeigten die
willkürlichen Bewegungen der hinteren Extremitäten, dass die
Leitungsfähigkeit der Vorderstränge (beziehungsweise der Seiten-
stränge) durch diese Gliawucherung nicht vollständig aufgehoben war.
Indem ich die Resultate meiner Untersuchung überblicke,
muss ich anerkennen, dass ich nicht im Stande bin, über die
nähere Ursache dieses Processes Aufschluss zu geben. Die An-
sichten der Autoren gehen, wie ich schon mitgetheilt habe, in
diesem Punkte auseinander. Eine Angabe lautet, dass durch die
Operation ein Reiz ausgeübt werde, der zur Degeneration fuhrt.
Da in meinen Versuchen die Wunden per primam heilten
und keine Symptome von Reizerscheinungen vorhanden waren, so
1) Die zerstreut liegenden veränderten Fasern an der linken Seite
konnten möglicherweise daher rühren, dass bei der Ausführung der Hemisection
einige von rechts nach links übergehende Fasern vom Schnitte getroffen wor-
den und in Folge dessen der Degeneration anheimgefallen sind.
Degeneration des Rückenmarkes. 615
kann ich wohl mit einigem Becht behaupten, dass es das Trauma
allein ist, welches die erwähnten Bahnen ausser Function setzt
und dadurch ihre Degeneration bedingt. Auch der Versuch, die
secundäre Degeneration aus der Abtrennung der Nerven von trophi-
schen Centren herzuleiten, oder die Ausbreitung der Degeneration
von einer Fortpflanzung längs der lymphatischen Gefasse oder des
Bindegewebes zu erklären, ist nicht hinreichend motivirt.
Denn einerseits ist die Existenz trophischer Centren überhaupt
nicht erwiesen, andererseits lehrt die oben besprochene Topographie
der Degeneration, dass die Ausbreitung der degenerativen Vorgänge
keineswegs sich an den Verlauf von Bindegewebssträngen oder
Lymph- und Blutgefässen hält, sondern vielmehr bestimmten Ner-
venbahnen folgt. Daraus, dass schon in den früheren Stadien sich
die degenerative Veränderung durch die ganze Länge der Nerven-
fasern in gleicher Intensität erstreckt, lässt sich der Schluss ziehen,
dass die Ursache dieser Veränderung die ganze Nervenfaser gleich-
zeitig trifft. Es ist nun schwer sich vorzustellen, welcher Art diese
Ursache sein müsste. Bei diesem Umstände liegt es am nächsten,
zu vermuthen, dass es die Functiolaesa sei, durch welche die De-
generation der verletzten Nerven bedingt wird.
Die Resultate, kurz zusammengefasst, lauten:
1. Die Thatsache der auf- und absteigenden Degeneration nach
totaler oder partieller Durchschneidung des Rückenmarkes ist durch
meine Untersuchungen vollkommen bestätigt.
2. Die aufsteigende Degeneration verbreitet sich in den Goll'-
schen Strängen und in äusseren Partien der Seitenstränge.
3. Die absteigende Degeneration occupirt die Vorder- und
Seitenstränge. Die von Türck und Schiefferdecker beschriebene
schmale Zone an der Fissura anterior, die Hülsenstrang- und die
Pyramidenseitenstrangbahnen, bilden nicht für sich abgeschlossene
Systeme von Nervenbahnen.
4. Alle an der grauen Substanz angrenzenden Partien der
Vorder-, Seiten- und Hinterstränge bleiben von der Degeneration
verschont. In den Hintersträngen ist die Degeneration scharf auf
die Goll'schea Stränge begrenzt.
616 Kusmin.
5. Mit der Entfernung von der Durchschnittsstelle werden
die Degenerationszonen schmäler, behalten aber dabei immer ihre
periphere Lage.
6. Das degenerirte Dreieck des Hinterstranges bei der auf-
steigenden Degeneration nahm im Halsmark und den Funiculi
graciles der Medulla oblongata an Grösse ab und verschwand am
Boden des 4. Ventrikels, während die Seitenstrangdegeneration durch
die Corpora restiformia, untere Partien der Brücke, Fuss, weisse
Substanz, Thalami optici und Capsula interna zu verfolgen war.
7. Die absteigende Degeneration im Vorder- und Seitenstrange
wurde bis zum Conus medullaris verfolgt. Der Vorderstrang zeigte
aber daselbst nur mehr ganz vereinzelte degenerirte Fasern.
8. Nach Exstirpation der motorischen Rindencentra degeneriren
Vorder- und Seiteustränge in absteigender Richtung.
9. Die graue Substanz zeigt keine in der Längsaxe sich fort-
pflanzende secundäre Degeneration. Bei der absteigenden Degeneration
nach totaler Durchschneidung des Rückenmarkes, sowie bei partieller
Durchschneidung der Vorderstränge allein zeigten sich einige
Ganglienzellen verändert.
10. Sowohl die auf- als die absteigende Degeneration ist
schon nach 2 Wochen in jeder Höhe deutlich ausgeprägt.
11. Die histologischen Veränderungen beginnen mit ßiner
Schwellung der Axencylinder und enden mit einem Schwunde
derselben, wobei auch die Markscheide in die Degeneration einbe-
zogen wird.
12. In späteren Stadien sind noch mehr die Nervenfasern im
Schwunde begriffen, die Neuroglia stellt sich mehr gewuchert und
ausgebreitet als in jüngeren Stadien.
13. Im Gebiete des Operationsterrains selbst wird durch ent-
zündliche Vorgänge nach oben wie nach unten und durch die ganze
• Quere des Rückenmarkes die weisse und die graue Substanz destruirt.
14. Ferner folgt aus meinen Untersuchungen, dass die langen
Bahnen im Rückenraarke hauptsächlich in der peripheren Zone der
weissen Substanz verlaufen, denn wir haben gesehen, dass diese
hauptsächlich von der Degeneration befallen werden.
' Die Resultate meiner Untersuchungen über den Degenerations-
process befinden sich in Uebereinstimmung mit den in meiner Arbeit
über die Leitungsbahnen gezogenen Schlüssen.
Knsmin:Secund.DeJe/ierat.im Rut&enroark
\Ü& V,: I^VIWA
Degeneration des Rückenmarkes. 617
Die Vorderstränge, welche meinon Untersuchungen zutoh.o
nur centrifugal leiten, degeneriron nur in absteigender Richtung»
die Hinterstränge, welche nur contripotal leiten, degeneriren nur
in aufsteigender Richtung. Dagegen degeneriren die Seiteusträu*^
welche sowohl motorische als sonsible Baliuen enthalten, auf- und
absteigend. Dadurch wird es vom histologischem Standpunkte aus
erklärlich, dass an Hunden, denon das Londeninark bis auf einen
kleinen Rest eines Seitenstranges vollkommen durchschnitten wird,
an der unteren Körperhälfte sowohl Sonsibilitilt als auch willkür-
liche Beweglichkeit nachzuweisen ist.
Ich halte es für meine angenehme Pflicht, Herrn Prof.
Stricker und seinem Assistenten Herrn Dr.. Spina, meinen Dank
für ihren mir während dieser Arbeit zu Theil gewordeneu Rath
auszudrücken.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel XIV.
Fig. I. Querschnitt durch den degenerirten Vorderstrang. ImmersiowaJiu*e
Seibert und Kraft Nr. 8.
Fig. IL Schematische Abbildung der aufsteigenden Pegeneratio« im Hrw*t-
marke.
Fig. HI. Aufsteigende Degeneration im Halsmarke.
Fig. IV. Absteigende Degeneration im Lendenmarke.
-o. C^Q*^ '■>> -*
Xeroderma pigmentosum.
Von
Prof. M. Kaposi in Wien.
(Hiezu die Tafeln XV, XVI, XVII, XVIII, XIX.)
(Von der Redaction am 6. October 1882 übernommen.)
Unter dem Namen Xeroderma habe ich im Jahre 1870, im
2. Th. pag. 182 et sequ., des von Hebra und mir bearbeiteten
Lehrbuches der Hautkrankheiten ein Hautübel eigener Art beschrie-
ben, welches unter allen Umständen angeboren, d. h. von frühester
Kindheit zugegen sich erweist und von mir nach zweierlei Formen
unterschieden wurde.
Die damals von mir als 1. Form der Xerodermie hingestellte
durch prägnante Symptome ausgezeichnete Krankheit, glaube ich
nunmehr näher als Xeroderma pigmentosum bezeichnen zu
sollen, u. z. aus dem Grunde, weil bei derselben, wie ich bei wie-
derholten Gelegenheiten betont habe, die Erscheinungen und Wand-
lungen des Pigmentes semiotisch und pathologisch eine hervor-
ragende Rolle spielen und zur wichtigsten Complication dieser Krank-
keit, zur multiplen Carcinomatosis den anatomischen Anstoss geben.
Andeutungsweise habe ich wiederholt, besonders in den Ver-
handlungen der k. k. Ges. d. Aerzte auf dieses Verhältniss hinge-
wiesen, so oft über die Ursachen des Krebses daselbst verhandelt
worden ist.
Als Grundlage für die Aufstellung dieser besonderen Krank-
heitsform im Jahre 1870 dienten mir 2 Fälle. Seither habe ich
620 Kaposi.
noch 6 Fälle gesehen, in Summe also bis jetzt acht, deren Symptome
wesentlich so ganz und gar mit jenen der ersten zwei Fälle über-
einstimmen, dass ich auf alle die Schilderung beziehen darf, die
ich in dem genannten Lehrbuche von jenen zwei Fällen niedergelegt
habe und in diesen späteren Beobachtungen die Berechtigung für
die Abgrenzung dieser Krankheitsform bekräftigt fand.
Alle bisher beobachteten Fälle betrafen Kinder und jugend-
liche Individuen bis zum Alter von 18 Jahren, darunter 5 Mädchen,
1 Knabe von 2!/a und 2 Jünglinge von 16 und 18 Jahren. Der
3. und 4., so wie der 5. und 6. Fall betrafen je zwei Geschwister.
Der 1 . und 2. Fall sind von mir, der 4. und 5. vom Collegen
Geber, damaligem klinischen Assistenten, veröffentlicht worden,
die anderen 4 sind noch nicht beschrieben. Es dürfte darum erlaubt
sein, hier bei der Vorführung des gesammten Beobachtungsmateriales
auch jene 4 Fälle mit einzubeziehen.
Der 1. Fall (Hautkrankheiten von Hebraund Kaposi 2. Th.
pag. 182), betraf ein 18jähriges Mädchen von wohlhabender Familie
aus Berliu. Dasselbe war schon seit seiner frühesten Kindheit mit
dem Uebel behaftet und stellte sich hier im Jahre 1863 zur Be-
handlung.
Die Haut des Gesichtes, der Ohren, des Halses, des Nackens,
der Schultern, der Arme und der Brust bis zur Höhe der 3. Bippe
war auffallend zunächst durch ihr buntscheckiges Ansehen, indem
sie mit Stecknadelkopf- bis linsengrossen, gelbbraunen Pigment-
flecken reichlich besetzt erschien. Ueberdies war sie stramm gespannt,
wie in sich selbst zurückgezogen, schwer in eine Falte zu heben und
fühlte sich sehr dünn an. Ihre Oberfläche war stellenweise glatt,
an anderen Stellen lösten sich feine Epidermislam eilen ab; oder es
waren ganz flache, lineare Furchen in der Epidermis gezeichnet,
so dass die Haut in ihrer obersten Schichte pergamentähnlich
vertrocknet und gerunzelt, greisenhaft schien, während ihre
tiefere Substanz selbst stramm angezogen war. Ihre Farbe war
partienweise weiss, pigmentlos, während sich, wie erwähnt, zerstreut
zahlreiche punktförmige bis linsengrosse, gelb- und dunkelbraune,
den Sommersprossen ähnliche Pigmentflecken vorfanden. Hie und da
sah man Stecknadelkopf- bis linsengrosse, lebhaft rothe Teleangiek-
tasien. Das Unterhautfettgewebe war nicht merklich verringert. Die
Haut fühlte sich etwas kühl an. Feine Lanugohärchen waren auf
Xeroderma pigmentosum. 621
der erkrankten Haut deutlich zu erkennen. Die Empfindung war
nicht verringert. Ausser dem Gefühle der Spannung hatte die Kranke
keinerlei abnorme Empfindungen, keinen Schmerz, kein Jucken.
In der Höhe der 3. Eippe und am oberen Dritttheil der Ober-
arme hörte die abnorme Beschaffenheit der Haut beinahe mit einer
scharfen Grenze auf. Von da ab nach abwärts war die Haut der
Mammae, des ganzen Stammes und der Extremitäten vollständig
normal, glatt, geschmeidig, schön.
Das Allgemeinbefinden, die Menstruation waren normal.
In Folge der Schrumpfung der Haut im Gesichte waren die
unteren Augenlider nach unten gezogen; am linken Auge so be-
deutend, dass dieses nicht mehr geschlossen werden konnte, die Cor-
nea war darum auch in ihrer unteren, stets unbedeckten Hälfte
erweicht und getrübt. Die Nase erschien gegen ihre Spitze durch
die Schrumpfung ihrer Haut verschmächtigt. Die Ohrmuscheln waren
an ihrem Eande stellenweise durch die Schrumpfung eingekerbt. Die
Lippen konnten nur massig von einander entfernt werden.
Von der Kranken erfuhr ich später (durch Herrn Dr. F. W.
Ho ff mann aus Berlin), dass sie im September 1872, also circa
25 Jahre alt, an Hydrops in Folge von Peritonealkrebs ge-
storben sei.
Der 2. Fall betraf ein Mädchen von 10 Jahren aus Ungarn,
das ebenfalls seit seiner frühesten Kindheit an dem Uebel litt.
Dasselbe hatte sich im Jahre 1869 vorgestellt und zeigte da
die Haut des Gesichtes bis unterhalb der Kiefergegend, so wie der
Streckseite der Hände und Arme die beschriebene buntscheckige
Pigmentirung. Die Epidermis war besonders auf den Augenlidern
und Wangen gerunzelt, geschrumpft, die oberen Lider dadurch
etwas nach unten gezogen, die unteren nach unten und auswärts ge-
kehrt, und die Augen erschienen dadurch von oben her kleiner, von
unten her unbedeckt. Eben so war die Mund- und Nasenspalte
etwas verkleinert.
Im übrigen war die Haut massig gespannt, konnte weniger
gut, aber immerhin in eine Falte gehoben werden. Die Unterhaut-
fettschichte anscheinend nicht verändert.
Ein Jahr später stellte sich das Kind wieder vor. Die Be-
schaffenheit der Haut hatte sich nicht merklich geändert. Die Nase
war jedoch von einer birnförmigen, rothen, höckerig warzigen, zer-
Hed. Jahrbacher. 1882. 40
622 Kaposi.
klüfteten, eine übelriechende, saniöse Flüssigkeit absondernden Ge-
schwulst besetzt, welche mit ihrem breiten Saume von der Umran-
dung der Nasenöffnungen begann, auf den seitlichen Flächen und
dem Bücken der Nase fest und gleichmässig aufsass und in einer
Höhe von stellenweise */% Zoll sich allmählig verschmächtigend bis
zur Nasenwurzel und in die Nähe beider Augenwinkel sich erstreckte.
Bas Neoplasma gab sich als Epithelioma zu erkennen. Im
Verlaufe der von uns vorgenommenen Zerstörung desselben ergab es
sich, dass bereits am unteren Bande der rechten Cartilago trian-
gularis Perforation vorhanden war.
Auf der linken Wange und auf der linken Seite der Oberlippe
befanden sich je ein erbsengrosser, hyaliner, in Zerklüftung begrif-
fener Knoten, ebenfalls Epitheliom.
Ich habe später von Dr. Langer erfahren, dass das Kind, wie
ich bei der Bapidität und Multiplicität der Carcinom-Entwicklung
vorausgesetzt hatte, nach circa 2 Jahren in seiner Heimat an Krebs-
cachexie gestorben ist.
Der 3. und 4. Fall meiner Beobachtung betraf ein Schwester-
paar aus Schlesien ^m Alter von 6 und 8 Jahren, beide im Verlaufe
des Jahres 1873 auf der hiesigen dermatolog. Klinik (Taf. XV u. XVI).
Auch bei ihnen war die Krankheit frühzeitig, im Verlaufe des 2. Le-
bensjahres entstanden und entsprach in allen ihren Symptomen bis
in die kleinsten Details ; Localisation, Pigmentbildung, Teleangiekta-
sie, Bildung weisser, glänzender, atrophischer Stellen, Betraction der
Haut etc. vollständig dem von mir sub 2 schon im Jahre 1870
1. c. mitgetheilten Falle. Diese Fälle sind von Geber, der sie als
klinischer Assistent beobachtet hat, im Jahre 1874 (Vierteljahrsschr.
f. Dermat. u. Syph. 1. H. pag. 3 et sequ.), unter dem Titel: „Ueber
eine seltene Form von Naevus der Autoren" veröffentlicht worden.
Thatsächlich sind diese beiden Fälle geradezu wie ein getreuer Ab-
druck meines Exemplares Nr. 2, was ich um so gewisser behaup-
ten kann, als ja ich selbst auch diese beiden Kinder durch Monate
beobachtet habe.
Die Identität der Krankheitsformen bei 2, 3 und 4 wird noch
dadurch besonders bekräftigt, dass auch bei dem älteren der beiden
letztgenannten Mädchen im Gesichte multiple Sarco-Carcinomknoten
sich gebildet hatten, welche trotz erfolgter Exstirpation recidivirten.
Xeroderma pigmentosum. 623
Der 5. Fall betraf ein 5ya Jahre altes, schlecht entwickeltes
und genährtes taubstummes erstgeborenes Mädchen, Th. S. gesun-
der, junger Eltern aus Euss. Polen. Im Alter von einem halben
Jahre soll das Kind eine Gehirnentzündung durchgemacht haben.
Das Hautübel hat sich im Verlaufe des zweiten Lebensjahres ent-
wickelt.
Das Kind war Anfangs Juni 1878 mir zugeführt worden. Schon
der erste Anblick genügte, um davon zu überzeugen, dass das Krank-
heitsbild ein getreues Porträt der früher geschilderten Fälle dar-
stellte, so sehr, dass ich behufs objectiver Schilderung des Krank-
heitsbildes beinahe ad verbum meine Beschreibung der früheren
Fälle wiederholen müsste.
Die allgemeine Decke des Gesichtes, auch das Lippenroth bis
unterhalb der Kiefergegend, der Strecksoite der Finger, des Hand-
rückens, Vorderarmes bis zum unteren Drittel des Oberarmes beider-
seits, die Haut des Nackens seitlich bis zur Grenze des Kopfnickers
und bis zur Schultergegend dicht besät mit punktförmigen bis
linsengrossen, gelbbraunen bis schwarzbraunen, den Sommersprossen
ähnlichen Pigmentflecken. Diese nahmen an Menge und Intensität
der Farbe gegen die genannten Grenzen zu ab. Zwischen den Pig-
mentflecken fanden sich zahlreiche punkt- und linsengrosse, weiss-
glänzende, narbenähnlich schimmernde, etwas eingesunkene (atro-
phische) Stellen. Zwischen durch, kleine telektatische Gefasse.
Die Epidermis, besonders der Augenlider und der Wangen
gerunzelt, geschrumpft, die Lidspalte phimotisch, die unteren Lider
etwas ektropirt, am Eande verdickt, mit Blepharadenitis- Pusteln
besetzt. Die Conjunctiva bulbi injicirt, am Limbus corneae Wul-
stung und Pustelbildung; die Nase verschmächtigt, das Lippenroth
runzelig und mit braunen Flecken besetzt; der Mund konnte nicht
vollständig geöffnet werden.
Die kranke Haut war übrigens, trotz der Eunzelung, überall
gut faltbar, das Unterhautzellgewebe mager. Die Finger- und Hand-
gelenke vollkommen frei beweglich.
Die Volarfläche der Finger, Hände und Vorderarme ganz frei
von der geschilderten Veränderung, ebenso der ganze übrige Kör-
per, vorn von der Halsfurche, rückwärts von der Schulterhöhe an
nach abwärts. An den Unterextremitäten ebenfalls die Haut normal.
40*
624 Kaposi.
Den 6. Fall bietet der damals 2lj% Jahre alte Bruder des
letztbeschriebenen Mädchens, den ich selber nicht zu sehen bekom-
men habe, von dem aber dessen Eltern aus eigenem Antriebe erzähl-
ten, dass er seit einem Jahre, i. e. im Verlaufe seines zweiten Lebens-
jahres beginnend, von dem gleichen Uebel befallen sei. Sie schilderten
dasselbe so ausnehmend klar, dass ich keinen Grund hätte an der
Bichtigkeit ihrer Angabe zu zweifeln, um so weniger, als ich das
Vorkommen der Krankheit bei Geschwistern schon kannte.
Als 7. Fall führe ich an den eines Studirenden A. S., aus
Ungarn (Taf. XVII). Derselbe erschien, 17 Jahre alt, am 3. October
1879 in meiner Ordination, mit einem von der rechten Wange auf
den Nasenrücken übergreifenden Geschwüre, das angeblich seit einem
Jahre wiederholt, aber ohne Heilerfolg von seinen Aerzten geätzt
worden war, und seit 5 Jahren aus mehreren getrennt gestandenen
Knoten hervorgegangen sein sollte. Obgleich ich schon damals die
reichlichen Pigmentflecke im Gesichte des Kranken wohl bemerkte
imd demnach auf Grund meiner früheren Erfahrungen grosse Nei-
gung hatte, das Geschwür als krebsartiges anzusehen, musste ich
doch nach seinen objectiven Merkmalen dasselbe für syphilitisch
erklären. Mit dieser Diagnose veranlasste ich die Aufnahme des
Kranken auf die dermatologische Klinik und ihr entsprechend wurde
er mittelst Emplastrum hydrargyri örtlich, und Decoct. Zittmanni
innerlich behandelt und geheilt, so dass er schon nach 27 Tagen,
am 30. October 1879, die Klinik genesen verlassen konnte.
Etwa anderthalb Jahre später, am 20. Juli 1881, gelangte der
junge Mann wieder zur Aufnahme, aber nun mit zahlreichen, Steck-
nadelkopf- bis über pfenniggrossen, theils intacten, theils ganz charak-
teristisch zerklüfteten und exulcerirten Krebsknoten im Bereiche des
^Gesichtes, der Augenlider, der Wangen, der Nase, des Kinns. Dabei
traten die in meinen ersten Fällen eingehend geschilderten Erschei-
nungen des fortschreitenden Gewebsschwundes im Bereiche der Haut
des Gesichtes und des Halses deutlich zu Tage, die mit den gelb-
braunen Pigmentflecken untermischten, pigmentlosen, theils glatten,
theils narbig eingesuukenen Grübchen und Linien und zahlreiche
Teleangiektasien. Während eines 3V8 monatlichen Aufenthaltes auf
der Klinik konnte der Kranke nicht seiner vollen Genesung zuge-
führt werden, da zwar die zahlreichen Knoten und Geschwüre
mittelst Schablöffels, Kali- und Lapisstiftes, Pyrogallussalbe u. a.
Xeroderma pigmentosum. 625
allseitig zerstört wurden, doch fort und fort neue Nachschübe und
an den diversesten Stellen zugleich erfolgten. Am 8. Nov. 1881
erkrankte Patient an den Prodromen von Variola und wurde der-
selbe ins Blatternspital überfuhrt. Von da zurückgekehrt, verlangte
der junge Mann zur Kräftigung seines geschwächten Allgemeinzu-
standes in seine Heimat zurückzukehren, woher seitdem keine Nach-
richt über ihn vorliegt.
Der 8. Fall, der am 5. April d. J. auf meine Klinik aufge-
nommen und am 4. Juni d. J. in der k. k. Ges. d. Ä. von mir vor-
gestellt wurde, ist der des Laber Franz, 22 Jahre alt, Bauerssohn (Taf.
XVIII). Pat. gibt an bis zum Alter von circa 16 Jahren normale
Gesichtshaut besessen zu haben. Vor 5 — 6 Jahren bemerkte derselbe
zum ersten Male kleine Krustenauflagerungen an den Wangen und
der Nase.
Seit circa 3 Jahren hat sich aus einer kleinen mit Krusten
belegten Stelle am Ohre das jetzt daselbst sichtbare Geschwür ge-
bildet. Seit ungefähr 2 Jahren bemerkt der Kranke die Neubildung
am linken unteren Lide, seit einem Jahre das Geschwür an der
Unterlippe. Allgemeinbefinden nie gestört.
Bei der am 5. April erfolgten Aufnahme wurde notirt: Die
Haut des Gesichtes fällt zunächst durch eigenthümliche Verfärbung
auf, welche am intensivsten die Partien zwischen Augen und Lippen
betrifft. Es finden sich dicht gedrängt und unregelmässig unter-
einander gemengt, gelbliche, sommersprossenähnliche, bis tiefbraune,
lentigoartige Flecke von Hirsekorn- bis über Linsengrösse, weiss
glänzende, theils glatte, theils unregelmässig seichtgrubige, narbige
und telektatische Stellen. Die Epidermis ist trocken, matt und stel-
lenweise kleiig schuppend.
Dazu kommen noch einzelne mehr hervorragende, derbe, dunkel-
braune Pigment-Warzenmäler. An einzelnen derselben, so wie an
den Bändern mancher Narben, oder auch mitten auf normaler Haut
vereinzelt stehend, findet man hirse- bis hanfkorngrosse Knötchen
eingelagert, die eigenthümlichen Wachsglanz, Transparenz und
Derbheit bei gelblicher bis rosarother Farbe besitzen. — Cancroid-
knoten. — Grössere solche Knötchen finden sich in grösserer Menge
auf der Nase.
Am linken Jochbogen steht ein über liuwmKnMwr ähnlicher
Knoten, dessen Centrum eingesunken mit einer Kruate bedeckt uK
626 Kaposi.
und auf Druck dünneitrige Flüssigkeit entleert. — Am linken
unteren Augenlide befindet sich ein fast kreisrunder, flacher,
viertelguldenstückgrosser, derber Knoten, der die ganze Cutis
durchsetzt, an der Unterlage nicht festgewachsen ist und die übrige
Haut circa 3—4 Mm. überragt; seiue centrale Partie ist ulcerirt und
secernirt dünnflüssigen graugelben Eiter in geringer Menge. Die
Bander der centralen Ulceration sind bis auf 5 Mm. unterminirt
und etwas umgekrämpt, der Grund von papillären, härtlichen Wuche-
rungen besetzt.
In der nächsten Umgebung dieses Knotens stehen die erwähnten
durchscheinenden Knötchen in grösserer Menge.
Nahe dem rechten Mundwinkel trägt die Unterlippe einen
pfenniggrossen, 3 Mm. vorragenden, scharf begrenzten Knoten von
unebener, drusiger, ulcorirter Oberfläche, derber Consistenz und hell-
rother Farbe.
Am rechten äusseren Ohre befindet sich ein flaches, zackig
scharf begrenztes, von einem elevirten, derben, weisslich durch-
scheinenden Rande begrenztes, wenig secernirendes Geschwür, das
von der Mitte des Tragus bis nahe an den unteren Oberläppchen-
rand, und vom Anfang des Meatus auditorius bis 2 Ctm. weit auf
die Haut der Parotisgegend reicht.
Die Haut des Halses und Nackens diffus braun pigmentirt
und zeigt ausserdem noch zahlreiche, gelbe bis schwarzbraune, lenti-
goartige Pigmentflecke, welche sich auf die Schultern und auf das
Sternum fortsetzen.
Die sichtbaren Schleimhäute zeigen normale Beschaffenheit;
der Kehlkopf- uud Augenspiegelbefund bieten keine Abnormitäten;
die Haut des übrigen Körpers normal. Die Drüsen am Halse und
Unterkiefer sind massig geschwellt, eine Drüse am linken Unter-
kieferaste bis taubeneigross intumescirt, derb, nicht fluctuirend. In-
nere Organe normal.
Die mikroskopische Untersuchung einiger exscidirter Knötchen,
Pigmentmäler und einer Partie des Geschwüfsrandes am Ohre
ergibt Epithelialcarcinom in allen diesen Partien (s. Taf. XIX).
Aus dem Zusammenhalte der Schilderung, welche ich vor
12 Jahren 1. c. von diesem Uebel entworfen habe, mit den Er-
scheinungen, welche die hier beschriebenen Kranken aus meiner
späteren Beobachtung dargeboten haben, ist wohl die Congruenz
Xeroderma pigmentosum. 627
aller acht Fälle unter einander ersichtlich. Es erhellt aber auch,
dass ich zu der dort entworfenen Symptomatologie nichts Wesent-
liches heute hinzuzufügen habe.
Meine damals nur auf Grund zweier Fälle gewagte Aufstel-
lung einer besonderen Krankheitsform als Xeroderma hat in dem-
selben Masse an Berechtigung gewonnen, als die Zahl der voll-
ständig analogen Fälle, wie ich im Vorhergehenden gezeigt habe,
sich für unsere Beobachtung gemehrt haben.
Eine gewisse Aehnlichkeit des Krankheitsbildes bei Xero-
derma pigmentosum mit dem des Skleroderma gewisser Stadien
ist nicht in Abrede zu stellen, wie ich schon in meiner ersten
Schilderung hervorgehoben habe. Doch ist diese Aehnlichkeit eben
gross genug, um zur Markirung .der diiferentialdiagnostischen Mo-
mente aufzufordern.
„Es ist nicht zu verkennen" — so schrieb ich im Jahre 1870
— „dass die geschilderten Symptome der Xerodermie an den (1. c.
p. 74 et sequ.) dargestellten Process des Skleroderma adultorum
sehr lebhaft mahnen, namentlich an die atrophische Form des
Skleroderma, welche als späteres Stadium der Krankheit aus der
vorausgegangenen Sklerose hervorgeht, und das von Wem icke
cicatrisirendes Hautsclerem genannt wurde".
„Und doch glaube ich beide Processe auseinander halten zu
sollen. Für Denjenigen, der das Krankheitsbild selbst einmal vor
Augen haben wird, muss die DiflFerenz sich selbst aufdrängen, so
viel auch einzelne Charaktere der Sklerodermie und dem Xeroderma
gemeinschaftlich erscheinen " .
Ich halte noch heute diese Worte aufrecht.
Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass bei der Sklero-
dermie zunächst ein Zustand vorhanden ist, in welchem die gespannte,
verkürzte Haut zugleich bretthart, starr, wie gefroren, mar-
morgleich sich anfühlt, wobei die Epidermis glatt läuft, dass die
Haut von diesem Zustande vollständig zur Norm zurückkehrt, oder
von da in den Zustand der Atrophie und Verkürzung einkehrt, wo-
bei die Haut stramm gespannt, verkürzt und dann allerdings mit
feinrunzeliger Epidermis und — bisweilen — mit Pigmentflecken
und Teleangiektasien besetzt ercheint. Allein das Vorangehen der
starren Infiltration, welche Haut und subcutanes Zellgewebe mit
betrifft, ist das Wesentliche, die Atrophie ist nur ein Ausgangssta-
628 Kaposi.
dium, die Pigmentation nebensächlich und oft ganz fehlend, und
wesentlich ist ferners, dass der Zustand nicht angeboren ist, sondern
stets erst im späteren Lebenslaufe auftritt, endlich auch keine be-
stimmte Localisation einhält.
Die Xerodermie dagegen ist stets angeboren, in demselben
Sinne, wie Naevi, wie Prurigo, Ichthyosis, d. h. sie entwickelt sich
im Verlaufe der ersten Kindheit, wie wir gesehen, des zweiten Le-
bensjahres. Es findet sich nie ein Stadium der marmorgleichen Härte,
sondern Pigmentbildimg und punktförmige, fortschreitende Atrophie
sind die ersten und sich gleich bleibenden Symptome, die weiters
stets die gleiche Localisation, Streckseite der Ober-, auch der Un-
terextremitäten und die Haut des Gesichtes zunächst betreffen, von
wo sie erst gegen den Stamm fortschreiten. Niemals ist ferners beim
Xeroderma eine solche Starrheit und Unbeweglichkeit der betroffenen
Haut, z. B. der Gesichtszüge, zu bemerken, wie dies für Ski er oder ma
charakteristisch.
Was den pathologisch anatomischen Vorgang selbst anbelangt,
so scheint ebenfalls die Differenz nicht unwesentlich, wie ich dies
bereits vor mehreren Jahren (Lehrb. d. Hautkr. 1. c. pag. 184) aus-
gesprochen habe.
„Bei Skleroderma beginnt die Erkrankung mittels einer brett-
harten Infiltration des subcutanen Bindegewebes. Das Corium
selbst scheint nur später und nur in einzelnen Theilen verändert,
die Epidermis fast gar nicht, und wenn auch, so jedenfalls erst in
den späteren Perioden der Krankheit".
„Bei Xeroderma scheint die Vorbildung, die Schrum-
pfimg, die Atrophie von dem Papillarkörper und der Epi-
dermis zu beginnen und von da erst gegen das Corium fortzu-
schreitentf. Die Zerrüttung der Pigmentation ist offenbar eine Con-
sequenz des Atrophisirungsvorganges, wie dies auch unter anderen
Umständen der Atrophie zu beobachten ist.
Vielleicht ist sogar die Atrophie der Papillargefässe die
Einleitung zu diesem Processe, indem sie einerseits zu Atrophie der
Papillen, der Epidermis und Pigmentbildung, und andererseits zur
Entstehung von kleinen Teleangiektasien führt.
Nach dieser Darstellung dürfte die Ueberzeugung von der
Eigentümlichkeit und Selbstständigkeit des Xeroderma auch bei
Demjenigen sich geltend machen, der dieselbe aus meiner im Jahre
Xeroderma pigmentosum. 629
1870 gegebenen Beschreibung der beiden zuerst beobachteten Fälle
noch nicht gewonnen haben mochte1).
In der That haben auch ausser Geber noch andere Autoren,
Glax, Duhring, Taylor nach mir solche Krankheitsfälle mitge-
theilt und wenn vielleicht auch der von Glax (allg. Wr. med. Ztg.
1874, Nr. 35) eher als Skleroderma, denn als Xeroderma pigmen-
tosum mihi imponirt und selbst Schwimmer in seinem jüngst
erschienenen Buche „die neuropathischen Dermatonosen" pag. 189,
Skleroderma mit Xeroderma mihi indentificirt, so würde dies nur
für die Notwendigkeit zeigen, im speciellen Falle bei der Diagnose
zwischen beiden Processen sorgfältiger zu unterscheiden.
Mehr Aehnlichkeit, als mit Sklerodermia atrophica hat, nach
meinem Dafürhalten, das Xeroderma pigmentosum mit Pigment-
Lepra, jener Form insbesondere, die ich auf pag. 416 IL B. des
Hebra-Kaposischen Lehrbuches meinem Beispiele beschrieben und
genau in dieser Form noch einmal gesehen habe, so dass ich gerade
in dieser Richtung eine Verwechslung am ehesten für möglich halte.
Es wäre darauf zu achten, dass so diffuse und sepiabraune, glän-
zende Pigmentationen, wie bei Lepra pigmentosa gewöhnlich neben
den sommersprossenähnlichen Flecken zu beobachten, bei Xeroderma
pigmentosum nicht zu sehen sind, hier überdies auch Anästhesie
und Mutilation nicht vorkommt. So habe ich unlängst ein 18jähriges
Mädchen aus einer Gegend, in welcher sporadisch Lepra vorkommt,
gesehen, dessen Gesicht, Oberextremitäten und Büste die Pigment-
flecke, Teleangiektasien und atrophischen Grübchen, wie sie dem
Xeroderma pigmentosum angehören, darbot und bei dem wegen der
geringen Entwicklung der Atrophisationserscheinungen und der Pio-
venienz aus einer Lepragegend, eben die letztere Krankheit mit in
Betracht gezogen werden musste.
Da es sich um eine angeborene, beziehungsweise von frühester
Kindheit bestehende Krankheit handelt, deren wesentlichstes Sym-
ptom Scheckenbildung, so liegt die Frage nahe, warum wir nicht
dieselbe, wie andere angeborene Dyschromasien, einfach als Pig-
mentmal, Naevus bezeichnen?
*) Ich habe auch in der genannten Sitzung der k. k. Ges. d. Ä. neben
dem Falle von Xeroderma pigmentosum zwei Fälle von Skleroderma vorge-
stellt, so dass den Anwesenden der Unterschied der beiden Krankheitsformen
noch klarer vor Augen trat.
630 Kaposi.
In der That bat, wie schon erwähnt, Geber den 3. und 4. Fall
als „eigentümliche Form" von „Naevus der Autoren" beschrieben.
Ich hätte nichts gegen diese Bezeichnung als solche einzuwenden,
wenn nur in derselben auch jene „Eigentümlichkeit" zum Aus-
drucke gelangen würde, durch welche diese Krankheitsform eben
von den Pigmentnaevis sich unterscheidet. Man müsste jedenfalls
Naevus pigmentosus atrophicus et progrediens sagen, wie
denn auch Taylor den Namen „Angioma pigmentosum et atrophi-
cumu vorschlug. Denn darin liegt das Hauptmoment der Eigen-
tümlichkeit dieser Krankheitsform und zugleich der Anstoss zu
der besprochenen deletären Complication mit Carcinom.
'Was als Pigmentmal, einfaches oder mit Warze complicirtes,
gemeinhin gilt, Naevus pigmentosus et verrucosus, Naevus spilus
etc. ist ein Gebilde, das im Grossen und Ganzen das ganze Leben
hindurch stationär bleibt, oder wenigstens keine auffälligen nutriti-
ven Veränderungen durchmacht. Nur selten, und auch da erst im
späteren Lebensalter und zugleich mit analogen Veränderungen in
der gesammten Cutis und in anderen Organen, macht sich in der
Warze ein lebhafterer Vegetations-Process bemerkbar, mit welchem
aber auch eine Verschiebung der inneren Elementarverhältnisse in
dem Sinne stattfindet, dass die epitheloiden Formen über die binde-
gewebigen das Uebergewicht erlangen und der Weg zum Carcinom
eröffnet ist.
Bei Xeroderma haben wir es jedoch mit Pigmentflecken zu thun,
die zum Unterschied vom Naevus, von Anbeginn an, von der frühe-
sten Kindheit einem regen Wandel unterliegen. Pigmentanbildung,
Entstehung neuer sommersprossenähnlicher Flecke, ja wie Taylor
meint, sogar Bildung von neuen Gefassästchen und Schlingen stellen
einen Jahre hindurch fortschreitenden Process, einen Krankheitsvor-
gang vor, dem die Atrophie, Schwund der Papillen und des Pigmen-
tes, in gleichem Schritte folgt, während die zahlreichen Teleangiek-
tasien nur als mechanische Folgeerscheinungen dieser, wie jeder
anderen Art Atrophie des Coriums und des Papillarkörpers aufzu-
fassen wären.
Nicht die Pigment-Scheckenbildung allein, die für sich aller-
dings den Namen Naevus pigmentosus rechtfertigen könnte, sondern
die geschilderte, typische Wandelbarkeit der inneren Nutritions- und
der äusseren, klinischen Erscheinungen stempelt das GesammtbiW
Xeroderma pigmentosum. Q§>\
zu einem eigentümlichen Krankeitsprocesse und fordert dessen spe-
cielle Bezeichnung.
Die Frage nach der Beziehung des Xeroderma pigmentosum
zu der, wie oben ausgeführt, wiederholt beobachteten Sareo- und
Carcinomatosis beantwortet sich auch nur durch die dem Pro-
cesse wesentliche Wandelbarkeit der anatomischen Elemente inner*
halb der Papillarschichte und die Verschiebung ihrer gegenseitigen
Proportionen. A priori hat es doch etwas sehr sonderbares, dass,
wie die angeführten Krankengeschichten lehren, bei so jugendlichen
Individuen Epithelial -Carcinom, und überdies in so acuter Weise
und an vielen Herden zugleich auftritt.
Unter gewöhnlichen Verhältnissen, auf einen oder eiuzelue
Herde beschränkt, tritt Hautkrebs in der Segel erst im spätereu
Alter auf, aber fast durchwegs an anatomisch gewissermassen dazu
vorgebauten Stellen, solchen, welche eine von Haus aus mächtige
Papillarstructur, grosse Papillen und entsprechend mächtiges Epithel-
lager aufweisen, also den Papillär- und Pigmentwarzen; oder wo
eine durch Krankheitsprocesse erzeugte abnorm mächtige Epithel-
schichtung zugegen ist, wie in Schwielen, den grauen Epithelplaquea
der Zungen- und Mundschleimhaut (Psor. mucos. ovis nach Syphilis,
Leukoplakia buccalis, Schwimmer) oder in exuberirenden und in
ihrem physiologischen Abschluss häufig gestörten Granulationen
(auf Fussgeschwüren, Syphilis und Lupus exulcerans et vogotaus).
Der eigentliche Anstoss aber für die Entstehung des Cancroids ist
erst mit dem Momente gegeben, wo oin lobhaftoror Stoff- und Ue-
websumsatz in der Papillarschichto (Papillen und Epithel) sich
geltend macht und das Mächtigkeits-Vorhältuiss zwisehou wuchern-
den Epithelzapfen und dem bindegewebigen Mutterboden zu üunsteu
des ersteren sich verschiebt, jene in dieses einfach und alsbald den-
dritisch hineinwachsen, wie ich dies speciell bozüglich dos Carcinoma
auf Lupus demonstrirt habe.
So wandelt sich ein seit 50—70 Jahren bestandenes Warzen-
mal erst auf dem angedeuteten Wege und allinälig zum Caneroid
um, so eine seit Jahren bestandene Schwiele dos Zungonepitbels
und Andere.
Beim Xeroderma pigmentosum jedoch besteht der rege Stoff-
umsatz, die lebhafte Neu- und Rückbildung der Papillen und des
632 Kaposi.
Epithels, zugleich der Pigmentbildner und Pigmentträger, von vorn-
herein, gehört ja dieser rege Wandel der Elemente zum Wesen des
Processes und ist demnach auch von vornherein damit die histolo-
gische und nutritive Grundlage für das Cancroid gegeben. Mit die-
ser Auffassung reiht sich das sonst ziemlich verblüffende -Vorkom-
men von multiplem Carcinom bei so jugendlichen Individuen unge-
zwungen an die bekannten ätiologischen Kategorien des Epithelioms.
Während wir uns also rücksichtlich der Ursache des Xeroderma
pigmentosum mit der wenig aufklärenden „hereditären Anlage"
begnügen müssen, gerade so wie rücksichtlich anderer angeborener
Pigment- Anomalien, können wir bezüglich der den Process com-
plicirenden Carcinomatosis in den demselben wesentlichen histologi-
schen Verhältnissen genügende Aufklärung finden.
Die Prognose des Xeroderma pigmentosum ist nach unseren
bisherigen Erfahrungen nicht sonderlich günstig. Dass wir der
Dyschromasie, als Verunschönung, gegenüber therapeutisch nicht viel
auszurichten vermögen, ist bekannt. Aber auch die Carcinomatosis
trifft uns ziemlich rathlos. Es gelingt zwar immer, die vorhandenen
Krebsknoten nach bekannten Methoden zu eliminiren, nicht aber
die Nachschübe hintanzuhalten. Ob in einem länger zur Verfugung
stehenden Falle eine fortgesetzte innerliche Medication, etwa mittelst
Arsenik, den Gesammtprocess zum Stillstand zu bringen vermöchte,
muss erst die Zukunft lehren.
Dass aber bei fortgesetzt neu auftauchenden Carcinomherden
endlich auch Drüsen und innere Organe in die krebsige Entartung
mit einbezogen werden und ein deletärer Marasmus oder letale
Complicationen auftreten, ist ja zu erwarten und wie oben mitge-
theilt, auch erfahren worden.
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